Nahezu drei Tage lebte der Verletzte noch. Schwach am Körper, aber

immer noch hellen Geistes, schien er an nichts anderes zu denken,

als Ordnung mit seinem Gotte zu machen, an dem der unerbittliche

Forscher, durch alle Irrgänge seines Denkens hindurch und trotz der

erschreckendsten Wahrheiten, die er sonst entdeckt, unverbrüchlich

geglaubt hatte. Er sagte nichts aus, kannte keine Rache, verzieh

seinen Feinden, und als sein Freund, der Pfleger und Stadtrichter von

Hallein und der kaiserliche Notarius Kalbsohr den letzten Willen des

Sterbenden entgegennahmen, fanden sie ihn auf einem armseligen Bett

von Reisig sitzend, schwach, aber bei Sinnen und hörten mit Rührung,

wie der Abschiednehmende sein recht kümmerliches Hab und Gut den

Armen vermachte. Nur eine Flasche mit Tinktur (sie wäre das größte und

gefährlichste Gift dieser Erde, wie er sagte), befahl er dem getreuen

Sympert Stainer auf der Salzachbrücke zu zertrümmern und in den Fluß zu

werfen.

Viel wird hier nacherzählt, wie Stainer die große Phiole gegen das Joch

der Brücke geschmettert hätte und die herausspritzende Flüssigkeit

augenblicklich das Wasser der Salzach, sowie sie es berührte, in

aufleuchtende Goldstaubwirbel verwandelt hätte, die sogleich,

schwerlastend, untersanken.

»Habt Ihr noch mehr solcher Tinktur?« riefen der erregte Freund und der

Notar, als der Student das alchymistische Wunder erzählte.

»Glaubt Ihr denn, man braut sie eimerweise wie das Bier?« sagte

Paracelsus, drehte sich gegen die Wand und verschied. Und das waren

seine letzten Worte gewesen.

Doktor Faust, dem all das erzählt wurde, fröstelte. Zuerst, weil er

dem Tode Tag und Richtung gewiesen hatte. Dann, weil er sich jetzt

völlig allein und in ganz Deutschland von niemandem mehr verstanden

vorkam. Und endlich, weil ihm jene letzte, ironische Äußerung des

Paracelsus ahnen machte, daß er eine Waffe gegen den Unermeßlichen, in

unermeßlich großer Masse, zu erzeugen unternahm. Ob das glücken konnte?

Aber Paracelsus hatte immer allein für sich hingeheimnißt und, geizig

und neidisch, all seine Entdeckungen verschwiegen. Er, Faust, hatte

Kaiser und Reich zu Laboranten.

Aber drei Tage sperrte er sich gegen alle Welt, auch gegen die ihn

viel anflehende Helena ab und ließ niemand an sich heran, fastete

auch und war gänzlich verstört und heruntergekommen, als er wieder in

seiner geöffneten Türe erschien und Auftrag gab, alles zur Abreise nach

Innsbruck zu rüsten.

Denn schneller, als er selber dachte, war der Befehl vom Kaiser

gekommen, die Arbeit im Felsenloch zu beginnen.

Faust konnte wieder lächeln. Er lächelte böse. »Gold.« Da wurde selbst

der grämlich gleichgültige Kaiser, in dessen Reiche die Sonne nicht

unterging, und der sich, gelangweilt, nur mehr an die Größe Gottes

anzulehnen schien, eilfertig wie ein hastiger Jude, dem ein Geschäft

entgehen könnte!

Helene Chrysoloras ließ den Kopf sinken, je mehr und leidenschaftlicher

ihr junger Vetter in sie redete.

»Ich liebe ihn,« sagte sie.

»Siehst du nicht, daß er angejahrt ist, daß seine Liebe alt und kalt

werden wird, daß du nichts zurückerhältst für deine dargebrachte

Jugend?«

»Ich liebe ihn,« sagte das Mädchen ohne jegliche Logik.

»Es ist unerwiesen, ob er dich liebt!«

»Was tut das? Ich liebe ihn.«

»Aber das kann nicht dauern! Es wird ein gräßlich Erwachen geben, für

dich und mehr noch für ihn, wenn er sich in deine Arme und in den Ton

deiner Stimme einspinnen ließe! Bist du denn im Traum? Donnern möchte

ich mit dem Worte: 'Es kann nicht dauern!'«

»Was dauert auf Erden?« fragte das Mädchen.

