Nun war ein Strom von Thränen das beredte Zeugniß,

Wie freudig überrascht sich Elsbeth fand,

Als ihr, fast zärtlich, gar noch an den Finger

Das Reiflein steckte Adelgundens Hand.

In langem Kuß sah man die Lippen pressen

Sie auf den Ring, in seligem Vergessen. --

Am Abend, als die Herrn vom Jagen wiederkehrten,

Im Zwingolf laut ihr Waidmannsgruß ertönt',

War Frieden; denn die beiden Schönen hatten

Sich längst schon miteinander ausgesöhnt,

Wenn gleich es Adelgunden schwer gefallen,

Zu meistern stolzen Herzens heißes Wallen.

Im Kletgau heißt ein Sprüchlein: "Essen und Vergessen!"

Das oft im Leben sich verwenden läßt.

Auch Elsbeth that es, sie vergaß der Thränen,

Die Adelgunde ihrem Herz erpreßt',

Nicht daran zweifelnd, daß des Junkers Liebe,

Wie heut sein Ringlein, ihr erhalten bliebe.

In solchem Glauben wurde bald sie wieder fröhlich;

Doch, wenn das Zartgefühl es auch verbot,

Ihr glückgeschwelltes Herz dem Gast zu öffnen,

Verriethen nun der Wangen lieblich Roth,

Der Augen Glanz, so strahlten wie zwei Sonnen,

Daß sie es sei, die sich den Sieg gewonnen.

* * *

Mußt nie vom Schicksal das für dich erzwingen wollen,

Was seine Macht zu schenken dir versagt,

Willst nicht du deines Herzens Ruh' und Friede

Zum Leide wandeln und, vom Sturm gejagt,

Des Steuers ledig, mit gekappten Tauen,

Dein Hoffen, einem Schiff gleich, scheitern schauen. -- --

Am Abend ging es wieder fröhlich zu im Palas.

Die Herren zechten und der Spielmann sang,

Von ihnen aufgefordert, heitre Weisen.

Stets sicher, daß er Beifall sich errang,

Besang sein Lied den kühlen Trunk im Kruge,

Den oft er leerte in gar gutem Zuge.

Zur Abwechslung, und auf den Wunsch von Adelgunde,

Die lieber lauschte, statt daß selbst sie sang,

Gab Elsbeth eben jetzt ein Lied zum Besten,

Das voll und süß von ihren Lippen klang;

Doch war's ein andrer Text und andre Weise,

Als sie der Spielmann sang, dem Wein zum Preise.

Mit angehaltnem Athem lauschten still die Herren,

Indessen vor der Thür, im dunkeln Gang,

Des Hauses Mägde sich versammelt hatten

Und lautlos horchten, wie die Herrin sang,

Um auch, sobald des Liedes Töne schweigen,

In frohem Beifall dankbar sich zu zeigen.

Sie kamen nicht dazu. Denn eh' das Lied zu Ende,

Stob, gleich dem Hühnervolk, bedroht vom Weih',

Die Schaar der Mägde furchtsam auseinander

Und gaben Gang und Thüre plötzlich frei;

Ein Fackellicht warf auf die Mauersteine

Im Näherkommen ungewisse Scheine.

Gleich nachher machten auch die drinnen große Augen

Und brach Elsbeth das Singen jählings ab.

Den Leuchtspahn in der Faust, stand an der Thüre

Der Wirth von Bechtersbohl, genannt der Schwab,

Dem Zweie folgten, die er mußt' begleiten,

Wie wohl's ihm wenig Freud' schien zu bereiten.

Als erster trat der Kaplan ein, so schon seit gestern

Im Thale war, wo er sein Amt erfüllt'.

Sie kannten ihn, trotz dem beschneiten Mantel,

In den er, frierend wohl, sich eingehüllt;

Er säumte nicht den fremden Gast zu nennen,

Den Niemand auf dem Schlosse mochte kennen.

