Das Land der absoluten Gegenwart ist für alle Kulturvölker ein Spiegel, in
dem sie deutlich ihre Zukunft sehen können. Der Fortschrittsgedanke
marschiert drüben in Siebenmeilenstiefeln und hat eine glatte Bahn vor
sich, während unsere Schrittmacher der Entwicklung immer noch auf
Hindernisse stoßen, die die Vergangenheit aufgerichtet hat, Berge von
Vorurteilen, Abgründe von Dummheit, die nicht immer leicht zu überklettern
oder zu überspringen sind. Wenn wir aber angesichts der drohenden
Überflügelung durch die Neue Welt in allen Fragen der technischen
Zivilisation daran gehen wollten, unsere Abgründe auszufüllen und unsere
Berge abzutragen – was würden wir damit gewinnen? Eine trostlose
Verflachung unserer Kultur. Ein wirklich gebildeter Mensch mit historisch
und philosophisch geschultem Denken, mit ästhetischem Bewußtsein und einer
idealistischen Weltanschauung ausgerüstet, wird, mit offenen Augen in
jenen Spiegel hineinschauend, nur sagen können: Gott bewahre uns vor
dieser Zukunft! Er wird einsehen lernen, daß wir unseren wertvollsten
Besitz, nämlich unsere geistige Kultur, nicht den materiellen
Errungenschaften der Gegenwart, sondern der fernen und fernsten
Vergangenheit verdanken, und daß es gerade jene Hemmungen des
Fortschrittstempos gewesen sind, die den Untergrund für unser
gegenwärtiges Empfinden, Wissen und Können so überaus solid aufgemauert
haben.
(M97)
Wir Europäer haben von Amerika schon mehr gelernt, als wir wissen und als
uns gut ist. Seit nämlich die raum- und zeitverkürzenden Erfindungen sich
zu überstürzen begannen, also seit drei Jahrzehnten ungefähr, ist von
Amerika her der _Rekordwahnsinn_ in die Welt gekommen. Fast alle die
großen Erfindungen, vermöge deren wir jetzt Wasser, Erde und Luft
beherrschen, sind in der Alten Welt gemacht und hätten unter allen
Umständen die Wirkung gehabt, das allgemeine Tempo des Lebens zu steigern;
in Amerika aber haben diese Erfindungen, der ungeheuren Entfernungen
wegen, doch die rascheste und vielseitigste Anwendung gefunden und dadurch
auch stärker als bei uns auf den Charakter der Menschen eingewirkt. Der
Ehrgeiz, alles Neueste sich zu eigen zu machen und auf allen neuen
Gebieten das Vollkommenste zu leisten, fand durch sie reichste Nahrung,
und der amerikanische Snobismus, der ja wenig Gelegenheit hat, sich auf
dem Felde der Literatur und der Kunst auszutoben, stürzte sich mit
Begeisterung auf den Kultus der Schnelligkeit und machte den Wetteifer im
Rekordbrechen zum vornehmsten Sport. Da dieser Sport sehr teuer und sehr
gefährlich ist, so sagt er dem Amerikaner, der ja bessere Nerven besitzt
und aufregende Vergnügungen in viel größeren Quantitäten vertilgen kann,
ganz besonders zu. Er blieb aber mit seinen verrückten Schnellzugs-,
Automobil-, Wasser- und Luftwettfahrten nicht im eignen Lande, sondern
begann an allen internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Sein
Sensationsbedürfnis und seine unverbrauchte Kraft haben das Rekordfieber
in der großen Welt gewaltig geschürt. Die enorm gesteigerte Schnelligkeit,
der großartige geschmackvolle Luxus der transatlantischen Dampfschiffe
haben die Yankees in immer größeren Scharen zu uns hinübergelockt, und wo
immer sie in größerer Menge auftraten, zwangen sie durch ihren Reichtum
die betreffenden Orte, sich ihren Ansprüchen anzubequemen. Genau so, wie
ehemals die Reiselust der Engländer und ihr starres Festhalten an ihren
nationalen Gewohnheiten, ihre Unlust und Unfähigkeit, Sprachen zu erlernen
und sich fremden Sitten anzubequemen, auf die ganze Reise- und
Fremdenindustrie einen starken Einfluß ausübte, so geschieht dies jetzt
noch in höherem Maße durch die größere Kapitalskraft ihrer amerikanischen
Vettern. Während die amerikanischen Hotels sich allmählich den
europäischen Stil aneignen, bemühen sich jetzt unsere Hotels, sich zu
amerikanisieren. Die Engländer kamen früher sehr häufig auf den Kontinent,
um zu sparen, zeigten sich also hier geizig; die Amerikaner dagegen sind
viel großartiger und leichtsinniger, als Emporkömmlinge auch
protzenhafter. Das Geldausstreuen an sich macht ihnen das größte
Vergnügen; aber sie verderben nicht nur die Preise, sondern auch den Stil
bodenständiger Kultur, den guten Geschmack, weil sie überall die
Sensation, das Äußerste, das Unerhörte verlangen. Da sie bereit sind, es
gut zu bezahlen, so sucht man es ihnen zu bieten. Und so kommt es, daß
auch bei uns immer mehr das Schönste und das Bedeutendste, was unsere
Natur und unsere Kunst aufzuweisen haben, sich dem amerikanischen
Snobismus anzupassen, und was das Schlimmste ist, zu einem Vorrecht des
Reichtums zu werden beginnt. Ich erinnere nur an Bayreuth, Oberammergau,
die Münchener Musikfeste, die großen Bilder- und Antiquitätenauktionen,
die bekanntesten Schweizer Sport- und Kurorte. Nun will sich aber der
europäische Reichtum nicht gern ausstechen lassen. Er strengt sich darum
aufs äußerste an, es dem amerikanischen gleich zu tun, und so entsteht ein
gefährlicher Wettbewerb in verschwenderischem Luxus. Da ferner die tiefste
Bildung und der feinste Geschmack durchaus nicht immer an den Reichtum
geknüpft sind, so machen sich Dilettantismus und Oberflächlichkeit immer
mehr breit, und der Unbemittelte findet es immer schwerer, sein Bedürfnis
nach Kunst- und Naturgenuß zu befriedigen. Wohl dürfen wir Völker Europas
uns einbilden, daß anspruchsvoller Geschmack und tiefere Bildung bei uns
verhältnismäßig verbreiteter seien, als in der Neuen Welt; immerhin sind
doch aber auch bei uns die Ungebildeten in der Überzahl, und diese
Überzahl wird leicht verführt durch die glänzende Außenseite, die
amerikanischer Luxus auch den untergeordnetsten Betätigungen seiner
Vergnügungssucht zu geben vermag. In den Niederungen der dramatischen
Kunst, z. B. in der Operette, im Vaudeville, im Variété, im Zirkus dringt
der amerikanische Geschmack selbst in Deutschland immer mehr durch. Das
Vergnügen an den Sentimentalitäten, Hintertreppensensationen und
Clownspäßen der Lichtbildtheater, an mechanischen Musikwerken, oder gar an
den scheußlichen sechs Tage-Rennen der Radfahrer, mutet schon durchaus
amerikanisch an.
