Stoßt an! Wir zwingen noch ein Gläslein Wein!
Im Faß, wo der gelegen seit dem Herbste,
Wird hoffentlich auch mehr zu finden sein!..."
Hier unterbrach Herr Heinz sich, denn gar willig
Thät ihm der Gast Bescheid, wie recht und billig.
Drauf aber, während Kunz die Gläser wieder füllte,
Fuhr desto frischer er zu reden fort:
"Als ich den Juden frage, ob er Zeugen habe,
Da vor Gericht nicht gilt Hebräer Wort,
Schwört er, daß es der Dorfvogt wohl gesehen,
Von wem und wie die Unbill ihm geschehen."
"Wie jener dieses hört, zieht er die Stirn in Falten
Und spricht: ""Gesehen hab ich nichts; ich fand,
Durch sein erbärmlich Flennen hingezogen,
Den Juden ganz allein am Wegesrand.
Doch, wer den Rücken ihm so blau geschlagen,
Gestrenger Herr! vermag ich nicht zu sagen!""
"Jetzt heult der Jud' erst recht und lamentirt so gräulich,
Daß es noch heut' in meinen Ohren gellt;
In seinem Aerger schalt er derb den Bauern,
Der, ihm zu leide, sich so blind gestellt,
Und dieser, dem das Schimpfen arg mißfallen,
Zwingt kaum noch nieder seines Zornes Wallen."
"Ergötzend mich an ihrem Für und Wider, hörte
Ich ihnen ab, bis die dort zu uns kam."
-- Er wies aus Elsbeth hin, die eben Mechtild
'ne Schüssel Kräpflein aus den Händen nahm
Und artig sie dem Fräulein präsentirte,
Das mit dem süßen Backwerk sich servirte. --
"Natürlich ist's nun aus; ich heiße Beide schweigen
Und sag' dem Juden, daß er Jemand nennt,
Der ihm bezeugte, wer ihn so gebläuet,
Weil sich der Dorfvogt ja zu nichts bekennt;
Da er's nicht konnte, wies ich ihm die Thüre
Und hieß ihn gehn, wohin sein Weg ihn führe."
"Zufrieden seh' ich, wie sie miteinander gehen;
Da, -- sie sind kaum noch recht vor dem Gemach,
War's uns, als ob wir kräftig klatschen hörten,
Begleitet von des Juden Weh und Ach!
Und wie ich Else folge, nachzusehen,
Thät der, von neuem heulend, draußen stehen."
"Die Backen haltend, schrie und klagte er in Thränen,
Daß ihm der Dorfvogt harte Streiche gab.
Der Jude dauert' uns, ich trat zum Fenster
Und ruf' dem Bauer nach, der, schon im Trab,
Nicht allzu ferne mehr des Schlosses Brücke,
Nach kurzem Zögern wieder kam zurücke."
"Ich fuhr ihn an, wie er den Juden schlagen durfte,
Statt daß in Frieden er ging mit ihm fort?
Da schnitt der Schalk mir ein Gesicht und meinte,
Mich schlagend nun mit meinem eignen Wort:
""Der Jud' soll Zeugen schaffen, die es sahen,
Daß er von mir die Streiche hab' empfahen!""
"Schier überrascht, will eben ich's dem Schelm verweisen,
Als sich des Juden Maul schon grob erfrecht
Und schreit, wenn ich nicht richte, wüßt' er einen
In Kostnitz oben, der spräch' sicher Recht.
Nun war's genug! -- Ich konnt' mich kaum noch halten,
Nicht selber meiner Knechte Amt zu walten!"
"Brauchst Dich nicht lang zu mühen! sage ich zum Juden,
"Wir haben ja hier oben auch ein Loch,
Drin' Du Dich mit dem Bauer magst vergleichen;
Thut's dieses nicht, bleibt Dir der Bischof noch!
Ich hoffe jedoch, werdet Euch vertragen,
Eh' dort die Ratten Euch am Felle nagen!"
