"Im Unmuth ob der Rede faßte ich die Kette

Und hob die Hand beschwörend hoch empor,

Mit lautem Mund dem Rathe wiederholend,

Wie ich durch Zufall nur den Weg verlor,

Dann mit der Burgerschaft zu retten eilte,

Weil ich nicht fern vom Brand geborgen weilte."

"Mit harten Worten hießen sie mich jedoch schweigen;

Ich knirschte mit den Zähnen und blieb still.

Vergeblich, dacht' ich, ist des Einen Kämpfen,

Wenn um ihn jeder sein Verderben will.

Sein letztes Liedchen mag das Vöglein singen,

Denn es sitzt arg verstrickt in bösen Schlingen!"

"Es sprach der Zeuge weiter: Weil solch fremd' Gesindel

Zu Allem fähig, habe der Verdacht,

Ich sei der Thäter, Jedermann befallen,

Sonst hätten sie mich dingfest nicht gemacht.

Von Andrem aber, schwur er, nichts zu wissen --

Er hat der Wahrheit ehrlich sich beflissen."

"Die andern drei bestätigten des ersten Rede,

Sie auch bekräftigend mit Eid und Schwur.

Mir aber ward ganz wunderlich zu Muthe;

Ich glaub' die Augen zeigten Wassers Spur.

In allen Gliedern fühlt' ich frisches Leben,

Hätt' schier den Männern einen Kuß gegeben!"

"Ein eigenartig Ding ist doch des Menschen Wesen!

Der Klügste bleibt ein ungenesen Kind.

Sein blödes Aug' die Pfade nie erschauet,

So ihm zum Heil von Gott gebahnet sind!

Verzweiflung hielt mich wochenlang umfangen,

Daß ich am liebsten in den Tod gegangen."

"Und nun, da schwach ein Stern am dunkeln Himmel blinkte,

Der wieder goldne Lebenshoffnung gab,

Entfalteten sich neu des Geistes Schwingen;

Ich hob mich kühnlich über's offne Grab.

Das Leben wechselt zwischen Furcht und Hoffen,

Bis endlich uns des Todes Pfeil getroffen!"

"Doch, eh's zur Freiheit ging, gab es noch böse Stunden,

Denn als die Viere ihren Spruch gethan,

Ward lange hin und her im Rath verhandelt, --

Ob sie den Vogel dürften fliegen la'n.

Ein alter Rathsherr meinte vielbedächtig,

Ich sei ihm, trotz der Zeugen Spruch, verdächtig."

"Ein andrer rief, die Schuld sei unerwiesen, daher

Am besten auch, sie ließen mich gleich gehn,

Daß nicht des Städtleins Säckel erst noch Kosten

Für solchen Strolches Unterhalt entstehn;

Nur sollten vorher sie mich schwören lassen,

Zu meiden fortan Banngebiet und Gassen."

"Da nun das Männlein sah, daß nicht sie einig würden,

Erhob es sich vom Stuhl mit ernstem Mund

Und sprach: Wenn trotz dem Schwure der vier Zeugen

Ich doch verdächtig scheine noch zur Stund',

So sollte man auch hier nach Recht verfahren,

Und damit Zeit und unnütz Reden sparen!"

"Und das geschah denn auch. Die Räthe wurden stille;

Auf wohlverstandnen Wink des Schultheiß schob

Der Freimann wenig sanft mich aus dem Saale.

Wie Nebel war's, was meinen Blick umwob,

Denn, schwach gemacht vom Foltern und vom Fasten,

Fühlt zentnerschwer ich meiner Fesseln Lasten."

"Die Spannung, zu erfahren, was sie nun beschlössen,

Hielt aufrecht mich indessen drauß' im Flur,

Und immer stärker kam mir der Gedanke:

Sie werden los mich geben mit dem Schwur,

Ihr Banngebiet auf ewig zu vermeiden;

Was ich geschworen hätt' mit tausend Eiden."

