Die Seele ihr, wie Paradieses Lust,
Seit jenem Heimritt vom Sankt Vrenenfeste;
Im Sang entstieg der jugendlichen Brust,
Was süß sie ahnte, Lieb und Herzensfrieden,
Die ihrem Innern herrlich nun beschieden.
Von früh bis spät ertönte oft ihr herzig Lachen,
Es schimmerte des Frohsinns holder Schein
Um alle, die in ihrer Nähe weilten;
Doch ihr Geheimniß hielt sie fein allein.
Sie fühlte heißer es im Herzen glühen,
Je mehr sich Aug' und Mund zu schweigen mühen. --
Wo jene Himmelsblume, die wir Liebe nennen,
Zum ersten Mal erblüht im Menschenherz,
Da weilt das Glück, wohnt Lenzlust, ob der Winter
Sich auch mit Macht ausbreite allerwärts;
Ein wahres Heiligthum ist dann die Seele
Und wandelt vor dem Höchsten ohne Fehle.
Doch, wo der Sinne Lust ein thöricht Herz beherrschet,
Da stirbt gar bald der Blume feiner Duft;
Von Leidenschaft wird unser Sein verbittert,
Zu kaltem Winter Lenzes linde Luft.
Die Seligkeit der Liebe geht verloren,
Entschwindet wieder, da sie kaum geboren. --
In Elsbeths Herzen war der Frühling eingezogen,
Sie fühlte ihrer Liebe süßen Bann
Und war zufrieden in dem stillen Wahne,
Es liebe wieder sie der liebe Mann;
Ein Lächeln von ihm und ihn nah' zu wissen,
Genügte ihr und ließ sie Alles missen.
Getheilet in ihr Wirken zu des Hauses Bestem
Und tief empfundener Glückseligkeit,
Entflohen ihr des Herbstes kurze Tage,
Daß kaum sie merkte, wie verging die Zeit;
Sie waltete, froh im Gefühl der Minne,
Des Tagewerks mit immer heitrem Sinne.
Herr Kuonrad selber hatte, seit dem Ritt im Mondschein,
Mit jener Frage nie sie mehr bedrängt;
Auch gab er zu, bei Gängen nach dem Thale,
Daß Kunz ihr Körblein an den Arm sich hängt.
Er mußte, Elsbeth's wegen, sich bezwingen,
Ihr kalt erscheinen, nur wollt's nicht gelingen.
Oft zehn Mal täglich schritt er durch des Schlosses Räume,
Und hoffte daß sie ihm begegnen muß;
Wenn alsdann Elsbeth, neben ihren Pflichten,
Für ihn noch Zeit gewann zu Blick und Gruß,
Dann ward ihm jedes Mal gar froh zu Muthe
Und wußt' ein trautes Wort er für die Gute.
Bald war's ein stetes Meiden und sich wieder suchen,
Es wußten Beide nicht, wie es geschehn,
Daß sie, die eben in der Halle schieden,
Im Letzegang sich plötzlich wieder sehn;
Doch hörte Keines man mit Worten sagen,
Was ihre Blicke zu bekennen wagen.
Herr Kuonrad kämpfte freilich mit dem eignen Herzen
Dazwischen öfters um den Siegespreis,
Von Tag zu Tage aber ward er müder
Und gönnte jenem, daß es siegte, leis'.
Wohl selten ist Vernunft nicht unterlegen,
Trat ihr im Kampf ein warmes Herz entgegen.
Mit jeder Stunde, welche er im Schlosse weilte,
Verblaßte ihm des Bäsleins Bildniß mehr;
Bewundernd sah er Elsbeths sinnig Walten
Und wie nur Segen blühte um sie her.
Ein süßer Zauber hielt ihn fest befangen,
Dem zu entfliehn ihm mangelt' das Verlangen.
Es klang so süß dem Ohre, wenn vom Söller nieder,
Er jeden Morgen ihr "Grüß Gott!" vernahm,
Und sang sie Abends mit den Spinnerinnen,
War's sicher, daß den Weg er dorthin nahm,
Und oft den Freund allein beim Kännlein Weine
Mit Benno ziehen ließ die Brettspielsteine.