(M98)
Der ausschlaggebende Einfluß des Reichtums in Bezirken, wo eigentlich nur
die Autorität des Wissens und des Geschmacks bestimmen sollte, bringt das
Kulturniveau in Gefahr. Die stete Aufstachelung zu Leistungen, die alles
bisher Dagewesene rasch überbieten sollen, hindert die gesunde Stetigkeit
der Entwicklung und drängt den Tüchtigen überall zugunsten des Fixen
zurück. Als Vertreter der Neuen Welt lernen wir bei uns eine glänzende
Auslese von flott und sicher auftretenden geschäfts- und sportgewandten
Männern kennen, in Begleitung reizender, eleganter, siegessicherer Frauen.
Das erweckt in uns die Meinung, daß diese beneidenswerten Neuweltler, die
es in einer kurzen Spanne Zeit augenscheinlich so viel weiter gebracht
haben als wir, doch wohl in allen Dingen auf dem richtigen Wege sein
müßten, und wir beginnen folglich uns unserer Langsamkeit, unserer
bedächtigen Gründlichkeit, Sparsamkeit und Bescheidenheit zu schämen. Wir
vergessen dabei, daß gerade das Zusammenwirken dieser Eigenschaften es
ist, was uns heute immer noch über die glänzende Scheinkultur der Neuen
Welt ein beträchtliches Übergewicht gibt. Wenn wir uns auf den atemlosen
Wettbewerb mit dem Riesenkontinent über dem Ozean einlassen, so werden wir
sicher den Kürzeren ziehen. Die Quellen unseres nationalen Wohlstandes
sind nicht so unerschöpflich wie die drüben, und wenn unsere Industrie,
unsere Kunst, unser Handwerk ihr Hauptstreben darauf richten wollten, das
unerprobte Neue, das Unfertige also, nur möglichst schnell an die Stelle
des Alten zu setzen, um anderen Ländern zuvor zu kommen, so würden unsere
Erzeugnisse auf dem Weltmarkt bald nicht mehr die wichtige Rolle spielen
wie heute. Der Grund, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer
kolossalen industriellen Entwicklung immer noch so viele Dinge von uns zu
beziehen genötigt sind, liegt hauptsächlich darin, daß drüben jenes
Erbinventar von Talent, Geschicklichkeit und Geschmack, durch
Handwerksstolz und Berufstreue von Generation zu Generation bewahrt und
verstärkt, kaum vorhanden ist. Alle diese wertvollen Vorzüge würden uns
aber verloren gehen, wenn wir uns von dem amerikanischen Snobismus noch
weiter anstecken ließen.
(M99)
Ich habe schon bei der Schilderung des amerikanischen Zeitungswesens
darauf hingewiesen, daß auch unsere Presse hie und da bereits recht
bedenkliche Anläufe gemacht hat, es in skrupelloser Fixigkeit, wüster
Sensationsgier und Nachgiebigkeit gegen die schlechten Instinkte der
minderwertigsten Leserschaft sogar der _gelben_ Presse gleichzutun. Auch
bei uns beweist die Erfahrung, daß auf dem Gebiete des geistigen Schaffens
die Schleuderware, wenn sie nur recht billig und einem ordinären Geschmack
entsprechend aufgeputzt ist, durch den Massenabsatz erheblich mehr
einbringt, als das gute, aber teurere Erzeugnis. Die Massenproduktion von
Zeitungen, welche nicht zusammengeschrieben, sondern einfach
zusammengeklebt, d. h. gestohlen werden, beweist dies ebenso wie der
Massenabsatz von billiger und vielfach recht minderwertiger Reiselektüre.
