Se fohrt no den Horz hen, Stürmann, ober dor kunn se inne Gang[199]

keen Riem op sinnen, sä se, dorum hett se Tirol schreeben. Kummt ok

jo nich so genau op an, sä se, is jo bloß forn Stürmann, wennt forn

Koptein weur, denn weur dat wat anners. Se wull dor noch een Vers to

moken, ober do fleut de Tog un se muß moken, dat se man mitkeem. Wat

seggt ji dorto?“

„Nix,“ sä de Stürmann.

„Feuhlt ji denn nu gorkeen Reue?“ frog de Koptein.

„Ne,“ sä de Stürmann, „mi freit, dat ik ehr jeden Obend een opdrückt

heff.“

„Wat dat anbelangt, Stürmann,“ antwor de Koptein, „ik heff ok een

Seuten von ehr kregen.“

„Dat is nich wohr!“

„Doch ist wohr. Se sä, se harr den falschen Tees Sanner so veel Seute

geben, nu wull se ok eenmol mol den richtigen küssen. Se wull ok eenmol

mol een +Kopteinsseuten+ hebben. Un den hett se kregen, Stürmann,

Junge, dat weur een Seuten.“

„Verdori,“ reep de Stürmann, „wenn dat wohr is, denn lot ehr man

reisen, de ole Zippel de.“

„Schalotte heet se.“

„Och wat, Schalotten un Zippeln[200] heff ik noch nie uteenannerkennen

kennt,“ sä Odje, denn kek he sien Koptein ernsthaftig an: „Von eenen

verheiroten Mann, de bald Großvadder warrn will, harr ik sowat

egentlich nich dacht.“

„Ik ok nich,“ lach Tees Sanner, „ober scheun weurt doch, Stürmann. Segg

dor man bloß mien Froo nix von, wenn wi no Hus komt. Un nu lot uns man

wedder Holt löschen.“

„Jo, jo,“ sä Odje un gung wedder an Deck. „De ole Zippel,“ brumm he in

sik rin un spee öber de Reeling, gliek noher dä em dat ober leed un he

kek no de leddige Bank unner de Bäum hen un flüster: „Schalotte!“

Un he wisch sik öber de Ogen un nehm dat Löschen wedder op den Kieker.

„Markst Elefanten?“ freug de een Jantje den annern.

„Ne, Müs,“ sä de anner, „ik gläuf, uns Stürmann is eben kielholt[201]

worden.“

„Wat hefft ji dor ümmer to preestern[202]?“ schull[203] de Stürmann,

„arbein, arbein, dat wi klor ward un ut düt verdreihte Lock rut komt!

Hier kann een jo verrückt warrn!“

[Illustration]

Rudolf Presber:

Die vierundsiebzigste Nacht.

+Rudolf Presber+ ist am 4. Juli 1868 in Frankfurt a. M. geboren und

lebt heute in Berlin-Grunewald. Wie sein großer Landsmann Goethe

entstammt er einem literarisch gebildeten Hause. Früh waren beide

als Dichter tätig, auch sind sie lebenslang Verehrer des schönen

Geschlechtes gewesen. Aber darin ist der liebenswürdige Rudolf Presber

doch himmelweit verschieden von seinem großen Landsmann, daß 90 Prozent

seiner Werke humoristisch sind. Zweifellos besitzt er ein starkes

Formtalent. Die fröhlichen Kinder seiner Muse danken ihren großen

Erfolg dem flotten, frischen Erzählungston, der warmherzigen Gesinnung

und nicht zum wenigsten jenem +goldenen Humor+, der ihm „Lebensäußerung

und nicht Geschäft ist“, wie es in einer seiner Novellen heißt. Manches

feine, kluge Wort ist ihm in Vers und Prosa gelungen.

Im Mittelpunkte seiner Novellen steht oft ein wunderlicher Kauz, vom

Schicksal arg zerzaust, vom Dichter mit Liebe und Nachsicht behandelt.

Eine solche Figur ist auch der unbekannte „berühmte“ Dichter unserer

Novelle. Mit feinsinniger Satire geißelt er die Durchschnittsverehrung

deutscher Dichter im sinnigen Stil unserer Zeit und verfolgt damit

Gedanken und Ziele, wie sie der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

besonders nahe liegen. Das Studentische ist mit Behagen und leichter

Ironie dargestellt. Fast möchte man annehmen, daß ein persönliches

Erlebnis des Dichters dahintersteht. Und köstlich wird das Ganze

umrahmt von dem Gedanken aus der 74ten Nacht im orientalischen Märchen.

