Doch rasch versank das Bild. Todtbitt're Wehmuth füllte

Der Armen Herz, nun die Besinnung kam,

Welch' weite Kluft sie von dem Manne trenne,

Der eine Liebe jetzt in Anspruch nahm,

Die, seit dem Himmel Treue sie geschworen,

Doch wohl ihr Recht auf irdisch Glück verloren.

Nun galt kein Zaudern mehr, sie mußte überwinden

Und dem gehören, der ihr Trost gesandt,

Als jäh des Herzens holder Liebesfrühling,

Kaum recht erblüht, ein traurig Ende fand.

Gott soll auch fernerhin ihr Wirken bleiben,

Aus seinem Hause keine Macht sie treiben.

Im Rahmen dort das Bild, es schien ihr Kraft zu spenden,

Erinnernd gleich auch, daß sie längst vergaß,

Was Pflicht und Regel ihr zu thun gebieten,

Wenn sündhaft ein Gedanke sich vermaß,

Die Gottgeweihte Seele ihr zu meistern,

Für irdisch Glück sich heimlich zu begeistern. --

"Herr Ritter!" klang es strengsten Tones zu Herrn Kuonrad,

"Vor unserm Orte ist man nicht gewohnt,

Mit Weltgeschäften sich die Zeit zu rauben;

Auch blieb ich schwerer Strafe kaum verschont,

Würd' ruchbar werden es der Schwestern Ohren,

Was ich mir bieten ließ, der Pflicht verloren!"

"Euch hier zu sehen, hab' ich allweg nicht vermuthet,

Und hätte mir geschwant, wer meiner harrt,

So bliebe frevler Wünsche eitel Sehnen

Mir allso vorzutragen Euch erspart.

Steht darum auf -- die aber lasset gehen,

So Anderm zu begegnen sich versehen!"

Betroffen stand er auf und wollte reden; doch sie,

Die fühlte, daß es ihr an Kraft gebrach

Das Herz zu meistern, wandte sich zur Thüre,

Da scholl ein silbern Lachen durch's Gemach

So froh, das es den Schritt ihr sogleich bannte

Und, stille stehend, sie die Blicke wandte. --

Sieh' dort! In kind'scher Lust, die Aeuglein freudeglänzend,

Schwung durch das Fenster sich das Mägdleinpaar,

Die purpurn angehauchten Sammetwangen

Licht überwallt von goldigblondem Haar,

Das, voller Ringeln, sich der Freiheit freute,

Weil Strähl und Schapel ihm nur selten dräute.

Es war des Ritters Paar, das, müd' des Spielens draußen,

Vergnüglich plaudernd so den Saal betrat.

Ihr Kommen mochte nun den Vater mahnen,

Daß ihretwegen er die Reise that,

Denn kaum, daß seine Augen sie ersahen,

Hieß leis ein Wink von ihm die Holden nahen;

Ihm selbst, dem eben es zu Muthe noch gewesen,

Wie einem der verurtheilt war zum Tod,

Erschienen nun zur rechten Zeit die beiden;

Sie sollten ihm jetzt helfen aus der Noth,

In welche ihn sein Minnewerben brachte,

Als er an sich, statt an die Seinen dachte.

Der Mägdlein Hände fassend, war er rasch besonnen

Und sank, eh' noch die Kust'rin wehren konnt',

Mit den Verwunderten ihr schnell zu Füßen,

Wohl hoffend, daß der Unschuld es vergonnt,

Was ihm, trotz allem Flehn nicht mocht' gelingen,

Durch ihre stumme Sprache zu erringen.

"Gewähret wenigstens den Kindlein hier Erbarmen --"

So hörte leise man den Stolzen flehn,

"Und laßt die Mutterlosen nicht entgelten,

Welch' schwerer Schuld der Vater sich versehn!

Gott wird Euch dafür lohnen, was den Kleinen

Ihr Gutes thut, und sind es gleich die Meinen." --

Er kam nicht weiter; denn was jetzt sein Blick erschaute,

Es bot Gewährung deß', was er begehrt'.

Voll milder Anmuth neigte Elsbeth freundlich,

Das Antlitz einem Engel gleich verklärt,

Sich zu den Mägdlein nieder, traut sie grüßend

Und frischen Munds die rothen Wänglein küssend.

Ein liebefroher Bild ließ sich, fürwahr! nicht malen,

Als es die Gruppe hier im Saale war:

In süßem Selbstvergessen knie'te Elsbeth

Froh bei den Schüchternen und strich das Haar

Aus Stirn und Wangen ihnen mit den Händen,

Um stets auf's Neue Gruß und Kuß zu spenden.

