Hier und dort gleichzeitig

Wenn das Filmische die Grenzlinie zwischen der Schriftkultur und

einer Phase jenseits von ihr markiert, dann verkörpert das Fernsehen

den Konflikt zwischen einer auf Schriftkultur basierenden

Zivilisation und der Zivilisation der ‘Illiteralität’. Das Fernsehen

hat das Gewicht eindeutig zu Gunsten des Visuellen verlagert. Es

wurde in genau jenem Zusammenhang erfunden, in dem sich die Skala des

menschlichen Lebens änderte. Mit ihm vollzog sich der Übergang von

einer Welt der Mechanik und der Chemie, die noch die Produktion und

Wiedergabe von Filmen bestimmte, zu einer Welt der Elektronik und der

digitalen Technologie.

Das Fernsehen ergab sich aus den Veränderungen der Natur und Struktur

unserer theoretischen und praktischen Erfahrungen; es entwickelte

sich aus dem Bedürfnis heraus, dynamische Bilder aufzuzeichnen und zu

übermitteln. Elektrizität hatte bereits als Medium für die

Aufzeichnung und Übermittlung des Tons in Elektronengeschwindigkeit

durch die Telefonnetzwerke gedient. Und da Bilder und Geschehnisse

durch das Licht beeinflußt sind, in dem wir sie sehen, ergibt sich

der Wunsch, das Licht aufzuzeichnen und zu übertragen. Eben das wird

vom Fernsehen geleistet. In seinen ungelenken und noch in vielem der

Mechanik verpflichteten Anfängen war das Fernsehen ein

Nachrichtenmedium, das eine direkte Verbindung zwischen der

Informationsquelle und dem Publikum herstellte. Es war weitgehend

illustrativ. Heute ist es konstitutiv, d. h. es übermittelt nicht

nur Nachrichten, es macht Nachrichten. Es konstituiert ein allgemein

verbreitetes Massenmedium, in dem sich Unterhaltung und Ritual

(politisches, religiöses, militärisches) ausbreiten.

Die Schriftkultur ermöglicht die Erfahrungen menschlicher

Selbstkonstituierung in einer von der klassischen Physik und Chemie

beherrschten und erklärten Welt. Sie basiert auf derselben

Grundstruktur und gibt die spezifischen Merkmale dieser Erfahrung

wider. Elektrizität und Elektronik ermöglichen extrem schnelle

Abläufe, eine menschliche Tätigkeit auf höchster Effizienzebene, hohe

Vielfalt, sehr unterschiedliche Vermittlungselemente und

Feedback-Phänomene. Die Filmkamera trägt noch alle Zeichen der

Schriftkultur. Sie kann durchaus mit der Druckmaschine verglichen

werden, wenn der Vergleich auch nur teilweise zutrifft, denn sie

schreibt Bewegungen auf den Film und läßt sie uns kollektiv auf der

weißen Seite, der Leinwand, lesen. Zwischen der Aufzeichnung der

Bewegung und der Betrachtung liegt genügend Zeit, um die Aufzeichnung

zu verarbeiten und zu vervielfältigen.

Das Fernsehen ist seiner Struktur nach völlig anders. Es fängt

Bewegung und all das andere, was wir für Wirklichkeit halten, ein und

macht es dem Betrachter direkt zugänglich. Elektronische Übertragung

ist viel elaborierter und vielschichtiger als die Filmtechnik und

daher viel effizienter. Der Film überträgt aus der ausgewählten Welt

der Bewegung an ein begrenztes Publikum im Kino. Das Fernsehen

überträgt mit vielen Kameras in die ganze Welt, und alle Menschen

können die Fernsehbilder gleichzeitig empfangen. Fernsehen ist

allgemein verbreitet und simultan, unterschiedliche Ereignisse an

verschiedenen Orten können gleichzeitig auf den Fernsehschirm

gebracht werden. Im Vergleich dazu ist der Film zentralistisch, auf

eine Örtlichkeit beschränkt, an der er sich abspielt. Er ist

sequentieller Natur insofern, als er einer Erzählstruktur folgt und

eine abgeschlossene Erzähleinheit ausmacht. In seiner endgültigen

Form kann er nicht mehr verändert und durch neue Elemente ergänzt

werden.

