Auges und ragend, und beinahe erwartend da. Rundum schmetterten die
Steine hernieder und zerschleuderten Mensch und Wagen und Zugvieh. Er
stand und starrte und lauschte.
Eine unermeßliche Wolke von Staub und Rauch hüllte die ganze Gegend
ein. Ihrer inmitten stand und wartete immer noch der Faust. Er
blieb ungetroffen, blieb innerlich ebenso unberührt vom Entsetzen
des Geschehens. Er hatte nichts als eine grenzenlose Verwunderung,
ein Ringen nach Erklärung in sich, und einen heißen Schreck: »Hei,
zerreißts wohl jetzt die Erden?«
So ungeheuerlich war der Satanspfiff aus der Riesenflöte gefahren, daß
der Faustus wirklich glaubte: »Ich hab' den jüngsten Tag angerichtet,
mag alles mit mir zum Teufel sein.« Mehr und anderes dachte er nicht,
wie denn, im Augenblick des Allergräßlichsten, dem Menschen oft weder
Verstehen, noch Entsetzen, noch große Worte und Begriffe zu Gebote
stehen, sondern zumeist nur ein volkstümlich derber Ausruf.
Aber so lang er auch in der Wolke stand und ihm der Atem klammte, es
geschah nichts mehr. Bloß im Berge grollte und rollte und donnerte es
noch lange nach.
Dann verzog sich der Rauch. Etwas Sonne kam wieder hernieder und mit
namenlos entgötterten Augen sah der Faustus, wie winzig sein Werk sich
gehabt hatte.
Es waren etliche Dutzend Knappen erschlagen, die andern waren
verkrochen und geflüchtet. Ein paar Zugtiere lagen tot, einige
versuchten auf die Beine zu kommen, andere rasten über die Hochfläche
wildscheu dahin.
Faust sah noch, wie ein Gespann an den Felsrand kam und abstürzte, sah
es haargenau und stand immer noch, -- wie gelähmt von so jäher Lösung
so entsetzlicher Spannung, -- während seine Augen und Ohren gleichmütig
weiterzuarbeiten schienen.
In der Nähe kniete die Chrysoloras und schluchzte.
Wahrlich, die konnte schluchzen!
Vom Famulus war keine Spur zu sehen. Der war in Nichts zersprüht
worden. Der Gebenedeite! Er war es los und ledig. Vor Fausti eigenen
Augen aber war die ganze Kraft seines Manneswillens vernichtet. All
sein Wesen zerstob mit in diesem Mißlingen. In ihm blieb nichts mehr.
Plötzlich kam eine grauenvolle Angst über den Täter gekrochen. Alles
mißlungen und er der Schuldige? Der goldene Galgen? Der Haß und das
Geschrei der unsagbar verächtlichen Menge, die er wegschaffen hatte
wollen? In die Hände der Menschen fallen? In die Hände der ewigen
Niedrigkeit und Häßlichkeit? Der Mann war dahin, -- zum ersten Male
erwachte das kindische Alter.
Da rannte er um sein Leben; er, der aller Leben hatte gefordert.
Immerzu gegen Nordwesten, wo die Grenze am nächsten war. Er mußte das
Finstermünz gewinnen, ehe ihm die Ferdinandischen Reiter oder die
Spione des Chrysoloras auf dem Halse waren.
Die Angst griff ihm erbarmungslos ins Genick. Er stolperte, raffte
sich auf, überlegte, sparte bald Kräfte, dann schund er wieder aus
seinem alten Leibe mehr Eile heraus, als der hergeben konnte.
Den Rhein hinunter, am Bodensee auf kleinem Kahn, bettelarm und ohne
Hilfe, als sein Flehen bei armen Leuten schuf, die ihm kümmerliche
Nahrung gaben, so kam der Faust in Kostnitz an und wagte dort
aufzuatmen; aber nur wie einer, dem Frist, nicht Gnade gewährt worden
war. Er schrieb einen langen demütigen Brief an den römischen König
über sein Unglück und wie der Student das Unternehmen vorschnell
zerstört hätte. Man möge die Chrysoloras ausfragen, die dabei Zeugin
gewesen sei: er hätte sich nicht vor der Rache oder Strafe seines
gnädigsten Herrn, die er ganz und gar nicht verdient, sondern nur vor
dem Grimm des Bergknappenvolkes geflüchtet. Und damit ging es weiter;
-- unwürdig, klein, zerbrochen, zitterndes Gebettel um's Leben und um
den armseligen Tag!
So war Faust geworden.