Der Kleinen Schüchternheit verschwand dann auch zusehends,

Wie wenn durch Nebel sich die Sonne brach,

Und machte Platz ergötzlichem Verwundern,

Das, großen Blickes, aus den Aeuglein sprach,

Die Mäulchen roth nicht länger mehr ließ zaudern

Mit dieser Huldgestalt vertraut zu plaudern.

Sie selber sah, ein selig Lächeln auf den Lippen,

Zu Theil geworden ihr, was sie ersehnt',

Sah mit der Liebe treugemeinten Blicken,

Auf's Schwesternpaar, an ihre Brust gelehnt,

Und glich dem Baum, umringt von jungen Schossen,

Die, auch in Blüthe, aus der Erde sprossen.

Herr Kuonrad aber hatte langsam sich erhoben;

Er stand, die feuchten Blicke unverwandt

Auf Elsbeth heftend, in ein Glück versunken,

Wie schöner er bis jetzt dies nicht gekannt.

Was er ersehnte sich in manchen Stunden,

Hier war es unverhofft und reich gefunden.

Was Wunsch und Sorge ihm, auf Flügeln schien's entflohen;

Er selbst entrückt in ein ihm fremd Gefild,

Da Menschenglück und sel'ger Herzensfrieden

Nicht länger sehnender Gedanken Bild.

Nein, sichtbarlich vor seinem Blick enthüllte

Das Glück sich, wie es längst sein Herz erfüllte. --

Doch es kam anders, als der Glückliche sich träumte,

Denn, als die Kusterin, an jeder Hand

Der Mägdlein ein's, sich auch erhoben hatte

Und, hold den Sonnenblick ihm zugewandt,

Die Bitte that, die Kindlein ihr zu lassen,

So wollte dies der Eitle noch nicht fassen.

Im Wahne, Elsbeth lasse doch noch sich bereden,

Bat er, -- nicht darauf achtend, welche Qual

Ihr sein erneutes Werben machte -- leise

Die Milde, ihm zu folgen als Gemahl;

Indessen wie demüthig er auch flehte --

Es galt zu ernten, was sein Treubruch sä'te.

"Herr!" war die Antwort "laßt mich dem, dem ich geschworen!

Mein Loos ist schöner, als Ihr ahnen könnt;

Denn, freudig fühlt es meine Seele heute,

Es ward von Gott das Höchste mir gegönnt,

Was er an Seligkeit nur konnte geben:

Es ist das Glück -- für andrer Wohl zu leben!"

"Wie einst der Herre hieß die Kindlein zu sich kommen,

Will Eure Mägdlein gern ich nehmen an

In seinem Namen. Ich will für sie sorgen,

Gleich treuer Mutter sie im Herzen ha'n;

Auch, was ich weiß, 's ist nicht viel, beiden lehren

Zu ihrem Nutz und Sankt Agnesen Ehren!" --

Gerührt von so viel Großmuth und doch nicht zufrieden

Kam zu der Reue nun auch noch die Scham,

Dem Ritter, daß er die einst täuschen konnte,

Die jetzt so edel ihm entgegen kam;

Ja, statt, wie er verdiente, ihn zu hassen,

Gar darum bat, die Kindlein ihr zu lassen.

Doch während er noch sann, ihr Dank dafür zu sagen,

Nahm Elsbeth schon das Schwesternpaar zum Ziel,

Versprach den Mägdlein, wenn sie bei ihr bleiben,

Zu Scherz und Kurzweil schöne Hel'gen viel;

Auch wollte sie die Leckermäulchen laben

Mit Nonnenkräpflein, süß wie Honigwaben.

Da glänzten denn gar froh vier blaue Kinderäuglein,

Als wenn man helle Sternlein blitzen sah!

Es blieb kein Zweifel, beide waren willig;

Denn wie aus einem Munde klang ihr "Ja!"

Auf Elsbeths freundlich wiederholte Frage:

Ob hier zu bleiben ihnen es behage?

Erfreut von solcher Antwort, wandte sich die Gute

Herrn Kuonrad zu und bat, wie's schien in Hast,

Weil doch der Kleinen Sinn noch ändern könnte:

"Herr, lasset mir die Lieben hier zu Gast

Bis morgen; trau'n, sie sollen nichts vermissen,

Da wir Bescheid so braven Mägdleins wissen!"

"Euch jedoch bitte ich dann morgen her zu kommen

Und nach zu schau'n, wie es den Holden geht.

