Sich an Herrn Kuonrad wendend, sprach er launig: "Junker!

Gönnt Unsereinem auch einmal das Wort!

Wie wär's, so Ihr mit uns ein Gläslein lüpftet,

Eh' Euch im Sprechen noch die Zunge dorrt?

Ein edel Tröpflein darf nicht lange stehen,

Soll dessen Blume nicht in Dunst verwehen!"

Mit sichtlichem Vergnügen folgte auch Herr Kuonrad

Und wandte sich zu Benno mit dem Glas,

Der leise schmunzelnd auf die Seite schaute,

Weil, etwas groß, der Freiin Blick ihn maß,

Daß er den Muth besessen, sie im Sprechen

Mit solchem Herren frech zu unterbrechen.

Doch bald sprach Benno lächelnd: "Daß Ihr uns vergessen,

Erfordert wahrlich Buße nach Gebühr;

Drum trinket Eins mit Euern Hausgenossen,

Sonst seht Euch nur bas auf den Heimweg für!"

Der Junker fügte sich dem Urtheil willig

Und that die Buße, wie es recht und billig.

Sein eigner Zutrank darauf aber galt jetzt Elsbeth.

Sie hielt ihr Kelchglas zitternd in der Hand

Und blickte schüchtern in des Freundes Antlitz,

Der, ihr zum Wohl, ein feines Sprüchlein fand.

Im Nu war all' das Herzweh da vergangen. --

Und prangten, wie mit Rosen, ihre Wangen.

Dem Kaplan war es mittlerweile doch gelungen,

Daß er die Freifrau unterhielt beim Mahl;

Nun hielt er schlau die Plaudernde gefangen

Mit Frag' und Antwort ohne Wahl und Qual;

Selbst, als den Freund bedrängte Adelgunde,

Hascht' klug auch dieser er das Wort vom Munde!

Der Junker mühte sich indessen, braune Mandeln

Für Elsbeth auszuknacken als Dessert;

Derweilen sie dem Vater nun erzählte,

Daß heute schon sie fast verunglückt wär',

So nicht Herr Kuonrad noch vorm Ungeschicke

Beschützte sie im letzten Augenblicke.

Als Elsbeth schwieg, bedankte sich der Vogt beim Freunde

Und meinte, der sei jetzt der Schuld auch bar,

Die schwer das weiche Herze ihm bedrückte,

Seit jenem Tag, als das Gewitter war;

Das Töchterlein sei nun bei ihm in Schulden

Und müsse, die zu zahlen, sich gedulden.

Dies jedoch wollte Jener nun nicht gelten lassen

Und blieb dabei, daß er in ihrer Schuld

Sein ganzes Leben lang sich fühlen werde,

Ob der an jenem Tag erwies'nen Huld;

Was er gethan, sei nimmer zu vergleichen

Und aus dem Schuldbuch als bezahlt zu streichen.

Nun war es Elsbeth wieder, die von solcher Rede

Nichts hören wollte und Herrn Kuonrad droht',

Wenn er sich seiner Schuld nicht ledig achte,

So thue er sich selber dies zu Noth;

Er dürfe nicht mehr jenes Diensts gedenken,

Sonst würde sie es ihrer Lebtag kränken.

Bei solcherlei Geplauder war es spät geworden,

Doch achteten die Frohen nicht der Zeit,

Bis Benno, mahnend, sich zu ihnen wandte,

Zum Aufbruch rathend, denn der Weg sei weit.

Er hatte noch sein Roß in Rheinheim stehen,

Und mußte nun zu Fuß bis dorthin gehen.

So brachen sie denn auf. Doch schritten erst die Viere

Noch Abschied nehmend durch der Gäste Reihn;

Als dies geschehen, ging es hin zur "Rosen,"

Wo Kunz längst wartete der Herrschaft sein.

Daß ja der Rosse Tritte Niemand wecken,

Verließen sie in sachtem Schritt den Flecken. --

Die Nacht war hell. Des Mondes volle Scheibe glänzte

Gleich Silber an des Himmels bleichem Blau.