»Liebe kann ein leblang dauern.«

»Mir ist jeder Augenblick, da ich ihn liebe, die Ewigkeit.«

»Du bist sinnlos, behext, lächerlich!«

»O, laß mich das sein. Es ist schön!«

»Und wenn er dich mit seinen Künsten verzaubert hätte?«

»Ich würde ihm die Hände küssen dafür, daß er sich die Mühe um mich

gab, um mich allein auf Erden! Aber so schön und gut ist es mir ja

gar nicht vermeint. Er sieht mich nicht, beinahe er allein sieht mich

nicht.«

Stainer schwieg betroffen. Auch ihn sah Faust nicht. Er ließ ihn in

seine Nähe, denn längst ließ er niemanden mehr an sich heran und

selbst den Paracelsus hatte er bald, durch fremder Hände Wut, wieder

weggeworfen. Es war entsetzlich, wie dieser eine Mensch, der früher

um die Hochmeinung anderer bis zur Großtuerei geworben haben sollte,

menschensatt geworden war. Alle Lehrer trachteten und warben, offen

oder versteckt, um ihre Jünger und brauchten sehr diese durstigen Ohren

nach ihrem recht billigen und erbärmlichen Wort. Der allein benötigte

niemandes auf Erden mehr. Darum war ihm Sympert vor allem nachgezogen.

Ob er dem Faust auch noch verfallen blieb, wenn der ihn endlich doch

vertrauend an sich zöge und sein Wesen vor ihm ausleerte, das ja, wie

bei allen Vergänglichen, endlich auch zu Ende gelernt sein mußte?

Ja: Und die Helena nicht auch? Alle warben um sie, -- nur nicht der

unheimliche Fremde. Wenn auch der um sie warb? Vielleicht war das

unvernünftig verwöhnte und eitle Mädchen damit satt?

Er sah nach der Base, denn wenn sie sein Schweigen und Nachsinnen mit

Ärger oder mit Mißtrauen vermerkte, so war schon vieles gut. Aber das

Mädchen schien ihm bloß dankbar zu sein. Sie nahm ihn, als er wieder

reden wollte, an der Hand, drückte sie und legte ihm die andere Hand an

den Mund. Er sollte weiterschweigen, sie war so froh.

Nein, da schwieg er nicht. »Noch einmal, er ist alt.«

»Dann ist er vollendet und am Ziele der größten Bahn, die ein Mensch

jemals durchlaufen hat.« Das Mädchen hatte sich Zeit und Mühe nehmen

müssen, um überhaupt so gefällig zu sein, Antwort zu geben.

»Er ist nicht einmal schlank oder gut gewachsen!«

Helena sah auf. »Dem Wuchse sollte ich, ich nachgehen?«

»Du scheinst deiner eigenen Schönheit satt zu sein.«

»Nein, ich begehre von ihm die endlose und überirdische Schönheit der

Seele dazu.«

Das war dem sonst verschwiegenen Jungen zuviel. Nun mußte sein

eifersüchtiges und geängstetes Herz emporquillen. Er schämte sich, daß

er jetzt zum Verräter wurde, und in seiner Wut über die eigene Scham

fand er erst die reißend scharfen Worte zu dem, was jetzt unaufgehalten

losbrach.

»Die endlose und überirdische Schönheit! Bist du denn so ahnungslos?

Und hätte der verwichene Paracelsus recht, daß es keinen andern

Teufel gäbe, als den in der eigenen Brust, dann wäre der Doktor der

ungeheuerlichste von allen! Die ewige Schönheit: weißt du, wie er sie

sieht? In der Absage an Gott, in der Vernichtung seiner selber und

aller, in der Zerstörung des Hauses Gottes, dieser Erde.«

»Wie schön; und wie viel zu groß, um je geschehen zu können,« lächelte

das Mädchen.

