Erst gestern noch hatte er das mit dem Strohhalm gemacht. Auf die Weise
brachte er es zustande, daß die Rahmschicht obenauf unversehrt blieb,
und darunter schwand die Milch. Die Mutter -- sonst nicht abergläubisch
-- glaubte schon an Hexerei.
[Illustration]
Der Hansl riet ihr, das Milchstübel vom Pfarrer „aussegnen“ zu lassen.
O, der Hansl war ein Früchtl!
Erst als er sich bis hoch in die Dreißig hineingeschrieben hatte, ging
es langsamer; und endlich fiel ihm nichts mehr ein. Er las fünf, sechs
Mal das ganze Register durch, damit er in Übung komme, nicht etwa im
Beichtstuhl stecken bleibe und so den Pfarrer noch giftiger mache, als
es ohnehin schon vorauszusehen war.
Schließlich setzte er getreulich den vollen Namen unter das
Sündenprotokoll, und das Datum. Dann wickelte er den sorgsam
zusammengefalteten Zettel in sein Schnupftüchel und steckte es in den
Hosensack.
Das Mittagessen, Dampfnudel mit kalter Milch, schmeckte dem Hansl heute
nicht so gut wie sonst. Die Milch rührte er gar nicht an; sie erinnerte
ihn zu lebhaft an die Geschichte mit dem Strohhalm. Er getraute sich
auch nicht, der Mutter ins Gesicht zu schauen; denn nun trug er es
schriftlich in der Tasche herum, daß er ein ganz nichtsnutziger Junge
sei.
„Hast recht große Brock’n?“ forschte die Mutter.
„Hm! So mittelt durch“, meinte der Hansl kurz nebenhin, und ließ sich
nicht weiter ein.
Nach dem Essen schlich er sich in die Schule und von dort gemeinsam mit
den anderen Buben unter Aufsicht des Lehrers in die Kirche.
Dort ging es bald los. Der Pfarrer „saß“ schon, als der jugendliche
Büßerzug daherkam. Ein Knirps nach dem andern betrat reuig und
ängstlich den Beichtstuhl, um ihn mit protziger Sicherheit wieder zu
verlassen.
Es ging wie auf dem Schnellsieder. Die Bürschlein hatten ihre wenigen
lumpigen Sünden fein sauber abgeschrieben und lasen sie herunter wie
ein Kapitel aus der Bibel.
Das Aufschreiben hatte der Pfarrer selbst den Buben angeraten:
„Nur alle Sünden fein aufschreiben, Bübeln; damit ihr ja nix vergeßt!
Wenn ihr erst einmal all’s bereut und einbekennt habt, dann sollt ihr
erst sehen, was das für ein Gefühl ist; so ring und federleicht; man
kann’s nit beschreiben; man kann’s nur fühlen!“
Schwer ging’s dem Hansl mit Reue und Vorsatz. Mitten darin plagten ihn
immer wieder weltliche Gedanken.
„Die Braung’fleckte, dö die Häuserin jetzt hat; wenn i nur die amal
dertapp’n tät’; der wollt’ ich den Kragen zuschnüren; na, vielleicht
erwisch’ ich sie morgen...“
Endlich traf’s ihn; den strohhaarigen, verschmitzten Hansl. Mit
schlotternden Knieen wankt er in den Beichtstuhl. Schon hat der Pfarrer
das kleine Türchen aufgemacht; der Hansl soll beginnen. Der aber sucht
und sucht -- nach dem Sündenzettel.
Der Pfarrer wurde schon ungeduldig: „Kreuztibidomine! Fang einmal an!“
Der Hansl, krebsrot im Gesicht, stiert in allen Säcken herum, beutelt
sein Schnupftuch hin und her, und muß endlich als erstes bekennen:
„I find’ meine Sünden nimmer!“
„Ah! Hast die Tabell’n verlor’n; Saggramentsbua!“
Der Pfarrer half dann aber doch nachsichtig und liebevoll dem
Gedächtnis des Hansl nach.