Wir haben uns neuerdings in Deutschland erfreulicherweise dazu aufgerafft,
gegen diese Verflachung der Bildung, gegen diese Herabwürdigung zumal der
literarischen Arbeit zum bloßen Zeitvertreib dadurch anzukämpfen, daß wir
überall, bis in die kleinsten Nester hinein, eine überaus lebhafte
Vereinstätigkeit entwickelt haben, deren Ziel es ist, jedermann aus dem
Volke für ganz billiges Geld wertvolle Anregung, Belehrung und gute
künstlerische Unterhaltung zu bieten, indem man hervorragende Fachgelehrte
und Künstler zu Vorträgen gewinnt. Außerdem blühen überall die
Volksbibliotheken in erfreulicher Weise auf, und wirklich wertvolle
gemeinnützige Unternehmungen, wie Reclams Universalbibliothek, stehen
schon nicht mehr vereinzelt da. Durch all diese Unternehmungen wird der
Drang nach Belehrung, nach künstlerischer Erbauung auch in weite Schichten
unseres Volkes getragen, für die früher die Quellen des Wissens und der
Schönheit unerreichbar waren. Auch auf diesem Gebiete sind wir naturgemäß
erheblich weiter als das Volk in den Vereinigten Staaten, obwohl auch
dort, namentlich durch Gründung von musterhaft eingerichteten öffentlichen
Bibliotheken und Museen, durch die _University Extension_ und Gewinnung
von tüchtigen Wanderrednern neuerdings sehr viel in dieser Richtung getan
wird. Es ist also wahrscheinlich, daß uns in nicht allzu ferner Zeit
Amerika auch auf diesem Gebiete eingeholt haben wird. Wollen wir uns nicht
überflügeln lassen, so wird der Richtspruch unserer Volksbildner ebenso
wie der unserer Fabrikanten heißen müssen: „_Qualität, nicht Quantität;
nicht vom Neuen das Neuste, sondern vom Guten das Beste; nicht das
Auffallendste, sondern das Originalste, das Persönlichste, das Deutscheste
bieten._“
(M100)
Wir haben es ja so viel leichter, persönlich, original, volkstümlich zu
sein, denn wir _sind_ ein Volk, als Rasse zwar auch gemischt, aber in
dieser Mischung doch schon seit Jahrtausenden konsolidiert. Was das alte
Europa für den feinsinnigen Betrachter so unerschöpflich interessant
macht, das ist die unendliche Abwechslung und Differenzierung im Charakter
seiner Völker. Wie die Mundart schon in verhältnismäßig kleinen Bezirken
wechselt, um innerhalb eines Gebietes, das kaum so groß ist wie der eine
Unionsstaat Texas, so verschiedene Gebilde, wie etwa das Plattdeutsche und
das Oberbayrische zu erzeugen, so wechselt auch von Gau zu Gau der
Charakter der Bewohner und die Art, wie sich dieser Charakter in der
Bauart, den Sitten und Gebräuchen widerspiegelt. Eine nordamerikanische
Rasse gibt es aber vorläufig noch lange nicht, und die Behauptung
vereinzelter amerikanischer Gelehrten, daß die Menschheit drüben sich
deutlich dem Indianertypus zu nähern beginne, dürfte wohl als ein
wunderliches Hirngespinst zu betrachten sein. Die Menschen, die sich in
der Neuen Welt zusammengefunden haben, werden wohl noch auf unabsehbare
Zeit hinaus Engländer, Iren, Schotten, Deutsche, Italiener, Russen, Juden,
Neger usw. usw. bleiben. Ebenso deutlich wie z. B. die Neger in den
Vereinigten Staaten noch nach ein- bis zweihundert Jahre langem Aufenthalt
alle Schattierungen der Farbe vom Milchkaffee bis zur Schuhwichse
aufweisen und dadurch immer noch deutlich den afrikanischen Landstrich
verraten, dem ihre Vorväter entstammten, so wird man auch den Nachkommen
der weißen Einwanderer noch auf Jahrhunderte hinaus ihr ursprüngliches
Vaterland ansehen, vorausgesetzt, daß sie nicht durch fortwährende
Mischehen absichtlich darauf ausgehen, ihre Rassenmerkmale zu verwischen.
Es sind nur die neuen Lebensbedingungen und allenfalls die klimatischen
Verhältnisse, welche drüben innerhalb der verschiedenen Rassen einen
eigenartigen neuen Typus erzeugen. Wenn ein Deutscher ein oder zwei
Jahrzehnte lang in Argentinien oder in Südwestafrika Farmer gewesen ist,
so vermag er sich auch in seinem Wesen und in seinem äußeren Gebaren so
stark zu verändern, daß seine Familienangehörigen, wenn sie ihn nach so
langer Zeit wiedersehen, aus dem Verwundern nicht herauskommen. Aber er
ist doch nur ein anderer Typus von einem Deutschen und beileibe kein
Buschmann oder Pampas-Indianer geworden! In den Vereinigten Staaten ist
überdies noch die Möglichkeit, sich den Ureinwohnern zu assimilieren,
dadurch ausgeschlossen, daß diese Ureinwohner bis auf klägliche Überreste
vernichtet sind. Der Deutsche kann drüben dem Engländer, der Jude dem
Japaner, der Neger dem Italiener dies und jenes abgucken oder
unwillkürlich in fremde Anschauungen sich hineinfühlen, fremde Gebräuche
übernehmen, aber aus seiner Haut kann er deswegen noch lange nicht hinaus.
Es wohnt also drüben ein Völkermischmasch ohne eigne Sprache und ohne eine
gemeinsame Tradition, der eben erst angefangen hat, aus den neuen
Lebensbedingungen heraus gemeinsame Kulturideale zu suchen. Von einem
amerikanischen Volke wird man erst sprechen können, wenn die ungeheuren
Ländergebiete drüben so gleichmäßig bis zur Sättigung bevölkert sind, daß
die Regierung auf die Aufnahme weiterer Einwanderer dankend verzichten
kann. Aber auch bei verschlossenen Türen wird der Prozeß der Durchrührung
des so verschiedenartigen Geblütes viele Jahrhunderte in Anspruch nehmen.
Vielleicht wird es im Jahre 3000 eine nordamerikanische Rasse geben –
denkbar aber auch, daß bei der sich immer steigernden Leichtigkeit des
internationalen Verkehrs und der Interessenassimilation der großen
Kulturwelt überhaupt eine Rassenbildung nicht mehr möglich ist, und die
ganze Änderung darin bestehen wird, daß die alten Rassen ihre
charakteristischen Eigenschaften verlieren und höchstens noch, als pikante
Erinnerung an die einstige schöne Verschiedenartigkeit, Farbennuancen
übrig bleiben. Sollte dieser Zustand in ein- bis zweitausend Jahren
wirklich schon eingetreten sein, dann könnte man davon sprechen, daß
Amerika uns verschlungen habe, insofern als das Wesen des heutigen
Amerikas bereits allerlei Wirkungen jener Rassen zerstörenden Tendenz
bemerken läßt. Die Gewissensfrage ist für jeden einzelnen: soll ich dazu
beitragen, die Entwicklung zum rassenlosen Weltbürgertum zu beschleunigen,
oder soll ich mich mit all meinen Kräften dagegen sträuben?
