Gegen den angrauenden Morgen hin ließ Faust, als er das Tal über Wörgl

mehr ahnte, als erkannte, das Kohlenfeuer langsam minder werden; und

als sie völlig undeutlich die Städtlein Rattenberg und Schwaz unter

sich merkten, ließ er es langsam eingehen. So nahe streiften sie

dann über Hall dahin, daß nur der Herbstnebel sie vor einem großen

Zetermordio schützen konnte. Auf einer der vielen Wiesen, die das

Inntal gegen Absam hin umsäumen, ließen sie sich nieder und Faust warf

die verlöschenden Kohlen aus dem Becken auseinander. »Wie ist dir?«

fragte er höhnisch den Scholaren. »Gelt? Ebenso wie nach dem Genuß

eines ersehnten Mädels. Es war alles eben zum Ertragen, und du bist

weder vor Glück noch vor Entsetzen wahnsinnig geworden. Und jetzt bist

du schläfrig, müde und überdrüssig. Das und so ist das Leben und so

sind alle seine Wunder und jetzt bist du geflogen wie ein Gott und bist

verkatzenjammert wie ein Saufbruder, frierst wie ein Hund und bist ein

ernüchterter, armer Teufel. Und wenn du später in einer Zechen davon

prahlen tätest, wie in jüngern Tagen ich selber, so wärest du ein noch

viel ärmerer Hund, als jetzt!«

Soviel von dem oftbeschrieenen Geisterfluge des Faust, der in einer

Nacht zu Hallein Urlaub genommen und andern Morgens dem römischen König

in der Innsbrucker Hofburg aufgewartet hatte.

Die Herrn in Salzburg und Innsbruck maßen sichs gegenseitig später

selber ab und verwunderten sich bis an die Gänsehaut.

Der junge Student aber, völlig stumpf darob geworden und gleichgültig

und müde, sagte nur: »Ihr habt recht. Es ist nichts um alle Erden; gar

nichts.«

Da erwiderte ihm Faust: »Hätt' ich geprahlt und unsere Herrlichkeit

und unser Göttertum eindringlich gerühmt, so wärst du jetzt frisch und

erhaben. Es gibt nur eingebildete Größen und Wunder.«

Und dennoch gab es immer noch ein Wunder; hieß Liebe.

Das griff Doktor Fausten selber an.

Kaum war er, der alternde Faustus, von Salzburg weggereist, so mußte

auch beim verwöhnten und verzogenen Mädchen des Innsbrucker Geldherrn

alles schnell zur Abreise gerüstet und auch sogleich aufgebrochen

werden.

Was die Chrysoloras wollte oder ersehnte, das war ebenso groß und noch

viel reiner, als was der Faustus anstrebte: Loslösung vom Menschen, so

hieß ja wohl beides. Nur daß der Eine alles zerreißen wollte, nur damit

wieder Licht würde über einer neuen Einöde. Die Griechin aber wollte

grad' an den Lippen dessen, der sich also gegen Gott vermaß, den Namen

Gottes bis ins tiefste buchstabieren lernen.

Es hatte jeden gerührt, der das reiche und ohne Maßen verhofierte

Mädchen in jener Zeit gesehen. Als hätte sie alle Weihen erhalten, so

gehoben und gereinigt fühlte sie sich, seitdem sie wußte, der Mann, dem

sie über alles nachhing, hätte vor, Gottes Werk mit einem entsetzlich

dreisten und gewaltigen Griff aus den Angeln zu schleudern. Nicht, daß

das bescheidene und eher schüchterne Mädchen sich in Eitelkeit verlor:

=Der= muß leben und mein sein. In ihrem Bewußtsein war es, als fühlte

sie die Aufgabe der Jungfrau Maria. Noch einmal mußte durch ein Weib

die Liebe, die ganz große Liebe in der Welt wieder aufgerichtet und die

Menschheit gerettet und gefristet werden wie damals.

Es ging um das ungeheuerliche Vermessen, die Erde zu erretten, welche

verbrennen sollte nach Faustens Urteil und ohne den Willen Gottes, ohne

seine erweckenden Posaunen, ohne sein Gericht; mitten in der Blüte

ihrer Sünden haßvoll und höhnisch verschüttet, wie Sodom und Gomorrha.