Film und Fernsehen repräsentieren mithin trotz einiger

Gemeinsamkeiten zwei völlig unterschiedliche und unvereinbare

Tätigkeits- und Erfahrungsbereiche. Und da das Fernsehen

mittlerweile Eingang in Schul- und Ausbildung, in mancherlei Formen

kollektiver Kommunikation, in Sport, Kunst und sonstige Bereiche wie

Weltraumforschung oder Kriegsführung gefunden hat, können wir wohl

sagen, daß es erhebliche Auswirkungen auf die heutigen sozialen

Interaktionsformen besitzt, ohne selbst ein interaktives Medium zu

sein. Die Fernsehübertragung eines wichtigen Ereignisses erreicht

nahezu die gesamte Weltbevölkerung. In seinen Anfängen förderte das

Fernsehen solche Eindrükke von Dezentralisierung, die die

vorausgegangenen Technologien nicht vermitteln konnten. Videokamera

und Videorecorder, besonders die digitalen Ausführungen, machen uns

nunmehr zu Besitzern nicht nur der Empfangsgeräte für die neue Bild-

und Tonsprache, sondern auch der Sender, der Quellen, machen uns alle

zu Inhabern kleiner Hollywood-Filmstudios, veranlassen uns die

Sprache des Fernsehens zu leben, sie an die Stelle der Schriftkultur

zu setzen. Das interaktive Fernsehen wird diesen Prozeß noch weiter

unterstützen.

Schon heute schicken viele Menschen anstelle von Briefen Videobänder

an Verwandte, Behörden oder an Fernsehsender, die an einem Feedback

oder an neuem Stoff interessiert sind. Der massive Truppenaufmarsch

im Golfkrieg hat verdeutlicht, welch große Rolle die

Videokommunikation bei der Verlagerung von schriftkultureller zu

schriftloser Kommunikation spielt. Telefon-, Fernsehund Videotechnik

beherrschten die Kommunikationsmuster aller Beteiligten. Spätere

Truppenbewegungen (in Somalia, Bosnien-Herzegowina) haben dieses

Muster der schriftlosen, ‘illiteralen’ Kommunikation bekräftigt.

Unter den vielen Netzwerken, die heute unsere Existenzgrundlagen

ständig verändern, spielt das Kabelfernsehen eine besondere Rolle.

Für viele ist das Kabelfernsehen lediglich eine Ersatzbibliothek,

eine weitere Möglichkeit, klassische Programme, Pornographie und

Aberglauben in unseren Privatbereich hineinzutragen. Die

erschöpfende Nutzung unserer elektronischen Prachtstraße als eine

vielspurige Autobahn, die von uns in beiden Richtungen benutzt werden

kann, als Empfänger all dessen, was wir empfangen wollen, und als

Sender von visuellen Nachrichten an jeden, der sie empfangen möchte,

liegt noch vor uns. Aber mit der computergestützten visuellen

Kommunikation unter Einbeziehung des digitalen Fernsehens verfügen

wir über die komplette Infrastruktur für eine visuell bestimmte

Gesellschaft. Im Zeitalter des Internet gehören die verkabelten oder

drahtlosen Netzwerke zum künstlichen Nervensystem fortschrittlicher

Gesellschaften. Ob mit Hilfe von Modems oder anderen

hochentwickelten Methoden digitaler Informationsverarbeitung, das

Kabelsystem hat schon heute das Wesen vieler unserer Erfahrungen

verändert, vor allem im Bereich der Unterhaltung, des Unterrichts und

der Arbeitswelt.

Das hat auch negative Auswirkungen, und wir müssen uns mit den Folgen

auseinandersetzen, die mit der Zeit weit über das hinausgehen können,

was wir heute wissen. Kindern, die vor dem Fernsehgerät aufwachsen,

fehlt die Erfahrung der eigenen Bewegung. Unter dem Begriff der

"kindlichen Zombie-Natur" hat Jaron Lanier auf ein verbreitetes

Phänomen hingewiesen: ein leerer, nichtssagender Blick; die mangelnde

Fähigkeit, über das Fernsehbild hinaus anderes zu sehen und zu

begreifen; die Forderung nach sofortiger Befriedigung der Wünsche;

mangelnde Wertschätzung für erfolgreiche und befriedigende Arbeit.