"Trotz beider Flehen mußte Else Jochen holen.
Ich übergab die Streitenden dem Knecht
Mit dem Befehlicht, sie im Loch zu halten,
Bis sie entschieden hätten, wer im Recht. --
Am nächsten Morgen saßen Beid' in Frieden
Und waren gute Freunde, als sie schieden..."
Ein dröhnend Lachen hallte, als der Vogt geendet,
Aus aller Munde durch den weiten Saal,
Indeß Herr Heinz dem Knechte schmunzelnd winkte
Und, als der nahgekommen, ihm befahl,
Nun wieder munter seines Amts zu pflegen,
Da er noch Durst verspür' nach Rebensegen.
In heitrer Tafelrunde saßen sie zusammen
Und Frohsinn waltete im kleinen Kreis,
Denn viel der Stücklein gab Herr Heinz zum besten,
Die er gar launig zu erzählen weiß;
Inzwischen kam, der Herren Durst zu wehren,
Der "Neue" immer mehr und mehr zu Ehren.
Bald aber hielt es Elsbeth an der rechten Stunde,
Daß sie dem Vater von dem Spielmann sagt,
Der in der Thurmthorhalle längst schon harrte,
Ob der Gesellschaft nicht ein Lied behagt.
Da ging es nicht lang, ward dem Knecht befohlen
Den fremden Sänger in den Saal zu holen. --
Halb hingestreckt lag längst der Fahrende am Feuer
Und sprach mit Hansli, der ihm eifrig lauscht'.
Es war ein Mann von reichlich fünfzig Jahren,
Um dessen Haupt schon mancher Sturm gerauscht;
Nun Kunz erschien, hob er sich von der Streue
Und that, als ob die Einladung ihn freue.
Sechstes Kapitel.
In einem Zirkel von vergnügten Menschen weilen,
Mit ihnen holder Eintracht sich bewußt
Und freudig ihrem heitern Treiben lauschend,
Sein Theil zu haben an erlaubter Lust;
Wie schwinden jedem, welcher dies gefunden,
Gar eilig hin die viel zu kurzen Stunden!
So manches Tränklein aus des Apothekers Küche,
Blieb unverschrieben ewig deinem Mund,
Verweiltest öfters du bei frohen Menschen
Und lachtest dich mit ihnen recht gesund;
Denn wo in Freude hell die Augen glänzen,
Muß sich das Herz, muß sich die Seele lenzen.
Und kommt es einmal, daß du jene traurig schautest,
Mit denen du dich sonst so gern vergnügt,
Bedenke: schweres Leid vergeht am schnellsten,
Wenn andrer Mitgefühl sich dazu fügt.
Versäume nie, mit Frohen dich zu einen,
Doch hab' auch Thränen, siehst das Leid du weinen. -- --
* * *
In leicht Gewand gehüllt, und in der Hand die Laute,
Trat, grüßend, bald der Spielmann in's Gemach. --
"He, Vöglein federleicht! woher des Weges?
Welch Lüftlein blies Dich unter unser Dach?..."
Rief, ihm zum Gruße, laut Herr Heinz entgegen,
Doch war der Fremde darob nicht verlegen.
Ein kleiner Schalk nur blitzte aus den grauen Augen,
Nun er, sich neigend, zu dem Vogte sprach:
"Weiß nicht, in welchem Busch mein Nest gewesen,
Ich fragte auch nie sonderlich darnach.
Daß ich zur Welt kam, müßt Ihr mir verzeihen,
Kann ich auch nicht die Alten benedeien!"
"So es den Herrn gefällig, mag ich wohl erzählen,
Von wo ich komm', doch nicht, wohin ich will;
Da könnt' der Wind Euch besser Antwort geben!"
Und nun der Spielmann sah, daß alles still
Bis auf den Vogt, der, ihn ermunternd, nickte,
Er zum Erzählen drauf sich schnell anschickte. --
"Zum Nest hinaus geworfen, als ich kaum konnt' flattern,
Sucht' ich die Atzung auf gar manche Art.
