Rudolf Hans Bartsch
Grenzen der Menschheit
Rudolf Hans Bartsch
Der
Satansgedanke
L. Staackmann Verlag. Leipzig
Titelzeichnung von Oswald Weise, Leipzig
Alle Rechte,
besonders das der Übersetzung, vorbehalten
Druck von Günther, Kirstein & Wendler in Leipzig
Um die Zeit, als die ersten Jünger der Gesellschaft Jesu nach Innsbruck
gerufen wurden, um auch dort einer etwas verwilderten Deutschheit, die
selten lutherisch bibelfromm, sondern eher heidnisch und ungläubig
geworden war, durch ihr, in den ersten Jahrzehnten hinreißendes
Beispiel, einen neuen, glühend passionierten Glauben zu erwecken, da
lebte im adeligen Damenstift ein altes Fräulein, von dem es hieß, daß
es ehedem die schönste Jungfrau in dreien Königreichen gewesen und mit
der griechischen Helena verglichen worden war, nach der sie auch hieß.
Sie war die Tochter des Bankmannes und Händlers Manuel Chrysoloras,
eines Nachkommen des berühmten Humanisten gleichen Namens.
Dieser Chrysoloras soll ein bis an alle Grenzen gescheiter und kalter
Geldmann gewesen sein, der sich übrigens rühmte, das schönste und
das widerlichste Menschenkind auf Erden nebeneinander bei sich und
zu Diensten zu haben. Und wenn man sich über das letztere, einen
schamlosen Knecht, entsetzte, pflegte er lachend zu sagen: »Was wollt
ihr? =Er ist eben die Materia=, ohne allen Umweg menschgeworden. So ist
sie, und so sieht sie aus.«
Der war einmal als Troßbube, eine entlaufene Bestie vom
Landsknechtsheere, das Rom geplündert hatte, zu ihm gekommen: Klein,
krumm, frech, breitmäulig und stark; zu alledem unerhört behende und
gewandt, nur zu nichts Gutem. Der trug ihm seine Dienste an. Es wird
erzählt, daß ihn der Chrysoloras gefragt: »Was willst du dafür?«
»Eh, Geld,« hatte der Kerl gegrinst.
»Was hast du bisher getrieben?«
»Ich? Na: Ich hab, als wir Rom eingenommen, einen berühmten Maler
erstochen. Weils mich geärgert hat, daß es sowas gibt. Ich hab' dem
Papst selber eine Maulschelle heruntergehauen, die war ungut, sag' ich
euch. Und ich hab' unsern alten Frundsperg dermaßen geärgert, daß ihn
der Schlag darüber gerührt hat, auf der Stelle. Vor niemand hab' ich
Respekt. Bloß vorm Geld. So tät' ich all' eure Feinde traktieren, und
wärens Papst oder Feldoberst!«
»Das sind ja hübsch weite Grenzen, die deine Natur da erreicht hat,«
soll der Chrysoloras dazu gesagt haben. »Aber wer bürgt mir denn, daß
du nicht auch mich erstichst, oder traktierst oder zutode ärgerst?«
»He! Wer soll mich denn dann sicherer und besser bezahlen?« fragte
die krummbeinige Bestie. »Ihr könnt ja auch immer noch einen
entlohnen, der mich aus dem Hinterhalt niederschießt. Denn mir von
vorn entgegenkommen? Das hat noch jeden gereut. Wenn ich ihm Zeit dazu
gelassen,« schloß er.
»Dann stimmt die Rechnung,« hatte der Chrysoloras gesagt und den
Troßbuben in seine Dienste genommen. Jeder entsetzte sich darob, aber
dem ohnemaßen kühlen Geldmenschen gefiel er gut, wennschon er mit
ihm zeitlebens nicht hundert Worte geredet hat und sicherlich keines
zuviel. Es schien, als lächelte der Chrysoloras, daß er sich das größte
Frechheitsexemplar der damaligen Zeit zinsbar und zu Diensten gemacht
hätte. Soviel über den Vater der Helena.
Sie selber war, seit man sie kannte, wunderlich; sie weinte viel und
man sagte, daß in ihrem Blut die Melancholie erblich wäre. Ein Vetter
von ihr, der sie inniglich geliebt, den sie aber freundlich abgewiesen,
hatte schon als junger Student die heilige Schrift völlig und ohn'
alle Rücksicht ergründen wollen, hatte sogar bei Juden Unterricht dazu
genommen, war darüber schwermütig geworden. Er hätte sich erhenkt,
wenn die Base ihn nicht abgeschnitten und ihn nach Salzburg gebracht
hätte, wo damals der berühmte Theophrast Paracelsus seinen Wissensdurst
wohl stillen konnte und wohin auch mehrmals der Doktor Faustus kam, mit
dem dann der Student und Helena gar vertraute Kundschaft hatten. Der
Bursch soll davon ein erschreckliches und elendigliches Ende genommen
haben und das Fräulein ist dem Trübsinn gänzlich verfallen.
Sie sah sodann, eine Gealterte, keinen Menschen mehr recht an, ging an
allen vorbei wie ein Rauch. Nur Kinder liebte sie und holte sich solche
immer wieder herzu. Aber das kleine Volk, so viel es auch von dem
adligen Stiftsfräulein beschenkt wurde, fürchtete und mied sie. Zuerst
wegen der tuschelnden Nachrede mit dem Zauberer Faustus. Dann aber
hatten sie Angst, weil das Fräulein ihnen oft ein grusliges Volkslied
von einem buckligen Männchen vorsang, das immerzu dastände, wenn und wo
ein Menschenkind einmal so recht allein wäre. Hinter der Stiegen, in
der Speisekammer, bei der Mehltruhen. Sogar am Bette, wenn man zu Abend
beten wollte. Immer stand gleich das bucklig Männlein dabei, --
-- »fängt als' an, zu beten:
Liebes Kindlein, ach, ich bitt,
Bet' fürs bucklig Männlein mit.«
Die Helena hat sich dann ganz an die Väter von der Gesellschaft Jesu
angeschlossen und soll im Geruch der Heiligkeit gestorben sein.
Das zuvor, ehe von der besagten Helena Chrysoloras und dem Faust
näherer Bescheid ergehen soll, der damals nach Salzburg gekommen war,
niemand wußte warum. Nur die versoffenen Studenten scherzten, er hätte
durch seine Kunst dort des Bischofs halben Keller ausgesogen und
mit ihnen verzecht. Mit dem Kellermeister, der sie zu unguter Stund
erwischte, wäre er auf eine hohe Tanne am Untersberg geflogen und hätte
ihn dort im Wipfel alleingelassen, wie ja auch das alte Volksbuch zu
berichten weiß.
Nun aber zum endlichen Bericht.
Das war am Hoch- und Domstift Salzburg. Mitten aus der erregten
Studentenmenge puffte sich ein wunderlicher Junge heraus, so sehr ihn
die andern zu halten versuchten. »Laßt mich allein, sag' ich!«
Als er ging, hörte er gar wohl, daß es hieß: »Armer Querschädel!« Er
zuckte die Schultern. »Bertel, Bertel Stainer?« rief ihm noch einmal
einer nach. Er hörte gar nicht mehr hin; es riß ihn zu mächtig in
Einsamkeit und in freie Höhe, und er rannte den steilen Festungsweg zur
Bischofsburg hinauf. Droben war er dem Untersberge, dem Tännengebirge
gegenüber. Schneeeinsamkeit, gewaltige Verschwiegenheit, unnahbare
Höhenweiten. Danach war ihm selber zumut. Er hätte auffliegen mögen,
um bloß droben mit den Wolken allein zu sein. Nur nicht mehr unter
Menschen!