(M101)
Wenn man aus den Vereinigten Staaten nach Europa zurückkehrt, so nimmt
zunächst das Auge mit wonnigem Behagen den Eindruck der Ordnung, der
Fertigkeit, der stilsicheren Harmonie zwischen Natur und Menschenwerk in
sich auf. Sei es eine englische Hügellandschaft mit ihrem üppigen
Wiesengrün und ihren anmutigen Heckenzäunen, sei es ein französischer
alter Herrensitz mit wundervollem Schloß, umgeben von Weinbergen, Blumen
und Obstgärten, sei es selbst nur eine arme deutsche Flachlandschaft mit
ihren peinlich nach der Schnur bestellten Feldern, ihrem trauten Dörflein,
so behaglich im Schatten alter Baumgruppen versteckt, sei es eine moderne
Großstadt mit imposanten geraden Straßenfluchten, voll prunkender
öffentlicher Gebäude, oder sei es endlich gar eine uralte, winklige,
hochgieblige, vieltürmige Kleinstadt, noch durch alte Ringmauern und
Wachttürmchen gegen einen längst nicht mehr existierenden Feind geschützt.
Alles das sind Dinge, die wir jenseits des Ozeans schmerzlich vermißt
haben und die man uns auch drüben nicht nachahmen kann. Das ist Tradition
einer alten Kultur, das sind Instinktleistungen einer tief verankerten
Disziplin, ästhetische Werte, die nicht nur die Sinne des anspruchsvollen
höheren Menschen erfreuen, sondern auch ethisch überaus fruchtbar sind,
weil in allen diesen Dingen die besten Kräfte der Rasse äußerlich sichtbar
werden. Diese ethisch ästhetischen Werte sind es, die den Begriff der
Heimat schaffen, und nur innerhalb solcher Heimat gibt es ein wirkliches
Lebensglück. Wer gedankenlos nur der Gegenwart lebt, der kann leicht dazu
kommen, die Heimat zu unterschätzen, weil er meint, daß das Glück da
wohnen müßte, wo die Mittel zu einem üppigeren Dasein leichter zu
erreichen sind, und wo es weniger schwer als daheim sei, in weiteren
Bezirken eine erheblichere Rolle zu spielen. Für solche Leute ist es wohl
angebracht, nach Amerika zu gehen; denn durch den Vergleich mit dem
trostlosen Einerlei der Menschheit und der Menschenwerke da drüben werden
sie erst den Wert der Heimat schätzen lernen – es sei denn, daß sie zu den
blinden Seelen gehören, welche im rein materiellen Genuß ihr Genügen
finden. Die Amerikaner, deren geistige Ansprüche eine vertiefte Bildung
gesteigert hat, kommen ja jetzt mit ihrem großen Hunger nach echter Kultur
zu uns nach Europa, um bei uns zu lernen, wie man zu jener herz- und
sinnerfreuenden Stilharmonie gelangen könne, die ihre vorläufig noch fast
ausschließlich technische Kultur ihnen nicht zu bieten vermag. Sie
bekommen alle eine ehrliche Hochachtung vor unserer Wissenschaft, vor
unserer Kunst, vor der Solidität unseres Handels und unserer Industrie,
vor der Geschicklichkeit unserer Handwerker, vor der wohldisziplinierten
Ordnung unserer Lebensverhältnisse; viele von ihnen bringen auch als
Reisegewinn eine liebenswürdig verschämte heimliche Liebe zu unserer
Romantik mit heim – nachahmen aber können sie auch beim besten Willen
diese unsere Vorzüge schwerlich, und es bleibt ihnen weiter nichts übrig,
als in Geduld abzuwarten, bis sie selbst ein einheitliches Volk mit eigner
Tradition geworden sind.
(M102)
Umgekehrt sendet Europa jahraus, jahrein eine gar buntscheckige
Gesellschaft von Lebensstudenten in die Neue Welt hinüber: alle die
überzähligen Esser kinderreicher Familien, unzufriedene, verärgerte,
aufsässige und abenteuerliche Naturen, verkrachte Existenzen, Durchbrenner
aus allen Ständen, und diese schwierige Gesellschaft lernt tatsächlich da
drüben mehr, als sie irgendwo in der Alten Welt lernen könnte. Der
entschlußunfähige Dummkopf, der gewohnt ist, darauf zu warten, bis eine
liebevolle Obrigkeit ihn dahin stupft, wo man seine Muskeln gebrauchen
kann, der langsame, ängstliche Philister, der faule Träumer, der vornehme
Müßiggänger, der hochmütige Geld- oder Wissensprotz – sie alle werden
zunächst einmal durch die gröblichen Fauststöße der harten Not darauf
aufmerksam gemacht, daß die Parole in der Neuen Welt laute: Augen auf!