»Viel zu groß? So sollst du wissen, daß er ganz gut weiß und es auch

vermag, gegen Gott aufzustehen und die Erde in Flammen aufgehen zu

machen! Weißt du, wozu er mich anwerben hat wollen? Ich soll ihm

helfen, das grausame Mittel, zu dem ihm der Paracelsus Lehrjunge hat

sein müssen, in eine entsetzliche Kluft im Tiroler Lande zu gießen, um

die allein der König und der Erzbischof wissen und die bis zum Abgrund

der Höllen geht. Dort soll sich's entzünden und so Gottes grüne Erden

auseinanderreißen und im überquellenden Feuer und Wasser verschwemmen!«

Das Mädchen sah den Vetter an, wie zu Wachs umgebildet.

»Was für wirres Traumzeug ist das?« fragte sie.

Er wirbelte noch einmal los und beschwor und bewies es ihr mit vielen,

jugendhaft heißen Worten.

Helena Chrysoloras hatte die Augen zugetan.

»Schläfst du gar schon? Hörst du das und bleibst verstockt?« schrie der

verzweifelte Junge.

»Das ist übermenschlich,« sagte das Mädchen, welches dennoch sehr blaß

geworden war.

»Teuflisch,« redete der junge Mensch in sie hinein. »Der hat sich, weiß

Gott, dem Widersacher nicht zu verschreiben gebraucht! Er selber ist

es, kann nichts anderes sein!«

»Ah,« sagte das Mädchen nur, und sie dehnte ihre Arme.

»Was, was um aller heiligen Leiden? Du bewunderst ihn?«

»Nein,« sagte das Mädchen. »Denn jetzt erst weiß ich, daß er der Liebe

bedarf.«

Vor diesen Worten freilich erstarrte der Student.

Wer nur kann sich unterfangen, das Leid einer einzigen Nacht eines

jungen Herzens abzumalen, welches liebt! Wer erst kann das Fressen der

Todesangst in Worte setzen wollen!

Und aber, wer kann das erhabene Aufleuchten einer Menschenseele

wiedergeben, die Leid und Todesangst überwunden hat und nun

sakramentsbereit ist für Vernichtung oder Gott!

Es war da ein armer, dummer, kleiner und schwermütiger Student;

verliebt bis zum Blutvergießen, verschwärmt bis ins Grenzenlose und

Tödliche. Ein junger, dummer Wurm ohne Reife, ohne Erlebnisse und ohne

lang dauernde Bereitungen oder Weihen. Und der hat das alles in einer

einzigen Nacht erlebt.

Wer ist, der es nicht glaubte? Und wer, der es glaubt, zweifelte

noch an Gott? Kann ein armes, junges, lebensgieriges Geschöpf solche

Zuckungen durchleben und sich dann todbereit in kristallschöner Ordnung

dem Morgen entgegenbieten?

Ist das möglich, wenn kein Ordner da wäre?

Bei solchem Leid? -- Eben durch solches Leid.

Jener unverstehbare Kreisezieher kann noch den durch Töne rhythmisch

gewordenen Sand auf der Glasplatte und die Figuren der gefrornen

Fensterscheibe ohne Leid ordnen, die Schönheit der Perle schon nicht

mehr.

Nun also. Es ging der Student anderen Morgens in einer feinen und

lieben Stille wie ein gezähmtes, kleines Tier zum Faust und sagte:

»Meister, jetzt komm' ich zum dritten Male und ich bin bereit, auch auf

meiner Seele Tod hin, mit Euch zu gehen bis an's Ende der Versuchung

und will mit Euch halten, diese Erden entzweizureißen, ohne dabei an

Angst oder Eitelkeit zu denken. Sondern ich will alles Gott überlassen

voll Vertrauen. Gibt er's zu, dann war seiner Geschöpfe Tod auch sein

Wille. Und gibt er's nicht zu, dann verzeiht er mir. Denn er hat mein

Leid gesehen.«

»Du liebst die Helena und sie hat dich verworfen,« sagte Faust. »Ich

steh' im Abreisen und drunten warten meine zwei Maultiere. Bleib

hier in Frieden. Der Frauen Herz ist wandelbar gleich dem unsern.

Unwandelbar sind nur die heillos Dummen. Bleib' und warte ab, bis dein

Frühling bei ihr blüht. Erde und Jahreszeiten drehen sich. Lebwohl.«

Und Faust stieg, ohne sich weiter nach dem Studenten umzusehen, auf das

weißgraue Maultier, das der römische König ihm geschickt hatte. Das

andere trabte, beladen mit dem Gerät des Magiers, hinterher und ein

Diener ging mit.

