Dem Dorfe nahe, wo ich glücklich war.
Nun hielt mich nichts mehr, ließ das Volk im Stiche
In einer Mondnacht, wie der Tag so klar;
Das stille Hüttlein noch einmal zu sehen,
Konnt' meiner Sehnsucht ich nicht widerstehen." --
"Es taugte nichts. Ich fand mich fremde, schier vergessen,
Und statt zu mindern, frischte ich den Schmerz
Nur wieder auf, der manchmal doch geschlummert.
Des Menschen Herz ist wie ein Fels von Erz,
In welchem, unauslöschlich tief, gegraben,
Was wir an Freud und Leid genossen haben."
"Am zweiten Morgen schon verließ ich drum die Hütte,
Doch diesmal mit der Laute im Geleit.
Ich fand sie noch, ein trautes Angedenken
An freudige, wie kummerhafte Zeit,
Und halte sie seitdem in guten Ehren,
Gleich einem Freund, der hilft das Leid verwehren."
"In langen Fahrten zog ich singend durch die Gauen,
Und, wenn es anging, mehrtheils ganz allein,
Da ich dem Wesen meines eignen Völkleins
Entfremdet war bis auf den bloßen Schein;
Kam so gen Kostniz, wo der Kaiser tagte,
Und eine Zeitlang es mir bas behagte."
"Traun! gab's des bunten Treibens da gar viel zu schauen,
Vom Morgenläuten bis zum Abend spat.
In stolzem Prunk die Fürsten und die Pfaffen,
Viel schöne Frau'n in ihrem besten Staat;
Die weite Stadt mocht kaum sie alle fassen,
So mit dem Kaiser dort zu tagen saßen."
"Wo Fürsten weilen, weiß der Sänger sich willkommen!
Sie leihen frohen Weisen gern das Ohr;
Auch wissen ihre Damen hold zu lohnen,
Singt man zum Saitenspiel was Schönes vor,
Und Frauenherzen muß der Sänger rühren,
Soll reichen Sold sein Singen ihm erküren."
"So sang ich fröhlich denn am blauen Schwabenmeere,
Wo blaues Aug' und blauer Trauben Saft
Das Herz erwärmen, unter blauem Himmel
Man sich in's Farbenspiel des See's vergafft. --
Ich würde heut' noch dort die Saiten spannen,
Trieb scharfer Brandgeruch mich nicht von dannen." --
"Ein selten Vögelein ließ sich im Garne fangen,
Von arger List und bösem Trug gestellt.
Thut nimmer gut, die Wahrheit grad zu singen,
Daß lauten Ton's sie in den Ohren gellt;
Ach, wenn die Leute nach der Wahrheit fragen,
Bedenket erst, ob die sie auch vertragen!"
"Das Vögelein, ein Gänserich fernher aus Böheim,
Kam durch sein Schnattern bald auch arg in Noth;
Statt frei Geleite, so man ihm versprochen,
Verdammten sie's und zwar zum Feuertod. --
Mein' aber doch, einst kommt ein Schwan gefahren,
Den sie zu braten sich gewißlich wahren!"
""Ein Unrecht ist's!"" entschlüpfte es dem Mund des Junkers
So laut, daß sich der Spielmann unterbrach
Und mit Erstaunen auf Herrn Kuonrad blickte,
Aus dessen Antlitz edles Zürnen sprach;
Herr Heinz doch that, als hätt' er nichts vernommen,
Ließ nur von Kunzen frischen Wein sich kommen.
Der Junker schwieg drum auch, dann sprach der Alte weiter:
"Es ward mir schwül am blauen Bodensee;
Denn jedes Mal, wenn ich den Freimann sehe,
Thut mir das Dreibein auf dem Nacken weh.
Weiß es ja selbst, wie es zu Muth dem Herzen,
Das schuldlos leidet Henkerpein und Schmerzen!"
