Den Schluß des Zuges bildete ein Häuflein "Mauchen,"

Zu denen sich der Burger fremd verhielt,

Sie aber dennoch in der Stadt ließ wohnen,

Weil ihre Arbeit ihm Gewinn erzielt'; --

Die Lust, mit Weib und Kind vor's Thor zu gehen,

War schon von weitem ihnen anzusehen.

Vergnüglich, wie ein schwärmend Immenvölklein summend,

Das seinen Heimatort im Stiche ließ,

Um fröhlich in der lauen Luft zu tummeln,

Zerstreute sich die Menge, Wald und Wies'

Belebend oder gruppenweis' im Grase

Mit frohen Kindern spielend Hund und Hase.

Es war ein schönes Bild, voll Farbenpracht und Leben,

Was hier sich darbot und dem Blick erschien;

Ein Riesenteppich floß an Höhn und Rainen

Frischsaftig Grün gleich sanften Wellen hin.

Vom Blau des Himmels hoben sich die Dolden

Der Bäume ab im Sonnenschein, wie golden.

Nun mal im Freien, ließ wohl mancher sich verlocken,

Von all der Frühlingspracht ringsum im Land;

Ging, Umschau haltend, noch ein Endchen weiter,

Bis wo der Burgstall der von Fulach stand,

Allda ihn oft die Fernsicht lange bannte,

Eh', ungern nur, den Schritt er heimwärts wandte.

So war es Götz und seinen Freunden auch ergangen.

In's Schau'n versunken standen die drei Herrn

Auf jenem aussichtsfrohen Punkt beisammen,

Den die Schaffhauser auch noch heute gern,

Dem Fremden als ein traulich Plätzlein preisen,

Wenn's gilt die Lage ihrer Stadt zu weisen.

Sie standen jedoch noch nicht lange, so gewahrte

Der allzeit frische Blick des Stadtschultheiß,

Daß auf der Straße etlich Reiter nahten,

Die, dicht geschaart um einen Zelter weiß,

Sich mühten mit dem letztern Schritt zu halten

Und, wie es schien, zu dessen Schutze galten.

Den Herren nahgekommen, hielten jetzt die Reiter,

Indessen einer aus dem Sattel sprang

Und, Götz sich nähernd, diesen fröhlich grüßte,

Daß weithin es und wohl vernehmlich klang:

"Zur guten Stund' hab' ich Euch treffen müssen,

Vieledler Freund! -- Laßt Euch denn froh begrüßen!"

Im selben Augenblicke hatte auch der Schultheiß

Den Herrn erkannt, denn er ergriff die Hand,

Die dieser dar ihm streckte und sprach freundlich:

"Seid Gottwillkommen, Herr, in Stadt und Land!"

Dacht' häufig schon, Ihr hättet ganz vergessen,

Daß wir als Gast in Eurem Heim gesessen!"

"Erlaubet jedoch," dabei wies er auf die Freunde,

"Daß ich die werthen Herren hier Euch nenn'! --

Herr Am Staad, unser erster Burgermeister,

Ein Ritter, wie ich wenige nur kenn',

Der unsrer Stadt mit seinem Schwert vor Zeiten,

In manchem Strauße half den Sieg erstreiten!"

"Am goldnen Kreuze möget Ihr den Abt erkennen

Von Allerheil'gen! -- Fromm, wie Keinen mehr

Die Inful schmückt, so weit am Rhein wir wandern,

Auch, gleich Herrn Am Staad, mir befreundet sehr.

Sucht etwan Trost und Heil Ihr für die Seelen,

Kann dreist ich Abt Johannes Euch empfehlen."

Als aber jetzt den Herrn er auch den Freunden nannte,

Erwies es sich, daß der dem Namen nach

Den beiden längst bekannt war als ein Ritter

Der burgenstolzen Landschaft Hegau; sprach

Doch öfter man, auf ihrer Zünfte Stuben,

Von dessen Richtagen an Höf' und Huben.

