Das mechanische und das elektronische Auge

Der Photoapparat und die dazugehörige Technologie der

Photoentwicklung und -verarbeitung sind Produkte der Schriftkultur,

antizipieren aber einen Zustand jenseits derselben. Die Metapher des

Auges für die Optik der Linse und die Mechanik des Apparats mußte für

den neuen Blick auf die Wirklichkeit auf Kategorien der Schriftkultur

zurückgreifen, insbesondere auf deren implizite Raumauffassung und

Raumdarstellung. Die genaue Diskussion um Möglichkeiten und Grenzen

der Photographie, die mit den ersten Photos einsetzte und bis in

unsere heutige Zeit anhält, ist eine einzige Übung im analytischen

Denken und Handeln.

Manche haben die Photographie als ein Beschreiben mit Licht

verstanden, andere als mechanisches Zeichnen. Die kreativen

Möglichkeiten schienen eher begrenzt, die dokumentarischen standen

außer Frage: Sie bot eine Art Kurzschrift für Beschreibungen, die in

schriftlicher Form schwierig, aber prinzipiell möglich waren. Je

mehr die Möglichkeiten und Verwendungsbereiche der Kamera erweitert

wurden, desto interessanter wurde die Photographie als Beleg und

Dokument in Journalismus und Wissenschaft, im persönlichen und

familiären Leben. Allmählich traten Bilder an die Stelle von Wörtern,

und schließlich mußten Schrift und Schriftkultur eine ganze Reihe

von Erfahrungsbereichen, die mit Raum, Bewegung und ohne Kamera nicht

erkennbaren Aspekten zu tun hatten, der Bildlichkeit als

Darstellungsmedium überlassen.

Das Unsichtbare wurde plötzlich mit Hilfe der Kamera viel

überzeugender, anschaulicher und authentischer vorgeführt, als Worte

darüber hätten berichten können. Das in vielen Geschichten erwähnte,

aber im wahren Wortsinn unsichtbare Abwassersystem von Paris mag hier

als Beispiel dienen. Vor der Photographie konnte nur die Zeichnung

das Sichtbare ohne Umsetzung in Worte oder komplizierte Diagramme

wiedergeben. Aber jede Zeichnung war schon immer interpretierte

Darstellung, nicht nur dadurch, daß sie auswählte, sondern eine

Perspektive wählen mußte und das Dargestellte emotional anreicherte.

Es brauchte lange, bis auch die Kamera eine derartige

interpretierende Eigenschaft aufzuweisen hatte, und auch dann war es

wegen der zwischengeschalteten Verarbeitungstechnologie nicht leicht

zu sagen, was dem abgebildeten Gegenstand hinzugefügt worden und aus

welchen Gründen dies geschehen war.

Heutzutage haben alle Photoapparate das notwendige Bedienungswissen

eingebaut. Die Metapher des Auges, die sich ohnehin mit dem

Aufkommen der elektronischen Photographie verändert hat, hat sich

ebenso erübrigt wie jedwede Beachtung von Blende, Belichtungszeit und

Entfernung. Die Lebenspraxis, die zur Photographie hinführte, hat

mit der heutigen Praxis der vollautomatischen Kamera nur noch wenig

gemein. Das alltägliche Photographieren setzt keinerlei spezielle

Kenntnisse mehr voraus, sondern begleitet Reisen, gesellige

Veranstaltungen oder auch sehr persönliche Situationen gewissermaßen

als Alltagsreflex. So ersetzen Photographien heute schriftliche

Berichte, und Photoalben ersetzen Tagebücher, zumal ein Photoapparat,

so merkwürdig das klingen mag, leichter zu benutzen und vermutlich

genauer ist als die Sprache. In gewisser Hinsicht ist er eine

komprimierte Sprache, die uns auf das kommende Zeitalter einer

visuellen Syntax vorbereitet. Wenn die wissenschaftliche

Photographie nicht zur Verfügung stünde, müßten wir für das, was uns

die Bilder aus dem Weltraum, vom Elektronenmikroskop, aus dem

Erdinneren oder aus den Tiefen des Meeres mitteilen, ungeheure, kaum

verfügbare sprachliche Mittel aufwenden. Zur Zeit Leonardo da Vincis

gab es nur die eine Alternative, die der Zeichnung--neben einer

ausgreifenden Phantasie.