In ungeahnter Wonne hob es ihm die Seele
Bei dem Gedanken, daß ihn Elsbeth liebt';
Die holde Blume mit dem keuschen Herzen,
In ihrer Unschuld sich ihm eigen giebt.
Nichts soll ihm fürder mehr das Herz bethören,
Er will nur ihr auf immer angehören!
Sein einzig Sehnen war, nur bald sie sein zu nennen,
Ihr auszuschütten sein gequältes Herz
Und ihr bekennen, daß sie ihn besiegte;
Vor seiner Liebe schmolz des Panzers Erz,
In dem er seine Ruh' geborgen glaubte,
Eh sie durch ihren Liebreiz die ihm raubte.
Längst wünschte er für sich zu offnem Minnewerben
Die schicklichste Gelegenheit herbei,
Und schien ihm endlich, daß auch die sich biete,
Denn er fand in des Vogtes Bücherei
Ein Bündlein Schriften, "Parzifal" geheißen,
Das nur der Zufall schützte vorm zerreißen.
Gern hatte sie erlaubt, ihr daraus vorzulesen,
Wenn es im Lauf des Tages mal gelang',
Daß sie ein kurzes Stündlein der Erholung
Von ihren vielen Pflichten sich errang.
Dann, ganz allein mit ihr, wird es wohl gehen,
Der Lieblichen die Minne zu gestehen.
Nach ihrem Willen sollte heute nun Herr Kuonrad
Ans Lesen jener alten Sage gehn,
Daß auch sich Elsbeth darauf hin schon freute,
Vermochte er an ihrem Blick zu sehn,
Da -- lud der Vogt ihn gestern ein zum Jagen,
Und mußte seinen Plan er drum vertagen. --
Noch lauschte Elsbeth am weit offnen Bogenfenster
Vergeblich auf des Jagdhorns hellen Klang.
Sie konnte heut' nicht singen, war nicht fröhlich,
Auf ihrer Seele lastete es bang,
Als ob ein trübes Ahnen sie durchschauert;
Nur ist ihr nicht bewußt, warum sie trauert.
Mechtildis, der das stille Wesen Elsbeths auffiel,
Zermarterte indessen ihr Gehirn
Zu rathen, was der lieben Herrin fehle;
Verlegen rieb sie aber bald die Stirn'
Und war schon dran sich heimlich auszuschelten,
Weil die Gedanken dort nur Hansli gelten.
Jetzt jedoch wandte Elsbeth sich zu ihr und fragte:
"Sag' Kind! ist Dir Dein Schatz auch wirklich gut?"
Es kam dies unvermittelt, klang wie Zweifel,
So daß Mechtildis schier entfiel der Muth,
Die längst gewohnte Antwort zu erneuern
Und Hansli's Liebe zu ihr zu betheuern.
"Das will ich bas vermeinen!" sprach sie, glutroth werdend,
"Sein bester Freund bin ich, sein Trost, sein Glück,
Und sollt' ich zweifeln, muß der Zweifel schwinden,
Wenn ich mir sage, wie manch' schönes Stück
Vom kargen Jahrlohn mir der Gute spendet,
Ja, oft ihn nur für mich allein verwendet!
"Bald ist's ein Tüchlein, so er eingehandelt, oder
Ein Band ins Haar, wie dieses, das Ihr heut'
In meinen Zöpfen eingeflochten sehet;
Kurz immer etwas, das ein Mägdlein freut.
Auch fühlt es jede ja im Herzen drinne
Ob einer gut ist ihr in wahrer Minne!"
"Die schönste Scheibe, so am Fastnachtabend glühend
Vom Hungerberg sie schleuderten zu Thal,
Schier wie ein feurig Rad flog sie durch's Dunkel,
Gehörte Hansli, und er rief drei mal, --
Daß ja die Chnaben nicht im Zweifel blieben,
Mit lauter Stimme -- sie sei mir getrieben!"
