Da sah er aus dem Fenster eines Hauses die Griechin, welche mit

dem Namen auch den Ruhm des schönsten Weibes der alten Heidensage

trug. Ehe er einen fragenden Blick hinauftun konnte, ob er sich

unterwinden dürfe, dort oben bei der Dame Schutz zu suchen vor den

Begeisterungsstürmen einer Rasse, an welcher alles tierisch dumm und

verblendet ist außer ihrer Verlogenheit, ehe er also seine düster und

trotzig gebliebenen Augen nur um ein weniges erhob, weil er fühlte,

hier wurden sie schüchtern und knabenhaft, da breitete die Chrysoloras

auch schon beide Arme aus und rief hinunter: »Fauste, mein Doktor, komm

herauf!«

Jetzt wagten die Lärmbuben freilich nicht, dem immer rätselhafter

werdenden Manne zu folgen.

Da: erst berieten sich Kaiser, König und Fürst insgeheim, in ehrender

Form, mit ihm. Sodann mußte ihn der Teufel zu Wittenberg in eigener

Person holen, und nun schrie das stolzeste und von allen nur aus

scheuer Ferne angeglühte Mädel ihn mit ausgebreiteten Armen an:

'Fauste, mein Doktor, komm zu mir!'

Wenn =der= nicht hexen konnte -- -- --?

Droben aber ging ihm das Mädchen, welches jetzt schon verschüchtert

war, entgegen, faßte seine beiden Hände und sagte: »Ich wußte ja, daß

Ihr unmöglich zu sterben vermöchtet, ehe --«

»Ehe?« sagte Faust nicht ohne leichten Schreck.

»Ehe Ihr nicht das Größte vollbringt, was jemals ein Mensch getan,«

fuhr Helena ganz betreten fort, als sie seine weitauf prüfenden Augen

sah.

»Ihr ahnt? Und grüßt mich dennoch so?« fragte Faust in einer

Erschütterung, die ihm selber unerklärlich übers Herze rann. Da neigte

sich das stolze und schöne junge Weib über seine beiden Hände, die sie

immer noch umklammert hielt und küßte sie.

Stainer starrte ihn, wortlos geworden, an. Nein, da war kein

Siegeslächeln eines glücklichen Verführers. Er aber litt nur um so

mehr, weil er seine Base liebte; liebte mit aller Inbrünstigkeit des

Leibes und der Seele, die nichts anderes begehrt, als den Tod oder den

milden Ton der einen, tröstenden Stimme.

Faust, ohne einen Zug in seinem traurigen Antlitz zu verändern, trat,

etwas vorsichtig und zögernd, ans Fenster, aus dem er, in gebührender

Ferne, ruhig wartend auf die unten turbulierende Menge hinuntersah,

nicht anders, als wie ein geruhiger Mann, der auf das Ablaufen

schmutzigen Wassers bei einer Überschwemmung wartet. Wohl blickte er

einmal nach den beiden mit entschuldigender Geste zurück. Einmal,

dann noch einmal. Sonst tat er nichts, was einer Verbindlichkeit oder

Werbung für die schöne Jungfrau gleichgesehen hätte.

Helena sah nach dem Seltsamen hin. Ihre Augen schwammen in unwirklichen

Träumen.

Es war große Stille im braunverbälkten Zimmer, und drei Herzen

klopften, jedes in ganz anderem Schlage. Das eine zuckte in Verachtung

und Hohn; zugleich in Sorge, es könnte ein neuer Fallstrick Gottes um

sein Herz sich ringeln. Das Jungenherz ergrimmte sich in namenlosem

Trotz und Weh, weil es, zwischen dem Meister und der Seele aller

Seelen, eine unreine Verbindung fürchtete. Helena war verzaubert und

liebte. Sie liebte mit jener wunderbaren Verseeltheit, die niemals ein

Mann verstehen kann.

