wieder zu dem errötenden Mädchen: „Darf ich also nach diesem schönen
Wort +Goethes+“ -- abermalige Verbeugung nach dem Jubilar hin -- „das
Fräulein bitten, uns Barbaren aus dem Schatze seiner Weisheit zu
belehren -- --?“
[Illustration]
„Ach nein,“ wehrte sie schüchtern, „ich weiß gar nichts. Ich bin ja
morgen +bloß Festjungfrau+.“
Abermals tiefe Stille.
Dann ließ sich Tönnchen mit Würde vernehmen. „Es ist richtig.
Festjungfrauen stehen außerhalb des Betriebes. Festjungfrauen haben
niemals gewußt, worum es sich handelt.“
Der Mohrenfürst hatte seinen Humor wiedergefunden. Er erhob sich und
tat, als ob er ein gefülltes Spitzglas hebe und einen Trinkspruch
ausbringe:
„In diesem Sinne, meine Herren, erheben wir das Glas und trinken
auf das Wohl aller hier im Coupé anwesenden Festjungfrauen!“ --
und er zählte: „Eine, zwei, drei, vier, fünf --“ und dann mit
Liebenswürdigkeit zu dem Jubilar und mir: „gestatten Sie, mein Herr,
daß ich Sie mitzähle?“
„Bitte!“ nickte der Jubilar des morgigen Tages sehr freundlich.
„Also: sechs, sieben. Es leben die sieben hier versammelten
ahnungslosen Festjungfrauen!“
„Hurra -- hurra -- hurra!“
Wir fuhren langsam in den Bahnhof ein. Den Bahnhof der Vaterstadt von
Hans Eduard Meßmann, der sich „die dauernde Dankbarkeit des Volkes
erworben, das ihn voll Stolz aus seiner Mitte hervorgehen sah.“ So
sagte das Zirkular.
* * * * *
Sehen Sie, Hans Eduard Meßmann, der stets geschätzte Lyriker und große
Epiker, wurde am nächsten Morgen siebzig Jahre alt.
Aber dies war erst seine vierundsiebzigste Nacht!
Ich bin kein Mathematiker, aber mir kommt vor, da stimmt was nicht.
[Illustration]
[Illustration]
Wilhelm Schäfer:
Die Béarnaise.
+Wilhelm Schäfer+ ist am 20. Januar 1868 in dem hessischen Orte
Ottrau geboren, kam aber kurz darauf an den Rhein, dem sein späteres
Dasein und Dichten fast ausschließlich angehörte. Heute lebt er als
Herausgeber der vornehmen „+Die Rheinlande+“ auf eigener Scholle in
Vallendar a. Rh. Jahrelang hat er als Lehrer am Niederrhein gewirkt,
bis ihm ein Stipendium der Cottaschen Verlagshandlung die Freiheit zu
Reisen und Studien verschaffte.
Seine erlesenen Erzählungsbände erscheinen bei Georg Müller in München
und sichern dem Dichter einen besonderen Platz in der modernen
deutschen Literatur. Seine Werke liegen auf der mittleren Linie
zwischen aktenmäßiger +Geschichte und historischem Roman+. Sie sind
weder Photographien noch Gemälde, sondern gleichen gewissermaßen
vornehmen, fein empfundenen Kunstphotographien. Wie Kleist im „Michael
Kohlhaas“ reinigt er seinen Stoff von allem zufälligen Beiwerk und übt
so auf dem Gebiet der Prosaerzählung eine Tätigkeit aus, die der Arbeit
unserer großen Tragiker im Drama ähnlich ist.
In unserer Novelle steigert sich die Komik zur Groteske. Im Mittelpunkt
steht der höchst unkönigliche Bürgerkönig Louis Philipp, kurz vor
seiner Flucht aus dem revolutionären Frankreich im Jahre 1848. Prächtig
ist die Scheinwelt des dekadenten Königshofes in Verbindung gebracht
mit dem Flitterwesen wandernder Zirkusleute. Wie anschaulich weiß
Wilhelm Schäfer uns alles vor Augen zu führen, Menschen und Dinge,
Landschaft, Dorf und Kleinstadt! Aber der Dichter gibt mehr als
bloße Schilderung. Er leuchtet tief hinein in die geschichtlichen
Zusammenhänge. Louis Philipp ist 1848 dem Fluch der Lächerlichkeit
zum Opfer gefallen, den kein Fürst ungestraft auf sich lädt. Unsere
Erzählung läßt das vorausahnen und ist so gewissermaßen ein Vorspiel
der kommenden Revolution. Und Jean Mourier, der mächtige Zauberer, ist
zugleich ein Prophet des großen Schicksals, das Länder und Fürsten
regiert.