Wie andern Vöglein hat auch mir der Himmel
In seiner Weisheit 's Hungern nicht erspart,
Und mühsam erst ging es von Ast zu Aste,
Wie es dem armen Piepmatz grade paßte."
"Doch, als die Flügelein mir mälig kräftig wurden,
That ich in's Land hinaus den ersten Flug;
Auf schwankem Zweiglein hab' ich oft gesessen,
Mich nachher wundernd, wie nur dies mich trug.
Am Tag ging's lustig fort von Baum zu Baume,
Des Abends wiegt ich mich in heitrem Traume."
"Beim ersten Morgengraun stieg ich in's Blau der Lüfte,
Es grüßte froh die Sonne mein Gesang.
Das Leben ist doch schön! pfiff ich mit andern,
Auf Treu und Glauben, ganze Tage lang.
Da nahm ein jähes End' das Jubilirens,
Der Winter kam, jung Vöglein mußte frieren."
"Von ungefähr kam ich zu einer Klosterpforten,
Und lud mich da für Winter lang zu Gast.
Gern hießen mich die frommen Herrn willkommen,
Da mein Diskant zu ihrem Chore paßt';
Wo es an hellen Stimmen schien zu fehlen,
So viel auch feucht sie hielten Mund und Kehlen."
"Sie gingen denn auch wacker dran, mir einzuüben,
Was ihnen däuchte Noth zur Singekunst;
Ich aber lernte gern und ließ mich meistern,
Empfänglich für der Lehrer Wort und Gunst.
Bald klang, wie Nachtigallensang im Rohre,
Mein Stimmlein täglich mit im Orgelchore."
"Da, als die Lüfte wieder lind und milde wehten,
Vom Hang in tausend Bächlein schmolz der Schnee,
Die ersten Knospen aus den Stauden brachen,
Ward mir im Herzen, ich weiß nicht, wie weh.
Des Klosters Futter wollt' nicht mehr behagen,
Zwar hatt' ich Ursach' nicht, mich zu beklagen."
"Doch eine Sehnsucht, übermächtig, unbesieglich,
Riß mich dahin; ich konnt' der Wolken Zug
Ob meinen Häupten stundenlang betrachten
Und sie beneiden um den freien Flug,
Mit welchem sie am blauen Himmelsbogen,
Gleich stolzen Schiffen, in die Ferne zogen."
"Noch hielt ich tapfer aus, bis am Sankt Seppentage,
Der heil'ge Joseph ist mein Schutzpatron,
Mein Sehnen ich nicht länger mochte zwingen
Und heimlich aus dem Käfig flog davon.
Im Freien konnt' ich nun die Glieder dehnen,
Doch stillte das mir nicht des Herzens Sehnen."
"Willkomm! Willkomm! rief es aus jedem Busch entgegen.
Willkommen! Sag', wo bliebst Du denn so lang?
So scholl es fröhlich aus viel hundert Kehlen
Und jubelnd stimmt' ich ein in ihren Sang;
Der Dompfaff sang die Mess' am Morgen frühe,
Der Chor ertönte hell von Bühl und Flühe."
"In voller Lenzespracht stand ringsum Wald und Anger,
Die Bächlein murmelten, es blitzt' der See;
Ein jeder Strauch trug schön ein Festgewändlein,
Aus zartgewebtem, duft'gem Blüthenschnee,
Und lustig Lebens gab's auf allen Zweigen!
Dem Bürschlein hing der Himmel voller Geigen."
Land auf, Land ab, durch grüne Thäler, über Höhen
Trug mich der Füße unermüdlich Paar;
Allüberall empfing mich lauter Jubel
Von der Gesellen leicht besohlter Schaar.
Vergessen war das Hungern, war das Frieren,
Ob eitel Kurzweil, Scherz und musiciren."