Faust ritt in Sinnen dahin, der Salzach entlang aufwärts. Als er aber,

bei Hallein schon, und das war mehrere Stunden weit, auf- und hinter

sich schaute, da trabte, wie ein Hündlein, der Student geduldig und

schweigsam neben dem andern Maultier, als gehörte er nicht zu ihnen und

ginge nur so wie Kinder, in der Einsamkeit und aus Bangigkeit, neben

den Großen her.

»Was hast du, kehr um,« fuhr Faust den jungen Menschen an.

»Ihr könnt auch noch mit dem Fuße nach mir stoßen,« sagte der und kam

zutraulich wie etwas ganz Gezähmtes näher an den Meister heran.

»Ich hab' dir gesagt, was ich will und was ich von dir denke,« bedrohte

ihn Faust noch einmal.

»Ja. Ja. Laßt mich nun nur erstmal erzählen, daß ich Euch verraten

habe. Wer zuerst nachfolgt und dann verrät, der mag ein Judas sein. Wer

zuerst verrät und dann nachfolgt, den mögt Ihr schon annehmen.«

Groß schaute der haßgewohnte Mann auf das Mannskind hinunter. »Lauf

nebenher und erzähl',« gebot er kurz.

»Erst muß ich Euch sagen, daß Ihr gestern recht rietet. Daß es mich, in

der ersten Verzweiflung, getrieben hat, Euch zu helfen, diese Erde nur

deshalb ganz und gar zunichte zu machen, weil die Einzige meines Lebens

mich verachtet und Euch liebt!«

»Mich, so,« sagte Faust geruhig.

»Ihr freut Euch nicht?«

»Ich weiß nicht: ich bin ungeziemlich weit weg von diesen, einstmals

lieben Dingen,« erwiderte Faust freundlich und fast bewegt.

»Aus Alter nicht,« sagte der Student.

»Ich will mit dir reden,« begann Faust nach einer Pause des

Nachdenkens, welche dem Worte des Jungen gefolgt war, der halb dem

Meister schmeicheln und Liebe erzeigen gewollt und halb die Urkraft

fühlte, die in dem stets unheimlichen Manne lavagleich verborgen und

versenkt schien. Immer ahnte man an ihm jene Ströme von Kraft, die zu

besitzen sich sonst nur die Jugend vermißt. Hier waren sie nicht nur

geblieben, sondern sie hatten sich zu ganz geheimnisvollen Figuren

geordnet.

»Ich will mit dir reden. Warum meinst du wohl, daß ich dich zu mir

gelassen habe und dir mein Herz weiter aufgetan, als irgend einem

Menschen? Denn sogar deinem schönen Mädchen würde ich nicht geben, was

ich dir eröffne.«

Der junge Mensch schwieg, aber er trabte pochenden Herzens neben seinem

Meister her. Da stieg Faust vom Saumtier, rief den Diener und gab ihm

die Zügel: »Reit immerzu mit den beiden Mäulern sachte voraus und

erwart' uns in Hallein.«

»Nun gehen wir zu Fuße nebeneinander wie zwei Handwerksgesellen und das

wollen wir auch sein,« sagte Faust milder und vertraulicher, als der

Student sich's je erwartet und vermessen hatte.

»Ich habe dir von Anbeginn an zugehört und dich aufmerksam beachtet,

wie du das Wort 'Ich' in den Mund genommen hast! Die Menschen lernen es

verbergen das 'Ich'; manche lernen nicht einmal das. Aber horch auf:

Der geheime Ton, mit dem ein Mensch das Wort Ich in den Mund nimmt,

verrät ihn rettungslos! Es hab' einer nun eine Nürnberger Uhr in der

Taschen und sage bloß: 'Ich hab' erst Glock Eins nach Mittags,' so

hörst du aus demselbigen Ich die ganze Beleidigung, daß ein anderer

Mensch oder eine andere Turmuhr sich vermessen könnten, eine andere

Zeit zu zeigen; -- auch wann die Sonnen drei Uhr nachmittags zeigte!

