Kaiser gebracht, lebhaft und indem er mehrmals seine Hand auf den Arm
des römischen Königs legte, wie um einen Bundesgenossen und Zeugen
anzurufen, wie Faust vor längeren Jahren in Innsbruck dem Kaiser eine
galante Ovation mit seiner Kunst gebracht hätte. Mitten im Winter wäre
morgens im Schlafgemach des Kaisers, als der erwachte, ein reizvoller
Lustgarten erstanden, wie er im Lande Italien nicht lenzlicher blühen
hätte können! Veilchen, Narzissen und Orangen zugleich hätten geduftet
und alle köstlichen Früchte des Südens wären zugleich, an beladen
hängenden Ästen, gereift. Dazu war die feinste Musik, ganz leise und
dezent, und immerzu jauchzten die Vöglein ihr Frühlingsglück von den
Ästen. Der Kaiser verzögerte sich in seiner Verwunderung wohl über eine
Stunde und sah den holden Zauber an; als er aber seinen Truchseß und
andere Herrn vom Hofe heibeirief, auch Befehl gab, man sollte geschwind
den römischen König holen, da fegte ein kühles Herbstwindlein durch
den Saal, die Blätter gilbten, welkten, fielen; die kleinen Vögel
flogen fort, das Staudenwerk zerdorrte, zerfiel in Staub, und alles war
vorüber, ohne daß eine Spur im Saal verblieb.
»Mir hat der Doktor das nit vergönnt,« brummte der römische König mit
lächelndem Vorwurf.
»Weil ich für Eure königliche Majestät was anderes bewahrt hab,« sagte
Faust.
»Ei, das muß man hören,« riefen beide hohe Herrn. »Was denn?«
»Gold,« sagte Doktor Faust.
Hochauf lauschten die Fürsten, auch der von Salzburg, bei dem Worte.
»Gold zum Kriegführen, und dazu ein furchtbarliches Zerstörungsmittel,
das alle Feinde Eurer Majestäten in Staub schmettern und zerreißen
wird. Wegen letzterem wolleten die Majestäten nur den hier anwesenden
berühmten Gelehrten und Alchymisten Theophrastum Paracelsum ab
Hohenheim fragen.«
»Es ist ein ganz erschreckliches und gräßliches Gewaltmittel,« sagte
Philipp von Hohenheim, »und ich vermesse mich vorauszusagen, daß es
dadurch noch Ende dieses Jahres keinen Feind auf Erden mehr wider die
Majestäten geben könnt'. Aber was das Gold angeht, das setzt mich doch
selber in Verwunderung. Ist doch der Doktor nicht einer von den Reichen
und da wär mir der Manuel Chrysoloras schon lieber und sicherer.«
»Das sagt der Goldmacher selber?« rief belustigt der römische König.
»Das sagt der Goldmacher selber,« wiederholte Paracelsus sehr ernst.
»Eben, weil ich weiß, daß die alchymistische Kunst das gelbe Metall
zwar mit vieler Müh' erzwingen und herstellen kann, daß aber die
erhaltenen Bröcklein so gering sind in Ansehung der Kosten und Mittel
und Zeit, und der Gefährdung, daß solches Gold zehnfach und noch
viel teurer zu erstehen kommt, denn das von Gott geschaffene und in
ehrlicher Menschenarbeit ergrabene.«
»Wenn die hohen und höchsten Herrschaften mir hier unter ihrer
kaiserlichen und königlichen Ehr' versichern wollten, was es mit dem
auf sich hätte, das ich zugesagt und versprochen hab',« sagte Faust,
»so wollt' ich vor dem von Hohenheim, der Meister in der alchymischen
Kunst ist, wohl mein Geheimnis lüften.«
»Das sagen wir dir bei unserem heiligen Amt und bei unserer Kronen
zu,« sagte der Kaiser und legte seine Hand in jene des Königs und des
Erzbischofs.
»Nun wohl denn, so will ich zuerst davon reden, was der Paracelsus
recht gut weiß; daß das Geheimnis des Goldes eine ganz erschreckliche
Glut und ein Druck ohnemaßen ist; -- =eines= der Geheimnisse des
Goldes,« fügte er hinzu.
Paracelsus nickte.