So vorgestellt, begrüßten sich die Herren höflich,

Indessen Götz, der seine Pflicht gethan,

Es, während jene mit einander sprachen,

Geboten fand, dem Zelterlein zu nahn,

Doch groß erstaunt that, als auf dessen Rücken

Zwei Mägdlein saßen, lieblich zum Entzücken.

"Beim großen Gott im Münster!" fuhr es unwillkürlich

Von seinen Lippen. "Seh' doch einer her,

Welch' feine Waare unser Freund begleitet,

Als ob ihm nicht der Zoll im Wissen wär',

So wir Schaffhauser haben zu empfangen

Von solchen Aepflein, schön mit Purpurwangen!"

"Müßt Euch den selber nehmen!" rief erfreut der Ritter,

"Die Mägdlein schulden wohl noch ihren Gruß?"

Dann, diesen nahe tretend, bat er dringlich:

"Hei, Else! gieb dem Herrn fein einen Kuß;

Hat auch zu Hause solcher Kindlein zweie,

Die gern die Wang' ihm küssen nach der Reihe."

In lieblichster Verwirrung ob der Bitte, blickten

Die Kleinen zaghaft auf die Herren hin,

Indessen jene, die er Else nannte,

Von argen Zweifeln schier befangen schien,

Ob richtig wohl den Vater sie verstanden,

Und man auch küssen thät in fremden Landen.

Schon aber trat der Schultheiß, flink die Zweifel lösend,

Mit Lächeln an den Zelter hin und bat,

So freundlich dies nur möglich, selbst die Kleine,

Bis diese endlich ihm den Willen that,

Das rothe Mündlein spitzend, tief sich beugte

Und ihre Huld durch einen Kuß bezeugte.

Viel leichter noch, ließ dann das Schwesterlein sich rühren;

Als er auch dieses, wie es heiße, frug,

Gab es die Antwort: "Käth' werd' ich gerufen,

Weil solchen Namen einst die Mutter trug!"

Doch, ihm zum Kuß das Mündlein dar zu reichen,

Ließ keines Wegs ihr Herzlein sich erweichen.

"Sind halt noch blöde, wie dies jungen Volkes Art ist --"

Nahm nun der Ritter wiederum das Wort,

""Und reisemüde;"" -- unterbrach der Schultheiß,

""Sie sehnen allweg sich zum Herbergsort.

Wenn es Euch recht ist, wollet uns begleiten,

Wir werden allgemach der Stadt zu schreiten!""

Mit diesem Vorschlag einverstanden, schloß sich ihnen

Der Ritter gerne an, indeß im Schritt

Die Knechte langsam mit dem Zelter folgten

Und Achtung hatten, daß des Rößleins Tritt

Auch sicher vor sich ging und nicht mocht' gleiten,

Weil jäh bergab die Mägdlein mußten reiten.

"Herr Schultheiß!" ließ da bald ihr Vater sich vernehmen,

"Was mich Euch treffen hieß so unverhofft,

Ist nicht bloß Zufall; denn ich muß bekennen,

Ich dachte Eurer diese Zeit her oft.

Vermein' ich doch, 's dürft Euer Rath mir frommen,

Wenn Ihr erfahren, weshalb wir gekommen!"

"Daß mir die Fraue starb, kam Euch wohl längst zu Ohren.

Gott tröste sie und schenk' ihr Ruh im Grab!

Die Arme ist zur selben Stund' verschieden,

In welcher Käthen sie das Leben gab,

Und hinterließ die Sorg' um ihre Pflege

Dem Mann, der weder Wege kannt' noch Stege."

"Gezwungen, einer Magd die Kindlein zu vertrauen,

Ließ Haus und Hof mir wenig Zeit für sie.

Doch, Gott sei Lob! 's ging besser, als ich dachte;

Sie wuchsen beide auf, wie Pflänzlein, die,

Vor Frost und Wind geschützt, des Gärtners Walten

Mit jedem Tage mehr und mehr vergalten."

