Zu wirken, daß des Mannes stärkre Kraft
Nicht bloß nach äußeren Erfolgen ringe,
Mit denen er sich oft nur Sorgen schafft;
Sie suchen gern, in sinnig zartem Walten,
Des Mannes Sinn auch edler zu gestalten." --
"Ein Jährlein war vorbei, daß wir zusammen hausten,
Der Minne nur und ihrem Sang geweiht,
Ein schöner Leben mochte keiner führen
So hoch der Himmel und die Erde breit;
Im Schlosse heut' zu Gast, im Städtlein morgen,
Blieb meilenfern uns alle Noth und Sorgen."
"Doch, nun der Lenz dahin, ging's uns, wie noch gar vielen;
Wir bauten flink ein traulich Nestlein fein
Und sahen fröhlich jener Zeit entgegen,
Da zwitschern sollt ein junges Vögelein,
Das freilich noch im Schooß der Mutter weilte
Und an das Licht zu kommen nicht sich eilte."
"Je kleiner's Nestlein, um so wärmer sitzt der Vogel!
War unsres klein, viel Glück doch wohnte drin;
Denn wo die Liebe Einkehr hält und weilet,
Giebt's frohe Herzen und zufriednen Sinn.
Weiß heut' noch nicht, was uns hätt' fehlen sollen,
Des Einen Wünschen war des Andern Wollen!"
"Doch unser Glück hienied' ist eitel leichte Waare,
Ein leiser Stoß und tausend Scherben sind.
Wir hatten uns zu lieb, drum hieß es scheiden;
In Nacht und Nebel sank mein Glück geschwind.
Jung Vöglein forderte der Mutter Leben
Und lächelnd hat sie es auch hingegeben."
"Will Euch mit meinem Schmerz verschonen, edle Herren!
Nur kurz vermelden, daß es lange ging,
Eh' ich den harten Schlag verwinden mochte
Und die Betäubung schwand, die mich umfing,
Als auf der Süßen Leib die Schollen rollten,
Die mich am besten mit begraben sollten!"
"Allmälig aber fing es wieder an zu tagen.
Ein nie geahnt Gefühl ist mir erwacht,
Das ließ mich freundlich auf das Kindlein blicken,
Deß' Kommen mir so herbes Leid gebracht.
Das Mägdlein hatte ganz der Mutter Augen,
Nur es zu pflegen wollt' mir wenig taugen."
"Gab mich drum gern zufrieden, als die braven Leute,
Bei denen just wir wohnten, auf mein Flehn
Erbötig waren, für den Wurm zu sorgen,
So ich für dessen Atzung würde stehn
Und jährlich ein Pfund Heller ihnen zahlte,
Daß Pfleg' und was sonst nöthig er erhalte."
"Nachdem ich dies versprochen, auch mich willig zeigte,
Zum wenigsten ein Mal im runden Jahr,
Selbst nach dem zarten Dinge schau'n zu wollen,
Küßt' sachte ich des Kindleins feines Haar
Und zog, nach kurzgefaßtem Abschied von den Leuten,
Dann meines Wegs beim nächsten Morgenläuten."
"Das Saitenspiel der Seligen und meine Trauer
Sie waren manchen Tag mein Weggeleit.
In Gram versunken zog ich meine Straßen,
Jed' Sinnen der Vergangenheit geweiht;
Sollt' mal ich wo ein heiter Liedlein singen,
Mußt' schier gewaltsam ich mich dazu zwingen!"
"Hatt' aber vordem nur mein Lied der Lieb' gegolten,
Wie sie die Herzen schwellt in süßer Lust,
Daß wir in ihr des Himmels Freuden ahnen,
So klang mir jetzt die Wehmuth aus der Brust;
Ich mußte singen von der Minne Schmerzen,
Vom bittern Scheiden, tiefem Weh im Herzen."
Der Mädel helle Aeuglein schimmerten in Thränen
Und mancher Knabe klagte mir sein Leid.