»Ferner weiß sowohl der Paracelsus, als auch die höchsten Herrschaften,
zumindest mein gnädiger Herr Salisburgensis, daß man das lauter und
gediegen Gold zumeist am Quarzkiesel findet, an dem es hanget und aus
dem es entstand.«
»Das ist wieder wahr,« sagte der Erzbischof.
»Zum dritten ist bekannt, daß man solches Gold aus dem trächtigen
Kiesel mit Zuhilfenahm' der Glasmacherseifen, oder, wie man auch sagt,
des Braunsteines scheidet.«
»Ah,« rief der Erzbischof erratend.
»Nun weiß hier mein gnädiger Gönner, der hochwürdigste Fürst der
Kirche, daß in dem Eurer römisch königlichen Majestät erb- und
eigengehörigen Lande Tirol eine Kluft tief in die Erden gehet; da
kömmt ein geringerer, goldhältiger Quarz neben dem Porphyr vor und
ist zusamt vielem Braunsteine in diese so erschrecklich tiefe Kluft
hinuntergestürzt, daß meines gnädigen Bischofs Hochwürdigkeit sogar
Zweifel ausgesprochen hat, ob sie nicht gar bis ganz nahe ans ewige und
höllische Feuer heranginge.«
»Ich hab' von dieser Kluft gehört,« sagte König Ferdinand.
»Nun haben wir das Gewaltöl; und können wir davon erzeugen so viel,
daß diese Kluft unten gar ausgefüllt werden könnt', da würde, wenn
man es mit einem Fett oder Terpentin zur _explosio_ brächte, in dem
Porphyrgestein eine solche Gewalt der Pressung entstehen, daß der
Quarz, der seit Anbeginn der Schöpfung dort noch nie unter ähnlichem
Druck gestanden hat, sich verfinge und ummodulierte und das in ihm
eingeheimnißte Gold ganz und gar herausgäb, unterstützt von dem
schmelzenden Braunstein.«
»Das könnt sein, das könnt ja sein!« rief der von Salzburg, und sogar
Paracelsus nickte verwundert: »Ich sag' nicht nein.«
»So kommet denn, beide Herrn Doktores, zu gelegener Zeit, die wir euch
wissen lassen werden, gegen Innsbruck,« sagte der Kaiser und erhob
sich. »Zwei solche Köpfe, der heiße des Faustus und der kühle des
Paracelsus, die werden's vielleicht wohl zwingen.«
»Ihr seid mit solcher Mitarbeiterschaft wohl zufrieden, Faust?« fragte
der Erzbischof, und Faust erwiderte mit tiefer Reverenz gegen den
Paracelsus: »Es ist mir eine Erleichterung und eine freudige Hoffnung
dazu! Denn mit solchem Collaboranten zur Seite =muß= es gelingen!«
Jetzt lächelte sogar der schwermütige Paracelsus, der eitel und darum
leicht geschmeichelt war, und mit Ehren, wie man sie sonst nur großen
Herrn erwies, wurden die beiden Doktores entlassen. Draußen drückte der
Paracelsus dem Faust die Hand.
»Ich hab' Euch in meinem Innern Unrecht getan,« sagte er. »Aber jetzt
bitt' ich Euch das ab, dank Euch und vermein, es werd' uns endlich
Lohn und Segen werden; beiden, auf unsere alten Tag'. Wenn das Wunder
gelingt. -- Ich bin mancher Praktiken dazu kundig und will Euren
Gedanken, nachdem wir die Stell' besehen, verbessern und ausarbeiten,
was und so gut ich's vermag.«
»Das wollt' ich Euch gebeten haben, hochweiser Herr Kollega,« sagte
Faust und nahm Urlaub vom Arzte.
Wie leicht auszudenken ist, war bei denen Doktors in Salzburg laute und
stürmische Rede und noch mehr heimlich grabender und fressender Neid ob
der Berufung der zwei Landfremden zum Kaiser und König. Denn keiner der
Mediziner, ja nicht einmal einer von den Theologen hatte solcher Ehre
teilhaftig werden können, und außer den Chrysoloras waren nur ein paar
adlige Herrn vom Domkapitel mitgefahren.