Wie Zauber lag es über Wald und Fluren;

Im Wiesengrüne schimmerte der Thau,

Tief unten floß der Rhein im klaren Bette

Und blinkte mit dem Mondlicht um die Wette.

Vor Rheinheims altberühmtem Posthaus hielt die Truppe,

Wo schon der Kaplan hoch zu Rosse war.

Noch ließ der Vogt geschwind zwei Kannen füllen

Und brachte Joachim, der Wirth, sie dar;

Der Schloßvogt ritt, dem "Markgräfler" zu Ehren,

Hier nie vorüber, ohne einzukehren.

Doch, nun der Wirth die Kannen nochmals füllen wollte

Da wehrte Benno, und ging's wieder fort

In schlankem Trabe durch des Mondlichts Wellen.

Es fiel nur selten mal ein lautes Wort;

Herr Kuonrad gab jetzt Elsbeth das Geleite,

Und ritt der Kaplan an des Vogtes Seite.

Vom Weine warm und sich nach Ruhe sehnend, ritten

Die Herrn allmälig immer schneller hin,

Indessen Elsbeths und des Junkers Rößlein

Bald jede Eile unvonnöthen schien;

Sie wollten nicht von ihrer Meinung weichen,

Daß auch im Schritt die Heimath zu erreichen. --

Kein Lüftlein regte sich, kein Laut war zu vernehmen;

Es ruhten Berg und Thal in süßem Traum.

Der Weg lag weiß im Silberlicht des Mondes,

Goldschimmernd Herbstlaub schlief an Strauch und Baum;

Aus blauer Höhe nieder, blinkten ferne

Des Schlosses Lichter, gleichwie matte Sterne.

In Seligkeit verloren, weil den Freund zur Seite,

Ritt Elsbeth sinnend durch die linde Nacht.

Darf sie denn ihm von ihrer Minne flüstern,

Darf sie ihm sagen, was sie glücklich macht?

Soll sie verrathen, was ihr Herz empfindet,

Welch' wonnig Träumen ihr die Lippen bindet?

Herrn Kuonrad war es selber auch nicht viel um's reden.

Er ritt, die Zügel lässig in der Hand,

Zur Seite Elsbeths, seine braunen Augen

In einemfort der Holden zugewandt;

Denn, sah er in ihr Antlitz, schien ihm immer,

Als strahlte daraus her der Mondenschimmer.

Versunken in ihr Schweigen ritten still die Beiden,

Bis, wo der Weg sich abbog aus dem Thal

Und links nach Bechtersbohl zur Höhe führte;

Wo er dann rauher ward und dabei schmal

Am Abhang lief, meist zwischen dunklen Fichten,

Die, nah' dem Schlosse erst, sich wieder lichten.

"Erzählet etwas, Fräulein!" meinte nun der Junker,

Als hier die Pferde wechselten den Gang,

Um, voller Vorsicht, auf dem Pfad zu klimmen,

Der tief im Schatten auswärts stieg am Hang.

"Wenn wir mit Sprechen Kurzweil uns bereiten,

Scheint nicht der Weg so lang, nach Haus zu reiten!"

"Ja, Ihr habt recht! Nur wird mein schlicht Erzählen

Euch kaum genügen," gab Elsbeth zurück,

"Und müsset Ihr halt Nachsicht mit mir haben;

Mein Wissen bildet just kein großes Stück.

Doch sollt zum mindsten Ihr den Willen sehen,

Wollt später Ihr auch meiner Frage stehen!"

Herr Kuonrad sagte zu, ihr ehrlich Red' zu geben,

Was sie auch immer von ihm fragen sollt';

Nur müsse sie etwas aus ihrem Leben

Ihm erst erzählen, eh' er reden wollt'.

Da ging denn Elsbeth munter an's Erzählen;

Der lange Weg schien Keines mehr zu quälen.

Es wich ihr traulich Plaudern aber bitterm Ernste,

Als auch die Rede auf den Vater kam.