Da kam zuerst zagend die Katzengeschichte; dann schlüpften die
Kornsäcke herfür; und schließlich haspelte der Hansl seine Sündenlast
nur so herunter. Nichts vergaß er, es waren ja lauter typische Fälle.
Als er zu Ende war, wartete er den Pfarrer ab; mutig, mit Fassung.
Was wollte der auch machen! Schreien durfte er nicht; da wäre das
Beichtgeheimnis in Gefahr; nach den Ohren oder dem Schopf langen konnte
er nicht, denn da war ein engmaschiges Gitter dazwischen.
Ja, von dem Gitter war der Hansl schon ganz besonders befriedigt. So
eine Einrichtung! So fürnehm und ausgesucht praktisch.
Gar so böse war der Pfarrer nicht einmal. Betreffs der Katze fragte er
bloß:
„Hast das Viech gepeinigt?“
„Na! G’rad’ ein bissel aufg’hängt!“
Weiter ward kein Sterbenswörtchen über Muinz und Maunz gesprochen.
[Illustration]
Ja, es dünkte den Hansl im Dämmerlicht, als hätte der Pfarrer dazu gar
ein bissel geschmunzelt.
„Die Braung’fleckte werd’ i auch nit leid’n lass’n; ’s Hängen geht
g’schwind, und i bin schon in der Übung,“ dachte sich der Hansl, als er
nach Verrichtung der Buße froh aus der dämmerigen Kirche ins Freie trat.
Wie er aus dem Friedhof schritt und neben dem Pfarrhof abschwenkte,
überwältigte ihn das Wohlbehagen. Es war ihm so federleicht. Er machte
einen Luftsprung.
Aber er war noch nicht mit beiden Füßen wieder auf dem Boden, da
hatte ihn schon die massige Häuserin beim Kragen; zerrte ihn mit
wutfunkelnden Augen die zwei Schritte gegen den Holzschuppen.
Dort ergriff sie ein Scheit.
„Also du bist’s g’wes’n!... Du hast meine Tigerkatz’ umbracht! Da
hast!“ kreischte sie und hieb auf den Hansl ein. Immerzu schrie sie:
„Da hast! Da hast!“
Und der Hansl hatte von ihr doch nichts verlangt.
Aber sie gab und gab.
Der Hansl brüllte, daß die Hennen vor dem Schuppen angstvoll
aufgackernd auseinanderstoben.
„I tu’s g’wiß, ganz g’wiß nimmer!“
Auf solche Art erweckte die Pfarrersköchin noch nachträglich in dem
Hansl Reue und Vorsatz.
Endlich warf sie das Scheit wieder zu den andern und den Hansl aus dem
Schuppen. Während er sich erhob, um schleunigst das Weite zu suchen,
ertönte vom niederen Dache ein spöttisches Miau der braungefleckten
Katze. Aber der Hansl lief und dachte nicht ans Hängen.
Wie kam die zu der Katzengeschichte?
Der Hansl hatte schon früher öfters die Pfarrersköchin gedankenlos eine
alte Hex’ geschimpft.
Jetzt hätte er’s beschwören können. Das war die hellichte Hexerei!
Als er heimkam, wartete schon die Mutter vor der Haustür. Die Hände
hatte sie nach rückwärts zusammengeschlagen, als hielte sie dort etwas
verborgen, was nicht jeder Mensch zu sehen brauche.
„So, Bübl, bist da,“ begrüßte die Mutter den Jungen auffallend scharf.
„Jetz’ komm’ nur in die Stub’n!“
Drinnen kam der Stecken zum Vorschein.
„Wart’, Bürschl, deine Spitzbübereien mit dem Strohhalm! Jetz’ will i
einmal +dich+ aussegnen; vielleicht hilfts dann im Milchstübel!“
Und dann ging die ergrimmte Mutter über den Hansl.
Die Häuserin hatte sich hauptsächlich auf den Rücken des kleinen
Sünders beschränkt. Die Mutter ging -- praktisch wie die Mütter sind
-- um einen Schritt weiter. Und gründlich nahm sies, das muß man ihr
lassen.