Und der, welcher sich des vermaß, wurde von ihr angebetet, ersehnt und

verehrt, als wäre er der erste und letzte Mann auf Erden.

Wie denn jedes Weib dem nachgehen wird, der der erste und allerletzte

zu sein sich vermißt: wenn auch nur für sie.

Mit Entsetzen vernahm die Chrysoloras in Innsbruck schon wieder neue

Mär von ihrem Unheimlichen. Daß er in einer Nacht mit einem gottlosen

und verzweifelten Studenten von Salzburg anhergezuckt worden wäre,

»durch die Kraft des Feuers,« wie der Student geheimnisvoll verlautbart

hatte. Ein Zeichen, daß die unverbesserliche Jugend gegenüber andern

immer wieder zu reden anfängt. Aber jeder will, sobald er andere sieht,

immerzu ein Stüflein höher stehen, obwohl es das nicht gibt; so ist der

Mensch.

Das Mädel, das sonst immer angstvoll züchtig war und diese Art auch

jetzt dem Übermenschlichen gegenüber nicht verändern konnte, wußte sich

jetzt nicht zu helfen; denn der Doktor war unauffindbar. Manchmal hatte

man ihn abends am Innrain oder in Kranebitten oder Hötting gesehen,

immer halblaute Worte murmelnd; immer allein, immer aber auch scheu

gemieden und geschont von der Menge, welche zum Teil des römischen

Königs Gewalt fürchtete, der dem Faust neuerdings so gnädig war, teils

Fausti Zorn. Denn er konnte selbst in eine Kirche oder in ein Kloster,

welche doch heilige Orte waren, einen bösen Inkubum setzen, der dort

die Leute bei Tag und Nacht plagte. Und wenn irgendwer ihn fragte, ob

denn der Teufel auch Gewalt über solche Stätten hätte, lachte er und

sagte: »Längst und von dem Beginn her als der zweite, der unheilige

Mensch sich dort neben den ersten, den heiligen Stifter des Ordens,

gesetzt hat.«

Auch wurde ihr in Innsbruck erzählt, daß er gelegentlich solcher

vermessener Reden auch gesagt hätte:

»Der erste ist immer der Schöpfer; der zweite nur mehr der Jäger und

der Koch. Der erste schafft ein neues Wesen; der andere tötet's und

macht es genießbar. Indem er es genießbar macht, tötet er es oder gibt

ihm den Todeskeim. Möglich, daß Gott nur Engel schuf. Aber da kam der

Satan und machte den Menschen draus. Gott hat den Menschen gedacht wie

ein Kind. Der Teufel machte den Praktikus draus.

»Der erste Mensch, welcher Gott fühlte, er war übergroß, und sein

Gefühl muß ihm beinah den Tod gegeben haben vor Größe und Glück.

Der zweite, der es vernahm und es zu verstehen sich vermaß, hat es

augenblicklich klein gemacht.

»Und so wird es nur zwei reine Geister geben auf Erden: Den einen, der

die Erde erschuf und den anderen, der sie vernichtet.«

Das Mädchen sank vor Angst und Sorge beinahe in die Knie, als sie

solche Worte überliefert bekam und lief in alle Kirchen, um jene

anzurufen, von der allein sie Hilfe und Gedeihen gegen das übermächtige

und trotzige Unternehmen des vermessenen Mannsbildes erhoffen konnte:

Von der einzigen, reinen Frau und Mutter, die in allen Himmeln zu

finden war.

Der Faustus war aber gar nicht mehr in Innsbruck. Trotz des

hereingebrochenen Winters trieb sich eine, für damalige Zeiten

unerhörte Schar von Bergknappen in dem roten Porphyrgefelse bei

Waidbruck umher, fällte Lärchenstämme in den Wäldern und bohrte Röhren

darein, baute aus fichtenen Balken lange Steige und fuhr so immer

weiter, bergmannsmäßig arbeitend, in den unheimlichen Naturschacht ein.

Überall ließ der Faust seine Apparate anbringen, wo der Braunstein

stärker zutage lag oder freigeschafft werden konnte. Dort sollte er, in

allen Tiefen und Höhen des Risses zugleich, mit dem _spiritus salis_

bespritzt werden, damit die grüne Luft an allen Stellen zugleich

entstünde und sich in ungeheurer Menge nach unten senke. In einer Zeit

mußte sie das ganze Loch im Gestein erfüllen. Alles war in Massen

vorbereitet, welche man für die damalige Zeit überlebensgroß nennen

durfte; wie denn die Goldgier immer überlebensgroß ist, zumal wenn ein

kriegführender Kaiser, ein ewig in Nöten schwebender König und eine,

durch Luther bedrohte Pfaffheit zusammensteuerten und halfen.