Zu spät, denn eben ließ der Fremde sich vernehmen,

In tiefem Basse er zum Vogte sprach:

"Der Bischof läßt Euch gnädig Gruß entbieten,

Durch seinen Dienstmann, Franz von Edlibach,

Dem Ihr, so hoff' ich, werdet drob verzeihen,

Daß noch so spät er Euch in's Haus mußt' schneien.

Voll Achtung hatte sich der Vogt da flink erhoben,

Wie es dem Dienstmann solches Herrn gebührt,

Und nun empfing er aus des Boten Händen

Ein Ledertäschlein, vielfach eng umschnürt,

Deß' Siegel Krummstab und die Inful zeigte,

Bei welchem Anblick sich Herr Heinz verneigte.

Doch, eh' er's öffnete, bat er den Ueberbringer,

Den Mantel abzulegen und die Wehr'

Und mitzuhalten an der Tafelrunde:

"'s wär mir und hier den Freunden große Ehr'!"

Das ließ sich Edlibach nicht zweimal sagen,

Saß bald am Tisch und ruhte mit Behagen.

Bedächtig löste nun der Vogt die Schnur am Täschlein,

Indessen Elsbeth für den späten Gast

Des Saales rauchgebeiztem Eichenbuffert

Ein Glas entnahm, das ring zwei Krüglein faßt',

In dem der Wein, wie blinkend Gold geschwommen

Als sie's, credenzend, hieß den Herrn willkommen.

Die andern saßen derweil schweigend an der Tafel

Und sahn dem Vogte zu, dem's endlich glückt',

Des Täschleins Inhalt an das Licht zu bringen:

Zwei Schreiben, die das gleiche Siegel schmückt',

Mit einer Aufschrift, deren Schnörkelzüge

Der Vogt von lange kannte zur Genüge.

So sah er denn auch bald, daß eines nur der Schreiben

An ihn gerichtet sei; das andre trug,

Vom Bischof eigenhändig aufgeschrieben,

In schöner Schrift Herrn Kuonrads Namenszug;

Dies übergab der Vogt dem Hausgenossen,

Noch ehe er das eigene erschlossen.

Als ob dem Junker bang, das Schreiben gleich zu öffnen,

Lag's eine Weile schon in seiner Hand,

Eh' er begann das Siegel zu erbrechen

Und flüchtig forschte, was zu lesen stand.

Nach kurzem Blick drauf aber ließ er's sinken

Und griff zum Glas, doch nicht um draus zu trinken.

Er rieb die Augen sich, fing wieder an zu lesen;

Da ward ihm heiß und däuchte es ihn schier,

Als ob die Schnörkel um ein Wort sich drehten

In wirrem Tanze auf des Briefs Papier.

Dies eine Wort -- will ihn die Hölle narren?

Es bannt' den Blick ihm, macht sein Herz erstarren!

Gleich einem, der sich schon dem Tode eigen glaubte,

Saß stumm Herr Kuonrad da, den scheuen Blick

Mechanisch auf des Oheims Schreiben heftend,

Drin schwarz auf weiß zu lesen sein Geschick

Nun war, wie besser er's nicht wünschen konnte,

Eh' sich sein Herz in Elsbeths Blicken sonnte.

Das lastete jetzt bergeschwer auf seiner Seele

Und machte öde, rathlos ihm das Hirn,

Indeß sein Blut, in heißen Wellen kochend,

Mit dunklem Rothe färbte Wang' und Stirn.

Der Brief erzitterte in seinen Händen;

O, Fluch dem Schicksal, solch ein Glück zu spenden!

Was er sich einst ersehnte, nun war's ihm geworden,

Es lacht' das Glück ihn an! Doch tief verzagt

Und, ach, im Innern nichts als schmerzlich Ringen,

So sah er in Verzweiflung sich gejagt.

Wußt' nicht, soll er entsagen, unterliegen,

Mit Mannesfestigkeit den Gram besiegen?