In Salzburg wachsen keine Hiobs, wohl aber sind dort viel knorriger
Fäuste zu finden. Erst ging die Rede, daß man den beiden Marktschreiern
mit einer Ehrenketten aus gut gedrehtem Hanf entgegenkommen müßte;
jedem eine, und darüber einen Stammbaum, irgendwo an der Mosstraßen, wo
die Raben ohnedies immer hungrig blieben. Dann gewannen die feineren
Stimmlein aufmerksame Ohren; die spannen aus, man müßte eben die zwei,
die sich ohnedas nicht recht vertragen konnten, aufeinanderhetzen
und das Geschäft, welches die Doktors an ihnen vorhatten, selber
besorgen lassen. Es sollte also an beide ein Gastgebot ergehen, so,
als wenn man sie dankbar feiern wollte, daß sie die Salzburger Hoch-
und Domschul und ihre Wissenschaft zu unerhörten Ehren gebracht, an
der natürlich alle Anteil hätten, Doktores, Magister und Studenten.
Dann im Weindunst würde die eine Hälfte wider die andere zu streiten
anfangen, wessen Verdienst das größere wäre. Die einen wollten dem
Prahler Faust mit Honigseim ein ganzes Wonnenbad bereiten, während
die andern 'dem exakten und erfreulich nüchternen Paracelsio' eine
Festpforte aufzuputzen gewillt waren, während ihnen Faust als ein
unklarer Wirbulant zu gelten hatte, dem's einmal von ungefähr gelingen
wollt, und zehn andere Mal nicht.
Es war dem auch so. Paracelsus hielt sich, immer mehr, je älter er
geworden war, an den klaren und scharfen Verstand und alles verachtete
er, je länger desto mehr, was nicht vor der Vernunft bestehen konnte.
Faust verachtete gerade die Vernunft, welche ihm die kältesten,
schlechtesten und verächtlichsten Menschen zu erziehen schien mit
immer größerem Hohn. Er sagte, ein Arzt mit bloßer Vernunft lerne es
wohl gut, Menschen zu behandeln (_id est_ betrügen), aber nimmermehr
Krankheiten! Ein Juriste werde nichts als ein heimlicher Scharfrichter,
oder, wenn er sich gar zu den Advokaten geschlagen hätte, ein Schinder.
Ein Handelsmann würde zum dreifachen Juden, weil ihm dann die
Frömmigkeit zur Wohltätigkeit und Dankbarkeit des Juden fehlte. Und
ein Kriegsmann oder gar ein Fürst? Wohin der mit allzu großer Vernunft
hinkäme, das hätte man ja sattsamlich am Vater und Sohn Borgia in
Italien erlebt.
Die dem Faust nun näher standen, erkannten, daß er sich seines großen
Wissens sehr wohl zu bedienen wußte, aber oft nur zu Betrügereien;
weil er die Menschen gerne prellte und weil er sie im ganzen haßte.
Nicht aus Gewinnsucht. War er aber mit sich allein, so versenkte er
sich ins Unbewußte und versuchte zu sein wie ein Kind, das in der
Dämmerstunde mit furchtsamen Ahnungen und Phantasien spielt. In der
von ihm immer ausgesprochenen Überzeugung, daß die höchste Kraft alles
nur mit der Unfehlbarkeit der Ahnung tue, kam er so vom Wege exakter
Forschung immer weiter ab und überließ sich den köstlichen Aufregungen
der Geisterwelt, der Magie und ihren schauerlichen Strömungen; wohl
bewußt, daß sie auch ihre Wirbel und Unterströmungen hat, in welchen
der beste Schwimmer alle Gewalt verliert und hinabgezogen wird. So
spielte er sein lebelang mit dem ungeheuerlichen Sinnenkitzel (der dem
Menschen von der Vorsehung gegeben ist, damit er lebe und sich seines
Lebens wehre), mit der Todesangst. Das greuliche Spiel damit war ihm so
sehr zum Bedürfnis geworden, daß ihm Liebe und Wollust nur als schale
Nebenreize erschienen, 'gut genug für junge Buben, die noch keine
Ahnung von den Köstlichkeiten des Seilgehens über dem Todesabgrund
haben.'