Es ging ja auch der schmalkaldische Krieg an. Da mußte erdrückend viel

Gold herbei. Wüßte irgendwer, wieviel Angst, Mißtrauen und doch wieder

Aberglauben damals Kaiser und König in den verschrienen Nigromanten

setzten! Es war zum Lachen.

Wenn ein Kleiner etwas wirklich will, so wird er darin gefährlich

gescheit. Die Ferne der Ziele macht ihn weitsichtig. Wenn ein Mächtiger

etwas wirklich will, so ist er entsetzlich dumm. Die verwirrende Nähe

der Machtmittel verwehrt ihm jeden Blick in die Ferne und wohin das

führen soll, was er so gewißlich in der Nähe errechnen hört.

»Rotte die Stadt Jerusalem aus, und du setzest der ganzen Erde die

Juden in den Pelz. Beherrsch' die Erde, und dein Enkel weint auf

einem fremden Stücklein Asyl. Wolle ein Volk vernichten und du

machst es groß. Fordere mehr Gold, als alle Schiffe aus der neuen

Welt heranbringen können, und du dienest bloß einem Zauberer, der

dich selber umzubringen gedenkt. Es ist immer dafür gesorgt, daß die

Bäum' nit in Himmel aufschießen.« So hatte ehedem ein Wahrsager Karl

dem Fünften prophezeit, als der, mit der Devise »Jetzt!« auf seinem

Schilde, nach Algier ausgezogen war. Solang er auf seinem Schilde das

Wort getragen hatte: »Noch nicht!«, da hatte die ganze Erde vor ihm

gezittert. Nun aber lachte sie.

Früher hatte sich vor Kaiser Karl alles geduckt. Seit dem

Kreuzfahrerspektakel von Algier war zuerst der Großtürke mutig geworden

und hatte bis Wien heran erobert; dann waren die lutherischen Fürsten

aufsässig und endlich auch wieder der alte Franziskus von Frankreich.

Es wimmelte von Feinden seit der lächerlich gewordenen Devise: »Jetzt!«

In seiner Desparation glaubte und ergriff nun der Kaiser alles. So kam

Faust zu seiner Macht; der größten, die der alternde Mann je errungen,

-- trotz seiner Herrschaft über die Geister, die ihm bisher nicht mehr

an äußerm und innerm Glück eingetragen hatte, als das einer erhabenen

Verzweiflung.

Faust also begann sein Werk. Er übersah und besorgte alles, um die

Felsenkluft bis ins tiefste zu laden und hatte an seinem neuen Famulus

einen getreuen, wiewohl veränderlichen Diener. Denn sobald Wind und

Wetter wechselten, da gehabte sich der Junge anders. Immer wohl war

er von Faust besessen und ihm gehorsam. Aber es war merkwürdig.

Bei westlichem, feuchtem Winde war dieses Kind begeistert, willig

und erfindsam, tat auch alles, was man von ihm forderte, schien in

allen Dingen wissend in den Tod zu gehen. Kam aber der vermaledeite

ungarische Wind, der Wind der stupiden Kirghisen und Mongolen von

den Steppen des Ostens daher, da wurde er verzagt, kleinlaut, glaubte

weder an sich noch an Faustum, wollte sich irgendwo anklammern und

begann wohl gar reichlich von dem guten Weine zu saufen, der unweit von

jener Gegend ab Bozen bis zu betörender Süße und Kraft heranwächst.

Voll Sorge sah Faust den jungen Menschen seine Phasen wechseln und

berechnete seine Perioden immer genauer, damit ihm der Junge nicht

einmal aus Schwäche einen Streich spiele. Oft gedachte er, ihm die

Chrysoloras zuzuschanzen.

Aber die hätte ihn ja wieder zum Leben geführt. Es mußte im Gegenteil

ein neues, stärkeres Unglück sein, welches den Helfer und Vikar des

Teufels völlig in die allein brauchbare Verzweiflung stürzte.

