Hei! flog auf flinkem Roß Herr Kuonrad da zu Jochen,

Von dem er bald mit Elsbeths Schäublein kehrt;

Den Ritterdienst, es fein ihr umzulegen,

Die Herrin ihm mit keinem Worte wehrt',

Und, nun er sah den Vogt beim Kaplan reiten,

Blieb hübsch er fortan an des Fräuleins Seiten.

Bewundernd hing sein Blick an ihren feinen Formen,

Die mehr noch hob das knappe Sammetkleid;

Es däuchte ihm, als sei vor seinen Augen

Zur Jungfrau auferblüht die holde Maid,

Das traute "Elsbeth" müsse er vergessen,

Sie "Fräulein" nennen, höfisch und gemessen.

Sonst nicht gewohnt nach Worten lang zu suchen, ritt er

Jetzt schweigend neben ihrem Zelter her;

Denn was er auch der Schönen sagen wollte,

Es däuchte ihm gar schal und inhaltleer.

Mit vollem Herzen, blöde und verlegen

Ritt er zur Seite ihr dem Rhein entgegen.

Noch hatten Beide nicht ein einzig Wort gesprochen,

Als sie in Rheinheim sich beim Posthaus sahn,

Wo Benno just sich abzusteigen mühte;

Sein Roß hielt jedes mal hier selber an,

Da nie sein Herr zu Pferd das Schiff betreten,

So oft der Vogt, ihn neckend, schon gebeten.

Bald nahte Kunz, dem Vogt zu melden, daß den Fährmann

Vom andern Ufer er herüber pfiff.

Sie ritten vollends denn zum Rhein hinunter

Und hielten dort im großen Wagenschiff,

Das, als gelöst der Ferg' die nassen Seile,

Stromaufwärts mußte eine gute Weile.

Dann rauschte es vorbei am Pfahlwerk einer Brücke,

So hier zur Zeit der Römerherrschaft stand,

Vorn an dem Schnabel sprühten grüne Wellen

Ihr perlend Naß bis hoch hinaus zum Rand;

Durch Nebeldunst sah man Gemäuer thronen,

Die "Burg," erbaut von Roma's Legionen.

Nun war des Fergen schwerste Arbeit überstanden,

Das Schiff flog hin gleich einem Federspiel;

Ein Ruderschlag bracht' es dem Ufer nahe,

Ein zweiter noch, es war am sichern Ziel.

Nur Benno stand noch auf der andern Seite

Und maß im Warten sich des Stromes Breite.

Zu Rosse hoch, wie drüben sie das Schiff betreten,

Verließen es der Vogt und seine Schaar.

Die Pferde hasteten auf holperigem Pflaster,

Daß jeder Hufschlag funkensprühend war,

Bergan, und als der steile Weg erstiegen,

Sah hell im Sonnenschein man Zurzach liegen. --

Die Sonne hat gesiegt; der Nebel mußte weichen,

Im nahen Rheine ging er still zu Grab.

Von grüner Höhe drüben grüßten schimmernd

Die weißen Zinnen Küssabergs herab;

In klarer Herbstluft mocht' das Auge schwelgen

Auf längst bebauten, schön gelegnen Zelgen.

Der Vorsicht halber ritt die Truppe jetzt im Schritte,

Denn nah dem Flecken war die Straße voll

Von Pilgern, die zum Vrenenstifte wallten,

Der Heil'gen bringend frommer Andacht Zoll;

Dann auch von Leuten, die, aus fernen Landen,

Geschäften wegen sich zur "Messe" fanden.

Auch, meist in langem Zug die Pferde voreinander,

Fuhr schwerbeladen mancher Wagen ein.

Es gab sich hier am Sankt Verenenfeste

Die halbe Kaufmannswelt ein Stelldichein,

Und selten hat es einen mal verdrossen,

Wenn einen Handel er hier abgeschlossen.