Wenn noch sie Willens sind, bei uns zu bleiben,

Eu'r Einverständniß vorgesehn! so steht

Ja nichts im Wege, drüber zu verhandeln,

Wie wir, zum Heile ihnen, weiter wandeln."

Und nun ermahnte sie die Mägdlein, fein vom Vater

"B'hüet Gott!" zu nehmen, bis zum nächsten Tag,

Indeß' auch sie zum Abschied sich verneigte.

Der Ritter aber stand, schier wie vom Schlag

Getroffen, als, die Mägdlein ihr zur Seiten,

Sein Blick die Edle sah zum Ausgang schreiten.

Die feuchten Augen wischend, währte es fast lange,

Eh' sich der Stolze nach und nach besann

Und, jähen Scheidens bitter Weh verwindend,

Gedrückten Sinns verließ des Stiftes Bann,

Um nun den Freunden sein vor allen Dingen,

Wie's um die Mägdlein stand, Bericht zu bringen.

Daß jedoch in der Kust'rin ihm die Maid begegnet',

Die seiner Liebe einzig Sehnen war,

Verschwieg der arg getäuschte Ritter freilich

Den Freunden gegenüber, ganz und gar,

Da, sich die Holde wieder zu erringen,

Er seine letzte Hoffnung sah zerrinnen. -- --

Als nächsten Tages, wieder um dieselbe Stunde,

Herr Kuonrad sich im Stifte melden ließ,

War's, statt der Kusterin, die Ob'rin selber,

Die, unpaß zwar, ihn nun willkommen hieß,

Um Nachsicht bat, daß Alter und Gebrechen,

Sie nicht schon gestern ließen mit ihm sprechen.

Dann, auf die Mägdlein kommend, war auch sie der Meinung,

Es thue Noth, die beiden zu erziehn,

Erwähnte auch, wie ihr der Propst gerathen,

Des Klosters Armuth und wies darauf hin,

Daß schon im Rückblick auf sothane Nöthen,

Die Schwestern gern den Kindlein Obdach böten.

Herr Kuonrad merkte sich's; denn als nun doch die Dame

Allendlich schwieg, erbot er sich, dem Stift

Den Nießbrauch eines Hofs mit Vieh und Fabel,

Sammt Rebgelände, Aeckern, Wald und Trift',

Auf doppelt so viel Jahre zu verleihen,

Als seine Kinder zu St. Agnes seien.

Die Ob'rin war's zufrieden; aber nicht er selber,

Der, in der Hoffnung, Elsbeth noch zu sehn,

Zum Abschied seine Mägdlein grüßen wollte,

Doch nur den Rath erhielt, fein abzustehn

Und lieber ohne Gruß sich zu empfehlen,

Als Trauer damit schaffen ihren Seelen.

Da sie darauf bestand, so fügte er sich endlich

Und schied vom Orte, der sein Liebstes barg,

Mit schwerem Herzen, all' sein Hoffen bettend

Zu ew'gem Schlummer in der Seele Sarg;

Noch dabei froh, daß doch der Trost geblieben,

In guter Hand zu wissen seine Lieben.

So war es auch. Voll hoher Freude, daß der Himmel

Doch ihrem Wunsch Erfüllung noch bescheert';

Was sie ersehnt', in trüben Augenblicken

Lieböden Daseins, nun dem Herz gewährt,

Hielt Elsbeth treulich, was sie ihm versprochen,

Der, sich zum Schaden, ihr die Treu' gebrochen.

Wohl rief ihr anfangs oft, beim Anblick seiner Kinder,

Erinn'rung schlummernde Gedanken wach,

Die sie gestorben glaubte, malte Bilder

Verlornen Glückes ihr; doch nach und nach

Verscheuchten Sorgen um das Wohl der Kleinen

Jed' ander Denken aus dem Sinn der Reinen.

Stets frohen Muthes waltete sie all' der Pflichten,

Die wohl nur Mutterliebe sonst sich wählt;

Gab's mal zu rügen die oftmals zu Losen,

War bloß der Mund es, der sie schmält',

Mit mildem Worte wußt' das Herz zu rühren,

Statt scharf und streng das Regiment zu führen.

Und, gleich wie gute Saat dem Boden rasch entkeimet,

Wenn Gott sie schützet, fröhlich grünt und blüht,

So auch gediehen unter Elsbeths Pflege

Die Mägdlein fein an Liebreiz und Gemüth;

In Kunst und Wissen, sittig frommem Wesen,

Sich selbst zur Ehre, wie auch St. Agnesen.