M. G.

[Illustration]

Die vierundsiebzigste Nacht.

Der fünfte Kalif aus dem ruhmreichen Geschlechte der Abassiden war

Mehdis kluger Sohn Harun al Raschid.

Im Morgenland wissen sie noch viel von ihm zu berichten. Alle erzählen

von ihm, von dem simplen[204] Kameltreiber bis hinauf zum Statthalter,

der im Namen des Schattens Gottes Recht spricht.

Aber auch im Abendlande, das er selbst nie gesehen, nur mit

Gesandschaften beglückt hat, kennt man ihn. Nicht als mächtiger Herr

von Bagdad, nicht als gewaltiger Kriegsheld, der dem byzantinischen

Kaiser den Tribut[205] abtrotzte, nicht als Freund Karls des Großen

wäre sein Bild auf unsere Tage gekommen, wenn nicht jene schönen

arabischen Erzählungen so gern von ihm handelten, jene wunderbare

Sammlung von Märchen voll Geist, Witz und Farbenpracht, die unter dem

Namen „Tausend und eine Nacht“ bekannt ist.

In den seltsamen Geschichten, die die liebliche Sultanin Schehersad

dem grausamen Sultan Scheherban erzählt, die Mordlust des Tyrannen

einzuschläfern, kehrt sie immer wieder, die sympathische[206] Gestalt

des großen Kalifen, der so gerecht wie klug war. Typisch[207] für die

Art, wie sich die braunen Wüstensöhne unter den schattenden Palmen der

Oase bei Datteln und Hirsebrot gern das Bild ihres größten Fürsten

heraufbeschwören, ist Schehersads Erzählung in der vierundsiebzigsten

Nacht, in der das wunderliche Märchen von den drei Äpfeln und der

zerstückelten Frau beginnt.

„Man behauptet, o König der Zeit und Herr der Äonen“[208], so fängt

Schehersad in jener Nacht ihre Geschichte an -- „der Kalif Harun al

Raschid habe in der Nacht einmal seinen Wesir Djafar rufen lassen und

ihm gesagt: Wir wollen miteinander in die Stadt gehen und hören, was

es in der Welt Neues gibt. Wir wollen die Leute über die Urteile der

Richter ausfragen und den absetzen, über welchen man sich beklagt, und

den belohnen, den man lobt....“

-- -- -- Mir fällt dabei nur eine kleine Geschichte ein, die einige

Ähnlichkeit hat mit manchem Abenteuer des großen Kalifen Harun al

Raschid, der unerkannt als geringer Mann verkleidet durch die Straßen

von Bagdad ging und lauschte und erfuhr, was das Volk über ihn dachte.

Und wenn ich so lächelnd an jenes seltsame Begebnis zurückdenke, dann

will’s mir vorkommen, als ob jeder von uns, wenn er nur lange genug

atmet, +seine vierundsiebzigste Nacht+ erleben könnte.

Man muß das für keine Absurdität[209] halten, was ich da sage. Ich

weiß sehr wohl, daß -- schlicht arithmetisch[210] genommen -- die

„vierundsiebzigste Nacht“ den Menschen noch als Säugling trifft,

der mehr oder minder rasch und reinlich seine Milch verdaut und für

die Geschehnisse der Außenwelt stumpf, blöd und ohne Teilnahme ist;

obschon die Mutter -- aber auch +nur+ die Mutter -- bereits ein

gewinnendes, verständnisinniges Lächeln zuweilen bei ihm bemerken will.

Ich fasse also die vierundsiebzigste Nacht -- das sei allen Wortreitern

und Silbenstechern angemerkt -- im übertragenen Sinne, im Geist des

Märchens vom Kalifen Harun al Raschid...

Es werden jetzt bald zehn Jahre, da stand ich an einem beträchtlich

kalten Novemberabend auf dem Perron[211] des Bahnhofs meiner

süddeutschen Vaterstadt und wartete auf den würdigen Hans Eduard

Meßmann, wartete auf ihn mit dem ganzen freudigen Enthusiasmus[212],

den meine Jugend und zwei Glas eben in der Restauration genossenen

Grogs mir verliehen.

Hans Eduard Meßmann stand damals -- so sagten die Zeitungen -- auf der

Höhe seines Ruhmes.