In langen Reihen standen graue Leinwandzelte

Den Weg entlang, für allerlei Gethier

Und fahrend Volk vorsorglich hier errichtet,

Indeß' das eigentliche Marktrevier

Im Flecken selber war, wo Lauben, Bogen,

Zu Dutzenden sich längs den Häusern zogen. --

In heisern, fremden Lauten bot dem Volk hier draußen,

Ein fahrend Kuchenweib süß Naschwerk an,

Laut brüllten dicht daneben Bänkelsänger

Ein Lied zum Morde auf dem Leinwandplan;

Dazwischen lärmten Kinder, bellten Hunde.

Man hörte kaum das Wort vom eignen Munde.

Ein Wunderdoktor rühmte: Alles zu curiren,

Was je der Menschheit Pein und Plag gemacht;

Sein Diener schlug die große Kesselpauke,

So oft er unterbrach der Rede Pracht.

Daneben übten Gaukler ihre Lungen

Und überschrieen sich in allen Zungen. --

Verwundert blickte Elsbeth auf dies Treiben nieder,

Nicht achtend, daß, vom Volke eingezwängt,

Ihr Zelterlein kaum vorwärts kommen konnte;

Als jetzt Herr Kuonrad, ebenfalls umdrängt,

Dem Knechte winkte, welcher unter Fluchen

Sich mühte einen Ausweg hier zu suchen.

Es ging nicht; denn je näher sie dem Flecken kamen,

Um desto dichter ward die Menschenschaar

Und Jochen durfte sich vergeblich plagen;

Der Junker wurde dieses auch gewahr

Und rieth er drum, geduldig sich zu fassen,

Bis mehr sich lichten würden ihre Massen.

Ein wenig besser war's dem Vogt ergangen. Er ritt

Mit Kunzen, von den Seinigen getrennt,

Schon nah dem Flecken; nicht groß achtend,

Wie um ihn her die Menge lärmt und rennt.

Gab die nicht Raum auf Kunzens "Platz da!" rufen,

So sorgten dafür seines Hengsten Hufen. --

Noch trieben Elsbeth und Herr Kuonrad hin im Strome

Der Massen, Roß und Reiter eingezwängt,

Als hinter ihnen Angstgeschrei erschallte

Und kreischend sich das Volk noch näher drängt'.

Ein Tanzbär, einen Affen auf dem Rücken,

Versuchte flüchtend sich hindurch zu drücken.

Der ungewohnte Anblick des entlaufnen Thieres,

Er wirkte lähmend auf der Meisten Muth;

Die Schreckensrufe gellten immer lauter

Und brachten Petz gar bald in solche Wuth,

Daß sein Gebrumm das Schreien übertönte,

Der Affe aber rings die Menge höhnte.

In blinder Hetze jagte, mit der Kette klirrend,

Das Thier durchs Volk, das auseinander stob,

Und fand den Weg gerade zu der Stelle,

Wo Elsbeths Zelter, ungeduldig ob

Dem Höllenlärmen, am Gebisse kaute;

Gespitzten Ohres das Gedränge schaute.

Schon schnob und brummte es und schnaufte hinter ihnen.

Das Zelterlein hob hoch den Kopf empor;

Jetzt stürmte Petz in toller Hatz vorüber,

So daß der Schimmel drob den Kopf verlor

Und voller Angst in jähem Sprunge scheute,

Gleich seiner Herrin, des Entsetzens Beute.

Doch, eh' des Rößleins Hufe wieder Boden fanden,

War dieses schon von seiner Last befreit

Und ruhte Elsbeth in Herr Kuonrads Armen,

Vom Sturz gerettet noch zur rechten Zeit.

Ein Dutzend Hände fuhren nach dem Pferde

Und hielten fest es ohne viel Beschwerde.

"Um Gottes Willen!" rief der Junker, selbst erschrocken,

Als Elsbeth todtblaß hing im Arme sein.

"Habt keine Angst!... Ihr nahmet doch nicht Schaden?

Das Köpfchen hebend, sprach sie leise: "Nein!..."

Indessen rannte fahrend Volk mit Stangen

Und Peitschen nach dem Flüchtling, ihn zu fangen.