"Ich thät ihn lange nicht an unsern Junker tauschen,"
-- Nun übergoß die Herrin es mit Glut --
"Ist der auch fürnehm und von feinen Sitten,
So schaut mein Hansli aus, wie Milch und Blut
Und kann, wie keiner, schöne Weisen singen,
Gilt's Mechtild seinen Abendgruß zu bringen!"
"Das weiß ich!" fiel ihr lächelnd Elsbeth in die Rede,
"Das weiß ich, Traute! Du sprachst immer so.
Auch würde wohl sich Jede glücklich preisen,
Wär sie, wie Du, so ihrer Liebe froh; --
Denn lieben müssen wir, das ist uns eigen,
Mag man's nun hehlen, oder offen zeigen!"
"Dochs will mir scheinen, ist nur jene Liebe wahrhaft,
Die jeder Zeit der Treue sich befliß
Und drum, was Dich so froh von Lieb läßt reden,
Ist sicher Hansli's Treue Dir gewiß!
Ei, wurde Dir noch niemals heimlich bange,
Daß er nach einer anderen verlange?"
"Nein, Herrin!" rief da Mechtild, "wär' dies Liebe,
Die erst der Treue sich versehen muß?
Ist Einer einer zugethan von Herzen,
So sieht sie's schon am ersten Blick, am Gruß,
Oh er's auch ehrlich mit der Treue meine,
Sonst würde sie ja nimmermehr die Seine!"
"Wo Zweie sich, wie ich und Hansli, gut von Herzen,
Da hat der liebe Gott es so gefügt,
Und darum wohl zu bangen unvonnöthen,
Daß etwan eines sich im andern trügt.
Doch käm' es so, wie Ihr halb prophezeiet,
So wüßt' ich Eine -- die selbst dies verzeihet!"
Mechtildens Antwort mußte Elsbeth hoch erfreuen,
Denn sie hob mit der Hand des Mägdlein's Kinn,
Und küßte ihr die Wange mit den Worten:
"Mir fuhr die Frage nur so durch den Sinn,
Du Trautkind! Ja, wie Du liebst, das heißt lieben;
Auf ewig Einem eigen sich verschrieben!" --
So man vom Wolf spricht, ist er nahe! sagt ein Sprüchlein.
Noch hinkend kam jetzt Hansli durch den Gang
Und meldete, mit einem Blick auf Mechtild,
Daß auf dem Hof ein Bauernweib schon lang
Mit ihrem Büblein in der Kälte stehe
Und jammernd um der Herrin Hülfe flehe.
Als Elsbeth dies vernommen, säumte sie nicht lange,
Zum Hofe ging's auf flinken Füßen fort;
Dort trat ihr zaghaft, bleich ein Weib entgegen,
Das früh' schon herkam aus dem nächsten Ort,
Mit einem Büblein, so, vor Schmerz im Finger,
Laut aufschrie, daß es wiederscholl im Zwinger.
Die Herrin schauend, hielt es jedoch ein mit Schreien
Und sah durch Thränen scheu zu ihr empor,
Wie sie sich mild an seine Mutter wandte,
Die vor ihr stand wie ein gebrochen Rohr
Und erst, nach freundlich wiederholten Fragen,
Den Mund aufthat, sein Leiden ihr zu klagen.
Nun die zu Ende, zog Elsbeth das Büblein näher
Und löste langsam und mit leichter Hand
Dem Zagen, unter kosendem Geplauder,
Vom hochgeschwollnen Finger den Verband;
Der Kleine zuckte zwar, von Schmerz gepeinigt,
Als sie nun auch das kranke Glied ihm reinigt'.
"Da sitzt der Wurm im Finger," sprach sie drauf bedächtig,
"Und darum sind die Schmerzen auch so groß.
Die Heilung zu erreichen, ist's am besten
Wir beizen mälig die Geschwulst ihm los.
Verweil' Dich also etwas mit dem Kinde,
Bis ich das rechte Kräutlein dazu finde."
