»Daß du mir nicht zu nahe herantrittst,« schrie Faust ihr bedrohend

zu: »Es ist dort, wie ein tiefer Brunnen; abgrundtief, daraus die

Vergangenheit steigen kann und auch die Zukunft, so sehr reicht er bis

an die Ewigkeit hin! Du würdest hineintaumeln und dich zerstürzen!

Um aller Kräfte willen, geh nicht zu nah heran und betritt den Kreis

nicht! Hinunterschauen aber magst du immerhin.«

Leichenblaß und zitternd schritt das Mädchen hinzu und die Knie

schlotterten ihm so sehr, daß Faust jeden Augenblick zu ihr zu

springen bereit war, um sie zu halten. Aber sie stürzte dennoch nicht,

sondern vermochte sich, auf versagenden Füßen, schwer und schleppend,

zu erhalten.

»Was hast du?« fragte Faust.

Das bejammernswerte Geschöpf, das jetzt nicht einmal mehr schön zu

nennen war, so entstellt war es vor Schwäche, Neugier und Entsetzen,

brach in ein irrsinniges, verlegenes Kichern aus.

»Was hast du?« wiederholte er. Da kicherte sie noch gepreßter und

lachte dann krämpfig und schrill auf.

»Gesteh's nur ruhig. Knie' daran hin und schau dich satt; es soll

dir keine Schande sein,« tröstete er. Da kniete sie an den Rand des

schwarzen Fleckes, und nun schien ihr wohler zu werden. Der Schwindel

ließ nach, der Angstschweiß verflog langsam und das Grauen verwandelte

sich in eine Art Jammer; dann in Mitleid, später in Teilnahme, zuletzt

in Entzücken.

»Nun, was siehst du?« fragte Faust, mit nachschleichenden Augen.

»Kinder, holde Kinder, wie Engelsputten,« rief sie mit mütterlich

überquellender Liebe. Beinahe jauchzte das Mädchen.

Sie vergaß des Schwindels vor der schwarzen Brunnentiefe, die aus

unermeßlichen Abgründen bis zu ihr heranreichte und stemmte die lieben

Arme zu beiden Seiten auf, während eine unsagbare Verzückung sie

holdseliger erscheinen ließ, als jemals. Ihre Farbe war zurückgekommen

und ihre Wangen schön und erglühend; ihre Augen schwammen in

unermeßlicher Zärtlichkeit und Sehnsucht. »Ah,« rief sie, als zerpreßte

es ihr das Herz und die weiße Kehle. »Ah!«

»Red' dir's von der Seele,« riet Faust mit erbebender Stimme.

Da fuhr sie zögernd, dann aber immer reißender, fort in ihren

Gesichten. »Du, du, Zunächstes, du Kleines, Kleines!«

Sie sah sich nach dem Manne um, der abseits stand, das nachdenkliche

Antlitz gesenkt und die Hand in den Bart und um das Kinn geklammert.

»Siehst du nicht her? Jammert es dich nicht? Es bewegt die reizenden,

die vollen Lippen, und die hat es von dir. Und es hat den schauenden

Blick der Augen von dir, das geht mir bis ins tiefste! Du, Johannes!

Hörst du, es bewegt die Lippen, aber es möchte gar nicht saugen. Reden

möcht es, denk dir Johannes!« Ihre Stimme verschlug sich beinahe vor

Mitleid und Liebe und bekam einen zauberisch süßen, flehenden Ton: »Sie

alle möchten schon reden, denk dir, du, du, hilf zu!«

Und mit herzzerreißendem Blick: »Sie wollen Mutti sagen!«

Eine Weile starrte sie hinunter, dann fügte sie mit einem Schmerze und

einer Gequältheit ohnemaßen hinzu: »Und dürfen nicht!«

Sie stöhnte in Sehnsucht, dann lief ihre Rede weiter: »Aber du, sie

haben doch alle deine Augen, deine trotzigen, deine scheuen, deine

verdunkelten, geheimnisreichen Augen! Nur den Hals, den haben sie von

mir. Oh du, sie haben gar keine hohen, starken Schultern! Rund, rund

und lieblich ja, aber nicht belastet! Eins von ihnen kann sich jetzt

nimmer halten. Du, du! O die runden Ärmchen, wie sie sich stemmen!

