frühgestorbenen Mutter getan.
»Nun warst du eine verdammte, arme Seele bei lebendigem Leibe,« sagte
das Mädchen, dem die Haare sich im Feuerscheine vergoldeten. »Leide nur
immerzu mit; ich will dich nicht mehr verlassen.«
Faust aber vergrub sein Gesicht in den Knien des Mädchens und atmete
das fremde, junge Wesen ein, ohne ihr etwas anzutun. Und so oft der
an alle Begierden Verlorene spürte: das ist ja das schönste junge
Weib der Erde, da stand er auf und ging mit großen Schritten auf und
nieder und es ist wahr, daß ihm die Jungfrau dabei nicht aufatmend,
sondern traurig zusah, weil er ihr Opfer nicht annahm und weil sie sich
fürchtete, der Feind könnte stärker werden als alles, was sie zu geben
hatte.
Aber als der Sturm dermaßen donnerte, daß die ganze Stadt an nichts
anderes zu denken vermochte, als wie sie nur mit gesunden Dächern
und Häusern den nächsten Tag herandämmern sähe, da fühlten beide
sich zuletzt so ausgeschlossen von den Gedanken aller Welt, daß sie
vermessentlich alles fortwarfen: Jedes eine ganze Welt, dem andern
zuliebe.
Und von dem Tage an begann die Zeit, da ging der berühmte Doktor bei
der Hofraitkanzlei den Krebsgang; hielt zurück, bat um Stundung und um
Einhalt der Arbeiten wegen des Winters und war daran, ein Menschenkind
zu werden. Schwach, klein und mitleidswert wie alle andern lieben und
bösen, geratenen und mißlungenen Menschengebilde auch.
Die Chrysoloras aber war damals schöner als je und war so glücklich,
daß ihr Vater immer sagte: »Du tolles Heidenkind.«
Er allein wußte noch nichts von ihren heimlichen Gängen zum
Nigromanten. Aber in der Welt entstand damals schon, zuerst durch
wegziehende Innsbrucker Studenten jene bekannte Fabel, der Faustus
habe sich durch böse und schwarze Kunst die schönste Frau aller Zeiten
erzaubert: die griechische Helena des Homer.
So wunderlich wird von den Menschen alles symbolisiert; immer steht nur
ein Körnlein Tatsache da.
Das aber war es nun, Gott nehme es als Klage an: Wäre der Faust mit
diesem unbändigen Glück zufrieden und seliglich geworden und geblieben,
er wäre nicht der Faustus gewesen.
Im stillen hatte ers oft verwünscht, daß er der größten Schönheit
niemals teilhaftig geworden wäre. Jetzt, wo es gekommen war, glaubte
er zuerst oft, er müßte von Sinnen kommen und augenblicklich fertig
sein fürs Tollenhaus, wenn er ihre still und bescheiden dargebotene
Schönheit mit den Augen prüfen durfte. Er war weitherum in die Länder
gereist, welche sich jahrtausendlang mit der Schönheit menschlichen
Körpers und seiner Bewegung verwöhnt hatten und sah längst nicht mehr
mit den Augen der bald zufriedenen deutschen Malermeister. Das aber,
was ihm hier geschenkt worden war, hatte an Ebenmaß kein Grieche
und kein Italiener in seinen höchsten Verzückungen erlebt. Er wußte
es. Und, noch einmal, er erstaunte oft, daß er vor Glück über diese
allerletzte und späte Gabe Gottes nicht irrsinnig wurde.
Aber es grübelte und wühlte in ihm von jungauf. Das konnte jetzt
nicht abgewöhnt sein. Darum sagte sich der unzähmbare Mann: »Für ein
biegsam und malenswertes Mägdlein gibst du deine Feindschaft gegen
Gott hin? Diesmals lachen nicht alle Teufel; aber im Himmel mag es ein
klingelndes Gelächter geben darob!«
Auch war noch etwas in ihm, von dem ungut sprechen ist. Aber weil
hier von einem Manne die Rede geht, der bis an die Grenzen aller
Sinnengierden gewüstet hatte, so muß es, ungern, gesagt sein. Er
wollte von dem Mädel, das sich ihm aus einer Liebe ergeben hatte, die
man treulich die göttliche nennen hätte dürfen, andere Liebe haben;
ganz andere! Das heißt aber, verdorben, verbuhlt wollte er sie; --
um kein böseres Wort zu brauchen. Irgend ein Teufel in ihm trieb ihn
zu diesem Wunsche, nach dessen Erfüllung sie gewesen wäre, wie eine
andere, hitzige Dirne, so daß er sie dann vielleicht nicht einmal
gerührt von ihrer völligen Niederlage, verworfen hätte. Das schöne
Mädchen aber gab sich, ohne daß die Sünde sie hinriß. Das wühlte in ihm
wie eine Beleidigung.