Die Photokamera hat--expliziter noch als die Sprache--eine eingebaute

Raumvorstellung. Sie ist in der Geometrie der Linse angelegt und

drückt sich in den charakteristischen Merkmalen der Photographie aus:

zweidimensionale Reduktion unserer dreidimensionalen Erfahrungswelt,

die im wesentlichen durch die physikalischen Eigenschaften der Linse,

aber daneben durch Licht, Filmqualität, Entwicklungsart, Photopapier

und verwendete Technik beeinflußt wird. Mit der Differenzierung

unserer räumlichen Vorstellungen haben wir auch die Objektive

verbessern (Weitwinkel, Zoom) und Funktionen entwickeln können, die

unseren visuellen Erfahrungen entsprechen. Mit der Möglichkeit, die

Zeit zu kontrollieren, konnten schließlich auch dynamische Vorgänge

aufgezeichnet werden.

Eine neue Phase im Verhältnis zwischen Schriftkultur und Photographie

wurde durch die Polaroid-Kamera eingeleitet, die die ursprünglichen

zwei Stadien des Photographierens zusammenfaßte, das Ergebnis sofort

ausdruckte und--zumindest anfänglich--auf Reproduzierbarkeit

verzichtete. Die traditionelle Kameratechnik wies ein Verhältnis

zwischen Mensch und Instrument auf, das auch das Verhältnis zur

Maschine kennzeichnete: Was kann ich damit machen? Mit der

Polaroid-Kamera veränderte sich die Frage: Was kann sie für mich

leisten? Die Akzentverlagerung drückt ein verändertes Verhältnis zum

Medium aus und befreit die Photographie zugleich aus einigen von der

Schriftkultur auferlegten Beschränkungen. Die Frage "Was kann ich

tun?" zielt auf photographisches Wissen, auf die vom Photographen

getroffene Auswahl, also auf Identitätserfahrung in einem neuen

lebensweltlichen Erfahrungszusammenhang. "Was kann sie leisten?"

bezieht sich auf die im Gerät eingebauten Fähigkeiten. Die Werbung

für diese Art von Kamera ist vielsagend: "Sie bekommen Ihr Photo,

solange die Erinnerung frisch ist." Im Gegensatz zur schriftlichen

Aufzeichnung ist das Sofortbild nur auf kurze Dauer angelegt, als ein

Schnellersatz für die Schrift.

Eine noch wichtigere Veränderung bringt die elektronische und

besonders die digitale Kamera. In der Digitaltechnik wirkt sich die

geringste Veränderung des Input nachhaltig auf das Ergebnis aus, und

die Qualität ist deutlich besser. Der Unterschied ist sehr wichtig:

Er kennzeichnet völlig neue Bildbedingungen und verändert unser

Verhältnis zum Visuellen nachhaltig. Die Sprache fand in der Schrift

das angemessene Medium, die Drucktechnik machte das geschriebene Wort

zum Gegenstand der Schriftkultur. Bilder konnten nicht mit derselben

Leichtigkeit angefertigt und auch nicht mit den Mitteln übertragen

werden, die für die Übertragung der Stimme zur Verfügung standen.

Als wir elektromagnetische Wellen--mit einer Geschwindigkeit mehrfach

so hoch wie die Klanggeschwindigkeit--zur Telefon- oder

Radioübertragung nutzten, haben wir damit die Funktion der Sprache

gefestigt, sie aber gleichzeitig von einigen Beschränkungen der

Schriftlichkeit befreit. Die digitale Photographie leistet ein

Gleiches für Bilder.