Seinem Famulus Wagner gab er die gewagtesten Experimente auf; denn
wie ihm selber wenig daran lag, früher oder später dabei zerrissen
zu werden, so lag ihm auch an dem Leben eines lasterhaften, jungen
Leckers nichts. Wagner hatte Auftrag, alles in Fausti Namen zu tun;
er kaufte sogar, abends in der Dämmerung, in einem falschen Barte
ein, welcher dem des Doktors täuschend nachgemacht war, trug seine
Schaube und sahe des öftern höhnisch, als Doktor Faustus, zum Fenster
hinaus, wenn die Stadtguardi von Wittenberg vorüberzog. Faust war
aus dem Wittenbergischen bei Leibes- und Lebensstrafe verwiesen;
aber keiner von den Soldaten und Hauptleuten der Guardi hätte sich
verwunden, den schauerlichen Doktor dort oben auszuheben. Zudem muß
noch hinzugefügt werden, daß man dem Faust nicht nur nachsagte, er
könnte sich mit Hilfe des höllischen Geistes in wenigen Stunden durch
die Luft über ganz Deutschland hinwegheben, sondern er war auch des
Geheimnisses bewußt, sich doppelgängerisch umzutun. Sogar Wagner hatte
sich mehrmals entsetzt, weil er manchmal, heimkehrend, über seinen
beim Zechen vergessenen Arbeiten und Laborationen den Doktor Faust
räuspernd, kopfwackelnd und hüstelnd drübergebeugt gefunden hatte,
welche Erscheinung ihn sogar einmal scharf und traurig angesehen, immer
aber auf Anruf in Nichts zerronnen war.
Darüber ging in Wittenberg viel Gerede und die Theologen um Luthern
herum waren die eifrigsten, welche solche Geschichten austrugen, statt
daß sie das Blendwerk verachtet und damit zu Nichts gemacht hätten.
Es muß dies erzählt sein, um das Verwunderliche zu begreifen, daß
Faust auch die Anschläge der Salzburger Doktors ahnte. (Oder wußte,
wie mans haben will.) Die einen sagten, er hätte einen kleinen Geist
in einem Kristall eingebannt bei sich, der ihm, durch ein Sieb
hindurch, vorzitterte, was im selben Augenblick da oder dort geschähe,
von wo immer Faust Kundschaft haben wollte. Der Doktor selber hatte
davon geredet, wie es mit jenen Bildern im Sieb genau so wäre, als
ob heiße Luft über einem Schornstein oder über sommerlichen Feldern
zittere, so daß alles, was dahinter geschähe, fortwährend hin und her-
und ineinander ränne; auch wäre es schon eine große Aufregung und
Herzensangst, also bis in die Sphären der niederen Geister zu sehen und
zu vernehmen; wollte man jedoch in jene der befreiteren aufsteigen,
dann habe man jeden Augenblick zu gewärtigen, vor namenlosem Entsetzen
tot hinzufallen.
So viel von jenem Siebdrehen und dem gebannten Geistlein im Kristall.
Und genug, Faust =wußte=; ob aus Schwarzkunst, ob aus Schlauheit, ob
aus Ahnungskraft? Er träumte auch in Nächten, wenn zuvor Intriguen
gegen ihn gerichtet und großer Haß aufgelaufen war, ungemein hart und
qualvoll davon. Faust also wußte, was die Salzburger Doktors vorhatten
und überlegte, ob er sich mit dem Paracelsus gegen sie, oder mit ihnen
gegen den Paracelsus zusammenschlagen sollte, um eine der Parteien zu
schädigen.
Das also war, was der Doktor Faust auf der Rückreise von Braunau nach
Salzburg wälzte und plante. Nun auch zum Paracelsus.
Der überlegte lange und klüglich, was der Faust von der Goldmacherei im
Großen gesagt hatte. Er, Paracelsus, war trotz allem Forschen niemals
zum gerechten und klaren System der Goldbereitung gekommen, sondern ihm
war, gerade bei aller alten, rezeptuellen Systematik, beinahe immer
mißlungen, auch nur das kleinste Pröbchen Edelmetall zu erzwingen.