Er wußte sich schöne und begehrte Weiber von einstens, die waren in
einer Stunde siebenmal vergangen und hatten ihre Seele weggeseufzt. So
wollte er die Chrysoloras haben. Er zerquälte sich, daß sie ihm nicht
gab, was bei reinen Mädchen erst spät und aus einer bloß körperlichen
Gewöhnung entsteht und dann nur wunderlich, ihnen selber und ihrem
eigentlichen Wesen ferne und seltsam vorkommt. Denn sehr verschieden
sind die Frauen in der Umarmung.
Der mißtrauische Mann aber legte das Wesen des Mädchens dahin aus,
daß sie wohl unter dem Druck eines Jüngeren dahinverbrennen würde.
Bloß ihm, nur ihm alternden Manne konnte sie das Entgegensprühen des
Elektrons nicht mehr geben! Das wühlte und zerfraß ihn.
Und doch kann keine Treue sicherer bestehen, als die, an der keine
Sinne teilhaben, sondern die sich an das urewige Wesen eines seltenen
Menschenkindes klammert und nichts anderes begehrt als das.
Aber so ist der Mann, daß er den Leib im Staube sich winden sehen will,
wie den eigenen. Und daran, an dieser Grenze, geriet Faust am Gotte
vorbei.
Er glaubte nicht an das reine Weib und deshalb verzweifelte der unrein
gewordene Mann jetzt an sich selber. Gab sich und seinen Jahren
schuld. Konnte sie ihn beim Haupte nehmen und mit elfenbeinblassen
Armen umringen und mit den Händen im Haar liebkosen, da meinte er, sie
suche nach, ob er schon gar zuviel graue Haare hätte? So mißtrauisch
und verloren war er und dachte sich das Mädchen so wie sich selber,
während sie ihn bloß anbetete und inbrünstig ihm vergab und ihn koste,
so gut sie es konnte. Je süßer sie in ihrer Liebe wurde, desto mehr
verzweifelte er an ihr und sich selber. Alles legte er zuletzt anders
aus.
Einmal, nachdem sie sich gesagt hatte: Du hast den erfahrensten Mann
dieser Erde in deinen Armen, frag ihn aus, da begann sie: »Sag' mir,
Faust: Wozu, da du alles durchforscht hast, wozu meinst nun du, daß
Gott den Menschen erschuf?«
Da fuhr der mißtrauische Mann auf: »Du willst wohl Mutter werden und
dafür ein Sprüchlein haben?«
Das Mädchen richtete sich beinahe erzürnt und ernsthaft auf: »Ich
frag', was ich frage, ohne einen andern Gedanken, als daß du allein mir
darauf vor allen andern Menschen Antwort geben könntest.«
Dasmal sah Faust ein, daß ein Kind mit seiner Seele gefragt hatte und
erwiderte ihr in seiner Weise: »Gott hat den Menschen erschaffen, damit
der ihm Antwort gäb' auf Ding', die er selber nit weiß!«
»Faust, ist das dein Ernst?«
»Mein Ernst. Soweit ich Gott neben die Vernunft gestellt habe, hat er
sich mir als ein liebes, dummes, aber ungeheuerlich sicheres Lasttier
erwiesen, das neben den gefährlichsten Abgründen gehen kann, ohne
hineinzustürzen. Bei diesem Schreiten neben Abgründen kannst du auch am
Menschen abpassen, wieviel vom Gotte in ihm steckt. Unsere Vernunft ist
ihm, was uns ein Kartenspiel in müßigen Stunden ist; er sieht hinein,
macht Mischungen, führt verschiedene Spieler zusammen und wirft zuletzt
alles durcheinander: Es war ja nichts. Darum wollt' ich ihm ein Spiel
wenigstens verderben! Mehr vermag auch ich nicht.«
»Und hast es aufgegeben?«
»Und tät' es aufgeben, solange ich dein Gott wäre. Dein einziger, dein
eifersüchtiger, dein alldurchdringender, der nicht einmal ein armes
Holz- oder Ölbildlein neben sich dulden würde!«
»Das bist du, ich schwöre es dir,« sagte das Mädchen und küßte
den Mann, den sie so sehr liebte, weil er so ungeheuerlich und
gefahrdrohend gewesen war und nun ihr zuliebe so mild und gezähmt.