Die Herstellung eines schriftlichen Berichts über einen Vorgang

irgendwo in der Welt erfordert sehr viel mehr Zeit als die

Anfertigung eines Bildes von eben diesem Vorgang. Ein

Photojournalist kann die Bilder, die er mit seiner digitalen Kamera

aufgenommen hat, per Netzwerk auf die druckfertige Seite senden. Das

Verstehen eines Bildes, dessen Drucklegung übrigens schon lange vor

der Erfindung des Computers eine digitale Komponente benötigte (das

Raster), erfordert einen weitaus geringeren sozialen Aufwand als die

Schriftlichkeit. Die Komplexität verlagert sich von der Aufnahme des

Bildes zu dessen Übermittlung und Empfang. In den entsprechenden

neuen Photogeschäften kann jeder farbenprächtige Drucke oder die

glänzenden CDROMs bekommen, von denen jedes einzelne Bild auf den

Fernsehmonitor geholt oder auf unseren Computern weiterverarbeitet

werden kann.

Zwischen der Verwendung des Bildes als Zeugenbeleg und seiner

Verwendung als Prätext für neue praktische Anwendungen--ein Medium

von visueller Relativität und von fragwürdiger Moral--ist alles nur

Denkbare möglich. Bilder können in sich schnell entwickelnden

Situationen--Transaktionen, Informationsaustausch, Konflikten--besser

als Worte vermitteln. Sie sind frei von den Extralasten, die die

Wörter üblicherweise mit sich tragen, und sind jederzeit und überall

auf der Welt in allen Einzelheiten verständlich. Die elektronische

Verarbeitung digitaler Photographien ermöglicht--soweit

erforderlich--in vielen unvorhersehbaren Zusammenhängen Vergleiche

oder Manipulationen. Die Metapher der Einäugigkeit, die das Wesen

des Photographischen beschreibt, kennzeichnet eine flache,

zweidimensionale Welt. Das ist die Sichtweise von Zyklopen, die

alles flach sehen. Diese Metapher ist leider, wenn auch nicht ganz

zufällig, für die Computergraphik übernommen worden. Die Bilder auf

einem Computerbildschirm werden mit den Konventionen des monokularen

Sehens zusammengehalten. Die digitale Photographie hingegen kann mit

dynamischen Eigenschaften ausgestattet und in Netzwerke eingebracht

werden. Das wirklich Revolutionäre an der digitalen Photographie ist

jedoch die 3D-Kamera, ein technisches Ungeheuer mit zwei (und wenn es

sein muß, auch mehr) Augen. Sie eröffnet Erfahrungen in einem

pragmatischen Rahmen, der nicht länger auf Sequenzen oder auf

reduktionistische Darstellungsstrategien beschränkt ist.

Wer hat Angst vor der Lokomotive?

Als man die ersten bewegten Bilder einer Öffentlichkeit vorstellte,

brachen die Zuschauer in Geschrei aus und liefen fort, als eine

Lokomotive im Film direkt auf sie zufuhr. Die Bewegung erhöhte die

realistische Wirkung der Bilder und vermischte im Film die Grenze

zwischen Wirklichkeit und neuen kinematographischen Ausdrucksformen.

In den frühen Stummfilmen konnte der an die Schriftkultur gebundene

Realismus des Bildes--das als Illustration des Drehbuchs verstanden

wurde--den fehlenden Gesprächston ersetzen. Schriftkulturelle

Erfahrung und die Möglichkeit, Bewegung in den Film hineinzuschreiben,

gehörten eng zusammen. Weil die Sprache den allgemeinen

Verstehenshintergrund bot, konnten kurze, detailfreudige Szenen auch

ohne Worte verstanden werden. Die filmische Konvention beruht auf

der gemeinsamen Erfahrung der Teilhabe an einer ausgedehnten weißen

Seite, auf die laufende Bilder projiziert werden. Humor stand nicht

zuletzt deshalb im Mittelpunkt, weil die mechanische Reproduktion von

Bewegungsabläufen aufgrund der erst rudimentären Filmtechnik und des

fehlenden Tons ein komisches Element beinhaltete. Später kam Musik

hinzu, dann der Dialog. Die Synchronisation von Bild und Ton und

farbige Bilder wurden sehnsüchtig erwartet.