Gibt es das? Ja? Jetzt lachst du, und ich hab' doch aller Erden

größtes Elend berührt. Denn ich sage dir's: Ist das Gefühl, mit dem

wir dem Wurme oder den Sternen zusehen und das uns sagt: 'Das bist du

selber,' das allergöttlichste, so ist das Wort Ich das jämmerlichste

und schandbarste, das Gott, in einer namenlosen Verhöhnung dieser

Erde, schuf, oder entstehen und gelten ließ. Es gibt ein freudiges

Ich edler, unbefangener, junger Leute; das kommt so frisch wie aus

Gottes Odem daher und niemand nimmt's ihnen krumm; weiß auch jeder,

daß dasselbe Ich gerade bei Denselbigen später ein sehr beschämtes und

verschüchtertes werden wird, weil solche frische Menschen den Urgrund

all' der Lüge ahnen, der eben in diesem Ich bestehet.

»Dazu muß mancher alt werden wie ich selber, der ich das aufdringliche

Wort wie Trompetenstöße in die Welt hinausschreien gemußt, lächerlicher

als der Kuckuck sein'n Namen! Eben weil ich merkte, wie sich alles

darwider stemmte, rief ich's umso trotziger.

»Hätt' ein Mensch mir das gesagt, mit lieben und eröffnenden Worten,

was heute ich dir sage, ich wäre vielleicht ein schmiegsames Kind

Gottes geworden. So aber hab' ich dieses mein Wort immer zurückgeworfen

bekommen wie einen gehässig vermeinten Steinschmiß. Immer wieder

hat mir alles in der Schöpfung dieses Ich wieder ins Gesicht

zurückgeschlagen und schon hab' ich vermeint, daß ich zu Unrecht

dastände, wenn ich nicht gemerkt hätte, daß jegliches andere Ich sich,

wie um Leben und Seligkeit, selber gegen meines wollt aufspielen; wär

es auch so dumm, so räudhundsgemein und stinkig vor Gott und aller

Welt gewesen, wie ein krummbeiniger Köter. 'Ich, ich, ich' das ist

aller Welt Frechheit. Du allein hast es mit einem Ton geredet, als wäre

es dir geliehen und wäre ein zerbrechliches Gut, das du nur schnell

und heil weiterliefern müßtest. Vor dritthalbtausend Jahren warst du

vielleicht der Jünger Johannes. Und daß er zu mir kämet, wäre sowohl

dem Johannes gut gewesen, als auch mir. Denn du weißt, ich begehr

dieses Lebens und dieser Welt nicht länger.«

Der Zuweitgeratene, welcher sich 'der Faustus' zu nennen vermaß,

schwieg eine Weile und dem Schüler klammte das Herz, weil er fühlte, er

war nunmehr gänzlich erwählt oder gänzlich verworfen.

Im Innersten zuckte es ihm auch empor, es könnte das gar beiden Eins

sein, wie eine Kugel oder ein Ring sich ründen.

»Das 'Ich' muß weg,« sagte Faustus gedankenvoll. »Du selber weißt es

und hast es heute Nacht in dir erlebt. Ich weiß, mehr als du, wie sehr

du die Innsbruckerin mit dem griechischen Namen liebst.«

Der Bub' sah zu Boden.

»Ich weiß auch, daß du jeden auf Leben und Tod herausgefordert und

erstochen hättest, der sie dir nehmen gewollt. Da sandte der, den

du und Euresgleichen mit 'Gott' anruft, ein klein grau und bucklet

Männlein, das trieb mit aller Welt Zauberspäß, nur nicht mit der

Jungfrau neben dir, und sie warf ihm ihre Seele zu. Ich hab' ihrer

niemals begehrt, aber du bist mir damit zugefallen. Es steht ein

geheimes Leuchten in dir, das weiß ich; das ist der Tod. Aber es steht

unabirrbar in dir, weil du weißt, auch ich müsse sterben, auch sie,

auch alle, die sie dir später nehmen wollten und könnten. Ich hab'

ein lebelang gebraucht, um dahinzukommen, daß diese Welt zerschmissen

werden muß. Du hast bloß ein Mädchen verlieren müssen. Der eine Weg war

weit, der andere gar kurz. Beide sind unfehlbar die rechten.«

»Meister, ich hab sie geliebt, weil sie schön, aber mehr noch, weil sie

rein ist. Das ist so viel! Mancher Christ, ja sogar mancher Jud' würde

die heilige Jungfrau erfinden wollen, wenn die wirkliche abhanden käm

in den Herzen der Menschen.«

»Hast recht, hieß auch seit ewigher mit anderen Namen -- war immer

dieselbe,« sagte Faust. »Erst wann wir verlieren -- -- du Jungmensch!