Wirklich, sie liebte ihn über alles; denn keiner war so abseits und so
nahe am Äußersten. Auch hatte er abgründig mißtrauische, todtraurige
Augen; in die konnte sie nicht genug schauen. Dann war er in vielem
dennoch wie ein Kind geblieben. Er hatte dichtes Kraushaar. Auch sein
Mund war herb und irgend eine Lust war deshalb in ihr unersättlich,
diesen absagenden Mund in weichere Form zu küssen. Weiter, er war
hungrig nach ihr wie ein erst Gewordener. Das erhitzte sie nicht,
aber es schmeichelte ihr viel mehr, als er ahnte. Sodann, aber lange
nicht zuletzt, seine Stimme klang verschwebt und traurig; gar nicht
hart und haßerfüllt. So, daß sie sich immerzu wundern mußte, wie ein
Mann mit so entferntem Ton den Ingrimm fassen hatte können, alles
zusammenzuschmeißen, was Gott in Jahrtausenden erbaut. Daß nun sie
allein dawider und dazwischen kam, das machte ihr so hohen Mut und
solches Glück, daß sie immer mehreres an ihm schön fand, als diese eben
gesagten Dinge, und wirklich und wahrhaftig in den zu Jahren kommenden,
armen Mann verliebt war, an dem es so viel zu bewundern, so viel, sich
zu entsetzen, und so viel zu bemitleiden und zu bemuttern gab!
Das war, in kurzem zusammengefaßt, die Liebe der Chrysoloras.
Und während die Theologen, ferne oder nahe in Innsbruck, die
erschreckendsten heidnischen Liebesnächte ahnten und der verhohlenen
Chrysoloras alle Laster ansahen und zumuteten, da war es so was
Herzliches und Inniges und Zutrauliches mit der Mädelseele, daß man
wohl glauben hätte dürfen, Gott selber hätte sie endlich und letztlich
zum Fausto gesendet, damit sie ihn errette und erlöse. Denn mehr konnte
auch er nicht geben.
Es kamen noch andere Sendboten des Allgütigen zu dem verlornen Manne,
um seine Seele sänftiglich zu ermahnen. So ließ sich dieser Winter
dermaßen milde und gütig an, daß Faust, der immerzu an der Begierde
nach dem Süden, seiner vielen Sonne und seinen Früchten litt, beinahe
im Boznerlande zu sein glaubte; so weich und gut ging es zu Innsbruck
damals her, seit jenem Föhn.
Er ging einmal von seiner Geliebten, die ihm gefügig, demütig und
zärtlich erschienen war, wie sie ihm noch nie bedünkt hatte -- (und das
war viel) -- mit einer Seele, die gerührt war wie die eines Genesenden,
in den lieben Novembersonnenschein hinaus, ging über den Paßberg bis
zur Sillschlucht und schaute den herrlich klaren Sturzwassern zu, wie
die eilig gegen Süden hinwirbelten. Dorthin, wo sein erschreckliches
Werk weitergedieh, ohne daß er mehr dabei sein wollte. Vielleicht floh
er mit Helena? Von einer lieblichen Willenlosigkeit erfaßt, ließ er
seinen Tag dahinspielen, als wäre er mitten in seiner Jugend.