Da kam auch Jochen näher; grimm die Peitsche brauchend,

Hieb er mit Wucht auf das Gesindel ein,

So lärmend Petzen auf dem Fuße folgte,

Das Thier nur ärger hetzend mit dem Schrei'n;

Bald gab es Raum, des Bären Häscher wichen

Nach rechts und links, soweit die Hiebe strichen.

Doch dem bedrängten Paare ward noch andre Hülfe:

Vom Münster her ertönte Glockenklang,

In tiefem Basse scholl die Vrenenglocke,

So daß es klang wie ferner Chorgesang.

Im Nu zerstob das Volk nach allen Seiten,

Um in der Mess' zu sein bei rechten Zeiten. --

Noch zitternd, stand das Zelterlein vom Knecht gehalten,

Der es mit strengen Blicken untersucht.

Das Thier war heil, auch fand an Zaum und Gurten

Sich nichts beschädigt von des Sprunges Wucht,

Als nur ein Riemlein, das, weil schwach, zerrissen,

Nun Jochen flink zu binden war beflissen.

Als dies geschehen, griff er nach dem Zaum und führte

Das Rößlein sorgsam seiner Herrin vor,

Die lehnte noch im Arme ihres Retters,

Fuhr aber tief erröthend nun empor;

Ihr wellig Goldhaar streifte seine Wange,

Auch riß, vom raschen Ruck, des Schäubleins Spange.

Herr Kuonrad schwang sich jetzo selbst von seinem Rappen

Und hob mit starkem Arm die süße Last

Dem Zelter in den Sattel; Elsbeth jedoch,

Als erst sie wieder sicher Platz gefaßt,

Belohnte mit dem wärmsten ihrer Blicke

Den Junker für den Schutz im Mißgeschicke. --

Inzwischen hatte auch die Jagd ein End' genommen,

Weil Meister Petz sich schließlich fangen ließ;

Manch derber Hieb traf seinen breiten Rücken,

So daß er eilig sich zu gehn befliß.

Der Affe aber war und blieb verschwunden

Und Niemand wußte, welchen Weg er funden.

Ohn' weitern Unfall war das Paar bald in dem Flecken,

Deß' Häuser, meist mit buntem Schild geschmückt,

Den Fremden gastlich sich zum Obdach boten

Und oft den Wählenden die Wahl bedrückt';

Doch, ob im Flecken unten oder oben,

Sie waren überall gut aufgehoben. --

Wie heute noch, bewohnte damals schon ein bieder,

Gemüthlich Völklein Zurzachs Häuserreihn.

Die Bürger, freundlich und von schlichtem Wesen,

Vermieden gerne jeden Trug und Schein,

Und waren, um der Reinheit ihrer Sitten,

Rheinauf und ab bei allen wohlgelitten.

Bedrängte Nachbarn fanden hier noch Rath und Hülfe

Wenn anderwärts die Thür verschlossen stand.

Im Stift die Chorherrn und des Fleckens Aerzte,

Sie waren stets für Seel' und Leib zur Hand;

Auch, nahte sich Sanct Martinus mit Grinsen,

Fand hier der Landmann Geld zu ringen Zinsen. --

Jetzt war es stille in den Gassen, da die Hallen,

Oft übervoll von fremder Kaufherrn Gut,

Verschlossen standen bis zum Schluß des Hochamts,

Den jedesmal ein Glöcklein künden thut.

Nur selten sah man, längs der Häuser Zeilen,

Noch da und dort Jemand zur Kirche eilen.

In sachtem Schritte ritten Elsbeth und Herr Kuonrad,

Daß nicht der Hufschlag allzu störend hallt',

Der Kirche zu, aus deren offnen Pforten

Schon Meßgesang und Orgelton erschallt';

Dem Eingang unfern lauschte Kunz dem Singen,

Bis er die Pferde konnt' zur Herberg bringen.

Nun half der Junker ihr vom Zelter und es traten

Die Beiden, sich bekreuz'gend, in den Dom,

Wo, nicht gar fern, der Vogt in Andacht knieete,

Zur Seite seines Bruders, Elsbeths Ohm;

In Klingnau Pfarrherr und auch wohl gelitten,

Kam er heut frühe schon zum Fest geritten.