Viele Videospiele erziehen unseren Kindern die Verhaltensmuster von

Versuchsratten an, die lernen, Probleme durch mechanische Routine zu

lösen. Die Maßstäbe fernsehgerecht aufbereiteter Wettkämpfe sind nur

ein magerer Ersatz für Leistung und Verantwortung. Und wenn sie zu

wählen haben, dann zwischen Markennamen, ganz gleich, ob damit

politische Programme oder Konsumgüter bezeichnet werden. Als Masse

angesprochen verleiben sie sich mit den für alles und jedes

erstellten Meinungsumfragen die Mehrheitsmeinungen ein. Daß diese

Technologie visuelle Alternativen zur Schriftlichkeit der

Schriftkultur anbietet, steht außer Frage. Die Crux liegt darin, in

welchem Maße diese Alternativen die ehemaligen Formen der

Determiniertheit und die früheren Zwänge perpetuieren oder ob sie

einem neuen Entwicklungsstadium des Menschen Ausdruck verleihen. Der

Grad der Notwendigkeit und damit die Effizienz einer jeglichen neuen

visuellen Ausdrucks-, Kommunikations- und Interaktionsform ist

dadurch bestimmt, wie sich die Menschen durch ihr praktisches Handeln

unter Einbezug des Visuellen in der Welt konstituieren. Der höchste

gültige Maßstab ist der der Verwirklichung unserer individuellen

Möglichkeiten. Ein Staatspräsident oder ein Fernsehstar, telegen

oder nicht, hat wenig oder gar keinen Einfluß auf unsere individuelle

Verwirklichung in der vernetzten Welt.

Obwohl das Fernsehen viel mit Sprache zu tun hat, benötigen wir für

den Konsum einer Fernsehshow keine schriftkulturelle Bildung. Daher

begünstigt anhaltender Fernsehkonsum stereotypes Sprechen und Denken,

das sich vor dem Hintergrund allgemein verbreiteter Ausdrucksformen,

Gesten und Werte vollzieht. Es wäre indes zu einfach, hierbei nur

das Negative herauszustellen: die Förderung von Passivität und

geistiger Lethargie etwa, die Manipulierbarkeit (in wirtschaftlicher,

politischer und religiöser Hinsicht) oder die Loslösung von

erfüllenden persönlichen Beziehungen (zu anderen, zur Kunst oder zur

Literatur). Diese und zahlreiche weitere Faktoren, die uns

Medienkritiker und Soziologen immer wieder vorhalten, sollten in der

Tat nicht unterschätzt werden. Aber es wäre anmaßend, das Fernsehen

uneinsichtig und geradezu kurzsichtig nur aus dem Blickwinkel

verlorengehender Schriftkultur zu betrachten. Wir sollten auch und

vor allem die Strukturveränderungen begreifen, die zu Fernsehen und

Video geführt haben, und diejenigen Veränderungen genauer untersuchen,

die diese ihrerseits bewirkt haben. Anders können wir die neuen

Möglichkeiten, die uns diese neuen Erfahrungen eröffnen, nicht

nutzbringend anwenden. Außer dem Fernsehen gibt es noch so viel mehr,

trotz der uns versprochenen 500 Kanäle und des fast unbegrenzten

Angebots an Videokassetten.

Auch die Sprache ist nicht unbedingt ein demokratisches Medium, und

die Schriftkultur mit den ihr eigenen elitären Merkmalen noch weniger.

Wenngleich sie die demokratischen Prinzipien verkündigte und

festigte, hat gerade sie diese doch immer wieder verraten. Bilder

verlangen uns zwar weniger ab, sind dafür aber allgemeiner und

leichter zugänglich. Wörter und Texte können die Bedeutung einer

Aussage verdunkeln, Bildern können unmittelbar zu dem in Beziehung

gesetzt werden, was sie bezeichnen. Im Visuellen sind mehr Sperren

eingebaut als im Wort, obwohl die verleitende Kraft eines Bildes

vermutlich mehr mißbraucht werden kann als die des Wortes. All das

wird uns helfen, die Verlagerung sozialer und politischer Funktionen

von der Schriftkultur (Bücher und Zeitungen, politische Manifeste,

Zeremonien und Rituale, die auf Text und Lesen basieren) auf visuelle

Medien, besonders das Fernsehen und dessen Folgen besser zu verstehen.

Wir sollten dabei auch bedenken, daß nicht das Fernsehen daran

schuld ist, wenn viele in unserer heutigen Zeit jenseits der

Schriftkultur von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch machen, und daß es

nicht das visuelle Element ist, das Schauspieler, Rechtsanwälte,

Erdnußfarmer oder erfolgreiche Manager aus der Ölindustrie in die

höchsten politischen (und am wenigsten nützlichen) Regierungsämter

bringt.

Das HDTV (hochauflösbares Fernsehen) zeigt uns einige der typischen

Merkmale dieser Entwicklung--vor allem, wie die Integrationsfunktion

ausgeübt wird. Integration durch Schriftkultur erforderte

gemeinsames Wissen, vor allem gemeinsame Schreib- und Lesekenntnisse.