Er war heute dermaßen ergriffen über die Liebe, die ihm, dem
unschönen und bejahrten Manne da gegeben worden war, daß er an allem
Gefallen fand und dem Gotte, mit dem er sonst ingrimmig zu hadern
pflegte, in seiner unziemlichen Weise, aber nicht höhnisch, jetzt
zurief: »Manchmal machst du es doch ganz hübsch, du alter Sünder und
Lebetappel!«
Es waren unschöne Worte; jedoch sein Herz, das er vor sich selber zu
verstecken strebte, war an diesem Tage viel schöner.
Da aber zogen Bauern vorbei und ein paar Bürger; die hatten sich aus
Brixen und Sterzing zusammengetan, um in der Residenz den Andrämarkt zu
besuchen. Und das übermütige und gutlebige Volk sang, alle zusammen,
das damals berühmte Leiblied aller gesunden und derben Philister:
»Ach Gott, durch deine Güte
Gib uns Mantel, Rock und Hüte;
Dann Rösser, Säu' und Rinder,
Schöne Weib' und noch mehr Kinder!«
Da blieb der Faust stehen.
Der urgesunde Hohn dessen, den er Gott nannte, stieß kräftiglich auf
seine Träume hernieder. Er machte ein böses Gesicht und schaute den
Kerlen nach.
»Wenn ihrer einer, nur einer von ihnen so was wie dein Ebenbild wär,
du Dalk dort oben! Ein Ebenbild, wie die wälschen Maler hinstellen,«
murrte er. Als die Davonziehenden aber das Lied nicht genug jubeln
konnten, da rief er ihnen nach: »Daß euch die Franzosen dazugesegnet
sein mögen, ihr Mißgebäck!« Und sah ihnen mit zornflammenden Augen
nach! »Ich möcht' doch sehen, ob ich, der Faustus und Denker, mich je
unterwunden hätt', einen Bamsen in die Welt zu setzen! Ich, ich tät'
mich des schämen und unwürdig fühlen! Da ist aber ihrer keiner, der
schöner von Leib wäre, als ich armer Schwartenhans! Ausschauen tun
sie, wie Bastarde von Feldrüben und Alräundeln. Und solche Affenbande
möcht' sich nicht genug wiederholt und fortgezeugt wissen? Daß einem
das Kotzen ankommen müßt! Und so ist die ganze Erden getan. Ehedem
waren der Menschen gar wenig, da standen sie nahe bei Gott und hatten
einen Abglanz von ihm; -- so oder so. Der Schönheit war viel da und der
unholden Masse wenig. Jetzt sind es in den Städten schon hundertmal
tausend Rauhwuzeln, Rüpel und Dirnen. Millionen! Und schaun aus,
wie Ackerknollen. Müssen sich aber vermehren, daß es langsam zum
Verzweifeln sein wird auf der überwimmelten Erden! Krieg und Quälerei
und Blutvergießen und andere Bosheit treiben sie genug, aber all' das,
samt der Pest, kommt nicht auf gegen ihre Wonne, immer mehr Affen ans
Tageslicht zu setzen!
»Ein einzigmal war das Paradies. Da waren die unbewußten Tiere, die
jetzt mit Fleiß ausgerottet werden, die wimmelnde Menge. Und über allen
stand allein aufgerichtet, das Haupt zum Himmel erhoben und über sie
wegschauend, der eine Mensch. Der eine! So wie ich mich bedünk', der
eine und einzige zu sein. War der Adam der erste, ich, der Faustus,
will der letzte sein. Geh' es, wie es muß!«
Er atmete schwer in seinem Ingrimm. Da fiel ihm ein, wie ja gerade Gott
zu jenem hochaufgerichteten Einen und Einsamen die Eva hingestellt.
Ebenso, wie jetzt zu ihm? Da er doch schon ein langes Leben, allein und
trotzig abgeschieden von dem andern Geschmeiß, verharrt hätte. Längst
sah er die Menschen nicht mehr als Brüder und seinesgleichen an.
Aber er schüttelte alle lieben und weichen Gedanken von sich. -- Brüder?
Sogar für die Gekrönten hatte er nur Kurzweil und Possenspiel
losgelassen; denn sie, weniger noch als andere waren einer ernsten
Belehrung wert. So hatte er alle und alles verachtet und sogar von dem
Tiefsten und Schauendsten neben ihm, dem großen Paracelsus, hatte er
einmal gesagt:
»Der ist nur ein Instrument der Menschheit. Ich bin der Mensch selber.«
Und damit wollte er der Letzte sein.