"Ich sagte drum Valet der Stadt und ihrem Treiben,
Den vollen Humpen und den schönen Frau'n,
Und zog den Rhein herab, die Pfaffengassen,
Mit Sang und Sagen fürbas durch die Gau'n,
Bis sich von ungefähr das Steuer drehte
Und mich der Wind in Euer Thal verwehte." --
"Ein wunderlieblich Land muß ich den Kletgau preisen,
Mit seinen Fluren, seinen Rebenhöhn;
Umkränzt von goldnen Feldern, grünen Matten,
Liegt Dorf an Dorf, gleichwie ein Garten schön,
Um welchen rings sich wald'ge Berge bauen,
Von denen stolze Burgen niederschauen!"
"Es lernt der Wandrer da ein heiter Völklein kennen;
Nach wackrer Arbeit liebt es Sang und Tanz,
Ist biedern Sinns und wäger hochgemuthet,
Gleich seinen Eichen auf der Berge Kranz.
Hier fühle ich mich wohl, hier möcht' ich weilen,
Wär' mein Geschick nicht, durch die Welt zu eilen!" --
"Nun, Herre, kennet Ihr des Vögleins Flug bis jetzo
Und wisset, wo's die Federlein gela'n.
Ich hoffe, 's wird einst, nach der letzten Mauser,
Wie andre, neuen, schönern Schmuck empfahn;
Ist doch auch's Vögelein in Gottes Händen,
Der Euch und ihm wöll fröhlich Urständ spenden!"
Siebentes Kapitel.
Die Nacht ist hin. Von starkem Rauhreif weiß besponnen,
Erschimmern rings in märchenhafter Pracht
Der Bäume Wipfel, purpurn übergüldet
Vom Morgenroth, das fern im Ost erwacht;
Bald wird, sein leuchtendes Gespann am Wagen,
Der Sonnenball die kurze Tagfahrt wagen.
Lichtblauer Himmel wölbt sich über Schloß und Landschaft
Und, wenn's auch kalt macht, ist die Luft doch still
Und rührt nicht an des Waldes silbern Pfeitlein,
In dem die Sonne er begrüßen will;
Als ob ihm nimmer die Erfahrung sagte,
Daß er noch jedes Mal umsonst sich plagte.
Jetzt flammt es auf in hellen Blitzen weit im Osten
Getroffen von des Lichtes goldnem Hauch,
Erglänzt in allen Farben, glühend, funkelnd,
Ein herrlich Diadem, der Reif am Strauch.
Ein Meer von Gold ruht auf den schnee'gen Flächen,
Auf welchem glitzernd sich die Strahlen brechen. --
Daß schön der Tag sich anließ, kam Herrn Heinz zu statten,
Weil Elsbeth, wie er selbst, die Gäste bat,
Noch einen Tag das Jagdglück zu versuchen;
Was diese auch versprochen, eh' sie spat,
Da müd' und schläferig die Lider hingen,
Vom Wein sich trennten und zur Ruhe gingen. -- --
Des Spielmanns schlichte Rede hatte gestern alle,
Nur nicht des Wasserstelzen Töchterlein,
Ernst angemuthet; dieses wollte lachen.
Mit krauser Stirne sah es unwirsch drein,
Als jener endlich schwieg und alle zaudern
Von heitern Dingen, wie vordem zu plaudern.
Doch bald gewann des Vogts gemüthlich Wesen wieder
Die Oberhand. In froh gelaunter Weis'
Befahl er Kunz, den Spielmann wohl zu letzen
Für sein Erzählen nun mit Trank und Speis';
Es sei viel leichter, einen Korb verschwellen,
Denn Kehl' und Magen fahrender Gesellen.
Das Gleichniß laut belachend, hörte sicher Niemand
Daß unterdessen Junker Kuonrads Mund
Des Schlosses Herrin heimlich flüsternd fragte,
Ob ihre Liebe auch so festen Grund, --
Als sie es eben von der Maid vernommen,
Die zu dem Spielmann einst in Lieb' erglommen?