"So schwanden Jahre, die ich gern gefesselt hätte,

Um zu verhindern, daß sie je mir fliehn,

Als neue Sorgen die Erkenntniß brachte,

Daß mälig mir es für die Mägdlein schien,

Ihr leiblich Wohlsein dürfe nicht genügen;

Wir müßten Zucht und Wissen dazu fügen."

"Doch dies zu bieten, ist ein Bergschloß nicht die Stätte;

Auch viel zu rüd' des Hauses Ingesind',

Mit welchem wir genöthigt sind zu hausen.

Der Burgpfaff aber, leider fast gar blind,

Wird täglich grämlicher in seinem Wesen

Und hat schon Mühe, nur die Meß' zu lesen."

"Das Schlimmste jedoch ists: es fehlt im Haus die Fraue,

So, einer Mutter gleich, mit weicher Hand

Die Mägdlein fein in Züchten halten könnte,

Aufmerkend, daß sie, neben Spiel und Tand

Auch, wie es Frauen ziemt, erzogen werden

Und nicht die zarten Seelen sich gefährden!"

"All' dieses, werther Freund, schuf mir schon längst Gedanken,

Die mit der Zeit sich steigerten zur Qual,

Weil täglich schwerer es dem Herzen wurde,

Zu einen sich mit des Verstandes Wahl,

Die, wenn sie auch des Vaters Liebe kränket,

Mir doch die Kindlein selbst zum Heile lenket!"

"Es blieb mir so nichts weiter, als mich zu entschließen,

Die weite Fahrt in Eure Stadt zu thun,

Verhoffend, daß uns hier geholfen werde,

Für meine Küchlein finde sich das Huhn,

Die Pflegerin, so, gegen Lohn natürlich,

Die Mägdlein mir erziehen würd' gebührlich."

"Und nun, da Ziel und Absicht Ihr der Reise kennet,

Herr Schultheiß, ist zu rathen Euch nicht schwer,

Weßwegen ich's zur guten Stunde nannte,

Als wir Euch trafen so von Ungefähr.

Seid Ihr es doch, auf dessen Rath ich zähle,

Eh' einen Horst ich für die Meinen wähle!" --

"Will überlegt sein!" nahm der Schultheiß nun die Rede,

"Wenn ich Euch helfen kann, habt Ihr mein Wort!

Für's Erste will es mir das Beste scheinen,

Daß ich auf Kundschaft gehe, da und dort

Zu hören, wer von den Geschlechterfrauen

Gesonnen ist, sich Solches zuzutrauen."

"Bis dies geschehen, biet' ich gern mein Haus zur Herberg'

So werthem Gast, und hoffe Ihr nehmt's an,

Wie wir an jenem Abend, durchgefroren

Und reisemüd' -- schon manchmal dacht' ich dran,

Es ohne langes Zögern angenommen,

Mit Roß und Troß auf Euer Schloß zu kommen!"

"So ich nicht irre, war es Eure eigne Base,

Die damals Ihr zum Ehgespons erwählt.

Sie aber ward am Hof erzogen, während

In unsrer Stadt die Frauen bald gezählt

Sind, die, auch wenn den Mägdlein Pfleg' sie gönnten,

Solch' feiner Schulen sich berühmen könnten."

Sich gleichwohl doch schon jetzt gefällig zu erweisen

Es hielt der Schultheiß nun die Schritte sein

Ein wenig an, die Freunde zu erwarten,

-- Sie schritten im Gespräche hinter drein, --

Um ernstlich sich bei ihnen zu verwenden,

Daß Rath und That auch sie dem Ritter spenden.

Eh' jedoch diese ihre Ansicht äußern konnten,

Sah'n schon am Thor sie sich und eingezwängt

Von lautgeschwätz'gem Volk, das heimwärts strebte.

Als dann die Herrn sich durch den Schwarm gedrängt,

Der Stadtknecht half mit seinem Spieße wacker,

Gelangte man auch bald zum "Herrenacker."