Ungeheures war ihm nahe.
Doktor Johannes Faustus selber war nach Salzburg gekommen, um den
Philippum Paracelsum aufzusuchen, wie es hieß. Und man hatte die
beiden schon zusammen gesehen. Da turbulierte es unter dem jungen
Blute. Die ganze Studentenschaft versammelte sich; sogar die wenigen
frommen und gläubigen Kleriker, welche es damals noch in Salzburg gab,
waren mit verschreckten Mienen herzugeeilt. Schon daß der Philipp von
Hohenheim, der Aureolus Theophrastus Bombastus Paracelsus, wie er sich
prahlend nannte, der gottlose Spötter, fürstbischöflichen Schutzes und
reicher Belohnung genoß, machte den christgläubigen Seelen bange. Es
war nicht geheuer damals in Salzburg. Der die fürstliche Tiara trug,
der erste Kirchengewaltige nach dem Papste, er hatte nicht einmal
die Priesterweihe genommen, weigerte sich ihrer auch beharrlich und
man konnte ihn, weil er der Bruder des Bayernfürsten war, nicht gut
maßregeln.
So sah es für die wenigen stillen Gläubigen damals aus, als begänne nun
in Wahrheit das Reich des Antichrist im Schutze des Krummstabes des
heiligen Rupprecht.
Paracelsus war verhaßt und gemieden; abergläubisch tuschelte das Volk
dem bleichen Männlein mit den schwermütig mißtrauischen Augen nach.
Aber er konnte gesund machen und er konnte Gold machen. So ließ man ihn
beiläufig in Ruhe. Auch glaubte er noch halberwege an Gott, Doktor
Johann Faustus aber bekannte sich offenkundig zur schwarzen Magie,
die man dem Paracelso nur insgeheim zutraute. Sogar die ketzerischen
Wittenberger Seelenhirten hatten Acht und Aberacht über ihn geschrien.
Evangelischer und Katholik hatte ihm abgesagt und nur gottloses oder
verbrecherisch neugieriges Gesindel mehr lief dem Unheimlichen nach,
der sich dem Teufel lachend übergeben und verschrieben hatte und ihn
seinen Schwager nannte.
»Denn des Teufels Schwester ist die sündige Schönheit.«
Sympert Stainer hatte noch das wirre Durcheinanderfragen in den Ohren:
»Wie sieht er aus?« »Was hat er an?« »Kann er keinem Menschen in die
Augen sehn, wie man sagt?« -- »Wehe dem, den er aber ansieht!«
»Wie sieht er aus?« Stainer hörte noch, daß ein kleiner Kerl plötzlich
gemacht hatte: »Pssst!« Und Alle waren zusammengeschrocken, weil sie
glaubten, der Schwarzrote stünde hinter ihnen. Aber der kleine Student
sagte ihnen, man dürfe von Faustens Äußerm nicht laut reden: »Das nimmt
er euch gewaltig übel. Und sorgt dann nur um eure Häls'!«
»Warum, warum?«
»Wißt ihr nicht die Geschicht' aus Schwäbischhall? Wo er ganz unerkannt
und verhohlen gelebt, weil ihm die Wittenberger Pfaffen an Leib und
Leben gewollt? Kein Mensch hätt's erraten sollen, daß der beschriene
Magus im Städtel wär! Wie aber die dortigen Salzknappen, ein hohnvoll
und übermütig Volk, das keine Seel in Ruh ihrer Weg ziehen läßt,
ihm wegen seiner kleinen und höckrigen Gestalt nachgespottet haben,
»Äsop, Äsop,« da hat er ihnen aus dem Flußwasser einen Feuerteufel
herauszitieret; -- auf grauslichste Weis' hat er's getan! Hat in seiner
Wut die Hosen heruntergerissen -- --«
»Still,« rief ein Anderer. Aber es war diesmal nur Theophrast
Paracelsus, der an der Hochschule vorüber nach der Residenz ging, wo er
zu einer alchymistischen Sitzung befohlen war. Die Studenten verhielten
sich sehr, solange der kleine, blasse Mann in Hörweite war. Er warf
aus seinen sonst unsagbar traurigen und vorwurfsvollen Augen nur einen
mürrischen Blick nach der Seite hin, wo das Rudel aufgeregter junger
Leute zusammenstand; den Kopf hielt er aber geradaus und ziemlich
geneigt. Aber mit den Augen sah er nach der Seite hin; -- mahnend? Oder
prüfend? Ein Blick, ahnungsvoll klug wie der eines Kindes, oder eines
Tieres, und ebenso geängstet, ging allen durchs Innerste.
Als Paracelsus vorüber war, ging das Tuscheln von neuem an:
»Der Doktor Faustus hat beinah dieselben Augen: Ebenso traurig, aber
dazu eher grimmig und bedrohlich.«
»Wer ihn reizt, dem ergehts auch schlecht,« sagte der kleine Student
von ehedem wieder.
»Was haben die Salzsieder in Hall denn gesagt?«
»'Wer ist das elend klein huckrig Männdl?' haben sie bloß gefragt.«
»Hat ihn wer hier gesehen? Ist er höckerig?«
»Ja,« sagte der, welcher vorhin so bedenksam über die Augen des Magus
gesprochen hatte. »Er geht in Schwarz und Rot, ist nach spanischer Art
gekleidet, hat ein klein' Barettl, einen kurzen, graugemischelten Bart,
der dicht ums ganze Gesicht geht, so daß man die gepreßten Lippen kaum
sehen mag. Nur eben die Augen kannst ansehen: Traurig, mißtrauisch und
zornig schaut er her.«
»Ist es wahr, daß er keinen Menschen mag ansehen?«
»No, mich hat er so von der Seiten her ganz kurz abtaxiert. Ist mir
heiß und kalt davon worden. Er ist nicht größer als der Paracelsus und
hat wirklich ein bissel so einen hohen Rücken; geht also hucket neben
dem Paracelso her. Ich hinten nach. Sind aber allbeide recht einsilbig.«
»Aber geredt haben sie doch?« war Sympert Stainer aufgefahren.
»Ja, aber nur zwei Wörtl.«
»Was, was haben die zwei gesagt?« drängte Stainer.
»Der Faust hat gesagt: 'Alls, was man entdeckt, macht nur trauriger.
Ein einziges Trachten bleibt schön: Der großen Kraft nachgehn.'«
'Die sein wir ja selber', hat der Paracelsus gesagt.
'Die 'ist' auchs liebe Vieh', hat der Faust repliziert. 'Vom Sein hab'
ich nichts. Anfassen muß ichs können. Verstehen. Gebrauchen.'«
»Und der Paracelsus?«
»Hat geschwiegen.«
Von da ab hatte Bertel Stainer nur mehr Klatsch, Wundergeschichten,
Derbheiten und Aberglauben über den Faust gehört und war endlich
weggerannt, um nur wieder zu seinem machtvoll aufbegehrenden Herzen
zurückzukommen.