Ein guter Schmied ist Unglück, schweißt zusammen
Das Weh im Rock mit dem im Grafenkleid,
So wir's verstehn die Saiten anzuschlagen;
Im eignen Schmerz nach fremdem auch noch fragen!"
"Als nach und nach der Herbst in's Land gezogen,
In falbe Blätter blies der rauhe Wind,
Am Hag die langen Spinneweben wehten,
Gleich Silberfäden, die entflogen sind;
Da kam die Sehnsucht leise angeschlichen,
Mein Kind zu sehn, die nimmer ist gewichen."
"In jedem Wiegenbett wähnt' ich mein eigen Täublein
Und suchte seiner Aeuglein hellen Blick;
Sah sanft an warmer Brust ein Kind ich schlummern,
So schmerzte mich jung Vögeleins Geschick,
Das süßer Mutterliebe mußt' entbehren --
Und ich entschloß mich endlich umzukehren."
"Hatt' manchen blanken Heller mir ja schon ersungen,
Mit dem ich hoffen durft' die Winterzeit
Bei meinem Kindlein sonder Noth zu leben;
Auch lag im Bündel längst ein Kram bereit
Für's Vögelein, von manchen schönen Sachen,
Ob dem es große Aeuglein sollte machen."
"Und bald, des Wiedersehens mich im Voraus freuend,
Zog ich dem Dorf zu, drin das Mägdlein weilt;
Es war, als streckte Sehnsucht mir die Schritte,
So bin ich damals Tag und Nacht geeilt,
Bis endlich Dorf und Hütte vor mir lagen,
Dem kleinen Ding ich frohen Gruß konnt' sagen."
"Mit rothen Backen, wie die Englein in der Kirchen,
Schlief sanft es just, fuhr aber auf, erschreckt
Von fremder Stimme und erbärmlich schreiend,
Da wohl zu wenig lind mein Kuß geweckt.
Trotz allem Kosen wollt' es nicht mich kennen,
Und erst die Pflegfrau stillte drauf sein Flennen."
"Doch wurden wir im Lauf des Winters gute Freunde.
Es wohl zu warten, kürzte manche Stund',
Die sonst vergällt gewesen um die Mutter;
War tief im Herzen ja noch weh und wund,
Und manch ein Kuß auf meines Kindleins Wangen
Galt ihr, die viel zu früh von mir gegangen."
"Als dann der Lenz kam, zog ich wieder in die Ferne
Mit Sang und Laute, wie das meine Art,
Mir Atzung suchend nebst so manchem Heller,
Den jedoch stets ich für mein Kind gespart. --
Eh' aber noch der erste Schnee gefallen,
Sah mich man wieder nach dem Dörflein wallen."
"Dies trieb ich volle sechszehn Jahre, liebe Herren!
Nur kürzte ich die Fahrten Jahr für Jahr;
Galt mir doch jede Stunde für verloren,
In der ich fern von meinem Kinde war.
In seiner Nähe war mir Glück und Frieden,
Wie vor- und nachher nimmermehr, beschieden."
"Gleich einer frischen Rosen, die sich früh entknospet
Im Morgenthau, vom Sonnenstrahl begrüßt,
Die keusche Blüte nur erst halb erschlossen,
Als ob im Traum der Lenz sie wach geküßt,
So war mein Mägdlein, schön und fein gediehen
In holder Anmuth, ihm von Gott verliehen."
Es machte mich gar stolz, daß ich der Schönen Vater;
Doch stolzer noch, sah ich, wie lieb und gut
Des Kindes Wesen mit der Zeit geworden;
Fern jedem jugendlichen Uebermuth,
War doch dem Frohsinn ihr Gemüthe offen,
Von keinem Leide noch und Weh getroffen." --
"Ich aber war im Dorfe in den vielen Jahren
Schier seßhaft worden, auch gar wohl bekannt
Im ganzen Gaue, als der Liederseppel,
Wie dorten mich ein jedes Kind genannt.