Wie selten doch gelingt es uns einmal im Leben,

Daß das, was Jahre lang wir heiß erstrebt,

Uns wirklich Segen bringt, wenn es errungen;

Was einst als höchstes Ziel uns vorgeschwebt,

So Manchen trieb, das Aeußerste zu wagen,

Wie oft bracht's Kummer nur, und bitter Klagen!

Noch war Herr Kuonrad unentschlossen, als auf einmal

Ein silbern Lachen tönte durch's Gemach,

So lieb und traut, wie es nur Eine konnte,

Das aber doch ihm nun das Herze brach,

Sah, er, wie sie, des gleichen Schicksals Beute,

sich ahnungslos des Augenblickes freute.

Nicht unfern ihm saß Udo, leis mit Elsbeth plaudernd.

Herr Kuonrad sah der Holden süßen Mund

In Unschuld lächeln, Grüblein in den Wangen,

Von denen er geträumt so manche Stund',

Daß anmuthvoll die gleich zwei Röslein blühten,

Und nun riß es ihn auf aus seinem Brüten.

Im selben Augenblick hob sich der Vogt vom Stuhle

Und, immer noch das Schreiben in der Hand,

Sprach freundlich er und allen wohl vernehmbar,

Den klaren Blick zum Freunde hingewandt:

"Ihr reiset morgen, läßt der Bischof wissen;

Uns thut es leid, Euch gar so bald zu missen!"

Dies hörend, kam dem Junker blitzschnell der Gedanke:

"Der Freund hier ist's, der auch schon alles weiß;

Ganz sicher hat der Oheim ihm berichtet!"

Es überlief ihn dabei kalt und heiß,

So daß er schweigend in sein Schreiben starrte,

Indeß Herr Heinz von ihm der Antwort harrte.

Ein kurzes Ringen noch, doch qualvoll, schmerzensbitter;

Herr Kuonrad sah, es blieb mehr keine Wahl,

Als ungesäumt sich muthig zu entscheiden

Und -- schnell entschlossen, kürzte er die Qual,

Bedachte nicht, ob auch das Herz gewinne,

Wenn er sich Reichthum wählt, statt treuer Minne.

Ein kurzes Lächeln heuchelnd, stand er auf am Tische

Und sprach, zum Vogte hingewendet, laut,

Doch ohne aufzublicken: "Es ist billig,

Daß frohe Botschaft man dem Freund vertraut:

Vernehmet denn, so Euch es mag belieben,

Was mir des Oheims güt'ge Hand geschrieben...."

Er las: "Wohledler und viellieber Herr und Neffe!

Zu wissen sei Euch und in Treuen kund,

Daß mir gelang, den König zu versöhnen,

So daß er nicht mehr grollt zu dieser Stund';

Erachte auch, wollt' es nicht ungut nehmen,

Habt nunmehr bas gelernt, die Zunge zähmen!"

"Wenn dem so ist, so möget Ihr denn wiederkehren

Und nützen Eures Herrn und Königs Gunst;

Nicht immer leuchtet ja des Glückes Sonne

Und hoher Herren Gnad' ist öfter Dunst,

Den, wenn wir uns am wenigsten versehen,

Ein leichter Windzug läßt in Nichts verwehen."

"Und item, kann ich Eurem Herzen noch vermelden," --

Hier freilich stotterte Herr Kuonrad stark

Und ward bei jedem Worte ihm zu Muthe,

Als schneide er sich in das eigne Mark, --

"Daß Euer Bäslein, wie mich dünket, trauert,

Weil Eure Absenz gar so lange dauert."

"Ihr Jawort hab' ich, für das Weit're wollet sorgen.

Sitzt nun am Rocken, dreht Euch selbst den Zwirn;

Doch traun, des Königs schmucke Ritterleute

Verwirren etwan gern ein Frau'ngehirn;

Auch ließ das Bräutlein nicht ganz leicht sich werben

Und Euer Zögern könnte viel verderben."

"So reitet denn mit Gott in nächsten Tages Frühe,

Daß ja Ihr ehstens wieder um uns weilt.