Er selbst sah die Sache anders an. Er wußte, daß sich bald

vier arbeitsreiche Jahrzehnte sein liebes Vaterland und dessen

gebildetes Publikum, für das er seine formvollendeten Epen und seine

gedankenreiche Lyrik geschaffen, herzlich wenig um ihn bekümmert hatte.

Besonders kluge und belesene Leute hatten ihn „stets geschätzt“. Er

hatte glühende Verehrer, aber sie glühten im stillen. Die Buchhändler

bliesen den Staub von den Bücherreihen auf den höchsten Regalen unter

der Decke, wenn man nach ihm fragte. Die Inhaber von Leihbibliotheken

zuckten bedauernd die Achseln: „Wird zu wenig gefragt.“ Und Professoren

der neueren Literaturgeschichte schrieben seinen Namen nicht immer

richtig, wenn sie ihn zu irgend einer Denkmalsspende oder einem

patriotischen Aufruf heranziehen wollten.

Da kam sein siebzigster Geburtstag.

Wer es war, der Jahreszahl und Datum richtig entdeckte, bleibt

dahingestellt. Jedenfalls es stimmte, Hans Eduard Meßmann wurde in

jenem November siebzig Jahre alt.

Es bildete sich rasch ein Komitee[213].

Das ist das Schöne und Zuversichtliche bei uns Deutschen: man kann

nicht immer wissen, was sich etwa sonst noch in der Zukunft bilden

wird. Aber +eins+ ist sicher: +Komitees werden+ sich bilden. Mit

einem ersten Vorsitzenden, einem zweiten Vorsitzenden und einem

Schriftführer. Mit Leuten, die viel reden und wenig bezahlen; und mit

anderen Leuten, die sehr viel bezahlen und den Mund zu halten haben.

Nach diesem altbewährten Rezept, das der Deutsche mindestens so heilig

hält, wie die frommen Karthäuser der Grande Chartreuse[214] das

ihrige, bildete sich auch ein Komitee für die Feier des siebzigsten

Geburtstages Hans Eduard Meßmanns, der, wie der schwungvolle Aufruf

zur Teilnahme besagte, „in einem arbeitsreichen Leben die geistigen

Schätze der Nation liebevoll gemehrt und durch seine unvergleichliche,

echt deutsche Kunst, durch den Wohllaut seiner Lieder und die tiefe

Bedeutsamkeit seiner epischen Gesänge sich die dauernde, heiße

Dankbarkeit des Volkes erworben, das ihn voll Stolz aus seiner Mitte

hervorgehen sah“.

Es war ein wirklich sehr schöner Aufruf. Und ein sehr schönes Komitee

mit einem ersten Vorsitzenden, mit einem zweiten Vorsitzenden, mit zwei

Beisitzern und zwei Schriftführern.

[Illustration]

Nach mehrwöchentlichen Beratungen war man übereingekommen, des

großen Hans Eduard Meßmann siebzigstes Wiegenfest in dem kleinen

Odenwaldstädtchen zu feiern, das seine Heimat war und das er in seinem

reizvollen Idyll „Die silberne Quelle im Odenwald“ in Sohnestreue

verherrlicht hat.

Auch Verhandlungen, sein bescheidenes Geburtshaus anzukaufen, wurden

eingeleitet. Ein Bankier aus der Bukowina zeichnete den Löwenanteil

der dazu nötigen Summe. Leider stellte sich später heraus, daß man das

verkehrte Haus in der Melibokusstraße gekauft hatte, nämlich Nr. 15

statt 17; ein baufälliges Haus, in dem der Schwamm war, und das nachher

mit einem nicht unbedeutenden Verlust wieder veräußert werden mußte,

was der verärgerte Bankier aus der Bukowina in einer stilistisch nicht

einwandfreien, aber sonst recht groben Erklärung mit seinem Austritt

aus dem Komitee beantwortete.

Der Glanzpunkt der Feier sollte ein Fest im „Roten Ochsen“ eben jenes

Odenwaldstädtchens sein. Fünf Gesangvereine hatten ihre Mitwirkung

zugesagt; und es wäre zu befürchten gewesen, daß +ein+ Tag für all

die Gesangsvorträge gar nicht genügt hätte, wenn nicht in letzter

Stunde drei beleidigte Vereine abgesagt hätten, weil man ihnen das

„deutsche Lied“ von Kalliwoda vom Programm gestrichen hatte. Das sangen

nämlich die anderen beiden Vereine auch; und man befürchtete, daß es

den siebzigjährigen Jubilar allzusehr anstrengen werde, fünfmal das

„deutsche Lied“ von Kalliwoda zu hören.