"Dazwischen gab es von des Wasenmeisters Knechten

Noch manchen Puff, weil's nicht zum Galgen ging,

An den sie mich so gern gehangen hätten;

Doch achtete ich solches nur gering;

Mein Trost war ja, es kann nicht lang mehr dauern,

Bis hinter mir des Städtleins Thor und Mauern."

"Gleich einer Schnecke langsam, schlich die Zeit von hinnen;

Fast däuchte mich, daß drinnen sie im Saal

Mit meinem Spruche gar nicht fertig würden;

Es schuf die Ungeduld mir harte Qual.

Jung Blut hat eben wenig Zeit und Weile,

Hofft, daß Erfüllung gleich den Wunsch ereile!"

"Da endlich ward des Saales Thüre aufgerissen,

Ein Büttel rief den Wasenmeister an,

Mich wiederum dem Rathe vorzuführen;

Er selbst ging stolzen Schrittes uns voran.

Der Freiheit mich schon freuend in Gedanken,

Trat leichtern Sinn's ich dies Mal vor die Schranken."

"Wie vorher winkte jetzt der Schultheiß seinem Schreiber,

Der gleich darauf mit wichtigem Gesicht

Und feierlichem Ton begann zu lesen;

Doch was er las, verstand ich leider nicht,

Am Schluß nur hieß es: aus sothanen Gründen

Sei Deliquent das Urtel zu verkünden."

""Dem Rubrikaten ist früh, nach dem Hahnenkrahte

Vom Freimann morgen vor der Rathhaus-Wacht,

Der Galgen auf dem Nacken einzubrennen,

Daß er hinfüro kanntlich sei gemacht, --

Nach solchem aber mittelst Ruthenhieben,

Von wegen Rechtens aus dem Thor zu schieben.""

"Schier sank ich hin ob diesem allzuharten Urtel;

Man forderte dafür noch meinen Dank,

Weil mich der Rath so gnädig angesehen,

Daß morgen schon ich würde frei und frank.

Mein leiser Fluch mocht' ihnen dafür gelten,

Denn bessern Dank verdienten wohl sie selten."

"Bislang sah ich im Leben wenig solcher Stunden,

Wie ich sie durchgemacht in jener Nacht,

Die mich von der ersehnten Freiheit trennte;

In wildem Fieber hab' ich sie durchwacht,

Dem Städtlein fluchend und dem strengen Rathe,

Der mich erst losgab nach dem Hahnenkrahte." --

"Es weicht die längste Nacht am Ende doch dem Morgen;

Ist sie auch schwer und bang, der Tag erscheint.

Drum gräm dich nicht, es muß die Noth sich enden,

Ob man sich auch von Gott verlassen meint.

So sprech' ich jetzo, alt und viel erfahren;

Doch damals war ich -- noch zu jung an Jahren!" --

"Es mochte lange Tag sein, als, wie Glockenläuten,

Des Riegels Quitschen tönte mir zum Ohr,

Und mir der Freimann guten Morgen wünschte

Inmitten seiner groben Knechte Chor;

Dann ging es, langsam nur, durch enge Gassen

Dem Markt entgegen, zwischen Menschenmassen."

"Gar stolz hob ich den Kopf, als ob's zum Tanze ginge,

Als folgt' der Freimann mir, nicht ich, am Strick;

Doch schlug mir's Herz, es möchte aus der Menge

Am End' mich treffen jenes Mägdleins Blick,

Um das ich manchen Tag so schwer gelitten --

Ging's nur, ich wäre schneller ausgeschritten."

"Die halbe Burgerschaft war auf dem Weg zum Markte

Doch ich schritt keck in meiner Unschuld Muth

Zum Richtplatz hin, nicht vor dem Henker bebend,

Denn mein Gewissen war ja rein und gut;

Auch als sie nun mich an den Schandpfahl stellten,

War mir ihr Schmähen, als ob Hunde bellten."