"Das Leben ist so schön! ward wieder flott gepfiffen,
Ich lud mich froh bei Fröhlichen zu Gast;
Doch wenn ich müde Abends kam zum Lager,
Hielt neue Sehnsucht mir das Herz erfaßt;
Schlief dann ich ein, sah ich, in süßen Träumen,
Ein traulich Hüttlein zwischen Blüthenbäumen."
"Am Morgen aber wurde wieder frisch gesungen,
Und ging dies so durch manche Woche hin;
Ein hübsch Gewändlein war mir eigen worden,
Auf das ich lange stolz gewesen bin,
Als ich, es war an einem Sonntag eben,
Der tiefen Sehnsucht Deutung sollt' erleben."
"Mit viel Gesellen hatt' auch ich den Zug genommen
Durch's Baierland in's schöne Oesterreich.
Der Atzung gab's genug auf solcher Reise
Und wo wir ruhten, blieb uns herzlich gleich;
Ob wir Land auf, Land ab den Weg genommen,
Man hieß uns überall gleich froh Willkommen!"
"Da kamen wir, noch früh am Tage, in ein Städtlein,
Wo man uns Herberg wies im "güldnen Kranz;"
Der Zeche halber sang ich ein paar Weisen,
Drauf fiedelten die andern einen Tanz,
Und, eh' wir uns recht umsahn, war die Stuben
Euch dicht gedrängt voll Mädel und voll Buben."
"Nun gab es lustig Streiten bei dem jungen Volke,
Die einen wollten Sang, die andern Tanz;
Ein hell Gesichtlein drängte sich mir nahe,
Ich sehe noch der Sammetaugen Glanz, --
Und bat mich mit kirschrothem Mündlein leise,
Ihm doch zu singen eine schöne Weise."
"Gar gern gefällig, hieß ich da die andern schweigen
Und sang ein Lied, wie ich noch keines sang;
Vom Herzen lösten sich die Melodeien,
Gleich Perlen klar, in hellem, frischem Klang,
Denn meiner Sehnsucht Stern war aufgegangen;
Zwei Thränlein blinkten auf des Mägdleins Wangen."
"Die Thränen mußt du trocknen! sprach ich zu mir selber
Und änderte die Weise und das Lied;
In süßen Tönen fing ich an zu locken,
Wie es die Vöglein draußen thun im Ried,
Den Blick konnt' ich dabei nicht von ihr wenden,
Da ihre dunklen Augen schier mich blenden."
"Und sieh! Kaum war ich mit dem letzten Lied zu Ende,
War auch der Zähren letzte Spur davon;
Ein helles Roth zog auf die zarten Wangen,
Gleich Rosen, aufgeblüht zu meinem Lohn.
Des Mägdleins Beifall wollt' ich mir erringen
Und hätt' ich müssen Tag und Nacht durch singen."
"Es galten denn auch ihm nur meine schönsten Weisen;
Gar wenig scheerte mich der andern Lob.
Ein süß Verlangen ließ mein Herz erbeben,
So oft den schönen Blick sie zu mir hob,
Und ehe noch mein letztes Lied verklungen,
Hatt' ich mich tief der Maid in's Herz gesungen."
"Wie nun die Fiedler einen muntern Hopser spielten
Und sich die andern drehn in frohem Muth,
Naht schüchtern mir die Holde sich bedankend,
Ihr lieblich Antlitz deckte tiefe Gluth;
Mir aber ward ganz wunderbar zu Sinne,
Das stille Sehnen hieß auf einmal Minne."
"Der Geigen hell Erklingen zog auch uns zum Tanze,
Die Feine wiegte sich in meinem Arm;
Vor Freuden jauchzend schwang ich mich im Reigen,
Ihr Köpfchen lag an meinem Herzen warm.
Was mir die tiefen, dunkeln Blicke sagen,
Errathen hab' ich's, ohne viel zu fragen!"