Herr Kuonrad, frommen Brauches kundig, trat zum Becken,

In welchem sich geweihtes Wasser fand;

Die Finger netzend, reichte draus er höfisch

Auch etlich' Tröpflein der Begleitrin Hand,

Und Elsbeth nahm's mit stummem Dank entgegen.

Dann knieeten beide bis zum letzten Segen. --

Das Ite, missa est des Hochamts war gesungen,

Verklungen auch der Orgel letzter Hauch;

In Wolken wogte zur bemalten Decke

Der Duft vom dichtentfachten Opferrauch

Und, Fluten gleichend, strömte laut die Menge

Hinaus zum Tempel durch der Pforten Enge.

Nur wem ein stiller Wunsch die Seele noch erfüllte,

Wer sich gelobt, in Freude oder Schmerz,

Zu knieen an dem Grabe Sankt Verenens

Und auszuschütten da sein volles Herz,

Der schritt jetzt leise zu des Chores Pforte,

Die ihm den Weg erschloß zum Gnadenorte.

In breitgewölbter Krypta schlummert dort die Jungfrau

Im Sarg, den frommer Glaube überbaut';

Das Gitter, so die stille Gruft umfriedet,

Wohl manch bedrängtes Herz hat es geschaut.

Ein steinern Bildniß zeigt die Wundersame,

Das Krüglein in den Händen sammt dem Kamme.

Auch Elsbeth zog es hin; inmitten frommer Waller

Stieg bald ihr Flehn zur Heiligen empor.

Um was? Nur diese mochte es erlauschen,

Denn kaum ein Flüstern nur vernahm das Ohr;

Doch tief sah man die Betende sich neigen

In heißem Flehen, ganz der Andacht eigen.

Ein milder Glanz verklärte hold das schöne Antlitz,

Als sie sich endlich vom Gebet erhob;

Die Sonnenaugen schienen Glück zu strahlen,

In das sich Seligkeit und Wonne wob,

Und unschwer war der Frommen anzusehen,

Daß sie erhöret wähnt des Herzens Flehen.

Still kehrte sie zurück durch's Grabkapellenpförtchen,

Wo ihr Begleiter traumverloren stand.

Bis dorthin folgte vorhin er der Herrin

Und lehnte, ihrer harrend, an der Wand;

Doch, nun den Arm der Holden er wollt' reichen,

Wußt' Elsbeth sittig diesem auszuweichen.

"'s ziemt nicht, im Hause Gottes eitlen Brauch zu pflegen!"

Verwies sie flüsternd zu ihm hingewandt,

"Doch wollt Ihr später Euch gefällig zeigen,

So mögt ihr mich begleiten nach der Hand;

Hab' manchen Auftrag für den Markt bekommen,

Und Euer Schutz wird im Gewühl mir frommen!"

Schon standen Beide da auch vor der Kirche draußen,

Wo nun Herr Kuonrad doch die Frage wagt',

Ob Elsbeth im Gebet auch sein gedachte?

Sie gab zur Antwort darauf unverzagt:

"Gott will ja, daß wir für einander beten,

So oft wir stehend vor sein Antlitz treten!"

Dann bat sie lächelnd: "Laßt uns nach der Herberg gehen

Und sehen, ob ein Imbiß fertig steht.

Wie schon ich sagte, bleibt mir viel zu schaffen,

Eh' es am Nachmittag zur Vesper geht;

Muß ja, soll mir die Meßfahrt bas gelingen,

Für Jedes einen Kram nach Hause bringen."

Bei diesen Worten legte Elsbeth leicht die Linke

In den vom Junker ihr gebot'nen Arm,

Die Rechte aber hob des Kleides Schleppe,

Daß nicht sie hindere im Menschenschwarm;

Denn Kreuz und Quer galt es sich durchzuwinden,

Bis in der "Rosen" sie den Vater finden. --

Kurz vor den Beiden war der Vogt dort eingetroffen;

Nun saß am Tisch er, ihrer harrend, da.