Doch eh' sie ging, schritt sie noch in die Thurmthorhalle
Und schnitt vom Brod, das für's Gesind dort war,
In aller Eile ein paar große Stücke;
Die reichte drauf sie Beiden freundlich dar
Um, während Kind und Mutter daran kauen,
Im Stüblein oben nach dem Kraut zu schauen.
Es lag zur Hand, wie noch ein Sälblein und alt Linnen,
Das letztre zum Gebrauche fein gezupft.
Schnell war jetzt Elsbeth wieder bei dem Büblein,
Deß' Finger mit dem Sälblein sie betupft';
Dann blies sie drei Mal mit dem Rosenmunde
Ein leises "Heilo, Segen!" auf die Wunde.
Zum Schlusse ward der kranke Finger gut verbunden
Und noch dem Weib die Anweisung ertheilt,
Wie Kraut und Sälblein zu gebrauchen seien,
Daß bald das kranke Glied des Bübleins heilt.
Doch nun die Beiden vor ihr knieen wollen,
Hieß sie sie freundlich ihres Weges trollen. --
Sie selber aber ging zu Frida in die Küche
Um nachzuschauen, daß zur rechten Zeit,
Das Essen für die Gäste fertig werde,
Denn bis zum Abend ist es nicht mehr weit.
Es war auch noch der Würzwein zu bereiten,
Ein warm Getränk, die Mahlzeit einzuleiten.
Dann eilte wieder sie in's Palas. Hier, im Saale,
Wo jeder Tritt ein lautes Echo weckt,
Gab es noch viel zu thun, denn Mechtild hatte
Nur erst den großen Eichentisch gedeckt.
Nun gingen hurtig sie daran zu Zweien,
Vom Buffert Glas und Teller sich zu leihen.
Sie waren noch nicht fertig, als die Thüre aufging
Und Hansli mit der neuen Meldung naht',
Daß sich ein Spielmann eingefunden habe,
Der für die Nacht um warmes Obdach bat;
So man es wünsche, wolle gern er singen,
Auch sei ihm Kundschaft von gar vielen Dingen.
"Gewähr' ihm Herberg, Hansli," -- war der Herrin Antwort,
"Und von dem Heurigen 'nen vollen Krug;
Doch ja nicht mehr!" ergänzte sie mit Lachen,
"Denn Spielleut' haben immer guten Zug.
Läßt ihn der Vater dann zur Nacht verbleiben,
Mag er mit Singen uns die Zeit vertreiben!"
Zufrieden mit der Antwort hinkte Hansli wieder
Zum Schloßthor hin, wo, frierend, auf der Bank
Der Spielmann saß und des Bescheides harrte,
Und nun er den erfuhr, mit vielem Dank
Dem Knechte folgte in die warme Halle,
Wo bald sein Lied erklang in munterm Schalle.
"Das fahrende Gesindlein riecht's wohl schon von Weitem
Wenn etwas Gutes auf den Tisch geräth;
Gleich läßt es links die breite Straßen liegen,
Um nachzusehen, wo der Spieß sich dreht.
Am liebsten, glaub' ich, haben sie die Gassen,
Da ihre Kessel in die Herdstatt passen!"
""Es sind die Vögelein, von denen ja geschrieben,
Sie säen nicht und ernten nicht, Mechtild!
Und doch ernährt auch sie des Schöpfers Güte!""
Entgegnete dem Mädchen Elsbeth mild.
""Nicht Allen hat der Herrgott es gegeben,
Mit Sing und Sang zu wandeln durch das Leben.""
"Die, so da singen, Herrin! sind mir gern willkommen,
Sie wissen stets so viel Gesätzlein fein,
Mit denen unsre Herzen sie gewinnen
Und haben immer neue Melodei'n;
Des Letzten Sang summt mir noch heut' in Ohren,
Doch hab' die Worte dazu ich verloren!"