"Da ward es mälig spät, die Fiedeln mußten schweigen,
Und Alt und Jung zog in die Nacht hinaus.
Ich folgte heimlich mit der Maid am Arme,
Durch Gassen kreuz und quer zu ihrem Haus;
Was wir uns sagten, möget selbst Ihr denken
Und darum diesen Theil mir gnädig schenken!"
"Das Paternoster, freilich, wurde nicht gesprochen!
Als spät und doch zu früh das Scheiden kam,
Hing sie in heißem Kuß an meinen Lippen
Und war in Thränen, da sie Abschied nahm;
Dann huschte sie in's Haus, durch einen Garten.
Ich wußt' nicht, sollt' ich gehen oder warten."
"Doch ging es eine Weile, eh' ich mich konnt' trennen
Vom Ort, der Zeuge war von meinem Glück.
Ein nahend Wetter hieß mich endlich gehen,
Und langsam suchte ich den Weg zurück,
Verfehlte aber bald die rechte Gasse;
Denn es war dunkel, wie in einem Fasse."
"Voll Zuversicht, die Gasse wieder aufzufinden,
So mich zurück zur Herberg führen thät,
Schritt ich die Häuserreihen still vorüber,
Um nicht zu wecken, denn es schien mir spät;
War aber in dem Dunkel nichts zu wollen!
Nur ferne Blitze und des Donners Rollen."
"Ein halbes Stündlein vielleicht war drob hingegangen,
Da brach das Wetter los mit aller Macht;
Ich suchte schirmend Obdach zu erspähen,
So oft ein Blitz durchbrach die schwarze Nacht,
Und endlich sah ich, unfern mir, zur Linken,
Ein Heil'genbild in einer Nischen winken."
"In solchem Schirmen durfte ich mich sicher wähnen,
War doch die Nische selbst noch unter Dach;
Gelassen sucht' ich ein behaglich Plätzchen
Und sann zufrieden meinem Glücke nach,
Derweil die Blitze grell den Himmel sengten
Und schwere Wolken überm Städtlein drängten."
"Bald träumte ich gar süß von einem sel'gen Leben,
Das mir die Zukunft wies in goldnem Schein.
Mein fahrend Dasein hatt' ich aufgegeben,
Sah hier am Orte schon ein Nestlein mein;
In welchem thät als Hausfrau lieblich walten,
Das Mägdlein, so ich heut' im Arm gehalten."
"Doch, während so ich träumte, ward das Wetter böser,
Die Fenster klirrten, da und dort ward's hell,
Auch eine Wetterglocke hört' ich läuten;
Die Donnerschläge folgten sich gar schnell.
Mich aber kümmerte kein Blitzezucken,
Durft' unter gutem Schirme mich ja ducken!"
"Da schoß mit einem Mal ein Meer von gelben Flammen.
Herunter auf des Städtleins Giebelreihn,
Von unheimlichem Knattern arg begleitet;
Draus lohte hoch ein rother Feuerschein,
Dem lautes Schreien folgte, so mir kündet,
Daß in der Stadt des Wetters Strahl gezündet!"
"Bald wogte lautes Treiben durch die finstern Gassen,
Man konnte kaum sein eigen Wort verstehn;
Die einen schleppten Leitern, andre Eimer,
Mit denen sie in Hast zum Brunnen gehn,
Indeß am Himmel eine Feuergarbe
Auf Meilen leuchtete in rother Farbe."
"Jetzt lockt' auch mich der Böse aus dem sichern Winkel!
Ich ließ den guten Heiligen im Stich
Und trabte, gleich des Städtleins bestem Burger,
Zur Löscharbeit fast außer Athem mich;
War freilich unnütz, daß ich also rannte,
Da ich den Pelz dabei mir arg verbrannte!" --
""Thu' einen Schluck, Gesell, und dann bericht' uns weiter,""
Sprach zum Erzähler hier der Wasserstelz.
