»Ich habe überall ein unerbittlich getreues Gesetz gefunden, wohin ich

geforschet und was immer ich ergründet hab'. Und wo ein unerbittlich

Gesetz stehet, da stehet darob ein unerbittlicher Richter. Mag Gott

immerhin gänzlich anders sich formieren, als Pfaffen und Laien in ihrer

Einfalt sich darstellen, =er ist da=,« sagte der Arzt feierlich und

nahm sein Barett ab.

»Es tröstet mich sehr, das zu wissen und von einem so abgründig

studierten Mann dazu; das ist mir wichtiger und glaublicher, als alle

alten Bücher aus dumpfer Zeit. Wenn man einmal Fehde angesagt hat, dann

wärs doch gar zu lächerlich, wenn man zuletzt erfahren müßt, daß mans

gegen leere Luft und blauen Pfaffendunst getan.«

»Fehde gegen Gott, Herr Kollega?«

»Fehde gegen Gott,« sagte Faust leise, aber nachdrücklich. Und als

sich Paracelsus verfärbte und ein Kreuz schlug, schloß er mit den

Worten: »Wenn sich der schönste der Engel ehedem gegen seinen Schöpfer

aufstemmte, wie dürft' es nicht ein innerlich zerrissener und äußerlich

buckliger Mensch?«

»Armer, armer Fauste,« sagte Paracelsus mit tiefem Ernst. »Ich hab'

Euch für meinen Nebenbuhler gehalten im Wissen und Erforschen, auch für

einen unehrlichen, der nichts ernst nimmt und dem alles bloß geschenkt

wäre ohne ehrenhafte, heiße Arbeit. Jetzt müßt ich froh sein, wenn ich

Euch für einen armen Narren halten dürft'.«

»Ein Narre vielleicht, Herr Doktor. Arm sicherlich, Herr Doktor. Und

dennoch tauschet ich mein wildes Herz nicht mit dem Weisesten und

Zufriedensten. Und nun gehabt Euch wohl, mein guter Herr.«

Wer die tiefe Frömmigkeit der Zeiten Eckharts und Taulers bedenkt und,

hernach wieder, die hauptsächlich von der Gesellschaft Jesu entzündete

heiße Religionsglut späterer Zeiten, der glaubt nicht, wie lästerlich

frech und frei um die Humanistenzeit herum die Menschen zu jenem

Himmel sahen, den ihnen Luther mit seiner ehrlichen Kindergläubigkeit

noch nicht gerettet hatte. Etwa: Der Maler der süßesten Madonnen und

Heiligen, Perugino, spottete über Glaube und Ewigkeit, während er seine

Kirchenbilder malte und sagte (wenn er um ein holdselig frommes Antlitz

einen Heiligenschein zog): »Ja, meine Freunde, mit diesem Leben ist

alles zu Ende. Es ist ein dummer Zufall, daß diese und keine andern

Tiere entstanden sind, und es ist ein schmerzlicher Zufall, der mir

durchaus nicht gefällt und sehr unvernünftig ist, daß wir Menschen

darauf gekommen sind, es gäbe Gesetze, es gäbe Vernunft und es gäbe

einen unausweichlichen Tod. Das Tier hat eine dumpfe Angst; dennoch

aber lebt es, während es dahingrast, immer mitten in der Ewigkeit. Nur

wir Menschen grübeln, klagen an und möchten unsere Gescheitheit einem

Gotte geben, der von ihr nicht das mindeste an sich hat.«

Solcher Reden hörte das beginnende Cinquecento gar viele. Die Künste

blühten, die Farben prahlten, das Leben schien eine Freude, die

Erkenntnisse wurden immer weiter, schauender, -- und die Herzen

verzweifelten.

Nur, weil Luther glaubte, glaubten auch die Südländer wieder, besserten

die Form, und echte, tiefe Gottesinbrunst wohnte vorher vielleicht nur

in den lawinennahen Bauernhütten des Hochgebirges; in den Häusern der

Gelehrten und Künstler war sie selten. Da wohnte großes Sehnen nach

dem alten Heidentum; so groß, daß sogar die immer gottesbedürftigen

Frauen öfter vom Phöbos Apollon träumten, als von den Verzückungen des

heiligen Franz.