Dagegen waren ihm bei ganz wilden und zufallsreichen Versuchen sowohl
Lösungen geraten, aus denen allerfeinstes, graugrünes Goldpulver sich
niedergeschlagen hatte, ja manchmal war ihm sogar im Feuer die gelbe
Sündenmutter der Menschheit entgegengeschmolzen. Wie der Faust gesagt
hatte, nur unter großer Hitze und bei gewaltiger Pressung gediehe das
Ding, war das auch ihm stetiglich aufgefallen. Aber nun überlegte er,
daß unter ihnen beiden denn doch er, Paracelsus, der weitaus klarere
Kopf wäre. Wenn es irgendwo in der Natur und ihren Welten etwas zu
erforschen und dann zu formulieren gäbe, da war der Faust weithin
nicht zu gebrauchen! Der erschauerte. Seine Ahnungen entstanden, wenn
der Geist ihn anpackte, so wie ein Nordlicht entsteht. Alles war ihm
unbewußt geschenkt; -- nichts war erworben.
Sonderbar auch: wenn der Faust dämonisch wurde und Sprüche tat, als
wären sie von einem höheren Geiste gesagt, so daß der Paracelsus
selber aufstaunen mußte und ausrief: »Ja, ja!« dann sah er's oft, daß
des kleinen Magiers ergrauendes Haar sich gesträubt hatte, wie das
eines Hundes, der sich entsetzlich fürchtet. Oder wie das Haar eines
Katzenfelles, das man mit einem Bernstein- oder Glasstabe überfährt.
Irgend eine Kraft wohnte im Fausto; aber es war weder eine bewußte,
noch eine logisch verfolgte. In Summa, der Faust konnte kaum ganz oder
auch nur halb hinter jenes ewig gaukelnde und sich verhütende System
geraten sein, wie man das rote Gold erzwingt!
Freilich, ein Nachdenkenswertes hatte der große Zufall, daß die Natur
an jener Stelle Glasmacherseife und goldhaltigen Quarz (obgleich
Porphyrquarz sonst nie Gold zu erzeugen schien) in solch engem
Höhlenschrund zusammengestürzt hatte. Es war vielleicht nur ein kühner,
verwegener Einfall Faustens, auf Grad und Ungrad das zu benützen und
ungeheuer viel von dem Öl zu erzeugen, welches aus nichts anderm, als
aus dem Unatembaren der Luft und aus dem Scharfen des Salzes bestand,
wie Paracelsus festgestellt zu haben glaubte. --
Und der Gelehrte mit den schwermütigen und argwöhnischen Augen
grübelte, ob da nur eine großartige Alfanzerei des Faust, oder eine
dämonische Ahnung riesigen Gelingens, oder gar ein aufgetanes Wissen
dahinterstecken könnte ...
Es war ihm doch ein gar zu abenteuerliches Unternehmen. Groß genug,
um Kaiser und Reich, zunebst tausend Mann Bergknappen, die einen in
schwere Unkosten, und die andern außer Atem zu setzen! So daß es, wenn
es mißlang, dem Fausto einen flittervergoldeten Alchymistengalgen
eintragen kunnt!
Und er wollte und wagte es dennoch. -- Seltsam.
Nun waren alle wieder in Salzburg außer dem Faust.
Helena Chrysoloras hatte den Doktor auf der ganzen Reise nicht
gesehen, weil sie gesondert und von Sympert begleitet in einer Sänfte
reiste. Aber sie hatte den ganzen Tag mit dem Vetter von ihm geträumt.
Besonders, nachdem sie von der (beim Kaiser Karl, dem schweigsamen und
zurückhaltenden Spanier ganz ungewöhnlichen) Ehrung erfahren hatte,
welche dem Doktor zuteil geworden war: Daß Kaiser, König, Erzbischof
und die beiden Gelehrten eine ganz geheime und sogar bängliche
Besprechung miteinander gehabt hätten; denn alle fünfe waren aus dem
Zimmer, im Gasthof zum schwarzen Lamm in Braunau, völlig blaß und
mit allem Anschein einer tiefen Erregung herausgekommen, ohne daß es
schien, als hätten sie sich überworfen. Sondern alle schienen eines
einzigen Sinnes und Planes voll zu sein.
Niemand aber, auch nicht der vielmächtige Chrysoloras, konnte sagen
oder erfahren, um was solche Rede gegangen sein mochte.
Das fuhr dem verwöhnten Griechentöchterlein nur noch mehr in Herz und
Phantasie. Sie fühlte sich jetzt berechtigt, den bisher für unheimlich
gehaltenen, übermächtigen Einfluß des Doktors auf ihr ganzes Sinnen
eher reizvoll zu finden. Da doch die beiden mächtigsten Häupter der
Christenheit ihm erlegen zu sein schienen!