Hier trennten sich Herr Am Staad und des Klosters Abbas

Vom Randenburger, nachdem sie noch fein

Versprochen hatten, Abends auf ein Stündchen

Zu ihm zu kommen, um ein Kännlein Wein

Im trauten Stüblein bei des Wachsstocks Blinken,

Zum Willekomm' des werthen Gasts zu trinken.

Der Ritter aber und sein Reitertrüpplein folgten

Herrn Götzen, dessen steingebauen Haus,

Ein Erker zierte es, sie gleich erreichten.

Hei! zogen sich der Mägdlein Stirnen kraus,

Da von des Hausdachs Rinne grimme Drachen

Auf sie herniedersahn mit offnem Rachen.

Die Ungethüme waren jedoch schnell vergessen,

Als Götzens Häuserin, Frau Hilda Rahm,

Im großen Flur des Hauses nun den Mägdlein

Voll milder Freundlichkeit entgegen kam

Und also herzig die Erstaunten grüßte,

Als ob sie beide längst im Hause wüßte.

Da ging es nicht mehr lange, saßen Wirth und Gäste,

Bei Tische, den Frau Hilda heut' im Saal

Zu decken gut fand, wo, ohn' langes Zaudern,

Die Kleinen schmecken ließen sich das Mahl,

Bis vor dem Sandmann, der sich angeschlichen,

Die müden Aeuglein bald die Segel strichen. --

Der Abt und Am Staad hatten treulich Wort gehalten.

Es traten beide bei dem Schultheiß ein,

da just die Nacht begann herauf zu dämmern,

und nun im Saale blinkte Kerzenschein;

doch trafen hier sie schon auch einen dritten,

der längst als guter Hausfreund wohl gelitten.

Es war der Propst vom St. Agnesenstift, Herr Ulrich,

Der in der Dämm'rung, wie er öfter that,

Dem Schultheiß guten Abend bieten wollte,

Doch gern es annahm, als Herr Götz ihn bat,

Ein Stündlein oder zweie zu verweilen,

Den Abend mit den Freuden heut zu theilen. --

Die Herren saßen um den Erkertisch im Saale,

Beim blanken Zinnkännlein Schaffhauserwein,

Der, traf des Wachslichts Schein ihn nur ein wenig,

Hellroth erglühte, wie Rubinen fein.

Ein trinkbar Tröpflein, das der Schultheiß wählte,

Weil dabei sich's gut lauschte und erzählte.

Das Letzt're that denn auch der Ritter heute fleißig.

Vor Jahren viel gereist, und nun im Zug,

Verstand er es, mit Anmuth zu erzählen.

Was Wunder also, wenn die Zeit im Flug

Den wortlos Lauschenden dahin geschwunden,

Indessen ihre Freundschaft er gefunden!

Es waren drum die Herrn dem Schultheiß gern zu Willen,

Als, da der Ritter schwieg, er diese bat

Des Freundes Kindlein helfend zu gedenken.

Sie gingen alsbald mit sich selbst zu Rath

Und überlegten ernst, auf welche Frauen

In diesem Falle wohl man könnte bauen.

Doch schien die Sache schwierig, sintemalen Zweifel

Sie bald beschlichen, ob auch all' den Frau'n,

So sich der Mägdlein anzunehmen willig,

Die Fähigkeiten völlig zuzutrau'n?

Frug sich man da auf Ehre und Gewissen,

Ließ eine dies, die andre jenes missen.

Nach langem Sinnen war's der Propst, der endlich anhub:

"Wie mich bedünkt, so handelt sich's nicht bloß

Um eine Pflegerin für unser Pärlein,

Das missen muß den warmen Mutterschooß;

Wir brauchen Jemand, dem die Kunst verliehen,

Die Kindlein, wie es recht ist, zu erziehen!"

Zum Abt sich wendend fuhr er fort: "Ich kenne eine;

Ist zwar ein Nünnlein nur, doch sicher hat

Vom Nesenstift die Mutter Euch, Hochwürden,

Schon deren Lob gesungen frisch vom Blatt,

Daß weit und breit sich keine Schwester finde,

Die so viel Geist mit Frömmigkeit verbinde!"