Wohl zog's in dunklen Gluthen da auf Elsbeth's Wangen,
Doch sah sie klaren Blicks zu ihm empor
Und sprach in mildem Ernste, aber leise,
Daß kaum erlauschen mochte es sein Ohr:
"Ich denke, Herr, es giebt nur Eine Minne
Und treufest wohnt sie tief im Herzen drinne!"
Als hätte sie zu viel gesprochen oder vorschnell,
So hastig stand sie dann vom Tische auf
Und wählte selbst dem Spielmann von den Speisen;
Auch, in der Eil', die Kanne mit dem Knauf
Von Silber füllte sie mit Wein dem Alten,
Sah nicht, wie Mechtilds Blicke drob sie schalten.
Dann winkte sie dem Sänger freundlich sich zu setzen.
Was der natürlich auch gar gerne that
Und sich behaglich übers Essen machte,
So daß Kunz nicht ein zweites Mal ihn bat.
Bei Tische aber, nun der Ernst gebrochen,
Ward munter wieder hin und her gesprochen.
Nur einer horcht schweigend, und das war Herr Kuonrad,
Dem's wahrlich doch am Mundwerk nicht gebrach;
Er gab wohl höfliche, doch kurze Antwort,
Wenn Fräulein Adelgunde zu ihm sprach;
Doch, wollte sie in ein Gespräch ihn ziehen,
So suchte, schlau, er solchem zu entfliehen.
Er merkte nicht, wie darob ihm das Fräulein zürnte,
Denn seine Blicke zog's mit Allgewalt
Zu Elsbeth, die, der Wirthin Pflichten übend,
Ihm dann und wann mit einem Blick vergalt,
Der, mehr als tausend Worte, ihm enthüllte,
Welch holdes Glück ihr junges Dasein füllte.
Sie wußte lange, daß ihr Herz ihm angehöre
Und seines ihr; wenn auch mit keinem Wort
Ihr hold Geheimniß noch die Lippen regte,
Verriethen Blicke doch des Schatzes Hort.
Verschwieg'ne Liebe ist ja doppelt theuer
Und brennt im Herzen wie ein lodernd Feuer. --
Wie schon erzählt, gings wieder heiter zu am Tische;
Bei Scherz und Kurzweil floh die Zeit gar schnell.
Kunz mußte weidlich laufen mit dem Humpen,
Wollt' er mit Ehr' bestehn als Schenkgesell;
Auch kam ihm dabei vor, der Herren Kehlen
Woll' heute jeder Grund und Boden fehlen.
Bald hörte laut man Udo zu dem Spielmann sagen:
"Hei, Alter! Sing' ein Liedlein von der Jagd;
Kennst sicher eines, das recht lustig klinget
Und frohen Waidgesellen bas behagt.
Bei Sang und Kanne läßt sich traulich sitzen;
Sieh' nur, wie alle schon die Ohren spitzen!"
Gehorsam griff der Sänger da zum Saitenspiele;
Doch, um zu zeigen, daß er wohl verstand,
Was Höflichkeit vor edeln Damen fordert,
Bat, eh' er's rührte mit gewandter Hand,
Er erst des Schlosses Herrin, ihm zu sagen,
Was für ein Lied der Holden thät behagen.
Zartsinnig bat sie da ihn um der Lieder eines,
So einst sein Mägdlein sich ersann und sang.
Mit feuchtem Blick ihr lohnend, griff der Alte
Drauf in die Saiten, daß es hell erklang.
Dann hob er, anfangs leise, an zu singen,
Daß es, wie Kinderstimmen süß mußt' klingen:
"Am Hage blüht jung Röslein roth;
Deß' litten Wind und Käfer Noth,
Wollt's Jeder ha'n zur Fraue;
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue."
"Zum Röslein heimlich sprach der Wind:
""Laß' um Dich werben, liebes Kind,
Ein Herr gehrt Dein zur Fraue.
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue.""