Helena Chrysoloras!

Ihr Ahnherr war der erste Grieche, der in lateinischem Gebiete seine

göttliche Muttersprache lehrte und der einen ganzen Duftstrom der

Veilchen und des Honigs von Eleusis mit nach Italien brachte. Helena.

-- Äußerlich von jener abergläubischen Frömmigkeit, welche niemals

die Formen der Religion zu durchbrechen wagt und mit einem heidnischen

Herzen in christlichen Kirchen tiefgebeugt das Weihwasser nimmt,

hatte sie in ihrem Innern den glühenden Lebensdurst der Alten aus den

dionysisch frohen Zeiten, ehe noch die Stoa geboren war. Genau so war

auch ihr Ahnherr geartet gewesen. Als er dann während des Konziles

in Konstanz dahinstarb, verblieb sein Blut im deutschen Norden. Die

Chrysoloras waren zuerst Doktoren, dann Apotheker, kamen von da zum

Handel mit Gewürzen und Drogen, dann zur Seefahrt und damit zum

Reichtum, und der letzte Chrysoloras war bereits so geldmächtig, daß

Karl der Fünfte und Ferdinand, der römische König, manchmal bei ihm das

erborgen mußten, was die Fugger und die Welser nicht geben wollten oder

konnten. Niemals aber hatten sie vergessen, daß ihr Ahnherr der erste

Grieche Westeuropas gewesen war, und es gab keinen Humanisten, der

nicht, auf der Reise vom Norden nach Italien oder zurück, der verehrten

Dynastie, welcher man Homer wiederzuverdanken hatte, seine Reverenz

machte. Die saß in Innsbruck wie ein Fürstengeschlecht. Helena wußte um

ihr griechisches Blut und las -- soviel ihr Mädchenwissen erlaubte --

mit heißem Begehren die alten Sagen und Gedichte. Sie ging zur Messe,

ja. Aber sie gedachte mit brennendem Herzen der alten Götter, der alten

Heiterkeit, der alten Schönheit.

Vielleicht eben darum war es, daß ihr bislang keiner der neuen,

jungen Herrn gefallen hatte. Sie liebte, im Geheimsten, zu weit und

zu hoch hinaus, als daß ihr ein Ritter, und war es Herr von Hutten

oder Sickingen selber gewesen, die antike Pracht verblassen machen

gekonnt hätte. Allen Bewerbungen zum Trotz war sie, zwar sehnlich aber

unberührt, voll jener achtungsvollen Neugier geblieben, die das Herz

bereitmacht.

Jetzt mußte ihr der Vetter aus Tirol alle Tage vom seltsamen, vom

schmerzzerissenen, kleinen, ergrauenden Manne erzählen, von dem so

beklemmende Nachricht ging.

Wenn sie ihn von ferne sah, dann fröstelte ihr vor Angst; aber sie

dachte Tag und Nacht an ihn und wünschte sich, so recht vom Herzen

fromm und gottesgläubig sein zu können, um den herzbrechend Unerlösten

zu erlösen; und war es mit ihrem Blute.

Es war doch der Eine und Einzigste unter allen Menschen; er kam und

ging wie ein lebendiger banger Traum durch ihr Sinnen.

Der Faust.

Johannes Faustus, der sich dem Widersacher Gottes verschrieben hatte,

der die Geister der alten, griechischen Geschichte wieder zu dämmerndem

Minutenleben rückgerufen hatte und der die Wundmale dorten trug, wo

Satan sie trägt: im Herzen.

Das ließ ihr keine Ruhe und sie sagte eines Tages, nach vielen schweren

Seufzern, weil sie sich lange Zeit nicht überwinden konnte, ein

Bekenntnis an den jungen Vetter zu opfern:

»Ich weiß nicht, was ich gäb, wenn ich den Doktor Faustus nahe sehen

und ihm ein paar Fragen stellen könnte. Es drückt mich so viel, und er

allein kann mir Antwort geben.«

Da erschrak der junge Student sehr, denn abermals fühlte er, wie er

die seltsam schöne Base gern hätte, die, wie er, Leib und Seel' zu

verlieren bereit war, um guter Kundschaft zu den Überirdischen willen.