Mit Gruß, Eu'r Oheim Otto, episcopus. --"

Herr Kuonrad schwieg; er hatte sich beeilt,

Den herben Trank in raschem Zug zu leeren,

Statt männlich seines Schicksals sich zu wehren.

Des Freundes Glück sich freuend, griff der Vogt zum Kruge

Und bracht' ein Wohl aus auf des Junkers Braut.

Hell klangen Krug und Gläslein an einander,

Als jählings ward ein kurzes Klirren laut:

In kleine Scherben lag das Glas zersprungen,

So eben noch in Elsbeths Hand erklungen. --

Die Arme hatte ahnungslos gelauscht dem Freunde,

Bis von der Braut im Brief die Rede war,

Da wollten plötzlich ihr die Sinne schwinden,

Es trübte sich das schöne Augenpaar,

Und die noch erst so fröhlich konnte scherzen,

Sie saß nun schmerzgequält, die Hand am Herzen.

Indessen bald entschlossen all' ihr Leid zu hehlen,

Am ersten dem, der trug die Schuld darob,

Stand sie auch auf und griff nach ihrem Gläslein,

Da alles sich zum Wohl der Braut erhob,

Das Heilo! freilich klang aus blassem Munde

Noch minder laut, als das von Adelgunde.

"Ihr freut Euch wäger?" hörte Elsbeth diese fragen,

Als just ihr Heilo sie gar zaghaft sprach,

Da ließ die weiße Hand das Gläslein fallen,

Daß klirrend es in hundert Stücke brach. --

Zum Schmerz noch Spott, wer dieses je empfunden

Und schweigend trug, hat Schweres überwunden.

Mit aller Kraft das wehe Herz bemeisternd, säumte

Die Gute nicht, zu thun, was ihre Pflicht,

Hielt tapfer aus am Tische, freundlich sorgend,

Daß es an Speis' und Trank gebreche nicht;

Bis Adelgunde spät zur Ruh' begehrte,

Weil nun der Abend ihr zu lange währte.

Den Schwänken lauschend, die der Vogt so gut erzählte,

Fiel Niemand auf, daß bald das Mädchenpaar,

Nach stillem Grüßen, sich zu Gehen wandte,

Obschon es damals just nicht Sitte war,

Daß, wenn die Herrn ins rechte Zechen kamen,

Die Damen darum ihren Rückzug nahmen. --

"Schickt mir den Fahrenden nach Wasserstelz hinüber,"

Sprach Adelgund' auf Elsbeths "gute Nacht!"

"Er soll uns singen und zum Tanze spielen,

Bis früh das Taglicht durch die Scheiben lacht.

Was wär' das Leben, gäb's nicht hin und wieder,

Sich zu vergessen, Saitenklang und Lieder!"

Die Worte klangen herb und schneidend, wie das Lachen,

So ihnen folgte, nun die Thür sich schloß;

Doch als sie dann allein, rang mancher Seufzer

Aus Fräulein Adelgundens Brust sich los,

Es wachte lang die Stolze in Gedanken,

Eh', schlafbezwungen, ihr die Lider sanken. --

Von Elsbeths Augen aber blieb der Schlummer ferne.

Ein schneidend Weh im Herzen hielt sie wach,

Seit, länger nicht mehr Herrin ihres Schmerzes,

Sie müden Schritts betrat das Schlafgemach,

Und dort, ein rührend Bild! von Gram umfangen

Zusammenbrach mit überthränten Wangen. --

Wer Frauenschönheit nicht in Augenblicken schaute,

Wo, leiddurchschüttert, fast das Herz ihr brach,

Der marmorgleichen Züge stummes Wehe

Aus müdgeweinten Augen schmerzvoll sprach,

Und doch verklärt von überird'schem Schimmer:

Gewiß, der sah die höchste Schönheit nimmer.