Außerdem sollten einige zwanzig Adressen überreicht werden. Die

Vorsitzenden von siebzehn literarischen Gesellschaften hatten sich zu

Huldigungsansprachen gemeldet. Der Bürgermeister hatte eine längere

Rede zugesagt. Einige Professoren der benachbarten Universitäten und

neun studentische Deputationen[215] wurden erwartet. Für die Festtafel

waren elf offizielle[216] Reden vorgemerkt. Einunddreißig Tischlieder

waren eingegangen, von denen aber nur neunundzwanzig auf Büttenpapier

gedruckt wurden. Eins war offenbar von einem Irrsinnigen; und ein

anderes erwies sich als das freche Plagiat[217] einer Klopstockschen

Ode, an der nur kleine, nicht einmal geschmackvolle Änderungen

vorgenommen waren.

Alles in allem, es mußte sehr festlich werden.

..... Ich stand auf dem Perron[218] und wartete auf den gefeierten

Dichter.

Ich zog noch einmal die Postkarte von heute Morgen hervor und las

im Schein einer flackernden Laterne -- damals war noch nicht alles

elektrisch! -- seine ehrenden Worte.

„Lieber junger Freund! Ich weiß, Sie fahren auch nach M., wo ich

‚gefeiert‘ werden soll. Mir graut ein wenig davor. Aber schließlich:

ich darf die vielen Wohlmeinenden nicht um ihre Freude bringen, wenn

auch ich selbst solchem fieberhaft ausbrechenden Enthusiasmus etwas

mißtrauisch gegenüberstehe. Kommt hinzu, es ist böse Jahreszeit; die

Zugverbindung ist schlecht; und ich -- bin siebzig Jahre. Niemand

weiß, daß ich schon heute abend dorthin reise. Aber morgen Bahnfahrt

und Feier wäre mir zuviel. Wollen Sie mir einen großen Gefallen tun?

Bilden Sie als einziger die Leibgarde des ‚triumphierenden Cäsar‘,

zu deutsch: fahren Sie auch schon am Abend und lassen Sie mich unter

dem Schutz Ihrer jüngeren Kraft dem ersten, vielleicht letzten Fest

entgegenfahren, das mir meine zahlreichen, bis heute im verborgenen

blühenden Verehrer spät, aber herzlich in meinem Vaterstädtchen

bereiten wollen...“

Es stand noch einiges von wehmütiger Freundlichkeit klingende auf dem

Blatt. Aber ich kam nicht weiter im Lesen.

Da war er!

In einen warmen, verschnürten Pelzrock gehüllt, der schon manches Jahr

gedient haben mochte, eine etwas altmodische Reisetasche in der Hand,

stand er vor mir. Sein gepflegter Patriarchenbart[219] schien mir noch

weißer, noch ehrwürdiger geworden zu sein in den letzten Wochen. Der

Jubilar war sichtlich etwas nervös erregt.

„Ich habe schon geglaubt, ich komme zu spät. So was von einem Kutscher.

Und +dieses+ Pferd -- ich glaube aus +meinem+ Jahrgang. Jung gewesen

sind wir bestimmt zusammen. Es ist übrigens lieb, daß Sie gekommen...

nein, nein, ‚natürlich‘ ist das durchaus nicht! So ein alter Mann als

Handgepäck ist lästig. Aber ich werde sehen, daß ich mich brav halte.

Ist’s Ihnen recht, so nehmen wir ‚+Nichtraucher+‘. Ich kann nämlich

seit Jahren nur noch den Dampf von Zigarren vertragen, die ich selbst

rauche... Schaffner, bitte, haben Sie ein leeres ‚Nichtraucher‘?

Zweiter, ja. Vielleicht einen Wagen, der nicht zu sehr stößt.“

„No, wir könne wege +Ihne+ nicht dem Herzog von Cambridge sein

Salohwage[220] einstelle,“ erklärte der Grobian im breiten Dialekt

meiner Heimat.

Ich schämte mich für ihn. Er wußte nicht, +wen+ er da so barsch anließ.

Er hatte offenbar das Zirkular[221] nicht bekommen.