Da ging es nicht gar lang, bis von der Burgern Frauen

So manche, die auch Mägdlein eigen nannt',

Weil noch der Stadt für sie die Schule fehlte,

Nach kurzem Sinnen sich an Elsbeth wandt',

Und diese baten, jenen doch zu lehren,

Was selbst zu wissen leider sie entbehren.

Die Milde that es gerne. Doch, wenn sich die Schwestern

Nur freuten, daß des Klosters Hab und Gut

Auf solche Weise zunahm, sah sie selber

In all' den Pfleglingen, die man zur Hut

Ihr anvertraute, einen reichen Garten

Voll zarter Pflänzlein, ihnen fein zu warten.

Der lieben Mühe Sold war wiederum die Liebe,

Die treulich jedes Herz der kleinen Schaar

Mit Zinseszinsen ihrem Liebling zahlte,

So daß der Guten bald zu Muthe war,

Als hätte ihr der Himmel schon hienieden

Die Wonnen süßer Seligkeit beschieden. --

Es wuchs denn auch im Lauf der Zeit die Zahl der Mägdlein,

Bis daß im Stift sich eine Schule schuf,

In welcher Elsbeth, auch noch als Aebtissin,

Voll Freuden ihrem köstlichen Beruf

Sich widmete, mit Liebe stets beflissen

Zu mehren ihrer Schüler Zucht und Wissen. --

Schaffhausens Chronikschreiber haben, wohl zum Lobe,

Das "Gotteli von Küssaberg" genannt;

Doch wer ihn ihr verliehn den trauten Namen,

Der noch im Kletgau überall bekannt,

Das wird dem Leser nun von selber kommen:

Es gab ihn süßer Kindermund der Frommen!

* * *

Wo sanft die Gute ruht von ihrem edeln Wirken,

Kein Krenzlein oder Grabstein weis't den Ort;

Wär' auch ganz ungereimt, darnach zu suchen,

Denn länger lebt im Wort des Liedes fort,

Was sich im Leben treu und ächt erwiesen,

Als was -- in Gold auf Marmorstein gepriesen.

Anmerkungen.

Seite 16. "Heer" -- Pfarrherr, Seelsorger.

" 19. "Pfeitlein" -- Hemdlein.

" 26. "'ring, g'ring," -- leicht, ohne Mühe.

" 64. "hön" -- grollen, böse sein.

" 65. "Seelgerett'" -- für das Heil der Seele nach dem Tode.

" 68. "Sankt Vrenen Tag" -- in Zurzach der 1. September.

" 68. "kuomli" -- angenehm, bequem.

" 87. "Zindal," "Palmat," "Saben" -- die ersten beiden Seidenstoffe,

das letztere Linnen.

" 88. "hornin Noster" -- zum Zählen der Gebete gebräuchliche Schnur

(Rosenkranz.)

" 88. "Hel'gen" -- Bilder, Heiligenbilder.

" 91. "Niftel" -- Nichte.

" 108. "Wannen" -- aus dünnem Flechtwerk hergestellte Geräthe zum

Getreidereinigen.

" 117. "Kulter," "Pflumit" -- Polster, Bettpfühl, Federkissen.

" 134. "Nägelein" -- Gewürznelken.

" 175. "batten" -- helfen.

" 198. "stat" -- langsam.

" 213. "wäger" -- wahrlich.

" 214. "Urständ" -- Auferstehung.

" 231. "Göller"-- ein den Hals bedeckendes Kleidungsstück.

" 250. "Lächen" -- Stromschnellen im Rheine bei Schaffhausen.

" 251. "Mauchen" -- früher und wohl auch noch jetzt gebrauchter

Ausdruck der Schaffhauser Bürger gegenüber den Nichtbürgern,

Hintersässen.

Seite 252. "Wat" -- mittelalterlicher Ausdruck für Anzug.

" 260. "Richtagen" -- Reichthümer.

" 260. "Huben," "Hube" -- Hofgut von ca 40 Morgen oder Juchart.

" 266. "Herrenacker" -- in Schaffhausen der Hauptplatz.

" 277. "Schrättlein" -- Alpdrücken.

" 313. "Gotteli" -- Verkleinerung von "Gotte," in Süddeutschland und

der Schweiz, namentlich von den Kindern für die Pathin oder

ihnen sonst freundlich gesinnte Personen gebrauchtes Wort.

Elsbeth von Küssaberg, das Gotteli von St. Agnesen Ein episches Gedicht aus dem Kletgau · 第 13 / 13 段