Auf keiner Kirmeß' durfte je ich fehlen,
Wenn ich nicht wollte, daß sie all' mich schmälen."
"So schwand die Zeit uns hin, gleich wie im Mai die Wolken,
Wir lebten still in ungestörtem Glück;
Nur eines fehlte, 's war des Mägdleins Mutter.
Aus ihrem Grabe sehnt' ich sie zurück,
Um froh, wie ich, bei unserm Kind zu weilen,
Das höchste Erdenglück mit uns zu theilen."
Hier hielt der Spielmann plötzlich inne mit Erzählen,
Als brächte er es nicht mehr weiter fort.
Kunz aber reichte ihm ein frisches Krüglein:
"Daß nicht die Kehl' am Ende gar verdorrt!" --
Indeß Herr Heinzens freundlich-stilles Winken
Den Gästen rieth, ihr Gläslein auszutrinken.
Sie thaten's auch. Doch mochte Keiner plaudern, hielten
Den Blick gespannt dem Sänger zugewandt;
Sein schlicht Erzählen aus dem eignen Leben
Gefiel wohl mehr, als Sagen, altbekannt.
Der Gläser Klingen, sonst war nichts zu hören,
Schien Wirth und Gäst' im Lauschen gleich zu stören.
"Gesegn' es Euch der Herrgott, edle Herrn und Damen!"
Hob bald der Sänger an mit neuem Muth,
Doch einem leisen Beben in der Stimme --
"Ihr haltet es dem fremden Mann zu gut,
Wenn er vom Leid auch spricht, so er erfahren;
Gott wolle Euch in Gnaden davor wahren!"
"'s war wieder Frühling worden und die Sonne lachte
Vom blauen Himmel über Wald und Ried;
Viel tausend Schnäblein sangen jeden Morgen
Von Ast und Zweig ihr süßes Minnelied.
Ein Jubeln war's, ein Durcheinanderklingen,
Was nur ein Stimmlein hatte, mußte singen!"
"Da lockte mich die Märzenluft, durchs Land zu streifen.
Dem Sänger liegt das Wandern ja im Blut;
Waldvögelein und er ha'n gleiches Wesen,
Thun selbst in goldnem Käfig nicht lang gut:
In linder Lust muß es die Flüglein dehnen,
Des Sängers Herz sich in die Ferne sehnen."
"Begleitet von dem Mägdlein bis zum nächsten Dorfe,
Gings früh am Morgen in den Lenz hinein.
Es sprühte, funkelte in jungen Saaten,
Gleich Adamanten im Juwelenschrein;
Im Busche grünten Faulbeerbaum und Erle,
Von jedem Zweiglein hing des Thaues Perle."
"Den Weg zu kürzen, mieden wir die breite Straßen
Als kaum wir vor des Dörfleins letztem Haus,
Und, nun im Walde, pflückte sich mein Herzkind
Ein Büschlein Blumen, mir zum Abschiedsstrauß,
In welches es auch manches Kräutlein steckte,
Das, seiner Meinung nach, vor Unglück deckte!"
"Von ferne tönte laut des Gauchgucks frohes Rufen,
Das weithin hallte über Berg und Thal.
Mein Mägdlein gab mir Urlaub soviel Wochen,
Als es erlauschen mocht' der Rufe Zahl;
Dann jedoch wollte mein es täglich warten,
Bis ich ihm wiederkehre von der Fahrten."
"Flink schritten wir, bei munterem Geplauder, fürder
Durch junges Grün und hellen Vogelsang,
Als hoch ob uns der Thierburg alte Thürme
Herunter schimmerten vom Felsenhang
Und fernes Klingen eines Hifthorns sagte,
Daß ihr Besitzer just im Walde jagte."
"Wir achteten nicht drauf. Das Mägdlein plaudert' fröhlich,
Indeß vom Rain es blaue Veilchen brach.
Schon war nun auch das nächste Dorf durchschritten,
Von wo zurückzugehn die Maid versprach;
Da war es aus mit unsrem trauten Plaudern,
Wir mußten scheiden, half kein länger Zaudern."