""Zieh' weiter!"" rothes Röslein sprach,
""Verschlossen bleibt Dir mein Gemach,
Solch Buhlen ich nicht traue.
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue.""
"Drauf, gülden schön, ein Käfer kam,
Gab jungem Röslein süßen Nam',
Als seiner holden Fraue.
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue."
"Doch Röslein sprach: ""Dich nehm' ich nicht
Goldkäferlein! Dein Angesicht
Nur hin nach andern schaue.
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue.""
"Als aber kam ein Junker her,
Da wurde Rösleins Herze schwer;
Von selbst ward's seine Fraue.
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue."
"Dem Junkherrn gab es Duft und Blüth',
Doch er war bald des Kosens müd',
Zog wieder fort in's Blaue.
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue."
"Und wißt Ihr, wer der Junkherr war?
Er heißet Lenz, nimmt jedes Jahr
Ein Röslein sich zur Fraue.
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue."
Wie ein geöffnet Buch, drin wonniglich zu lesen,
Saß Elsbeth da und lauschte still dem Lied;
Der helle Sonnenschein aus ihren Zügen,
Verrieth dem Freund, was sie zu sagen mied,
Daß, gleich dem Röslein, seit er hergekommen,
Auch ihrem Herzen sei die Lieb erglommen.
Was Wunder, daß Herr Kuonrad sich nicht meistern konnte
Und, tief versenkt in Liebeslust und Weh,
Nur Augen hatte für des Hauses Herrin,
So heute ihm noch schöner schien, denn je.
Es brauchte wenig und, in Minne trunken,
Wär' vor der Holden er auf's Knie gesunken.
Ein selig Träumen nahm der beiden Herz gefangen,
Bis leis' der letzte Saitenton verklang;
Doch, als der Spielmann, Udo's Wunsch willfahrend,
Im nächsten Lied des Waidwerks Lust besang,
Und es erscholl, wie helles Hifthornklingen
Durch grünen Wald, da half auch Elsbeth singen.
Nur schüchtern erst, doch bald mit voller, klarer Stimme,
-- Im Schloß war Lied und Weise längst bekannt, --
Sang Elsbeth, daß der Spielmann, hingerissen
Von ihren Tönen, alle Kraft gespannt
In schöner Harmonie, um zu begleiten
Mit seinem Sange und dem Spiel der Saiten.
Es war ein Jubeln, war ein frohes Tirilliren,
Als hörte man der Vöglein hellen Sang
Im blühnden Haine draußen und im Tanne,
Wenn dort das Halali des Waidmanns klang,
Um, fern im Echo, leise zu verhallen,
Und, wieder nah, von neuem zu erschallen. --
Gelt, Mägdlein, wenn die Liebe 's Köpflein euch verwirret,
Ihr süß Geheimniß, euch allein nur kund,
Das junge Herzlein zum Zerspringen füllet,
Und doch nicht plaudern darf davon der Mund:
Dann quillt in Liedern hell aus Brust und Kehle,
Im Sange jauchzend, was euch hebt die Seele? --
Beim zweiten Verse sangen darauf auch die Herren
Das Liedlein mit in nicht zu lautem Baß;
Wer nur allein noch schwieg, war Adelgunde,
Von bittrer Eifersucht gequält und Haß,
Hielt jedem Laute sie den Mund verschlossen
Und blickte finster vor sich hin, verdrossen.
Je fröhlicher im Saal der Sänger Stimmen klangen,
Um desto heißer fühlte sie die Qual,
Geduldig sehn zu müssen, wie der Blick des Junkers
Sich immer wieder hin zu Elsbeth stahl;
Verschmähter Liebe unheilbare Schmerzen,
Sie nagten heimlich aber tief im Herzen.