"Sein eigen," meinte Elsbeth, "wär' hier Alles,

So nicht der Bischof einst das Erbe nahm

Jetzt freilich würd' selbst dieses nicht mehr nützen,

Es fehlt ein Sohn, der's weiter möcht' beschützen."

"So ist der Vater denn der letzte Küssaberger

Und gehet," fügte traurig sie hinzu,

"Mit ihm und seinen ältern beiden Brüdern,

Mein uralt Ahngeschlecht zur letzten Ruh';

Doch ist mir oft, als hört' mein Herz ich sagen,

Man wird uns nennen noch in späten Tagen!"

Nach diesen Worten hielt sie unwillkürlich inne

Und nahm Herr Kuonrad darum nun das Wort.

Er frug: "Ja, wo bleibt Ihr denn, wenn im Vater

Verlieret Ihr, einst Euern Schutz und Hort? --

Ihr wisst, der Weise denket auch an Morgen;

Mich würd' es schmerzen, wüßt' ich Euch in Sorgen!"

"Habt vielen Dank, Herr!" lautete die Antwort Elsbeths,

"Es wäre unnütz, wenn Ihr Sorgen hegt.

Bekanntlich wird ja in den deutschen Gauen

Der Frauen Recht vom Manne stets gepflegt;

Wir kennen nicht des Willens frei Genießen,

Auch ziemt uns schlecht das eigene Entschließen."

"So darf auch mir mit nichten für die Zukunft bangen.

Ich soll, wie dieses armen Töchtern geht,

Im Sankt Agnesenstifte zu Schaffhausen

Mein Leben Gott darbringen im Gebet;

Der Vater glaubt, er wird dann ruhig sterben

Und sich und mir das Himmelreich erwerben."

"In's Kloster! Ihr?" rief voll Entrüstnug da Herr Kuonrad

Und riß den Rappen einen Schritt zurück.

"Der Jugend schöne Tage wolltet Ihr vertrauern?

Von selbst entsagen allem Erdenglück? --

Könnt Ihr dies thun, so sag' ich ohne Scheuen,

Zeit meines Lebens soll mich nichts mehr freuen!"

"Doch, Euch beliebt zu scherzen!" sprach er dringlich weiter,

"In enger Zelle ist gar dumpf die Luft.

Der Weihrauch riecht zwar gut, doch angenehmer

Beut sich im Frühling frischer Blümlein Duft;

Auch dächte ich, im Wald der Tannen Rauschen

Behagte mehr Euch, als der Orgel lauschen!"

"Und dann -- was werden Eure Hör'gen dazu sagen,

So Noth und Elend Ihr nicht mehr, wie heut',

Von ihnen wendet? Was des Dörfleins Kinder,

Wenn ihnen Niemand mehr ein Naschwerk beut?

Könnt Ihr noch Gutes thun und nützlich walten,

So feuchte Mauern Euch gefangen halten?"

"Nein, Elsbeth! Ihr müßt eines Mannes Gattin werden,

Sein bester Freund ihm sein in Sorg und Noth;

Sein harsches Wort durch Eure Güte mildern,

Ein Schutz und Trost, so Elend ihn bedroht;

Im Glück den Uebermuth ihm ferne halten,

Als guter Geist zu seinen Häupten walten!"

"Glaubt einem Freunde -- jener Mann ist zu beneiden,

Dem Euer Herze nur ein wenig hold;

Er findet seinen Himmel schon auf Erden,

Gewähret Ihr ihm süßer Minne Sold.

Nun, Elsbeth, sprechet! Sagt es mir ganz offen,

Habt wirklich Ihr die Wahl schon gültig troffen?"

Sein heißes Herz nicht mehr bemeisternd, bog Herr Kuonrad

Sich nun zu Elsbeth und nahm ihre Hand

In seine Rechte, die sie jedoch zitternd

Im nächsten Augenblicke ihm entwand.

's war gut, daß hinter dichten Fichtenzweigen,

Der Mond sich barg; er half der Maid jetzt schweigen.