Vor Kurzem noch in einem Paradiese weilend,

Von Glück umstrahlt in süßer Minnelust,

Die unverhohlen ihr im Busen glühte,

Trug Elsbeth einen Himmel in der Brust,

Der, lichtumflossen, ihre Jugend schmückte,

Mit reicher Seligkeit sie hoch beglückte.

Auf heitern Auen schien es ihr ein wonnig Wandeln

In Blüthenduft und frischer Lenzespracht.

O, schöne Stunden, wo des Menschen Seele

Ein einz'ger Blick noch wunschlos glücklich macht,

Erwachter Liebe unschuldvolles Träumen

Gleich goldnem Morgenroth das Sein umsäumen! --

Und nun war all' dies aus, in schwarze Nacht versunken,

Vernichtet ihres Herzens schöner Traum,

Vom Sturm geknickt die duft'ge Frühlingsblüthe

So furchtbar jäh -- die Arme faßt es kaum.

Sie rang in tiefem Weh die zarten Hände

und schluchzte auf, doch hörten's nur die Wände. --

Des Herzens erste Liebe gleicht gar oft der Blume,

Die uns am ersten Frühlingstage grüßt,

Ihr früh Erwachen aber -- kommt ein Spätfrost --

Dann unversehens mit dem Tode büßt,

Als Opfer der paar warmen Sonnenstrahlen,

So allzufrüh sich ihr in's Herzlein stahlen. --

In bangem Wachen lehnte Elsbeth schmerzversunken

Am Bett und starrte trostlos vor sich hin,

Indessen durch die grünen Butzenscheiben

Der volle Mond ihr fahl in's Antlitz schien,

Des Stübleins kalte Fliesen matt beleuchtet,

Die sie mit ihrem Thränennaß befeuchtet. -- --

Im Palas waren sie noch lange wach geblieben.

Es saß der Spielmann dort am Eichentisch,

Die Herrn mit Schwänken oder Sang vergnügend,

Dazwischen seine Kehle, allzeit frisch,

Dem Kruge zusprach, wie in jungen Tagen,

Je länger 's ging, mit desto mehr Behagen.

Herr Kuonrad war's allein, der nicht recht froh drein schaute,

Zum Lachen zwang sich, wenn der Vogt ihn neckt'

Mit witz'gem Worte oder muntrem Sprüchlein,

In welchem, harmlos zwar, die Mahnung steckt',

So lang als möglich fröhlich noch zu zechen,

Da Eh'- und Wehstand oft das Krüglein brechen.

Er trank denn freilich auch am tapfersten von allen,

Doch däucht' ihn schal und wässerig der Wein;

Denn statt, gleich jenen, Frohsinn sich zu trinken,

Ging ihm wie Gift ein jeder Tropfen ein.

Auch schien es ihn nicht fröhlich anzumuthen,

Daß öfters Benno's Blicke auf ihm ruhten.

So war es ihm gar lieb, als bald der Vogt fürsorglich

An Morgen denkend, nun den Vorschlag that:

"Wir wöllen heut' uns schon Behüet Gott! sagen,

Daß in der Fruh, beim ersten Hahnenkraht,

Die Herren ungehindert reiten können,

Indeß wir andern uns noch Ruh' vergönnen!"

Herr Kuonrad stimmte gerne bei und bat nun höflich

Den Dank zu nehmen für die Gastfreundschaft,

Die ihm der Vogt so überreich gewährte,

Daß schier vergessen drob er seiner Haft;

Auch -- Elsbeth besten Dank und Gruß zu sagen,

Kam ihm der Muth, dem Freund noch aufzutragen.

Als endlich dann die Herrn genug getafelt hatten,

War es des Bischofs Bote Edlibach,

Von dem ein Stammbuch uns noch jetzt berichtet:

Er habe "ordlich schön verricht sein Sach,

Und ehrlich den Willkummen also trunken,

Daß, statt in's Bett, daneben er gesunken."

Achtes Kapitel.