Die im wesentlichen visuelle Natur der filmischen Erfahrung erhellt

erneut die Rolle der Sprache als Synchronisationsmittel, während die

Mechanik von Kamera und Projektor die optischen Illusionen

hervorbrachte. Zugleich zeigte der Film, daß auch andere Ausdrucks-

und Kommunikationsmittel diese Rolle übernehmen konnten. Sprache ist

an Körperbewegung gebunden und hat nicht selten Anteil an den

rhythmischen Mustern dieser Bewegung. Im vorsprachlichen Stadium des

Menschen haben andere rhythmische Mittel diese

Synchronisationsleistung getragen, und obwohl es keinerlei Beziehung

zwischen der kinematographischen Erfahrung und den

Migrationsbewegungen primitiver Stammeskulturen gibt, sollten wir

doch diese Grundstruktur der Synchronizität zur Kenntnis nehmen. Die

Mittel, mit denen die Synchronizität bewerkstelligt wurde,

kennzeichnen die verschiedenen Stadien der menschlichen Evolution:

von den wenigen und einfachen Mitteln früher autarker Lebensformen

über die komplexen, von der Schriftlichkeit beherrschten Mittel, die

die Verschriftlichung von Bewegung erlaubten, bis hin zur

Kinematographie, die eine neue Synchronisationsstrategie einführte.

In mancherlei Hinsicht zeichnet die Entwicklungsgeschichte des Films

die Entwicklung des Konflikts zwischen der Schriftkultur und den auf

Bildern beruhenden Synchronisationsstrategien nach.

Die Zwischenstadien sind allseits bekannt: Musikbegleitung durch

einen Pianisten, aufgezeichnete Musik, in den Film integrierter Ton,

Stereophonie. Auch die Funktionen sind offensichtlich: Untermalung

der gefilmten Bewegungsrhythmen, Dramatisierung des Geschehens,

Erhöhung der realistischen Wirkung durch Dialog und wirklichen Ton

und schließlich die Erweiterung der Ausdrucksmittel zur

Hervorbringung neuer Wirklichkeiten. Einige kinematographische

Konventionen sind Kulturleistungen, die wir vielleicht mit den

Konventionen der ideographischen Schrift vergleichen können. Sie

gehören gleichwohl in einen pragmatischen Zusammenhang, der die

Merkmale der Schriftkultur trägt, ergeben sich jedoch aus Tätigkeiten,

die auf höhere Produktivitäts- und Effizienzebenen zusteuern. Jeder

Film ist die Grundform zahlloser Kopien, die Millionen von Zuschauern

vorgeführt werden, die wiederum für den Nachvollzug des Inhalts keine

schriftkulturelle Bildung benötigen. Die filmische Erfahrung bezeugt

die vielfältigen Komponenten menschlicher Interaktion und eröffnet

Ausblicke auf Erfahrungen, die nicht mehr auf das Wort gebracht

werden können; sie deutet damit die Möglichkeit an, die Grenzen der

Schriftkultur zu überschreiten und sogar die ersten Schichten des

Sichtbaren hinter sich zu lassen--d. h. genauer: das Imaginäre in den

Prozeß der menschlichen Selbstkonstituierung einzubeziehen.

Einige dieser Veränderungen haben sich vollzogen, als der

Film--nachdem er die Phase des verfilmten Theaters durchlaufen

hatte--nach seinen ihm eigenen Ausdrucksmitteln zu suchen begann.