Hilf, es will klettern. Die wehrlosen Knielein, wie sie sich abmühen,

und finden keinen Halt am Rande und -- -- Faust! Faust!«

Mit der entsetzlichen Angst des Tieres, das nicht selber sterben

darf um der Jungen willen, sondern sie verderben sehen muß, was

unbeschreiblich grausam ist, rief sie: »Ich lass' es nicht zu, ich will

nicht! Lieber will ich selber mit ihnen -- --!«

Ein so entsetzlicher Schrei gellte aus der Kehle des gequälten

Mädchens, welches ihr junges Volk immer schwächer zu ihr streben und

haltlos gleiten, ja zu stürzen beginnen sah, daß Faust mit einem jähen

Sprunge heranschnaubte, sie zurückstieß, so daß sie hintenüber in

Ohnmacht sank und seinen roten Mantel über das schwarze Rund hinwarf.

Das Mädchen hätte sich sonst zu den stürzenden Kleinen in den Abgrund

geworfen und wäre, auf dem magischen Kreise, tot liegen geblieben.

Schwer, wild und schwer atmete der erschütterte Mann.

Und er stand lange Zeit, schaudernd. Viele Künste hatte er geübt und

oft war er über einen Hingestürzten weggeschritten, dem die Magie Herz

und Seele verklammt und ihn getötet hatte. Das, jetzt aber, war ihm

bis in die Nieren gegangen. Er vermochte selber nur mit Anstrengung

zu stehen und zu atmen. Starr blickte er auf das wesenlose Bündelchen

Leib, wie es da lag, zusammengekauert, sowie er es hingestoßen und es

seine Besinnung verloren hatte. Endlich raffte er sich zusammen und

ging, mit einem keuchenden Seufzer, nach Mixturen. Dann redete er ihr

ruhig zu. Von dem, was er sagte, sind ihr später die Verse erhalten

geblieben, die er mit dem tiefsten Mitleide und väterlicher Milde

sprach:

»Was willst denn du?

Die ewig Unruh oder ewig Ruh?

Die ewig Ruh, die kennt die Seligkeit,

Die dir ein tiefer Schlaf allweile beut.

Die Hast, die ist ein ewiger Herod',

Der mord't dein Kind und gibt dir selbst den Tod.«

Mehr unter dem Ton seiner Stimme, als unter solchen Worten schlug sie

gänzlich andere, irre, hilflose, aber nur mehr verwunderte Augen auf.

Nichts an ihr schien mehr gestört; sie war bloß wie nach einem schweren

Traume, von dem sie nichts mehr wußte. Wie zerschlagen.

Nur aus ihrer elfenbeinweißen Haut dampfte immer noch die Angst, und

Faust erschauerte, als hätte er ein andres Wesen in den Armen. Sonst

hatte das einzige Mädchen einen Duft, behaglich, wie heiß angeplättetes

Linnen; hausmütterlich und lieb. Jetzt spürte er Fremdes, ihm

Feindliches an ihr und als sie sich erholt und auf viele verwunderte

Fragen nur dürftige Antwort erhalten hatte: »Dir ist schlecht worden,«

oder »Geh nun zum Vater, ich habe Angst um dich,« da mußte sie sich

doch zum Fortgehen anschicken, war deshalb traurig, entschuldigte sich,

verwundert und verwirrt, daß sie ihm statt Liebe und Lust nur Schrecken

gebracht hätte und ging endlich, auf ihren schwachen, zitternden Füßen

fort in die Nacht hinaus und nach Hause. Sie schämte sich sehr.

Hinter ihr aber ballte sich Faustens Seele schwarz und grimmig zusammen

wie Wettergewölk.

Auch auf der Gasse ging es nicht geheuer zu. Zwei Männer hatten, jeder

verhohlen und ungesehen vom andern, auf die Chrysoloras gepaßt. Zuerst

sprang der junge Stainer aus dem Dunkel und wollte der Geliebten nach.

Sie ermorden, sie schützen? Was wußte er selber! Er war namenlos

unglücklich! Helena, die Dirne des Meisters!

Der andere maß ihn flink und berechnete seine Bewegung, seine Gestalt

und sein unsicheres Unterfangen; dann eilte auch er vor und faßte den

Scholaren am Arm: »Still,« zischelte er.