Der Jahre manches war gekommen und gegangen

Seit jenem Morgen, als mit Edlibach

Herr Kuonrad, bis ans Thor von Kunz begleitet,

-- Weil es noch frühe, schien sonst Niemand wach, --

Umwoben von kaltfeuchten Nebelmassen,

Mit schwerem Kopf Schloß Küssaberg verlassen. -- --

Nach hartem Winter war es endlich Frühling worden

Und wieder grünend prangten Wald und Ried.

In Wald und Fluren sangen Vogelchöre

Den "Willekumm" in nimmermüdem Lied;

Wie Gold begossen lagen Höhn' und Auen

Im Morgenlichte, herrlich anzuschauen.

Schaffhausens Storchenpaar, seit gestern wieder heimisch

Im wohlgeschützten Nest auf der Abtei,

Verkündete mit schnarrendem Geklapper,

Daß just zu Ostern Frühling worden sei,

Der Lenz mit Festgepräng' zur Stadt gekommen,

Wenn er auch nicht den Weg durch's Thor genommen.

Vom Thurm zu Allerheil'gen glänzte, weithinschimmernd,

Auf seinem Knaufe schon der Wetterhahn;

Die goldnen Federn glitzerten und sprühten,

Als hätt's auch ihm der Frühling angethan.

Tief unten aber in den "Lächen" zogen,

Schier gar im Dämmer noch, des Rheines Wogen.

Ein Weilchen bloß und dann lag auch die Vordergasse

Mitsammt der Oberstadt im Sonnenschein;

Ein breiter Strahl sah auf dem Herrenacker,

Aus Neugier wohl, in schmale Fensterreihn.

Gleich Demant blitzend rauschte in der Sonnen

Kühl sprudelnd Naß aus steingehaunen Bronnen.

Am längsten hielt das Ampelnthürmlein sich im Schatten

Des trotz'gen Unnoth auf dem Emmersberg;

Von hohen Treppengiebeln halb verborgen,

War's anzuschauen wie ein grauer Zwerg,

Der seit Jahrhunderten am Gerberbache

Verdüstert da stand unter steilem Dache. --

Noch pflogen Burgerschaft und eingesessne "Mauchen"

Des Schlummers, wohlbeschirmt von Thurm und Thor,

Der letztern Schlüssel ruhten, wie gebräuchlich,

Dem ältsten Stadtknecht unterm offnen Ohr,

Als hell vom Münster her die Glocken klangen

Und aus den Federn nun die Schläfer zwangen.

Flink wurden überall die Läden aufgeschoben

Und konnte man gar manches Antlitz schau'n,

Das für das Fest sich Wind und Wetter prüfte.

Es schien, dem letztern wär' heut wohl zu traun,

Denn frisch und duftig kam am Himmelsbogen

Der Ostermorgen über Land gezogen.

Zufrieden mit der Prüfung, schollen frohe Grüße

Nach links und rechts, mehr oder minder traut,

Wie grad der Nachbar sich zum Nachbarn stellte,

Der nebenan aus seinem Fenster schaut'.

Inzwischen riefen aber, um die Wette,

Die Glocken schon ein zweites Mal zur Mette.

Und nicht umsonst, bald standen Thor und Thüren offen;

In Festgewändern zogen Frau und Mann,

Gesind' und Kinder feierlichen Schrittes

Dem Münster zu, wenn nicht sie Sankt Johann

Den Vorzug gaben, oder "Mutter Nesen,"

Wie man das Kloster hieß zu Sankt Agnesen;

Doch bald erschienen wieder einsam all' die Straßen.

In Feiertagsstillschweigen lag die Stadt

Im heitern Morgenglanz des jungen Lenzes,

So Einzug hielt in seiner besten Wat;

Nur hoch vom Dach und Firstenwerk herunter

Die Vöglein zwitscherten und sangen munter.

Sie waren in die Stadt gekommen, trotz der strengen

Verordnung hohen Raths, daß jedes Thor

Am Sonntag Morgen fest verschlossen bleibe,

Auf daß sich "nützid" in die Stadt verlor,

Was frommer Burger Andacht konnte stören,

Eh', Punkt um Zehn, sich ließ das Zeichen hören.