"Wenn Frauen ihresgleichen loben, muß was dran sein,

Da, wie man weiß, sie sparsam damit sind!

Nun, ich traf selbst die Schwester, Schule haltend

In Burgerhäusern, rühme drum nicht blind;

Doch nie noch sah ich so geschickt verkehren

Mit Kindern, oder hörte besser lehren."

"Wasmaßen nun, hochwürd'ger Herr und liebe Freunde,

Des werthen Gastes Sache anbetrifft,

So meine ichs: man sollte ohne Säumen

Der Meisterin vom Sankt Agnesenstift

Den Vorschlag thun, die Mägdlein aufzunehmen,

Auf daß in Obhut jener Nunn' sie kämen!"

Hier schwieg der Propst, erwartend, daß der Abt jetzt spreche;

Doch weil derselbe noch zu denken schien,

Nahm bald Herr Götz das Wort und meinte:

Herrn Ulrichs Rathe wäre immerhin

Zu folgen; etwas Besseres zu finden,

Würd' er nicht trauen sich zu unterwinden."

Sein Kännlein fassend, sagte nun auch Herr Johannes,

Zum Propst gewendet: "Euer Rath ist fein

Und steht bei Euch, daß auch zur That er werde!

Legt selber nur ein gutes Wörtlein ein

Bei unsrer Schwester und, ich möchte wetten,

Sie werden bald im Stift den Mägdlein betten."

Stets gern gefällig, gab Herr Ulrich das Versprechen.

Er meinte nur, daß auch der Rath der Stadt

Mit seinem Placet dann nicht zögern dürfe;

Es gehe dies nicht immer rund und glatt,

Da Stift und Nunnen ja in manchen Dingen,

Vom gnäd'gen Willen ihrer Stadt abhingen.

So war es mälig spät geworden und drum machten

Die Freunde bald sich auf die Socken leis

Und schieden. Vorher freilich hatte jedoch

Herr Ulrich wiederholt dem Stadtschultheiß

Versprechen müssen, in den nächsten Tagen

Im Stift der Mägdlein wegen anzufragen. --

Die Herren waren fort. Doch Wirth und Gastfreund blieben,

Beim Weine sitzend, noch ein Stündlein wach.

Hell, überm Kohlfirst, hing am Sternenhimmel

Der Vollmond, dessen Strahlen nach und nach,

So wie sie durch die bunten Scheiben flossen,

In Farbenschein sich in den Saal ergossen.

Da war's der Wein wohl und die nächtlich stille Stunde,

Verwoben mit des Mondlichts Zauberbann,

-- Nicht wenig aber auch des Wirthes Wesen,

Derweil sein Takt Vertrauen ihm gewann, --

Was von des Gastes Herz den Riegel sprengte,

Und ihn sich rückhaltlos zu äußern drängte.

Und einmal angefangen, glich's des Wildbachs Wellen,

Die, jach zu Thale stürzend, nichts mehr hemmt,

Vom Regen hochgeschwoll'nen Wasserfluthen,

Die nun ihr Rinnsal plötzlich überschwemmt';

Als, mit dem Freund alleine, er erzählte,

Was ihm sein Innerstes seit lange quälte.

"Es war ein Unglück, Schultheiß," klangen herb die Worte,

"Als ich zur Frauen mir die Base nahm.

Denn anstatt Sälde, heitern, frohen Tagen,

Ward Leid mein Theil und stündlich neuer Gram.

Selbst das, was Ihr bei uns gesehn von Frieden,

War nur ein Schein, da sich die Herzen mieden.

"Doch mußt' es wohl so kommen! Arm von Hause, sah ich

Im Reichthum nur des Menschen höchstes Glück.

Als hernach fein dem Thoren es erblühte,

Erkannt' ich leider erst des Schicksals Tück',

Dem ich mit schwerem Herzeleid bezahlte,

Was voller Herrlichkeit ich einst mir malte!"