Der Spielmann nahm den Krug, von Kunz geboten,
Und leerte ihn, mit einem "Gott vergelts!"
Zum Staunen Aller fast in einem Zuge,
Als ob nur etlich Tröpflein in dem Kruge.
"Am Aermel sich die nassen Lippen trocken wischend,
Fuhr drauf er fort: "So flog ich denn dahin,
Nicht achtend auf das Wirrsal in den Gassen,
Daß fast der Erste ich beim Feuer bin.
Hoch schwang ich einen Eimer in den Händen,
Die Flamme leckte schon an allen Wänden."
Da, wie ich helfen will, dem Element zu wehren,
Packt meinen Nacken eine grobe Faust
Und hör' ich schreien: "Heda, greift den Strolchen!"
Indeß ein Schlag auf mich herunter saust,
Der mich, so lang ich bin, zu Boden streckte,
Daß mir das Feuer aus den Augen leckte."
"Der Fahrende ist an dem Brande schuldig!" hörte
Ich rufen, dann ging mir der Athem aus;
Ein schwerer Fußtritt raubte die Besinnung,
Die erst mir wieder ward im Büttelhaus.
Und nun, hochedle Herren, kam ein Leben,
Wie's schlechter nicht dem ärmsten Hund gegeben!"
"Schon andern Tages stand ich vor des Städtleins Richter,
Der flissentlichen Brandstiftung verklagt;
Daß ich zur Nachtzeit nicht im Nest gewesen,
Ward ihm vom Herbergsvater eh' gesagt.
Dir winkt das Dreibein, dacht' ich, bist verloren,
Vom Schicksal als ein Opfer auserkoren!"
"Doch nahm ich mich zusammen und beschrieb dem Richter
Gewissenhaft, wie sich zum Brandplatz kam.
Daß ich im Dunkel abends mich verirrte,
Vorm Wetter dann beim Bildstock Deckung nahm,
Und auch der Heil'ge mich beschirmet hätte,
Lief nicht, zu helfen, ich zur Unglücksstätte."
"Nur von dem Mägdlein und dem Gang mit ihr nach Hause
Mocht' nicht ich sprechen, sonst war alles wahr.
Der Richter jedoch nannt' es eitel Lügen,
Von weitem schon jedweder Wahrheit bar;
Wie ich auch schwur, es wollte nichts verschlagen,
Er ließ mich mit der Folter peinlich fragen."
"So ward ich denn den Wasenknechten überwiesen,
Die bas sich freuten auf den Zeitvertreib,
Des fremden Vogels Federlein zu rupfen
Und ihn zu rösten bei lebend'gem Leib.
Mit Zittern trat ich in die Marterkammer,
Die bald auch wiederscholl, von meinem Jammer."
"Ein jeder Tag schier brachte neue Qual und Schmerzen.
Die Teufel steigerten mir Grad für Grad
Die Marter, ach, ein zehenfaches Sterben!
Und grinsten höhnisch: "Bist noch gut für's Rad!"
Als sie mich mit den heißen Zangen kniffen,
Daß zischend tief in's Fleisch die Eisen griffen."
"Doch, trotzdem sie die Qualen täglich fast erneuten,
Ich blieb dabei und sprach kein weiter Wort,
Als was dem Richter gleich schon ich bekannte,
Und was ich wiederholte fort und fort:
Daß ich die Herberg bloß deshalb verlassen,
Um Luft zu schöpfen in des Städtleins Gassen."
"Lag dann ich wieder einsam auf dem Stroh des Kerkers,
Wo ich vor Schmerz zur Nacht mich schlaflos wand,
Kam wohl mir in den Sinn, es möchte nützen,
Würd' etwas lockern ich der Zungen Band
Und frei bekennen, um des Mägdleins Willen
Sei spät der Herberg ich entschlüpft im Stillen."
"Doch lieber hätt' ich mir die Zunge abgebissen,
Eh' ich die Holde meinethalb verrieth.
