Die, wohl zur Freude Aller, selbst den Sang
"Agnoscat omne saeculum" anstimmte,
Und glockenhelle aus der Brust es klang,
Als ob die Seele, frei von ird'schem Ringen,
Sich jubelnd auf zum Himmel wollte schwingen.
Als endlich allgemach der Winter nordwärts rückte
Und, fern aus Süd', der Frühling näher kam,
In Hof und Haus die Arbeit täglich mehrend,
War, gleich dem Schnee, verschwunden auch der Gram;
Die heimlich blaßgehärmten, zarten Wangen
Erblühten mälig aus, wie Rosenprangen.
Und nun der Lenz gekommen, pflegte Elsbeth wieder
Von Kunz begleitet, der ihr Körblein trug,
Am Fuß des Bergs die Hütten aufzusuchen,
Drin' sie, wie früher, nach den Armen frug,
Um mild des Körbleins Inhalt zu verwenden,
Bresthaften Hör'gen Speis und Trank zu spenden.
War sie mit diesen fertig, kam der Kinder Reihe.
Für jedes hatte sie ein freundlich Wort;
Auch fehlten nicht die Schäflein in dem Täschchen,
Denn eher ließen jene sie nicht fort,
Sie konnte stundenlang bei ihnen weilen,
Froh Scherz und Kurzweil mit den Kleinen theilen.
Am liebsten jedoch suchte sie in seinem Stüblein
Den Kaplan auf, der meist am Fenster saß,
Es heißt der Platz noch jetzt "des Herren Bänklein,"
Wo er, zur Abwechslung, mit seinem Glas
Im Thal des Reiches Straße observirte,
So schon zur Römerzeit im Gau fortführte.
Wie vormals lauschte jetzt die Leidgeprüfte willig
Dem Kaplan; faßte dessen Lehre nun:
Daß dem alleine es nur sei beschieden,
In wahrem Gottesfrieden traut zu ruhn,
Der, klüglich wählend, ird'schem Glück entsage,
Mit eitler Weltlust nicht die Sinne plage.
Gab es denn Zweifel noch an solcher Worte Wahrheit,
Seit sie an sich erfuhr, wie schmerzlich jach
Das Schicksal ihren schönsten Traum zerstörte,
Gleich jenem Glase, das in Scherben brach?
Mußt' sich dem Herzen nicht der Wunsch enthüllen,
Was Benno lehrt, auch gläubig zu erfüllen? --
Im stillen Kloster, wie der Vater längst dies wollte,
Erhoffte Gottergebnen Sinn's die Maid
Für sich ein Glück, das Lebenslang genügte,
Nicht endete in bitterm Herzeleid;
Dies schöne Ziel in Bälde zu erlangen,
War nun der Frommen einziges Verlangen.
Wohl lag es schwer und bang auf ihrer jungen Seele.
Von Haus und Heim zu scheiden ging ihr nah',
Als eines Tags, vom Vater nur begleitet,
Mit jedem Schritt sie immer ferner sah,
Des Schlosses Thürme hinter sich versinken,
Die letzten Grüße noch zum Abschied winken.
Der Trennung herbstes Weh empfand die Jungfrau aber,
Als, unweit Riedern, wo der Weg abzweigt,
Zum Punkt sie kamen, da dem scharfen Blicke
Der Schloßberg sich ein letztes Mal noch zeigt;
Nach rückwärts schauend, mußte hier in Thränen
Die Scheidende sich an den Vater lehnen.
Und, selbst erschüttert von dem Leid der Tochter, hatte
Herr Heinz sie dort gewähren lassen, eh'
Sein tröstend Wort die Schluchzende ermahnte,
Sich nicht zu überlassen solchem Weh',
Da einer Heimat auf der Spur sie wäre,
Von wo kein Abschied mehr das Herz beschwere.
Nach einer weitern Rast, am Fall des Rheins gehalten,
Ging's dann auf müden Rossen allgemach
Schaffhausen zu, das sie auch bald erreichten.