„Hm! Es ist doch ein’ recht schöne Sach’ um das Beichtgeheimnis“,
dachte sich der Hansl; „und das Gefühl nach der ersten Beicht’ ist auch
recht schön!“
Dann kroch er mehr, als er ging, durch die Hintertür auf die Wiese;
legte sich hart am Zaune ins feuchte Gras. Der grüne, feuchte Rasen
kühlt. Der Hansl fühlte instinktiv, was ihm nottat. Zerschlagen an
allen Gliedern, wie er war, schlief er bald ein.
Ein schmerzhaftes Ziehen und Reißen im Kopfe erweckte ihn bald wieder.
Die Ursache davon war nicht etwa eine Erkältung, wie man meinen möchte;
sie trug einen viel bestimmteren Charakter.
Der klapperdürre, geizige Stangenbauer war schon auf der Suche nach
dem Peitschenstielverderber gewesen. Und wie er so spähend um das Haus
schlich, entdeckte er ihn hinter dem Zaun.
Da schob nun Stanger knieend, mit fest aufeinandergekniffenen Lippen,
vorsichtig seine beiden Fangarme durch die Lücke des Zaunes. Dann faßte
er, immer noch leise hantierend, Hansl’s Ohren und Kopf zwischen die
krallenartig umgebogenen Hände. Ganz so wie die Köchin den großen
Suppenhafen an den Handhaben anpackt. Erst als der Bauer beiderseits
festen Griff hatte, fing er an, symmetrisch[244] anzuziehen. Daher das
Gefühl des Reißens in Hansl’s Kopf. Der Hansl schrie:
„Auweh! Meine Ohr’n!“
Der Stanger sekundierte[245] grimmgemut:
„Auweh! Mein Peitschenstiel!“
Weiter sprach er kein Wort; er grinste nur. Aber es hatte den Anschein,
als ob er sich darauf kaprizieren[246] würde, Hansl’s dicken,
kugelrunden Kopf durch den handbreiten Zaunspalt zu zerren. Als er
endlich nach geraumer Zeit seine Krallenfinger öffnete, da waren
Hansl’s Ohren so blaurot wie zwei Truthahnkämme.
So war der Hansl noch nie malträtiert[247] worden wie heute. Und der
Pfarrer hatte ihnen eingeredet, die Seligkeit nach der ersten Beichte
sei nicht zu beschreiben, die müsse man fühlen.
Der Hansl bedankt sich schön! Er wünscht dem Pfarrer auch solche
unbeschreiblichen Gefühle.
Am nächsten Morgen konnte er sich kaum zur Kommunionbank[248]
schleppen, so steif und schmerzhaft waren seine Glieder. Und eine
erschreckliche Nervosität hatte ihn befallen. Bald vermeinte er die
Klauen des Stangenbauern an seinen Ohren zu verspüren oder er fühlte
die salbungsvollen Hiebe der Mutter mit dem Birkenen.
Nach der Kommunion machte sich Hansl heim, so schnell er konnte. Es zog
wieder sachte, sachte die Liebe zum Leben ein. Denn zu Hause erwartete
ihn heute gewiß nicht mehr der Stecken, sondern Kaffee und „Guglhupf“
mit großen „Zibeb’n“[249].
Der Hansl hat alles „putzweg“ aufgegessen. Aber +stehend+
verzehrte er das Frühstück. Die Mutter lud ihn zwar immer zum Sitzen
ein:
„Hansl, setz’ dich! Mach’ dir’s kommod![250] Tragst uns ja den Schlaf
aus!“
Aber der Hansl schüttelte den Kopf:
„Der birkene Segen von gestern wirkt noch!“
Als nach und nach Hansl’s Ohren abzuschwellen begannen und auch Mutters
„Segen“ allgemach die Kraft verlor, kam ihm wieder der Verstand. Und da
brachte er es leicht heraus, daß der verlorene Sündenzettel für ihn so
verhängnisvoll geworden war.