Inzwischen war der Tisch gedeckt und nun erfreuten
Sich Beide ob des Anblicks, den er bot;
Mechtildens Lob erhielt die Bratenschüssel
Mit Blumenmalerei in Blau und Roth,
Indessen Elsbeth sich der Gläser freute,
Die für die Gäste sie erwählte heute. --
Wie gerne rührt doch Frauenfleiß die zarten Hände
Und achtet weder Mühe noch Beschwer,
Des Mannes Heim behaglich zu gestalten
Und still zu wirken für des Hauses Ehr';
Was wir im Einzelnen als unnütz hassen,
Die Frau wird sinnig es zum Ganzen passen. --
Noch rückte Elsbeth hier und dort an einem Teller;
Auch glättete gar sorglich ihre Hand
Das Tischtuch, daß sich ja kein Fältchen zeige
Und ebenmäßig hing der rothe Rand;
Derweilen Mechtildis die Stühle stellte,
Auf deren jedem weich ein Kulter schwellte.
Nun nahte, für die Herrin, sich die Zeit zur Schule,
Denn Benno gab nur selten einmal frei,
Und -- während Mechtildis noch heizen sollte,
Daß warm der Saal und recht gemüthlich sei --
Es mußte Elsbeth fort zum Unterrichte,
Sonst zog der Kaplan ein gar schief Gesichte.
* * *
Des kurzen Tages langer Abend sank hernieder,
Schon deckten dunkle Schatten Berg und Thal;
Im Schlosse war das Tagewerk vollendet,
Man wartete der Gäste nun zum Mahl;
Leis' nur, im Frau'ngemach beim Lichtspahnglimmen,
Erklangen noch der Spinnerinnen Stimmen.
Doch um so lauter klang es dafür aus der Halle
Im Hofe, wo der Spielmann dem Gesind'
Auf einer Laute Lied für Lied vorspielte
Und seines Sangs sich freuten Weib und Kind;
Denn Hansli that, wie es die Herrin wollte,
Nur, daß den größten Krug er jenem holte.
Schanzunen, Leiche, Schwänk' und neue Trutzgesätzlein
Sang froh zum Saitenspiel des Sängers Mund;
Es würd' die Kehle doch zu schnelle trocken,
Säh man in einem fort des Kruges Grund.
Wohl blieb gar manch ein Liedlein ungesungen,
Wär' nicht der Wein, der es hervorgezwungen.
Der Spielmann wiederholte Hansli eben nochmals
Die Weise "von der Minne süßem Born,"
Als er im Singen unterbrochen wurde
Vom lauten Halali aus Jochens Horn;
Zur gleichen Zeit erdröhnte auf der Brücke
Der Rosse Huf; der Jagdzug kam zurücke. --
Ein paar Minuten später war der weite Zwinger
Von Kienholzfackeln flammenroth erhellt,
Es hallte durch das Schloß der Hifte Grüßen,
Zu dem die Meute die Begleitung bellt';
Derweil die Hörigen die Beute brachten,
So heut' der Vogt und seine Gäste machten.
Mit seinem Blut den Schnee noch röthend, lag zur Strecke,
Für Alt und Jung beliebte Augenweid',
Die Beute; jedes Stücklein ward besprochen
Und bas gerühmt des Tages gut Gejaid.
Der Achtzehnender freilich war entkommen,
Da er bei Reckingen den Rhein durchschwommen.
Ein waidgerechter Rehbock mußte dafür büßen.
Nun lag das schöne Thier dahingestreckt
Im Schnee, bei einer Anzahl feister Hasen
Und einem Fuchs, der, aus dem Bau geschreckt
Vom nahgekommenen Geläut der Meute,
Sein warmes Pelzlein lieferte als Beute.
Vom Zwinger wandten sich Herr Heinz und seine Gäste,
Von Hansli angeführt, der leuchten muß,
Dem Palas zu, vor dessen Saale Elsbeth
Schon ihrer harrte mit dem Willkommgruß.
Ein hellblau Kleid mit zugeschnürtem Mieder,
Verhüllte keusch der Schönen zarte Glieder.
Als einz'gen Schmuck trug sie im wundervollen Haare
Ein schmales Schleifchen blaues Seidenband,
Das zu den goldnen Locken auf der Stirne
Ihr, wie sie meinte, stets am schönsten stand.