M. G.
[Illustration]
Die Béarnaise.
Es kommt wohl vor, daß eine Laune wie eine Witterung auf Dörfer,
Städte, Landschaften und ganze Völker fällt; so daß, wo gestern alles
noch im Gang der Tage, in Pflicht und schuldigem Respekt die Arbeit
tat, auf einmal eine Spottsucht ausbricht, die keinen ohne Schaden an
seiner Würde vorüber läßt. So muß es damals in Saargemünd gewesen sein,
als Ludwig Philipp, dem dicken Bürgerkönig, sein Mißgeschick begegnete,
davon ihn das Gelächter noch begleitete, als er in einer Mietskutsche
das undankbare Frankreich verlassen mußte. Der Anlaß freilich war seine
Sparsamkeit und daß ihn die ins Durcheinander mit einem Zirkus brachte,
der sich vor der gleichen Spottsucht am Tage vorher aus Saargemünd nach
Hundlingen gerettet hatte.
Wenn dunkle Nacht in den Gassen und auf den felsigen Waldbergen lag,
wenn die qualmenden Öllampen ihr rotes Licht auf einen dichtgedrängten
Ring der Zuschauer warfen, wenn die Messingstangen magisch leuchteten
und die Stricke dick und flockig schienen in dem Licht, wenn die
beleibte Medenella mit den Resten ihrer Reitkunst die edlen Pferde
geängstigt hatte und ihr Sohn Camillo auf dem Kopf stehend über ein
straff gespanntes Seil gerutscht war, höllisches Feuer dazu speiend,
wenn in den Händen seiner Geschwister Blechteller begehrlich rasselten
und die Drehorgel wehmütig quarrte: dann hatte nicht wie sonst der
Beifall sich in Sousstücke aufgelöst. Und wenn endlich Jean Mourier,
der Zirkusvater, sein Meisterstück mit den fünf edlen Pferden machte,
die er mit nichts als einem grünen Stein behexte: dann hatten sie
sein heiseres Kauderwelsch belacht wie einen albernen Spaß. Obwohl
es so viel Zuschauern vordem jahrein jahraus ein Stück zum Staunen
gewesen war, wie er gespenstisch auf der grünbehangenen Tonne inmitten
stand und die fünf edlen Pferde zum Takt der Béarnaise[238] im Kreis
herum stolzieren ließ: Nello voran, den sieghaften Schimmel, der
seine Schenkel wie die Königin von Saba mit edlen Schritten hob. Bis
plötzlich da, wo die drei schweren Baßtöne das Finale einleiteten,
der Mourier den Stein hoch hob, den grünen Stein aus Malachit mit
eingeschnittenen Schlangenköpfen, und die Verwandlung eintrat:
Nello, der so stolz geschritten war, fing an zu hinken und schleppte
die Füße kaum noch fort, die schwarze Sylva drehte sich im Walzer
mit ihren dicken langbehaarten Beinen, Mariette, der wie ein Kalb
gefleckte Pony, ging als ein Grislybär wild in die Hinterbeine, die
braune Lisette fing an zu scharren wie ein Schatzgräber, und Pierre,
der hochbeinige Goldfuchs, dessen Schönheit den Schimmel Nello fast
überstrahlte, brach in die Kniee, wie wenn ihm irgendwer mit einem
Messer hindurchgeschnitten hätte. So mußten sie in einer traurigen
Gruppe bleiben, die erst so edel im Kreis gelaufen waren, bis die drei
gellenden Läufe der Musik den Schlußakkord erreichten und Mourier den
Stein in seinem grünen, glasperlenbesetzten Talar verschwinden ließ.