Hei! sahn die Burger hier dem Fräulein nach
Und wollten schier dem eignen Blick nicht trauen,
Im Bann der Stadt so schöne Maid zu schauen.
Die Schöne freilich war am nächsten Tag Novize
In Sankt Agnesens frommer Frauenschaar.
Des Vaters Bruder hatte, weil er damals
Des Stiftes wohlbestellter Propstherr war,
Schon vorher dafür Sorge tragen müssen,
Daß Oberin und Schwestern gern sie grüßen.
Ein letztes Stücklein Reben, das um Elsbeths willen
Der Vogt seit Jahren unverpfändet ließ,
Es ward ihr Seelgerett', dem Stift zu eigen
Auf ew'ge Zeiten, wie's im Briefe hieß;
Doch sollte dieses, nach kaum hundert Jahren,
Was Menschen ewig nennen, bös erfahren. --
Zufrieden sah sich Elsbeth so am Ziel des Wunsches,
Den ihre Seele sehnlich noch gehegt,
Seit holdern Wunsch ihr jählings ward vernichtet,
Der Blume gleich, von Reif und Schnee belegt;
Wenn anfangs etwas ihr am Herzen nagte,
War es das Heimweh, was sie leise plagte.
Nach etlich Wochen aber war auch dies bezwungen:
Sie widmete als Nonne nun ihr Thun
Und Denken freudig den gebotnen Pflichten;
Der Schwestern Jüngste ließ es sie nicht ruhn,
Gebet und Arbeit stets vereint zu pflegen,
Im frommen Haushalt tüchtig sich zu regen.
Ihr unmerklich war Jahr auf Jahr dahingeschwunden,
Indeß sie selber täglich im Vertrau'n
Der Ob'rin zugenommen, so daß diese
Der Schwester, als der Klügsten von den Frau'n
Im Stifte, das Amt der Kust'rin übertragen,
Mit der sie Rathes pflog in heiklen Fragen. --
Als ob dem Menschen nicht die ganze Welt zu eigen,
Baut jeder sich noch eine eigne drin',
Gestaltend sie nach seinem besten Können,
Entfremdend ganz, was außer ihr, dem Sinn.
Er fühlt sich wohl nur im gewohnten G'leise
Der selbst gezognen, oft gar engen Kreise.
So ging es auch der Nonne. Uralt dumpf Gemäuer,
In welches selten mal die Sonne schien,
War ihre Welt in der sie, emsig waltend,
Längst nicht mehr achtete der Jahre Fliehn.
Sie lebte im Bewußtsein: Glück und Frieden
Sei reich vom Himmel ihr schon hier beschieden.
Und doch -- ein wunschlos Glück war's nicht, was ihr erblühte.
Wer dürft' auch rühmen, daß ihm dies gelacht
Nur eines Tages kurz gemess'ne Stunde?
Wem bliebe nicht, vom Glücke selbst entfacht,
Ein letzter Wunsch stets, der das wieder raubte,
Was glücklich schon man zu besitzen glaubte? --
Es wohnte in der Schwester Brust ein heimlich Etwas,
Das zu bezwingen sie hielt nicht für Pflicht,
Das aber immer, wenn der Burger Kindlein
Zum Hochamt kamen, mit den Aeuglein licht
Durch's Gitter luegten, wo die Nonnen sangen,
Von neuem nahm der Kust'rin Sinn gefangen.
Der Kindlein Anblick rief zu jeder Zeit der Guten
Die Sehnsucht wach: doch wiederum ein Mal
Mit ihnen plaudern und sie kosen dürfen,
Zu spiegeln sich in heller Aeuglein Strahl;
Wenn auch für Stunden nur, sich zu gewinnen
Der kleinen Herzen unverfälschtes Minnen.
Sie fand kein Unrecht darin, diesen Wunsch zu hegen,
Ihm zu gestatten, daß er Keime trieb
Und stetig wuchs; ein letztes Glückverlangen,
Das heimlich noch der keuschen Seele blieb,
Sie hold umwob im angebornen Sehnen,
An Kindesherz das eigene zu lehnen.