Es kam noch ein überraschendes Ereignis hinzu. Faust hatte seine
Rückreise verändert, da er, statt nach Salzburg, zuerst in das
Berchtesgadener Land und von da durch den Paß Lueg nach Hallein
gefahren war, wo er von den Bergknappen möglichst viele Vorteile in
der Gesteinsbohrung, im Eintrieb von Stollen und Schächten, in der
Sprengarbeit und anderen Praktiken mehr zu erfahren suchte. Er gewann
dabei viel, so daß er sich mehrere Tage in den Bergwerken verzögerte
und nicht wußte, daß inzwischen eine verwunderliche und schreckliche
Kundschaft nach Salzburg gedrungen war, eine Nachricht, die ihn selber
schon in Braunau antreffen gekonnt hätte.
Aus Wittenberg war Nachricht gekommen, daß der vermaledeite Doktor
Johann Georg Faustus, nachdem er, obwohl landesverwiesen, mit Hilfe
seiner Zauberei immer wieder böslich und zufleiß dahin, als in den
gelobten und frommen Bannkreis Luthers, zurückgekehrt wäre, endlich
dort im Dorfe Rimlich sein verdientes Schicksal gefunden, allen
Anscheines nach vom Teufel geholt und dabei vom Bösen nächtlicherweile
unter erschrecklichem Lärm von einer Wand an die andere geschmissen
worden sei. Das zerspritzte Hirn wäre bis an die Zimmerdecke
hinangeklebt; der völlig zerbrochene und schlotternde Körper aber zum
Fenster hinausgeschleudert und auf einem Misthaufen liegend gefunden
worden. »Womit eine ehrliche Christenheit, endlich, ein spätes aber
um so abschreckenderes Zeugnis erhalten hätte, wohin arg zauberische
Hinterlisten zum Beschlusse führen mögen,« hieß es.
Dem Faust wurde die Nachricht ins Halleiner Bergwerk gebracht, wohin
ein Schüler des Paracelsus gekommen war, der bei seinem Anblick fast
zum Tode erstarrt wäre. Wie denn der Doktor lebe?! Da er doch, durch
seine Schwarzkunst, kürzlich erst gegen Wittenberg entrückt und dort
seinem Schicksal in die Fänge geraten wäre?
Faust schwieg lange Zeit und blieb unergründlich, worüber sich der
Scholar nur noch mehr entsetzte; denn da der Doktor nicht widersprach,
sondern bloß zu erschrecken und dann tief nachdenklich zu werden
schien, so kam das dem Mediziner, der sehr abergläubisch war vor, als
hätte der Faust zwei Leben. Und nun wäre erst einmal sein Doppelgänger
von ihm gewichen und hätte den einen Tod erleiden müssen ....
Der Schreck und der nachfolgende tiefe und schweigende Ernst des
Doktors kam aber daher, weil er nun für sicher wußte, daß sein Famulus
Christoph Wagner bei einem Versuch in Stücke gerissen worden sei.
Wie er es denn für sich selber auch nicht anders versehen hätte.
Nun war sein letzter Mitarbeiter dahin. Freilich nicht sein
Mitwisser. Denn dem Zechbruder und Weiberläufer Wagner konnte man
so großschauerliche Ding', wie Faust sie in der Seele barg, nicht
enthüllen.
Jetzt also wußte niemand mehr um jene Satansgewalt, als die drei
Fürsten, die es wegen seiner tödlichen und nur ihm bekannten Launen im
_statu nascendi_, -- niemals aus eigenem herzustellen vermocht hätten,
-- und der Paracelsus. Im Grunde also bloß mehr einer außer ihm.
Ob nicht dieser Eine schon zuviel war, nachdem er das seine getan
und entdeckt, daß man das Höllenöl zähmen oder ihm zum mindesten die
Reizmittel vorenthalten könnte, die es sich jederzeit zum Anlasse nahm,
um aufzufliegen?