Der Junge erstarrte. Im schwachen Mondlicht sah er ein Antlitz,

abgründig häßlich. Breite, freche, höhnische, nichts glaubende und

nichts bemitleidende Lippen, tückische Augen, breiter, niedriger

Wollschädel, abstehende Ohren, Lasterfalten am ganzen gemeinen

Antlitz heruntergezogen. Erst dachte er: »Des Fausti Schwager, der

Leibhaftige!« Aber dann ward er sogleich inne, daß keiner der Bösen

so auszusehen vermöchte. Mögen sie entsetzlich sein, sie sind Geister

und sind groß. Dieses Antlitz, in seiner niedrigeren Gemeinheit und

gänzlich seelenlosen Häßlichkeit, konnte nur einem Menschen gehören!

»Was wollt Ihr?« stammelte der Student.

»Warum hast du auf die Chrysoloras gelauert?« fragte der andere so

drohend dawider, daß Stainer sich verteidigte: »Ich bin doch ihr

Vetter, der Sympert!«

»Dann mags gut sein; mich hat ihr Vater aufgestellt, der alte

Chrysoloras.«

»Du bist so einer, was die Welschen Bravo nennen?« fragte Stainer mit

Grauen.

»Ich bin sein Diener, weiter nichts; das merk dir. Du hast gesehen, wie

weit die beiden sind. Du weißt nicht, ob du dawider sein sollst oder

dafür?«

»Wahrhaftig, das weiß ich nicht,« stammelte der junge Mensch.

»Na. Ich will dir Zweifel und Mühe bald abnehmen.«

»Mann,« sagte der Student traurig: »Das wird kaum notwendig sein; denn

er selber sinnt sich nichts anderes, als seinen Tod.«

»Mag ehedem gewesen sein; ehe er das Mädel hatte.«

Der junge Mensch griff sich nach dem Herzen. Wenn der Meister um des

Weibes willen, um seiner sehnlich Begehrten willen, abstand von dem

Übergroßen und sich im Getändel niederließ, dann war für ihn das

allerletzte dahin. Daß er die Helena erst hinnahm, aber dann dem Gott,

mit höhnischem Dank, wieder zustellte, das hätte er ihm zugetraut. Aber

daß der weitgewagteste aller Menschen -- -- Nein!

»Der gibt sich weder gefangen, noch gibt er sich zufrieden,« sagte

Stainer endlich. »Laßt ihn. Er wird Euren letzten Dienst nicht

brauchen. Auch könnt Ihr ihm nicht an. Nur er sich selber. Und das wird

geschehen.«

Der fremde Mann trat kurz lachend in die Nacht zurück und Sympert sah,

wie lang der Oberleib des kleinen Kerls war und wie abscheulich krumm

und verdreht seine Beine. Ihn ekelte.

Was alles dem Meister nach dem Leben strebte, das er doch selber längst

verachtete! -- Aber wenn sich der Faust dennoch auflöste in dieser

späten Liebe?

Mit Zweifeln und Verzweiflungen sich umherschlagend, ging der junge

Mensch, der sich in den Todesgedanken so merkwürdig verstrickt hatte,

nach Hause.

Faust oben blieb allein und unbehelligt.

Er stand immer noch vor seinem hingeworfenen, roten Mantel und trug

beinahe selber Scheu, das greulich zum Leben erweckte schwarze Rund

wieder zu enthüllen; -- so, in einsamer Nacht. Endlich riß er doch

die Schaube fort und lachte kurz und krämpfig auf. Ihm tat es nichts.

Er wischte die Kohle weg, die für den Meister nichts als Kohle war, so

leicht, wie der loseste Spinnweb. Überall flog sie nichtig umher, als

er sie zerstäubte. Dann ging Faust in der Stube hin und wider.