In ihrem Herzen freilich rief's in hellem Jubel:

"Er liebt mich!" und der frische, rothe Mund

Möcht' freudig es in alle Lüfte jauchzen,

Es künden laut dem ganzen Erdenrund,

Daß es erklänge, als ein Lied der Lieder:

"Er liebt Dich und Du Sel'ge liebst ihn wieder!"

Doch leider schwieg gar bald des Herzens Jubiliren;

Es faßte sie ein schneidig, bitter Weh,

Das einem Lenzfrost gleich sie kalt durchschauert',

Mit jähem Tod bedroht den Blüthenschnee,

Als Elsbeth dachte, was der Vater sage,

Wenn irdisch Glück sie zu erhoffen wage. --

Vor Kurzem noch war es ihr schönster Traum gewesen,

Vereinigt mit den Schwestern im Gebet

In stiller Klause, von der Welt geschieden,

Um Glück zu flehen, das kein Sturm verweht;

Es hatte oft ihr Herz in solchen Stunden

Schon hier des Himmels Seligkeit empfunden.

Und nun? Wie vor der Sonne Kuß der Rauhreif schwindet,

Schwand vor Herr Kuonrads Worten hin der Traum;

In wenig Wochen war das Kräutlein Minne

Ihr aufgeblüht zum schönsten Maienbaum.

Ja, wo die Liebe naht, muß alles weichen,

Wie vor des Tages Licht die Sternlein bleichen.

Seltsame Maid? Als Antwort auf des Freundes Frage,

Stahl aus den Augen sich ein Thränlein heiß.

War dessen Quelle die Entsagung, oder

Erblinkte es, weil sie sich glücklich weiß?

Wie kommt es, daß der Seele Freuden, Leiden,

Wenn sie am höchsten sind, das Wort vermeiden? --

In tiefem Schweigen ritten Beide bis zur Höhe.

Des Mondes Licht, es flutete um sie;

In blauer Dämmerferne lag, wie Silber,

Der weiße Alpenkranz in hehrer Harmonie,

Und leise nur, fast kaum noch zu erlauschen,

Scholl fernher durch die Nacht des Rheinfalls Rauschen.

Noch wenig Schritte und es hob sich schon der Bergfried,

Vom Mond beleuchtet aus der Nacht empor.

Durch Buschwerk schimmerten des Schlosses Mauern

Aus dunkler Blätterwirrniß hell hervor.

Doch, eh' sich Thor und Brücke mochten zeigen,

Blieb noch ein letztes Stück bergan zu steigen.

Da, seine Frage ihr erneuernd, faßte leise

Herr Kuonrad Elsbeth wieder bei der Hand

Und blickte spähend in der Holden Antlitz,

Ob da die Antwort nicht zu lesen stand.

Statt solcher sah er nur ein schnell Erröthen,

Das ihm verrieth, wie sehr ihr Herz in Nöthen.

"Ihr zaudert, Elsbeth?" klang es weich von seinen Lippen,

"Ja, wer die Wahl hat, der hat auch die Qual!

Nun denn, es sei die Antwort Euch erlassen,

Bis Ihr die selbst mir sagt aus freier Wahl.

Doch, daß wir Beide dieses Tages denken,

Erlaubet mir, Euch diesen Ring zu schenken!"

Vor Elsbeths Blicken glänzte hell ein gülden Reiflein

Im Mondschein, das der Junker kühnlich nun

Auf einen ihrer schlanken Finger streifte,

Die warm und weich in seiner Linken ruhn;

Dann ließ der Glückliche die Hand entgleiten

Und trieb den Rappen schneller auszuschreiten.

Aus ihrem Sinnen aufgeschreckt und gluthbegossen,

Da solcher Ueberraschung sie nicht dacht',

Griff Elsbeth aber jetzt nach ihrem Kettlein,

Und hatte dran das Schaustück losgemacht.

Es war ein Münzlein, gülden und gar selten,

Mit ihm will sie Herrn Kuonrad nun vergelten.