Merk wohl auf: Du wirst dich noch verzweifelt an dein eigen Leben

klammern, wenn es soweit ist, daß wir die Lunten anlegen an Gottes

Spottgebastel! Merk' dir das: Sein Leben gewinnt man nur im Rausch,

sein Leben verliert man nur im Rausch! Im Augenblick, wo du hilfst,

diese Welt auseinanderfetzen, bist du Gottes Ebenbürtiger! Das darf

keine Eitelkeit sein! Eitelkeit kann nicht ohne Spiegel bestehen.

Wenn du aber jenes tust, dann gibt's keine Spiegel mehr. Aber das

lästerliche, lächerliche Ich hast du ausgerottet und ich mein', du

rinnst in diesem einen Augenblick, da du dich mit allem Geschöpf

dahingibst, mit Gott zusammen, mehr und größer als Christus!«

»Was meint Ihr, Meister,« sagte der Scholar nach einer Weile und immer

noch schaudernd, aber magisch angezogen: »Was wird der oder das, was

Ihr mit Gott meint, nachher tun?«

»Er wird wieder von neuem anfangen, gerad' so, wie ein Bienenschwarm

arbeitet, dem man den Honig zusamt dem Stock weggenommen. Aber so eine

Schandtat, wie er's mit dem Menschen zuwegegebracht hat, die gelingt

ihm kein zweites Mal wieder, des sei du versichert!«

»Um eines einzigen Herrn Christ willen möcht' ich die Menschen leben

lassen,« sagte der Junge zaghaft.

»Und um einer einzigen Helena Chrysoloras willen möchtest du sie

vernichten?«

Im Herzen des jungen Menschen schwoll und tobte es, aber Antwort auf

das, was er nicht zu sagen wußte, fand er nur in den Worten:

»Wer immer mich anheißt, Euch nachzulaufen,« »er schenke mir die Kraft,

auch neben Euch auszuhalten.«

»Es ist der Teufel, da magst du getrost sein,« sagte Faust ruhig und

fuhr fort:

»Was ich und du jetzt bedeuten, ist aber vor Gott ebensoviel, als das

schwankende Zünglein an einer Wage. Und die Wage ist das Gesetz und

das Gesetz ist Gott. Liebt er's, daß wir ihm antun, was wir vorhaben,

dann neigt er sein bewußtlos träumendes Haupt uns zu. Neigt er's nach

der andern Seite, so haben wir fehl gerechnet, oder es war noch nicht

reif. Denn die Menschen sollen künftig wohl einander selber, jeder den

andern auffressen. Dort sie hinzuhetzen, wären ich und du zu mitleidig.

Verdammt sind wir in keinem Falle, du schwankendes Kind!«

»Warum aber macht Ihr mit Eurer ungeheuren Gelehrsamkeit nicht das Wort

groß, daß die Menschen ja ohne Angst und Schmerz ihrer Zahl und dem

Gebären Halt gebieten könnten und die uns geläufigen Mittel anwendeten,

um ihrer wenige zu werden?«

»Narr du! Weil dann die Gedankenvollen aussterben und die Bestien

bleiben würden! Weil nicht alle Welt deutsch versteht und noch weniger

Leute das Gebot der Vernunft! Und wenn Holländer, Franzosen, Engländer

und Spanier, Italiener und Griechen sich ein Herz nähmen und sagten,

'der Doktor Faustus hat recht, lassen wir's gut sein mit uns und nicht

weiter,' so flutete die end- und grenzenlose Dummheit und Bestialitas

von Osten heran -- und überquölle unser gut angebautes und behaglich

gerichtetes Land, und triebe das alte Narrenspiel des Fleisches weiter!

Wenn auch sie Weise erzeugten, die ihnen zuriefen, daß sie knapp vor

Aschermittwoch ständen? Dann käme die neue Tierheit von wo anders.