»So hab' ich sie! Jaha, so hab' ich sie: Das ewige, versteckte

Mütterchen! Ich soll den Affentanz mittun, weiterführen und teilhaben

an dem Spottgewimmel; jaha! Und wenn mein Sohn Kaiser würde:

»Was ist mir, Fausto, der Kaiser? Ein allen voraustanzend' arm'

Prunkäfflein; immer auf sein eigen Spiel bedacht. Demütig Dienst und

Erkenntnis seines Amts hat er nicht in sieben Tagen seines Lebens. Und

dann hat er dumme und rohe Einflüsterer dazu. Nein, mein Sohn wär mir

zu gut, um Kaiser zu werden. Und was würd' er dann sonst? Wie ekelfett

sind diese Herzen von Vätern, die ihre eigene Brut mit andächtiger

Liebe salben, bloß weil sie, in ihrer verdeckten Eitelkeit, vermeinen,

die wären von ihnen!

»Wer ist denn seines Vaters? Das Hurenkind deiner Frau ist nur um einen

einzigen Menschen ferner von dir, als dein eigenes. Gegen Myriaden,

die ehemaligen Blutes sind, stehst du ihm allein gegenüber! Da saß

eine Großtant' auf ihrem Gelde, fest, blaß und neidisch, mit kaltem

Blick und stumpfen Augen, wie eine kranke Kröte. Dein Kind kriegt von

ihr die latente Habsucht! Da schnupperte ein heimlicher Hurer den

verschlamptesten Frauenzimmern nach, während dir selber gerad eine

einzige Liebe im Leben genügt hätte, die aber übergroß, und zu der

Besten und Schönsten! Deine Tochter aber kriegt =seine= schmutzige

Hundegier! Nein, ich lass' weder mich, noch die andern Menschen mehr an

den ewigen Sautrog heranzerren.«

Er schritt wieder auf und ab, dann blieb er stehen:

»Und kämpfte ich vergebens gegen ihn, der sich des Symbols der

Erden, des lechzenden Weibes, bedient, um Liebe zu heucheln, die nur

Eigenliebe ist? Gegen die Weiber soll ja Eisen und Feuer vergebens

sein! Und kämpfte ich vergebens, -- ich, der eine? Gibts was Schöneres,

als der Einzige sein, gegen alle?!

O du, o du, o du!« Und der ergrauende Mann mit den Irrlichtaugen

schüttelte die Faust gegen den Himmel. Dann lachte er, sagte: »Da ist

er ja gar nicht, Narr.« Und preßte die Faust gegen seine Brust.

Am andern Tage war der Doktor von Innsbruck fort und sowohl die Späher

des sich verhalten und vorsichtig gebärdenden, aber im tiefsten vor

Wut rotglühenden Griechen, als auch das besinnungslos liebende Mädchen

stellten ihm vergebens mehr die Wege ab. Er aber reiste durch eine

jener geheimen Künste, wie er sie dem Studenten gezeigt hatte, nach der

Stelle in den Bergen, wo sich der weiße Kalk vom roten Porphyr zu jener

grauenhaften Kluft abgespalten hatte. Dorthin kam ihm nach wenigen

Tagen schon der junge Stainer nach, stillgeworden, in gepreßter und

zusammengehaltener Verzweiflung. Mit dem arbeitete nunmehr Faust Tag

und Nacht. Es war alles so weit gediehen, daß beinahe unausgesetzt die

schreckliche grüne Stickluft unter der fortwährend hinunterspülenden

Säure aus dem Braunstein trat und sich ins bodenlos scheinende

hinuntersenkte. Faust hatte die Tiefe zu ermessen versucht und

erwartete nunmehr mit klammem Herzen, ob es endlos dauern würde, bis

die grüne Bluthustenluft so weit stieg, daß man an sie herniedermessen

konnte; denn sie sank, gleich einer schweren Flüssigkeit, immer wieder

in die Tiefe. Um das zitterte der große Zerstörer, daß die Erde dort

unten einen geheimen Nebengang haben könnte, der unersättlich von

seinem Werk abtränke und fräße, so daß er wohl bis zum jüngsten Tage

da den Braunstein zersetzen konnte. Aber da er zur Probe immer wieder

lebende Tiere, in einem Korb an endlosen Schnüren, in die Tiefe kurbeln

und dann wieder in die Höhe ziehen ließ, da kamen sie, eines Tages

endlich, nicht mehr lebend zurück. So oft er den Versuch wiederholte,

immer waren sie drunten erstickt und rochen schandbar nach dem

reißenden, grünen Gift. Nun besorgte er freilich wieder das Gegenteil,

die Kluft könnte nicht tief genug sein und verbrachte Tag und Nacht mit

verzweifelten Berechnungen. Aber es schien alles zur Genüge richtig zu

sein. Dann stemmte er die Arme empor und lachte die Sonne jaulend wie

ein Verrückter an.