Immer saß ihm das Grauen im Nacken. Er wußte, einer setzte im
stetiglich nach; er spürte es im Wachen und im Traume und er gebrauchte
verzweifelnd alle seine verwirrenden, magischen Betrüge, um den zu
verhindern, zu verschrecken, aufzuhalten, abzulenken, vor dem er so
namenloses Grauen hatte. Aber er fühlte, es hülfe wenig. So zerrte
er sein jämmerliches Leben weiter rheinabwärts, am brausenden Falle
vorüber, ohne auch nur einen Augenblick zu denken: »Wirf dich hinein.«
Nur in Sicherheit sein, nur atmen, nur leben dürfen!
Damals waren das Elsaß und der Breisgau die einzigen und letzten
Stätten im ganzen römisch-deutschen Reiche, wo Landfahrer aller
Art, Gauner, Nigromanten, Hochstapler und Dirnen noch Unterschlupf
fanden, wenn sie anderswo schon überall ausgetrieben und verbannt und
verhaßt waren, gleichwie Faust. Daß der Breisgau dem Hause Österreich
zugehörte, kümmerte den Faust nicht so sehr, denn Kaiser und König
waren mit ihm in Schuld und er hatte meisterlich verstanden, sich zu
reinigen und zu verantworten. Mochte man den Urteilsspruch über den
längst zerrissenen Buben ergehen lassen, damit sich das Volk beruhigte.
Ihm konnte von der allerhöchsten und mitschuldigen Stelle nicht leicht
etwas widerfahren, weil man seine hinterlassenen Aufzeichnungen
fürchten mußte, nun er Zeit gehabt hatte, die in Sicherheit zu bringen.
Das hatte er dem römischen König auch zu merken gegeben: er möge
seines eigenen Rufes, zugleich mit Fausti Leben, schonen.
Aber der Vater, der vielvermögende Vater, dem sein Kind zerstört worden
war durch den Verführer!
Es war auch so: Der immerzu kalte Geldmann hatte endlich seines Lebens
große Hitze bekommen und er verhohl seinen berechnenden Grimm, wie er
sonst nur große Geschäfte zu verbergen suchte. Der Nigromant mußte
für sein Kind dahinfahren: unbereut, überrascht und somit der ewigen
Verdammnis geweiht. Daran glaubte Herr Chrysoloras, der streng gläubig
war, wie viele kalte Rechner, ganz festiglich.
Er ließ sich Zeit. Er ließ das Jahr bis knapp an seinen Rand
dahinrinnen, um den Faust sicher zu machen, der endlich in seinem
letzten Neste bei Staufen in Breisach saß, wo er seine paar Schätze und
Habseligkeiten zusammen mit den Büchern verwahrt hielt und ein kleines
Laboratorium in einem verlassenen Weingartenhäuschen vor der Stadt
hatte.
Chrysoloras ließ sich Zeit. Er sagte sich, daß der leichtsinnige
Abenteurer sehr schnell wieder zu hoffen beginnen würde. So verging das
Weihnachtsfest und alles blieb stille.
Dann war der letzte Tag des eintausendfünfhunderteinundvierzigsten
Jahres nach der Geburt des Herrn.
Wieder ein Jahr herum. »O weh, wohin sind gangen alle?« -- -- --
Der Faustus war jetzt vollkommen einsam und gar niemand kam zu ihm:
Kein Kranker, kein forschbegieriger Student. Dunkle Kunde von einem
greulichen Unglück, das er im Lande Tirol angerichtet oder an dem er
doch mitschuldig geworden war, tröpfelte bis in das Städtlein, vor
dessen Toren er, einsam und gemieden, seinen letzten Schlupfwinkel
bezogen hatte.
Wieder ein Jahr herum! Ein Jahr, in welchem ihm das schönste Mädchen
aus antikem Blut, das liebreichste Weib der Christenheit hätte können
beschert sein. Er hatte es in frevlem Übermut zurückgewiesen und das
wunderbare Gebilde Gottes zerstört. Das war das Werk dieses Jahres
gewesen. Er hatte Mord angestiftet an einem Manne, der ehrlicher und
tiefer seinen Lebensweg gegangen war, als er und der Menschheit
große Geheimnisse freigegraben hatte. Er hatte dann das Werk Satanas
auf eigene Schultern laden wollen, und? Und hatte ein mittelgroßes
Bergwerksgräuel angerichtet, das vielleicht sogar bald vergessen
gemacht werden konnte, wenn der römische König sehr verlegen darüber
geworden war.