Jetzt war er allein mit diesem klammgepreßten Herzen, das ihn zwang,
immerzu nach Atem zu ringen. Er stand, holte Luft, aber es war zu
wenig. Aufstöhnend wankte er weiter, gegen die Bürgerwehr zu. Er sah
die hohen Schneeberge jammervoll an, dachte an die dünne und reine Luft
dort oben und daß er dort leichter atmen würde können und faßte wieder
nach seinen tobenden Herzen, wie ein Erstickender.
»Der allein auf Erden ist es, dem ich folgen muß, wohin er mich auch
führen mag. Sei es in den Himmel oder in die Hölle!«
Er blieb stehen und rang nach Luft. »Mein Vater ist verketzert worden.
Mein Bruder glaubt an nichts auf dieser Erden, geht ins Italienische
und sagt: 'Musik ist noch das best' und einzig Ding; -- das macht
fliegen! Nur der Musikant kann sagen, wes Gemütes Gott und der Teufel
sein mögen.'«
Etwas ruhiger und nachdenklicher setzte Stainer seinen Weg fort:
»Und ich? Bei den Rabbis hab' ich Christus und den Glauben an irgend
eine Jungfrau verloren, mag sie heilig oder irdisch sein. Unsere
Professores, von denen ich mir aller Geheimnis Essenz erwartet hab',
die sind arme Esel. Sogar ich dummer Kerl ahn' doch, was die nimmer
wissen können! -- Der Paracelsus? Er steckt zuviel in der Chemie,
als daß man von ihm erfahren könnt, was dies wär, dies erschröcklich,
grausam und süß Geheimnis Leben!
Woher das kommen sein mag und warum wir nie davon genug haben mögen?
Warum wir's ewig genießen wollen, so viel Martern es hat? Und warum wir
wieder wegmüssen, nachdem wir graue Bärt' und kahle Köpf' und faltige
Häls' erleiden mußten? Ein Schand und Spott, wenn das, von Gottes
Ebenbild, wahr wär'! Fauste! Fauste!« -- -- Und er wiederholte sinnend:
»Alls, was man entdeckt, macht nur trauriger. Ein einzigs Trachten
bleibt schön; der großen Kraft nachgehen!«
Der kränkelnde Student hob beide Arme: »Da allein glüht die große
Schatzkohlen! Da allein glost das Feuer, an dem ich mich wärmen kunnt!«
Er stöhnte noch einmal auf, als wäre er auf den Tod verwundet. Mit
einem namenlos hilfsbedürftigen Blick sah er die Berge an, den hellen
Himmel, über den leichtsinnig die kleinen Wolken hinzierten; nirgend
war Antwort! -- -- »Ich geh' zum Fausto.«
In der Bibliothek des Fürstbischofs hatte Faust, wie überall, alle
Bücher durchwühlt. Je älter das Geschrift war, desto gieriger suchte
er in ihm und immer wieder warf er weg, was ihm unter den Händen einen
Augenblick gezuckt hatte. »Nichts. Nichts.« Faustens Augen brannten
schwermütig und drohend. »Steh' denn am Ende aller Weisheit dieser
Erden ich?! Das wär doch, um sie ins Feuer zu schmeißen, wie Mist!«
Einen Augenblick hielt er aber inne, -- als er in den Visionen des
Ezechiel blätterte. Da war eine Randnote in veralteter Schrift
beigesetzt, die sagte: »Es gibt ein ding, geschaffen von gotte, ist die
Ursach alls Wunderbarn, so im Himmel oder auf Erden sein mag, als da
wär Tier, Stein und Kraut. Und ist selbigs kein ander ding, als unser
seel auch. Du findsts allerort, wenige kennens und keiner gibt ihm den
rechten namen. Ist auch vermummt unter zallos rätsel und gestaltung.
Aber ohn das künnen weder alchemie noch magia zu einem rat und ziel
kummen.«
Faust nickte wissend. Dann las er im Ezechiel die Stelle, die zu jener
verschollenen Anmerkung geführt hatte:
»Dieselbige Substanz, welliche der Grund aller Wurzel ist, gehört zum
Ort, den man nennet Schamaim (heißet die Himmel). Ist ein Mysterium,
all jenen kundt, die von diesem himmlischen Stoffe wissen und von dem
jegliche Gattung alle Kraft und Frischheit ihres Wesens erhält. Von
dorther auch kommt die Influenz, welche reicht bis auf den Ort, welcher
genennet wird Sheakin, oder die Aetherregion.«
»Das ist es; ja, das ist es,« sagte Faust. »Und weiter kam bisher
niemand. Nützen kann mans. Anfassen und ergründen nicht.«
Er warf den Band zu dem Übrigen und griff nach einer Pergamentrolle mit
bunten Initialen. »Lieder?« sagte er bitter lächelnd. Aber er warf aus
Langeweile, oder aus Zeitvertreib, einen Blick hinein. Und dann las er:
»owê, war sint verswunden
alliu mîniu jâr!
ist mir mîn Leben getroumet,
oder ist ez wâr?«
Da ließ Faust die Rolle sinken und ließ auch das Haupt noch mehr
zwischen die armselig hohen Schultern sinken, als eh.
»O weh, wohin sind schwunden alle meine Jahr!«
Wo war dies Leben hin und was war es gewesen! Viel Betrug und lautes
Prahlen, Zechgelage, wüste Nächte mit allsatten Weibern, welche die
Neugierde gereizt hatte, wie der Zauberer schmecken mochte. Oder
rücksichtslose Besitznahme von kleinen Mädchen, welche seine Kunst und
die Macht seiner Augen gelähmt hatte und die nun, zu früh erschauernd
und ohne Liebe, duldeten, was sie sonst, später, aber inniglich, dem
Einzigen ihres Lebens hingegeben hätten. Immer hatte er von der Furcht
der Menschen gelebt oder von ihrer Dummheit und hatte töricht, toll
und prasserisch gegen seine eigenen Kräfte gelebt! Jene wunderbare
Kraft, die insonderheitlich aus den Augen strahlt, jene Kraft »von
der jegliche Gattung alle Frische ihres Wesens erhält,« er hatte sie
ausgestreut und um sich geworfen wie Häckerling, jahraus, jahrein.
Und nun brannte sie nicht mehr in so durchnervender Glut aus seinen
erlöschenden Augen wie ehedem. Er hatte sich ihrer bedient, wie eine
böse Schlange; also bestialisch.
Gaukeleien, Schabernacke, kleine Betrügereien, ob deren er von Land zu
Land ausgewiesen wurde. Überall zwar groß Gered, aber auch das übelste
Zeugnis hinter sich, Furcht, Haß und Abscheu aller Menschen. Dazu die
gelähmt gaffende und zitternde Neugier der kindlich Gebliebenen, denen
er gewaltiges Aufsehen erregte. Das war sein Anteil auf Erden und
darüber war er nun alt geworden.
Gelten wollen! Das war das verzehrende Feuer seiner Kinderjahre
gewesen, wenn Andere, Starke, ihn wie ein Bündel in die Ecke
geschmissen! Gelten, erstrahlen wollen, trotz seinem Höcker! Wie dieser
Wunsch zehrte und brannte: So sehr, daß er sich selber immer wieder
großmäulig zu rühmen begann, wenns andere nicht tun wollten!