Es drückte ihm jetzt das Herz ab, wie er bedachte, daß dieses schöne

Geschöpf auch verstrickt und verfallen sein könnte; -- ewiglich.

Er sagte ihr also: »Tu's nicht, Helena. Begehr' alles andere von mir

als das, sogar, daß ich dich einem Andern zuführen müßte ... was mir

gewißlich vorkäme, als müßt' ich mein Herz aus dem Leibe geben. Ich

könnt' es dir nicht abschlagen. Aber zu dem Fausto sollst du niemals

gehen.«

Da sagte sie ihm: »Du willst wohl allein wissen, was kein Irdischer

sonst erfährt?«

»Ja,« erwidert er ihr, »aber nicht aus evahafter und loser Neugierd'.«

Damit machte er sie böse und sie weinte sehr, wollte sich auch von ihm

auf keine Art trösten lassen, bis er ihr doch endlich zusagte, es mit

dem Doktor zu versuchen.

Da war nun ein Tag des Septembers zur Zeit der »Duldt.« Der gehabte

sich so schön, daß alles Volk auf die Wiesen vor die Stadttore

hinausgezogen wurde. Sehr geschwind entstanden dort auch kleine Buden

und Laubhütten, wo allerlei Ergötzung getrieben wurde. Da geschah

es denn, daß der Doktor Faustus mit anderen ins Grüne kam und viel

zwischen den Buden auf und abging, auch einen Zauberer, der Schlangen

bändigen konnte, damit verschreckte und in die Enge trieb, daß ihm die

Schlangen immer ungebärdiger wurden und übermaßen zu wachsen schienen,

bis zu Lindwurmgröße, sobald nur der Doktor vorüberging. Die Leute

erlebten's, daß der Zauberer dem Faust zu Füßen fiel und kläglich

fragte, was er ihm denn getan hätte, weil er, sein Diener, und ein Wurm

gegen ihn, solchen Unfug erleiden müßte? Da sagte ihm Faust: »Du mußt

alles mit frommer Seele machen, oder mit einem ganz großen Haß. Um

Geld und zeitlichen Vorteil aber sollst und darfst es du, und andere,

niemals wagen!«

Da erwiderte ihm der Schlangenbeschwörer: »Ja, Herr Doktor, aber Ihr

dienet doch auch Gott nicht so, wie es die Schrift und die Kirche

will.« Da sah ihn Faust so drohend an, daß der andere augenblicklich

wieder bittend auf den Knien hinrutschte und sagte: »Aber dem Andern.«

Faust dachte eine Weile nach, ob er ihn jetzt strafen sollte, da kam

das Enkelkind des Manuel Chrysoloras daher und war so schön, daß er

ganz irre ward und seinen Ingrimm augenblicks vergaß. Er sagte aber

noch folgendes zu dem Zauberer: »Du hältst mir vor, ich tue nicht, was

eine Kirche vorschreibt, die sehr viel jünger und unerfahrener ist,

als meine Studien. Ich könnte dir zeigen, wie man alle Wunder Christi

an einem Tag wiederholt, doch ich sag dir: Wenn ich auch mehr als er

vermöcht, und Herr über jede Krankheit und jeden Tod wäre, und wenn

ich die ganze Erden beherrschte und hätte des Hasses nicht, so wäre ich

ein armer Betrüger wie du.«

Und ließ ihn stehen und ging.

Das aber hatte Helena Chrysoloras gehört und zupfte ihren Vettern.

Der rief sogleich: »Doktor, Doktor Fauste! Wenn Ihr mich schon gar

nicht mehr erkennen wollt, so ist doch mein Bäslein wert, daß Ihr eine

artige Minute an uns beide wendet.« Da blieb Faust stehen und alle

merkten, daß der beschriene Mann zaghaft wurde. Der, über den alle sich

erschreckten, gab nun selber in seinen Augen nichts anderes zu lesen,

als Schreck und Staunen.