nicht abwarten, sondern zugreifen! Nicht genieren! Wer essen will, muß
arbeiten, und der persönlichen Würde tut es keinen Eintrag, ob du von
Kartoffeln oder von Filetbeefsteaks satt wirst. Wer weder ein
Betriebskapital mitbringt, um sofort ein selbständiges Geschäft
anzufangen, noch ein Handwerk, eine Kunst, eine Wissenschaft so praktisch
zu verwerten weiß, daß er in seinem Fach ohne weiteres Unterkunft und
Nahrung findet, der muß sich eben ohne Zögern auf dem großen Arbeitsmarkt
für jede beliebige Tätigkeit zur Verfügung stellen, die bezahlt wird. Ich
habe drüben Trambahnschaffner getroffen, die erst wenige Wochen im Lande
waren und bei uns maturiert hatten, adlige Offiziere in Mengen als
Kellner, Reitknechte, Kutscher und Chauffeure. Hat jemand kaufmännische
Veranlagung, so bringt er es unschwer dazu, Agent für irgendeine
Warenspezialität zu werden; zeigt er sich hierin gewandt, so ist der
Schritt zum selbständigen Geschäftsmann nicht mehr schwer. Das Gute bei
dieser Härte ist, daß sich der Amerikaner durch Anmaßung, hinter der keine
offensichtliche Kraft steckt, nicht imponieren läßt. Der Yankee macht sich
freilich oft lächerlich durch sein übereifriges Herandrängen an unsere
Höfe, an unseren Adel, und der echte Republikaner drüben ist mit Recht
empört über das Bestreben seiner Emporkömmlinge, die schwere Mitgift der
Töchter gegen europäische Titel und Stammbäume einzutauschen; aber man
merkt bei näherem Zusehen doch bald, daß es nicht der Titel an sich ist,
welcher diese faszinierende Wirkung übt, sondern vielmehr die mit altem
Adel verbundene vornehme Sicherheit des Auftretens, die unnachahmliche
Grandseigneur-Manier. Wo diese fehlt, wie bei den meisten drüben ihr Brot
suchenden, heruntergekommenen Adligen, da versagt der Zauber völlig. Eine
Persönlichkeit, die sich nicht kraft ihrer ungewöhnlichen geistigen oder
physischen Begabung durchzusetzen versteht, muß unerbittlich in die
Hackmaschine hinein und geht in der großen Gleichheitswurst auf. Aber auch
mit philiströser Bedenklichkeit kennt das amerikanische Leben kein
Erbarmen. Wer in der kecken Fixigkeit des Lebens den Atem verliert, der
kommt elend am Wege um. Will einer das rasende Gefährt des Fortschritts
unterwegs verlassen, so muß er schon sehr geschickt in der Fahrtrichtung
abzuspringen verstehen – nach rückwärts aussteigen heißt unter die Räder
kommen.
(M103)
Eine der besten Seiten der Demokratie ist es aber, daß sie selbst dem
Verbrecher nicht den Rückweg zum anständigen Leben verlegt. Das Vertrauen
auf die eigne Kraft ist eben so stark entwickelt, daß man sich vor den
Schädlingen der Gesellschaft nicht so überängstlich fürchtet wie bei uns.
Denn wer etwa im wilden Westen sich seinen Wohlstand geschaffen hat, der
mußte ja immer gegen Räuber, Indianer oder Gauner in den eignen Reihen auf
dem _qui-vive_ stehen, und die Erfahrung hat ihn gelehrt, daß ein einziger
beherzter Mann mit einem Dutzend feigen Gesindels fertig werden kann. Er
hat aber auch an zahlreichen Beispielen gesehen, wie ausgemachte Lumpen
durch den Zwang der Arbeit und schließlich durch den Erfolg doch noch zu
brauchbaren Menschen gemacht wurden. Das Resultat dieser Erfahrungen ist,
daß man sich des Verbrechers zwar sehr energisch erwehrt, ihm jedoch immer
wieder Gelegenheit gibt, ein besseres Leben anzufangen, und wenn er dann
etwas Ordentliches erreicht, hält man ihm seine Vergangenheit nicht wieder
vor. Das ist ein großer, edel menschlicher Zug, dem viele durch falsche
Erziehung und angeborene Charakterschwäche zu Verbrechern gewordene
Menschen ihre Rettung verdanken. Auch die amerikanischen Richter sind
glücklicherweise bessere Menschen- als Gesetzeskenner. Wir sind sehr
geneigt, den manchmal grotesken Humor ihrer salomonischen Urteile zu
verspotten, aber es ist sicher, daß diese lustigen Entscheidungen nicht
halb so viel Unheil stiften und Erbitterung zurücklassen, als oft die
Paragraphentreue unserer sattelfesten Juristen. Selbst der barbarische
Richter Lynch hat sich wohl noch nie an einem Unschuldigen vergriffen, und
die Abschreckungstheorie handhabt er jedenfalls mit praktischem Erfolg.
Der Verstand von Haus aus gescheiter Menschen, den lediglich das Leben
selbst mit seinen Erfahrungen in die Lehre genommen hat, ist, wenn er
wirklich gesund geblieben ist, sicher ein besserer Urteilsfinder als alle
Schmökerweisheit des weltfremden Ofenhockers. Und unter der gesegneten
Herrschaft des Kgl. Großbritannischen _common sense_ haben sich ja alle
besten Charaktereigenschaften der Neuweltler so erfreulich entwickelt. Wir
alten Europäer werden ihnen freilich diese Charaktereigenschaften nicht
ohne weiteres ablernen können, denn ihr Optimismus, ihre prahlerische,
aber tatkräftige Zuversichtlichkeit, ihr mutiger Leichtsinn sind eben
Tugenden der Jugend, und andere Vorzüge, wie besonders ihre schöne
Neidlosigkeit, sind durch die Gewöhnung an Verhältnisse bedingt, die wir
alten Völker ebensowenig nachahmen können wie die Jugend.