Später, als die glühende Sinnlichkeit der Jünglingsjahre zu seiner
verzehrenden Großmannssucht noch hinzu kam, war es noch viel ärger
geworden. Jeder schöne Kerl nahm ihm ja lachend das Mädchen fort, das
er, mit brennenden Augen und fressenden Träumen, monatelang erbetet
und erlechzt hatte. Was für Madonnengesichtlein wußte er sündig und
doch schienen sie allen andern rein, wie ein heller Tag! Er aber
war hinterher geschlichen und hatte horchen und zusehen dürfen. --
Zudem hatte sich sein Mißtrauen mit seinem Spürsinn geschärft und
bald glaubte er überhaupt keine Reinheit mehr, -- auch wo sie war.
Haß und Verachtung dem Weibe, glühender Neid dem Manne, das war der
Inhalt seiner Jünglingsjahre. Nur wenn er anführen, verleiten, in
Abgrund reißen konnte, dann quoll ihm hoch das verwilderte Herz! Je
lästerlicher seine Zunge wurde, je schärfer sein Witz, je unfehlbarer
sein rachsüchtiges Wort, desto mehr Gefolgschaft fand er unter denen,
welchen dies Leben, wie ihm, zu karg zugemessen erschien. Ja, solche
Bestien hatten oft mehr Freude an seiner Bosheit, als er und wenn ihm
ob einem grauenhaft ersonnenen Schabernack selber das Blut in den Adern
zu Eis werden wollte oder seine Haare sich wegen der eigenen Bosheit
sträubten, sie johlten und juchten wie freigelassene Sklaven dazu.
Unbändig war ihr Vergnügen.
Daß ihm manchmal so das Herz zuckte vor Mitleid, vor Reue oder vor
Scham, das waren noch seine besten Stunden gewesen.
Dann endlich kam der große Ruf über ihn. Wilde Studenten, die, wie
er, bald von Wittenberg nach dem katholischen Ingelstadt renegierten,
dort ebenfalls hinausgeworfen worden waren und nun nach Heidelberg
oder Straßburg oder Innsbruck, nach Wien, Krakau, Graz und Prag
ausschwärmten, berühmten sich überall seiner Zechgenossenschaft. »Und
sie hatten Tod und Teufel nicht gefürchtet.« Und in Prag hatte der
Leibhaftige einmal unter Faustens Präsidium ein Fiduzit auf Alexander
Borgias Tod getrunken, seines Freunds, des Papstes! »Gottverdammich,
wenns nicht wahr sei!«
So, ja so war sein Ruhm angegangen in deutschen Landen, und was bisher
sein Elend gewesen und seine glühende Kohle im Herzen, daß er nicht
groß und wohlgestaltet war, eben das wurde nun seine Tugend: Faustus
konnte nicht anders mehr aussehen; durfte nicht! Das Volk kannte ihn
so, fürchtete sich vor dieser Gestalt und liebte insgeheim das berühmte
»bucklig Männlein«, das sich dem »andern Fürsten dieses Weltalls«
verschrieben hatte!
Doktor Johann Faustus (der in Wittenberg sich, dem Kurfürsten zuliebe
Johann Georg genennet) hatte jetzt die wilde Freude, daß er zu genießen
anfangen durfte in einem Alter, da sich die Weiber andern Männern
gegenüber zu versagen beginnen. Als die Zahl Vierzig sich, mit den
ersten grauen Fäden, um seine Schläfen schrieb, da erst begannen die
Frauen unter dem wilden und ausgefasteten Blick seiner Augen zu
erröten oder angstgeschüttelt zu erbleichen, und wußten, sie wären
verloren sobald er forderte.
Auch nannte seit diesen Tagen niemand mehr seinen etwas hohen Rücken
und seine gehobenen Schultern einen Höcker, wie ehedem die boshaft
übertreibenden Salzknappen in Schwäbischhall. Es schien allen Menschen,
als könnte ein Mann bei solcher Last des Erkennens, bei solcher
Schwere des Gewissens und bei der ungeheuren Schwermut, am Ziele alles
Menschendenkens zu sein, gar nicht anders aussehen, als etwas gebeugt
und beschwerlich. Das Volk sah nur mehr seine grauen Augen und die
waren wie ein Element. So erstaunlich: Sie konnten wie der Himmel
leuchten, sie konnten wie das Meer wechseln, schillern, erlöschen oder
drohen. Sie waren oft so demütigend ironisch, daß es dem Angeschauten
durch Mark und Bein ging. Sie waren oft so todtraurig, daß den Frauen
die Tränen kamen. Und niemand wagte sich mehr in seine majestätisch
gewordene Nähe, außer er redete ihn selber an.
Jetzt prahlte er nicht mehr. Es lag ihm, den früher die Nichtbeachtung
beinahe zerrissen hatte, nichts mehr an der Menschen Meinung. Das war
vorüber. Seltsam, daß ihn jemals das luftige Gebilde, welches in eines
vergänglichen Wesens Kopf über ihn entstand, mehr aufwühlen konnte, als
das, was in irgend einem Kohltopf als Sud brodelt! War nicht sogar der
Kohltopf wichtiger, dauernder, notwendiger, als beinahe jedes Menschen
Gehirn mit der ewig bestochenen, ewig veränderlichen, ewig betrogenen
Meinung darin?
Und je gleichgültiger Johannes Faust über der Menschen Achtung geworden
war, desto eifriger richteten sie, dichteten sie, verwunderten sie
sich. Über ihn, von ihm, von dem das ganze Reich fabelte.
Längst galt er in Wittenberg als der lebendige Antichrist. Als
Gegenbild des frommen, gottestapfern Luther. Luther: fleißig, einfältig
und gewährend wie Gott, Faust lässig, gescheit und absagend wie Satan.
Das waren die beiden seelischen Enden Deutschlands.
Aber des war Johannes Faustus nicht zufrieden. Hätte er stehen
bleiben können auf dem Jetzt seiner fünfzig Jahre, er hätte dem
Teufel unbedenklich die selben Vasallendienste verbrieft, die er ihm,
ungefordert, ohnedies tat! Aber er glaubte an keinen Teufel, und die
einzige Macht, die er fürchtete und inbrünstig haßte, das war die Zeit.
Noch brannten seine Sinne, und je weiter er auf Erden umhergekommen
war, desto mehr erkannte er, daß er immer ergriffener zu wissen
begönne, was Schönheit sei.
Er suchte keine Weisheit mehr. Nur Schönheit begehrte er noch.
Er war durch Italien gekommen und hatte die antiken Bildsäulen gesehen
und Giorgiones und Tizians entblößte, goldklare Frauen. Jetzt erst war
er dahin gekommen, mit allen fünf Sinnen zugleich Liebe zu ergründen!
Und jetzt rannte die Zeit vor ihm davon, wie sonst die kleinen Kinder.
»Weh, wohin sind schwunden alle meine Jahr!«
»Und was hab' ich aus diesen Jahren gemacht? Zu allem Heil Gottes: was
hab' ich aus ihnen gemacht!«
Irgendein gestörtes Fühlen weckte den Doktor aus seinen aufjammernden
Gedanken, -- er fuhr herum. Die Türe hinter ihm ging zögernd auf, dann
stand, leichenblaß vor Erregung, Bertel Stainer, der Student, in der
Türe. Er war entsetzt, daß der unheimliche Doktor, so mäuschenleise er
die Pforte zur Bibliothek geöffnet hatte, seine grauen Augen geradezu
nach ihr hinbohrte, ehe sie aufgegangen sein konnte und er blieb stehen
wie ein Kind, dem übel wird.