Die hellen Augen blinzelten gar freundlich,

Als er die Zwei in's Stüblein treten sah

Und, ihren Gruß erwiedernd, rief er heiter:

"Da kommen ja die längst vermißten Reiter!"

Als drauf sie ihm zur Seite Platz genommen hatten,

Erzählte ihnen sein gespräch'ger Mund,

Daß zu dem Mahle, so das Stift alljährlich

Am Vrenentage, nach der Vesperstund'

Bewährten Freunden biete, Seine Gnaden,

Der Propst, auch sie gar freundlich eingeladen.

"Da hab' ich," sprach er lächelnd, "nun versprechen müssen,

Der Einladung zu folgen, die uns ehrt.

Wir werden zwischen Sankt Verenens Gästen

Auch etlich' Freunde treffen, lieb und werth,

So sich mit uns in Ehren bas erfreuen;

Die alte Freundschaft wiederum erneuen!"

Als er geendet, dankte ihm Herr Kuonrad fröhlich,

Denn der war ob der Botschaft hoch erfreut;

Sie brachte Wechsel in das stille Leben,

Das auf dem Berge er geführt bis heut',

Und sah er drum dem Mahle gern entgegen.

Nicht ganz so leicht ließ Elsbeth sich bewegen.

Das Köpflein senkend, sah sie sinnend vor sich nieder,

Mit tiefem Ernst im lieblichen Gesicht.

Ihr war, als sollt' dem Mahl sie ferne bleiben,

Das Warum? wußte selbst sie jedoch nicht;

Doch, stets gewohnt des Vaters Wort zu ehren,

Versuchte nicht sie seinem Wunsch zu wehren.

Sie sann noch immer, als die schmucke Rosenwirthin,

Den Imbiß bringend, in das Stüblein trat

Und, weil es lang gedauert bis der fertig,

Die Gäste höflich um Verzeihung bat:

Es sei viel Arbeit heut' in allen Ecken,

Und sie gewohnt, den Gästen selbst zu decken.

Da fiel ihr Blick auf Elsbeth und, die Maid bewundernd,

Pries sie dem Vogt der Tochter Schönheit hoch,

So daß die, schämig drob, die Lider senkte

Und froh war, als die Wirthin schließlich doch

Sich eifrig an dem Tisch zu schaffen machte;

Dort alles rein und nett in Ordnung brachte.

Ein groß Stück Rheinlachs neben leckeren Forellen,

Im Maul der letztern prangte frisches Grün,

Und dazu Wein, von Badens "Goldwand" stammend,

Verlockten bald zu einem Angriff kühn;

Es mochte auch der weite Ritt am Morgen

Für guten Appetit der Dreie sorgen.

Als Würze kam zum Mahl der Wirthin harmlos Plaudern,

Das stets vom Vogt auf's neue ward geweckt;

Sie bat dazwischen, tapfer zuzugreifen,

Da es sie freue, wenn's den Gästen schmeckt.

Die Herren thaten denn auch so; indessen

Das Fräulein lieber lauschte, statt zu essen.

Die Redesel'ge wurde endlich müde, oder

Der Stoff versiegte ihrem rothen Mund;

Denn sie empfahl sich mit dem schlauen Vorwand:

Am Buffert stecke noch das Schlüsselbund,

So abzuziehen vorhin sie versehen --

Und nun konnt' Elsbeth auch an's Essen gehen.

Als sie zu Ende, gönnten sich die Drei am Tische

Noch etwas Ruhe, unter Plaudern zwar,

Eh' es hinaus ging in des Marktes Treiben,

Wo heute manches einzukaufen war.

Die Wirthschaft braucht gar viel im Lauf des Jahres,

Nun lacht der Krämer, bringst Du Geld ihm, baares.

Auch Jochen und sein Packpferd mußten mit zum Markte;

Denn was die Herrschaft kauft, er lädt es auf.