"Soll ich das Ringlein werth behalten," sprach sie flüsternd,

"So dürft Ihr es nicht weigern, auch ein Stück

Von meinem kleinen Reichthum zu empfangen;

Es ist geweiht und bringt dem Träger Glück.

Des Tages aber will ich bas gedenken

Und billig meine Frage Euch nun schenken!"

So sprechend, bot sie fröhlich ihr Geschenk dem Junker,

Der, ohne sich zu sperren, es auch nahm

Und lächelnd nun versprach, es stets zu tragen,

Gedenkend der, von welcher es ihm kam.

Er wollte noch mehr sprechen, doch da sahen

Sie ihnen eilig sich Mechtildis nahen. -- --

Das Mädchen hatte sich den Beiden kaum genähert,

Als schon sie, aufschluchzend, der Herrin klagt',

Daß Hansli halb todt in der Halle liege,

Von seinem Flugversuch, den er gewagt.

Im Busch der Halde habe sie ihn funden,

Und sei der Aermste jämmerlich zerschunden.

Da schien's, als ob auch Elsbeths Zelter stiegen sollte,

So rasch ging es des Schlosses Brücke zu;

Schon dröhnten unter ihm die schweren Bohlen

Und war die Herrin dann bei Hans im Nu.

Mechtildis hatte ihr ja nie verschwiegen,

Daß Hansli damit umging mal zu fliegen.

Nun waltete das Fräulein an des Kranken Lager

Und ordnete, was für das Knechtlein gut;

Doch war, zu seinem Glück, ihm nichts gebrochen.

Die Herrin spendete ihm also Muth

Und stillte, milde tröstend, seinen Jammer,

Eh', selber müd, sie suchte ihre Kammer. --

Herr Kuonrad ritt im Schritt vollends zum Schlosse fürder

Und lauschte dabei auf der Magd Bericht:

Daß Hansli, unter beiden Armen Wannen,

Wie man in Schleitheim sie seit langem flicht

Und er als Flügel nutzen wollt' beim Fliegen,

Um Vesperzeit den Bergfried hätt' erstiegen.

"Das Fliegen wär' gelungen," sprach Mechtildis weinend,

Wenn er gewartet bis der Vogel Specht

Ihm eine Springwurz schaffte; ohne solche

Gedeiht so wäges Thun dem Menschen schlecht.

Er stürzte darum, trotz den beiden Wannen,

Kopfüber, grad hinunter in die Tannen.

Dann fing das arme Mägdlein wieder an zu schluchzen,

Daß es erbarmen konnte einen Stein;

Hielt aber Schritt doch mit des Junkers Rappen,

Um ihrem Schatz nicht lange fern zu sein. --

Nun liegen Thor und Zingeln hinter beiden,

Im Mondschein ruhen Felder, Wald und Waiden.

Fünftes Kapitel.

Novembermonat hat die Herrschaft übernommen;

In weiße Decken hüllt er Berg und Thal,

Vom Sturm gerüttelt stehen Busch und Bäume,

Des Blätterschmuckes ledig, nackt und kahl.

Was nun nicht Nadeln trägt im Waldreviere

Muß schlafen gehn, damit es nicht erfriere.

Grün Tanngezweig hängt, von des Schneees Last gebogen,

Herunter dort aus den Wachholderstrauch,

Der, übersäet mit blauen Beerlein, pranget,

Regiert der Winter auch mit strengem Brauch;

Indessen rothe Mehl- und Vogelbeeren

Sich ganz umsonst des frühen Todes wehren.

Auf kahlem Zweig sich duckend, zirpt ein Vöglein leise

Und wundert sich, vom Schneemann überrascht,

Daß sein gedecktes Tischchen ausgeblieben,

An dem es gestern noch so frei genascht.

Nun muß es hurtig sich beim Mahle eilen

Und die paar Beerlein mit gar vielen theilen.

Vom bösen Hunger aus dem warmen Nest getrieben,

Das Häslein sich gescharrt am Fichtenbaum,

Hüpft es in Sprüngen, ohne viel zu äugen,

Den Schnee hindurch zum nahen Waldessaum;

Dort grünt ein Saatfeld, nicht zu tief vergraben,

Deß' zarte Keime es gar köstlich laben.