Doch halt! am kleinen Finger ihrer Linken
Verrieth sich noch ein Ringlein durch sein Blinken.
Des Vaters Gäste nach Verdienst zu ehren, hatte
Die Tochter heute festlich sich geschmückt;
Auf ihren Zügen aber lag's wie Trauer
Und ihre Seele fühlte sich bedrückt,
Als so sie dastand, vor des Saales Schwelle,
Der Gäste harrend, an der Hausfrau Stelle.
Da näherten sich Schritte; man hört' lachen, sprechen
Im Gange draußen, so zum Saale führt.
"Mein Gott! ist das nicht Fräulein Adelgunde?"
Frug Elsbeth sich, schier gar vom Schlag gerührt;
Denn solchen Gastes dacht' sie nicht beim Decken,
Mocht' auch den Argwohn ihr noch nichts erwecken.
Sie faßte jedoch Muth und trat ihr rasch entgegen,
Gelassen grüßend, während jene lacht',
Daß, obwohl unerwartet hergekommen,
Sie doch um Herberg bitte für die Nacht;
Was Elsbeth, der dies zwar nicht ganz behagte,
Dem Fräulein nimmer abzuschlagen wagte.
Als letzter kam Herr Kuonrad; Elsbeths freundlich Grüßen
Vergalt er traut mit seinem Druck der Hand,
Indeß ein Blick aus ihren blauen Sternen
Blitzschnell den Weg in seine Augen fand.
Ihm war die frohe Laune wieder kommen,
Sobald den Rückweg man zum Schloß genommen.
Geschäftig half er jetzt der Herrin aus der Schale
Die Gläser füllen mit gewärmtem Wein;
Der schimmerte im Glase wie Karfunkeln
und duftete gar fein nach Nägelein,
Die sie zum Trunk als gute Würze mischte,
So daß die Müden er von Grund erfrischte.
Und nicht nur dies. Er scheuchte auch davon den Aerger,
So ihnen der entkomm'ne Hirsch gemacht.
Es füllte Elsbeth fleißig drum die Gläser
Und, als dem Fräulein sie eins dargebracht,
Ließ die sich schnell von ihrem Wort bewegen,
Das pelzverbrämte Schäublein abzulegen.
Indessen noch die Herrn am Weine sich erlabten,
Belegte sie dann für den schönen Gast
Am Tisch den Ehrenplatz zu ihrer Rechten,
Mit Glas und Teller, wie's dem Fräulein paßt;
Gleich drauf kam Mechtild, um ihr anzusagen,
Daß für die Gäste schon sie aufgetragen.
Fromm kreuzte Elsbeth einen Augenblick die Hände,
Eh' sie die Gäste hin zum Tische bat,
Auf dem ein Schweinebraten duftend dampfte,
Den rings umkränzte köstlicher Salat.
Nun ließen diese sich nicht lange bitten,
Bis sie vergnüglich zu der Tafel schritten.
Nur Benno fehlte; er war noch zu Thal gegangen,
Wo spät ein kranker Bauer ihn begehrt'.
Den letzten Wegtrost sollt' er diesem spenden
Zu jener Reise, von der Niemand kehrt.
Es hatte zwar, das Jägermahl zu theilen,
Der Kaplan gern versprochen, sich zu eilen.
Der liebste Gast am Tisch ist der, so sich's läßt schmecken,
Und hungrig denkt kein Waidmann auszuruhn;
Mit Krug und Schüssel alle zu bedienen,
Gab Kunz und Mechtild heute viel zu thun;
Doch dafür rühmten auch die Herrn das Essen
Und blieb der Heurige nicht unvergessen.
Er gährte noch; sein süßlich-herbes Prickeln übte
Als Sauser über Alt und Jung Gewalt;
Sie nippten, schlürften, schnalzten mit der Zunge,
Froh prüfend seinen geistigen Gehalt.
Ein köstlich Ding ist doch der Saft der Reben,
Wenn Gott dem Weinstock recht Gedeihn gegeben.
Vergnüglich hob der alte Wasserstelz sein Gläslein
Und trank auf seines Nachbars Gastfreiheit.