Und das nun war der Grund, warum der Faustus seinen jungen Studenten

plötzlich mit sich nach Innsbruck nahm und warum er sich, vor den Augen

des leidenden, jungen Menschen, der Chrysoloras näherte. Diesmal ganz

mit Willen, mit Absicht und mit aller werbenden Gewalt seines Wesens,

das sogar auf wilde Zechgenossen, nach allen Quellen, unwiderstehlich

gewesen sein mußte, wenn er nur recht wollte und nicht hoffärtig zu

werden begann.

Um den Tag _omnium sanctorum_, also zu Beginn Novembers, war der Faust

wieder zu Innsbruck, um des römischen Königs Majestät Bericht über den

Fortgang im tiefen Loche der Porphyrfelsen zu geben.

Es hat damals der römische König viel mehr zur Arbeit getrieben als

der Doktor selber. Denn zuerst wollte der seinen Famulus in die letzte

Verzweiflung hetzen. Bald danach aber kam es dahin, daß Faust selber

der Zurückgehaltene und Verzögernde war.

Denn jetzt war etwas geschehen mit seiner Seele, von dem sogar das

alte Volksbuch in wunderlicher Mischung weiß. Das eine Mal erzählt

es, er hätte sich, in seiner Sehnsucht nach Sinnenreiz und Heidentum,

die griechische Helena verschrieben und mit ihr wäre er einen Bund

eingegangen. Soviel kam immerhin von der Wahrheit in das Sagenbuch.

Dann aber berichtet das Buch, daß er nahe daran gewesen wäre, aus des

Teufels Klauen errettet zu werden durch ein Sakrament, das ihn dem

Leben und der Schöpfung Gottes wiedergeben hätte sollen. Und das war

jenes der Ehe. Beide Überlieferungen haben ihre Wahrheit und ihren

Grund und beide gehen auf die Geschichte mit der Helena Chrysoloras

zurück. In Innsbruck hieß sie nicht anders, als die griechische

Helen'. Die fand er und faßte zu ihr eine Neigung, die endlich zur

Hinverlorenheit und Leidenschaft wurde.

Die schlichte Urmär aber zu allen diesen Phantasien geht so:

Über das Mädchen war es wie Rausch von Glück und Schmerzen gekommen.

Hier war endlich der Mann, der bis in alle Höhen und Tiefen ragte. Und

er, der Wissendste aller Sterblichen, war zugleich der Absagendste und

Unglücklichste; den Tod zog er allem Glück und Glanze vor und wollte

in seiner tiefen Trostlosigkeit gleich die ganze Schöpfung mit sich

in die Vernichtung reißen. Der Weiseste und Weiteste war zugleich der

Verdammteste von allen, welche jemals gelebt hatten. Ihr graute vor

dem ungeheuren Streben dieser Menschenseele; aber eine Hinneigung

ohnemaßen zog sie zugleich an. Anklagen und verraten hätte sie den

Mann, den sie zu lieben begann, nimmermehr können. Zu verhindern wußte

sie ihn auch nicht, und da selbst der getreue Sympert von ihr zu ihm

abgewichen war, so war sie völlig hilflos und allein zu einer Zeit, in

der sie wußte, daß die Arbeiten am Felsenriß von immer zahlreicheren

Bergknappen betrieben wurden, die dort in ihrem Gewimmel, ameisenklein,

am schauerlichen Werke Faustens schafften und keiner Ahnung gewürdigt

waren, daß sie immer mehr von den Tagen dieses Erdballs abbröckelten.

Denn daß es dem Faustus gelingen würde, daran zweifelte das Mädchen,

das ihn anbetete und sich blindlings unter seine Erkenntnis fügte,

keinen Augenblick. Der Doktor hatte jahrelange Berechnungen vorausgehen

lassen, hatte in allen Bergwerken die Hitze in den verschiedenen

Schachttiefen ermessen und kannte den Schmelzmoment jeglicher Materie;

er hatte das Satansöl erprobt und errechnet, und was er selber nicht

zuwege brachte, das hatten seine tollkühnen Famuli und zuletzt gar der

unselige Paracelsus, in seinen Diensten, auserprobet und berechnet. Der

Menschheit eminenteste Gehirne waren an der Arbeit gewesen und Faust

hatte einmal gestanden, daß, im Grunde, sein ganzes Leben an diese eine

Absicht gewurzelt gewesen wäre. So war das leidenschaftlich bewegte

Mädchen das einzige, lebensfrohe Menschenkind auf Erden, das genau um

die Nähe des jüngsten Tages wußte.