Dem Wunsche selber fehlte freilich jede Hoffnung,
Daß mehr er werde, als ein schöner Traum.
Es schied des Chores Gitter gar zu neidisch
Die Lieblinge und sie bemerktens kaum,
Wenn Elsbeth ihnen leise einmal nickte,
Durch's enge Gitterwerk ein Grüßlein schickte. -- --
Es war am dritten Osterfeiertag, als Elsbeth,
Wie dies die Pflicht der Kusterin gebot,
Schon früh am Morgen bei der Ob'rin eintrat
Und diese ihr alsbald von ihrer Noth
Erzählte, daß für Kindlein, reich von Hause,
Man Obdach bat in Sankt Agnesens Clause.
Der Stiftspropst habe gestern sie gar warm empfohlen
Und, wenn dies nun der Schwestern Wille sei,
Bei sich im Haus solch' junges Blut zu dulden,
So wäre sie am Ende auch dabei,
Mit Raths Vergunst die Kindlein aufzunehmen,
Da Stift und Schwestern nicht in Nachtheil kämen.
Die Kindlein selber seien mutterlose Mägdlein,
Mit Zucht und Sitten wäger unbekannt,
Und daher wohl des Vaters Wunsch begreiflich,
-- Des Ritters Name wurde nicht genannt, --
Die Kleinen bald in einem Haus zu wissen,
Drin' gute Ordnung sie nicht länger missen.
Nun scheine jedoch, daß der Propstherr für die Kindlein
In ganz Schaffhausen keinen bessern Ort
Gefunden habe, als ihr armes Kloster;
Er hätte gestern drum in einem fort
Ihr vorgeredet, bis sie halb versprochen,
Den Vorschlag zu erproben etlich Wochen.
Doch dieses auszuführen, tauge sie mit nichten
Und wär' zu alt. Zum andern aber klar,
Daß von den Schwestern allen nur der Kust'rin
Man anvertrauen könnt' das Mägdleinpaar,
Weil sie der wen'gen eine sei im Kloster,
Die mehr verstünde, als das Pater noster.
Getraue sich die Schwester, solche Last zu bürden
Und zu dem Custosamte auch die Pflicht
Der Pflegerin zu fügen -- wär's zu schätzen.
Die Antwort drauf verlange gleich sie nicht;
Wohl aber sei ihr lieb, am nächsten Tage
Zu wissen, was die Schwester dazu sage.
Was weiter dann die Oberin noch sagen mochte,
Der Schwester ging's verloren. Hold bethört
Vom Vorschlag mit den Mägdlein, erfaßte es
Die Ueberraschte kaum, was sie gehört
Und schuf die Aussicht, daß des Herzens Sehnen
Sich unverhofft erfülle, ihr schier Thränen.
Ihr freudiges Empfinden. jedoch rasch bemeisternd,
Gab eine Zusage die Kusterin noch nicht.
Doch zog es eilig sie zur stillen Zelle,
Um dort, mit tiefgesenktem Angesicht,
Am Betpult knieend, für des Wunschs Gelingen,
Der Himmelskönigin den Dank zu bringen.
Dann aber floß, im Stundenglas der Froherregten,
Der Sand an jenem Tage langsam nur,
Es wollt' nicht Abend werden und der Morgen
Fand von durchwachter Nacht die Spur,
Als früh zur Ob'rin, die noch tief im Bette,
Sie wieder ging, nach fromm vollbrachter Mette.
Gewohnter Demuth voll, jedoch beredten Mundes,
Gab auf Befragen sie der "Mutter" kund,
Daß sie gewillt sei, für das Paar zu sorgen,
Der Mägdlein leiblich Wohl zu pflegen und
Mit allem Fleiße, zu Sankt Agnes' Ehren,
Was ihr bewußt, auch ihnen gern zu lehren.