Nichts, nichts. Zerstürzt, verjammert, verhöhnt und umsonst war dies
Jahr gewesen, wie alle andern. Der tiefgebückte, graue Faust, der
jetzt noch viel älter aussah, als er war, saß, krummgezogen von seinem
Elend und seiner entnervenden Kleinheit im kahlen, scharfriechenden
Laboratorium und fror jämmerlich. Niemand fachte ihm Feuer an. Zuletzt,
als er zu all' seinem Elend den Schüttelfrost bekam, stand er doch
selber aus seiner müden Willenlosigkeit auf und legte Scheite und
zusammengescharrtes Reisig in den Kamin. Aus der Stadt herüber schlugen
die Uhren die elfte Nachtstunde. Der Südwind fegte durchs Rheintal,
kam aus dem Münstertal herzu und umkreiselte heulend das Haus. Die
Flamme kämpfte und Faust schaute dem unschuldig gebliebenen Höllenkinde
zu, das er immer geliebt hatte. Die Wärme kroch an ihn heran. Etwas,
wie eine Bereitschaft, weiterzuleben, wagte in ihm, schmerzlich
zuckend, aufzuwachen. Er dachte daran, wie jetzt in den Reben vor
seinem Häuschen ein erstes Ahnen aufträumen mochte, daß es wieder ein
Weinjahr geben könnte. In diesen Tagen stellten die Weinbauern die
abgeschnittenen Probezweiglein ins Wasser und beobachteten scharf,
wieviel Kraft heuer in den Ranken angesammelt sein möchte. Trieben sie
übermütig und viel, so war, wenigstens der Menge nach, ein gutes Jahr
zu erwarten. Faust dachte daran, wie die Weingärten den ganzen Berg
über dem Städtlein bis zum Schlosse hinaufkletterten und im Sommer
übermütig grüne Fähnlein schwenkten. Wär' man doch nur eine Pflanze!
Wär' man doch nur eine Rebe und kein Mensch! Wieviel Freuden, wieviel
Erlösung geben die. Und er?
Ach, er wäre auch als Weinstock so geworden, daß bei dessen Trunk die
Menschen sich viehwütig in die Haare und an den Hals gesprungen wären!
Er hatte der Liebe nicht. Er war verflucht und nun mußte er noch
erleben, daß er zur Kleinheit verflucht war. Das hatte er noch niemals
in seinem Leben wahrhaben wollen.
Was kam noch? Was stand noch vor ihm?
Eine Uhr tickte stark und langsam in der Stube des Faust. Die
eisernen, großen Räder taten einen harten Gang durch Myriadenstäubchen
der Zeit hindurch, welche sie messen mußten. Hoffnungslos horchte
der Faustus hin. Es ist ja dem gesunden Menschen zu Nacht schon das
Uhrticken oft, als versickere da sein Blut und er müsse zuhören,
wie ein jedes Tröpflein, mit dem Pendelschlagen zugleich, in den
unterirdischen See der Trostlosigkeit hineinträufelte. Nun aber er,
in des Jahres letzter Stunde: in eines solchen Jahres letzter Stunde!
Gealtert, elend geworden, ruiniert bis in den letzten Winkel der
Seele. Und dabei das habgierige Anklammern des beginnenden Greises im
Herzen, das sich mit einem Male sonderbar geizig werdend, mit mageren
Avarenfingern an das abgedorrte Leben krallt.
Die Uhr ging, gleichmütig, als stünde sie da als Anwalt des Gottes
wie er ihn sah: ewig gesetzesstarr, fühllos, und mit der gleichen
Grausamkeit. Aus verödeten Augen sah der Faustus hin auf sie und
verstand sie.
Eisiges Grauen kroch ihm über den sorgenhohgewordenen Rücken herauf.
Er wollte die Gespensterkatze, die ihm da am Buckel entlangschlich,
wegschütteln und fuhr herum. Da sah er in einen Spiegel und erblickte
sich selber. Er entsetzte sich mehr, als wenn er irgend etwas
Jenseitiges gesehen hätte.
Unmöglich war es, daß er sich auch nur einen Augenblick länger
betrachten konnte. Er wendete sich trostlos und dumpf verzweifelnd
nach dem Fenster und wollte in die Nacht schauen. Denn da war doch
wenigstens das Nichts; nicht das zerreißende Etwas, der anklagende Rest
dessen, der sich Faustus genannt hatte und der ihn leerer ansah, als
ein Gespenst.