Wie ihr, die zerrissen von Angst und Liebe war, zumute sein mochte,

ist nicht zu beschreiben. Es verdrehten sich beinahe alle Stränge

ihres Denkens und sie wäre dem Wahnsinne anheimgefallen, wenn sie

nicht immer mehr den Glauben an Maria, die unsagbar gütige Magd, an

ihr verzweifelndes Herz gerissen hätte. Tagelang lag sie auf den Knien

und betete mit Inbrunst und Reinheit um Errettung dieser Erden und um

Errettung ihres Faust aus einer Vernichtung, wie sie niemals in einem

Menschenhirn gelegen hatte.

An einem solchen Tage, da sie sich den Faustus mit aller Macht ihres

reinen Willens herbeigewünscht hatte, um sich ihm zu Füßen zu werfen

und als Lösegeld für die von ihm gerichtete Erde darzubieten, war Föhn

in der Gegend von Innsbruck ausgebrochen.

Es gibt wenige Gegenden, wo der nahende Föhn eine so unmäßige

Abspannung und Bangigkeit in den Gemütern der Menschen, ja sogar

der Tiere, erleben läßt, wie im Innsbrucker Tal. Es legt sich ein

tödlicher Druck auf alle Lebenshoffnung, Kraft und Freudigkeit, daß

jegliche Frische des Menschenherzens wie auf ewiglich verdammt und

dahingeschwunden erscheint. Es haben sich im Gang der vielen Jahre

Tausende von Menschen das überdrüssig gewordene Leben zu solcher Stunde

genommen.

Am Grunde des El Ghor, da einstmals Sodom und Gomorra lag, kann kein

ärgerer Druck und keine größere Trostlosigkeit sein, als sie in den

bangen Tagen und Stunden vor Föhnwetter zu Innsbruck ist.

In solchen Stunden rang und betete die arme Helena. In solcher Zeit kam

auch Faustus wieder nach Innsbruck; dumpf, ungläubig an sich selber und

seinem Vorhaben, an seinem Werk, an seinen Berechnungen, an der Kraft

seines Höllenmittels und an der Möglichkeit, überhaupt so entsetzliche

Mengen des Greuels zu erzeugen, den er in verzweifelter Stunde erfunden

und zum Tode dieser Erde bestimmt hatte.

Wenn irgendwo ein kleinster Fehler lag, wenn alles lächerlich mißlang?

Was half ihm der Trost »_magna voluisse magnum_?« Er war aller

Eitelkeiten überdrüssig, eben weil er viel zu sehr und viel zu gierig

den Eitelkeiten nachgejagt hatte, sein verstürmtes, verlornes Lebelang.

Wofür lebte er dann noch, wenn sein großer Haß, von dem allein er noch

Kräfte erhielt, vor ihm selber klein und lächerlich geworden war?

Das zerpressende Wesen des Föhns drückte auf sein Gehirn, daß er es

bersten zu fühlen meinte, erniedrigte sein Gemüt, seinen Stolz, seine

Tatkraft. Alles erschien vergeblich, trostlos, unmöglich und winzig.

Da kam in der Dämmerung des Abends Helena zu ihm, nachdem sie (es

war am Tage Allerseelen) tausend Lichtlein für die Dahingegangenen

gespendet hatte und die Erlösten angerufen hatte, beim Vater der

Schöpfung zu bitten, er möchte ihr die Kraft geben, den Faustus zu

erlösen.

Gegen Abend sank endlich der erwartete Südwind von den Bergen herab und

begann an Fensterläden und Dächern schauerlich zu rütteln. Als käme

Frühling, so lau und veilchenweich wurde plötzlich die Luft. Aufatmeten

die Menschen.

Faust saß in seinem Studierstüblein, das ihm der römische König in

der Hofburg eingeräumt hatte, und war völlig verduckt und gebrochen.

Steinalt und überlebt kam er sich vor. Da trat das Mädchen zu ihm und

leuchtete im Scheine des Kaminfeuers wie die goldene Bildsäule einer

antiken Göttin; so schön und scheu und schlank war sie.