Der Flatscher-Simele, so was man sagt, ein guter Freund, hatte den
„Zettel“ gefunden, und war damit sofort wie ein Leichenbitter von Haus
zu Haus gelaufen, um Hansl’s Missetaten an die richtigen Adressen zu
befördern. Hatte auch zur Erweisung seiner Behauptung überall den
Zettel mit Hansl’s eigenhändiger Unterschrift vorgewiesen.
Der Hansl hat aber dann ein gut Teil jener „seligmachenden Gefühle“,
die seine erste Beichte in ihm ausgelöst, an den Simele weitergegeben,
und ihm den Buckel vollgehämmert.
[Illustration]
[Illustration]
Ludwig Thoma:
Kabale und Liebe.
+Ludwig Thoma+, 1867 in Ober-Ammergau geboren, hat sich auf den
verschiedensten Gebieten umgetan, im Schauspiel, Lyrik und Prosa, von
der kleinen Skizze bis zum Bauernroman. Tod den Philistern -- das
ist vielleicht die beste Losung für sein vielseitiges Schaffen. Aus
dieser Stimmung heraus wurde er der Mitbegründer von „+Simplizissimus+“
und „+März+“, zwei Zeit- und Streitschriften im Kampf gegen allerlei
Vorurteile und Engherzigkeiten. Schlemihl-Thoma hat die Geißel
bitterer Satire so kräftig geschwungen, daß sein Ruf als Dichter fast
Schaden litt. Er leuchtete hinein in moralische Mißstände und soziale
Verkehrtheiten. Am liebsten aber zog er immer wieder blank im Kampf
gegen engherzige Parteipolitiker und heuchlerisches Pfaffentum. Mit
heller Freude haben wir seine Briefe eines ländlichen Abgeordneten
gelesen. Verhältnisse und Persönlichkeiten seiner bayrischen Heimat,
die der frühere Rechtsanwalt von Grund aus kennt, weiß er uns so
lebendig vor Augen zu führen, daß wir sie zu sehen glauben. Und doch
sind diese Dachauer Bauerngestalten Schöpfungen höchster Kunst wie
jene Gestalten auf Leibl’s Gemälden, die man nie wieder vergißt.
Diese Verbindung von Naiv-Einfachem mit hoher Kultur tritt uns höchst
reizvoll in unserer Novelle „Kabale und Liebe“ entgegen. Matthias
Claudius, der Wandsbecker Bote, auch ein Meister im Volkston, hat
einmal eine Aufführung von Lessings „Minna von Barnhelm“ behandelt vom
Standpunkte eines naiven Zuhörers, der alle Vorgänge auf der Bühne
so lebhaft und leibhaftig mitempfindet, als ob sie sich wirklich vor
seinen Augen zutrügen. Turgenjeff ist dann in seiner Novelle „Faust“
einen Schritt weiter gegangen. Er schildert die starke, verhängnisvolle
Wirkung, die Goethes Faust auf ein Gemüt ausübt, das zwar naiv und
von der Kultur noch unberührt, aber für künstlerische Eindrücke stark
empfänglich ist. Etwas Ähnliches mag +Thoma+ vorgeschwebt haben.
Das Ergebnis der Aufführung von Schillers „Kabale und Liebe“ ist
eine kräftige Prügelei der beiden Liebhaber. Das Stück war eben für
die kleine Stadt zu leidenschaftlich gewesen. Das hatte der Herr
Oberamtsrichter von Anfang an gesagt.
M. G.
[Illustration]
Kabale und Liebe.
Sie zeigte sich lieblich zu ihm und erweckte ihm Hoffnungen, die waren
grün wie Buchenlaub. Es war aber zur Zeit der Schneeschmelze, daß Anton
sie kennen lernte, an einem Feierabend, nachdem er sich den Ruß von
Gesicht und Händen abgewaschen hatte. Er ging den Schloßberg hinauf und
wußte nicht, warum er so seltsam bewegt war. Alle Rippen dehnten sich
unter der Weste, und die Füße hoben sich von selber und marschierten
dem Frühling entgegen.
Wo aus, du junger Schlossergeselle?