Vergrämt und verekelt ging der Doktor seine einsamen Wege durch die
holde Landschaft weiter und merkte höhnisch, wie auf dem sonnigen Hang
gegen Schloß Ambras zu, den er jetzt wandelte, allerlei Blüten sich
hervorwagten. »Das ist Er; ja, das ist Er! Wo es nur angeht, drängelt
und ringelt er sich wichtig herfür! Und wär's im Dezember und müßt da
alles gleich wieder erfrieren; die Dummheit muß gewagt und gemacht
sein!«
Er blieb stehen. »Bei jedem Menschen noch, den ich gesehen und erleben
mußte, hab' ich mir die Frage gestellt: 'Ist er denn überhaupt wert,
daß er lebt?' War er jung, so lag das Ja, dann und wann, aber gar
selten, näher; wegen der Hoffnung, daß noch was Göttliches draus
ersprieße. Aber was haben die dann alle aus sich gemacht!«
'Herr, schenk' uns Säu und Rinder, Weib und noch mehr Kinder!'
»Und selbst wenn unsereins, in brennendem Bemühen, sein unersättlich
Herz zur Ewigkeit emporhält und frägt: 'Gott, Gott, was ist das alles
und warum läßt du uns ewiglich so weiterbetrogen sein?' Wer bei
ihm die Wahrheit sucht, der erlebt bestenfalles kalte Antwort, wie
er sie dem hochwissenschaftlichen Paracelsus oder auch irgend einem
Mathematicus gab! Er ist ein unsagbar nüchterner Gesell, vor unserm
Verstande.
»Nur wer dahingeht wie ein Kind, der lebt im Rausch. Aber im selben
Rausch wie diese Novemberblumen, die in drei Tagen erfroren sein
werden. Fopperei ist alles.«
Er blieb wiederum stehen: »Nur zwei Menschen gab es auf Erden. Den
ersten, der den Gott schuf; -- den zweiten, der ihm absagte.«
Der Magier war wieder in seinen unzerreißbar festen Gedankenkreis
hineingeraten: Dieses Spottbild einer Schöpfung, mit dem Menschen
obenan, müsse hinweg. Das hatte er sehr oft und mit hinreißendem Feuer
dem jungen Stainer in dessen ohnedies verwundete, arme Seele gelegt.
Er hatte es ihm flammender eingebrannt, als Farben in einem gemalten
Fenster sitzen. Der Junge konnte jetzt nur mehr mit Faustens Augen
sehen, nur mehr mit seinem Hasse atmen, nur mehr an Gott denken als den
großen Possenspieler, Fopper und Torkler, der, im Grunde ohne eigene
Vernunft, alles rundum elend machte, und dem mans zurückgeben mußte!
Für diese seine verzweifelnde Lehre hatte der Faust zu allen Zeiten
andere Worte und Laute. Zuweilen so rührende wie ein Kind. Und gerade
dann ergriff er seinen magisch gebannten und nach ihm dürstenden
Schüler am meisten.
»Es ist ja alles nur Heimweh und Heimbegehren,« sagte er einmal in
ergreifendem Ton, der dem Jungen durch die Seele schnitt! »Es ist ja
gar keine Auflehnung, was ich tue, sondern unsinnige Begierde: Zurück
zu ihm! Zurück in den Schoß, wie ein ungeborenes Kind! Ist er der
Unbewußte und Ahnende, als den ich ihn weiß, warum bin ich verdammt, zu
wissen und zu durchschauen? Zu hohnlachen und zu verzweifeln?! Geb' er
uns doch sein entzogenes, väterliches Gut, uns allen, damit Ruhe wird
und die Häßlichkeit nicht ganz und gar überhand nimmt! Sollen denn nur
die Guten aussterben? Denn dahin treibt es! Und die Krummbeinigen mit
den Affenstirnen werden frechhin die Erde überwimmeln! Hinweg also mit
den Sehnlichen, denn sie leiden zu viel: Hinweg, mehr noch, mit dem
Aasgeschmeiß! Mag sich die alte Feuerkugel stillbesinnlich wieder im
Tanze drehen wie ehe; ich ertrage den Menschen nicht mehr!«
Nun mag man sich solche Worte und herzzerreißende Klagen in der
Seele eines todwunden Jungen wachsen vorstellen. Dessen geheime
und hinuntergebissene Liebe war hoffnungslos. Zudem neigt gerade
die blumenzarte Jugend viel mehr zum Tode hin und Schwermut, zum
Verzweifeln und zur Sehnsucht nach dem harmonischen Verklingen, als
der ältere, holzige und ausgedorrte Lebenswille. Das Sterben steht
in magischer Nähe zu jenen vielleicht, weil sie noch die unbekannt
gewordenen Harmonieen des Nichtseins im Ohr nachklingen haben.