Auf seinem Pfad stößt Langohr auf die frischen Spuren

Von Seinesgleichen, in den Schnee gedrückt;

Das läßt ihn hoffen, daß nach leckrem Mahle,

Am Ende auch ein muntres Tänzchen glückt,

Denn Lampe hat ein warmes Herz zu Zeiten --

Und läßt sich dann zum Uebermuth verleiten.

In weitem Zickzack schleicht Freund Reinecke nach Hause.

Sein Bäuchlein hat im Thale er gefüllt,

Nun zieht's ihn bergwärts zum versteckten Baue,

Um dort, in seinen Winterpelz gehüllt,

Den kurzen Tag in Ruhe zu verträumen,

Falls nichts ihn zwingt, sein sicher Heim zu räumen.

Im Matzenthale drüben ziehen Hirsch' und Rehe,

Für ein paar Stunden satt, sich scheu zurück;

Sie kreuzen auf dem Hornspitz ihre Fährte

Mit manchem waidgerechten Schwarzwildstück.

An schlanken Stämmen hört man Spechte hämmern

Und fern im Osten fängt es an zu dämmern.

Im klaren Aether scheint der Alpenkranz so nahe,

Als trennte nur die Breite einer Hand;

Die weißen Häupter werfen scharfe Schatten,

In tiefer Bläue stehen Schrund und Wand.

Schon wogt in Gluthen und in goldnen Blitzen

Das Morgenroth um eisverhüllte Spitzen.

Aus Purpurschleiern hebt sich säumig nun die Sonne,

Als goldner Ball beginnend ihren Lauf;

Die wen'gen Strahlen, so sie heut' begleiten,

Sie schossen vor ihr schon am Himmel auf,

Beleuchten rosenfarb des Schlosses Fronte,

Indeß' sie selbst noch tief am Horizonte.

Doch weh! Die goldnen Gluthen, sie verblassen wieder;

Gleich Schleiern sinkt es um der Berge Haupt,

Der Wolken zart Geweb' wird mälig dichter,

So daß sein Grau dem Blick die Fernsicht raubt.

Schon ist auch von der Sonn' nichts mehr zu sehen,

Vom Randen her zieht scharf des Nordwinds Wehen.

Da, horch! Es tönt vom niedern Hungerberg herüber

Ein hell Halali! durch die Morgenluft,

Dem bald, als ob es drauf gewartet hätte,

Vom Thurm des Wärtels Horn die Antwort ruft;

Dann poltert Hufschlag auf der Brücke Bohlen

Und "Waidmanns Heil!" hört man vom Bergfried johlen. --

Es war Herr Kuonrad und der Vogt, die hoch zu Rosse,

Begleitet von des Schlosses Jägertroß,

In's nahe Matzenthal hinüber ritten,

Wo Küssaberg das Wildbannrecht genoß.

Statt Hansli, der noch lahmte, führte heute

Der dicke Kunz der Rüden laute Meute.

Wie oft schon, so auch kürzlich wieder, lud die Nachbarn

Von Wasserstelz der Vogt zur hohen Jagd,

Vereinigt wollten sie am Tage pirschen

Und dann probiren, wie der "Neu" behagt,

Mit dem Herr Heinz, nach stattgehabtem Hetzen,

Die Freunde dachte gastlich zu ergötzen.

Der Freiherr und sein Sprößling Udo, sie versprachens.

Nun mußte Jochen dran, nach Waidmannsbrauch,

Im Walde einen "Hirzen" zu bestät'gen;

Da gestern dies gelang dem schlauen Gauch,

So ließ noch spät der Vogt den Herrn berichten,

Sie möchten sich für heut' auf's Jagen richten.

Im jungen Schlage drüben, bei den sieben Wegen,

Soll man sich treffen, war es abgemacht.

Nun sind die Gäste angelangt und harren

Bei einem Feuer, das sie flink entfacht,

Des Freundes, während Udo's Jägersegen

Ihm schon von weitem hallte froh entgegen.