"Ja, als mit rothgeglühtem Eisen mir der Freimann

Des Städtleins Dreibein auf den Nacken brannt',

Da zuckt' ich kaum, so daß der Henker wüthend

Mich hartgeschmorten Teufelsbraten nannt'

Und fluchend seinen Knechten aufgetragen:

Bis ich am Thor, aus Kräften drein zu schlagen!"

"Schien freilich nicht vonnöthen, sie auch noch zu hetzen,

Denn kaum war ich der Fesseln los und frei,

Als sie mich peitschend durch die Gassen jagten

Und mir die Menge folgte mit Geschrei.

Der Rücken brannte mir, wie Höllenflammen,

Gezeichnet kreuz und quer mit blut'gen Schrammen."

"Auf flinken Füßen ging's die schmalen Gassen nieder,

Die Knechte hinter mir in wilder Jagd,

Als unfern ich dem Thor ersah das Häuslein,

Wo Abschied nahm von mir die holde Magd.

Ein Fenster war verhängt und drauß' der Blumengarten,

Stand welk, als müßte er auf Pflege warten."

"Mit thränenschwerem Blicke rannte ich vorüber,

Dem Ende meiner Qual, dem Thore zu.

Ich jauchzte auf; die Jagd war überstanden,

Denn vor dem Thore ließ man mich in Ruh. --

Nicht ohne meinen Fluch dem Nest zu spenden,

Schritt ich von dannen mit zerschundnen Lenden!"

"Nun war der Vogel frei, wenn gleich sie arg ihn rupften,

Und schier geknickt die jungen Flüglein sein! --

Nur mühsam hielt ich mich noch auf den Füßen

Und zog dahin im hellen Sonnenschein,

Bis endlich ich den grünen Wald erreichte

Und müd' in's Gras sank, wo ein Eichstamm bleichte!"

""Letz' Deine trockne Kehle wieder, alter Weinschlauch!""

Fiel hier Herr Heinz dem Spielmann nun in's Wort,

""So Du nicht fabelst, bist ein braver Kerle,

Wenn sie Dir auch den Braten arg geschmort;

Manch einer hätt' das Mägdlein angegeben,

Eh' halb so viele Pein er mocht' erleben!""

Und hastig griff der Spielmann nach dem vollen Kruge,

So Kunz ihm rasch auf Elsbeths Wink gereicht;

Erschüttert von des Sängers bösem Schicksal,

Ward erst, als der nun schwieg, ihr wieder leicht

Und ging sie flink daran, mit eignen Händen

Ein gut Stück Schinken ihm und Brod zu spenden.

Der Spielmann ließ sich's schmecken; unterdessen aber

Ward leis am Tische ein Gespräch geführt,

In welchem Elsbeth für den Sänger kämpfte,

Weil deß' Erzählung sie gar tief gerührt;

Indessen Adelgunde ihm gar wenig traute,

Ja, in dem Ganzen nur ein Mährlein schaute.

Derweilen wurde Jener mit dem Essen fertig

Und bat von neuem nun den Vogt um's Wort;

Doch schien's, als ob der Zweifel leis ihn kränkte,

Denn also spann er die Erzählung fort:

"Würd' meinen Nacken nicht das Dreibein zieren,

So glaubt' ich selbst manchmal zu fabuliren!"

"Ist aber nur die Wahrheit, was mein Mund gesprochen!

Zwar weiß ich auch gar manche schöne Mär,

Zur Kurzweil holder Frauen ausersonnen,

Drob ihres Beifalls ich gar sicher wär.

Doch, mit Vergunst! Glaub' nicht, Ihr werdet schmählen,

Weil ich gewagt, Erlebtes zu erzählen."

"Nicht immer lüstet es den Sinn, rückwärts zu schweifen;

Verwichen Leid und Freud' mit lautem Wort

Der Welt zu schildern, daß auch sie erfahre,

Was sonst wir bergen am geheimsten Ort.

Dann kommt es wieder, daß wir minder zaudern,

Von allem, was uns auf dem Herzen, plaudern."