Ja; es entstand eine reißende Sehnsucht in dem wahnsinnig gewordenen
Knaben nach der endlichen Vernichtung. Und daß er allein ausersehen
sein sollte, der Amanuensis des großen Widerpartners Gottes zu sein,
der Arm des Vernichters, das zog ihn vollends hin.
An diesen seinen jungen Gesellen dachte Faust nunmehr die ganze Zeit
und er überlegte, ob er ihn nicht wieder heißmachen und aufhetzen
sollte. Dann sah er um sich, sah die Erde lächeln, als wäre Frühling,
entsann sich abermals, wie dieser Tag so recht ein Symbol des ganzen
Truges wäre und warf sich, von zwiespältigsten Gefühlen überrannt und
verzweifelnd, am Weg ins frisch herausgekommene Gras, das so betrogen
war, wie er selber und stöhnte: Vor Hilflosigkeit, vor Anklage, vor
Flehen um Gnade und Friede.
Das liebste Mädchen indessen wußte, wie schwere Rückfälle in die alte
entsetzliche Melancholie ihr einzigster Mann hatte und sie diente ihm
auf das zärlichste, aber auch auf das behutsamste und klügste. Da
nicht ein Brand der Sinne sie zu ihm gerissen hatte, vermochte sie
es, trotz aller Zärtlichkeit und Liebe und Sorge, sich zeitweise von
ihm fernzuhalten und so immer seine Sehnlichkeit nach ihr zu schüren.
Wenn er dann über die Maßen hungrig nach ihr war, kam sie und gab
karg, bescheiden, aber unendlich zärtlich. So blieb Faust vollkommen
ihres Wertes bewußt und wurde hingehalten und verzögert, einen Tag
um den andern. Bis eben auf jenen trügerisch bestrickenden letzten
Novembertag, der ihn an sein vergängliches, im Winter entstandenes
Frühlingsglück erinnerte.
Zu spät, zu vergänglich! Zu hold und eben darum unerträglicher, als wär
es zu rechter Zeit gekommen!
Wie Faust nun war, mißtrauisch und immer aufs Völlige und Letzte
gierig, wollte er nunmehr erforschen, wie es in der Seele des
Mädchens aussehen möchte. Ob ihre Treue aushalten möchte? Auch um den
ergrauenden und gebückten Mann? Und ob er, der sich vermaß, der einzige
Mensch auf Erden zu gelten, ob er wenigstens dem jungen und schönen
Weibe der Erste und der Letzte, kurzum, der Einzige wäre und bliebe?
Dann, so wollte er's in Gottesnamen hinnehmen und einen Vergleich
mit Gott eingehen und zufrieden sein, oder zufrieden tun, und sich
bezwingen; Amen.
Das aber, in die Seele des Mädchens zu blicken, wie in ein klares
Brunnenwasser, das vermochte der Doktor gar wohl. Schon daß er, in
vielen Gegenden und Gelegenheiten, die Menschen ausgelernt hatte,
diente ihm auch hier, und er hätte dem makellosen Mädchen, als erstem
Geschöpf auf Erden vielleicht, vollhin vertraut. Aber er wußte mehr
und konnte tiefer und weiter forschen. Und das war nun eine seiner
schwarzen Künste und er betrieb sie also:
Als er eines Tages wußte, daß am Abend das liebe Mädchen zu ihm kommen
würde, bereitete er sich den ganzen Tag und sogar die Nacht vorher
darauf vor; stärkte sein Innerstes durch Enthaltsamkeit und ließ nichts
als unalltägliche Gedanken in sich. Aber auch davon so wenig, als er
ihnen nur immer abwehren konnte. Er saß, völlig in sich geschlossen
und geklammert, stille, bis die Lebenskraft in ihm weder aus noch ein
wußte. Er aber bändigte sie weiter und wußte sogar das Drohen und
Blitzen seiner unruhigen Augen in Starre zu bannen, ganz so, als
wäre er aller Dinge überdrüssig, apathisch und gleichgültig wie ein
hinsterbendes Tier, das nichts mehr auf Erden begehrt.