Bald standen sie im dichtesten Gedränge,

Doch dabei ward geschlossen mancher Kauf;

Es ruhten Zindal, Palmat, feines Saben,

Schon tief in Jochens Packkörben vergraben.

Zum Kulterüberzuge für des Vaters Lehnstuhl

Gab Elsbeth heimlich noch ihr Spargeld her;

Indeß Herr Heinz still bei sich überlegte,

Was wohl dem Töchterlein zu kaufen wär';

Herr Kuonrad aber schlich sich unterdessen

Von ihnen weg, den Marktplatz zu durchmessen.

Bei einem Goldschmiedladen blieb er jedoch stehen,

Es lockte dorten ihn ein Ringlein fein.

Ohn' viel zu feilschen, kaufte er das Reifchen

Und barg es in sein dürftig Beutelein;

Dann zog's ihn wieder, Elsbeth aufzusuchen,

Die er auch fand bei einem Zelt mit Kuchen.

Ein Ritterfräulein, aus gebräuntem Teig gebacken,

Mit Kleid und Hut und buntem Frauentand,

Geruhte, huldvoll, sie für ihn zu kaufen

Und drückte ihm dies flink nun in die Hand.

Nicht lange zögernd kaufte, unter Scherzen,

Der Junker dafür eins der braunen Herzen.

"Allüberall ist Minne, nur in der Höll' nicht drinne!"

Hieß dessen Aufschrift; als das Wiederspiel

Zu seinem Fräulein, schenkte er es Elsbeth,

Verhoffend, daß das Sprüchlein ihr gefiel';

Sie nahm es lachend an, worauf inmitten

Der Zeltenzeilen Beide weiter schritten.

Jetzt kam des Schlosses Ingesinde an die Reihe,

Denn einen Kram erwarten Knecht und Magd.

Es durfte Elsbeth derer nicht vergessen,

Die sich Jahr aus Jahr ein im Dienst geplagt;

Zum ersten mußte da sie Frida's denken,

Der sie ein "hornin Noster" wollte schenken.

Als dies in Ordnung, wurden auch die andern alle

Der Reihe nach bedacht mit Tüchern, Band

Und derlei Herrlichkeiten; auch mit Hel'gen,

Wie es die Herrin für sie passend fand;

Noch kam auch manches, deß' sie erst nicht dachte,

Das, schön zur Schau gestellt, um's Geld sie brachte.

Des Rößleins Körbe waren ziemlich voll geworden

Und Jochen konnte damit heimwärts ziehn,

Als auch die Glocken schon sich hören ließen,

Zum Zeichen, daß die Vesperzeit erschien;

Es legte sich der Lärm, das Feilschen, Schwören,

Der Chorherrn Vespersang ja nicht zu stören. --

Wie Viele, zog's auch unser Dreiblatt in die Kirche,

So freundlich lag im Abendsonnenschein.

Dort lauschten voller Andacht sie dem Sange

Des Chores, Elsbeth stimmte auch mit ein;

Hell stieg aus ihrer Brust ein süß Erklingen

Von Tönen, die beschwingt zum Himmel dringen.

Bald jedoch war der feierliche Sang zu Ende

Und ging's hinüber in der Propstei Saal,

Wo lange, weißgedeckte Tafeln harrten

Der Gäste, die geladen sind zum Mahl.

Auch Elsbeth trat, geblendet fast vom Schimmer

Der Kerzen, an des Vaters Arm in's Zimmer.

Wohl pochte anfänglich es bange ihr im Herzen,

Und machte gar verlegen sie der Wahn,

Als ob hier Alle, wie mit einem Blicke,

Nur ihr und wieder ihr entgegen sahn;

Fast stolz jedoch, schritt mit ihr durch die Reihen

Der Vater, und Herr Kuonrad folgt' den Zweien.

Herr Heinz stieß bald auf ihm bekannte Edelleute,

So daß er grüßend anhielt hier und dort;

Er wechselte auch im Vorübergehen

Mit dem und jenem wohl ein länger Wort.