Da von den Andern jedoch niemand darum wußte,
Floß jenen gar vergnügt der Abend hin
Bei frohem Sang und trautem Zwiegespräche,
Als ob es nur ein kurzes Stündlein schien,
Das man im Freundeskreise heut' verbrachte,
Nicht sich die Mitternacht schon nahte sachte. --
Am nächsten Morgen hatte kaum des Wärtels Hornruf
Den Herren dann gemeldet, daß es tagt',
Als diese, wieder frisch, vom Lager sprangen,
Hinauszureiten mit dem Vogt zur Jagd,
Die heute, weil der Freund es also wollte,
Im Thal, der Wutach zu, sich ziehen sollte.
* * *
Die Herren waren längst zur Jagd davon geritten,
Als Adelgunde sich vom Lager hob.
Sie hatte unruhvoll und schlecht geschlafen,
Weil wirr ein Traum sich in den Schlummer wob,
Aus dem sie, öfters aufgeschreckt, erwachte,
Da schon die Sonne durch die Scheiben lachte.
Voll Aerger drüber, weil den Ausritt sie verschlafen,
Es hatte Adelgunde Zeit und Ruh,
Auf's neu' dem Unmuth sich zu überlassen,
Daß gestern nicht der Junker immerzu
Nur ihrer Rede hörte, nicht ihn rührte,
Was, ach, so heiß, im Herzen sie verspürte.
In schlecht verhehltem Mißmuth grüßte sie verdrossen,
Als Elsbeth freundlich in das Zimmer trat,
Und ließ das Frühmahl unberührt erkalten,
Wie viel auch diese es zu kosten bat;
In dunklem Feuer ihre Blicke glühten,
So oft, die Lippen sich zu reden mühten."
Da, unversehens, that die Arge jedoch freundlich
Und gab mit Lächeln Elsbeths Bitte nach,
Sie etlich Treppen aufwärts zu begleiten,
In's eig'ne, prunkentblößte Schlafgemach;
Wo vor dem Fenster sich ein Söller baue,
Von welchem man den ganzen Gau erschaue.
"Erlaubt mir Eure Hand, daß ich Euch sorglich führe, -- "
Sprach arglos Elsbeth, als es aufwärts ging
Und Adelgunde zauderte, zu folgen
Im Dunkel, das die Treppe hier umfing, --
"Den nächsten Augenblick schon sind wir oben,
Von Sonnenschein und frischer Luft umwoben!"
Dies sagend, reichte Elsbeth ihrem Gast die Rechte,
An deren Finger sie das Reiflein trug,
So, wie wir wissen, ihr Herr Kuonrad schenkte,
Als er besorgt um ihre Zukunft frug,
Und das, seit jener Stunde, sie getragen,
Ohn' daß es Jemand einfiel, drob zu fragen.
Nun lag's, sammt ihren Fingern, in der Hand der Bösen,
Die, als sie's fühlte, voller Bosheit sacht'
Versuchte, ob es abzustreifen wäre
Und, da dies anging, sich nicht lang bedacht',
Das Reiflein Elsbeth heimlich weg zu nehmen,
Eh' oben sie zum Licht des Tages kämen.
Zu gut nur, leider, war der Schlauen dies gelungen,
Wie ja dem bösen Vorsatz stets das Thun,
Nur allzu gern, auf halbem Weg begegnet,
Den Unheilsinnenden nicht lässet ruhn,
Bis er, im Banne finsterer Gewalten,
Sieht seinen Willen sich zur That gestalten.
Mit schadenfroher Miene stieg das Fräulein vollends
Den Rest der Treppen aufwärts, Elsbeth nach,
Und trat, so unbefangen als nur möglich,
In deren sonnighelles Schlafgemach.
Ein trautes Stüblein, nett und rein gehalten,
Gab's Zeugniß für der Herrin emsig walten.
Ein Tischlein, wie das Bett schneeweiß bezogen, prangte,
Aus Eichenholz gefügt, links an der Wand,
Auf deren Sims, geschmückt mit frischem Eppich,
Die Statue der Muttergottes stand,
Von Künstlerhand in Elfenbein geschnitten,
Ein zierlich Bild, vor Alter gelb wie Quitten.