Gegen Abend dann erhob er sich langsam und nahm ein großes Stück
Holzkohle. Mit dem beschrieb er, sich mächtig ausdehnend, einen Zirkel
auf den Estrich seiner Stube. Der Zirkel war etwa so groß wie ein sehr
enges Brunnenloch; nicht mehr als anderthalb Ellen im Durchmesser.
Nun begann er das Rund mit schwarzer Kohle auszustreichen und er zog
seine breiten, dunklen Striche mit etwa solchen Bewegungen, wie eine
Katze tut, wenn sie erwacht und sich dehnt, um die allzu überschüssige
Kraft herauszurecken. Oder wie ein gesunder Mensch, der sich nach
langem und tiefem Schlafe im Vollgefühl des Übermutes dehnt.
So strömte Faustus dasselbe Geheimnis von sich, von dem er im Buche zu
Salzburg gelesen hatte: »Wisset, daß es einen wunderbaren Stoff gibt
im Körper des Menschen, genannt Luz. Der ist des Menschen ganze Kraft
und Tüchtigkeit, zugleich die Wurzel und der Boden von allem Sein. Und
wenn der Mensch vergeht, so stirbt und vergeht diese Kraft nicht und
löst sich dabei nicht auf, wie der Zufall des Körpers. Selbst wenn sie
auf einmal in das größte Feuer getan würde, so brennt sie und verzehrt
sich nicht. Sie kann auch nicht geteilt werden und zerbrochen oder
zerstampft oder zermahlen, sondern sie ist ewigdauernd. Im Menschen und
nach dessen Hinscheiden, so wie geschrieben steht im Ecclesiastica 26:
_Et ossa sorum impingabit_.«
Diese Kraft nun, die Himmel und Erde und alle Fernen gleicherweise
durchpulst und alles erschauern macht, was geschaffen oder noch
ungeschaffen ist, gab Faust, der ihrer Herr geworden war, mit einer Art
Grauens von sich hin, so daß sich ihm die Haare knisternd hoben und
sich sträubten, wie bei einem, der arg entsetzt ist. Er aber bestrich
das ganze Rund völlig mit der schwarzen Kohle und streckte und dehnte
das hinein, was törichte Menschen den Willen nennen, was aber gar nicht
ihrer ist, sondern des unheimlichen Allbelebers Geheimnis.
Es kam nun das Mädchen.
Wenig geheimnisvoll, sondern unbefangen tuend, empfing sie Faust und
sprach von vielen Dingen, aber nicht besonders zuredentlich. Sondern
er lauerte leise dahin, wie sie immer mehr von dem schwarzen Rund
gefangen genommen wurde, wie ihr der Atem schon etwas kürzer werden
wollte und sie, je länger je mehr, nach dem dunklen Kreise starrte, so
daß ihr zuletzt die Augen weit und angstvoll wurden und sie nicht mehr
loskonnte von dem, was sie unwiderstehlich dorthinzog.
»Eva, laß ab,« sagte Faust, freundlich prüfend. »Hast doch schon
mehrere kabbalistische Charaktere bei mir gesehen und doch nicht
begehrt, in sie einzudringen. Wirst mir auch jetzt nicht neugierig
sein.«
Helena schüttelte die Locken aus dem Gesicht wie wirre Gedanken.
Sie versuchte, sie zu sammeln. Aber bald umging sie, im Kreise,
wieder den schwarzen Fleck. Immer näher kam sie ihm, es zog sie mit
unwiderstehlichen Gewalten hin. Mehr, viel mehr, als der Schwindel den
Erbleichenden an hoher Wand aus der Tiefe her erbeben macht, -- aber
ähnlich.