Es gibt sogar rein geistige Gebiete, auf denen wir von den Yankees noch
etwas lernen können, nämlich das Kirchen- und das Schulwesen. Wir werden
ein rückständiges Volk heißen müssen, so lange wir nicht die Trennung von
Staat und Kirche durchgeführt haben und so lange es noch möglich ist, daß
ein Deutscher seines religiösen Bekenntnisses wegen gesellschaftlich
verfemt und um sein Brot gebracht werden kann. Wir marschieren nicht an
der Spitze der Zivilisation, so lange bei uns ein Vater, der seine Kinder
nicht dem Christentum ausliefern will, durch Polizeistrafen und sonstige
behördliche Schikanen drangsaliert werden kann, und so lange ein staatlich
anerkanntes religiöses Bekenntnis vorschriftsmäßige Bedingung zur
Erlangung öffentlicher Ämter und Ehrenstellen ist. In dem Lande der
absoluten Glaubensfreiheit ist das religiöse Leben, trotz mancher
blamabeln Auswüchse, viel reicher entwickelt als bei uns, und die starke
religiöse Persönlichkeit, der agitatorisches Talent verliehen ist, kann
eine Macht über die Seelen gewinnen, um die sie unsere
Generalsuperintendenten und sogar unsere Erzbischöfe ehrlich beneiden
dürften. Über das, was wir auf dem Gebiete des Schulwesens von den Yankees
lernen könnten, habe ich an anderer Stelle mich verbreitet. Ein Volk, das
Jugend in sich selber hat, versteht auch naturgemäß mit der Jugend besser
umzugehen. Übrigens machen die Yankees ja andauernd praktische Proben auf
Exempel, die unsere fortschrittlichen Theoretiker schon längst aufgestellt
haben. Lernen wir also an ihren Erfolgen und Mißerfolgen.
(M104)
Es gibt auch sonst noch Gebiete, auf denen die praktischen Erfolge des
großen Staatenbundes uns als Vorbild dienen können: dahin rechne ich in
allererster Linie die politische Macht, welche die Yankeerasse entwickelt
hat. Die Yankees, also die Nachkommen der Einwanderer aus den britischen
Inseln, sind heute der Zahl nach den Nachkommen der deutschen Einwanderer
nur noch um etwa zwei Millionen voraus und dennoch haben sie es
verstanden, ihrer Rasse die politische Vorherrschaft dauernd zu erhalten.
Die Yankees allein haben nicht nur kolonisatorisches, sondern auch
staatenbildendes Geschick bewiesen, während die Deutschen nicht einmal die
von ihnen gegründeten Gemeinwesen dauernd in der Hand zu behalten wußten.
Die Deutschen haben die Staaten Pennsylvanien, Illinois, Wisconsin,
Michigan, Missouri ihrer Zeit förmlich überflutet. Germantown, Milwaukee
und einige andere waren einmal ganz deutsche Städte. Cincinnati,
Cleveland, Chicago, St. Louis und zahlreiche andere Großstädte zeigten
vorübergehend ein Übergewicht an deutschen Einwohnern, und dennoch haben
sie sich überall das Heft aus der Hand winden lassen. Wohl gibt es noch
hie und da einen deutschen Bürgermeister, aber er versteht kein Deutsch
mehr und verdankt seine Stellung den politischen Bossen und nicht dem
einmütigen Willen seiner Rassegenossen. Die Deutschen haben doch wahrlich
nicht nur ihren Ausschuß über den Ozean geschickt, die große Mehrheit
bildeten vielmehr tüchtige bäuerliche und handwerkliche Kräfte, und im
Jahre 1848 gingen sogar zahlreiche unserer besten Intelligenzen hinüber,
die den Beruf zu geistigen Führern ihrer Stammesgenossen in sich trugen.
Woher kommt es denn nun, daß trotzdem diese 18½ Millionen Menschen es zu
keiner politischen Selbständigkeit bringen konnten? Die Zahl jener
geborenen Führer, die sich am Ende der 40er Jahre im Mississippital
niederließen, und die man spottweise die _lateinischen Bauern_ nannte, mag
allerdings wohl der erdrückenden Überzahl der ungebildeten, politisch
gleichgültigen Landsleute gegenüber zu gering gewesen sein – auch war der
Vorsprung, den die britischen Eroberer vor ihnen voraus hatten, nicht ohne
weiteres einzuholen; das Schlimmste aber war, daß alle diese Deutschen ein
stolzes Nationalgefühl überhaupt nicht besaßen, und daß sie ihren
Partikularismus, ihre subalterne Denkungsart, ihr Spießbürgertum mit
hinüberbrachten. Diese Deutschen gaben zwar sehr tüchtige Bauern,
Handwerker und Kleinbürger ab, zeigten sich aber den besonderen
Anforderungen des amerikanischen Lebens nur selten gewachsen. Viele von
ihnen waren nicht einmal fähig, sich die englische Sprache völlig
anzueignen, obwohl sie ihre Muttersprache verlernten. In Kriegszeiten
übrigens haben auch diese Deutschen Großartiges geleistet, wie denn ja
auch die von ihren edlen Fürsten verkauften Württenberger, Hessen usw.
sich in Kriegen, die sie nicht das Mindeste angingen, wie die Löwen
geschlagen haben. Im Sezessions- wie im Bürgerkrieg verdanken
amerikanische Truppen deutschen Heerführern einige ihrer glänzendsten
Siege – und dennoch waren und blieben diese Deutschen nur ein gern
geduldetes und gehörig ausgenutztes Gastvolk innerhalb der riesigen
britischen Kolonie. Die herrschende Rasse dachte selbstverständlich nicht
daran, diese bequemen Biedermänner in ihre großen Ehrenstellen der Staats-
und Gemeindeverwaltung hinein zu komplimentieren, da sie selber durchaus
keinen politischen Ehrgeiz entwickelten. Es hätten den deutschen
Einwanderern damals zwei Wege offen gestanden: entweder sie mußten resolut
ihr Deutschtum über Bord werfen und mit Haut und Haaren Amerikaner werden,
oder aber sie mußten fest zusammenstehen, sich alle in einer bestimmten,
von ihnen zuerst besetzten Gegend niederlassen, einen deutschen Staat im
Staate gründen und diesen mit rücksichtslosem Chauvinismus gegen das
Anglo-Amerikanertum und den Zustrom anderer Rassen abschließen. Die
meisten Deutschen haben aber keines von beidem getan, sie haben sich über
das ganze weite Land zerstreut und sich dann in unzähligen Vereinen
wiedergefunden, die sich gegenseitig nicht selten aus engeren
landsmannschaftlichen oder aus gesellschaftlichen Eitelkeitsgründen aufs
gehässigste bekämpfen. Aber auch der starke Zustrom aus dem geeinigten
Deutschland der 70er und ersten 80er Jahre hat keine wesentliche Änderung
in diesen Verhältnissen gebracht. Diese neuen Reichsdeutschen hätten doch
alle Ursache gehabt, ihren frischen Nationalstolz der herrschenden
Yankeerasse entgegenzustellen, aber auch unter ihnen war der politische
Ehrgeiz eine seltene Pflanze. Wenn sie in Ruhe ihren Wohlstand begründen
durften, waren sie zufrieden, und selbst diejenigen, die durch ihre
Tüchtigkeit und durch ihren Besitz zu hohem Ansehen gelangten, dachten
nicht daran, sich in das Parteigetriebe zu stürzen – die meisten wohl aus
moralischem Reinlichkeitsbedürfnis, viele auch aus reiner Bequemlichkeit.