»Ich hab' Euch gefühlt,« sagte Faust. »Kommt immer heran. Was wollt
Ihr?«
Der Ton seiner Stimme war ruhig und traurig; beinahe gerührt. Da gewann
der Student einen mächtigen Mut, stürzte zu Fausto hin und wollte sich
auf die Knie werfen: Der Doktor wehrte es ab.
»Doktor, Doktor Johannes Fauste,« rief er dem Manne, der eben selber so
hilflos mit dem Leben abgerechnet hatte, zu: »Ihr allein auf der ganzen
weiten Erden könnt mir helfen und mich glücklich machen!«
Es weilte damals auch das absonderlich schöne Mädchen in Salzburg,
welches eine weitschichtige Base zu Bertel Stainern war. Sie hieß
Helena und war des griechischen Kaufmannes Tochter, der alle
Lieferungen für die Innsbrucker Hofhaltung des seligen Kaisers Max
besorgt hatte und jetzt, als ein reicher Mann, für Karl den Fünften und
den römischen König Ferdinand Geldgeschäfte trug. Zu der war an jenem
Tag, sehr geistesabwesend, der junge Stainer gekommen und frug nach dem
Vater. Dann, als Helena dem Vetter gesagt hatte, daß der zum römischen
Könige gefahren wäre, ließ er sich niedersinken.
»Ich wollte auch gar nicht nach dem Oheim fragen.«
»Was führt dich also her, Vetter?« sagte das Mädchen beunruhigt.
»Ich war beim Doktor Faust.«
»Beim Zauberer?« fragte das Mädchen
erschrocken.
»Ja.«
»Gott und die heilige Jungfrau behüte dich!«
»Dieser beiden bedarf ich nicht mehr.«
»Bertel, Bertel, was sagst du da!?«
»So! Sagt ich was?«
»Was ist geschehen mit dir?«
»Ich weiß nicht mehr. Mir ist, als wär ich aus einer Ohnmacht
aufgewacht und hätte mich nun nur so hergeschleppt.«
»Hat er dir was getan? Hat er dir was angezaubert?«
»Ich weiß nichts mehr; nichts. Alles ist vergessen, bis auf den
Augenblick, daß ich eintrat. Er hatte seine tiefen, grauen Augen in die
Türe gebohrt und sagte: 'Ich weiß, daß du kommst.' -- Ich, zu seinen
Knien hin: 'Fauste hilf mir, du allein kannst es!' Und von da ab weiß
ich nicht ein Ding auf Erden mehr, als daß ich jetzt hier bin.«
»Du mußt ihm nie wieder begegnen, du! Wer weiß, was er mit dir gemacht
hat! Du darfst ihm nie wieder begegnen!«
»Helena, lieber begegne ich in Ewigkeit dem Erlöser Herrn Jesu Christo
nicht mehr, als daß ich vom Faust lasse!«
»Gott segne dich und mich; aber dann muß ich zu meinem Beichtvater und
durch ihn Gott anrufen, für dich und gegen ihn. Und zum Erzbischof
will ich den Faust verklagen gehen; Vetter!«
»Der Erzbischof ist derselben Sucht und Sach verfallen, wie Faust
und Paracelsus, laß das nur. Es ist gut, wenn du fromm bist und
sollst ungestört dabei verbleiben. Und es ist gut, wenn ich dem Faust
nachgeh', und du sollst mich lassen, wie ich immer auch gehen mag. Ah,
Helena, dieses Schauen! Bis in den Grund der Seelen schaut er! Und so
traurig schaut er, wie der Engel Luzifer, da er sich von Gott lossagen
gemußt; weil er nit anders gekunnt. -- Wie ich!«
Dem schönen Mädchen erzuckte leise das Herz. »Traurig?« sagte sie. »Ich
hab viel tolle und übermütige Ding erhört von ihm; aber von seiner
Trauer redst erst du.«
»Ich kann nichts, als an ihn denken.«
»So erzähl mir von ihm. Man hört so viel üble Sachen. Es tät mir wohl,
besser über ihn denken zu können.«
»O, das war früher,« rief der Student eifrig. »Da hat ers gar schlimm
getrieben und viel Ärgernis und Feindschaft angestiftet. Aber nun ist
er still und weich worden; berühmt sich auch gar nicht mehr seiner
Künste. Dafür geht sein Lob aus der geachtetsten Leute Mund umher!
Der Philipp von Hutten nennt ihn einen Gesandten höherer Mächte, einen
tiefstudierten Weisen! Der große Schulmann Camerarius sagt: 'Was redet
ihr über den Fausto? Geh einer hin und suche er aller Weisheit Spuren
und Gründ' so feuriglich nach, wie der Faust, so will ich nur mehr
unbedeckten Haupts vor ihm stahn!' Das sind Zeugniss' unserer ersten
Männer, Helena; und sind die frischesten und letzten. Alles andere ist
alte Feindschaft und altes Gered'!«
»Wie sieht er aus?« fragte Helena. Und dieselbe Frage, die dem Stainer
an seinen Kommilitonen klein und nichtig erschienen war, gewann jetzt
ein blühendes Leben für ihn. Er malte das vergrämte, tiefverstudierte
Wesen des seltenen Mannes; seine ewig anders schauenden, elementar
launenhaften Augen, die Bürde seiner Schultern, das düstere Schwarz und
Rot seiner Kleidung, und wie die Halskrause den gramvoll nachdenklichen
Kopf über alldem wie vereinzelt, abgetrennt, ja enthauptet erscheinen
ließe. »Man sieht zuletzt nur mehr dies Haupt auf weißer Schüssel
liegen und allein für sich leben: dies Denkerhaupt, das der Weisheiten
letzte Grenzen überstiegen und Gott selber zu durchschauen sich
vermessen hat.«
Das schöne Mädchen saß unbeweglich im Erker. Das südliche Blut ihres
Vater machte ihre Wangen niemals röter werden, als es der braune
Elfenbeinton ihrer Haut zuließ. Nur ihre Haare ringelten und rollten
sich wie deutsches Märchengold über der Blässe ferner, wärmerer Zonen.
Ihre braunen Augen schauten ins Weite. Seltsame Mär! Daß das alles
wirklich war? Daß es solch einen Menschen gab, der entweder der erste
und höchste unter den Sterblichen, oder ihr verworfenster war! Und wer
wollte sagen, ob dies, ob jenes! Man wußte nur, eines der beiden Enden
der Menschheit war er!
Aber das war es, was Doktor Johann Faustus zu dem verzauberten
Studenten gesagt hatte, soeben; -- und ihm dann Vergessenheit aufgelegt:
»Du bist mit Wissen und Willen, ja aus gar großer Sehnsucht zu Einem
gekommen, der schon mehr in der Sag und Phantasei der Menschen lebet,
denn daß er selber wäre. Ist dir nicht, als wär das ein Traum?
»Du bist durch eine Magie, die dir selber unerklärbar ist, hingezogen
zu einem, der sich, hellwissend, dem Zerstörer dieser Gotteserden
verschrieben hat und begehrst Anteil am Reich des Versinkens. Dir ist
selber so, daß dem nicht in Wahrheit so wäre; -- sondern all das ist
ein Traum.