[Illustration]
Immer weiter hinaus, wo das Glück sein muß. Es war aber ganz nahe und
bog um die Ecke und schaute Anton aus zwei blitzblauen Augen an.
Ei, guten Abend, Fräulein Babette, und so spät noch um den Weg? dachte
er; denn was ein Dürnbucher Jüngling ist, faßt sich nicht so leichthin
das Herz, ein zierliches Frauenzimmer anzureden.
Er ging der Allerfeinsten nach und füllte sich mit Sehnsucht nach ihr,
und als ihm das gleiche noch mehrere Tage geschehen war, wollte es sich
schicken, daß er in ein Gespräch mit ihr kam.
Und Jungfer Babette Warmbüchler, eines Spenglermeisters Tochter, zeigte
sich lieblich zu ihm.
Es nahm alles im Stillen und Heimlichen seinen Fortgang, und die
Leidenschaft des Jünglings schlich an des Meisters Tür vorbei über
knarrende Stiegen an einen Gartenzaun.
Dort legte sich Antons Schatten über die Wiese und gesellte sich zu
einem anderen in mondhellen Nächten.
Wie herrlich war die Welt in diesem liebreichen Sommer!
Niemals zuvor hatten die Grillen lauter gezirpt, niemals hatte das Heu
so geduftet, niemals hatten die Sterne heller gefunkelt.
Und Anton durfte die Darbietungen der Natur mit frohem Gewissen
entgegennehmen, denn das Ideal stand unberührt in seinem
Herzensschrein; er wollte als bildungsbestrebter Jüngling seinem
Mädchen poetisch nahen und wandelte auf schüchternen Fußspitzen im
Liebesgarten umher.
Er besprengte die kostbare Blume der Jugendneigung mit
allerzierlichsten Redensarten und mußte doch eines Tages sehen, daß sie
verwelkt war.
Jungfer Babette wandte sich von ihm ab.
Es traf damit zusammen, daß ein neuer Apothekerprovisor als auffällige
Erscheinung in Dürnbuch einzog; ein Mann, der gekräuselten Haares
hinter der Ladenbuddel[251] stand und mit dem Maul nicht weniger
Süßigkeiten vergab als mit den Händen. Wie er in brauner Sammetjoppe,
den Schlapphut verwegen nach links geschoben, durch die Gassen
schritt, war er sogleich ein gefährlicher Rivale[252] für jeden
Handwerksgesellen.
Was half es, daß Anton sich an Sonntagen mit der schwarzen
Turnerkravatte auftat und goldene Fransen auf die Brust baumeln ließ?
Herr Provisor Elfinger trug eine künstlermäßige Lavaliere[253], die
unterm Adamsapfel einen beträchtlichen Knoten schlang und nach zwei
Seiten ins Freie schweifte.
Und was konnte ein ehrlicher Schlosser in die Wagschale werfen gegen
ihn, der alle wohlriechenden Wässerlein zu verschenken hatte und selber
roch wie der Stöpsel einer Eau de Cologne-Flasche?
Es war nicht verwunderlich und es war nicht das erstemal, daß
unscheinbare Tüchtigkeit vor dem glanzvollen Nichts zurückstehen mußte.
Jungfer Babette kam nicht mehr an den Gartenzaun, und Anton saß in
seiner Kammer und schaute über die Dächer zum Nußbaum hinüber, unter
dessen Zweigen er glücklich gewesen war.
Er nahm ein Büchlein zur Hand, das hatte einen blauen Einband, und
darauf stand mit silbernen Buchstaben: Lebensweisheit in Versen.
Er blätterte darin und fand ein Gedicht, welches seiner Trauer angepaßt
war.
+Lenz und Herbst.+
Die Blumen weinten in der Maiennacht
um des geschiednen Tages süße Wonne.
Der Morgen kam. O sieh die Tränenpracht!
Zu Diamanten schuf sie um die Sonne.
Zur Herbstnacht stand die Blumenschar betaut,
die Tränen hat kein Sonnenstrahl getrunken,
sie wurden Reif, und eh’ der Morgen graut,
sind welk die Blumen alle hingesunken.