"Wie schon erzählt, hatt' ich den Schritt zum Wald gerichtet;

Dort warf ich mich todmüde in das Gras.

Von Durst und Schmerzen aber arg gepeinigt,

Ging lange es, eh' ich des Schlafs genas;

Nur nach und nach sang mich der Wald in Schlummer:

Ich fühlte endlich weder Schmerz noch Kummer."

"Weiß, nimmer recht, wie lange ich geschlafen hatte,

Als es mich dünkte, eine zarte Hand

Glitt sammetweich mir über Stirn und Wangen;

Es war so angenehm, was ich empfand,

Daß, in der Angst, mein Traumglück zu verjagen,

Ich es vermied, die Augen aufzuschlagen."

"Dann war es wieder, als ob kleine, weiche Finger

Mir glätteten das wirr zerzauste Haar,

Und, selig, fühlte ich auf meiner Stirne

Den warmen Druck von frischem Lippenpaar.

Ich konnt' mich kaum noch halten vor Entzücken;

Doch, daß ich wachte, sagte mir mein Rücken."

"So lag ich lange, wie durch Zauberbann gebunden,

Indeß' der Schlaf sich mälig ganz verlor,

Als es auf einmal meinen Namen hauchte

Mit süßer Stimme und bekannt dem Ohr;

Wie warmer Odem streift es meine Wangen:

Das war kein Traum, was mich so hold umfangen."

"Nun thät es nichts mehr batten, mußt' die Augen öffnen.

Und was ersah ich? Meine traute Maid,

Sie knie'te dicht zur Seite mir im Grase;

Ich kannte gleich ihr braunes Linnenkleid.

Von meines Glückes Uebermaß bezwungen,

Hielt wortlos ich die Liebliche umschlungen!"

"Bald aber überkam mich ein schier seltsam Rühren

Ob ihrer Liebe, die so heldengroß

Mir auch die Treue zeigte, und ich schluchzte,

Gleich einem Kinde in der Mutter Schooß,

Um stets auf's neu', in seligem Vergessen,

Den Mund fest auf ihr Lippenpaar zu pressen."

"So tauschten wortlos wir denn ungezählte Küsse,

Versenkte sich erglühend Blick in Blick;

Derweil ihr Antlitz ungefragt mir sagte,

Daß es sich blaß gehärmt um mein Geschick.

Wie konnt' ich süßer lohnen denn die Schmerzen

Ihr anders, als von neuem sie zu herzen?"

"Doch wer vermöcht' die Seligkeit mir nachzufühlen,

So ich empfand an meines Mägdleins Brust?

Die Engel vielleicht, wenn sie nicht uns neiden

In ihrem Paradiese um die Lust,

Die reine Herzen an einander finden,

Wenn sie in treuer Minne sich verbinden!"

"Zu bald nur wand die Holde sich aus meinen Armen

Und frug mich ängstlich: ""Joseph, kannst Du gehn?""

Es strich die Hand dabei durch meine Locken,

Wie leise Lüftlein durch die Saaten wehn.

Mir aber kam nun die Erinn'rung wieder,

Und traurig wies ich auf die wunden Glieder."

"Da beugte, tief erröthend, sie sich auf die Seite

Und hob ein kleines Bündel aus dem Gras;

's war bald geöffnet und ich schaute staunend,

Wie nun zum Vorschein kamen Krug und Glas.

Das letztre füllte sie und ließ mich nippen;

Es war gleich Balsam für die heißen Lippen."

"Den wunden Nacken aber kühlte sie mit Wasser

Aus einem Bach, der nah vorbei gerauscht.

Mit trunknen Blicken sucht ich ihr zu lohnen,

So oft das Tüchlein frisch sie umgetauscht,

Und wäre Wochen lang gern krank gelegen,

Nur, daß die Gute meiner sollte pflegen."