Manchmal hatte auch der Faust über Ähnliches gegrübelt: »Es heißt, das

Weib wäre die Materie und der Mann die Erlösung und Abkehr? Und dennoch

begehrt der Mann stets den Körper, das beste Weib aber immer jenes, was

man mit dem Wunderworte 'Wesen' ausdrückt.«

»Nie sehnt sich ein unberührtes Weib nach rasender Umarmung anders, als

um, gegen ihr reines, eigenes Gefühl, zu beweisen, daß es, liebend,

auch erdulden kann.«

»Kein schöner Junge wird das jemals verstehen und ergründen.«

Helena Chrysoloras sah nicht die sorgenhohen Schultern des ungroßen

und dennoch so großen Mannes und sah nicht seine ergrauenden Haare

und seine umfurchten Augen. Sie sah nur seine Verachtung, seine

Vergrämtheit und seine riesengroße Ferne von allem; -- auch von Gott.

-- Und von ihr selber.

Und so liebte sie ihn.

»Es geht also nicht anders; man muß die zwei Unheimlichen gegeneinander

hetzen,« hieß es bei den Ärzten und Professoren. »Es wird, je länger,

desto wilder in Salzburg!« Faustens rauschender Einzug, sein kaltes

Gesicht, das auf unsagbaren Hochmut schließen ließ, sein eisiger Hohn

über die falsche Wittenberger Todeskunde und die Enttäuschung der

Kollegen brachten alle auf.

Aber, wenn ihm einer in der Stadt an den Kragen konnte, dann war es der

Paracelsus, der in den Künsten Fausti ebensowohl erfahren sein mußte

wie jener. Und wenn einer an den Adepten und Arzt herankonnte, so war

es Faust allein.

Wie oft schon hatte man einen braven Italiener bezahlt, der dem Arzte,

welcher oft nächtlich einsam wandelte, eine abfertigende »Coltellada«

versetzen sollte. Immer aber waren Dolch oder Messer an dem Gefeiten

zerbrochen oder hatten sich krummgebogen. Kugeln, die aus sicherer

Entfernung nach ihm geschickt worden waren, prallten an ihm ab und

jaulten pfeifend in die Luft empor, als wären sie an einen Felsen

angefahren. Sie fielen dann wohl gar zu Füßen des erschrockenen

Schützen nieder, der sich heilig verschwor, niemals wieder auf den

Adepten zu zielen. Denn ein andermal konnte das viel unheimlicher

ausgehen! Man hatte nacheinander zwei, vom erzbischöflichen Gericht

zum Tode verurteilte Steinbockschützen, heimlich, unter der Bedingung

freigelassen, daß sie mit ihrem unfehlbaren Stutzen dem Paracelsus

auflauerten. Da geschah es, daß Paracelsus dem einen gebot, wieder in

die Haft zurückzukehren, wo ihn der sichere Tod erwartete. Und der

verzweifelte Kerl, welcher wußte, daß er auf eines Hirsches Rücken

geschmiedet in die Wälder gejagt und so elendiglich zerrissen werden

würde, stelzte am andern grauen Morgen steif wie eine Maschinenpuppe

vor die Schranne und sagte wie aus einem Traum heraus: »Ich bin der

Andrä Rabenaltl, der dem Erzbischof die Steinböck weggeschossen hat und

auf Leib und Leben gefangen sitzen muß.«

Worauf ihm, wegen seines sonderbaren Ausbruches, gar noch der Prozeß

wegen Zauberei gemacht wurde und er an einem Pflock erwürgt und dann

verbrannt wurde. So wenig war gegen den Paracelsus auszurichten.

Auch gegen Stein und Bein war der Adept gefeit; die Würfe der

geschicktesten Buben hatten ihn zwar getroffen, aber ohne Wirkung,

als hätte man Wasser nach ihm gespritzt. Einem aber war dabei der Arm

lahm geworden und das Übel hatte sich lange Zeit nachher erst gegeben.

Seither warf kein Straßenjunge mehr einen Stein nach dem Philipp aus

Hohenheim.

Ein namenloser Zorn und eine abergläubische Angst wühlte also in den

Widersachern und oft sehr rohen und dummen Mitbewerbern des Paracelsus

um ärztliche oder alchymische Kunst. Aber erst jetzt, nach drei Jahren

ohnmächtigen Grimmes, schien die Stunde gekommen.

Beide Männer waren gewaltig eitel und prahlerisch gewesen: das nun

mußte unter dem Einfluß des Weines wieder angefacht werden. Dann konnte

man sie gegeneinander stellen.

Dazu kam noch ein Böses.