"Ein letztes Mal hatt' ich dem Kinde noch versprochen,
Zu Haus zu sein in der bestimmten Zeit;
Dann küßt' ich seine überthränten Wangen
Und schritt, vom Flennen selbst nicht all zu weit,
Mit felsenschwerem Herzen ob dem Scheiden,
Dem Thale zu, durch Haselbusch und Weiden."
"Von dort, den hellen Blick zur Höhe rückgewendet,
Sah ich mein Mägdlein stehn im Sonnenschein,
Und wurde mir, als hörte ich es rufen:
"Behüet Euch Gott! Herzlieber Vater mein!"
Sein rothes Tüchlein flatterte im Winde --
Ade, Ade, du mein vielsüßes Kinde!"
"Es regnete im selben Sommer mir die Taschen
Voll blanker Heller, wie noch nie vorher.
War aber auch ein reiches Jahr gewesen.
In Tenn' und Keller blieb kein Plätzlein leer;
Gern ließ das Volk drum seine Batzen springen
Für Lieder, Sang und fröhlich Saitenklingen."
"Da hielt ich mich denn nicht lang an des Kuckuks Rufzahl,
Es zog mich heimwärts zu auf Schritt und Tritt;
Im Ränzlein, so mir schwer zur Seit' gehangen,
Hatt' manchen Kram ich für mein Herzkind mit.
Wie niemals aber, freut' ich mich im Gehen,
In einem fort auf unser Wiedersehen!"
"'s war früh im Herbste, als ich durch des Dörfleins Gasse
Der Hütte zuschritt, wo mein Kind gewohnt;
Da fiel mir auf, daß meinem lauten Gruße
Die Dörfler nicht, wie früher, froh gelohnt,
Und Unheil schwanend, streckte ich die Schritte,
Bis bald im Stüblein knarrten meine Tritte."
"Doch statt dem lieben Gruße meines trauten Kindes
Begegnete mir scheu die Pflegerin.
Ihr traurig Willkomm wollte kaum vom Munde,
Es fuhr wie Todesängsten durch mich hin
Und ging es lange, eh' ich's mochte wagen,
Verzagten Sinnes nach dem Kind zu fragen."
"Mit wenig Worten, aber unter vielen Thränen,
Erzählte mir das Weiblein, daß der Weih'
Am selben Tag mein Vögelein sich raubte,
Als ich im Lenz von ihm geschieden sei;
Doch soll es munter auf der Thierburg weilen
Und Tisch und Lager mit dem Herrn dort theilen."
"Da wich mein bang Gefühl des Zornes närr'schem Toben,
Und Fluch auf Fluch fiel auf des Kindes Haupt;
In blindem Wüthen schwor ich, mich zu rächen
An ihm, der mir mein einzig Kind geraubt.
Aufschreiend: "denen will ich's Nachtmahl würzen!"
Wollt', rasend, schon ich aus dem Stüblein stürzen."
"Da wischte sich die Bäuerin 's Wasser aus den Augen
Und zog mich neben sich auf eine Bank.
""Stat Seppel!"" sprach sie, ""magst Dir's erst beschlafen;
Der auf der Thierburg wüßt' Dir schlechten Dank
Für Deinen Eifer! Morgen magst Du gehen
Und es versuchen, deine Maid zu sehen!""
""Ich war schon selber dort, das Mädel aufzusuchen,
Hatt' jedoch bei dem Gange wenig Glück.
Ist Einer wie der Andere dort oben!
Sie wiesen mich am Thore grob zurück,
Und auf mein Flehn entgegneten die Wächter
Mit Schimpfen nur und spöttischem Gelächter.""
""Dein Goldkind lebt gar fein! hieß es; pack' Dich zur Höllen,
Sonst bläuen wir Dir Deinen dürren Leib!
Das Mägdlein soll uns bar erst Kurzweil schaffen,
Eh' es zum Teufel fährt als runzlig Weib!