Zum Beispiel mit dem Herrn von Alt-Kränkingen,

Dem Gutenburger und dem Wielandingen.

Es kamen auch die Nachbarn, Heiner, vom Schloß Rötteln,

Den Elsbeth öfter schon beim Vater sah;

Der Freiherr von Schwarz-Wasserstelz im Rheine,

War mit Gemahlin und der Tochter da,

Und endlich noch trat mitten aus dem Schwarme,

Des Schlosses Kaplan mit dem Ohm am Arme.

Beim Wiedersehen ihrer beiden alten Freunde,

Ward es in Elsbeths Herzen mälig leicht;

Ihr frischer Liebreiz und anmuthig Wesen

Hätt' einer Königin zur Ehr' gereicht,

Bald ruhten aller Augen mit Gefallen.

Auf ihr, so hier die Schönste war von Allen.

Wie zu der Rose hin die Falter ziehen, zog es

Die Herren zu der wunderschönen Maid;

Es sprachen von der "Küssaberger Blume"

Die Damen, wohl nicht ohne leisen Neid.

Sie aber, nun den Oheim sie gesehen,

Bat ihren Vater, mit zu ihm zu gehen.

Der Ohm erkannte sie nicht gleich, es war schon lange

Seit er zum letzten Mal sein Niftel sah.

Das Kindlein, so er auf dem Kniee geschaukelt,

Wär' vor ihm die vielschöne Jungfrau da?

Doch jeder Zweifel mußte ihm vergehen,

Er sah ja seinen Bruder bei ihr stehen.

Auch rief ihr herzig Plaudern jetzt dem alten Herren,

Die längst verwichnen Zeiten schnell zurück.

Hei! wie erstrahlten, als er ihrer dachte,

Die schönen Augen Elsbeths voller Glück.

Er mußte wieder sie "traut Else" nennen,

Eh' will sie heut' sich nicht mehr von ihm trennen.

Der Ohm that's lächelnd. Dann begleitete er Beide

Zum Stiftspropst hin, der schon im Saale war,

Nicht wenig stolz sein Niftel präsentirend;

Der reichte gnädig eine Hand ihr dar

Und schmunzelte, als Elsbeth, sich verneigend,

Dieselbe küßte, ihre Ehrfurcht zeigend.

Gern überließ der Vogt die Tochter nun dem Bruder

Und sah sich um, wo denn Herr Kuonrad blieb;

Der war hier fremd und harrte längst des Freundes,

Daß er ihn vorstell', wie der Brauch es schrieb.

Dies that der Vogt und, weil er Viele kannte,

Wußt' bald ein jeder, wie der Herr sich nannte.

Es hatte dabei wohl des Junkers höfisch Wesen,

Zu manchem Gönner ihm verholfen schon.

Wie immer, waren es zuerst die Damen,

Die er gewonnen durch vornehmen Ton,

Und war dies auch natürlich, da die Frauen

Vor Allem stets auf feinen Anstand schauen.

Die Freiin von Schwarz-Wasserstelz hielt bald den Junker

Gefangen sich; auch ihr hold Töchterlein,

Die braune Adelgunde ließ, nicht schüchtern,

Mit ihm sich tief in ein Geplauder ein,

In welchem sie ihn fest zu halten wußte,

Bis er mit Elsbeth jetzt zur Tafel mußte.

That es der Zufall -- oder Fräulein Adelgunde?

Die gern den Junker länger hielt in Haft,

Daß sich die Freiin grade gegenüber

Des Vogtes Sippschaft einen Platz verschafft!

Es war geschehn. Doch, jetzt begann das Essen,

Für's Erste stille und gar steif, gemessen.

Als jedoch nach dem Braten laut der Vogt von Baden,

Das erste Hoch dem Vrenenstift gebracht,

In süßem Vino d'Asti, so die Damen,

Schon damals gerne tranken, kam es sacht,

Wie Frühlingswehen, in der Gäste Reihen;

Froh mochte jeder sich dem Nachbar weihen.