So lange mit der Glocke dieses nicht gegeben,

Durchzogen Schaarwachtsknechte mit der Wehr,

In Schwarz und Grün und blanken Beckelhuben,

Gemessnen Schritts die Gassen kreuz und quer

Und sahen drauf, daß kein profanes Walten

Im Mauerring der Stadt sich mocht' entfalten.

In tiefer Ruhe sonnten Plätze sich und Straßen,

Wie es so frommem Wesen zugehört.

Vor ihrem "großen Gott im Münster" konnten

Die München sammt den Laien ungestört

In Andacht knie'n, wenn sie nicht lieber lauschten

Den Orgelklängen, so durchs Haus hin rauschten.

Froh bei sich selber, daß die Fastenzeit vorüber,

Hielt Alt und Jung beim Hochamt stille aus,

Bis Sang und Orgelklang verklungen waren;

Dann aber ging's im Sturme schier nach Haus,

Um da das Fest, bei buntgefärbten Eiern

Und leckrem Mahl, nach altem Brauch, zu feiern.

Indessen, lange weilte Niemand wohl am Tische.

Vom warmen Sonnenschein hinausgelockt,

Zog frohen Sinnes durch die offnen Thore,

Was Winterlang dem Ofen nah gehockt,

Und wer's vor Alter oder Brest nicht konnte,

Sich auf dem Bänklein vor dem Hause sonnte. --

Gleich vielen andern war an diesem Nachmittage

Auch Götz von Randenburg, Schultheiß der Stadt,

Mit noch zwei Herrn durch's Schwabenthor gewandelt,

Die, wie er selbst, der dumpfen Stadtluft satt,

Nun gerne einen Gang in's Freie thaten,

Um zu beschauen sich den Stand der Saaten.

Der Schultheiß, eine Kraftgestalt in blauem Mantel,

Auf welchem sich des Kaisers Gnadenbild

An schwerer goldner Kette glänzend sonnte,

Erwiederte im Gehn die Grüße mild,

So Seiner Herrlichkeit die Burger zollten,

Wenn auf dem Weg die Herrn sie überholten.

Zur Rechten ihm der Herr im schwarzen Ordenshabit,

Ein schimmernd Kreuzlein auf der breiten Brust,

Schritt Abt Johannes, Herr zu Allerheil'gen,

Sich seiner hohen Würde voll bewußt,

Grüßt' wohl auch er mit einem leisen Nicken,

Doch vornehm stets und mit gar frommen Blicken.

Links aber ging Herr Am Staad erster Burgermeister;

Der himbeerfarbne Mantel, vorn gestickt,

Fiel tief und faltig über Brust und Schultern,

So daß man kaum den Schwertknauf noch erblickt,

Auf dem die Linke ruhte. Einst, vor Jahren,

Trug er das Banner von Schaffhausens Schaaren.

Es hatte diesem Mann Schaffhausen viel zu danken.

Nothfesten Sinnes war er stets zur Hand,

Wenn's galt den Burgern Wunn und Waid zu mehren,

In Zwing und Bännen weit umher im Land;

Auch kam sein Rath so Vielen schon zu Statten,

Die selbst im Rathhaus Sitz und Stimme hatten.

Die beiden Herren kamen von des Abtes Tafel;

Denn weil die Sonne warm durchs Fenster schien,

Bedurft' es wenig, um zu Drei'n, wie Christus

Nach Emmaus, vor's Thor hinauszuziehn,

Bei linder Osterlust und Blättersprießen,

Ein Stündlein lenzlustwandelnd zu genießen.

Gemächlich schreitend gingen ruhig sie des Weges

Und kürzten im Gespräche sich die Zeit,

So ihnen, zwar just nicht sehr zu bemerken,

Vor Jahr und Tag schon in das Haar geschneit;

Der Gang, noch jugendfrisch und stolz gehalten,

Ließ Lügen strafen auf der Stirn die Falten.