"So reich die Base war, so eisig war ihr Herze.

Der Milde bar und holder Frauen Art,

Die glücklich ist, kann andrer Glück sie schaffen,

Blieb herb ihr Wesen und wie Marmor hart.

Es gab bald Nichts, so ehrlich auch ich's meinte,

Was nicht, voll Eigensinn, sie mir verneinte."

"In gegenseit'gem Quälen, bis auf's Blut oft kränkend,

-- Noch heute überläuft mich drob die Scham! --

Verbitterten wir elend uns das Leben,

Bis, immer häufiger, die Flucht ich nahm,

Um drauß' im Forst, an gar zu bösen Tagen,

Mir Rettung vor Verzweiflung zu erjagen."

"Noch öfter aber suchte ich, besonders anfangs,

Die Fraue zu begüt'gen, ihren Stolz

Durch Nachsicht zu vermindern und mit Bitten;

Alleine, gleich dem Harnisch, wo der Bolz

Auch abprallt, es vermochte nie mein Sprechen,

Den starren Trotz und Eigensinn zu brechen!"

"So war ich ärmer denn, als je zuvor im Leben,

Und wußte, traun! wie tief den Mann es kränkt,

Wenn gutgemeinte Worte ihm die Fraue

Voll Hohn im Mund verdreht und, giftdurchtränkt,

In's strackte Widerspiel der besten Absicht wandelt,

Weil, statt der Liebe er nur Gold erhandelt'.

"Mich nur nach Frieden sehnend, ließ die Frau ich walten,

Trug ihre Launen, wie ein duldend Schaf,

Bis endlich, müde und zum Sterben willig,

Ich nichts mehr war, als ein gehetzter Sclav',

Der nahe dran, mit seinen eignen Händen,

So jammervolles Dasein sich zu enden!"

"Doch kam es nicht so weit. Als uns ein Kindlein wurde,

Schien meiner Hoffnung wieder neu der Tag.

Im Handumdrehn war Gram und Leid vergessen,

Als mir im Arm das zarte Wesen lag

Und mir, dem jüngst noch vor dem Dasein graute,

Mit klaren Aeuglein frisch in's Antlitz schaute."

"Glückselig ob dem Anblick, wähnt' ich hoffnungsfreudig,

Es ziehe Frieden nun in unser Haus.

Ich täuschte mich; schon in den nächsten Tagen

Blies bös ein Sturmwind mir dies Lichtlein aus;

Eh' schien mir herber noch der Fraue Wesen,

Als all' die Zeiten vorher es gewesen!"

"Doch ich, gelobend mir, dem Mägdlein nun zu leben,

Ließ sie gewähren, fügte mich und mied,

Noch mehr denn sonst, was Zwiespalt konnte bringen,

Als früh, beim zweiten Kind, der Tod uns schied,

Und zwar so jäh, daß ich's kaum glauben wollte,

Da schon die Erde auf den Sarg ihr rollte."

"Wohl schien mir da, als trüge ich die Schuld alleine,

Daß unsrem Bund nicht Glück noch Stern gelacht.

Und doch, beim heil'gen Blut! ich meint' es ehrlich;

Ließ leider nur das Sprüchlein außer Acht:

Ein' gute Heimstatt Glück und Frieden finden,

Wo sich in Lieb' der Menschen Herzen binden!"

"Nun aber," schloß er, "laßt mich um Verzeihung bitten,

Weil ich es wagte treuem Freund so lang

Die Ruh' zu rauben. Freilich weiß ich selber

Es nicht zu nennen, was mich heute zwang,

Daß ich Euch beichten mußte ohne Hehle,

Was sonst verschwiegen ruhte in der Seele." --

Bei sich den Freund bedauernd, hatte ernst der Schultheiß

Dem Ritter zugehört, bis er zu Ende war.

Jetzt ließ es ihn jedoch nicht länger schweigen.

Er war zu Gast einst bei dem jungen Paar

Und hätte damals, meinte er, geschworen,

Daß dies den Himmel sich schon hier erkoren.