Als ob sie dies erwartet, lauschte die Aebtissin
Der Schwester Worten, in Gedanken schon
Die Schenkung schätzend, so der Mägdlein Vater
Vergaben dürfte, als verdienten Lohn
Für Sorg' und Mühen, die dem Stifte würden,
Solch' ungewohnte Last sich aufzubürden.
Mit ein paar Worten ihren Dank bezeigend, trug sie,
Weil wieder gichtkrank, gleich der Kust'rin auf
Statt ihrer, mit dem Ritter zu verhandeln,
Falls der und seine Mägdlein schon im Lauf
Des Tages kämen, Antwort zu verlangen,
Auch, ihn im Saal des Stiftes zu empfangen.
Voll freudigen Gehorsam's neigte sich die Gute;
Dann aber eilte sie, ein Stübchen rein
Zu lüften und mit Hülfe einer Schwester
Zwei Betten zu beziehn mit Linnen fein,
Auf daß die Mägdlein, wenn sie kommen wollten,
In trauter Ordnung Alles finden sollten. --
* * *
Die Nonnen hatten just die Vesper abgesungen,
Als laut die Glocke klang am Klosterthor,
So daß die Schwester Pförtnerin im Eilen,
Ihr letztes Bischen Athem fast verlor
Und keuchend durch des Auslugs Gitter schaute,
Wer allso heftig sich zu klingeln traute. --
Es war der Ritter mit den Mägdlein, dem die Schwester,
Wie ihr die Kusterin heut früh befahl,
Ohn' lang zu fragen, Einlaß nun gewährte,
Nur bittend, ihr zu folgen nach dem Saal
Und da in Gnaden etwas zu verweilen;
Sie werde flink den Herrn zu melden eilen.
Nach kurzem Gruße folgten bald die Drei der Schwester
Gedämpften Schritts durch einen düstern Flur,
Deß' graue Wände alte Bilder zierten,
Nothdürftig zeigend noch der Farben Spur,
Und überschritten eines Saales Schwellen,
Der fern lag Refectorium und Zellen.
Es war ein öd' Gemach, doch ließen ein paar Fenster
Die Sonne ein und Duft von frischem Grün,
Das, windgeschützt, im Klostergarten prangte,
In welchem, lärmend, etlich' Spatzen kühn
Und übermüthig nah' den Fenstern jagten,
Auch ab und zu bis in den Saal sich wagten.
Im Garten selber sonnte sich ein schlafend Kätzlein
Bei jungen Hühnern, die, im warmen Sand
Des Weges badend, laut sich unterhielten,
Daß ihr Gepips das Ohr der Mägdlein fand,
Die, kaum im Saal, dem Vater flink entwichen,
Auf leisen Zehen zu den Fenstern schlichen.
Es drohte zwar des Ritters Finger leis den Schlimmen,
Als ihm vom Fenster her ihr Plaudern klang,
Das, wie das silberhelle, frohe Lachen,
Bis in die Zellen zu den Nonnen drang,
Die Frommen sicher dort im Beten störte,
Weil allzulaut ihr Ohr die Frohen hörte.
Bald aber achtete er nicht mehr ihres Treibens,
Nur darauf lauschend, was die Schwester sprach,
So Auftrag hatte, ihm hier mitzutheilen,
Daß, weilen die "Frau Mutter" krank und schwach
Sich fühle, es der Kust'rin Amt gebühre,
Zu hören, was den Herrn zu ihnen führe.
Dies sagend huschte sie davon, der Schwester
Es anzumelden, daß die Mägdlein da.
Der Ritter harrte also guter Laune,
Da schon versorgt er seine Kindlein sah;
Bemerkte nicht, daß die auf flinken Sohlen,
Zum offnen Fenster sich hinaus gestohlen.
Doch, da er es bemerkte und sie schelten wollte,
Ob der verwegnen, unbefugten That,
Vernahmen seine Ohren leise Schritte.