„Sind welk die Blumen alle hingesunken“, wiederholte Anton und schrieb
die Verse auf ein Blatt und legte es zu unterst in seinen Koffer und
wußte nun, daß seine Trauer über die Maßen poetisch war. --
Das Folgende war auf der ersten Seite des Dürnbucher Anzeigers zu lesen:
„Erlaube mir, einem hohen Beamtenkörper, sowie Magistrat und
verehrlichem, kunstliebendem Publikum ergebenst anzuzeigen, daß ich
nur mehr wenige Tage dahier mit meinem Theater verbleiben werde, und
dürften die letzten Vorstellungen einem besonderen Interesse begegnen,
indem ich bemüht bin, trotz erheblicher Kosten dem allseits geäußerten
Wunsche nach den Darbietungen unserer Klassiker entgegenzukommen.
Heute wird das so lebenswahre und ergreifende Trauerspiel „Kabale und
Liebe“ von Friedrich von Schiller gegeben. Die Rollen sind auf das
vorteilhafteste besetzt und sehe einem zahlreichen Besuche entgegen.
Jakob Weindl, Theaterdirektor.“
Bezugnehmend auf obige Anzeige möchten wir nicht verfehlen, unsere
kunstfreudigen Mitbürger ganz besonders auf den heutigen Theaterabend
aufmerksam zu machen. Ist doch „Kabale und Liebe“, dieses ewig junge
Werk unseres Nationaldichters, ungemein geeignet, durch den rührenden
Kampf der Unschuld mit dem Laster immer wieder die Herzen zu ergreifen,
und dürfte niemand das Theater unbefriedigt verlassen.
Die Redaktion.“
Der Lammbräusaal war angefüllt mit solchen, denen der Hinweis auf den
verstorbenen Nationaldichter genügte; besonders waren die billigen
Plätze dicht besetzt. Aber es fehlte auch nicht an Honoratioren[254],
unter welchen man den Oberamtsrichter Trollmann bemerken konnte,
welcher sich vormals in Regensburg zu einem schätzbaren Theaterkenner
ausgebildet hatte. Er schenkte seine Unterhaltung dem quieszierten[255]
Lehrer Furtner, von dem man eine nachfolgende Besprechung der
Klassikervorstellung um so mehr erwarten durfte, als er die
Theaterkritik für Dürnbuch übernommen hatte. Aus der zweiten Reihe
drang ein angenehmer Geruch hervor, weil darin der Apothekerprovisor
Elfinger saß, welcher durch ein Opernglas aus kurzer Entfernung auf
Jungfer Babette Warmbüchler hinsah, jedoch auch andere Bürgermädchen
in das Prisma[256] nahm. Wenn er das Glas niedersetzte, vollführte
er mit gelben Glacéhandschuhen Bogen und Kreise, oder brachte seine
Locken in eine verführerische Situation[257], oder tat irgend etwas
anderes, was die Damenwelt in Schwingung setzte und den ehrlichen
Turnern und Handwerksgesellen im Parterre die Galle aufregte. Unter den
besser Plazierten[258] fiel weiterhin der Lohgerber Weiß durch seine
riesige Gestalt auf und durch das tiefe Seufzen, welches er schon vor
Beginn hören ließ; denn es war ihm erzählt worden, daß die Sache einen
traurigen Ausgang nehmen werde, und er war von der butterweichsten
Art, aber ein leidenschaftlicher Freund der Bühne. Nahe bei ihm saß
die Spediteurswitwe Karoline Tretter, welche eine Lebenstragödie[259]
hinter sich hatte, weil ihr verstorbener Mann in die Hände einer
leidenschaftlichen Näherin gefallen und als Vater eines so entstandenen
Kindes ruchbar geworden war und damit das Glück einer zwanzigjährigen
Ehe zertrümmert hatte, wenn schon ihn der Tod bald darauf von seinem
Schuldbewußtsein erlöste. In der Witwe blieb ein ungemeiner Schmerz