Nach jedem Hoch und Heilo, das im Saal erbrauste

Auf Stift und Propst und dessen Gastfreiheit,

Erhöhte sich der Gäste munter Wesen

Und waltete gar bald Gemüthlichkeit,

Die machte, daß die Alten wie die Jungen,

Beim Mahl sich unterhielten ungezwungen.

Nur Elsbeth blieb in sich gekehrt und schweigend, bedrückt

Von Qualen, die sie nie gefühlt zuvor.

Ein heimlich Wehe nagte ihr am Herzen,

Im zarten Busen quoll es heiß empor;

Doch mochte schwerlich einer dies beachten

Von allen, die ihr einen Trunk zu brachten.

Vertieft in ihr Gespräche, schlürften Ohm und Vater

Behaglich dann und wann ein Gläslein Wein,

Bis drauf der Vogt, dem auch der Pfarrer folgte,

Sich plaudernd wandte an die Nachbarn sein;

Nicht merkend, daß, im Auge feuchtes Blinken,

Jung-Elsbeth saß, als sei ihr Muth am Sinken. --

Für Elsbeth viel zu lange, hielt der Freifrau Plaudern

Den Junker fest und, schwieg die letztre mal,

Dann wußte wieder Fräulein Adelgunde

Zu fesseln ihn mit Fragen ohne Zahl,

So daß im Stillen der sich schier beklagte,

Wenn offen er's auch nicht zu zeigen wagte:

Er hielt denn artig aus, wie es sich ziemt bei Damen,

Für einen Mann, der gute Sitte kennt,

Und sagte ihnen, mit gewählten Worten,

Manch feines, aber höfisch Compliment,

Das, er war sicher, drang's zu Elsbeths Ohren,

Für sie so gut wie jeden Sinn verloren.

Sie aber zwang es, wie sie sich auch drob erwehrte,

Doch immer wieder, nach dem Freund zu sehn,

Was links und rechts die Nachbarn fröhlich plaudern,

Es schuf ihr Mühe, dieses zu verstehn;

Sie sah nur ihn und hörte ihn nur sprechen,

Wollt' auch, vor Weh, das Herz ihr drüber brechen.

Zwar winkte oft Herr Kuonrad mit dem Glas hinüber

Und trank ihr Wohlsein mit beherztem Zug;

Doch jedes Mal, wenn dann sie sprechen wollte,

Kam ihr die Freiin zuvor oder frug

Just Adelgunde etwas und -- befangen,

Schwieg drauf sie wieder mit erglühten Wangen. --

O Maid, weißt Du denn nicht, daß Du im Netz verstricket,

Das, viel zu frühe, Dir Dein Herz gestellt?

Ahnst Du denn nicht, daß Dich die Macht bezwungen,

Der widerstand noch Niemand in der Welt?

Mag immerhin Dein Mund das Wort auch hehlen,

Du fühlst es dennoch auf dem Grund der Seelen.

Du fühlst im Herzen Dein der ersten Liebe Werben,

Aus Deinen Sonnenaugen schaut sie klar;

Ein süß Gefühl durchschauert Dir die Seele,

Was es bedeutet, wird Dir offenbar,

Nun, unwillkürlich, nimmst Du Dich zusammen,

Soll Keiner ahnen, daß Dein Herz in Flammen. --

Ihr Weh bezwingend, suchte Elsbeth im Gespräche,

Das zwischen Ohm und Vater neu im Gang,

Auch ab und zu ein Wörtlein mit zu reden,

Als laut ihr Glas in hellem Ton erklang

Und sie den Kaplan sah, dem nicht entgangen,

Wie immer bleicher worden ihre Wangen.

Der brave Herr, vom Weine etwas warm geworden,

Blieb eine Weile still, als sänn' er nach;

Doch that er dies, um besser sehn zu können,

Was aus den Augen seines Lieblings sprach,

Und nun er tief in ihrem Blick gelesen,

War, schien es, klar ihm, was der Grund gewesen.

Elsbeth von Küssaberg, das Gotteli von St. Agnesen Ein episches Gedicht aus dem Kletgau · 第 3 / 13 段