Faust und Paracelsus waren einmal am Abend zusammen, und, noch gänzlich

in Frieden, aus dem Laboratorium des Arztes gegangen, wo ihnen Sympert

Stainer assistieren gedurft hatte. Aber die beiden Männer hatten bei

der ungeheuren Hitze des späten Septembertages erst Salzburger Bier,

dann eisgekühlten Klaret getrunken und waren jetzt scharf und reizbar

geworden.

So kam es zu einem Wortwechsel, den der Schüler zu belauschen vermochte.

»Ihr kommt ja doch nicht weiter,« hatte Faust ärgerlich gesagt, weil

sich das Geheimmittel wieder einmal mit furchtbarer Heftigkeit zersetzt

hatte, ohne daß jemand an die Phiole gerührt hätte, die im Felsenkeller

am Stein zur Beobachtung stand. Der ganze Felsen war nächtens von der

Explosion bis hoch hinauf an den Franziskanerberg aufgerissen worden,

obwohl nur ganz wenige Quentchen des Satanöles dort verwahrt gewesen

waren.

»Ja mein Gelahrtester,« hatte drauf Paracelsus erwidert: »Jahrelang,

wie Malvasier, und in einem Faßkeller, läßt sich das Salzsticköl (er

nannte es so) nicht bewahren und wenn Ihr etwan vermessentlich meint,

unseres Herrgotts Erdkugel damit auseinander zu treiben, dann hat's

noch gute Weg' damit!«

Es war ein Glück, daß der scheue Arzt dabei mißgünstig abseits und zu

Boden schauen mußte, als ängste er sich selber über die Wirkung dieses

Wortes; denn Faust war aschengrau geworden über das ganze Gesicht. So

angreifend war dieses plötzliche Entfärben, daß der junge Scholar, in

jähem Erkennen und Entsetzen, alles erriet und selber gelb wie Käse

wurde, als er Faustens Verfärbung bemerkte, die ja schnell wich.

Aber in die Wangen des jungen Menschen kam lange Zeit keine Farbe

wieder, Faust selber bemerkte das recht wohl.

Ruhig sagte er: »Ich hoff' auch, die Welt erst zu meinem seligen

oder unseligen End' auseinander zu sprengen. Und daß das recht weit

hinausgeschoben sein mög', des werd' ich mich gar wohl zu versichern

trachten.«

»Ich weiß nit,« murmelte Paracelsus, »wie lang Euer Kontrakt mit dem

Unterirdischen reicht.«

Faust tat, als hörte er nicht, reichte aber dem Arzte, beim Abschied,

zum ersten Male nicht die Hand hin. Ein langer Blick aus den

schwermütigen und argwöhnischen Augen des Paracelsus begleitete ihn,

als er schied.

Stainer blieb zurück und hoffte begierig, daß der Adept nun eine oder

die andere Äußerung über Faust und sein gräuliches Vorhaben machen

sollte. Aber Paracelsus lachte kurz und ganz sonderbar verlegen, sandte

den jungen Menschen auch gleich in auffälliger Hast von sich fort.

Stainer wußte nicht, wie ihn die Füße zu seiner ruhigen Base trugen,

bei der alle Herzensnot und Angst sich für ihn sonst immer zu lösen

pflegten.

Faust aber ging in sein Quartier auf die Bischofsfeste hinauf, langsam

und absichtlich zögernd, damit die Sonne untergehen und Stern auf Stern

am verdunkelnden Firmament sich entzünden könnte.

Er beobachtete ihren Gang, er spähte, wie erst die großen, dann die

mittleren Sterne sich sichtbar machten, dann stellte er mehrmals das

Astrolabium prüfend ein, schrieb einige Zeichen nieder, schüttelte

wieder den Kopf, wurde ungehalten, als ihm ein Diener das Abendmahl

bringen wollte und wies es gänzlich zurück. Dann blieb er in die

emportauchende Nacht hinein auf der obersten Plattform des Reckturmes

und spähte dem Zug und der Drehung der Gestirne nach. Immer wieder

blickte er nach Osten, wo neue Sternscharen emporkamen, nickte den

untergehenden nach und besah die, sich heutigen Tages nahenden, mit

Aufmerksamkeit. Als dann die Mitternacht von den vielen Kirchentürmen

der Bischofsstadt, mit dem eigentümlich feuchten und verschwimmenden

Ton der Salzburger Glocken, zu schlagen anhub, stellte er das Horoskop

des Philipp von Hohenheim, genannt Aureolus Theophrastus Bombastus

Paracelsus.