Noch etlich Stühle mit gestickten Rückenlaken
Und, gleich dem Tischlein, etwas altersschwach,
Nebst ein paar schweren, buntbemalten Truhen,
Besetzten diese Wand der Länge nach,
Indeß die andere das Bettlein säumte,
Drin Nachts die Liebliche in Unschuld träumte.
Drauß', vor des Stübleins Fensterthüre, lag der Söller,
Ein Mauervorsprung mit nur niedrem Rand,
Fast einem Vogelneste zu vergleichen,
Das, festgeklebt, sich an dem Thurme fand;
Doch allso hoch, daß schier es schwindlig machte,
Wenn man zum ersten Mal den Fuß drauf brachte. --
Vom Sonnenschein umflirrt, der fast die Blicke blendet,
Betrat das Mädchenpaar des Söllers Raum;
Tief unter sich verschneite, weiße Thäler,
Die Wälder rings ein einz'ger Weihnachtsbaum,
Und fern im Süd', ein Anblick zum Entzücken,
Der Alpen sonnbeglänzte Silberrücken.
Gar manchmal schon war Elsbeth da gestanden, hatte,
Versunken in des schönen Anblicks Pracht,
Und sich der Fernsicht freuend, stundenlange
Hier oben in der Einsamkeit verbracht,
Um, überwältigt von dem hehren Schauen,
An Gottes Werken still sich zu erbauen.
Nun sollte auch der Gast den klaren Tag benutzen.
Und, während Elsbeth ihm die Namen nannt',
Von all den Bergen, Thälern in der Runde,
So weit ihr jene überhaupt bekannt,
Hier Umschau haltend, froher Laune werden,
Beim Anblick dieses schönen Stückleins Erden.
Doch Adelgunde schien nur wenig sich zu freuen;
Sie maß die Gute bald mit einem Blick
Der, mehr noch als die Worte, so ihm folgten,
Erkennen ließ, wie gram sie dem Geschick
Drob war, weil dies, in leid'ger Lust am Necken,
Vergessen hatte, sie zur Jagd zu wecken.
"Gebt's auf, mir Namen vorzusagen," sprach sie mürrisch
"Die doch kein Mensch im Kopf behalten kann,
Als etwan Ihr, der, wie es scheint, das Fremde
Es angethan, und nicht der eigne Bann;
Denn sonsten braucht' ich Euch ja nicht zu fragen,
Den Wald zu zeigen, drin die Herrn heut' jagen!"
Da, etwas überrascht, wies Elsbeth mit dem Finger
Hinüber, wo das Heidenschlößchen stand;
Ein römisches Gemäuer, dessen Reste
Im Waldesdickicht einst ein Waidmann fand,
Als, müde wohl, er sich auf's Moos hinstreckte,
Das grün und weich die Mauertrümmer deckte.
"Dort drüben, nah der Wutach, zieht des Wildbanns Grenze
Sich bis hinunter, wo der Lauffen rauscht;
Die Luft ist still und wenn auch wir es bleiben,
Mag's gehen, daß Eu'r Ohr den Klang erlauscht
Von ihren Hiften, so, gleich fernem Singen,
Ich mehr denn eimnal bis hierher hört' klingen!"
"Das glaub' ich gerne!" rief gereizt die Aufgeregte
In einem Ton, daß Elsbeth, drob erstaunt,
Der Stolzen in die dunklen Augen schaute;
Doch hielt den Gast sie nur für schlecht gelaunt,
Und that deshalb, als wäre ihr entgangen,
Wie hämisch vorhin dessen Worte klangen.
Gelassen hob sie also wieder an zu sprechen,
Und ging's nicht lange, eh' es Elsbeth däucht',
Ihr harmlos Plaudern habe allen Unmuth
Des Fräuleins, wie im Flug, hinweggescheucht.