Das führte zunächst zu einer Komprimierung der Sprache--die Zahl der

Wörter wurde verringert, um eine eigene, filmische Ausdrucksweise zu

finden, Literatur wurde zusammengefaßt. Besonders in der

Nachahmungsphase wurden die Grenzen des Mediums deutlich. Drehbücher,

die nach literarischen Werken verfaßt waren, deren Komplexität die

des Films übertraf, konnten nicht umgesetzt werden. Auch mußte die

Konzentrationsfähigkeit der ungeübten Zuschauer in Rechnung gestellt

werden. Als dann später ganze Romane in den Zeitrahmen von 90 bis

120 Minuten gepreßt wurden, war eine neue Phase erreicht, in der die

Mittel der Schrift durch nichtoder paralinguistische Mittel ersetzt

wurden.

Die Generationen, die mit den Anfängen des Films aufgewachsen sind,

lernten dessen Konventionen, obwohl sie in schriftkulturelle

Zusammenhänge eingebunden blieben. Der Film als Medium sui generis

mit ganz eigenen Merkmalen wurde erst in der jüngeren Vergangenheit

so erfahren, und zwar im allgemeinen Zusammenhang einer Lebenspraxis,

die sich allmählich von den Einschränkungen schriftkultureller

Bildung befreite. Das Medium des Films integriert das Audiovisuelle

und die Bewegung. Mit den Mitteln des Films können die komplizierten

Erfahrungen aufgezeichnet und anschließend einer schnellen, langsamen,

vollständigen oder partiellen Analyse unterzogen werden. Die

Filmerfahrung ist eine Erfahrung des Zusammenhangs von Raum und Zeit.

Aber im Gegensatz zu der in der Sprache zum Ausdruck gebrachten

Raum- und Zeiterfahrung, die von einer schriftkulturell gebildeten

Gemeinschaft allgemein geteilt wird, können Raum und Zeit im Film

unterschiedlich ausfallen oder individuell geprägt sein. Innerhalb

der filmischen Konventionen können wir uns über die physikalischen

Grenzen unserer Lebenswelt und unserer sozialen und kulturellen

Bindungen erheben und einen neuen Handlungsrahmen setzen. Die große

Faszination, die die sich abzeichnenden Technologien zur Schaffung

des Unmöglichen im virtuellen Raum (die durch digitale Synthese

entstehen) auf die Filmstudios Hollywoods ausüben, ist hierfür ein

gutes, wenn auch fragwürdiges Beispiel. Aber auch hier stoßen wir an

die Grenzen, die der dem Film zugrundeliegenden Struktur gesetzt sind.

Der Film, der auf dem Höhepunkt der Schriftkultur entwickelt wurde,

markiert genau die Grenze, die zwischen den praktischen Erfahrungen

verläuft, welche der durch die Schriftkultur optimal repräsentierten

Skala des Menschen entsprechen, und der neuen Skala, für die sowohl

Film als auch Schriftkultur nur noch begrenzt angemessen sind. Es

ist sogar fraglich, ob sich der Film als Alternative zu den neuen

Medien behaupten kann; denn auch die Grenzen seiner

Leistungsfähigkeit zeichnen sich bereits ab.

Die Filmtechnik hat also unsere Spracherfahrung beeinflußt und

zugleich die Grenzen dieser Erfahrung aufgezeigt. Ein Film ist weder

ein illustrierter Text noch die Transkription eines Schauspiels. Er

überträgt vielmehr eine Welt aus Sätzen und Bedeutungen, die einem

Text zugewiesen sind, in eine komplexere Welt aus

aufeinanderfolgenden Bildern, die eine neue kohärente Einheit bilden.

In diesem Prozeß fungiert die Sprache einmal als Sprache

(Figurenrede), ein andermal als Prätext für den visuellen

kinematographischen Text.