Das war der große Schluß des Abends, und niemals hatte der Mourier
danach vergebens mit dem Blechteller gerasselt; bis er in Saargemünd so
übel anlief und sich vor der Seuche böser Spottlust seitwärts in die
Berge und zu den Bauern schlug.
Nach einer schlimmen Fahrt auf regenweichen Wegen war er nach
Hundlingen hinaufgekommen von Saargemünd und hatte rasch das Dorf um
seinen grünen Wagen und die Schabracken seiner edlen Pferde versammelt.
Hier stand die Sonntagssonne wieder hell am Himmel, hier gab es keine
Lacher, mißtrauisch gemacht durch dreiste Zweifel, hier waren die
Sousstücke besonders dick, weil man die blankgescheuerten nicht kannte.
[Illustration]
Um vier Uhr fing er mit seinem Umzug an. Voran zu Fuß mit schmetternden
Trompetentönen Camillo im feuerroten Trikot, hinter ihm mit dicken
Beinen die schwarzbehaarte Sylva, zwei weitere Kinder Medenellas
auf dem Rücken mit goldpapierenen Engelflügeln, dann das gefleckte
Kälbchen Mariette mit der Trapezkünstlerin Camilla, hierauf Lisette,
die braune, mühsamer schreitend unter dem Wust von Rosatüll, in dem die
Zirkusmutter schwitzte, dann endlich Nello, der sieghafte Schimmel,
Nello mit ihm selber, dem Hexenmeister Mourier, der mit gespreizten
Fingern den grünen Stein hochhielt; zuletzt Pierre mit einem Affen in
großer Uniform als General.
Die sinkende Herbstsonne übergoß den bunten Plunder mit einem gütigen
Schmelz, rot und schwitzend folgten die Hundlinger den schmetternden
Klängen und drängten fast die Dorfstraße auseinander: da scholl ein
Peitschenschlag und das Getrapp von müden Pferden. Um die Waldecke
-- man sah am dicken Kirchturm vorbei den Weg hinauf -- kamen Reiter
in Uniform, vor zwei Kutschwagen her. Die reichlich überraschten
Bauern drängten rückwärts gaffend den Festzug gegen den Brunnen, daß
er nicht weiter konnte; so dicht gestaut, daß auch die Reiter halten
mußten. Die Wagen fuhren gleichfalls auf, und während noch der Mourier
verachtungsvoll von seinem Schimmel nach den abgetriebenen Postpferden
der Ankömmlinge sah, öffnete sich im vordersten Wagen auch schon ein
Fenster. Ein dickes freundliches Gesicht sah auf den Festzug und die
fünf edlen Pferde und winkte nach den Reitern. Die ritten eilfertig
hinzu und spähten gehorsam nach den Pferden, an denen die dicke Hand
etwas zu zeigen schien: auf die gutgepflegten Pferde des Mourier, die
nirgendwo saftigeres Futter gefunden hatten als an den Wegen hier. Wenn
das nun ein Präfekt[239] war? Oder ein Gouverneur?[240]
Doch war es noch viel schlimmer. Es waren zwei Generäle und zwei
Minister, mit einem dicken König, der es liebte, so bürgerlich zu
reisen. Heute abend wollte er in Saargemünd einreiten und brauchte
dafür Pferde, die gutgenährt und frischer als die seinen waren. So
traf er mitten in dieser Ländlichkeit, wo nur mit Ochsen oder Kühen
gepflügt und gefahren wurde, den Mourier mit den fünf edlen Tieren und
fiel mit königlichem Vorrecht darüber her. In fünf Minuten hatten die
Zirkusleute einen Schwall von Flüchen und königlichen Befehlen über
sich ergehen lassen müssen, der Mourier und seine Medenella, Camilla
und die beiden Goldengel waren mit allem Plunder aus den Sätteln
entfernt, selbst Joko, der Affe, hatte seinen Goldfuchs einem andern
General herleihen müssen. Aneinander gekoppelt wie zum Handel trappten
die edlen Pferde hinter den königlichen Wagen her, den Weg hinab nach
Saargemünd.