Rasch nun sich wendend, um zu sehn wer naht',
Ward ihm, als sollte er die Nahende erkennen,
Geliebten Namen seine Lippen nennen. --
War das ein Traumbild, oder äffte ihn der Himmel?
In ihrer Demuth, wie ein Cherub mild,
Stand vor Herrn Kuonrad, denn dies war der Ritter,
Ein ihm gar wohl bekanntes Frauenbild,
Das, trotzdem es ein Nonnenschleier deckte,
Erinnerung an sel'ge Zeiten weckte.
Wohl ebenso verwundert schien jetzt auch die Kust'rin,
Als, nahgetreten, sie die Blicke hob
Und in dem Harrenden den Mann erkannte,
Der einst in ihre Träume sich verwob,
Dem Herzen, das von ihm geliebt sich glaubte,
Auf lange hin den süßen Frieden raubte.
Am liebsten wohl hätte sie gleich den Saal verlassen;
Denn, statt der Freude, die sie drob empfand,
Daß nah' dem Ziel sich ihre Sehnsucht wußte,
Nahm jetzt die Reue jählings überhand,
Im Busen einen Wunsch genährt zu haben,
Der ihre Ruhe konnte untergraben.
In einer Sturmflut überquellender Gefühle
Gedachte sie voll Wehmuth all' der Zeit,
Die hier in stillem Frieden ihr entschwunden.
Sie lebte ruhig, frommer Pflicht geweiht,
Bis, schuldlos zwar, ein letztes Glückverlangen
Mit aller Kraft die Sinne nahm gefangen.
Nun zog auf's neue ihr ein schneidend Weh durch's Herze
Bei der Erinnerung, was sie empfand,
Als ihre Liebe sie betrogen wußte
Vom selben Manne, der hier vor ihr stand,
Und wie berufen schien, ihr Leid zu bringen,
Wenn je sich hoben ihrer Sehnsucht Schwingen.
Fast mit dem Himmel hadernd, schmerzte der Gedanke
Sie immer wieder, daß das Mägdleinpaar,
Deß lautes Lachen aus dem Garten tönte,
Zu eigen dem, der einst ihr theuer war,
Und daß das Schicksal ihr nun also lohnte
Für ein Gefühl, das still im Herzen wohnte.
Doch ihm, der trug die Schuld, ihm grollte sie mit nichten
Um all' das Leid, das er ihr angethan.
Es regte leise sich im Herzen etwas
Für ihn und klopfte, Mitleid flehend, an;
Denn ächter Liebe lenzgeborner Schimmer
Mag zwar erblassen -- ganz erlischt er nimmer! --
Ein helles Roth, das Elsbeths Wangen überhauchte,
Gleich Rosen frisch, die man im Thaue brach,
Ward zur Verräth'rin dessen, was sie fühlte,
Und was ihr licht aus treuen Augen sprach,
Als endlich, leicht verneigend, sie es wagte,
Frommernsten Gruß dem Ueberraschten sagte.
Da konnte sich Herr Kuonrad nicht mehr länger halten
Und seinem Mund entfuhr's: "Ach, Elsbeth, kennt
Von eh'dem Ihr den Junker Kuonrad nimmer?
Verzeihet, wenn mein Mund den Namen nennt
Der Trauten, deren Bild mir nie entschwunden,
Obgleich ich's meiden mußte, kaum gefunden!"
Es wehte aus den Worten schlecht verhehlte Trauer,
Die mit des Wiedersehens Freude rang,
Nun ihm, so unverhofft, nach langem wieder
Der Holden Stimme in den Ohren klang,
In milder Süße sie, wie einst, ihn grüßte,
Als ob auf Küssaburg er heut' noch büßte.
Doch nun, er freudig ihr die Rechte reichen wollte,
Versah's die Kust'rin; fromm den Blick gesenkt,
Glich fast sie einem Steinbild, stumm die Hände
Im Aermelpaare des Gewands verschränkt,
So daß der Stürm'sche sich besinnen mußte,
Daß Klosterfrauenbrauch es anders wußte.