Herr Heinz bedankte sich und bat bescheiden,
Vorlieb zu nehmen mit der Kleinigkeit,
Die sie den werthen Gästen heute wagen,
In Krug und Schüssel freundlich aufzutragen.
Drauf hob der Junker seins und zwar zum Wohl der Frauen,
Auf ihre Zucht und nimmermüden Fleiß,
Mit welchen sie der Männer Dasein schmücken
Und rastlos wirken zu des Hauses Preis.
Ein "Heilo ihnen!" scholl aus aller Munde,
Derweil die Gläser klangen in der Runde;
Jetzt, während Adelgunde noch darüber nachsann,
Wem zunächst wohl Herr Kuonrads Sprüchlein galt,
Hob Elsbeth auch das Gläslein, bat den Junker,
Indeß ihr lieblich Antlitz sich bemalt
Mit tiefen Gluthen auf den Sammetwangen,
Den Dank für's schöne Sprüchlein zu empfangen.
Ihr war es klar gewesen, wem sein Spruch gegolten,
Und nun verschwand schnell die Befangenheit,
So sie, als Adelgunde kam, beschlichen,
Wie einst in Zurzach bei der Festmahlzeit;
Doch dafür zeigten jetzt des Fräuleins Mienen,
Daß wohl auch dieser etwas klar erschienen.
Noch brachte Freiherr Udo ein gelungen Sprüchlein
Dem grünen Wald und wackerem Gejaid,
Daß froh die Herren nach dem Glase griffen,
Es leerend ihm zu ehrlichem Bescheid;
Dann aber ward das Waidwerk selbst besprochen,
Von manchem Scherz des Schloßvogts unterbrochen.
Er und der alte Wasserstelz, sie überboten
Einander oft in spaßigem Latein,
Drin' wohl bewandert Sankt Huberti Jünger;
Wir andern fabeln lange nicht so -- fein.
Bald wurde manches Stücklein aufgetischet
Das, wenn nicht wahr, doch den Humor erfrischet. --
Herr Kuonrad und Herr Udo plauderten indessen,
Wie dies bei jungen Herren immer geht,
Viel lieber mit den Fräulein, die wie Blumen
Drein schauten, um die lind ein Zephyr weht;
Nur ab und zu sah man sie einmal nippen,
Zu netzen sich die blühend rothen Lippen.
In üppig-voller Reife prangte Adelgunde
Und ihrer Schönheit sich gar wohl bewußt;
Die feinen Lippen zeigten Perlenreihen,
In schöner Rundung wölbte sich die Brust,
Die Sammetwangen sah man rosig blühen,
Und aus den Augen dunkle Gluten sprühen.
Des Schlosses Herrin dafür, schlank und fein gestaltet,
Glich einer Blume, der im Kelch der Thau
Noch schimmert; unter langen, seidnen Wimpern
Erglänzte herrlich ihrer Augen Blau.
Zum edeln Antlitz mit den Engelszügen
Sah man der Jugend Liebreiz hold sich fügen. --
Mit leisen Zeichen, wie sie nur der Liebe eigen, --
Ein Blick, ein Händedruck, ein halbes Wort, --
Wußt bald Herr Kuonrad Elsbeth viel zu sagen
Und hielt im Athem sie in Einem fort.
Ging auch die Rede oft an Adelgunden,
Geschah dies bloß, um Anstand zu bekunden.
Zwar rühmte lebhaft er des Fräuleins tapfer Reiten;
Wie sie beim Hetzen ihm zur Seite blieb,
Wenn gleich die Pferde wie im Sturm hinflogen,
Und das Gezweig scharf auf die Reiter hieb;
Doch Adelgunde lauschte kaum den Worten,
Ihr war's, als ob die Blicke sich umflorten.
Sie hatte mehr und schöneres gehofft zu hören,
Als solches Lob; das hätt' sie ihm geschenkt,
Der ihr heut' selten mal ein Wörtlein gönnte,
Auf was sie immer auch die Rede lenkt'.