Dein Fräulein ließ sich gerne von uns fangen,
Sonst wär' es nicht allein im Wald gegangen!""
""Also verhöhnten sie mein Fragen nach dem Kinde,
Daß bald ich, weinend, wieder thalwärts zog.
Glaub' freilich nimmer, daß es gern gegangen
Wie einer von den Schergen oben log!
Und doch ward mir, seit jener Unglücksstunde,
Vom Mägdlein selber weiter keine Kunde.""
"So klagte mir das Weiblein unter heißen Thränen.
Ein jedes Wort zerriß mir schier das Herz;
Ich selber ward jetzt stumm bei seinem Jammern,
Fand keine Worte meinem Höllenschmerz.
Nur Rache! Rache! tobte es da drinnen,
Der Rache nur gehörte all mein Sinnen." --
"Noch war es Nacht, als ich mich auf die Füße machte.
In stummer Wuth schritt ich der Thierburg zu,
Stand aber viel zu früh vor deren Mauern;
Denn Herr und Knechte pflogen noch der Ruh'.
Vom Thore trennte mich ein Felsgehänge,
Das steil abfiel wohl hundert Spießen Länge."
Blieb darum am Geländer bei der Brücke stehen,
Indess mein Blick des Abgrunds Tiefe maß.
Da tönte nahe mir ein lautes Gähnen
Und, wie ich hinsah, regte sich's im Gras.
Ein Bursche war's, der schien, wie ich, zu lauern,
Daß sie erwachten hinter ihren Mauern."
"Bin wäger nicht der Erste! sagte ich zum Burschen,
Als der sich fröstelnd aus dem Grase hob.
Mit schlauem Lächeln jedoch meinte dieser,
Ich möcht' für mich behalten solches Lob;
Denn er gehöre zu des Burghofs Knechten,
Der halt beim Lichtgang sich verspätet nächten."
"Dann lehnte er sich mir zur Seite an's Geländer
Und sah, wie ich, hinunter in die Schlucht.
Mir brannt' die Zunge, nach dem Kind zu fragen,
Doch hielt ich sie zum Glücke noch in Zucht
Und fragte nur, um auch etwas zu sagen,
Ob in die Kluft er einen Sprung würd' wagen?"
"Bin doch nicht närrisch, wie die Waldfee, so wir fingen,
Als wir vor etlich Monden auf der Jagd
Im Thale durch des Burgbanns Forsten pirschten!
Noch heute seh' ich, wie die holde Magd,
Ein Blumenkränzlein um das Haar gewunden,
Im Busche stand, umstellt von unsern Hunden.""
""War Dir ein Fang,"" erzählte ungefragt der Bursche,
""Wie selten ihn das Glück dem Waidmann bringt!
Das Mägdlein kratzt und biß gleich sieben Teufeln,
Eh' unsrem Alten es zuletzt gelingt,
Die Widerstrebende auf's Roß zu setzen
Und im Galopp mit ihr hierher zu hetzen.""
""Das Vöglein ließ sich freilich nicht gar lange halten,
Flog in der zweiten Nacht ihm schon davon.
Sieh dort! Das Fensterlein in jenem Thurme,
Dran Eppich rankt,"" -- ich sah es leider schon, --
""Dort sprang's hinunter, ohne viel zu denken,
Daß sich die Felsen dort am gähsten senken."
"Dies sprechend, deutete der Bursche auf die Felsen.
Mich aber überlief es heiß und kalt;
Schier wie gelähmt ließ ich die Arme sinken
Und wär' gestürzt, bot nicht die Brustwehr Halt. --
Will Euch nicht klagen, was ich da empfunden,
In meines Lebens allerschwerster Stunden!"
"Füll' ihm das Krüglein wieder!" rief Herr Heinz dem Diener.
Doch schaudernd lehnte es der Spielmann ab,
Noch mehr des reich gegönnten Weins zu trinken.
Dann ward es stille, wie vor einem Grab;
Nur im Kamine prasselten die Flammen
Hell überm trocknen Eichenholz zusammen.