Verlegen ließ er drum die Hand schnell wieder sinken.
Es wollt' ihn reuen, seiner Freude jach
Und ungeziemend Wort verliehn zu haben,
Als Elsbeth selbst das schwüle Schweigen brach
Und ihn, mit ihrer Stimme Silberklange,
Zu sprechen bat, was er vom Stift verlange.
Jetzt athmete Herr Kuonrad freier auf und malte
Sein Unglück ihr mit wohlberedtem Mund.
's war eigentlich mehr eine Beichte, in der
Zerknirscht ein Sünder öffnete den Grund
Schuldschwerer Seele, nimmermehr verhehlend,
Wie selbst er sich gestürzt in Leid und Elend.
Als jedoch auf die Mägdlein kam die Rede, wollte
Es nicht mehr glatt vom Munde; 's ward ihm schwer,
Der Kleinen wegen Elsbeth nun zu bitten.
Er drehte drum die Worte hin und her,
In Sorgen drob, ob sie sich willig finde,
Von ihm zu nehmen solch' ein Angebinde.
Sein Zagen da bemerkend, sah sie milden Blickes
In's Antlitz ihm so traut und seelengut,
Daß bald die Scheu vor ihr verschwinden mußte
Und ihm zur Bitte endlich kam der Muth,
Sie möchte, ihn von Sorgen zu befreien,
Den Kindlein ihren Schutz und Pflege leihen.
Jetzt kam die Reihe an die Kusterin zu zagen.
Wie, wenn sie die Gewährung nun versagt',
Weil ihr bewußt war, wem die Mägdlein eigen?
Von schweren Zweifeln sah sie sich geplagt,
Die lang nicht zur Entscheidung kommen ließen:
Soll das Gefühl, soll der Verstand beschließen?
Vermochte sie noch, der es mühsam nur gelungen,
Daß des Geliebten Bild, gleich einem Stern
Am Morgenhimmel, mälig blasser worden,
Als reine Braut zu gelten Gott dem Herrn,
Wenn in des Herzens innersten Verstecken,
Die Kindlein längst Vergang'nes wieder wecken?
In solchem Zwiespalt mit sich, kam ihr keine Ahnung
Daß längst Herrn Kuonrads Blicke unverwandt
Aus ihr, die noch in Jugendschöne prangte,
Geheftet ruhn, als wären sie gebannt,
Indessen ein Verlangen ihm erwachte,
Das bald den Muth zu kühnerm Wunsch entfachte.
Ihr Sinnen unterbrechend, hob er an zu sprechen;
Es wies sein Wort auf jene Tage hin,
Die auf Schloß Küssaburg er froh verlebte,
Eh' ihn sein Unstern ließ von dannen ziehn
Mit dem Bewußtsein, daß sein heimlich Scheiden
Zwei Herzen zwang, auf immer sich zu meiden.
"Mir wurde Strafe und ich büßte strenge," sprach er,
"Für das, was ich in Minneschuld verbrach;
Doch kam im Leiden mir auch oft die Frage, --
Das einzige, was meiner Hoffnung Bach
Nicht ganz versiegen ließ, im Sand verrinnen, --
Kann Liebe nicht sich Lieb' zurück gewinnen?"
"Ein trunkner Knabe war ich, der sich selbst betrogen!
Heut' sehet Ihr den Mann um jene Schuld
Vergebung bitten in dem festen Glauben,
Daß nicht erlöschen konnte ganz die Huld,
So, holdem Lenze gleich, dem Knaben lachte,
An Sälde reich, ihn wunschlos glücklich machte." --
Schier wie versteinert lauschte sie des Ritters Worten;
Es deckte Leichenblässe ihr Gesicht.
Bald kam zum Stolze auch noch das Gewissen,
Was sie erinnert' an Gelübd' und Pflicht,
Die, schwer geschädigt schon, sich drob empören,
Daß sie nicht floh, statt solcher Red' zu hören.