Integration über die Vermittlung der modernen bildherstellenden

Technologien, besonders über Fernsehen und computergestützte visuelle

Kommunikation, bedeutet Zugang zu und Verfügbarkeit von Informationen.

Das Fernsehen läßt Länder mit unterschiedlichster Identität,

Geschichte und Kultur nach außen hin so gleich aussehen, daß man sich

nach den Gründen für die Uniformität fragen muß. Alle Erklärungen im

Detail--Marktprozesse, vor allem weltweit greifende Werbung, das

uniforme elektronische Auge--vermögen letztendlich nicht zu

überzeugen. Die Ähnlichkeit ist vielmehr bestimmt durch den

Mechanismus, den wir zur Erreichung höherer Effizienz einsetzen:

durch zunehmende Arbeitsteilung, erhöhte Vermittlung und den Bedarf

an alternativen Integrationsmechanismen--all das spiegelt sich in den

Fernsehbildern wider. Diese Ähnlichkeit bildet das Substrat der

Fernsehbilder und das Substrat des Modetrends, der neuen Rituale und

neuen Werte, so kurzlebig sie auch sein mögen.

Schriftkultur und Fernsehen schließen einander nicht aus. Aber

diejenigen, die die Qualität der schriftkulturellen Bildung durch

Fernsehen erhöhen zu können glaubten, mußten einsehen, daß diese

Mittel nicht zum erwünschten Ziel geführt haben. Sprache

stabilisiert, macht gleichförmig, entpersonalisiert. Fernsehen hält

Schritt mit allen Veränderungen, ist offen für Vielfalt und erlaubt

persönliche Interaktion zwischen jenen, die durch Kameras und

Empfänger miteinander verbunden sind. Schrift und Schriftkultur sind

hochentwickelt, kompliziert, anspruchsvoll und träge. Fernsehen ist

spontan und augenblicksbezogen. Daneben leistet es wissenschaftliche

Dienste, für die sich die Sprache nicht eignet. Wir können mit der

Sprache keine Dinge erfassen, die wir uns nicht vorstellen können.

Wir können in der Sprache keine Abläufe erfassen, die wir auf einem

Fernsehschirm modellhaft darstellen und mit denen wir zukünftiges

Handeln entwerfen können. Natürlich verwische ich mit solchen

Überlegungen die Grenzen zwischen dem konventionellen Fernsehen und

dem digitalen Bild. Entscheidend ist aber, daß das Fernsehen mit

allen seinen Möglichkeiten und Anwendungen den nächsten Schritt zu

einer Sprache der Bilder vollzieht, die die Möglichkeiten der

Computertechnologie und der Vernetzung bewußt miteinbezieht.

Das digitale Fernsehen ist in vielen Bereichen einsetzbar.

Designtätigkeit jedweder Art (Kleidung, Gestaltung von Möbeln,

Produktdesign) kann sich aus der Zusammenarbeit zahlreicher

Beteiligter an vielen unterschiedlichen Orten entwickeln und

unmittelbar in die Produktion einmünden. Modifizierungen und Tests

können ständig vorgenommen, Produktionsentscheidungen spontan

getroffen werden. Kommunikation auf derart hohen Effizienzebenen

wird zum entscheidenden Bestandteil der kreativen und produktiven

Leistung. Die Sprache ist die Sprache des Produkts, eine sich

fortschreibende visuelle Wirklichkeit. Die daraus resultierenden

Design- und Produktionszyklen werden kürzer, viel kürzer, als daß sie

in einer auf Schriftlichkeit beruhende Kommunikationsform eingebettet

bleiben könnten.

Dieser Effizienzgrad ist nur durch digitale Technik zu erreichen.

Jedes einzelne digitale Bild kann gespeichert, verändert und in neue

Kontexte eingebracht werden. Es eröffnet ungeahnte

Handlungsspielräume, veranlaßt kreatives Programmieren und

Interaktivität. Wer sich diese Möglichkeiten zur kreativen Planung

offenhält, erschließt sich eine neue Welt. Es ist durchaus denkbar,

daß sich aus diesen Tätigkeiten völlig neue, ertragreichere Formen

der Kommunikation einstellen. In etwa zehn Jahren werden alle

Fernsehgeräte auf digitalen Empfang umgerüstet sein, sofern es dann

überhaupt noch einzelne Fernsehempfänger geben wird. Entscheidend

aber sind die unzähligen kreativen Möglichkeiten, die sich aus dieser

neuen Wirklichkeit des digitalen Fernsehens ergeben.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 36 / 81 题