Bald jedoch klang's erschütternd von des Sängers Lippen:
"Das Kind! Mein liebes, süßes Kind war hin! --
Ich hörte kaum drauf, was der Bursch noch sagte,
Dem wohl nur halbwegs ich bei Sinnen schien,
Und noch bis heute fällt's mir schwer zu glauben,
Daß so der Herrgott ließ mein Liebstes rauben!"
"In's Herz getroffen, lehnte ich am Rand der Tiefe
Und starrte schweigend in den grausen Schlund.
Mein Kind! Mein Kind! Es war mein einzig Denken.
Dort unten lag's zerschmettert auf dem Grund.
Glaubt, edle Herren! es mocht' wenig fehlen,
Daß ich den gleichen Tod nicht auch thät wählen!"
"Der Bursche sah es nicht, wie ich in Weh versunken,
Zur Seiten stand, das Antlitz abgekehrt;
Erzählte fort, bis ich den Kelch des Leidens
Mitsammt der Hefen tropfenweis geleert.
Er selber war es, so mein Kind begraben,
Als sie es später todt gefunden haben."
"Zum Glücke kündete des Wärtels Horn vom Thurme,
Die Tagwacht drüben an mit lautem Klang;
Sonst hätte ich mich wahrlich noch verrathen,
Da ich nur mühsam meinen Schmerz bezwang
Und nicht viel fehlte, daß ich laut geschrieen,
Dem bittern Leide unnütz Wort verliehen."
"Als nun der Bursche schwieg und sich zur Brücke wandte,
Die ächzend von der Windberg' niedersank,
Zog es mich unwillkürlich, ihm zu folgen
In's Thorstüblein, dort saß ich auf der Bank
Und schaute zu, wie sie den Brei verschlangen;
Selbst mitzuhalten, spürt' ich kein Verlangen."
"Doch kam mir nun der Sinn, die Ueberlegung mälig;
Wollt' wissen, ob der Knecht die Wahrheit sprach.
Ich blieb drum, als sie mit dem Essen fertig,
Noch bei den Mägden, suchte nach und nach
Mit klugen Worten sie dahin zu bringen,
Daß sie von selber an's Erzählen gingen."
"Was mir der Bursch berichtete, war leider Wahrheit!
Mein süßes Mägdlein ruhte längst im Grab.
Statt dem von Thierburg sich zur Lust zu geben,
Es lieber sich dem grausen Tod ergab.
Ich aber hatte ihr geflucht, der Reinen,
Um nun, bis an mein End', dafür zu weinen."
"Als dann ich Kundschaft hatte, daß der Burgherr täglich
Zur Wildhatz ritt in seinem Tann und Bann,
Schlich unbemerkt ich mich aus Thor und Zingel --
Alleine in der Welt, ein armer Mann!
Lag nichts mir mehr am Leben, wollte sterben;
Doch erst mußt' ich den Burgherrn noch verderben."
"Der Zufall half mir, daß ich gleich an's Werk mocht' gehen;
Denn, als ich traurig wieder thalwärts ging,
Sah ich den Weg allmälig sich verengen,
Indessen oben eine Felswand hing.
Wie Schuppen fiel es da von meinen Augen,
Mein Kind zu rächen, sollt' der Hohlweg taugen."
"In Freuden drob erklomm ich bald die steile Höhe
Und fand dort, wohl vom Blitze hingestreckt,
Schier nah dem Rande einen Baumstamm liegen,
Deß' knorrig Wurzelwerk den Boden deckt;
Hei! ging's nun dran mit Wälzen und mit Wiegen,
Bis Stamm und Wurzeln in die Tiefe fliegen."
"Nun war der Weg gesperrt, sie mußten unten halten,
So lang das Hinderniß nicht fort geräumt.
Schon sah ich Herr und Knecht zerschmettert liegen
Von schwerem Felsblock, den ich ungesäumt
Mit Riesenkräften bis zum Schluchtrand rollte,
Von wo er wuchtig niederdonnern sollte."