"Dazwischen fütterte sie mich aus ihrem Bündlein,

Zufrieden lächelnd, als sie sah, wie's schmeckt';

Es sagte mir ihr herzig klingend Plaudern,

Daß heute früh sie sich im Wald versteckt,

Um, voller Sehnsucht, nach mir auszusehen,

Bis mich ihr Blick von Weitem konnt' erspähen."

"Als ich die müden Schritte dann zum Walde lenkte,

Sei still sie mir gefolgt mit zagem Schritt,

Dem sanften Schlummer gern mich überlassend,

So lange meine Sicherheit dies litt.

Nun aber mahne dringend sie zur Eile,

Weil ich noch immer in dem Stadtbann weile."

"Aus meinem Glücke aufgescheucht, sah ich nun selber,

Wie nah' die Sonne schon dem Niedergehn;

Doch zugleich schaute ich auch reisefertig

Die Traute selber mir zur Seite stehn.

Hei! sprang ich Euch empor und ihr an's Herze,

Als ob ich dagelegen nur zum Scherze!"

"Voll Ernst doch wehrte sie des Mundes heißem Kusse,

Und machte sich aus meinen Armen frei,

Mich eifrig mahnend an die Flucht zu denken;

Denn wenn mich morgen nach dem Hahnenschrei,

Die Burger noch in ihrem Weichbild fingen,

So sei es sicher, daß sie doch mich hingen."

"Da schwur ich ihr bei allen Heiligen des Himmels,

Wie ich sie nimmermehr verlassen könnt',

Seit mir gewißlich worden, daß das Schicksal

Mir ihrer Liebe süßes Glück gegönnt;

Ich wollte eher Schmach und Tod erleiden,

Als sie im Leben fortan nun zu meiden."

"Mit dunklem Rothe auf den zarten, lieben Wangen,

Bekannte traurig sie in leisem Wort,

Daß wohl auch ihr der Rückweg nicht mehr fromme,

Und sie mir folgen müßt' von Ort zu Ort;

Was noch sie flüsterte, mocht' kaum ich fassen,

Ich fühlte nur, sie wird mich nicht verlassen."

"In langem Kusse wollte ich's der Lieben lohnen,

Die aber hat ein ernst Gesicht gemacht

Und drängte wieder, endlich aufzubrechen,

Daß fern wir seien, wenn der Tag erwacht.

""Der Vollmond,"" schloß sie, ""kommt zu guten Zeiten,

So daß wir sicher auf dem Waldpfad schreiten.""

"Und nun, nicht weiter von mir einer Antwort wartend,

Schlug um das Bündlein sie ein festes Band

Und schwangs, ein heimlich Thränlein trocknend,

Zum Gehen fertig, in der linken Hand;

Derweil sie mit der Rechten mich wollt' stützen,

Auf holprigrauhem Pfad vorm Fall beschützen." --

"Hätt' nie gedacht, daß Liebe halb so viel vermöchte,

Wie ich, voll Staunen, damals es geschaut.

Begleitet von der Hoffnung goldnen Sternen,

Aus welche sie ihr künftig Schicksal baut,

Kehrt froh die Jungfrau Heim und Haus den Rücken,

Um, wen sie wählte, liebend zu beglücken!" --

"Das Abendroth vergoldete der Bäume Wipfel,

Als wir uns endlich auf den Weg gemacht.

Zwar ging es langsam nur mit meinen Schritten,

Doch dämpfte mir den Schmerz die kühle Nacht;

Auch kam der Mond mit seinem lieben Lichte,

Den Pfad uns weisend durch des Forstes Dichte."

"Wie wir so fürbas zogen, lauschte ich der Treuen,

Die nun erzählte, wie sie fleht' und bat

Den Oheim, jenes alte, strenge Männlein,

So für mich Zeugen forderte vorm Rath,

Für meine Unschuld doch ein Wort zu sprechen,

Daß nicht sie ungehört den Stab mir brechen."