Dann versank er bis in den Morgen hinein in Berechnungen, schrak

plötzlich zusammen und rief leise empor: »Dann muß es bald sein

oder nie! Wenn er nur im Eintritt der Herbst- Tag- und Nachtgleiche

angreifbar ist, so könnt' ich ein Jahr verlieren!« Hastig blätterte er

noch in einem Kalender, den er selber angefertigt hatte und sagte dann

mit bestimmtem und drohendem Tone: »Heute noch!«

Senkrecht über der Vorstadt Mülln am Felsen lag, vor die Bürgerwehr

geklebt, auf einer kleinen Bastion das Wirtsgärtlein zum Lindwurm. Dort

zechten heute, wegen der wunderbar föhnigen und lauen Septembernacht,

die Doktoren und hatten alle schon rote Köpfe. Das war nicht gut,

obwohl es ihnen Witz und Mut zu allerlei Hetz- und Neckreden machte.

Denn der Doktor Faustus, der in Heidelberg, in Köln und Ingolstadt

die ältesten Rauf- und Zechhelden unter der deutschen Studentenschaft

bis zur Übergabe und Schandbarkeit niedergetrunken hatte, saß immer

noch unbewegten Gesichtes unter den Herren, die immerfort ihre beiden

Gäste durcheinander rühmten und feierten, und bei dem vielen Zutrinken

selber mehr Geschmack am ausgezeichneten Weine bekommen hatten, als an

der Hetze und an ihrer Rache. Nur ein paar stillere, blasse und kleine

Beobachter mahnten immerzu, behutsam, zur Vorsicht und zur Tat.

Jovial zurückgelehnt versicherten die stärkeren Männer aber

fortwährend, es habe noch lange nicht angefangen und der Spaß möchte

sich doch nur hinziehen. Bald würden ja der Paracelsus und der Faust

rote Köpfe wider einander bekommen und dann gehe das große Hahnenspiel

an.

»Den möcht ich sehen, der wider den hochberühmten Faustum irgend eine

Kunst der Erden wüßt, sie gegen ihn zu verwenden,« rief ein kleiner,

magerer Herr mit großer Begeisterung. »Es haben einmal vier Zauberer

seine Berechnungen mit List zu stören versucht und der Doktor hat sie

gewarnet; es wär einer im Zimmer, der ihm dawider wäre, er möcht davon

ablassen, sonst erging es ihm übel! So gutmütig erwies sich unser

Doktor gegen seinen Widersacher. Aber der andere schlugs in den Wind.

Da ist es sehr übel ausgefallen für jenen!«

»Ja,« sagte Doktor Faust. »Er war sehr bald tot. Und ist nicht

einmal gerichtlich ein Lärm gemacht worden, deshalb, weil ich gute

Zeugenschaft hatte, daß er selber sich in den Tod hineingetan hat, wie

denn jeder Mensch immer seinen Tod selber mit Fleiß vorbereitet, er mag

tun, was er will: auch ausweichen; er arbeitet immer sehr geschickt an

seinem eigenen End'!«

»Bei den Trinkern mag das sein,« sagte der Theophrast. »Auch bei den

Buhlern. Aber da, haha, da fällt mir ein, der Doktor Faustus habe ja

einmal die griechische Helena zu Erfurt vor die Studenten gezaubert?

Dabei sollen die jungen Herrn vor Erinnerung und Begierde die ganze

Nacht nicht haben schlafen können. Da wir nun doch zusammen als

Confratres sitzen und uns nichts übel nehmen wollen, so mag uns der

Doktor doch mit Vergunst erzählen, wie ihm selber die Erscheinung

bekommen habe?«

Nun war die Geschichte mit der Flucht des Faust zu der schönen

Chrysoloras und seine freundliche Aufnahme bei der gefeierten Jungfer

schon so sehr in aller Mund, daß ein gewaltiges Gelächter losdonnerte

und Faust Mühe hatte, sein unbewegtes Gesicht zu bewahren.