Als wir saßen, stellte der große alte Mann die Heizung sofort auf „Sehr

heiß“.

„Siebzig Jahre brauchen Wärme, junger Freund. ... Wissen Sie, ich bin

hauptsächlich deshalb heute abend gefahren -- ich schrieb’s Ihnen schon

--, weil morgen der ganze Festtrubel -- ich fürchte, es wird arg! --

sich in den einzigen Frühzug ergießt. Und dann, wissen Sie, ich kenne

die Leute fast alle nicht, die da kommen werden. Und die wenigsten

kennen mich persönlich. Beim Bankett[222] -- na ja, da werd’ ich unter

Bekannten sitzen. Aber in der Bahn, was soll ich mit den Leuten reden?

Ich werde auch -- uah -- sehen Sie, da haben Sie’s schon, ich werde so

leicht +müde+ beim Fahren -- uah -- dieses Geschuckel und das dumpfe

halbe Licht.. nehmen Sie mir’s nicht übel, wenn ich ein bißchen ...

schlafe?“

„Aber, Meister, nein, o nein! Wo denken Sie hin -- --“

Er hatte meine Erlaubnis nicht abgewartet. Er schlief schon. Er

schnarchte sogar. Recht kräftig für einen Siebzigjährigen.

Zu Anfang dieser Fahrt hatte mich nur der +Stolz+ beseelt. Ich, ich

allein fuhr mit diesem berühmten Mann zu seinem Ehrentag! Morgen

würde der Telegraph zweifellos aller Welt verkündigen, wie er geehrt

wurde von Vertretern der Nation. Vielleicht kam einer, dem besonders

reichliche Depeschenspesen bewilligt waren, auf den preiswerten

Einfall, zu drahten: „Wie ich erfahre, traf der gefeierte Jubilar schon

mit dem Nachtzug in seiner Heimatstadt ein. Inkognito[223] und nur

begleitet von dem sympathischen jungen Schriftsteller...“

Ich fuhr mir stolzbeglückt durch die Haare, die ich mir damals

noch wöchentlich einmal brennen ließ. Der „sympathische junge

Schriftsteller“, der war also ich!

Ich nahm mir vor, sehr freundlich mit allen Leuten zu sein, in deren

Besitz ich Depeschenformulare vermutete...

Allmählich wurde es unerträglich heiß im Coupé[224]. Eine trockene,

atembenehmende Hitze. Ich neige gar nicht zum Transpirieren[225],

aber im Verlauf von einer halben Stunde war ich, mit Respekt[226] zu

vermelden, so naß wie ein Biber, der aus dem Wasser kommt.

Der große alte Mann vertrug offenbar die Hitze sehr gut. Er schlief mit

offenem Mund und schnarchte.

Sonst beneidet das Alter die Jugend um ihren Schlaf. Diese Umkehrung

der Regel war mir peinlich.

Der Zug hielt.

Ich sah hinaus, es war die Universitätsstadt Altburg. Auf dem Perron

gewahrte ich bunte Mützen. Grüne, blaue und violette. Auch ein paar in

Wachstuch gehüllte Fahnen. Bärtige Verbindungdiener liefen hin und her.

Einer riß die Coupétüren auf.

„+Hier+, meine Herren, ist viel Platz. Es sitzen nur +zwei+ Herren

hier.“

„Na, Tönnchen, denn mal rin ins Vergnügen! Wenn’s +dich+ aushält,

kommen wir auch mit!“

„Tönnchen“ wurde mit vielem Jubel hineingeschoben. Er machte seinem

Kneipnamen Ehre und hatte zwei Bänder auf der gewölbten Brust, die mit

seinem kräftig karierten Anzug eine etwas üble Farbensymphonie[227]

ergaben.

Es erwies sich, daß man „Tönnchen“ zu heftig geschoben hatte. Er mußte

sich an etwas halten; und es lag in der ungünstigen Platzverteilung,

daß dieses Etwas das friedliche Gesicht des immer noch schlafenden

Jubilars war.