Nun freilich er das Gegentheil davon vernommen,

Auch wohl so großes Unrecht nicht drin' fand,

Daß nur nach Reichthum einst der Junker strebte

Und wahre Neigung nicht die Herzen band --

Befliß er sich dem Freunde Trost zu spenden:

Vergessen soll man, was nicht mehr zu wenden.

Im Saale war der Mondenschein schon längst verschwunden

Und auf dem Leuchter brannt' das Wachslicht tief,

Als Gast und Wirth sich von den Siedeln hoben --

Und Letzt'rer leise einem Knechtlein rief,

Dem dann die Weisung ward, sich flink zu rühren,

Den müden Herrn in's Schlafgemach zu führen.

Der Schultheiß selber aber ging noch nicht zur Ruhe.

Seit Jahren schon geheimen Künsten hold,

Wollt' eine Tinktur er noch schnell erproben,

Die ihm verwandeln sollte Blei in Gold,

Ward richtig sie gebraucht im Vollmondszeichen. --

Heut' ließ sich hoffen, dieses zu erreichen. -- --

Herr Ulrich löste andern Tages sein Versprechen.

Er ging in's Stift, um für die Mägdlein dort

Sein Wort bei der Aebtissin einzulegen;

Der Würdigen zu sagen, daß ein Ort,

Der besser, als Agnesenkloster passe,

In ganz Schaffhausen nicht sich finden lasse.

Klug wußte im Gespräch er darauf hinzuweisen,

Welch' ein Gewinn für's Stift es dürfte sein,

Wenn dessen Frauen eine sich den Mägdlein

Als Lehrerin und Mutter wollte weihn;

Der Vater nenne manch Gehöft sein eigen

Und sei der Mann, sich dankbar zu bezeigen.

Weil trotzdem mit der Antwort die Aebtissin säumte,

Erwähnte er noch, schlau, daß selbst vom Rath

Der Herren etzlich gern es sehen würden,

Wenn sie entschließe sich zur guten That;

Auch schon im Voraus drüber einig wären,

Dem Stift das nöth'ge Placet zu gewähren.

Auf solches Winken aber gab's nur eine Antwort.

Und so erklärte sie gar grämlich: sie

Sei einverstanden mit des Propstherrn Vorschlag;

Obzwar sie selber noch nicht wisse, wie

Es anzufangen und was zu geschehen,

Da sich das Stift solch' Gästen unversehen.

Indeß auch dafür wußte jetzt Herr Ulrich Hülfe.

Es möge die Frau Mutter, sprach er schlau,

Sich vorerst mit der Kusterin bereden;

Wenn die zu pflegen sich die Mägdlein trau',

So würden sicherlich sie nichts vermissen,

Die Schwester ziere Tugend ja und Wissen.

Ein Weiteres zum Lob der Nonne noch zu sprechen,

Kam ihm die Oberin jedoch zuvor.

Wie schon gewohnt, so rühmte sie nun Jene,

Bis fast der Stiftspropst die Geduld verlor

Und froh war, als des Klosterglöckleins Klingen,

Die Dame abberief zum Vespersingen. --

Mich aber soll es mahnen, diese Zeit zu nutzen

Und, Rückschau haltend, werther Freunde Gunst

Nicht allzusehr auf's Spiel zu setzen. Ist's doch

Geschehen, mögen sie verzeihn! Die Kunst,

Sich im Erzählen weise zu beschränken,

Ist nicht so leicht, als oft die Leser denken. --

* * *

Als, an dem Morgen da Herr Kuonrad fortgeritten,

Des Vogtes Tochter spät zum Vorschein kam,

Im blassen Angesichte Thränenspuren,

Die Zeugniß gaben von des Herzens Gram,

Gab's Frida Anlaß, voller Spott zu fragen,

Ob sie sich nächtens ließ vom Schrättlein plagen.