"Seit lange Waise, wohnte sie beim Ohm im Hause

Und hielt sie dieser wie sein eigen Kind;

Doch solcher Bitte wollt' er nicht willfahren,

Denn fahrend Volk war ihm nur schlimm Gesind.

Er hieß die Maid ein Gänslein, so da schnattert,

Was Abends es am Brunnen hätt' ergattert."

"Da warf sie sich in Thränen vor dem Oheim nieder

Und beichtete, indem sie ihm gestand,

Daß ich es war, der sie nach Hause führte

Und dabei wohl den Rückweg nimmer fand;

Da leicht zu irren auf den dunklen Wegen,

Auch ziemlich fern der "güldne Kranz" gelegen."

"Nun erst errieth der Alte ihres Kummers Quelle;

Er sah die Schande, die das Kind bedroht,

Wenn ruchbar es im Städtlein werden sollte,

Daß einem Fahrenden den Arm es bot.

Mit harten Worten schalt er da die Arme,

So schier verging in bitterschwerem Harme."

"Doch hörte sie nicht auf, den Oheim anzuflehen,

Bis der, durch ihre Thränen wohl gerührt,

Ihr halb und halb versprach, für mich zu reden,

Wenn mein Prozeß im Rathe würd' geführt.

Ob mir es nütze, konnt' er nicht versprechen,

Weil gar zu schwer erschien ihm mein Verbrechen."

"Den Leichtsinn aber sollt' die Arme strenge büßen;

Schon nächsten Morgen mußte gleich sie fort,

Zu einer alten, menschenscheuen Muhme,

Die einsam hauste in dem nächsten Ort,

Half meinem Lieb kein Bitten und kein Flehen,

Bis nach dem Urtel wollt' er nicht sie sehen."

"So ging sie denn. Indessen fürchtete der Alte,

Daß doch die Folter mir ein Wort entlockt',

Von dem, was frei das Mägdlein ihm gestanden;

Hätt' wohl damit ein Süpplein eingebrockt,

Nach dem ihn wahrlich wenig lüsten konnte,

Da seine Sippe sich in Ehren sonnte."

"Als jedoch er vernommen, daß ich steif geschwiegen,

That's freilich nicht dem alten Herrn zu lieb,

Sann er auf Wege mich vom Strick zu retten;

Nur leider, daß ich doch unschädlich blieb,

Und sorgte, daß man so mein Urtel messe,

Daß hinfür ich das Burger-Kind vergesse."

"Erzählte schon, wie es der Alte angefangen,

Und man im Rathe ihm zu Willen war;

Nun erst erfuhr ich, daß das Männlein früher

Im Städtlein Schultheiß war gar manches Jahr,

Und hörte, wie an ihn sich oft man wandte,

Weil Keiner besser Brauch und Rechte kannte."

"Doch diesmal schnitt der Kluge selbst sich in die Finger,

Als er den Burgern rieth, wie's anzufah'n,

Daß sie mich doch der That verdächtig sprachen,

Wenn auch das Leben sie mir mußten la'n;

Denn während er im Rathhaussaal gesessen,

Hat seine Maid den Buhlen nicht vergessen."

"Die Gute lohnte wahrlich mir das Schweigen besser,

Als es der Ohm vor Rath und Burgern that.

Ich war vor ihren Augen rein geblieben --

Und unverdächtig, trotz dem Spruch vom Rath;

Sie dachte seufzend meiner all' die Wochen,

Bis ihr vor Weh das Herzlein schier gebrochen."

"Als dann ihr Kunde von dem strengen Urtel worden

Und auch der Tagzeit, da es ward vollstreckt, --

Verließ die Maid, nach schweren Seelenkämpfen,

Das Haus der Muhme, lang vor Tag erweckt,

Um mir, im Walde wartend, aufzupassen,

Daß ich im Elende nicht ganz verlassen."