»Ich, ich werde nicht allein dahingehen, wie Wagner,« murmelte damals
Faust vor sich hin. »Stattlich Gefolge will ich bei meiner Himmelfahrt
haben; -- aber der Paracelsus wird mein Vorläufer sein müssen.«
In Salzburg gab es heftiges Hin und Wider bei der Wittenberger
Nachricht. Die einen sagten, daß man für gewiß wisse, Faust wolle und
könne nicht gegen Wittenberg gefahren sein. Die Gegenpartei erinnerte,
daß es nur zu bekannt wäre, wie Faust einmal seine Freunde in Erfurt
über Nacht besucht habe, da alle Welt ihn in Prag beim Kaiser wußte,
und in derselbigen Nacht wäre er wieder gegen Prag zurückgefahren,
ehe der Hahn sich zu regen begann. Darum hatte er sich damals Martini
ausgesucht, wo die Nächte sehr lang werden. Nicht, um längere Fahrzeit,
sondern um längere Zechzeit zu haben! Er sei gewißlich nach Wittenberg
weggezückt worden; ob durch eigene Zauberei oder durch die Macht des
Bösen, der ihn dort erwartete?
Dem widersetzte sich aber der zurückgekehrte Paracelsus mit vielem
Hohn, schuf sich dadurch nur um so mehr Feinde, aber erreichte mit
seinen kühl abschätzenden Worten wenigstens, daß weder der junge
Sympert Stainer noch die Chrysoloras in Verzweiflung kamen, sondern
eher zuversichtlich blieben.
Zum erst namenlosen Entsetzen der Salzburger ritt der Doktor, den man
von Freilassing oder sonst woher aus dem Nordosten erwartet hätte, an
der Salzach zum Tor am Stein, also auf dem entgegengesetzten Ende,
gelassen, und nur um einiges ernster und schweigsamer, wieder in die
Stadt ein, und es war bald ein solches Laufen, Starren und zuletzt
Zurufen von Volk und begeisterten tollgewordenen Studenten um ihn,
daß die Gegenpartei schon zu schreien begann, das Volk bereite ihm ja
beinah einen Palmsonntag.
Es schien auch verwunderlich. Gerade die katholischen Studenten und ihr
Anhang schienen am meisten über die gesunde Rückkehr des totgeschrienen
Zauberers zu jubeln. Daran, daß sie alle Ursach' hatten, über die ins
Leere gegangenen moralischen Folgerungen der Wittenberger Lutheraner zu
lachen, dachte niemand. Faust wußte, was er von all diesem Hosiannah
zu halten hätte und verzog kaum eine Miene; wie er denn in letzter
Zeit immer unergriffener dreinzuschauen sich angewöhnt hatte. Er war
so ferne von der Welt, vom Leben und seinen Eitelkeiten abgekommen,
daß es, bei dem ehedem so leidenschaftlichen Betonen seiner selber,
kaum glaublich schien. Nur, wer ahnte, daß er seiner ungeheuerlichen
Selbstbehauptung einen grausigen Schlußpunkt plante, nur wer wußte, daß
er sich im Geheimen auf den herzzerreißenden Jammerruf: 'O weh, wohin
sind schwunden alle meine Jahr',' eine überlebensgroße Antwort gesetzt
hatte, der begriff die Starrgewordenheit dieser Züge. Die schien
sonst auf Erden niemand zu haben als, außer Faust, -- nur mehr der
Kaiser. Derselbe erkenntnisreiche Kaiser, in dessen Reich die Sonne und
die Niedertracht nicht unterging. Karl der Fünfte war vielleicht der
Einzige, der alles so sehr überkostet hatte und ebenso weltmüde war,
wie Faustus.
Nur, daß Karl noch seinen Gott hatte, -- als Allerletztes.
Faust zog am Gasthof zum Stein vorüber, wo Paracelsus, durch das Lärmen
angelockt, aus seinem Fenster schaute und grimmig lächelnd nickte. Der
Zauberer ritt über die Salzachbrücke, immer mehr umdrängt vom Volk
und kam in die Getreidegasse, wo das Tosen die Höhe erreichte. Die
Studenten wollten ihn mit Gewalt auf die Hoch- und Domschule bringen
und jetzt erst begann sich Faust etwas unruhig auf seinem Klepper
umzusehen, wie er der gar so großen und entzückenden Liebe des ihm
verhaßten Menschengeschmeißes entrinnen möchte.