Ich schwieg also und ließ mich weiter martern,
Stumm wie ein Wild, das keinen Ausweg sieht.
Bist hin! dacht' ich, und hast nur zu errathen,
Ob sie dich hängen werden oder braten!"
"Als sie jetzt sahen, daß ich Nichts verlauten lasse,
Da hielten sie mit Foltern endlich ein
Und gaben etwas Ruh' dem armen Körper,
Sich zu erholen von der schweren Pein;
Auch, daß ich mich dem Rathe zeigen konnte,
Wenn der sein Urtel mir zu staben gonnte."
"Zum Sterben elend, saß ich nun in meinem Loche
Und sann, auf feuchtem Lager, für mich hin,
Voll Sehnsucht auf mein letztes Stündlein harrend:
Ach, wenn ich nur des Leidens ledig bin,
Das mir mein traurig Dasein aufgebunden
So bleibt es gleich, was für ein End ich funden...!"
"Doch während solchem Harren heilten meine Wunden;
Dem Schlaf, so lang entbehrt, sank ich in Arm;
Ich schwang mich, träumend, mit der Maid im Reigen,
Ihr rothes Mündlein küßte mich so warm.
In trautem Plaudern kos'ten wir zusammen,
Bis ringsum stand die ganze Welt in Flammen!"
"Der Kette Klirren aber störte meinen Schlummer
Und ich besann mich, daß nur Traum und Schaum,
Was statt des Mägdleins mich jetzt oft umkos'te.
Entsetzen packte mich im Kerkerraum;
Ich rang mir wund die kaum geheilten Hände
Und flehte stöhnend um ein schnelles Ende."
"Solch ein Erwachen war viel tausendfaches Leiden,
Verglichen mit der Folter argem Schmerz,
In hellem Wahnsinn riß ich an der Kette,
Die Kraft versuchend an dem harten Erz;
Ich war zu glücklich wohl im Traum gewesen,
Als daß ich, wach nun, davon konnt' genesen."
"So quälte ich mich wochenlang, bis eines Morgens
Erschlossen ward die Thüre und parat
Ein Weibel stund, umgeben von den Schergen,
Die mich begleiten mußten vor den Rath.
Im Sonnenschein lief Volk in allen Gassen.
Ich, schier geblendet, wankte durch die Massen."
"Die Herren saßen ernst auf schön geschnitzten Siedeln
Und sahen finster blickend auf mich her;
Der Wasenmeister mußte rückwärts treten,
Daß frei ich stand mit meiner Kette schwer.
Dann fing man zu verklagen an, zu fragen;
Ich mußte ihnen nochmals alles sagen."
"Geduldig gab ich Red' und Antwort ihren Fragen,
Erzählte alles wahr und unverwandt;
Die Herren aber machten strenge Mienen,
Als ich zum Schlusse keine Schuld bekannt.
Da bat ich denn, mein Urtel schnell zu sprechen
Und über mich nur gleich den Stab zu brechen!"
"Nun flogen Red' und Widerrede hin und wieder,
Gar manches fremde Wort kam mir zum Ohr;
Schon stand ich lange, ihres Spruchs gewärtig,
Da trat ein altes Männlein langsam vor.
Man sah ihm an, das Gehen ward ihm schwierig,
Auch schwiegen Alle, auf sein Wort begierig."
"Mich streifte nur ein Blick aus seinen dunkeln Augen,
Die tief versenkt im faltigen Gesicht;
Dann wandte er sich zu den Rathscollegen,
Die lauschten still; sein Votum fand Gewicht.
Ich aber konnt' den Blick nicht von ihm trennen,
Mir war, als sollt' ich diese Augen kennen."
""Wollt nicht aburteln,"" kam es aus des Männleins Munde,
""Eh' Ihr zuvor auch mich gela'n.
In jener Unglücksnacht sah ich vom Fenster
Des Wetters Toben lange Zeit mit an;
Die Erde zitterte in ihren Gründen
Und jeder Strahl schien in der Stadt zu zünden.""