Er schien gänzlich besessen, und ebenso verzaubert und benommen

war auch der junge Mensch, den er sich da gezügelt und gerichtet

hatte. Sie redeten beinahe nichts miteinander, trieben ihr Werk mit

zusammengebissenen Zähnen und arbeiteten und arbeiteten, zwischen

dem wimmelnden und scheuen Knappenvolk, das zwar allerhand Sagen

tuschelte, aber immer von dem einen Gedanken wieder gelähmt und

verdummt wurde: Gold.

Kurze Zeit aber vor dem Tag Christi Geburt kam Helena Chrysoloras zu

den unheimlich schaffenden Männern.

Manuel, ihr Vater, hatte sie hart angefahren. Dann in sie geredet, was

Menschenberedsamkeit vermochte. Hatte sie beräuchert. Hatte sie durch

Priester beschworen, daß sie entzaubert würde. Aber sie weinte nur um

Faust. Man hatte ihr seinen etwas hohen Rücken bis zu einem Buckel

großgelogen. Aber sie wurde nur um so irrer und verzweifelter, indem

sie ausrief: »Dann, wenn er so höckrig ist, weiß ich, warum er mich

verläßt: Ich bin immer noch nicht schön genug, um all' das gutzumachen,

was ihr an ihm Häßliches entdeckt!« Zuletzt war sie all' ihrem Anhang,

ihrer Freund- und Verwandtschaft heimlich entwichen und kam, eine halb

Gestörte, in den wüsten Felsen an, in denen der verlorene Faustus

arbeitete.

Dort war er schon so weit gediehen, daß der Hirschhorngeist, den der

Doktor zur letzten Herausbringung seines zerstörenden Öles bedurfte,

immerzu, seit langem schon und täglich von neuem durch Wagenkolonnen

in Fässern herangeführt worden war. Er aber hatte eine Vorrichtung

erdacht, wie man jedem dieser Fässer mit einem Male den Boden öffnen

und so seinen ganzen Inhalt auf einmal in die Tiefe stürzen könne.

Damit aber die grüne Stickluft in all' ihren Schichten gleichmäßig

damit durchgossen würde, so hatte Faust diese Fässer verschiedentlich

tief versenken lassen; je ein Dutzend auf je hundert Ellen Tiefe und

ein unendliches Gewirre von feinem Tauwerk ging aus den Abgründen

herauf, an dem man mit einem einzigen Ruck an dem großen Flaschenzug,

der alle diese kleinen Sehnen vereinte, sämtliche Fässer mit dem

Hirschhorngeist aufbrechen lassen konnte. Es war in der Gegend auch ein

unerträglicher Geruch von dem Geiste des _sal ammoniacum_, dem sich

immer wieder ein Hauch jener entsetzlichen, grünen Luft beimengte, die

dort in den Bergtiefen versenkt und angesammelt war, so daß jedem,

der in die Nähe kam, das Wasser aus den Augen gebissen wurde und die

Bergknappen immer mehr zu raunen begannen, hier habe der Satanas sein

wahrhaftiges und ruchbares Reich aufgeschlagen. Immer aber hielten

die Habgierigen unter ihnen das frömmere und erschreckende Volk hin;

weil Faust ihnen allen einen schweren Anteil an dem ungeheuren Ophir

versprochen hatte, das er da drunten mit seiner schwarzen Kunst

erzeugen und ertrotzen wollte.

Faustus war durch die üble Luft und durch die ungeheure Erregung und

Anspannung aller Seelenkräfte ganz gelb im Antlitz geworden; sein

Schüler aber glich schon grauem Papier, wie jenes ist, aus dem die

Wespen ihre Nester bauen.