»Fräulein,« sagte Faust in erbebendem Staunen, »was fällt Euch ein, zu

solcher Stunde mein Zimmer aufzusuchen!«

Helena sah ihn bloß stumm und bittend und zärtlich an. Sie fürchtete

sich und hatte zugleich ein so herzzerreißendes Mitleid mit dem,

der nichts anderes begehrte als den großen Tod, daß sie kein Wort

hervorbrachte. Kaum zu bewegen vermochte sie sich.

Faust stand auf. »Ich weiß, was Ihr sagen wollt: Der Faustus ist

ein alter Mann und an ihm werden Jugend und Schönheit unbehelligt

vorbeigehen, schienen sie ihm gleich ausgeliefert!«

»Das ist es nicht,« sagte die Chrysoloras zitternd. »Es ist das

Gegenteil. Ich bin gekommen, um hier alles von mir abzutun, was man

uns Mädchen gelehrt hat an Scheu. Und, -- und ich bin, -- ich komme

Euch fragen, ob Ihr mich haben mögt und nehmen als Entgelt für das

Entsetzliche, was Ihr vorhabt.«

Der Doktor blieb erstarrend stehen: »Mädel, du weißt?«

»Alles,« sagte sie.

»Wer sonst noch weiß das?« schrie der Faustus. Alles andere empfand er

jetzt nicht, als das eine, daß sein Plan verraten worden wäre.

»Niemand als der Sympertus und der dient Euch treulich, seit ich ihm

gesagt, daß ich Euch liebte. Eben deshalb will er Euch, in seiner

Verzweiflung, von der Welt helfen; sich will er von seiner Liebe helfen

und mir von Euch.«

»Ihr wisset das also allein?« fragte Faust staunend.

»Er und ich allein, seit Paracelsus zu Tode geworfen worden ist.«

»Auch davon wißt Ihr?«

»Wer Krieg führt gegen die Weltkugel Gottes, der tritt auch über ein

einzelnes Leben hinweg,« sagte sie mit zuckenden Lippen.

»Und Euch graut nicht vor mir? Haßt Ihr mich nicht und fürchtet mich

nicht als den leiblichen Schwager des Satans, der ich ja bin?«

»Das seid Ihr nicht,« sagte das Mädchen.

»Ja, doch! Denn der böse Feind, das ist nicht der Tod. Das ist die

Häßlichkeit: die Häßlichkeit des Leibes und der Seele! Seine Schwester

ist der ewige Durst und die ewige Begierde und die hab' ich erheiratet.

Da wurde unser Kind daraus: der Haß und die Vernichtung. Weil es mir

nie im Leben vergönnt war, Schönheit und Liebe zu finden. Immer hab'

ich nur Phantome umarmt, auch wenn sie lebendig und schön ausgesehen

haben. Da ich sie aufbrach, da waren sie hohl und leer wie wurmstichige

Nüsse! Alle, alle!«

»Vielleicht, daß ich es nicht bin,« sagte das Mädchen angstvoll. Das

bitterliche Weinen kam sie an.

Da getröstete sie der Mann, dessen Leben eine einzige Paternosterkette

erfüllter Begierden und ekelvoller Ernüchterungen gewesen war, zärtlich

wie ein Vater und faßte sie unter dem Gesicht, so daß er fühlte, wie

die Mädchentränen auf seine Hände prallten.

»Helena,« sagte er. »Geh dahin und laß mich mit meinem bösen Herzen

und meinem vielen Elend allein. Ich will das Unterfangen noch

einmal vor mein Nachsinnen stellen, um deinetwillen. Es ist ja die

Wahrscheinlichkeit, daß es gar nicht ausschlagen und gelingen wird.

Um deines Daseins willen wollt ich wohl noch zuwarten; aber nicht

um solches Sklavengeschenk wie das deines Leibes, das dir die Angst

abgefoltert hat. Denn du mußt wissen, der ungestüme und hitzige Mann

geht zu allererst immer an die Zerreißung der Unschuld und versucht

das Weib auch in der Seele zur Genossin seiner Lüste zu machen. So

bin ich immer gewesen und hab' das Fleisch genommen und hernach die

Seele weggeworfen, die mir immer zu klein und elendig erschienen ist.