"Im Walde wurde sie zwar von der Angst gepeinigt,

Ob ich vielleicht geändert meinen Sinn

In all dem Unglück und ihr zürnen möchte,

So daß in Unmuth sich verkehrt die Minn' --

Und leis' bekannte sie mir so im Gehen,

Sie hätte auch sich dessen vorgesehen."

"So plaudernd schritt sie neben mir auf rauhem Pfade,

Indessen still ich ihren Worten lauscht';

Sie drängte vorwärts, wollte nimmer rasten,

Bis endlich nah die Donau uns gerauscht.

Es war noch früh, fing eben an zu dämmern;

Im Walde hörten wir die Spechte hämmern."

"In meinem ganzen Leben sah ich keinen Morgen,

Der schöner war und freundlicher gelacht

Hatt' mir der Sonnenstrahl noch niemals vorher;

Nur gab ich darauf jetzt zu wenig Acht,

Sah lieber in die Aeuglein meiner Trauten,

Aus denen tausend helle Sonnen schauten!"

"Am Donauufer gingen wir zur nahen Fähre

Stromabwärts nun im Morgensonnenschein.

Verschlafen lag der Ferge selbst im Nachen;

Wir mußten erst den Wackern munter schrei'n,

Doch endlich schob der grämliche Geselle

Sein Schifflein in des Stromes grüne Welle."

"In schneller Fahrt glitt bald der Nachen dann stromüber

Und hinter uns lag jetzt des Städtleins Bann, --

Doch schritten weiter wir entlang dem Ufer,

Bis unser Weg den nächsten Forst gewann;

Hier suchten wir ein Plätzlein an der Halde,

Das dicht umfriedet war vom stillen Walde."

"Aufathmend hielt die Holde endlich ein mit Gehen,

Wir sanken müde in das weiche Gras

Und mochten weder plaudern mehr noch essen,

Eh' neuer Kraft der Körper erst genas.

An treuem Herzen fand die Maid den Schlummer,

Im Schlaf noch lächelnd, da nun fort ihr Kummer."

"Bald lag auch ich vom festen Schlafe übernommen

Aus dem die Maid mich spät am Tag geweckt;

Die Augen reibend, sah ich, gar zufrieden,

Im Grase uns ein Tischlein fein gedeckt.

Sie frug mich, lächelnd, ob mir wohlbekommen

Das Schläflein, so schier gar kein End' genommen?"

Mich nicht besinnend, sprang ich auf und gab die Antwort

In heißem Kuß ihr aus den rothen Mund;

Dann saßen selig wir bei unsrem Mahle

Im grünen Walde, bis zur Abendstund'

Mir war zu Muth, als sei das holde Wesen,

All meiner Lebetag um mich gewesen."

"Als abermals der Mond gekommen, ward berathen,

Welch' Ziel zu wählen für den flücht'gen Fuß.

Nach Spielmanns Brauch ließ ich 'ne Feder fliegen,

So fahrend Volk die Straßen weisen muß,

Und, da stromabwärts sie sich fortgewendet

War aller Zweifel drüber schnell beendet."

"Frisch ging es also weiter, zwischen Busch und Bäumen

Den Wald dahin, im klaren Mondenschein;

Gar traulich wandelt es sich in der Stille,

Ist man alleine mit dem Mägdlein sein!

Die Bäume lauschten, wenn wir Küsse tauschten;

Indeß' uns nah der Donau Fluthen rauschten.

"So wanderten wir stundenlang in trautem Plaudern,

Nur hie und da von einem Baum erschreckt,

Der aus dem Schatten, wie ein menschlich Wesen,

Uns seine Arme lang herangestreckt;

Als sich im Morgenluft die Tannen wiegten,

Wir, fröstelnd, näher uns zusammen schmiegten."

"Allmälig wich die Frühlingsnacht dem jungen Tage,

Des Mondes Bild verschwamm im hellen Blau;

Mit warmen Strahlen küßte drauf die Sonne

Von Blatt und Halm den kühlen Morgenthau.