Es ging aber Helena Chrysoloras ganz bescheiden zu ihm, so, als merkte

sie seine Verwirrung nicht und faßte ihn bittend an der Hand und sagte:

»Doktor, ich habe eine Frage des Gewissens an Euch: Es ist eine Zeit,

da zerspaltet sich jetzt die arme christliche Religion und wir erleben

Wiedertäufer und Protestanten und viele andere Sektierer, während die

ganze übrige große Erde noch so viel andere Wege zu Gott hat. Wer hat

recht? Die Juden, welche unermüdlich in ihrem harten Gotte verharren?

Oder die Christen? Oder gar die Heiden, von denen ich als Griechin

reichliche Kundschaft weiß?«

Da verneigte sich Faust bescheidentlich vor dem schönen Mädchen und

sagte ihr leise, so daß es nur hören konnten, die ganz zunächst standen:

»Mein Fräulein. Die christliche Religion hat nur Worte. Merket wohl,

sie nennt sich 'das Wort'; aber es sind viele Worte. Nichts anderes.

Die jüdische wäre ein Edelstein: schön, durchsichtig, unzerstörbar

hart. Hatte also auch einmal Leben im Status der Kristallwerdung, ist

aber seither erstarret für ewiglich. Die heidnische Religion aber lebt,

denn sie besteht aus Kräutern. 'Sucht sie euch aus,' sagte Gott, als

er sie schuf. Es sind giftige Kräuter darunter, und ganz nutzlose, und

Arzneien, und wieder solche, die bestehen aus lauter Schönheit. Mag man

auch von ihnen eines oder Tausende vernichten; sie sind immer wieder

da, leben ewig, und eher rottet ihr den Menschen aus, als daß sie sich

nicht wieder auch auf einer gänzlich verbrannten Erden neu ansiedelten!

Bald hold, bald lästig, immer so unschuldig aber, -- mit Gott und dem

Teufel in sich, -- wie Kinder. Versteht Ihr mich, Fräulein?«

Sie sagte: »Ja, Doktor, ich verstehe Euch,« neigte den Kopf und ließ

ihn vorüber, fast wie einen König.

Er aber ging schnellen Schrittes von der Festwiese hinweg und verbat

sich von Jeglichem, daß er ihm folgte. Auch den Stainer wies er hinweg,

aber mit viel milderer Stimme und freundlicheren Augen, als alle andern.

Wie sie nun wieder allein waren, sagte Helena Chrysoloras zu ihrem

Vetter: »Warum geht diesem Manne nicht nach, was Seele hat auf Erden?

Da er doch so weit und tief blicken muß? Und warum hat er nichts als

Zechgesellen, so daß man ihm nachsagt: 'An seinen Früchten mögt ihr

ihn erkennen.' Ich habe argen Verdacht, daß nicht er an seinem Umgang

schuld ist, sondern daß ihm jeder Umgang bisher zu geringe sein mußte

und die Menschen schuldig daran sind, daß er an ihnen verzweifelt und

nichts anderes weiß, als mit ihnen trinken!«

Da erwiderte ihr der junge Mensch: »Helena, wenn wir zwei ihn so recht

herzlich umgeben könnten? Vielleicht, daß er uns alle seine Weisheit

geben könnte, wir beide mit ihm aber zu Gott zurückfinden möchten?«

Sie sagte: »Du bist ein liebes Kind und es ist dir das jetzt von einem

guten Engel eingegeben worden, was du gesagt hast.«

Von diesem Tage an redeten die beiden Geschwisterkinder nichts anderes,

als nur mehr vom Doktor Faust. Den ganzen Tag saßen sie zusammen und

fabelten von ihm, und gewannen und verwarfen viele Pläne: wie möchten

sie ihm näherkommen?