„Bitte tausendmal um Vergebung...“

Tönnchen entschuldigte sich bei dem Erwachenden durchaus als

Kavalier[228]. Dann donnerte er hinaus: „Der Fuchs, das heimtückische

‚Herzblättchen‘, hat absichtlich zu feste geschoben. Fuchsmajor, laß

mir den Kerl heut’ abend mal zwölf Ganze spinnen. +Dir+ will ich

helfen, Jungchen!... Na, Wolfram von Eschenbach, willst du etwa auf dem

Perron übernachten?“

„Ne, ne! Vorgestern in der Kegelbahn, heute auf’m Perron -- danke...“

„Du, Leibfuchs, sieh doch mal auf meiner Bude nach, da muß noch ein

Brief an meine alte Dame liegen. Der ist wichtig. Wirf ihn ein. Kleb’

aber erst ’ne Groschenmarke auf. Du darfst sie dir von deinem nächsten

Wechsel abziehen.“

„Einsteigen, Mohrenfürst, einsteigen!“

„Ist der Friedrich mit der Fahne in der ‚Dritten‘?“

„Ja. Er hat sich natürlich schon mit dem Zugführer in den Haaren. Die

rote Mütze regt ihn auf.“

„Du, +das+ sag’ ich dir, Leibfuchs, wenn mich morgen bei der

Feier deine Lackstiefel drücken, dann telegraphier’ ich dir einen

Bierjungen!“

„Du, Sophokles, halt’ den Köter fest. Ich kenn’ ihn; im letzten

Augenblick springt er rein. Führ’ ihn morgen ’n bißchen spazieren,

ja? Und erzähl’ ihm von mir. Er hört’s gern. Du, und dann, Sophokles,

er ist mit dem Magen nicht ganz in Ordnung. Gib acht, daß ihm die

Hessen-Friesen morgen beim Frühschoppen nicht wieder ein rohes

Beefsteak dedizieren[229]. Ja? Das machen sie immer, und er kann’s

nicht vertragen.“

„Tönnchen, vergiß nicht, grüße den rasenden Roland von mir. Der ist

sicher dort. Er hält sich für einen deutschen Dichter, seit die

‚Fliegenden‘ einen Gedankensplitter von ihm honoriert[230] haben.“

So ging das hin und her.

Es war ersichtlich: das war eine Deputation zum siebzigsten Geburtstag

Hans Eduard Meßmanns.

Ich weiß nicht, warum mir bei dieser Erkenntnis unbehaglich zumute

wurde. Aber es wurde mir so.

Die drei jungen Leute, die da mit Kappen und Bändern zu uns einstiegen,

waren ja sonst ganz nett und frisch. „Tönnchen“ jovial-fidel[231];

„Wolfram von Eschenbach“ ein wenig müdmodern mit einem Stich in den

Patentfatzke; „Mohrenfürst“ mit besonders dunklem Teint[232], der ihm

seinen Kneipnamen verschafft haben mochte, und frischen Schmissen, die

einen heftigen Jodoformgeruch verbreiteten.

Als sich eben der Zug in Bewegung setzen wollte, kam noch ein

behäbiger, älterer Mann mit einer jungen Dame gesprungen.

„Freund Silen, hurra! Der Pflegevater des Dionys fährt auch mit!“

jubelte der Fuchs, der Tönnchens Köter, einen Hund von vielen Rassen,

an einer knallgelben Lederstrippe führte.

„+Evoë Bacche[233]!+“ ließ sich die ganze Mützenversammlung vernehmen.

„+Hier+ herein, würdiger Herbergsvater!“ entschied Tönnchen.

Und er stieg ein, jubelnd begrüßt, der dicke alte Herr, pustend wie

ein Böcklinscher Meerkentaur[234]. Mit ihm das Töchterchen, reizlos,

wie ein Bügelbrett, aber mit dem gewinnenden Lächeln, das viele

Wirtstöchterlein im Beisein deutscher Musensöhne so anmutig kleidet.

Es war großes Hallo in unserm Wagen, als sich der Zug in Bewegung

setzte. Es ergab sich aus all dem Ulk und Gerede, daß „Silen“ ein

beliebter Weinwirt in Altburg war, und daß die Herren Studenten --

besonders Tönnchen und der Mohrenfürst -- sehr gut mit ihm standen.

Ich hatte mich neben den Jubilar, der inkognito reiste, gesetzt. Auf

größere Entfernungen hätten wir uns nicht mehr verständlich machen

können.

[Illustration]

„Mir scheint, diese Studenten sind eine Deputation zu Ihrem

Jubiläum“, sagte ich so leise, als es eben anging.

Der Dichter nickte, aber er sagte nichts.

„Kinder, hier ist aber eine Hitze, um einen Storch zu braten!“ Mit

diesen Worten ließ Tönnchen das Fenster herunterrasseln.