»Heraus damit, wie wars mit der Helena?« schrien die Gesellen.

»Sie war ohnemaßen schön,« sagte Faust feierlich.

»Und habt Ihr die Roll' des schönen Paris weiter geübt mit ihr?« rief

ein mächtiger, rot angezechter Medikus.

»Sie war noch nicht reif dazu,« sagte Faust im gleichen Ernst.

»Oho, in der Ilias steckt manches, das sie als recht reif für allerlei

Mannsen schildert,« rief ein anderer.

»Jegliches menschliche Wesen scheint diese Erden, wie ein Komet,

in einer Parabel zu streifen, wie Ihr gelehrten Herrn Ärzte denn

im langsamen Reifwerden und langsamen Altern eine auffällige

Kurvengleichheit mit einer Parabel finden werdet. Die Parabel aber

hat ihren Schluß unermeßlich weit draußen, gar nicht zu errechnen und

wann sie wieder auf die Erden zurückschwingt, diese Kraft, welche

Helenen oder Paracelsum oder sonst einen der Herren hier, ins hiesige

Erdenlicht geschleudert hat, das ist sehr schwer auszurechnen. Manche

Parabel ist breit, kurz und stumpf. So kommt zum Beispiel der Herr

Doktor Würstl sehr bald wieder auf die Erden und wird abermals, eitel

wie ein Sonnenstäublein, in ihrem vergänglichen Lichte kreiseln.«

Groß Gelächter schallte auf, einige aber riefen: »Weiter, weiter von

der Helena!«

»Mit der Helena verhält es sich so, daß ich nicht die Macht habe, eine

Tote zu erwecken; aber manchmal kann ich von der Zukunft zuleihe nehmen

und aus ihrer Sphäre Licht oder Schatten abziehen, wie Wein, wenn

sie nahe genug ist, und die Ziehkraft der Gestirne günstig. So mußte

Helena, bei ihrem Wiederschwung in den schmalen Sonnenstrahl, der in

unser Erdenzimmer fällt, nicht mehr weit sein, sonst hätte ich sie

nicht in _materia_ zwingen können.«

»Mir scheint auch, sie wird nicht weit von hier sein,« gröhlte ein

betrunkener Herr. Einige lachten, andere machten: Kscht!

Faust behielt sein unbewegtes Antlitz. Ein anderer aber rief:

»Und ich muß dennoch wieder sagen: Weder kann uns ein anderer

Sterblicher die Helena wiederzaubern als nur der Doktor Faustus, noch

kann ihm irgendwer durch seine Kunst Schaden zufügen! Niemand! Und

mischte der Paracelsus selber das Gift, er kann ihm nicht an.«

»Paracelsus könnte mich im Augenblick töten,« sagte Doktor Faust

abermals ernsthaft und fast leise. »Redet nicht so laut und reizt den

Hochberühmten nicht, von dessen Wissen Ihr keine Ahnung habt. Denn er

wäre der einzige, dem ich mich überwinden würde, zu sagen: Rabbuni,

Meister.«

»Könnt's auch,« sagte der Paracelsus scheinbar kalt. Innerlich aber

glühten ihm Wein und Zorn, weil er, in seinem Mißtrauen, Fausti ehrende

Worte für Hohn und Ironie nahm.