Oben auf dem Kirchplatz blieben die Verlassenen zurück inmitten einer
nun auch von der Spottsucht angegriffenen Menge. Medenella mußte sich
mit ihrem schönen Tüll auf den nassen Brunnentrog setzen, die beiden
Engel rafften mit allen Fingern ihre goldgenähten Gewänder hoch, die
rothaarige Camilla aber ließ trotzig ihre kostbaren Säume durch den
klebrigen Schmutz schleifen, Camillo hielt seine Trompete in der Hand
wie einen streitgerechten Morgenstern; Joko der Affe hockte neben
seiner Herrin auf dem Brunnentrog und ließ die blauen Schöße seiner
Uniform betrübt ins Wasser hängen: Alle aber sahen mit bösem Blick
hinunter, wo die stolzen Hälse ihrer Pferde auf und nieder ruckten im
schnellen Trab, bis sie verschwanden hinter herbstlichen Bäumen.
Jean Mourier saß auf dem Bock des zweiten Wagens, bis an die schwarzen
Felsen der Tournette. Da hatte der Weg das Wiesental der Saar erreicht
und ging nun durch die Ebene im langen Bogen um die Felsen herum
nach Saargemünd. Die rote Sonne hing tief in den Bäumen, als sie da
waren. Die Reiter sprangen ab, die Wagen hielten und rasch begann ein
Schauspiel, das dem Mourier als Zirkuskünstler seltsam bekannt war: Aus
dem vordersten Wagen kletterte der König mit zwei braunen Männern, von
denen der eine lang, der andere kurz und sehnig war. Aus dem zweiten
stiegen umständlicher ein Bürger mit Gichtbeinen und ein Männchen
mit einer großen Hornbrille aus. Die stellten kollegialisch[241]
eine Gruppe mit dem König, gähnten, schüttelten sich und reckten
die gelähmten Glieder. Dann zeigten sie hinunter nach den ersten
Häusern von Saargemünd, lachten und fingen an, auf offener Straße
die bürgerlichen Mäntel auszuziehen. Die Kutscher mit den Reitern
schleppten aus dem Wagen Röcke, Federhüte und Schärpen aller Art heran.
Aus dem Dürren und dem kleinen Sehnigen wurden vor den Augen Mouriers
Marschälle in großer Uniform, das Männchen und der Bürger mit den
Gichtfüßen bekamen goldene Ordensketten umgehängt und Federhüte auf
den Kopf. Der dicke König selber war kaum zu sehen vor lauter Gold und
Orden.
Die Pferde wurden gleichfalls geschmückt mit Federbüschen und
schuppigen Zügelketten. Bald ließ der König sich als erster in den
Sattel heben; er plumpste auf den sieghaften Schimmel Nello, daß der
Mourier an seine Medenella dachte. Der kleine Marschall bestieg den
Goldfuchs und der große die schwarze Sylva. Der Minister mit den
Gichtfüßen wurde auf die braune Lisette gesetzt und das ängstliche
Männchen mit der Brille auf den gefleckten Pony Mariette. Die beiden
Reiter -- auch sie hatten langwehende Büsche auf den Kopf bekommen --
ritten vorauf, zum Schluß folgte der eine Kutscher mit dem kräftigsten
der Postpferde, der andere sollte zur Bewachung der Wagen bleiben.
Als dem Jean Mourier die Pferde so feierlich hinunter schritten, von
denen er nicht wußte, wann er sie wiedersah, blieb er nicht mehr
zurück. Er raffte den Talar und lief den Grashang zu den schwarzen
Felsen hinauf. Wo nur ein Splitter vorstand, fand seine Hand den
Griff. Der lange Kutscher spektakelte ihm nach und fiel in einen
Brombeerstrauch. Er spuckte ihn von oben an und halfterte sich weiter,
bis er vom Grat hinunter sah auf Saargemünd, auf die Dächer und den
Marktplatz mit dem verkropften Amtshausturm. Er hörte Böller schießen
und sah den König an der Brücke, wie er auf seinem Schimmel Nello mit
dem Gefolge feierlich einritt. Der Mourier merkte, daß er noch immer
barhäuptig im Talar mit Glasperlen war, dazu mit rotgefärbtem Haar,
doch sprang er Stein für Stein und tückisch lächelnd, bis er mit wilden
Sätzen hinunter an die Saar kam, an einer flauen Stelle hindurch und
über eine Mauer in einen Obstgarten, zwischen Buchsbaumhecken her in
eine krumme Gasse, wo schon die Fahnen wehten und Menschen standen,
durch sie hindurch und über eine Treppe auf den Marktplatz, wo das
Getümmel anfing.