Man muß also doch wohl sagen, daß ihnen, einige ganz wenige glänzende
Ausnahmen, wie Karl Schurz, abgerechnet, Temperament und Talent für die
Politik fehlten. Die Deutschen der heidnischen Vorzeit haben
kolonisatorisches Talent und Staatsklugheit im hohen Maße besessen und
verdankten dieser Eigenschaft die glänzende Rolle, die sie während der
Völkerwanderung und noch während der Staufferzeit in der Weltgeschichte
spielten. Der jahrhundertelange Jammer der Kleinstaaterei und
Pfaffenherrschaft haben aber jene ursprünglichen Veranlagungen vollständig
erstickt. Hingegen kamen die ersten englischen Besiedler der neuen Welt
aus einem Lande, in welchem die parlamentarische Verfassung bereits Zeit
gehabt hatte, die ganze Nation, bis in die untersten Schichten hinein,
politisch zu erziehen. Zudem waren es neben den religiösen auch zumeist
politische Ursachen, welche die Leute zum Auswandern veranlaßten, und sie
alle, mochten sie Royalisten oder puritanische Revolutionäre sein,
brachten den Stolz mit hinüber, Bürger einer Weltmacht zu sein, deren
Flagge siegreich und gefürchtet in allen Meeren der Erde wehte. Diese
Auswanderer hatten also alle Ursache, sich als ein Herrenvolk zu fühlen,
sie waren sich aber auch der vornehmsten Pflicht bewußt, welches dieses
Herrentum ihnen auferlegte – der Pflicht nämlich, ihr Blut rein zu halten.
Im Gegensatz zu den romanischen Eroberern Südamerikas und Mexikos, die
nichts Eiligeres zu tun hatten, als mit den eingeborenen Weibern eine
recht bedenkliche Mischrasse zu erzeugen, existierte für die
Anglo-Amerikaner des Nordens das rote Weib überhaupt nicht; und selbst
gegen Mischehen mit den besten europäischen Einwanderern richtete das
Rassenvorurteil einen starken Damm auf. Das ist das ganze Geheimnis der
imposanten Machtentwicklung der keltogermanischen Rasse in Nordamerika und
das ist auch das Gebiet, auf dem wir heute noch bei den Briten diesseits
und jenseits des Ozeans in die Lehre gehen müssen. Das Wort Chauvinismus
hat einen garstigen Klang für unsere kosmopolitischen Doktrinäre, unsere
edlen Friedensschwärmer und liberalen Idealisten, es ist aber schließlich
nur ein anderer Ausdruck für Kraftbewußtsein. Denn bei allen wirklich
starken Rassen und Nationen ist der Republikaner so gut wie der
Monarchist, der Liberale so gut wie der Reaktionär _chauvin_.
(M105)
Die Deutschen, die nach 1870 eingewandert sind, vielfach auch noch deren
Kinder, besitzen nun allerdings jenen schönen Nationalstolz, von dem die
vorigen Generationen noch nichts wußten. Sie lesen noch die deutschen
Zeitungen und freuen sich der Berichte über die großartige Entwicklung des
deutschen Handels, der deutschen Industrie, das Aufblühen seiner
Weltmachtstellung zur See. Auch wenn sie die Zeitungen nicht läsen, würden
sie von diesem Aufschwung einen starken Hauch verspüren, denn sie können
kaum in irgendeinen Laden gehen, ohne auf die schmeichelhafte Inschrift:
„_Made in Germany_“ zu stoßen, und die gewaltigen Schiffe der großen
Reedereien, allen voran Hapag und Lloyd, die sogar die englischen
Meergiganten an solider, geschmackvoller Pracht und Zuverlässigkeit in
jeder Beziehung übertreffen, haben für die Hebung des deutschen Ansehens
über dem Ozean mehr getan, als selbst die himmelhohen Berge bedruckten
Papieres, auf denen der deutsche Geist in diesen letzten vier Jahrzehnten
des gesegneten Friedens sich für die Ewigkeit zu manifestieren trachtete.
Die Person des deutschen Kaisers, als Symbol dieser friedlichen
Welteroberung durch deutsches Wissen und deutsches Können, genießt bei den
Deutschamerikanern eine fast uneingeschränkte Verehrung, und auch das
Vereinsleben hat durch diesen neuerwachten Vaterlandsstolz neue Triebkraft
bekommen. In New York, Brooklyn, Chicago, Indianapolis, Milwaukee und
einigen anderen Städten erheben sich schöne deutsche Vereinshäuser, in
denen nicht nur gekegelt und Skat gedroschen, sondern auch mit ernstem
Eifer deutsche Musik und überhaupt deutscher Kulturbesitz gepflegt wird.