Faust begann wiederum: »Mein Doktor, ich meine das im Ernst und nicht

Ihr braucht's mir zu sagen, sondern ich selber rede davon. Ich weiß

wohl, daß mir alles, außer äußerer Wohlgestalt, von der Natur geschenkt

worden ist und auch meinen Mangel hat mir die Vorsehung weislich

gegeben, damit ich bei meiner leichtsinnigen Art nicht gänzlich in

bloßen Sinnengenuß verfallen, sondern ein wenig leiden und grübeln

möge. Unser aller Meister und Vorbild aber, der Doktor Paracelsus, kann

jahrelang vor einer verschlossenen Pforte stehen und mit dem Engel des

Schweigens ringen, bis der sich überwunden gibt und ihm auftut und

antwortet! Das ist mehr, als mein Genius oder Dämonion mir leichthin

schenkt. Es ist auch mehr, als eure Forschung, meine Herrn. Es ist ein

ewiges Feuer, davon dann und wann einer von uns ein Fünklein haben mag,

er aber sitzt und hütet den ganzen Hort. Paracelsus hat das Beste, was

dem Menschen gegeben sein kann. Was uns andern höchstens gnädiglich zu

erraten gegeben ist, das ergräbt und erarbeitet er, und müßt er seinen

Weg durch Eis, durch Eisen, durch Feuer und selbst durch ein Heer von

Kollegen hindurchgehen!«

Diesmal schwiegen alle, nur Paracelsus lachte auf und trank einen

tüchtigen Zug, setzte den Becher ab, sah noch einmal mißtrauisch auf

Faust hin und sagte: »So Ihr nicht wieder gescherzt habt, mein guter

Doktor, so will ich Euch alles abbitten, was ich im Argwohn gegen

Euch gesagt hab'. Es ist ja wahr, ich verfolg' meine Fährten, wie die

Natur sie mir weist, als ein armer Spürhund Gottes. Aber so, wie wir

alle zusammen das Schwert niederlegen vor der Schönheit, mit der Satan

einen Anachoreten besiegen, und hinwiederum Gott den Teufel zähmen und

gut machen könnte, so hab' ich die größte Ehrfurcht vor dem Ingenio,

auch wenn es sich wie ein rechtes Kind, das es immer ist und sein muß,

alles schenken lässet. Und darum wünsch' ich Euch, mein lieber Doktor,

es mög' Euch das Letzte und Schönste geschenkt werden, was Eure sich

neigenden, aber immer noch rüstigen Tag' vergolden könnt. Auf daß Ihr

auch in der Frauenliebe seid, was Ihr Euch sonst mit Recht nennet:

Faustus, der Glückliche.«

Die beiden berühmten oder doch mindestens beschrieenen Männer tranken

sich Bescheid und murmelnd und verdutzt sahen die Neidharte zu, wie

sich beide Männer eher zu verbünden als zu verfeinden schienen,

infolge der ganz unerwarteten Milde und Herzlichkeit des ehedem so

großprahlerischen Faust, der niemand neben oder gar über sich gelten

lassen gewollt.

War es das Alter? War es die Liebe? Die Doktoren rieten auf alles,

nur auf das eine nicht, daß es der nahe Tod war, der den Unbändigen

bescheiden, ja scheinbar liebevoll gegen den Paracelsus machte, weil

der ihm unerbittlich voraus mußte. Er störte seine Zirkel.

Der Paracelsus kam jetzt sehr schnell wegen seiner Wissenschaft mit

einem starken, feuerroten und dicken Fünfmaßweindoktor in Streit, dem

sich andere lärmend beimengten. Da schlich ein kleines, gelbes Männlein

an Faust heran und zischelte ihm zu: »Ihr, der weitaus Berühmtere und

Geistesmächtigere werdet doch dem Handarbeiter, dem Laboranten nicht

schmählich den Vortritt lassen? So zahmes Zukreuzekriechen eines großen

Mannes hab' ich meiner Tag weder erhört noch für möglich gehalten!«

»Was soll ich gegen den Paracelsum, was vermag ich denn gegen

ihn,« sagte Faust seufzend, als sähe er selber ein, daß da nichts

auszurichten wäre und ließ resigniert die Arme sinken.

»Ist er denn ganz und gar unangreifbar? Gott hat tausend sterbliche

Stellen am Menschen gelassen. Der Teufel läßt nur eine. Aber die ist

da, und Ihr wüßtet sie, wenn schon nicht anzugreifen, so doch zu

nennen.«

»Das wißt Ihr selber,« gab Faust trübselig lächelnd zurück. »Er ist

gegen Eisen und Blei, gegen Stahl und Stein gefeit; nur ist niemand

gegen das Holz gefeit, weil es sich in aller Schöpfung nicht begeben

darf, daß ein Mensch weiterleben könnt' an derselben Materie, an der

der Heiland gestorben. Wenn der Doktor durch einen fallenden Baum

getroffen würde, wie ich wähne in seinem Horoskop gesehen zu haben,

oder selber gegen einen Baum fiele, was nach den dunklen Zeichen

ebenfalls möglich wäre, dann müßte er wohl versterben. Denn mit

Knütteln wollt Ihr ihn doch nicht erschlagen, meine Herrn. Das wäre

eine Schande und ein Unglück für Euch alle!«

Faust stand auf und sah dem Doktor gerade ins Gesicht, so daß der

zurückwich: »Ich will dem Paracelo nicht zuleibe,« rief er.