Am alten Amtsgebäude standen die Musikanten bereit zum Blasen, und
unten zupften die Amtsherren ihre Kragen zurecht. Doch kicherte die
Spottsucht vor dem König her und hing sich dem Gefolge mit Gelächter
an. Die Saargemünder hatten das gefleckte Kälbchen Mariette und danach
auch die anderen Pferde vom Mourier erkannt. So ritt der König erregt
und unruhig statt feierlich heran. Nur die Ratsherren merkten nichts;
sie gingen ihm entgegen mit entblößten Häuptern und brachten ihm auf
rotem Samtkissen die Schlüssel ihrer Stadt -- obwohl er längst darin
war -- und den Ehrentrunk in einem silbernen Hahn.
Schon setzten die Musikanten ihre Hörner und Klarinetten an, als der
Mourier mit großen Sätzen an die Treppe sprang:
„Die Béarnaise! der König will die Béarnaise!“
Die Musikanten setzten erschrocken wieder ab, der Kapellmeister
klopfte. Die Noten seines Einzugsmarsches blieben auf den Pulten, aber
was sie spielten, waren die Klänge des wohlbekannten Gassenhauers.
Die Wirkung war, wie wenn ein höherer Tanzmeister als der König einen
Ball befohlen hätte. Als erster spitzte Nello die edlen Ohren und
setzte sich in Trab. Die andern folgten im engen Zirkuskreis über den
steinichten Marktplatz. Die Amtsherrn durften ihre Blicke nicht von
dem Antlitz ihres dicken Königs wenden; so drehten sie sich mit im
Kreis, als zögen sie die Pferde an einer Schnur und immer stürmischer
um sich herum. Bald mußte der Minister mit der Brille sich an den Hals
der hopsenden Mariette klammern, und der andere griff in die Mähne der
Lisette.
Bis endlich da, wo die drei schweren Baßtöne das Finale einleiteten,
die Vorführung ihrer schönsten Künste begann: der sieghafte Schimmel
Nello mit dem König hinkte schwer und konnte kaum noch fort; die
schwarzbehaarte Sylva mit dem langen Marschall begann zu walzen und
drehte sich wollüstig um den Schimmel im Kreis herum, das gefleckte
Kälbchen Mariette ging wild in seine Hinterbeine, daß der kleine
Minister wie ein Säckchen Hafer an ihm herunter rutschte auf die
spitzen Steine; die braune Lisette fing an zu scharren wie ein
Schatzgräber, und Pierre, der hochbeinige Goldfuchs, brach in die Kniee
und stellte den kleinen Marschall kopfüber auf den Federhut.
Die festlichen Einwohner von Saargemünd mit ihren Amtsherren waren
über diese Aufführung so erschrocken, daß ins Gelächter rund um sie
ein leeres Loch kam. Nur die Musikanten spielten erbärmlich weiter,
bis die drei Läufe endlich den Schlußakkord erreichten und die Pferde
standen. Da erst kam soviel Vernunft in diese Amtsherren, daß sie zum
König sprangen, der wütend von dem sieghaften Schimmel Nello herunter
wollte, daß sie dem kopfstehenden Marschall auf die Füße halfen und dem
sitzenden Minister. Sie mußten auch den andern mit den Gichtfüßen durch
die Kellertür unter der Freitreppe rasch in das Amtshaus tragen, weil
der König vor den Blicken seiner Untertanen dahin eingelaufen war.
Kaum aber war die Tür geschlossen, als ein Spottruf das Gelächter von
neuem weckte. Dem Mourier war ein wilder Einfall gekommen, als er in
der weiten Tasche seines Talars den Blechteller fand. Er lief umher
und hielt ihn hin; und nun war keiner, der den Sou[242] zurückhielt,
und alles schrie und lachte und johlte dem Mourier zu, der mit der
frechsten Miene nachträglich in Saargemünd die längst verdiente Ernte
hielt.