hängen, aber auch ein so wunderbarer Spürsinn für alles Sündhafte, daß
sie auf jeder Preissuche eine höchst lobende Erwähnung davongetragen
hätte. Sie hatte es momentan[260] gegen den Apothekerprovisor Elfinger,
und indem sie seinem Opernglase folgte, sammelte sie halbe und ganze
Verdachtsbegründungen. Es wäre von den bekannteren Bürgern noch der
Hutmacher Zehetmaier zu erwähnen, welcher immer und überall und wo er
nur konnte, über die Aristokratie[261] schimpfte und die Vorrechte der
Geburt mit demokratisch ätzender Lauge übergoß. Im Parterre standen
die Minderbemittelten, und vor allem die jungen Leute, und es war der
Turnverein „Altvater Jahn“ vollzählig erschienen, weshalb man auch den
Schlossergesellen Anton bemerken konnte. Er sah ohne Opernglas jedes
Mienenspiel der Jungfer Babette und warf darum die allerdüstersten
Blicke um sich und versengte mit ihnen die samtene Weste des
Apothekerprovisors Elfinger. Es fehlte also nicht an Leidenschaften
und Gefühlen im Lammbräusaale, und die Worte unseres Nationaldichters
konnten auf gepflügten Boden fallen.
Der Vorhang ging in die Höhe, und aller Augen wandten sich der Bühne
zu. Herr Direktor Weindl in eigener Person stellte den Musikus
Miller dar; seine Frau Marie spielte abwechselnd die Lady Milford
und die Millerin. Als prächtige Buhlerin des Herzogs trug sie einen
großgeblümten Schlafrock und vergoldete Ballschuhe; als Millerin
schlang sie einen dunkeln Schal um die Schultern und schlürfte in
Filzpantoffeln über die Bühne. Auch im Tone wußte sie die beiden
Frauengestalten gut auseinander zu halten und brachte bald eine
vornehme Üppigkeit und bald das bürgerliche Wesen vor die Lampen.
Fräulein Therese Weindl spielte die Luise in gedämpftem Tone, und das
war vorteilhaft, weil die Nähte des Kleides unter ihrem üppigen Busen
ohnedies einen schlimmen Abend verbrachten. Der Sohn des Direktors,
Herr Franz Weindl, kam als Ferdinand und wirkte als Liebhaber wie als
Militär durch Kanonenstiefel und einen gelben Schnurrbart. Obwohl die
übrigen Rollen weniger günstig besetzt waren, indem insbesondere dem
Sekretär Wurm ein auffälliger Spitzbauch im Wege stand, wirkte doch die
Dichtung sogleich auf ein kunstliebendes Publikum. Die rauhen Worte des
Musikus Miller gefielen und stärkten das bürgerliche Selbstbewußtsein,
und als dann hinterher der Präsident Walter mit seiner lästerlichen
Hochnäsigkeit ankam, ging ein Murren von der ersten Reihe bis zur
Saaltüre.
„Bürgercanaille“, sagte er. Der Hutmacher Zehetmaier lachte grimmig
auf, und die braven Burschen vom Altvater Jahn rekelten sich.
„Daß er der Bürgercanaille den Hof macht, meinetwegen Empfindungen
vorplaudert, das sind Sachen, die ich verzeihlich finde; spiegelt er
der Närrin solide Absichten vor -- noch besser.“
Stand es so? Müssen ehrbare Bürgerskinder zum Vergnügen herhalten? Alle
ergrimmten; am meisten Anton. Er kannte so einen, der Flatterien[262]
vorsagte und Geschmack an schönen Mädchen zeigte.
Die Entrüstung im Saal legte sich, als man im Hofmarschall Kalb einen
waschechten Junker und dumme Vorurteile verlachen konnte, und die
ernste Unterredung Ferdinands mit seinem Papa zeigte, daß es auch in
diesem eingebildeten Stande ordentliche Leute gibt.
„Umgürte dich mit dem ganzen Stolz deines Englands -- ich verwerfe dich
-- ein deutscher Jüngling!“