Bevor es den Film gab, haben wir uns in der natürlichen Welt unseres

konkreten, physikalischen Daseins, auf der Bühne des Theaters oder in

der Welt unserer Phantasien und Träume bewegt. Die sychronisierende

Funktion der Sprache hat diese Bewegung (Arbeit, Zusammenleben)

sozial relevant gemacht. Unsere in der Sprache vollzogene Bewegung

(mach das, geh dort hin) ist eine Abstraktion. Die im Film

aufgezeichnete Bewegung ist indessen eine Re-Konkretisierung dieser

Abstraktion. Das erklärt, warum Filme so wichtig als Bedienungs- und

Handlungsanleitung, für Unterricht und Indoktrination geworden sind.

Das erklärt auch, warum ein Film selten oder nie an ein Individuum

gerichtet ist, sondern an ein Publikum, dessen Größe seine Produktion

erst wirtschaftlich macht. Die Filmindustrie in Hollywood beruht auf

einer Effizienzformel, die die Globalität des Publikums, den global

verbreiteten Analphabetismus und die vorhandenen

Distributionsmechanismen einkalkuliert. Für einen Film mit einem

Investitionsaufwand von über 100 Millionen Dollar benötigt man die

Zuschauer von fünf Kontinenten, ohne daß damit schwarze Zahlen

garantiert sind. Es ist noch nicht absehbar, ob Dreamworks, das aus

der Affäre zwischen Hollywood und der Computerindustrie

hervorgegangen ist, irgendwann seine eigenen Distributionskanäle im

globalen digitalen Netzwerk einrichten wird.

Es drängt sich die Frage auf, ob die Sprache des Films die

Schriftkultur überflüssig gemacht oder ob der um sich greifende

Analphabetismus erst das Bedürfnis nach Filmen hervorgerufen hat.

Natürlich gibt es dafür keine einfache Erklärung, und es spielen eine

ganze Reihe von Faktoren zusammen. Das Schlüsselelement ist die

zugrundeliegende Struktur. Bücher verkörpern die Eigenschaften der

Sprache und setzen Erfahrungen in Gang, die im Rahmen dieser

Eigenschaften liegen. Wenn sich der Mensch neuen lebenspraktischen

Bedürfnissen und Herausforderungen ausgesetzt sieht, die sich aus

einer neuen Skala des Daseins ergeben, dann sinnt er nach

Alternativen, die der Dynamik des Umbruchs besser gerecht werden als

Bücher und die damit verbundenen Erfahrungen.

Bücher, in denen selbst hochgebildete Menschen bisweilen den Faden

verlieren oder für deren Lektüre wir heute nicht mehr die Zeit oder

die Geduld aufbringen, werden für uns im Film interpretiert oder

zusammengefaßt. Dadurch--und nur dadurch--hat mehr als eine

Generation einen allgemeinen Zugang zu etablierten Meisterwerken der

Prosa und des Theaters, zu wissenschaftlichen, historischen oder

geographischen Berichten gefunden. Das hatte und hat seinen

Preis--zwischen Buch und Film gibt es keine direkte Entsprechung;

aber darum geht es hier nicht. Es geht darum, daß sich die

Kinematographie in einem Rahmen herausgebildet hat, in dem

Schriftkultur und schriftkulturelle Bildung diejenigen Erfahrungen,

die außerhalb ihrer Strukturen liegen, nicht mehr zu tragen vermögen.

Die Ausdrucksmittel des Films konnten bestimmte Aspekte des sozialen

Lebens besser vermitteln, als es die sprachlichen Mittel vermochten.

Auch sind die filmischen Ausdrucksmittel für die Dynamik des Umbruchs

und die Globalität unseres Lebens besser geeignet. Sie haben uns auf

die elektronischen Medien vorbereitet und verkünden das Zeitalter der

Obsession mit Berühmtheit (Stars).

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 35 / 81 题