Zuletzt faßte sich, als die Kunde ging, Faust müßte zum Kaiser und zum

Könige nach Passau hinweg, der Student ein Herz und lief zum andernmale

hin zum Doktor der schwarzen Magie. Der wohnte damals, als Gast des

Bischofs nach seinem eigenen Wunsch droben in der Festung und hatte,

gegen die bayrische Ebene zu, ein Stüblein hoch in den Mauern. Da sah

er alle Abend die vergehende Sonne an und ihm war das recht. Wenn sie

unterging, dann blickte er von seinen chaldäischen Studien auf, die er

seit einiger Zeit, mehr aus Sehnsucht nach den Erinnerungen an junge

Tage, denn aus Hoffnung, noch irgendein neues Ding darin entdecken zu

dürfen, weitertrieb.

Um Sonnenuntergang kam immer ein kleiner Vogel an sein Fenstergitter,

setzte sich an den Nagelfluhbord des Turmes und zwitscherte. Dann sah

ihn Faust an und sagte: »Um solcher Kreatur willen könnt ich meine Hand

abziehen von der Vernichtung. Aber auch für euch kleine Ding wär' es

besser, ihr schlieft ein, als daß ihr euer Herzlein unter den Griffen

des Sperbers zum letztenmal klopfen fühlt. Und =wie= klopfen fühlet!«

Um eine solche ergriffene Stunde, da Faust gerade Feierabend machte und

ins Unbestimmte verwoben war, klopfte Sympert Stainer zum andernmale an

die Türe Doktor Faustens und der rief: »Immer zu!«

Diesmal war der junge Student schon mutiger als damals, da es aussah,

daß, wenn man ihn gestochen hätte, er keinen Tropfen Blutes herzugeben

vermöchte. Aber das Herz schlug ihm dennoch so verklemmt und zerpreßt,

daß er nicht wußte, wie es verbergen. Er fürchtete auch, der Magus

würde ihn abermals auf solche Weise ansehen, daß er, obwohl lebendig,

dennoch dabei wie tot wäre. Oft hatte er daran gedacht und sich über

seine Bewußtlosigkeit sehr gewundert. Diesmal aber gab ihm der Doktor

ein gutes Wort und hieß ihn zu sich sitzen. Er brachte auch gleich die

Rede auf jenen wunderlichen Traumzustand, in welchen er den jungen

Menschen das letztemal versetzt. Er sagte ihm einiges, ganz weniges,

von dem, was er ihm damals zu vergessen geboten, so daß der Bertel

Stainer hellauf staunte. Denn nun kam ihm das alles selber, dunkel

erinnerlich, wieder.

»Du siehst, mein Jung',« sprach Doktor Faust, »was es also mit der

menschlichen Seelen für eine Bewandtnis haben mag! Die Seelen ist von

Gott, ist sein Mitding, gehört zu ihm und in ihn hinein. Wird sie aber

allein und ohne den Körper gelassen, so verlieret sie sogleich all'

das, was wir Menschen Witz und Vernunft nennen. Woraus du dir zur Lehr'

magst dienen lassen, daß Gott weder witzig noch vernünftig ist, sondern

es ergeht ihm wie einem Schwindligen, der im Schlafe wandelt. Wo der

Wache sich zerstürzen würde, dort gehet er sicherer seinen Weg, als

ein Dachkater. Die hochgepriesene Vernunft, die ist was Zugeflogenes

und er, aller Dinge Lebensentzücker, kennt von solchem Firlefanz gar

nichts. Aber er macht die Sterne kreisen, daß auch nicht einer dem

andern in Weg kommt. Soviel von Gott, mein Jung'. Und wenn ich ihm

abgeschworen hab', so ist es darum, weil er die Vernunft hat aufkommen

lassen. Will sagen, das verlogenste aller Tiere, den Menschen. Er

selber ist der Vernunft ganz unmächtig: Zurück zu Gott kann nur, wer

sie ihm hinschmeißt und sagt: 'Abba, Vater, hab mich gern und ich dank

dirs einen Dreck.'«

Der junge Sympert wollte sich bei dieser Lästerung bekreuzigen, aber

Faust sah ihn so voll entsetzlicher Ironie an, daß ers unterließ.

»Nun werd' ich dich wegschicken müssen,« sagte Faust und stand auf.