»Es war einmal eine mächtig große Insel im Ozean, der heute noch ihren
Namen trägt; hieß Atlantis. Ein Prophet war dort, hieß Gatamura. Der
erkannte zu Recht, daß dort Land und Leut am längsten gelebt haben
sollten und ließ Wasser ein in einen feuerspeiend' Berg, so nach unten
barst. Und das ganze Land versank mit Mann und Maus in einer einzigen
Nacht. Ich aber, mit jedem Morgen, den ich erwach, sag: 'Hilf mir
zu dir und deiner Weisheit, Gatamura! Auf daß ich alles Land, drauf
Menschen leben, versenk' in Feuer und Wasser.' -- Zu diesem bist du
gekommen. Faustus heiß ich mich und das bedeutet: der Glückliche. Und
bist zu einem Glücklichen gekommen, der Tag und Nacht nichts anderes
sinnt, als wie er untergehen könnt zusammen mit dem erbärmlichen
Gezücht, das ein Gott angeblasen haben soll, ist aber jämmerlicher als
jede Katzenart und vertilgenswert wie Geschmeiß und Ungeziefer, anders
steht die Sach nit. Das alles ist wunderlich und ist ein banger Traum;
nit?«
Immerzu sah Johannes Faustus dem Studentlein in die Augen, welche
zusehends größer wurden und zuletzt ins Endlose zu schauen begannen.
Und bei diesem letzten, ermunternden Worte: »Nit?« sagte der Student
mit ferner Stimme: »Ja.«
»Willst du weiterträumen?«
»Ja.«
»Dann hör' und tu's in den Grund deiner Seelen. Es gibt nur zwei Arten
von Mensch. Die einen wollen aus sich fort und weiter, wie sie's
nennen. Die andern wollen zu sich selber. Jeden magst du prüfen, immer
ist er nur das eine oder das andere. Die zu sich selber wollen, die
kriegen nur Töchter oder Söhn', so des Lebens ganz unkräftig sein;
aber in ihnen selbsten wohnt eine unersättliche Gier, zu leben. All
ihre Vorfahren, Edelleut, Geldraffer, Bauern, Soldaten, Taglöhner
und Bettler, die wollen noch einmal zusammengeballt in diesem einen
Menschlein auflodern, wie eine goldene Flamm und alles auf eine Karten
setzen, alls auf einen Zug austrinken, und wenns ein arm bucklet
Männlein wär, das sie sich ausersehen haben für ihr angesammeltes
Begehr! Du bist so einer, ein Letzter; und mit dir wird die Pflanzen
deines Geschlechts abdörren, gleich wie sie mit dem heiligen
Franz abgedörrt ist oder hinter dem Aufblühen der hundertjährigen
Aloepflanzen. Ist all eines und Heiliger und Wüstling sind nur zwei
Strophen im Madrigal, das den Kehrreim hat: 'Verbrennen will ich vor
Gier nach Ewigkeit!'«
»Ich halt dich nit, Sympert Stainer; du selber mußt dich an mich
halten, als wie wenn du gar nit anders kunntest. Ich halt dich nit; ich
warn dich und vermahn dich ganz ernsthaftiglich! Wer bisher mit mir hat
gehn wollen, der ist immer noch vorzeitig abgefallen vom ganz großen
Weg des Vernichtungsengels und hat sich selber einen jämmerlichen,
unreifen Schluß gemacht. Ich leb' immer noch, obwohl mich alle weghaben
wollen. In Kreuznach hat mich der Sickingen schon hinausgeschmissen, da
war ich noch ein junger Lecker; hab mich zum Lehrer bestellen lassen
und meinen Buben gesagt: 'Es ist nichts mit Welt und Gott und Menschen;
werdet die Letzten eures Blutes.' Da sein die einen ihren Eltern
aufsässig worden, die andern zu den Soldaten geloffen, die dritten zur
Bierbank. Das war meine Frucht und Schul: Keiner hats ausgehalten;
waren alle doch nur Menschen, die anderswohin dirigiert waren, als zu
sich selber hin.
»Ich hab's damals noch nit verstehen mögen; hab' gemeint, alle wären
wie ich selber und kennten kein ander Begehr, als tief in ihr eigen
Blut versinken! Dann aber hat sich mein zweiter Famulus erhenket,
wie Judas, nachdem er den Wittenberger Pfaffen verraten, was ich ihn
gelehret. Lange Zeit hab ich keinen Famulum mehr haben mögen und hab
einen schwarzen Hund mit meiner Kunst Seel und allerlei Geheimnis
eingeblasen, so daß die Leut vermeinten, es wär ein höllischer Diener.
Den Hund hab' ich verkaufen müssen; -- bin ja mein Lebtag ein armer
Schlucker gewest. Hieß Prästigiar, der Hund und ein Abte zu Halberstadt
hat mir ihn abgeschwätzt. Der war mein allergetreuester Famulus. Sodann
kam der Christoph Wagner, der annoch zu Wittenberg sitzt und meine
alchymistischen Proben instand hält und nacharbeitet. Der hat sich
verhurt und versoffen. Und so sind alle Menschen, die mir anhingen
immer bloß die jämmerlichen, die ganz kleinen und geringen Abweg'
des Teufels gegangen und ihrer keiner den großen und stolzen Weg bis
zum Krieg gegen Gott. Das sollst du wissen und innerlich darüber
nachträumen, damit du dich fürchtest und nimmer zu mir kommst, wenn
dein Begehren halb wär. Dreimal müßtest du selber so zu mir kommen,
ehe denn ich dich annähme. Dann aber will ich es aufrichtig mit dir
halten und gemeinsame Arbeit tun mit dir, dir auch die Augen öffnen
für die letzten Tiefen, vor denen Faustus und Infaustus gleich sind.
Jetzt aber erhol dich langsam deines Traumes und in währenden Gehen von
hier erwach du immer mehr und geh zu dem liebsten Wesen, das du sonst
auf Erden magst haben und schütt ihr dein Herze aus. Von mir hast du
alles vergessen außer meiner großen Schwermut; daß Gott diese Erden so
jammervoll mißgeschaffen hat am sechsten Tag. Das sollst du behalten
und nichts anderes für heut. Geh, mein Sohn.«
So und nicht anders hatte der Gewaltige die Phantasien des jungen
Menschen vorzubereiten begonnen, dessen angstvoll bittende Kinderaugen
ihm wohlgefallen hatten, wie seit Jahren keine andern. Denn wenn
Faust auch das Menschengezüchte im ganzen haßte und nichts anderes
sann, als wie er dem Gott diese mißratene Art wieder abschneiden und
gänzlich zunichte machen könnte, so ließ sich doch sein Wesen immer
wieder, einzelweise, zu ein wenig Liebe und Herzlichkeit heraus,
wie er denn auch stets der beste Herzbruder und Zechgesell seiner
Freunde war und niemals einem untreu. Sondern er tat mit herzlichster
Gutmütigkeit jedem, was er ihm nur an den Augen absehen konnte und hat
wohl niemandem, den er lieb gewonnen, jemals eine Bitte abgeschlagen.
Daher er auch niemals zu sonderlichem Vermögen gelangt war, ein paar
kostbare Geschenke von fürstlichen Kleinodien abgerechnet, die er
irgendwo bei einer alten Muhme im Breisgau verwahrte, damit er sie
nicht auch wegschenke, bäte ihn jemand darum.