Dasselbe würde ich auch dir antun, und das darf nicht sein: Du sollst

keines Schwarzkünstlers Buhlerin werden.«

»Es ist unser Los, obwohl mich darnach nicht verlangt,« sagte Helena

mit gesenktem Kopfe. »Magst du bedenken, Johannes, wer mich sonst

ergreifen und besitzen würde? Wäre er in dem einen besser als du? Und

wär' ich dir ihm wert?«

»Ah,« stöhnte Faust, in seiner ewigen Eifersucht getroffen, welche alle

andern haßte.

»Ich denke mir, es ist das, was mir immer häßlich und beleidigend

vorkam, bei dir eine Vorhalle und Stufe zu deiner Seele und deinem

Vertrauen, ohne welche Prüfung ich niemals bis an dich selber gelangen

kann. Nimm, was du mußt und wisse nur, daß ich's zwar nicht mit Lüsten,

aber mit Liebe ertragen werde. Ich werde abwarten und dir so lange

mit dem Niedrigen dienen, bis du mich wegwirfst oder ohne mich nicht

mehr leben, noch sein, noch denken und bauen kannst in diesem Leben.

Entweder ich werde dir völlig zur andern Hälfte, der alles gehört,

deine Pläne, deine Vermessenheit und deine Verzweiflung und Demut, oder

ich hab' mich überhoben, dir so viel sein zu wollen. Dann hab' ich

meine Strafe und dann wirf mich zum Abfall deiner andern Ernüchterungen

fort.«

Faust schwieg stille.

So hatte er noch keinen Weisen auf Erden reden gehört und keinen

arabischen Magus; keinen Priester und keine Jungfrau.

Das erste und das einzige Mal und das war jetzt und hier, da war es dem

Faustus, der sich in der Kirche nur mit Spott und verständnisvollem

Grinsen vor der Hostie gebeugt hatte, so, als müßte er in die Knie

brechen und weinen wie ein Kind. Hineinweinen in den reinen Schoß

dieses Mädchens! Und aus diesen Tränen der gefallenen Seele und Helenas

bloßem Opferbereitsein müßte hier zum andern Male Der entstehen, der

zwar nicht die starre Welt, aber die noch viel starreren Menschenherzen

entzweisprengen würde!

Der verhaltene und harte Mann schwand zwar nicht zum Kniefall vor dem

Weibe dahin, aber er setzte sich schwach und schwer nieder. Dem Kinde

wies er wortlos seinen eigenen Platz am Kaminfeuer und es war eine

lange Weile nichts zwischen ihnen, so daß das Mädchen sehr bange um den

Ausgang seiner Herzenssache gewesen wäre, wenn es nicht gemerkt hätte,

wie es in dem gefährlichen Mann zuckte und riß. Er kämpfte mit sich und

versteckte seine Rührung, aber sie merkte es dennoch und streichelte

ihn, wie ein Kind, wie eine Geliebte und wie eine Mutter, alles in

einem. Und wußte innerlich, daß sie gesiegt und mit dem Fuß eine große

Schlange zertreten hatte.

Hat sie der alternde Faust eingenommen oder sie ihn? Es ist ein Ding,

über das jederzeit beide sehr glücklich sind.

Faust konnte weinen; -- ganz leise ...

In jener Stunde also, da dem harten, gehässigen, höhnischen und

gelehrten Doktor Faust heimliche Tränen geschenkt waren, wie vielleicht

seit seiner Jugend nicht, hatte der Föhnsturm im Kamin allein seine

Rede. Die zwei Menschen schwiegen, er aber litt und klagte und

toste für beide. Das Feuer verkroch sich unter seinem brausenden

Herunterfahren, dann rebellierte es doppelt; ebenso, wie die Herzen

jener beiden Menschen, die sich kein Wort mehr zu sagen hatten und

dennoch bald entbrannten, bald zu sterben und auszulöschen vermeinten.

Immerzu aber sang das Element im Kamin. Es donnerte und es rieselten

Sand und Ziegelstücke hernieder; es verpreßte sich und schnaufte und

dann wieder weinte es; bald aufheulend, bald leise.

Das Mädchen: »Heute ist der Tag Allerseelen. Denkst du nicht daran,

Johannes, daß unser Volk hier herum sagt, wenn der Wind im Kamin so

sein Wesen hat, dann weinen die armen Seelen?«

Der Satansgedanke · 第 6 / 9 段