Es ist wohl wahr, daß beide immerzu von neuem fürchterliche Krämpfe und

Kämpfe in ihrem Innersten mit der Verzweiflung des Lebens zu durchtoben

hatten, das sich aufschreiend ins Sonnenlicht zurückretten wollte. Es

war nur merkwürdig, daß der Junge diese entsetzlichen, maßlos reißenden

Todesängste viel weniger und auch seltener verspürte, als der Faustus,

dem sich alles Ingeweide wand und wehrte, je näher er an sein Ziel zu

kommen wähnte. Früher hatte er an dem Wagnis, immer knapp an den Rand

des Wahnsinns oder des Todes heranzutreten, ein verderbtes Gefallen

gefunden. Jetzt zerfraß ihn die bedingungslose Feigheit der Kreatur oft

so sehr, daß er wähnte, sich nie und nimmermehr aufraffen, sondern ihr

unterliegen zu müssen. Es ist auch das einzige völlig Übermenschliche

an ihm, daß sein Stolz und seine rettungslose Überzeugung vom Unrecht

und der Torheit Gottes sich immer wieder aus diesen Vernichtungen

emporwanden und er, wenn er nächtens die Helena und ihre kleinen Kinder

jammervoll herbeigerufen und zurückgewünscht und die liebe Sonne sein

Eins und Alles genannt hatte, am Tage wieder verbissen und eisern wurde.

Der Student war völlig seiner Melancholie verfallen und so

stumpfsinnig, wie ein Tier in der Tretmühle. Er begeisterte sich nicht

mehr, er liebte nicht mehr und haßte nicht mehr, wollte nichts mehr

ergründen noch wissen, sondern trieb, wie ein Aas auf dem Flusse,

wesenlos kreiselnd dem Untergange zu. So mußte Faust ihn haben und so

allein war er zuverlässig und zu gebrauchen.

Aber da geschah das Unerwartete.

Der verlorene und gestörte Schüler stand hüstelnd am Abgrunde

des Felsenschachtes und sah glasaugig zu, wie die Fässer mit dem

Hirschhorngeiste, der entsetzlich aus ihnen hervorstank, in die Tiefe

gelassen wurden. Da trat ein Wesen neben ihn und erfaßte flehend seine

Hand, kniete vor ihn hin, küßte gar diese seine eiskalte Hand. Er

starrte sie an.

Der kahle Wintersonnenschein fiel auf ihr wirres Haar, und obwohl das

nach Art einer Begine nonnenhaft gekleidete Wesen an den Schläfen

ganz weiß geworden war, so erglühte noch ihr Scheitel, wie sie die

Stiftsfrauenhaube zurückzog, im traumhaften Golde einer zersprungenen,

seligen Erinnerung.

Helena!

Der Bube starrte seine Base an.

Eine Zerstörung ohnegleichen hatte über diese rührende Schönheit

hinweggefegt. Um die Augen waren Gramsprenkel ringsumher und tiefste,

tierische Angst starrte heraus, wenn man in ihre Sterne sah. Der

Mund war scharf und heruntergezerrt; ein Winkel hing willenlos und

greisenhaft hernieder und nur die feine, klare Nase war sich ähnlich

geblieben. Bloß war sie leidvoll schmal und kindlich geworden.

Immer noch starrte der Student in die Verwüstung. Unfern von ihm saß

der Faustus; der schien davon zu wissen und hatte seinen zottigen

Kopf wie ein Trotzender vergraben. Alles kam dem Studenten wie ein

grauenhaft unwahrscheinlicher Traum vor. Er rang nach Atem und

bekam einen ganzen Schwall Höllenluft in die Lungen. Jetzt sah er

in die Tiefe. Da wirrten die Schnüre hinunter, liefen die Taue der

Flaschenzüge, an denen immer neue Fässer voll Stank in das Eingeweide

der Erde versanken.

Mit einem neuen Entsetzen stierte er wieder auf die, welche seine

allerschönste und allerfernste Base gewesen war.

Die nickte traurig und jammervoll. Aber es schien, als sei ihr die

Gabe der Rede völlig geschwunden. Genau ebenso, wie jene ungebornen

Kindlein, die sie in ihrer rasenden Sehnsucht und Bezauberung gesehen,

so bewegte sie die mümmelnden Lippen. Es sah elend und herzzerstechend

aus, aber sie brachte kein Wort hervor und keinen Ton.