Gesenkten Hauptes und den Blick am Boden haftend,
Erflehete von Gott die Arme Kraft,
Daß nicht, im Kampfe gegen die Versuchung,
Die Seele falle in der Sünde Haft, --
Indessen doch, in seligem Berauschen,
Sie's heimlich zwang -- dem lieben Mann zu lauschen.
Sekundenlang in wonnig Träumen nun versunken,
In das gewiegt sie seiner Worte Gift,
War ihrem Sein die Wirklichkeit entschwunden.
Sie sah sich, statt im öden, stillen Stift,
Der Welt und allem Irdischen gestorben,
Auf einmal frei, von Liebe hold umworben.
Es klang so süß dem Ohre, da Herr Kuonrad sagte:
"Es stünd' mir übel, was ich selbst verlor,
Erschmeicheln nun zu wollen, glatt zuredend,
Gleich einem alten, aberwitz'gen Thor.
Doch schwör' ich, daß in all' den Jahren, Tagen,
Ein einzig Bild im Herzen ich getragen!"
"Und so ist's wahr! An dieses eine Bild zu denken,
Gab Kraft zu tragen bittern Vorwurf's Qual,
Die Jahre durch mir an der Seele nagte,
Den Frieden scheuchte und die Ruhe stahl,
Bis ich, mein elend Dasein abzukürzen,
Schon nahe war, mich in den Tod zu stürzen!"
""O, haltet ein, Herr!"" bebten da der Kust'rin Lippen
So leise, daß es kaum zu hören war,
Indessen schön, wie blitzende Demanten,
Auf ihren Wangen perlten Thränen klar,
Die, sammt des Busens schnellem Wogen zeugten,
Daß Schwur und Pflichten sich dem Mitleid beugten.
Dann, wohl der Schwäche bang, gedachte sie zu fliehen,
Nicht weiter anzuhören, was er sprach;
Doch dazu fehlte ihrer Kraft der Wille.
Sie fühlte, wie das Blut ihr heiß und jach
In's Antlitz stieg, nun sie der Ohnmacht dachte,
Die in Versuchung so die Seele brachte.
Da, während noch sie mit sich selber kämpfte, zürnte,
Erwuchs Herrn Kuonrad nun der Muth erst recht,
Es ging nicht lange, hörte sie ihn fragen:
"Darf ich das Bild Euch nennen, Elsbeth? -- Sprecht,
Könnt Ihr den Schwergeprüften darum hassen,
Daß ihm das Glück erscheint, und er's will fassen?"
"Ihr zürnt dem Manne nicht, wenn er, des Ort's vergessend,
Den sich zum Obdach frommer Sinn geweiht,
Zu Euch, als seinem guten Engel stehend,
Dem übervollen Herzen Worte leiht,
Die, leider viel zu schwach nur, Euch enthüllen,
Welch schöne Träume es zur Stunde füllen!"
"Es ist der Himmel selber, der den Weg mich führte
Zu Euch zurück! -- O, Elsbeth, saget an:
Gelang's Euch wirklich, Euer Herz zu meistern,
Daß Liebe ihm sich nimmermehr darf nahn? --
Ich kann's nicht glauben -- drum erlaub' dem Zagen,
Dir Herz und Hand in Treuen anzutragen!" --
In Todesängsten bebend, aber hingerissen
Von seiner Worte zärtlicher Gewalt,
Hob die Gequälte da die Sonnenblicke,
Doch nicht zu ihm, deß' Antlitz freudig strahlt, --
Nein, 's galt dem Christusbild im güldnen Rahmen,
Zu dem die Blicke ihre Zuflucht nahmen.
Sie wollte beten; doch Herr Kuonrad drängte flüsternd:
"Du schweigst, Elisabeth? -- O, sag' nicht nein! --
Laß' Dir das Herz von meiner Liebe rühren! --
Der Oheim wird mir helfen, Dich befrei'n. --
Du wärst die Erste nicht und nicht die Letzte,
Die ihre Liebe über Alles setzte! --
Es war genug. "Herr!" sagte sie, ihn ernst verweisend,
Schon allzulange hab' ich Euch gelauscht;
Denn was Ihr meint, das darf die nicht verstehen,
Die ihre Welt an einen Ort getauscht,
Wo das Gedenken an verwehte Träume
Verunheiligt die Gott geweihten Räume!"