Es sollte ihr nicht weh thun tief im Herzen,
Nun sie ihn sah, mit diesem Kinde scherzen?
Als ob auf einmal sie nichts andres interessirte,
Als was Herr Heinz und auch ihr Vater sprach,
So rückte Adelgunde zu den Herren;
Doch hielt sie dabei Aug' und Ohren wach,
Um Elsbeth und den Junker zu belauschen,
Wenn sie zur Kurzweil Wort und Blicke tauschen. --
Herr Heinz sprach aber von der Thalgemeinden Offnung,
Nach deren Formel zweimal jedes Jahr
Geurtelt ward von Rheinheims "Kellerrichter;"
"Es lauten diese freilich ganz und gar
Nach uraltheimisch gängen Rechtssprüchwörtern
Und Rechtsgebräuchen, wie an wenig Oertern."
"Doch trennen sich die Alten ungern von den Schöffen
Vermeinend, daß sonst nirgend Recht gedeiht,
Als nur, wo auch dem Bauer Sitz und Stimme
Ein längstveraltetes Gesetz verleiht;
Sie wollen nicht von ihrem Rechte lassen,
Zu dessen Praktik Reim und Sprüchwort passen."
"Die Jungen freilich halten wenig mehr vom Brauche,
Sie holen sich ihr Recht bei mir im Schloß
Und wissen, unterm Krummstab ist gut wohnen,
Wenn es auch ihrer manchen schon verdroß,
Daß ich mich nie nach ihrer Offnung richte
Und nicht nach halb vergessnen Sprüchen schlichte."
"Nur ist's nicht immer leicht, beim Amt den Ernst zu wahren,"
Erzählte fort der Vogt und strich den Bart,
"Gar oft will sich ein Schalk hinzugesellen,
Der Scherz und Ernst eng miteinander paart:
So sollt ich jüngsthin wieder Rechtens walten --
Und konnt mich doch des Lachens kaum enthalten."
"Ein Jude aus dem nächsten Städtlein, so Ihr kennet
Begegnet jüngst auf seinem Weg durch's Thal
Am Wege etlich meisterlosen Buben,
's war grade Sonntags, nach dem Mittagsmahl.
""Giebt's nichts zu handeln?"" ist des Juden Frage,
Derweil er zu den Chnaben trat am Hage."
""'s ist heute Sonntag, Jude! da wird nicht gehandelt,
Doch haben dafür wir zur Kurzweil Zeit!...""
""Sprich, glaubst Du, daß der Herr ist auferstanden,
Vom Tod befreit für alle Ewigkeit?""
"So sprach, ihn neckend, einer von den Chnaben,
Die schon den Juden in der Mitte haben."
""Hätt' er 'nen Stuhl gehabt, wär' er gesessen!"""lautet
Die schlaue Antwort aus des Juden Mund.
Die Buben aber, keinen Spaß verstehend,
Sie streichen dafür ihm den Rücken wund;
Es rührt sie nicht des armen Schnaufers Klagen,
Sie fahren fort mit fragen und mit schlagen."
"Er jedoch hält voll Eigensinn an seinen Worten
Und läßt vom Stuhle nicht ein Beinchen ab;
Die Buben werden dringlicher im Fragen,
Es regnet Schläge hageldicht herab.
Der Jude aber läßt sich nicht erweichen,
Er bleibt bei seinem Stuhle trotz den Streichen."
"Da, wie sie just im besten Zuge waren, fügt' sich's,
Daß grad der Dorfvogt kam des Wegs daher.
Wie den die Buben sehen, geht's an's Laufen
Und ist natürlich nun die Straße leer,
Bis auf den Juden, der mit lautem Heulen
Dem Vogte zeigte die erhalt'nen Beulen."
"Voll Mitleid für den Juden, und auf dessen Bitten,
Begleitet er ihn endlich hier herauf.
Daß ich die Argen strenge büßen möge,
Erzählte selbst der Jud' mir den Verlauf
Der Sache; schwörend, daß sein wunder Rücken
Ihn hindere, geziemend sich zu bücken." --