Sie merkte nicht, wie listig und verschlagen
Die Schlaue forschend stellte Wort und Fragen.
Nach Kurzem, denn die Jugend kann ja nichts verhehlen,
Besonders wenn das Herz sich glücklich weiß,
Gab Elsbeth, überlistet von des Fräuleins Reden,
Der Schmeichelnden ihr süß Geheimniß Preis,
Da tiefes Roth der Holden Wangen deckte,
Als jene bald sie mit Herrn Kuonrad neckte.
Nun gar die Liebliche, auf Adelgundens Frage:
Ob sie den Junker minne und er sie,
Mit silberhellem Lachen, statt zu sprechen,
Dem Glücke ihrer Liebe Ausdruck lieh,
Da ließ, nicht Herrin mehr des Zornes Wallen,
Die Fragerin jedwede Maske fallen.
"Vermeinet Ihr denn wirklich, daß der Herr Euch minnet,"
Klang's giftig, schneidend aus des Fräuleins Mund,
"Weil wäger Ihr Euch ihm zur Kurzweil bietet,
Wie dies am Vrenentag wohl jedem kund?
Euch -- eines Dienstmanns Tochter, die zufrieden,
Wird einst zum Mann ein Grundhold ihr beschieden!"
Die Augen weit geöffnet, stand die Ueberraschte,
Indeß das Blut ihr aus dem Antlitz wich,
Ob solcher Rede keines Wortes mächtig;
Es ballten krampfhaft ihre Hände sich,
Der Höhnenden gebührend zu vergelten,
Sie eines Dienstmanns Tochter frech zu schelten.
Denn was die Arge sonst gesprochen, war der Keuschen
Ja unverständlich; blieb es auch, Gottlob,
Bis jene, unter höhnischem Gelächter,
Des Junkers Reiflein in die Höhe hob
Und mit gedämpfter Stimme Worte nannte,
Daß Elsbeths Antlitz wie in Gluthen brannte.
"Gebt mir das Ringlein her!" bat dringend die Gequälte,
Nach raschem Blick auf ihren Finger hin.
"Gebt mir den Reif zurück! -- Ihr könnt nicht wollen,
Daß ich mein Leben lang im Unglück bin!
Ich dank's Euch noch in meiner letzten Stunde!
Gebt mir das Ringlein! -- Bitte, Adelgunde!"
Den Bitten taub, hielt jene aber dies nur fester
Und lachte höhnisch: "Sagt ich mir doch gleich,
Als ich das Reiflein diesen Morgen funden,
Daß solche Fische nicht in Eurem Teich
Zu Hause sind; nun kann ich leicht mir denken,
Von wem Ihr Euch das Kleinod ließet schenken!"
"Denkt, was Ihr wollt!" entgegnete jetzt Elsbeth zürnend,
"Der Ring ist mein und halte ich ihn werth,
Als Angedenken traut gesprochner Worte,
Von denen keines mir das Herz beschwert;
Doch, die ich dennoch Euch mit Fleiß nun hehle,
Seit ich durchschaue -- Eure schöne Seele!"
"Schaut lieber erst in Eure!" spottete die Arge,
"Wird wohl beim Sprechen nicht geblieben sein! --
Ha, ha! Was gilt's, ihr hebet an zu beichten
Die volle Wahrheit? -- Wie? Ihr saget Nein? --
Seht dieses Ringlein! -- Es fliegt von dem Söller,
Bleibt nur das kleinste Wort Euch unterm Göller!"
In Aengsten um den Ring, erfaßte, statt zu sprechen,
Die Schwergekränkte jetzt des Fräuleins Hand
Und hielt sie fest, bis Adelgund', weil stärker,
Mit einem Ruck sie tückisch ihr entwand,
Um nun, begleitet von boshaftem Lachen,
Die ausgesprochne Drohung wahr zu machen.
Noch kam sie nicht dazu; denn schier von Sinnen stürzte
Sich Elsbeth jählings auf den bösen Gast,
Das Kleinod, wenn auch durch Gewalt, zu retten.