"Dann warf ich mich in's Moos; doch pflog ich keiner Ruhe,
Es zog mich immer wieder, Stein auf Stein
Zum nahen Hang des Abgrunds hinzuwälzen.
Ich fühlte nicht der schweren Arbeit Pein,
Sah nicht, daß Blut mir von den Händen rannte,
Da ich nur ein Gefühl, die Rache, kannte."
"Wild pochte mir das Herz, ich jauchzte in Gedanken,
So oft ein Stein dem Rande näher kam.
Hei! will ich ihnen ein Memento singen,
Eh' sie der Teufel sammt und sonders nahm!
Des Sängers Rache sollten dran sie kennen
Und müßt er selber in der Höllen brennen."
"Verschnaufend spitzte ich die Ohren. Halt! Sie kommen!
Fern tönt im Wald der Hifte heller Ruf:
Der von der Thierburg reitet aus zum Jagen,
Schon hört ich trappeln seiner Rosse Huf.
Es ward mir schwer, den Ingrimm zu bezwingen,
Den Teufeln nicht die letzte Meß' zu singen."
"Da ich mich nicht verrathen durfte, schwieg ich aber
Und ließ sie nähern sich der Felsenwand.
Ein Sang war mir des Rüdenmeisters Fluchen,
Nun der den Hohlweg so verrammelt fand.
Bald folgten, fluchend, jenem auch die andern,
Sah Graf und Knecht in meine Falle wandern."
"Der Burgherr schrie und tobte auf die Waidgesellen
So gaffend standen vor dem schweren Baum,
Anstatt dem Herrn den Weg rasch frei zu machen;
Dann sah er um sich in dem engen Raum.
Jetzt war es Zeit, mein armes Kind zu rächen,
Ein einz'ger Felsblock sollt' sie nieder brechen!"
"Da, als der erste Block zur Tiefe donnern sollte,
Den Satan tödtend unter seiner Last,
Sah ich von ungefähr des Grafen Antlitz
Und -- fuhr zurück, wie selbst vom Tod erfaßt!
Entsetzen packte mich, mußt' inne halten,
Statt meiner grausen That zu End' zu walten."
"Mein fieberndes Geblüte wähnte klar zu schauen
Ein wohlbekannt Gesicht mit tiefem Blick:
Den alten Rathsherrn, der mich losgeredet,
Als meiner harrte einst des Henkers Strick.
Das Männlein, dem ich meinen Dank vermachte,
Daß ich es um sein liebes Mündel brachte."
"Es rächt sich alles, rächt sich wohl schon hier auf Erden!
Was ich dem Alten that, das brannte jetzt,
Gleich Flammen, mir zum ersten Mal die Seele,
So daß ich wie ein Wild, vom Hund gehetzt,
Den Blick nicht wendend, lief, was ich nur konnte,
Und erst im sichern Heim mir Ruhe gonnte." --
"Noch selben Abend gab ich Saitenspiel und Ränzlein
Der Bäuerin; das Singen hatt' ein End'.
Gebrochnen Muthes zog ich aus dem Dorfe,
Nur sinnend, wie auch ich ein Ende fänd'.
Den Tod ersehnend, schlich ich mich von dannen;
Der Herbststurm fegte schaurig durch die Tannen."
"So schleppte ich mich hin, das Nöthigste erbettelnd,
Vergeblich hoffend auf des Todes Nahn.
Er blieb mir fern. Ich hatt' noch des Gefieders,
Das ich mir vorher erst sollt' rupfen la'n.
Nackt war der Vogel ja, zur Welt gekommen.
Für's Grab braucht ihm kein Federschmuck zu frommen."
"Was sollt' er noch, nun ihm der Weih die Brut gewürget?
Gelähmt die Fittige der bittre Harm?
Hob stolze Hoffnung einst ihn auf zum Himmel,
Am Boden liegt er nun, daß Gott erbarm!