»Ihr wollts,« sagte Faust, »so wie Ihr es mir wolltet. Mir tut Ihr

nichts, denn ich reis' in dreien Tagen ab und überdies kenne ich auch

meine Stund', die nicht in der Hand von Euresgleichen liegt. Dem Doktor

da drüben aber ist diese Nacht gefährlich, das sag' ich Euch und hab's

herausgelesen aus meiner Kunst. Wollt Ihr sie nützen? Heute kann's

geschehen, und sonsten in Jahrfrist nimmer. Das sag' ich Euch, aber

meine Hand biet' ich dazu nicht anders. Und nun gehabt Euch wohl, weil

wir uns doch in diesem Leben nicht mehr sehen.«

Ehe der Doktor etwas erwidern konnte, war Faust, ohne Urlaub zu nehmen,

schon im Dunkel verschwunden und niemand merkte es, weil das Lärmen

um Paracelsus immer ärger wurde. Der große, rote, angetrunkene Arzt

brüllte vor Wut, Paracelsus antwortete immer mit kleinen, kurzen und

eisern ruhigen und schlagfertigen Sätzen. Alle andern hatten auch

schon rote Köpfe. Der kleine Doktor, der wenig getrunken hatte und

sich vorsichtig und kühl verhielt, fürchtete, daß Paracelsus die

Gesellschaft vorzeitig im Zorne verlassen und ihnen so entgehen könnte.

Oder sie zogen die Messer und Degen gegen ihn und verschafften dem

Gefeiten einen neuen, abergläubischen Triumph. Ja, es schien, als

wollte Paracelsus das ertrotzen, daß sie ihn zu erstechen versuchten,

um sich an ihrer vergeblichen Mühe schrill zu lachen.

Da trennte der kleine Doktor geschäftig und geschickt die Streitenden,

und indem er sie zu begütigen suchte, redete er leise und eindringlich

mit dem einen und dem andern, von denen sich sogleich jeder verdutzt

nach dem inzwischen entronnenen Faust umsah.

Aber niemand zweifelte an der Tüchtigkeit des Rates, den ihnen der

Schwarzkünstler, wie von ungefähr, hinterlassen hatte.

Jetzt umgaben immer größere Gruppen versöhnlich und vermittelnd

die noch Streitenden und den übermütigen Herausforderer der ganzen

Kollegenschaft. Sie riefen, es wäre zu viel und wäre auch zu spät

und man müßte heimdenken. Einige umringten den ziemlich angezechten

Adepten und torkelten mit ihm hinter den andern her, auf allerlei

Schlängelwegen an Felsen den Steilpfad nach der Stadt hinunter suchend.

Faust vernahm schon am andern Tag in der Frühe vom entsetzten Stainer,

daß das Gastgebot der Ärzte übel geendet hätte. Der Paracelsus wäre

von etlichen Doktores oder vielmehr von deren jungen Vikars ergriffen

und über den Felsen heruntergestürzt worden, dort, wo die Felsputzer

eben mehrere Bäume abgesägt hatten, welche längst den Stein zu sprengen

und auf die Häuser zu stürzen gedroht hatten. Es standen dort viele

Strünke und dazu lagen auf einem Felsbändel auch die Stämme noch

langhin. Dorthin wäre der Paracelsus abgestürzt und hätte lange Zeit

jämmerlich gestöhnt, bis andere in ihrer Angst ihn geholt hätten, mit

Seilen aufgezogen, wobei er fortwährend vor Schmerzen schrie. Wegen der

schweren Verletzungen des Paracelsus, die sonderbarerweise von außen

nicht sichtbar wären, hätten diese Gemäßigteren und Abgekühlten ihn

dann in sein Quartier am Stein getragen, ihn vermahnt, wie alles nur

aus Trunkenheit und Streit erstanden wäre und ihn dann, der sich alles

Reden verbeten, in Pflege gegeben und verlassen hätten.

Der Satansgedanke · 第 4 / 9 段