Als aber der gebannte Junge weggegangen war, wie ein ganz Versponnener
und Faust ihm mitleidig nachgeblickt, fielen seine Augen, die ermüdet
waren von dem vielen Ausströmen der Willens- und Lebenskräfte, wieder
auf das alte Bußlied: »Owê, war sint verswunden --«
Und mit einem schweren Seufzer sank der alternde Mann in den
verbräunten Lederstuhl und grübelte: »Ein End', nur endlich ein End'
für mich und alle, die da seit Äonen gefoppt und gequält durch den
kurzen Sonnenschein kriechen müssen und stets ganz andere Äonen lang
weiter den Löscheimer zum Sehnsuchtsbrande von Hand zu Hand reichen
werden müssen, bis die Erde kalt geworden ist wie eine Geliebte, die
uns verachten gelernt. Und stumpfe, gekrümmte Tiere werden sogar dann
noch eine Weile frierend beieinander hocken, gleich mir, der jetzt
schon für alle gebeugt ist und für alle fröstelt!«
Das war eine Lebensstunde des alternden Doktors Faust gewesen.
Aber sein Leben bestand nicht mehr wie ehedem aus Tollheiten,
Zechgelagen, Gaukeleien und Schabernack. Immer mehr trieb ihn das
Bewußtsein des Wegsickerns seiner Tage zur Tat, zu seiner alleinigen
Tat, für die niemand außer ihm prädestiniert war, vielleicht seit
Anbeginn der Schöpfung, -- außer dem zornigen Priester und Magier
Gatamura, den ihm einstmals, in entrücktem Zustande, sein zweites
Gesicht vorgewafelt hatte und an dessen schauerliche Tat er voll
geheimer Hinneigung glaubte.
Darum war er nach Salzburg gekommen.
Es lebten hier zwei Menschen, deren er zu einem Plane bedurfte, welcher
immer magischer in ihm Gewalt gewann. Paracelsus war der eine; der
andere aber war der Fürstbischof selber, gelehrter Mineralog und
aller geheimen Gänge und Schichtungen des Gesteines im bayrischen,
salzburgischen und tirolischen Hochgebirge kundig. Faust brauchte den
großen Alchemisten und er mußte die Kenntniss' über alle Bergadern
besitzen, ehe er groß werden und aufflammen ließ, was als geheimes
Feuerlein in ihm glühte.
Es war die Stunde, zu welcher Paracelsus in die bischöfliche Bibliothek
kommen sollte, um ungestört mit Faust über die geheimen Versuche
beider zu reden. Faust fühlte auch jetzt, daß etwas Zähes und ihm
Widerstrebendes gegen ihn herschlich. Das war Paracelsus, der die
Treppen hinanstieg, voll Widerwillen gegen den, für ihn zu Unrecht
berühmten Alleswisser.
Dennoch: Faust hatte ihm da eine wundervolle Entdeckung gebracht,
die auch den Alchymisten in hohe Gunst beim Kirchenfürsten setzen
mußte. Es war ein Sprengmittel, vieltausendmal fürchterlicher als
Pulver und griechisches Feuer zusammen, von dem ihm der Doktor die
Mitteilung gemacht hatte. Es blieb wohl noch das Schwierigste für den
immer bekümmerten Laboranten zu suchen übrig, das hatte Faust von
sich geschoben und ihm aufgetragen. Jenes Vernichtungsöl hatte schon
in Ingolstadt einen forschungsgierigen Studenten zerrissen. Den Faust
hätte es auch zweimal Leib und Leben gekostet, wenn er nicht seiner
Sicherheit sehr gewärtig gewesen wäre und Christoph Wagner in Rimlich
bei Wittenberg, der ebenfalls für den Doktor die gefährlichen Proben
weiter besorgte, ging nur langsam und mit äußerstem Mißtrauen an die
gefährlichen Versuche. Da sollte Philipp von Hohenheim, der Paracelsus,
das Bad ausgießen und das fürchterliche Mittel zähmen! Ein stiller
Grimm mochte darum im Innern des großen Forschers kochen, aber Faust
hatte ihn gebunden; es konnte dem bettelarmen Arzte und Goldmacher
mehr eintragen, als der vergeblich gesuchte Stein der Weisen. Der
ewig von den aufwieglerischen Bauern bedrohte Fürstbischof, dem die
neue Lehre bereits würgend nach der Kehle griff, bedurfte einer
Zuchtrute, so gewaltig wie das Flammenschwert eines Cherubs, um sich
das widerborstige Volk zu zwingen.
Wenn die Bischöflichen von ihrer Feste zu Hohensalzburg, bei der
ersten, sich bietenden Gelegenheit eines neuen Bauernaufstandes, nur
zwei oder drei Bomben mit jenem entsetzlichen Gewaltöl unter die
Knollfinken geschleudert hatten, damit war Friede gemacht. -- Dort oben
dann lachten sie wie Götter, und unten wimmerte das zertretene Gewürm.
Wenn die beiden Gelehrten dem Bischof alle Macht gesichert hatten, --
»im Himmel und auf Erden«; dann hatte der alternde Theophrastus Nahrung
für seine letzten Tage. Mochte es denn sein.
Er trat zu Faust in die Bücherstube ein, mit seinem behutsam zögernden
Schritte; forschende, traurige Augen auf den Schwarzroten gerichtet.
»Ich freu mich, zu sehen, daß das Teufelsöl Euch nicht hat zu Leibe
gehen können,« sagte Faust spähend.
»Wenn mans in reinen Gefäßen erzeugt und gänzlich verschlossen bewahrt,
dann hälts eine Weil; niemals gar zu lange. Weh dem aber, ders mit Öl
oder Terpentin, auch Fett oder Harn zusammentuen wollt! Da zerreißt
die kleinste Prob ein Stück Welt ringsumher. Sogar Staub darf nicht
drankommen!«
»Das ist böse,« sagte Faust nachdenklich. »Fette und Urin könnte man
fernhalten und alles was Harz heißt. Aber Staub?«
»Ihr sollt gleich zum Bischof kommen,« sagte Theophrastus. »Er hat aus
Kanonengut eine Bomben gießen lassen, größer als der dickste Kürbis
und mit einem winzigen Schraubengang in die Mitten hinein, wie Ihr
vorgeschlagen habt, so daß man ein einziges Tröpfl des Öles hineingehen
lassen und alles dann bis außen mit einer langen Schrauben zuschließen
kann.«
»Ist die Bomben wohl gut in die Erden verbettet?« fragte Faust.
»Glaubt Ihr denn, das winzige Tröpfel werde soviel allerbestes und
zähestes Material auseinandertreiben können?« erwiderte Paracelsus
verwundert.