"Verwehte Träume!" rief er da, ihr näher tretend,
"Verwehte Träume? Elsbeth, glaubst Du nicht,
Daß sie uns wiederkehren, wenn die Liebe
Ihr heilig Band um unsre Herzen flicht? --
Mir sagt ein wonnig Ahnen, Glück und Frieden,
Wär Dir wie mir, für Lebenslang beschieden!"
Ein schmerzlich Lächeln überflog das schöne Antlitz,
Nun ihr sein Mund von Glück und Frieden sprach;
Es klang wie Vorwurf fast und doch auch bittend,
Als sie den Schmeichelnden jetzt unterbrach:
"Herr, Eure Rede gilt verlornen Zielen;
Ich bin zufrieden, wie die Loose fielen!"
"Der Welt und ihrem Glück hat unschwer zu entsagen,
Wer je erfahren mußt', was beide werth!
In Gott allein und treuem Pflichterfüllen
Wird Frieden nur und wahres Heil bescheert;
Noch mehr zu wollen -- ich fühl' kein Verlangen.
Die Zeit der Träume, Herr, ist mir vergangen!"
Sie schwieg. Herr Kuonrad aber ließ sich nicht bedeuten;
Er legte sacht' die Hand auf ihren Arm
Und frug mit leiser Stimme, süß und nahe,
Daß leicht sein Odem sie berührte warm:
Sprach auch das Herz so, Elsbeth? -- Sag' mir offen,
War es dabei, als Du vergrubst sein Hoffen?" --
"Dem meinen ging es anders! Konnt' es nimmer zwingen,
Nur einen Tag, ja, nur minutenlang
Sein Sehnen zu vergessen! Seine Liebe
Lag nie im Banne leid'ger Pflichten Zwang,
Und -- Dir die Wahrheit vollends zu gestehen,
Ich selber ließ es nur zu gern geschehen!"
"Du weißt es, wahre Liebe kennet kein Vergessen,
So lang wir athmen, unser Puls noch schlägt;
Und sie ist's, die vereint mit Glauben, Hoffen,
Auf lichten Schwingen uns zum Himmel trägt. --
Dem Schönsten, was vom Paradies verblieben,
Du konntest ihm entsagen, nicht mehr lieben?"
"O, sprich ein Wort! Ein einzig Wort nur, das mir kündet,
Daß auch Dein Herz der Liebe nicht vergaß,
Die Du so reich mich einstens ahnen ließest! --
Komm', sei mein trautlieb Weib; nein, mehr als das!
Mein guter Engel! -- meine Königinne,
Der allzeit unterthan ich treu in Minne!"....
Beim letzten Worte war Herr Kuonrad, überwältigt
Von seines Herzens minneheißem Drang,
Auf's Knie gesunken vor der arg Erschreckten,
Schon sicher hoffend, daß es ihm gelang,
Die Zagende allendlich zu gewinnen,
Da stumm sie vor ihm stand, in tiefem Sinnen.
Es war ein Wahn. Zwar, hingerissen vom Empfinden
Bestürmender Gefühle Allgewalt,
Schien Elsbeths Pflichtbewußtsein leis zu wanken,
Als, flüchtig, jetzt ihr Blick dem Manne galt,
Der vor ihr auf des Saales Fliesen knie'te,
In Demuth harrend, was nun sie ihm biete. --
In sich verloren und voll sel'ger Lust erschauernd,
Daß tiefe Glut ihr aus den Augen strahlt',
Stand Elsbeth schweigend, während ihre Seele
Geschäftig sich das Glück der Liebe malt'
In lichten Farben und so lenzeshelle,
Wie's nur vermag erregten Herzens Welle.