Den Dreien folgten etliche Geschlechterherren,

Schaffhauser Burger, doch von edlem Blut,

Wie die von Fulach, Imthurn, Stockar, Mandach:

Von altem Adel und mit Leib und Gut

Der Väter Sitten allzeit streng ergeben,

Gehörte nur der Stadt ihr wacker Streben.

Die Junkherrn gingen an der Seite ihrer Damen,

Gekleidet nach der Mode neu'stem Schnitt.

Am Hute prangten Federn, blitzten Steine,

In schönem Farbenspiel, bei jedem Schritt;

Auch waren zierlich ihre Handgewaffen,

Die übrigens zumeist zur Schau geschaffen.

Die Damen aber trugen alle Sammt und Seide,

Und um den Hals saß, steif gedollt und weiß,

Dem Schnee gleich blendend, eine Tellerkrause,

Bezeugend ihrer Gürtelmägdlein Fleiß;

Auch sie erglänzten reich in Ketten, Spangen,

Mit denen sie zum Feste sich behangen.

In wechselndem Geplauder leicht sich unterhaltend,

Blieb dann und wann der Schönen eine stehn,

Um auszuathmen, frische Luft zu trinken

Und weit hin über Berg und Thal zu sehn,

Wo holder Frühling rings die Landschaft schmückte,

Mit seiner Pracht die Blicke froh entzückte.

Am Arm der Eltern schritten jugendschöne Fräulein,

Die, wenn das Mündchen nichts zu plaudern fand,

Der Nachbarin Gewand und Schapel prüften,

Ob nicht zu kostlich Spitzen dran und Band,

Erröthend auch und schämig sich erzeigten,

Wenn schmucke Junkherrn grüßend sich verneigten.

In schlichterem Gewande gingen ernste Burger

Zur Seite ihrer redesel'gen Frau'n,

Die glücklich waren, mit dem Ehgesponse

Am Wege sich die Gärten zu beschau'n,

Den Kindlein, welche jedes Paar umsprangen,

Zu stillen heißer Sehnsucht froh Verlangen;

Schritt haltend, wandelten der zweite Burgermeister,

Herr Trüllerey, ein Mann bewährt im Rath,

Und Peyer im Hof, so des Seckels pflegte,

Seit ihn die Stadt vor Jahren darum bat.

Die Herren waren tief in Schwarz gekleidet,

Da man im Rath die hellen Farben meidet.

In leisem Sprechen über das Gemeine Wesen

Erwogen beide ernst den Casus sie,

Wie es gekommen, daß ihr Herr und Kaiser

Die Stadt ein zweites Mal als Pfand verlieh,

Indessen sie, die mitbehaft'ten Bürgen,

Am ersten Loskauf noch genug zu würgen.

Dicht hinter ihnen folgte Ott, der Sporenmacher,

Mit Habicht, dessen Haus am Gerberbach.

Selbst Roth, den Waffenschmied, litt's nicht zu Hause;

Er ging mit Meistern von demselben Fach

Nach Langem wieder vor das Thor spazieren,

Lockt' ihn auch nicht der Vöglein Musiciren.

Sein Thema war es just, den andern vorzurechnen,

Wie viel die Stadt gewänn' vom Zoll am Rhein

Im Laufe eines Jahrs, als Meister Habicht

Mit schlauem Lächeln meinte: "Wenn der mein,

Des Wappenwidders Mannheit, Horn und Klauen,

Am Rathshaus wären neu vergüld't zu schauen!"

Ein munter Liedchen trällernd zogen Handwerksknechte

Zum Thor hinaus, heut, voller Niedertracht,

Die Meister kaum mit einem Gruß beehrend;

Sie möchten, nun der Frühling war erwacht

Und Finke und Amsel ihre Schnäblein rühren,

Am liebsten gleich das Reisebündel schnüren.

Elsbeth von Küssaberg, das Gotteli von St. Agnesen Ein episches Gedicht aus dem Kletgau · 第 10 / 13 段