»Wenn das wär', dann könnt man ja die ganze Erden damit zerreißen!«
Faust blickte jähe nach dem Arzte hin, aber der stand gelassen
und vollkommen nachdenklich neben ihm. Da schwieg auch er. Aber er
rechnete: Am einundzwanzigsten Juni, da ich mit den Landsknechten
nach Italien kam im Siebenundzwanzigerjahr, da hat die Sonn' in
den berühmten Brunnen zu Sizilien dreihundertundzwei Klafter tief
hineingeschienen. Am selbigen Tage zwei Jahr nachher in Gotland --
ja ja: ich hab's ganz klar derrechnet: Die Erden hat fünftausend und
etlich hundert Meilen rundumher und fünfzig Millionen Klafter querdurch
gemessen. Ich nehm an, daß die harte Rinden den zweihundertsten
Teil mag betragen, ehedenn das flüssige Feuer anhebt, wie ichs bei
Neapel und Catania herausquillen hab' sehen. Der Bischof hat mir eine
Riesenbombe gießen lassen, deren Rinden darf nur ein Zweihundertteil
sein, vom Durchmesser. Dann bohr ich ein Löchl, nur ein Tausendstel so
tief wie die Rinden und tu ein staubkorngroß des Öles daran. Zerreißt
es das ganze Eisen, gut. Dann mag es auch im gleichen Verhältnis
Bergstein und Erden auseinandertun auf Nimmerwieder, wann ich das
Millionenfache in die allertiefste von allen Höhlen bring, die mir der
Bischof angedeut.
Erzbischof Ernst saß erregt zwischen den beiden Gelehrten. Seine fahle
Gesichtshaut war gerötet, sein langer Bart zitterte.
»Nimmer hätt' ich vermeint,« sagte er, »daß solch ein Nichts, so ein
Zehntel Tröpflein, den ungeheuerlichen Erzkloben würd' in Trümmer
zerreißen. Da grauet einem! Aber jetzt gebt mir, wie Ihr versprochen
habt, das Rezept preis, Faust. Ich wills Euch ebenso lohnen, wie ich es
zugesagt. Aber niemand, außer des römischen Königs und des deutschen
Kaisers Majestäten und wir allein, darf das Geheimnis wissen; das
schwört Ihr mir unter Preisgab' Eures Lebens!«
Faust reichte dem erregten Bischof feierlich seine Rechte hin und
begann dann:
»Erstlich, wir brauchten Braunstein in großer Meng'; derselbe, den die
Glasmacher nutzen, um die schöne, violene Farb' in ihre Ziergläser
zu brennen und den man von dessenthalben Glasmacherseifen nennt. Mit
demselbigen legt man den Grund. Sodann übergießet man ihn mit _spiritus
salis Basilii Valentini_, langsam und bedächtlich; da kommet eine
grüne Luft hervor, erschrecklich stickig und stinkig, darein kein Wesen
vermöcht' zu atmen. Ein bissel nur daran gerochen und man vergibt sich
vor Husten. Ein halber Atemzug davon, und der stärkste Mann bekömmet
einen Bluthusten, der tödlich sein kann. So ist diese grüne Luft.«
»Es ist vielleicht dieselbe, die in der Höll' die Verdammten atmen
mögen,« sagte der Bischof leicht erschaudernd. Dann raffte er sich
wieder auf: »Weiter,« sagte er.
»Item,« fuhr Faust fort, »wenn diese grüne Luft, die man in einer
offenen Flaschen halten kann wie Wasser, denn sie sinket schwer
zu Boden, wenn man also diese grüne Luft erzeuget hat, dann
vermengt man sie mit _spiritus salis ammoniacum_, kanns aber nicht
durcheinandertreiben! Sondern alles muß langsam und unbewegt geschehen,
sonst zersprengt es sich schon _in statu nascendi_. Da wird also, von
denen beiden Höllenstänken, ein gelbes Öl und das ist nun dasselbige,
von welchem Eure Fürstbischöfliche Gnaden eben in so grausamer Weis'
ein winzig Tröpflein eine Bomben zerspritzen gesehen haben, zu deren
Sprengung dreihundert Pfund Pulver vergeblich angewandt worden wären.«
»Wahr, das ist wahr.« sagte der Erzbischof nachdenklich.
»Wann mir Eure Bischöfliche Gnaden nun auch in Herablassung die
seltsame Stell' angeben wollten, wo sich so viel Braunstein hat finden
lassen? Man könnt' das Öl ganz im Großen herstellen, alsdann.«
»Ich hab' Euch schon gesagt, es war fast untunlich, solchen Braunstein
zu gewinnen und zu fördern,« sagte der Erzbischof. »An der Stelle
im Lande Tirol, wo sich die Alpen, so aus Brennkalk bestehen, von
dem roten Porphyrstein scheiden, da haben wir goldhaltigen Quarz
eingesprengt gefunden und dabei Eure Glasmacherseif', damit wir ja
das Gold gleich herausscheiden konnten. War aber so wenig Goldes, daß
es sich nicht gelohnt hätte. Nun ist uns aber da ein Naturwunder kund
worden. Es muß, als Gott den Kalk und den Porphyrstein voneinander
schied, ein Riß durch die halbe Erden gegangen sein. Ja. Recht als
wie des Tempels Vorhang, da der Heiland starb, scheinet da die Erden
auseinandergerissen. Es hat sich besagte Kluft dann zum Teil wohl
wieder angefüllet, denn nur ein enger Schlurf führt dort in die
grausame Tiefe, und ist eben jenes Braunsteines eine ungeheure Meng'
ins Bodenlose gerollt; denn je weiter unten, desto mehr haben unsere
Knappen, die sich hinuntergewagt, davon gefunden. Aber das Loch geht
dermaßen tief in die Erden, daß sie es zuletzt vor lauter Hitz' nicht
mehr ausgehalten haben, obwohl immer noch kein Ende war. Und keine
Schnur hat den Grund abreichen können; dagegen ist ein Wachslicht, das
man hinabgelassen hat, gänzlich verschmolzen. Woraus mir zu schließen
deucht, daß dort, unter jener Tiefen, das ewig' und höllische Feuer
beginnen mag. Es ist diese Kluft vielleicht derselbe Eingang zur
Höllen, den der italienische Dichter Dante beschreibt. Denn er hat
weder Grund noch Ende.«
Der Bischof hatte wieder das blasse und kränklich versorgte Aussehen
bekommen, das er immer zeigte, und atmete schwer und müde. »Für heute
mags genug sein, Ihr lieben Herrn,« sagte er.
»Halten mir Eure Bischöfliche Gnaden noch eine Frage zugute: 'Kennt man
jene Stell' im Lande Tirol an irgendeinem äußerlichen Zeichen?'«
»Es steht die erste italienische Zypressen dort, wenn man vom Grat
gegen Waidbruck herzukömmet; aber sie ist ein ganz verkümmert Bäumel
und vielleicht gar schon erfroren.«
Und damit gab der Bischof den beiden Männern Urlaub und segnete sie.
Faust atmete schwer.
»Wozu gebrauchet Ihr den Braunstein in so ungeheuerlichen Mengen?«
fragte Paracelsus verwundert. »Mit ein paar Dutzend Pfund ist dem
Bischof und dem Kaiser geholfen.«
»Mich hat bloß jene erstaunliche Sag' vom Eingang in die Unterwelt mit
Neugier erfüllt und die wollt ich bei solcher Gelegenheit erfahren.«
»Ihr wollet doch nicht am Ende Gott versuchen und dort in frevelhaftem
Vorwitz einfahren?« rief Paracelsus.
»Glaubt der Mann, der gesagt hat, das ganze Leben wär nichts als ein
alchymischer Prozeß, denn an einen persönlichen Gott? Und an eine
greifbar materielle Höll'?« fragte Faust erstaunt.