Der junge Mensch erschrak darüber so, daß er sich zu Fausti Füßen warf,

seine Knie umschlang und bat: »Nie mehr laßt mich weg, sondern seid

und bleibt mein Meister und nehmt mich als Euren Famulum an, da doch

der Wagner Christoph ferne zu Wittenberg Eure Arbeiten schlecht tut!

Ich will Euch in allem dienstreich sein und Gott abschwören, wenn Ihr

das nur für gut haltet. So wie Ihr jetzt von ihm geredet, will's mir

scheinen, als dientet Ihr ihm besser und innerlicher als jeder Pfaffe.

Mag's also mit Euch gehen, wohin es wolle, ich fahre mit!«

»Stah auf, mei' Jung',« sagte Faust, und er sagte dieses Wort so weich,

daß er in die Mundart seiner Jugend zurückverfiel und schwäbelte,

was man sonst an dem eleganten Lateiner niemals herausmerkte. »Stah

auf, mei' Jung' und überleg dir's halt no emal, aber gut; geh auch

zur Beicht und erprob dich vor den Vorwürfen des Priesters. Und ob

du das Sakrament gerne nimmst. Ich sag' dir nichts als das: Wär der

Herr Erzeuger der Menschen im Recht, so tät der Mensch sich seiner

Unkeuschheit nit schäme, wie denn auch das Tier sich nit schämt. Aber

das heiße Wunder, dadurch der Mensch entstehet, verdammen? Lächerlich

und sündhaft machen? Wie es die _religio_ tut? Das heißt, dem Erzeuger

dasselbe zurücksagen wie ich: 'Das war nit gut von dir, Vater! Und

vielleicht hast du den siebenten Tag dazu benützet, um dich auch so

tief zu schäme.'

»Du siehst also, ich bin von der christlichen Askes' bloß dadurch

unterschieden, daß ich klar sage, was sie sich nicht zu sagen getraut.

Und wenn du mir folgen willst, so mußt du den Prahlaffen, -- den

deutsch oder spanisch angekleideten, ebenso wie den mit Nasenring und

Federputz herausgeschmückten Prahlaffen hassen und an nichts anderes

denken, als wie du diese mißratene Sipp' ausrotten könntest! Alle

Seelen, mitsamt deiner eigenen, mußt du dem großen Pfuscher mit einem

einzigen Todesseufzer zurückgeben, damit er was Gescheiteres damit

anfang'. Denn er kann ja doch nicht davon lassen, seine Tänz' irgendwie

von neuem zu beginnen!«

»Wie könnte das sein?« sagte Stainer in namenloser Verwunderung. »Alle

Menschheit vernichten?«

»Des getrau' ich mich wohl noch,« sagte Faust. »Für dich bleibt

heute nur das zu vermerken, daß du weißt, worum es mir, Johannes

Fausten, geht! Denkst du immer noch zu mir zu halten, da du weißt, es

geht unweigerlich in den Tod? Denn wir müssen mitfahren, wenn alle

dahinfahren!«

Dem jungen Studenten lief ein kaltes Grauen über den ganzen Rücken

hinab. »Daran müßt ich mich gewöhnen. Ich hab' dem Tod noch nicht in

die Augenhöhlen geschaut ... Daran müßt ich mich erst gewöhnen ...