""Da ist es leichtlich, daß wir doch uns irren könnten
Und Wahrheit wäre, was der Bursche spricht.
Ich fordre also Namens seiner Zeugen,
Ihm zu beweisen, eh' den Stab man bricht,
Daß er es war, wie uns die Klage kündet,
Und nicht der Strahl, der uns das Haus gezündet.""
""Der Unschuld Blut vergießen, heißt sich selber strafen;
Doch ist, Gottlob, noch Recht allhier der Brauch,
Daß, wenn wir richten, wir nicht fürchten müssen,
Es komme Unheil uns durch solchen Gauch.
Drum fordre Zeugen ich zum andern Male,
Dem Recht das Recht zu wahren hier im Saale!""
""So weit die Sonne scheinet in des Kaisers Landen,
So weit noch Christenglocke tönt im Reich,
So weit an Mutterbrüsten Kindlein hangen,
So weit wir alle vor dem Herre gleich,
So weit am Himmel mahnen Blitzes Flammen,
Soll keinen rechtlos man zum Tod verdammen.""
""Wie wir durch Gottes Gnade Seligkeit erhoffen,
So ist's, nach altem Brauche, Richters Pflicht,
Beweise von dem Kläger einzufordern,
Eh' man ein Urtel dem Verklagten spricht --
Traun! diesem Brauche wollen wir uns beugen:
Zum dritten Male fordre ich die Zeugen!""
""Hochedler Schultheiß, wollet nun gebieten, nachdem
Die Männer wir besiebnet, daß man hört,
Was jene wissen und ob jeder willig,
Die Aussage mit seinem Eid beschwört;
Dann möget Ihr getrost das Urtel sprechen
Und -- trägt der Bursche Schuld, den Stab ihm brechen!""
"Nach diesen Worten hielt das Männlein keuchend inne;
Das Sprechen ward ihm sichtbar endlich schwer.
Er ließ sich auf die nächste Siedeln nieder,
Wo nun er harrte, ob sie dem Begehr
Nach Zeugen, die ihr Wort beschwören sollten,
Im Rathe unverkürzt willfahren wollten."
"Doch mocht' des Alten Wort im Rathe Geltung haben;
Es dauerte nicht lange, ward erklärt
Vom Schultheiß, der im Rath den Vorsitz hatte,
Daß man die Zeugenabhör ihm gewährt,
Und seien jene eidlich zu verhören;
Kein Irrthum dürfe gutes Recht bethören."
"Ein Nicken von dem Alten galt als Dank dem Schultheiß;
Dann rief ein Schreiber laut die Zeugen vor.
Es waren vier', die in die Schranken traten,
Doch ihre Namen ich schon lang verlor;
Nur Einen kannt' ich an den Fäusten wieder,
Die mich beim Brande damals schlugen nieder."
"Wie nun die Zeugen reden sollten, stand der Alte
Nochmals vom Stuhle auf; es sprach sein Mund
Den vieren zu, der Wahrheit treu zu bleiben;
Gott sehe jedem Herzen auf den Grund
Und sei ihm selbst der Eidschwur des Gerechten
Nicht wohlgefällig, wie vielmehr des Schlechten!"
"So sprach er lang und breit, ein Pfaffe macht's nicht besser,
Der auf der Kanzel seine Predigt thut.
Mir war dabei, als spräch' aus seinen Worten
Es oft wie Mitleid für mein junges Blut,
Und trafen mich die großen, dunkeln Blicke,
Fühlt' ich's wie Trost in meinem Mißgeschicke."
"Als er geendet, gab des Rathes dürrer Schreiber
Dem ersten Zeugen zum Bericht das Wort.
Gar kurz erzählte der, wie er getroffen,
Der ersten einen, mich am Unglücksort,
Und wie er mich als Fremden gleich erkannte,
Der nichts zu schaffen hatte, wo es brannte."