Und nun -- ei sieh! Herr Kuonrad wollte sich's kaum glauben,

Als auch er Adelgunden da erblickt',

Die hoch zu Roß, doch ohne Jagdgewaffen,

Erröthend ihm und fast vertraulich nickt'

Und vorgab, daß kein lustiger Ergetzen

Sie kenne, als des Waldes Wild zu hetzen.

Ein kurzer Gruß und fort gings, nach des Leithunds Führung,

Waldeinwärts bald auf tiefverschneitem Weg,

Der, nicht gar lang, zum Matzenthal sie brachte,

Da Jochens "Hirz" im dichtesten Geheg

Ein stilles Ruheplätzchen auserlesen,

Wo er sich niederthat nach jedem Aesen.

Von Jochen gestern schon geknickte Zweige weisen

Den Pfad dem Schlauen zu des Thieres Stand,

Nun auch der Wind ihm glücklich abgewonnen,

Giebt er dem Kunz ein Zeichen mit der Hand;

Der löst die Koppel frei, die Rüden rasen

Dem Dickicht zu mit tief gesenkten Nasen.

Nun, zierlich Rehlein, auf! und Du, Freund Lampe, ducke

Dich tief in's Nestlein unterm lockern Schnee!

Mit Windeseile nahen sich die Feinde,

Und Spieß und Armbrust bringen Tod und Weh;

Gilt's auch dem "Achtzehnender" heut', dem Stolzen,

Gar leicht verirren sich des Waidmanns Bolzen!

Durch Wald und Buschwerk stürmt es hin in wildem Jagen,

Der Hirsch voran in unentwegtem Muth;

Laut schallt es Hussa! Hallo! Holla! Heda!

Wo eben noch die Stille selbst geruht.

Die Meute bellt, es hallt der Jäger Rufen,

Der Boden bebt fast unter Rosses Hufen.

In weiten Sprüngen geht es über Wurzeln, Gräben,

Dem Flüchtling nach, wie eilig der mocht' fliehn,

Und mit den Jägern hetzt auch Adelgunde,

Dem Junker stets zur Seite bleibend, hin.

Was treibt die Maid solch' kühnen Ritt zu wagen,

Im Fluge durch des Waldes Dickicht jagen?

Ja, wer der Frauen Herze ganz durchschauen könnte

Mit klarem Blicke bis zum tiefsten Grund,

Den Pfaden folgen, die zur Seele führen,

Dem würde darauf jetzt die Antwort kund

Und damit auch die große Kunst gelungen,

Von der bis heute manches Lied erklungen. --

Die Beiden sausen fort auf schaumbedeckten Rossen,

Daß Adelgundens Kleid im Winde weht;

Dem Junker mangelt Will' und Weil' zum Sprechen,

Doch dafür denkt er an Elisabeth,

Und wie auch jene immer mag beginnen,

Er muß sich jedes Mal auf's Wort besinnen.

So reiten sie dahin in scharfem, heißem Hetzen,

Hoch wirbelt hinter ihnen auf der Schnee;

Ihr Fragen hat das Fräulein aufgegeben

Und fühlt' im Herzen nun ein seltsam Weh.

Doch kann sie sich nicht von Herr Kuonrad trennen,

Bleibt treu zur Seite ihm beim wilden Rennen.

Ein Halten giebt es nicht, der Jäger kennt kein Rasten,

So lang das Wild noch flink den Tann durchfliegt;

Wie oft es auch im raschen Lauf mag schränken,

Die Rüden ruhen nicht, bis es besiegt.

Die Rosse wissen's, die den Boden stampfen

Und, vorwärts stürmend, aus den Nüstern dampfen.

Erschüttert zittern die vom Schnee gebognen Zweige

Und schütteln von sich ab die weiße Last;

Die Jäger achten nicht in ihrer Hitze,

Daß wund sie ritzt bald da und dort ein Ast.

"Faß' Greif! Faß' Pfeil! Voraus! Hallo, ihr Thiere!"