Nun galts zur Ruh' ein Plätzlein auszusuchen,

Das bald sich fand, umkränzt von grünen Buchen."

"Wir hielten ängstlich uns zum Walde, bis die Wunden

Mir fast geheilt, auch unser Bündelein

An Speis' und Trank nichts mehr zu weisen hatte,

Als einst wir, kurz entschlossen, quer feldein,

Da eben sich des Abends Schatten senkten,

Die müden Schritte auf die Straße lenkten."

"Ein Städtlein, das vor Thorschluß grad wir noch erreichten,

Mußt' Herberg geben, bis die Nacht vorbei,

Und weil der Sänger überall willkommen,

Gab man uns Obdach und die Zeche frei.

Mit frischem Mund half auch das Mägdlein singen;

Hätt' nie geglaubt, daß es so schön möcht' klingen!"

"Doch schon am andern Morgen wanderten wir weiter

In's Land hinein, bis schier der Tag zu End'

Und wir in einem Flecken Herberg fanden,

Der rings umsäumt von grünem Weingeländ'.

Dort mußten wir den wackern Leuten singen,

Und thät uns solches manchen Heller bringen."

"Da konnten wir denn bald ein Saitenspiel erhandeln,

's ist dieses hier und dies auch noch das Band

An dem die Traute mein es stets getragen." --

Schier zärtlich nahm die Laute er zur Hand

Und ließ, wohl seine Wehmuth zu bezwingen,

Mit raschem Griff die Saiten voll erklingen.

"Ihr liebes Händlein lernte bald das Ding zu meistern,

Und liederkundig, wie die Holde war,

Erlernte ich von ihr gar manche Weisen,

Die mir im Sinn geblieben all' die Jahr.

Kein Wunder, daß wir Alt und Jung berückten

Mit Sang und Spiel und alle Welt entzückten!"

"Gleich jungen Vöglein schwoll uns ja im minnefrischen Herzen

Ein ganzer Himmel voller Sangeslust;

Es klang auch herrlich, was wir sangen, hatten

Den Frühling selber in der jungen Brust

Und gaben kaum so viel, als wir empfangen,

Wenn wir von Lenz und süßer Minne sangen."

"Die Tage schwanden uns in eitel Freud' und Wonne

Gab manchmal auch es einen kleinen Span,

So glich das einem warmen Sommerregen,

Wenn Flur und Hain im Sonnengolde stahn.

Das Wölklein ging, so schnell wie es gekommen,

Indeß' die Liebe nur noch zugenommen." --

Ein eigen Wesen jedoch blieb der Guten immer.

Das Mägdlein hielt sich ferne meiner Zunft

Und weilte eher unterm freien Himmel,

Als daß ich einmal für uns Unterkunft

Bei einem meines Völkleins durfte suchen;

Sie haßte dessen wüstes Thun und Fluchen."

"Oft saß sie sinnend, wie von tiefem Traum umwoben,

Und frug ich da, was sie geträumt so lang?

Blieb wohl mit Lächeln sie die Antwort schuldig,

Griff etwa nach dem Saitenspiel und sang

Mit süßem Munde, aber nur ganz leise,

Ein neues Lied zu einer alten Weise."

"Auch kannte sie die Namen von fast allen Blumen,

Und wußt' von jeder eine schöne Mär;

Das kleinste Käferlein selbst war willkommen,

So ihr des Weges kam von ungefähr.

Im stillen Hain umgaukelten uns Feeen,

Wie Sonntagskinder sie zuweilen sehen."

"Und wie ihr Auge nur das Schöne sah in Allem,

So barg ihr Herz nur feinen, zarten Sinn;

Eh' ich mich deß' versehn, war ich verwandelt,

So daß ich ganz ein andrer worden bin,

Das rohe Wesen bald mir abgewöhnte,

Worüber meine Zunft mich weidlich höhnte."

Elsbeth von Küssaberg, das Gotteli von St. Agnesen Ein episches Gedicht aus dem Kletgau · 第 7 / 13 段