Die Knappen wimmelten an den Wänden des Schachtes umher, klebten daran

oder hingen an Seilen, alle hüstelnd, so daß es wie ein ewiges Ticken

und Tröpfeln klang; alles ganz unwirklich. Alles ameisenhaft. Alles wie

heller Hohn auf Menschen. Gold glaubten sie zu erkrabbeln und fingerten

und hantierten für den entsetzlichen Tod. War es jämmerlicher oder war

es verächtlicher, daß all' das einen solchen Sinn hatte? Und das ganze

Leben, war es nicht dasselbe Fingern und Hantieren und Wimmeln um einen

sicheren Tod?

Wie hatte der Faust gehöhnt? 'Die Menschen sind die immerwährenden

Leichenmaden am ewig faulenden und ewiglich sterbenden Leibe Gottes!'

Da ging ein Riß durch die ganze Seele des schwermütigen Knaben. Ein

Riß, den das Wesen nicht mehr aushielt. Die zerstörte Schönheit der

hinreißend Geliebten, das Madengewimmel der Menschlein ringsum, der

Gestank; -- der stumpfe Höllenmeister da drüben! Es war so gräßlich,

daß das erwachende junge Blut augenblicklich überkochte und ins Rasen

geriet.

Er, der Student Sympert Stainer, mußte zerstören, was zerstört sein

wollte. Die Nähe? Oder die Ferne mit? Ob die ganze Erde, ob nur sich

und diese jammervolle Umgebung, gleichviel, es war nicht mehr zu

ertragen. Und, beinahe im Augenblick, wie dieser schmerzhafte Riß durch

sein ganzes Wesen zerrte, sprang er zum großen und wohlverwahrten

Flaschenzuge hin, dessen Geheimnis nur ihm und Faust bekannt war, löste

ihn und zog mit wahnwitzverzerrtem Angesichte, das vor Anstrengung ins

Blaurote quoll, an dem Todestau.

Die Chrysoloras faltete die Hände, als betete sie. Wußte sie, was das

bedeute?

Es war, eine ungeheuerlich scheinende Weile, ganz stille und man hörte

kaum aus der Tiefe ein Gurgeln und Rieseln und dann ein stärkeres

Rauschen; zuletzt ein Kollern, und dann war Ruhe.

Fahl und entseelt wie ein Betrogener schaute Stainer um sich. Sollte

alles fehlgerechnet gewesen sein und war auch hier die ewige

Unzulänglichkeit am Werke, die, nach Fausti Hohn, ganz allein diese

Erde am Leben erhielt?

Da aber schoß es aus der Tiefe brüllend und grauenvoll empor, wie ein

vertausendfachter Geyser Islands. Nur nicht kochendes Wasser. Aber

Feuer, Steine, grüne Stickluft und ammonisches Gas durcheinander, das

sich wieder zu Feuer und Krachen vereinte. Eine Höllengarbe, eine

Protuberanz, unmäßig und scheußlich in die Luft fahrend. Fast senkrecht

hinauf gegen die Sonne, als hätte Satan selber eine Faust gegen Gott

ausgereckt, so töricht und jämmerlich und frevelhaft, wie Faust die

seine.

Was in der Nähe war, das zerriß in Winzigkeiten und flog mit empor.

Der Schlund spie alles, was man ihm gegeben, wie aus einem ungeheuren

Blaserohr, in einem engen Verderbensstrahle in die Höhe. Bloß oben, in

den Wolkenhöhen trieb das aufgeschossene Ungeheuer sich auseinander,

wie ein riesenhafter Giftschwamm, dessen Stiel kaum mehr sichtbar

war, dessen Hut dort oben aber strotzte, sich zerballte und faul

auseinanderfiel. Auf die steinige Wüste dieser Höhen sanken Rauch und

Staub und Stickluft träge hernieder; ihnen voran prasselten ungezählte

Steinmengen, vor denen zerstob, was bisher an aufschreiendem

Menschenleben noch im Runde festgebannt war.

Und zum Prasseln der herniederfallenden Steine rollte die Erde

ihren Antiphon dazu. Das schwarze Loch, das zuerst weiter

auseinanderzuklaffen schien, schloß sich unter den sich neigenden

Felsen. Mit Donnern rollten die endlosen Gesteinschütten hinunter und

versiegelten es auf ewig.

Der Riß zwischen Kalkfels und Porphyr, der bis zu den Feuergründen der

Erde führen sollte, war nicht mehr.

Der Satansgedanke · 第 8 / 9 段