Ihr starker Arm hielt Adelgund' umfaßt,
So daß die keuchend rang sich loszuzwingen,
Was jedoch nicht so leichtlich wollt' gelingen.
In blindem Eifer rangen beide, wortlos kämpfend,
Um den Besitz des Ringleins; Kraft bewußt,
Die jugendschönen Glieder sich umklammernd,
Sprach aus den Blicken grimmen Hasses Lust,
Der Gegnerin, und koste es das Leben,
Mit nichten in dem Kampfe nachzugeben.
Minuten währte schon das heiße, stumme Ringen
Der Mädchen, als es Adelgundens Kraft
Gelang die rechte Hand sich zu befreien,
Aus Elsbeths leider doch zu schwachen Haft.
Und nun, adje, das Ringlein sollte fliegen.
Das Unrecht, wie so oft, zum Scheine siegen.
Da scholl ein geller Schrei zum Himmel, markdurchdringend,
Von beider Stimmen, wie aus einem Mund.
Des Söllers niedrem Rand zu nah gerathen,
Als just zum Wurf ausholte Adelgund',
War Elsbeth, durch des Stoßes Widerprallen
Zurückgeschleudert, von dem Thurm gefallen.
Das hatte doch die Böse nicht gewollt. Aufschreiend
In banger Angst, durchrannte sie im Nu
Das Stüblein, dann die dunkle Treppe nieder
Des Thurmes Ausgang und der Stelle zu,
Wo, wie ihr graute, da sie Schuld sich wußte,
Vom Sturz zerschmettert Elsbeth liegen mußte.
Doch, wie war sie erstaunt, als hier die Todtgeglaubte,
Gesund und heil an Gliedern, vor ihr stand!
Beschäftigt schnell den Schnee sich abzuschütteln,
Vom faltenreichen, blauen Wollgewand,
Den Hans, wenn er den Zwingolf morgens kehrte,
Am Fuß des Thurms seit etlich Tagen mehrte. --
Der Schneeberg, heute von der Sonne warm beschienen,
Lag locker da, in seiner Masse weich,
Ihm hatte Elsbeth es, nächst Gott, zu danken,
Daß, zwar vor Schrecken gleich dem Tode bleich,
Deß' Nähe ihr das heiße Blut nun kühlte,
Sie, trotz dem Sturz, sich unbeschädigt fühlte. --
"Um Jesu willen!" keuchte Adelgunde angstvoll,
Ob Elsbeth etwa doch zu Schaden kam,
"Vergebet mir! -- Ich will dem Herrgott danken,
Weil er so gnädig Euch in Obhut nahm,
Daß Ihr, nach solchem Fall, Euch dürft erheben
Mit heilen Gliedern ungekürzt am Leben!"
"Gewährt Verzeihung --" bat sie leise, als ihr Elsbeth
Nicht sogleich Antwort gab, "wär' übler dran
Denn Ihr, hätt' Euch ein Ungemach betroffen,
Da ich es war, die hob zu streiten an;
In kind'scher Lust Euch mit dem Ringlein neckte,
Nicht ahnend, daß ich Euern Zorn mir weckte."
In Thränen schaute Elsbeth auf und sagte milde:
"Gott wolle Euch verzeih'n, wie ich dies thu'!
Meint Ihr es aber ernst, so helfet jetzo
Das Ringlein suchen --" fügte noch sie zu
Und wandte dann sich, in dem Schnee zu sehen,
Ob das Verlorne nicht sich ließ erspähen.
Da jedoch reichte, schamgesenkt die feuchten Blicke
Und tief gerührt von Elsbeths Edelmuth,
Ihr Adelgund' das Kleinod mit den Worten:
"Ist unvonnöthen, daß Ihr suchen thut,
Was, ging's verloren, selber mich auch schmerzte.
Hier nehmt den Ring! -- Verzeihet, daß ich scherzte."