[Illustration]
Dem König mußte wohl der Hohn- und Bravoruf der Menge bedenklich
geworden sein; er hatte sich danach erkundigt und einer von den
Amtsherren war zu dreist im Lügen: von seiner Ungezogenheit beschämt,
riefe das Volk nach ihm. Und er, dem seine dicken Beine noch zitterten
von dem konfusen[243] Ritt, war so verwirrt, daß er mit huldvoller
Gnade auf den Balkon hinaustrat. Da stand der Mourier in seinem grünen
Talar und hielt dem König auch seinen Teller hin, daß die Sousstücke
nach allen Seiten aufs Pflaster klapperten. Und der König, der mit
verstörtem Antlitz heruntersah, den grünen Menschen nicht mehr kannte,
auch sonst die Sache noch immer nicht begriff: er warf ihm eine von den
gefüllten Börsen zu, die er für solche Zwecke stets bei sich trug. Dann
wurde das Getöse auf dem Marktplatz so wild, daß sich der König seinem
Volk ratlos entzog.
Jean Mourier, der Zirkuskönig, schüttete den Teller in seine Taschen,
raffte noch so viel, wie er im Handumdrehen erraffen konnte, pfiff
seinem Schimmel Nello, sprang auf, und ritt mit den fünf edlen Pferden
durch das Gedränge und den Lärm davon. Gleich an der Brücke nahm er
Galopp und rastete nicht, bis er in tiefer Dunkelheit nach Hundlingen
kam. Da brannten wie sonst die Öllampen, und der tapfere Camillo
machte ein armseliges Kunststück nach dem andern. Er ritt mit seinen
nassen Pferden mitten in den Kreis, daß Weiber und Kinder auseinander
kreischten, riß die Deichsel unter den Rädern heraus, und vor den
enttäuschten Augen der Zuschauer von Hundlingen verschwanden Stricke
und Messingstangen, Öllampen und Medenella in dem grünen Wagen, der im
Fackellicht durch den Wald hinauf den nächsten Weg zur Grenze fuhr.
Am andern Morgen war der Zirkus schon im preußischen Saarbrücken. Er
kehrte auch nicht wieder nach Frankreich zurück, als dem Jean Mourier
in Aachen die Nachricht zukam, daß Louis Philipp, diesmal in einer
Mietskutsche, sein undankbares Land verlassen hatte.
[Illustration]
[Illustration]
Karl Schönherr:
Die erste Beicht’.
+Karl Schönherr+, geboren 1867 zu Axams in Tirol, ist durch und
durch ein +Heimatdichter+. Mit Recht hat Peter Hamecher diesen
Poeten aus der Provinz in scharfen Gegensatz gestellt zu den etwas
müden, dekadenten Dichtern der österreichischen Hauptstadt, einem
Hofmannsthal, Schnitzler u. a. Der Arzt und Psychologe Schoenherr
hat schon in der kleinen Sammlung „+Schuldbuch+“ mit bitterem Ernst
und scharfer Beobachtungsgabe Gestalten und Zustände seiner Tiroler
Heimat festgehalten. Bereits hier, mehr aber noch in der vielgelesenen
Sammlung „+Aus meinem Merkbuch+“, tritt uns der liebevolle Beobachter
alles Tüchtigen, Ernsten und Kernhaften entgegen. Früh zeigte sich, daß
seine kraftstrotzende Gestaltungsgabe den Rahmen der Novelle sprengte
und zum +Drama+ hindrängte. Hier erst fand er Erfüllung und rechte
Gestaltung.
Wie derb und wuchtig stehen diese Tiroler Männer und Frauen aus alter
und junger Zeit vor unseren Augen! Gern gönnte man den +Schiller-
und Grillparzerpreis+ diesem Dichter, der es verstand, lebensvolle
Menschengestalten von fast antiker Einfachheit und Größe hinzustellen.