Da aber ward es nur schlimmer. Menschenaugen, freche Menschenaugen
stierten aus einem ledergelben, breiten Angesicht von draußen auf ihn.
Deutlich sah er die Augen und einen grinsenden Mund mit mehreren,
ungleichen, schwärzlichen Zähnen. Da ging es einmal umgekehrt, als
wie es bisher immer ergangen war, wenn der Doktor Johann Faust mit
Menschen zusammengeraten war. Er wurde wie eine erstarrende Schlange;
er vermochte kein Glied zu rühren und in diesem Stücke Holz, zu dem er
erkaltet war, flossen nur unbeschreibliche Ströme des Entsetzens hinauf
und hernieder.
Es war der Kerl des Geldmannes.
Langsam griff er durch eine der zerbrochenen Butzenscheiben, die mit
Pergament verklebt war, hindurch und die krallige Hand öffnete den
Riegel des Fensters innen; auf taten sich die Flügel. Dann sprang das
Geschöpf des Nichts mit einem hunnischen Satze ins Zimmer herein.
»Was willst du?« wollte Faust sagen; aber es erging ihm wie im Traum,
wenn uns die Trud Herz und Stimme abdrückt. Bloß seine Lippen bewegten
sich, farblos und krampfig.
Der Kerl stand auf seinen krummen Beinen vorsichtig da und sah sich
ringsumher in der Stube um, ob irgend Fallen da sein könnten oder
gar Hilfe für den Doktor. Aber da war nichts als das niederbrennende
Kaminfeuer; keine Retorte daran, die platzen hätte können und kein ihm
unbekannter Apparat. Ein paar Waffen hingen an den Wänden, die sah
die Kotgeburt nur mit Grinsen an. Das Greislein da konnte sich ihrer
gegen ihn ja nicht bedienen, der im Gebrauche der Waffen flink und
blutdürstig wie ein Wiesel war.
Er kam, immer noch etwas behutsam und abwartend, an Faust heran, weil
ihm dessen Gebanntsein nicht ganz geheuer vorkam. Vielleicht hatte
der endlich festgelegte Fuchs doch noch im Geheimsten irgend eine
Finte, die ihm, dem Abrechner noch unbekannt war. Aber er sah, wie das
Antlitz des Doktors immer grauer wurde, wie weiße Ringe des Entsetzens
sich um dessen Augen bildeten und wie das Weiße der Augen selber immer
unnatürlicher groß wurde.
Das kannte er und nickte grausam und sachverständig. In den Schlachten,
wenn die Kriegsleute der Hundsfott überkam, dann sahen sie so aus.
Das Weiße in den Augen wurde entsetzlich groß bei denen, die den Tod
erkannten und vorkosteten. Er hatte ihn sicher und fest, den Doktor.
Kein Wort war geredet worden.
Erwägend und abschätzend kam der krummbeinige Kerl an sein Opfer
heran und immer noch konnte sich Faust nicht rühren. Er erkannte
in dem nächtlich Gekommenen Den, den er von je vernichten gewollt.
Den Häßlichen an Leib und Seele; den Ausgeschämten, den Mord- und
Lebensgierigen, den, der nie verdiente, auch nur erfunden und gedacht
zu werden und der durch sein Dasein der fürchterlichste Vorwurf war,
den man Gott antun konnte.
Das, das war »der Mensch«, wie er ihn immer gesehen hatte.
Wie er ihn immer wegtilgen gewollt.
Der Mensch, den Faustus im tiefsten haßte. Sauber herausmodelliert
mit allen Gaben, die bewußte, rettungslose Bestie, die Schandkrone
der Schöpfung! Darum die Starrheit Faustens vor dem, was ihm da
entgegenlauerte.
Noch einmal warf der Kerl einen kurzen Blick um sich, maß die
Entfernung, seine Kräfte und Fausti Gestalt, und fuhr ihm dann an die
Kehle.
Als die hornigen Hände sich um seinen Hals würgten, da erst konnte
Faust ringen, ankämpfen und schreien. Er wußte, heute war die Nacht
nicht hilfelos! Heute warteten die Bürger auf den Neujahrschoral, den
die Trompeten, Zinken und Waldhörner vom Turme bliesen. Heute war das
Städtlein Staufen wach: »Hilfe, Hilfe, ihr guten Leut!«
Der Kerl, der ihm am Halse saß, ärgerte sich bis zur Gelbwut. Das
Doktornichts wehrte sich jetzt? Es zeigte Kräfte, körperliches
Strampeln, während es sein lebelang nur immer mit dem sogenannten Geist
gefackelt hatte? Ei, der wilde Studentenonkel versuchte diesmal nicht
zu gaukeln, sondern krümmte und wand sich wie ein ganz rechtschaffener
Wurm! Immer wieder entkam der runzlig werdende Hals aus den würgenden
Klauen. Immer wieder schrie Faust mit halber, ja zuweilen sogar mit
ganzer Stimme um Hilfe? Seht an, seht an, man muß doch fester zufassen.