Da Elsbeth hierauf keine Antwort hatte, sondern,

Wie es sich schickte, nach den Gästen frug,

Vermehrte dies der Alten schlechte Laune,

Gleich einem Funken, der in's Pulver schlug,

Daß kaum die Herrin sich zu athmen traute,

Weil selten noch so bös sie jene schaute.

"Bei Eurer Mutter selig, tröst' sie Gott, die Gute!"

Hub lärmend Frida an, "da war der Brauch,

Daß man vor Mitternacht das Pfuehl sich suchte;

Es hatte aber dann der Kaplan auch

Nicht leerem Kirchlein eine Meß' zu lesen,

Wie heute Früh der Fall bei uns gewesen!"

"Es ging ja schier, als hausten wir in einer Schenken,

Drin' Alt und Jung beim Weine sitzend schmort;

Hat man genug, geht's, ohne Abschiedsnehmen,

In aller Still' bei Nacht und Nebel fort.

Ja wäger! Wo die Frau im Hause fehlet,

Da bleiben halt die Männer ungestrählet!"

"Ein B'hüet Gott! hätte wohl dem Junker nicht geschadet,

Hi, hi! Und wenn es jetzt auch hundert Mal

Des Bischofs Nistel ist, was sie ihm freiten! --

Hi, hi! Ich mein', es sollte seine Wahl,

Will einer nicht um andrer Schulden büßen,

Ein jeder für sich selbsten treffen müssen!" --

"Mir kam das Herrlein übrigens nicht vor wie einer,

Der unverhofftem Glücke plötzlich nah --"

Hier jedoch hielt sie tief erschrocken inne,

Denn in den blauen Augen Elsbeths sah

Sie etwas schimmern, was wie Thränen blinkte,

Der allzu Borstigen zu schweigen winkte.

Verwundert schaute Frida auf, ward aber irre,

Da, nun sie schwieg, die Herrin lächelnd frug,

Weßwegen denn der Strom so jach versiegte,

Der eben noch gar hohe Wellen schlug;

Es blieb ihr nichts, als selbst sich zu gestehen,

Daß, wie schon oft, sie wieder falsch gesehen.

Nun, noch mehr aufgebracht, ließ drum sie ihrem Zünglein

Von neuem flink den Lauf, nicht ahnend, daß,

So oft sie von Herrn Kuonrad sprach, der Herrin

Es, einem Feuer gleich, am Herzen fraß,

Die Arme mit sich rang, in heißen Kämpfen,

Getäuschter Hoffnung bitter Leid zu dämpfen.

Doch, wer sein Glück verschweigen kann und hehlen,

Dem öffnet seltner noch das Leid den Mund;

Stumm trug auch Elsbeth ihre Lieb' zu Grabe,

Versenkte tief sie in der Seele Grund;

Es nicht zu zeigen, was sie litt im Stillen,

Gelobte sich die Maid mit festem Willen. --

Sie hatte freilich noch am gleichen Tag, beim Abschied

Von Fräulein Adelgunden manches Wort

Von Männertreu' und Aehnlichem zu hören,

Das kränkend sich in ihre Seele bohrt',

Doch blieb sie still und ließ das Fräulein sprechen,

Wollt auch das Herz in seinem Leide brechen.

Auch nachher quälte Elsbeth sich noch lange. Sie fand

Den Schlummer erst, wenn bald der Morgenstern

Zu bleichen anfing und der Hahnschrei mahnte,

Der neue Tag sei nicht mehr allzufern;

Vom Weinen müd', ersehnte sie den Morgen,

Ihr Leid betäubend durch des Tagwerks Sorgen.

Und Arbeit war noch stets der beste Sorgenbrecher.

Es fiel zwar auf, daß bei der Mägde Lied

Der Herrin Stimme man nur selten hörte,

Wie auch, daß sie die allzulauten mied,

Wenn Abends beim Gesangs die Wirtel kreisten;

Zu fragen -- mochte Niemand sich erdreisten.

Elsbeth von Küssaberg, das Gotteli von St. Agnesen Ein episches Gedicht aus dem Kletgau · 第 11 / 13 段