Thät wohl am besten, sich im Hag zu ducken,
Daß Niemand schauen sollt' sein letztes Zucken."
"Weil mich der Tod nicht fand, zog aus ich, ihn zu suchen,
Mit einer Söldnerschaar in's Polenreich. --
Die meisten fielen, wie das Gras im Heuet,
Nur mir blieb ferne der Geselle bleich;
Die Hand, in der das Saitenspiel erklungen,
Sie ward im Feld vom Tode nicht bezwungen."
"Es fehlte freilich wenig, lag Euch schon im Sande,
Von scharfem Hiebe blutend, hingestreckt,
Den klaren Sinn von Dämmerung umnebelt;
Doch hat Freund Hain mich damit nur geneckt.
Statt als ein tapferer Gesell zu sterben,
Soll ich, wie scheues Wild, am Hag verderben."
"Denn als die Anderen, die Kampfgefährten suchend,
Tags nach dem Treffen über's Blachfeld gehn,
Da finden sie auch mich und jeder eilte,
Voll Mitleid dem Todwunden beizustehn.
Ein frischer Trunk gab mir das Leben wieder,
Verwundert hob ich bald die schweren Lider."
"Da fügte sich's, daß sie auch jenes Dreibein sahen,
So mir des Henkers Faust einst aufgebrannt,
Hei! war ihr Mitleid Euch nun schnell verflogen,
Als sie den Galgenvogel dran erkannt!
Ich hör' noch heut' ihr höhnisch Lachen klingen,
Mit dem sie, mir vorüber, weiter gingen."
"Doch, dabei ging das letzte Federlein verloren,
Der nackte Vogel änderte den Sinn;
Sein stolzes Wollen bracht' ihm schlecht Gedeihen,
Was er erstrebt', deß' ward ihm kein Gewinn.
Nun beugte er sich demuthvoll im Stillen,
Vor seines Schöpfers weiser Macht und Willen."
"Es schwand die Kraft mir wieder und ich sank zusammen
In dumpfem Schmerz und bangem Herzeleid;
Auf leisen Sohlen kam die Nacht gewandelt
Und deckte mich mit ihrem dunkeln Kleid.
Dann schlug's wie Wellen über mir zusammen,
Im Ohre Rauschen, in den Augen Flammen."
"Wie lange ich bewußtlos lag, ich weiß es nimmer,
Als ich auf einmal hörte, daß man sprach.
Erwachend fand ich mich, zu meinem Staunen,
Auf Stroh gebettet unter Dach und Fach.
Der Tod war wiederum vorbeigezogen,
Ich schien ihm unwerth seines Pfeils und Bogen."
"Ein niedrig Scheunendach, durch dessen enge Luken
Die Sonne glänzte und des Himmels Blau,
Ein Bündlein Heu, an dem ein Esel kaute,
Und in den Ecken Spinneweben grau,
Das war der Ort, an welchem ich erwachte,
Nicht grad das Paradies, wie ich mir's dachte."
"Zu meiner Linken sah ich bärtig Mannsvolk sitzen,
Beim Spiele, doch auch's Krüglein in der Hand,
Derweilen Weib und Kind am Boden schliefen,
Bei einem Karren, der daneben stand.
Daß zwischen fahrend Volk ich sei gerathen,
Ließ unschwer mich der erste Blick errathen."
"Barmherzig hatte dies sich meiner angenommen,
Als ich dem Tode nah im Felde lag,
Und nun ich endlich wieder Leben zeigte,
Hielt's treulich bei mir aus manch lieben Tag,
Bis dann die Zeit kam, wo ich gehen konnte,
Mich nicht mehr matt am grünen Hage sonnte."
"Zum Danke dafür fuhr ich lang mit den Gesellen,
Die Kreuz und Quer in Stadt und Land herum;
Ihr Treiben aber wollt' mir nicht gefallen,
Fand viel der Haken, die gewaltig krumm;
Doch wenn ich warnte, bracht's mir Spott und Schelte,
Daß ich die Freundschaft ihnen schlecht vergelte."