Gellt's hallend durch des Waldes weit Reviere.

Jetzt ras't das wilde Treiben schon dem Rhein entgegen,

Doch immer noch stellt sich der Flüchtling nicht:

Das mächtige Geweihe tief im Nacken,

Saust er durch's Holz, daß Zweig und Astwerk bricht.

Kein Ruhen giebt's; bergauf, bergab geht's weiter,

Die Meute hinter ihm und Roß und Reiter.

* * *

Der Hifte heller Schall war mälig leis verklungen,

Da immer ferner hin sich zog die Jagd,

Als Elsbeth, die dem letzten Klang gelauschet,

Zur Küche eilte, um dort mit der Magd,

Nach Hausfraunbrauch nun weislich zu ermessen,

Was jene rüsten sollt' zum Abendessen.

Mit Frida fertig, wandte Elsbeth sich an Mechtild,

-- Die, seit ihr Hansli ward so gut geheilt

Von seinem Fluge durch die Tannenwipfel,

Beständig fast in ihrer Nähe weilt' --

Und forderte die auf, sie zu begleiten

Im Palas ein paar Betten zu bereiten.

Seit langher stand die Kemenate unbewohnet,

Die dort für werthe Gäste war bereit;

Drum wurden jetzt die Fenster weit geöffnet,

Daß frische Luft vertrieb die Dumpfigkeit,

Dann ward von Elsbeth Mechtild angewiesen

Vom Staub zu reinigen Gesims und Fliesen.

Sie selber machte sich zu schaffen an den Betten,

So in zwei Nischen des Gemachs erbaut,

Fast einem Dutzend Schläfer Herberg boten,

Ob deren jedem schön ein Himmel blaut.

-- An's offne Fenster, um sie durchzulüften,

Muß Kulter, Pflumit aus den Riesengrüften.

Dann nahm sie aus bemalter Truhe schneeweiß Linnen,

Geübtens Blickes prüfend Stück für Stück;

Ein duftend Kräuterbündlein, so dazwischen,

Schob sie behutsam wiederum zurück.

Bald war gewählt, was passend ihr erschienen

Und zum Beziehn der Betten mußte dienen.

Auf reichen Linnenschatz, von eigner Hand geäufnet,

Hielt damals, wie noch jetzt, die deutsche Frau,

Und was ihr Fleiß in langen Jahren mehrte,

Sie stellt es gerne fremdem Blick zur Schau;

Es zeugen ja die schweren, vollen Truhen,

Wie wenig nur der Hausfrau Hände ruhen. --

Zufriednen Blickes legte sie das Ausgewählte

Zu gleichen Theilen auf die Betten hin;

Mechtildis sollte alles fertig finden,

Wenn Abends sie die mußte überziehn.

Denn vorher brauchte das nicht zu geschehen,

Da sicher spät die Herrn zur Ruhe gehen.

Zu Ende damit, rieb sie die erstarrten Finger,

Vom Froste rosig überhaucht zu schaun;

Denn eisig zog es durch die offnen Fenster,

Und den Kamin -- vergaßen sie beim Bau'n,

Lag man nur erst mal zwischen all' den Kissen,

Ließ ja der letztere sich leichtlich missen.

Der Kälte trotzend schaute Elsbeth aus dem Fenster

Und lauschte, ob sich nicht der Hifte Klang

Vernehmen lasse; es blieb jedoch stille.

Der Nebel wogte um des Schloßbergs Hang;

Wie gerne nähme sie, den Freund zur Seite,

Am Jagen theil, auf flinkem Pferde heute!

Zwar hatte sie die Lust am Waidwerke verloren,

Als eines Hirschen traurig-sanfter Blick

Im Tode sie noch ansah, gleichsam klagend,

Ob dem erlittnen, schmerzlichen Geschick;

Nun fand mit einem Mal sie dran Gefallen,

Im Tann zu reiten, bei des Hifthorns Schallen.

Elsbeth von Küssaberg, das Gotteli von St. Agnesen Ein episches Gedicht aus dem Kletgau · 第 4 / 13 段