Der Jubilar zog seinen Pelzkragen hoch. Aber er sagte noch immer nichts.

„Na, alter Silen, fahren Sie +auch+ etwa..?“ Der Mohrenfürst schien das

nicht annehmen zu wollen.

Der Silen aber nickte eifrig. „Ja, ja. Zu dem großen Zauber! Meine

Tochter hat so gequängelt; na, und denn, man lernt auch immer was für’s

Geschäft...“

„Das sind doch noch Grundsätze,“ lobte Tönnchen, indem er dem Silen

kräftig aufs Bein schlug. „+So+ hab’ ich’s gern. Werden Sie denn auch

’ne +Rede+ halten, was?“

Silen, der offenbar leicht zu belustigen war, wollte sich ausschütten

vor Lachen bei diesem Gedanken.

„Ich -- eine Rede? Puh -- was sollt’ ich da wohl sagen?“

„Na, Sie wissen doch,“ sagte Wolfram von Eschenbach ganz ernsthaft,

„daß von diesem alten Hans Eduard Meßmann das schöne Lied von der

‚Wacht am Rhein‘ ist?“

Silen sah etwas unsicher nach seiner Tochter. Die hatte einen roten

Kopf und lächelte.

„Ja --“ sagte er schließlich, „natürlich. Der Mann hat seine

Verdienste!“

„Die hat er,“ bestätigte Tönnchen im Tone eines Leichenredners.

„Wenn ich bloß wüßte, was er +außer+ der ‚Wacht am Rhein‘ noch gemacht

hat?“ Der Mohrenfürst sah sinnend vor sich hin. „Und dann: ist

eigentlich der Text oder die Musik von ihm?“

Nun platzten die beiden los.

„Erlaubt mal,“ wehrte der Mohrenfürst ärgerlich. „Das geht mich doch im

Grunde auch gar nichts an. Ich bin doch Jurist.“

„Bist du auch sicher?“ ulkte Wolfram von Eschenbach. „Ich dachte, du

wärst für Sanskrit[235] und gotische Grammatik eingeschrieben?“

Tönnchen war selig. „Er ist Jurist!“ jubelte er. „Er hat auch bereits

‚juristische Medizin‘ gehört. Ich glaube, Mohrenfürst, du bist ein

‚Heimlicher‘! Du steigst am Ende übermorgen, wenn wir zurückkommen, vom

Trittbrett direkt ins Examen, was?“

„Na Gott, ja, Tönnchen, du hast deinen witzigen Tag. Zugegeben,“

schmollte der Mohrenfürst. „Aber gut wär’s doch, wenn wir etwas von dem

alten Meergreis wüßten, den wir feiern sollen.“

„Erlaube mal, das ist unlogisch[236]. Man feiert am besten, wenn man

+gar nichts+ weiß. Wissen ist schon Kritik[237]. Und alle Kritik ist

der Gegensatz des Feierlichen.“

„Hand aufs Herz,“ bestätigte Wolfram von Eschenbach, „ich weiß von der

ersten Liebe meiner Urgroßmutter väterlicherseits genau soviel wie von

dem Jubelgreis.“

„Das heißt“ -- Tönnchen zwinkerte listig mit den Augen -- „bis auf die

‚Wacht am Rhein‘!“

„Ja, natürlich. Na, +das+ weiß jeder.“ Und dann, zu dem begierig

lauschenden Silen gewandt: „Es soll zuerst ein Roman gewesen sein --

die ‚Wacht am Rhein‘ -- nachher hat er ein Volkslied draus gemacht.“

„Ja, das ist gut,“ meinte der Weinwirt tiefsinnig. „Man merkt sich’s

+so+ besser. In Versen ist besser.“

„Richtig!“ billigte Tönnchen den weisen Ausspruch.

„Aber --“ Wolfram von Eschenbach hatte eine Idee. Er rückte näher zu

der Tochter Silens und vollendete mit seelenvollem Augenaufschlag: „--

aber vielleicht weiß das Fräulein besser Bescheid. Willst du genau

erfahren, was alles in der Welt erdichtet wird, so frage nur bei edlen

Frauen an, sagt Schiller...“

„Goethe!“

Der Jubilar hatte es ganz ruhig, aber laut vor sich hingesprochen.

Eine kurze Stille.

Deutsche Humoristen, 8. Band (von 8) · 第 2 / 6 段