Aber _magna voluisse magnum_. Welch ein Mensch hat jemals Größeres

unternommen, als dem Schöpfer das wegzunehmen, was man die Krone seiner

Schöpfung benennt? Es ist mir noch zu ungeheuer. Lasset mir Zeit und

ich will mich vielleicht dazu hinabwinden.«

»Nicht, weil's ungeheuer und groß und schrecklich ist,« sagte Faust,

»das merke du wohl. Eitelkeit darf es nicht sein, die dich, wie den

weiland Empedokles von Akragas, in den Ätna springen heißet! Bloß damit

einer oder viele Millionen Flachköpf' durcheinander reden: 'Er war ein

Gott.' Sondern du mußt dich mit einer ungeheuren Menschenverachtung

durchtränken, die so groß ist, daß du an dir selber verzweifelst und

dich mit allen, die da zechen, beten, fluchen, handeln, betrügen,

komödiantisieren, ja sogar mit denen, die lieben und verzeihen,

zusammen in ein Pulverfaß schmeißest, daran ich die Lunten legen werde!«

»Schrecklich, schrecklich,« sagte der Student. »Und ich bin noch so

jung.«

»Das ist auch dein Fehler,« sagte der Doktor. »Es war auch der meinige,

und nur mit dem fünfzigsten Lebensjahr bin ich dareingekommen, zu

sagen, was ich bis dahin nur leichthin und dunkel empfand: 'Der Mensch

soll lieber garnit sein.'«

»Ich werd' dem Gedanken nachhängen, Herr Doktor,« sagte Stainer leise

und demütig.

»Tu's, aber jetzt geh' und komm mir lieber nit wieder.«

»Ich werd' zum drittenmal kommen,« sagte Stainer mit kläglichem Blick:

»Denn ich kann ja doch nimmer und nimmer los von Euch.«

Einer aber war in Salzburg, der verfolgte mit seinen mißtrauischen

Augen nachdenklich das Tun Faustens und sah sich auch die Leute an, die

zu ihm kamen und wie sie von ihm gingen. Auch rumorte ihm das Fragen

Faustens nach der tiefen Kluft im Lande Tirol im Kopfe und immer fragte

er sich: 'Was kann der Satanus nur wollen und wälzen?'

So bemerkte der ganz erschreckend scharfe Blick des Arztes auch die

Verstörung und das innerliche Winden und Kämpfen des jungen Stainer,

der ja auch unter der Lehrkanzel des Paracelsus saß und einen glühenden

Wissensdrang verspüren ließ. Er wußte, der Student war zweimal zu Faust

geschlichen und er wußte auch von dem Zusammentreffen des Stainer und

seiner schönen Base, der griechenblütigen Helena auf der spätsommerlich

heiteren Festwiese.

Vetter und Base staken mehr denn je zusammen und schienen

gänzlich eines Herzens zu sein. Beide waren sie sichtlich auf den

zigeunerhaften, verfehmenswerten Gaukler eingeschworen!

Da kam vom Vater Chrysoloras Kunde nach Salzburg, sein Kind solle im

Gefolge des Kirchenfürsten nächster Tage gegen Braunau am Inn abreisen,

da beide Majestäten, von Innsbruck her, dorthin zu Schiffe erwartet

würden und der Kaiser sowohl wie der römische König mit dem Erzbischof

in der schmalkaldischen Angelegenheit zu reden hätten. Große Aufregung

war damals in Salzburg und sogar Philipp von Hohenheim bewarb sich beim

Erzbischof um die Gunst, denen Majestäten mit entgegenreisen und ihnen

aufwarten zu dürfen. 'Ja,' hatte ihm der Erzbischof gesagt. 'Denn ich

nehm' auch den Doktor Faustus mit und ich will die Angelegenheit wegen

des mächtigen Öles, das nur wir zu verwalten und zu handhaben gesonnen

sein, gleich zur Rede und ins Reine bringen.'

So fuhren denn alle in kostbarer Ausstaffierung gegen Braunau und

erwarteten dort das kaiserliche Schiff zu rechter Stunde, denn am

Abende desselbigen Tages, da der Erzbischof ankam, landete es.

Karl der Fünfte, blaß, klein, argwöhnisch und schwarz, und der römische

König Ferdinand, blond, heiter, lebensfroh und offenherzig, saßen beide

an einem Tische. Karl mit seinem Barett bedeckt, Ferdinand bloßen

Hauptes, obwohl ihn der Kaiser wiederholt bat, sich seines Vorrechtes

zu bedienen. »Mir ist halt heiß,« sagte der natürliche Mann lachend,

»und meine Ehrfurcht vor Euer Majestät bleibt, ob ich nun mein Hütel

aufhab oder nit.«

»Ah,« sagte Karl, »da ist ja der berühmte und treffliche Herr der

Geister, unser Doktor Faustus!«

Der Satansgedanke · 第 2 / 9 段