Daß das vermaledeite Fenster auch offenstand!
Im Hin- und Herpoltern stürzten Bücher, Stühle, Gestelle mit Phiolen
und Gläsern durch- und übereinander. Es wurde ein Höllenspektakel, der
geschwind ein Ende haben mußte. So warf der Kerl den Doktor darnieder,
preßte ihm seine festen, durch tolles Reiten ausgedrehten Knie auf
Brust und Hals und würgte nun aus wilden Lüsten darauflos. Jetzt
zeterte das Doktorlein nimmer.
Der Kerl hätte schon gerne losgelassen; aber aus Pflichtgefühl und
Sicherheit würgte er immer noch weiter, auch als er wissen konnte, es
müßte längst zuende sein. Dabei horchte er immerzu nach dem Fenster,
ob man käme oder ob man gar sein Pferd entdeckt hätte, das in einem
Weingartwächterhäuslein versteckt war.
Aber die Nacht war so stille, wie der Faustus selber.
Da stand der Gesell des reichen Herrn grinsend auf, sah noch einmal
zum Fenster hinaus, nickte dem starren Menschenbündel am Boden zu und
zog ein schweres, kupfernes Pulverhorn heraus, an dem vorbereitet
eine kurze Zündschnur hing. Das band er dem Regungslosen an den Hals,
holte sich aus dem Kamin einen Brand und zündete an. Dann sprang er
katzengeschwind zum Fenster hinaus und schloß es, so gut es gehen
wollte.
Dreihundert Schritte davon wartete sein Pferd und schnaubte ihn unruhig
an, weil er fremd roch. Er nahm es am Halfter und führte es, immer neu
horchend und innehaltend, an die Straße, die gegen den Rhein zuführt.
Einmal wäre er beinahe umgekehrt, um, ungeduldig, nochmals nach dem
Rechten zu sehen. Da aber geschah ein Lichtblitz im einsamen Häuslein
des Faust und ein mächtiger Knall folgte. Jetzt war er ganz zufrieden.
Mochten sie es im Städtle gehört haben. Man sah es dem Zerrissenen
jetzt nimmer sehr gut an, wer ihn so greulich mißhandelt hatte. Es war
sehr gut, daß er sein lebelang den Teufel »Herr Schwager« genannt.
Das kam ihm so unwiderstehlich vor, daß er für den Leibhaftigen
gehalten werden sollte von den Spießern, daß er Lachkrämpfe kriegte.
»Hahahahahahaha,« gellte es durch die Nachtstille, bis er sich endlich
wieder zuwegekriegte und seinem Roß ein paar Sporne gab.
Denn jetzt fingen die Neujahrschoräle an von dem Pfarrkirchturm gar
erbaulich auf die liebe Christenheit herunterzublasen. Er machte, daß
er außer Hörweite kam.
Weidlich tutete ihm die Bürgerfrömmigkeit nach, so daß es ihn beinahe
zu ärgern begann. Dann aber wurden die Töne schwächer; noch ein Akkord,
dann war es aus und die Uhren schlugen die erste Viertelstunde des
neuen Jahres.
Die ganze Nacht ritt er und dachte, um es sich hübscher zu machen,
immerfort daran, daß er sich mit dem Gelde Wein, und Pluderhosen zu
seinen etwas wenig gelungenen Beinen kaufen konnte. Und vor allem, was
für Dirnen! Feurige Dirnen!
Mit heiserer Stimme sang er:
»Gott, bescher' uns Pferd und Rinder,
Schöne Weib und noch mehr Kinder!«
Er konnte jetzt welche ausstreuen; da und dort, wo er es zahlen wollte;
-- um dann weiterzuziehen!
Denn sieben rheinische Gulden und zwölf Groschen hatte das Leben des
Doktors Johann Faust dem Bankier Herrn Chrysoloras gekostet.
Anmerkungen zur Transkription
Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit = markiert. Text,
der im Original nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt
war, wurde mit _ markiert.
Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen nur
offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.
End of Project Gutenberg's Der Satansgedanke, by Rudolf Hans Bartsch