Aber derselbe Mann arbeitete auch mit jener bohrenden Seelenforschung,
die an nordische Schriftsteller erinnert. --
In seinen Schauspielen begegnen uns häufig so recht jungfrische
Lausbuben. Ein solcher ist auch der kleine Held unserer Erzählung. Man
sieht ihn förmlich vor sich, den kleinen Sünder, wie er die Brocken
für seine Beichte zusammenklaubt. Wir begleiten ihn an den Beichtstuhl
des sackgroben Pfarrers und erschrecken mit dem Buben, als urplötzlich
das irdische Strafgericht hereinbricht, just in dem Augenblick, da die
himmlische Vergebung erlangt zu sein schien. Und von ganzem Herzen
gönnen wir dem tückischen Simele seinen „vollgehämmerten Buckel.“
M. G.
[Illustration]
Die erste Beicht’.
Das gehörte zum Schrecklichsten, was der zehnjährige Knirps bisher in
seinem Leben mitgemacht hatte -- die Gewissenserforschung.
Ihr müßt aber nicht glauben, daß ich der Lump dieser Geschichte bin.
Taufen wir also den Buben kurzweg -- „Hansl“, damit das Kind einen
Namen hat.
Die Mutter hatte für den Hansl schon in aller Früh’ beim Krämer einen
großen Bogen Schreibpapier eingekauft, und einen Bleistift Nr. 1.
„Hansl“, sagt sie dann, von der Frühmesse heimgekommen, „da setz’ dich
jetz’ her zum Tisch, mit dem G’sicht gegen das Kruzifix! Da hast
Papier -- hoffentlich langt’s -- und jetzt denk’ einmal ernstlich nach,
was du schon alles getrieben hast! Schreib’ dir’s fein auf, die groß’n
Brock’n und auch die klein’, auf daß du deine Sach’n beinander hast für
die erste Beicht’ heut’ nachmittag! So, jetzt laß i dich allein!“
Dann begab sich die Mutter mit schlürfendem Tritt in die Küche und
hantierte dort herum; aber viel stiller als sonst, um den Gewissen
erforschenden Hansl in der Stube drin ja nicht zu stören.
Also; da sitzt er jetzt, der Hansl! Eigentlich klebt er nur an der
äußersten Kante des Stuhles. Bald nagt er am Bleistift, bald, wenn
ihm ein großer „Brock’n“ einfällt, fährt er sich ins Haar, das wie
Strohgarben aus seinem Kopfe schießt.
Hin und wieder schleifte er mit der aufgestellten Hohlhand blitzschnell
über die Tischfläche und, wohlgemerkt, nie vergebens. Jedesmal zog er
zwischen den sich vorsichtig öffnenden Fingern eine oder auch mehrere
Fliegen hervor, er drückt ihnen heute bloß die Köpfe ein, Flügel und
Füße läßt er in anbetracht der bevorstehenden Beichte ungeschoren.
Wie er nun so seine paar Jahre im Geiste an sich vorüberziehen ließ,
kam ihm der helle Schweiß auf die Stirn. Lumpereien tauchten da vor dem
Hansl auf; grün und blau wurde ihm vor den Augen.
Und dazu machte die Uhr im Kasten:
Wart’ -- wart’ -- wart’ -- wart’!
Am schwersten drückte ihn die getigerte Katze der Pfarrersköchin.
Diese Tigerkatze hatte er vor einem halben Jahre in aller Stille ganz
kunstgerecht stranguliert und den Leichnam im Hühnerstall aufgehängt.
„Wie du mir, so ich dir!“
Denn der Hansl war ein Vogelnarr, eine Katze hatte ihm einmal seine
singende Freude erwürgt. Darum hatte er diesen „Luderviechern“ allsamt
den Tod geschworen.
Hinter dem nahen Holunderstrauch hatte er nach vollbrachter Moritat
gepaßt, bis die Häuserin den Hühnern das Futter brachte. Diese
wutverzerrten Züge und schauerlichen Grimassen der überdickleibigen
Pfarrersköchin mit der kaffeebraunen Warze neben der Nase -- o, da
überläuft heute noch den Hansl ein wonniges Gruseln.
.... Dem Stangenbauer seinen Peitschenstiel abgebrochen... schrieb er
weiter auf den Sündenzettel.
.... Dem Innsbrucker Boten zwei volle Kornsäcke angeschnitten...
.... Der Mutter mit einem Strohhalm die Milch aus den Schüsseln
gesaugt...