Nein. All' das muß weg: Kalmücken und Großmogul und Türkensultan und

Westindien, und das liebe Deutschland und deine Helena -- alles.«

Von dieser Stunde an schwieg Faustus und ließ den jungen Menschen mit

sich selber fertig werden, sah auch kaum aus einem Augenwinkel einmal

nach ihm, bis sie in die Wälder an der Scheide des Berchtesgadner, des

Salzburger und des Tiroler Landes kamen.

Da erst sagte Faust zu dem Jungen: »Nun will ich dir eines der

Geheimniss' dartun, um derentwillen ich in der Welt riesengroß

beschrien bin und die du mit mir verachten lernen sollst, damit du

reif würdest, so jung du sein magst. Den Diener werden wir mit den

Saumtieren wegsenden; denn nunmehr werden wir den weiteren Weg durch

die Lüfte fliegen.«

»Fliegen!« rief der junge Mensch.

»Das hab' ich gewußt, daß du mich anstarren würdest, grauengeschüttelt!

Denn jetzt =muß= Doktor Faust des Teufels sein, weil er dir zumutet, zu

unternehmen, was jeder Spatz kann! Für die _canaglia_ heißt das ja 'ein

Wunder'. Bis auf den Augenblick, da es geschieht. Dann ist's =kein=

Wunder gewesen.«

Es war ein mächtig langer Sack, wie aus dünnem geöltem Zeug, der

sich gestaltete wie ein aufstehender Wurm, als der Doktor unter ihm

eine gelinde Holzkohlenglut angefacht und sie lang erhalten hatte.

Der Wurm, der sich immer mehr, zu des jungen Menschen Staunen, aber

nicht Entsetzen, aufblies, war aus Tausenden feiner kleiner und

durchscheinender Häutchen zusammengefertigt. »Ich hab' viel schwarze

Kunst und Alchymie treiben müssen, bis ich sie zusammengetauscht hatte

von den Goldschlägern, die damit ihr Blattgold aushämmern. Sie brennen

nicht leicht an; sei also getrost und hab' acht, daß die Knoten an

unserm Luftwurm sich nicht lösen, die ihn halten; sonst fliegt er uns

gar davon.«

Als das Ungebilde sich vollaufgebläht gegen den Himmel steifte und

in der waldeinsamen Spätabendluft rötlich zu schimmern begann vom

Widerschein des Holzkohlenfeuers, sah Faust den erregten Studenten an

und sagte ihm: »Glotz' nicht so dumm! Das ist mein Teufelsroß, auf dem

ich in einer halben Nacht von Prag nach Erfurt geritten bin. Der Rauch

steigt doch auch gegen Himmel? Und die Hitze eines Kamines? Ebenso.

Lass' sie eingeschlossen in einem so leichten Sack, na und? -- Wir sind

jetzt gleich einer Wolken.«

»Wie findet Ihr aber die Richtung?« stammelte der halb verstehende

Junge.

»Die sagen mir die Wolken und die Landkarten. Es ist dort oben stracker

Ostwind und das ist eine sehr beständige Luft. Die Wolken, die den

Gaisberg bestrichen haben und die viel höheren, die über Untersberg und

Stauffen hinwegziehen, die sind alle nach Tirol zu gegangen. Wir werden

mit ihnen streichen.«

»Meister!«

»Fürchtest dich?«

»Nein.«

»Wunderst dich?«

»Nach dem, was Ihr gesagt habt, nicht mehr so sehr.«

»Freust dich aufs Fliegen?«

»Das muß göttlich sein, oder teuflisch!«

»Flieg nur drei oder vier Stunden, dann wird's keines von beiden sein.

So, wie mir die Welt und alle Wunder Gottes. Bloß selbstverständlich,

und langweilig. Und mit Fleiß und Absicht nehm ich dich mit und zeig

dir mein Geheimnis, auf daß du entdecken mögest, was für ein Dreck alle

Erfüllung ist und daß es sich wahrlich nicht lohnt, das zu erreichen,

was jeder Mistfink längst kann. Und gar nicht darüber zerplatzt vor

Hochgefühl und Glück!«

Der Satansgedanke · 第 5 / 9 段