In Cleveland haben die Deutschen in einem schönen öffentlichen Park eine
Kopie des Weimarschen Schiller-Goethe-Denkmals errichtet, in Buffalo
bemühen sie sich mit rührender Leidenschaft um denselben Zweck, und selbst
im fernen Westen, in Kalifornien und Kansas ist dieser fromme Eifer
rastlos am Werk. Der Zusammenhang mit dem literarischen Leben des
Vaterlandes ist freilich nur lose, denn es ist begreiflich, daß die
Bestrebungen einer ausschließlich auf ästhetische Kultur gerichteten
intellektuellen Oberschicht in dem neuen Lande, wo die Sorge um Begründung
und Aufrechterhaltung des materiellen Wohlstandes alle Kräfte noch fast
ausschließlich in Anspruch nimmt, wenig Verständnis finden können. In
dieser Beziehung sind es noch Großväterideale, welche die versprengten
Landsleute drüben pflegen und es ist charakteristisch, daß die wenigen
leidenschaftlichen Bekenner zum modernen Deutschtum in Kunst und Literatur
vorwiegend eingewanderte deutsche Juden sind.
(M106)
Es hat sich also nachträglich doch noch so etwas wie ein deutscher
Chauvinismus entwickelt – leider, leider kommt er jetzt um mehr als ein
halbes Jahrhundert zu spät, denn die Neue Welt ist fortgegeben! Es hieße
unseren deutschen Landsleuten einen schlechten Dienst erweisen, wenn man
sie jetzt noch zur Sonderbündelei mit prahlerischem Maulaufreißen von uns
aus aufstacheln wollte; das wäre töricht und geschmacklos. Wie würden wir
es wohl aufnehmen, wenn die vielen Slawen oder Juden, die bei uns zu Gaste
sind, uns fortwährend ihre Nationalität und Rasse unter die Nase reiben,
Fahnen schwenken, uns ihre nationalen Gesänge in die Ohren schmettern und
darauf bestehen wollten, unsere Sprache nicht zu lernen? Wir würden uns
ihrer mit Fug und Recht irgendwie zu entledigen trachten. Auch die
Yankees, die tatsächlichen Herren der Neuen Welt, haben ein gutes Recht,
zu verlangen, daß die Einwanderer aufhörten, Fremdlinge zu sein, indem sie
sich bemühen, wenigstens nach Sprache und Sitte in der Wirtsrasse
aufzugehen. Pflicht des Deutschtums ist es unter diesen Verhältnissen,
sich stolz bewußt zu bleiben, daß sie die Erben einer tieferen und
feineren geistigen Kultur als die ihrer Wirte, und daß sie dazu berufen
sind, den Blütenstaub dieser geistigen Kultur, den sie, rauhhaarigen
Insekten gleich, aus der alten Heimat mit hinüber nehmen, in die Seelen
der neuen Landsleute befruchtend abzustreifen. Deutsche Denkungsart,
deutschen wissenschaftlichen und künstlerischen Sinn, deutsche Treue,
deutsches Gemüt in der neuen Heimat zum ausschlaggebenden Kulturfaktor zu
machen, das muß ihnen als heilige Pflicht bewußt bleiben. Auf diese Weise
lassen sich immer noch Siege _gegen_ und, was noch wichtiger ist, auch
_mit_ dem Yankeetum erringen. Die stolze, erfolgtrunkene Yankeerasse mit
deutschem Geiste zu durchtränken und so zu unseren innerlichst Verbündeten
zu machen, das wäre ein Erfolg, wertvoller als selbst neue glänzende
Waffentaten. Inzwischen dürfen sich aber die Deutschen der Vereinigten
Staaten auch nicht für zu gut dünken, von den Yankees zu lernen, und
ebenso wir Deutschen im alten Vaterlande, die wir solche Belehrung noch
nötiger haben. Es ist nämlich leider nicht zu leugnen, daß wir trotz des
großen Aufschwungs seit 1870/71 es immer noch nicht dazu gebracht haben,
als Nation so respektiert zu werden, wie wir es unseren Leistungen
entsprechend wohl verdienten. Wenn die Diplomaten anderer Völker
irgendeine bedeutungsvolle Neugestaltung der Dinge unter sich ausgemacht
haben und jemand unter ihnen die Frage aufwirft: „Ja, was wird aber
Deutschland dazu sagen, wird es sich das gefallen lassen?“ so wird ihm mit
lächelndem Achselzucken die Antwort: „Ach, die Deutschen! Die sind ja so
anständig, friedliebend und zuvorkommend, die kriegen wir schon herum.“ Es
ist eben in der Politik eine zweifelhafte Tugend, sich aus Höflichkeit die
Butter vom Brot nehmen zu lassen. Also lernen wir Alten fleißig bei den
Jungen die Fehler der Jugend – in der Politik werden viele davon zu
Tugenden, vornehmlich die goldene Rücksichtslosigkeit.
Man wird einwenden, daß jene nachahmenswerten amerikanischen Tugenden
nicht nur in der Jugend des Volkes, sondern mehr noch in den freien
Entwicklungsmöglichkeiten einer großen demokratischen Republik begründet
seien. Ich für meine Person kann jedoch nicht glauben, daß die Staatsform
wirklich diese ausschlaggebende Rolle spiele. Die aufmerksame Beobachtung
hat mich gelehrt, daß die demokratische Theorie drüben, wie überall, an
der aristokratischen Veranlagung der Menschennatur scheitert; ich habe
zahlreiche Beispiele dafür beibringen können. Der innerlich freie Mensch
kann unter jeder Staatsform frei bleiben, und was uns in Deutschland
speziell noch an unseren Regierungssystemen geniert, sind alles Dinge, die
sich bei gutem Willen abstellen lassen. Es ist höchst wahrscheinlich, daß
die Propheten, die uns als nächstes Ziel unserer politischen Entwicklung
die _Vereinigten Staaten von Europa_ verheißen, recht behalten werden.
Aber alsdann werden die gesunden, stolzen Rassen immer noch ein völkisches
Sonderdasein führen und auch ihre Kaiser und Könige ebenso pietätvoll
konservieren können, wie ihre Eigenart auf allen geistigen Gebieten. Wenn
aber diese Vereinigten Staaten von Europa ein vernünftiges,
zukunftsicheres Gebilde werden sollten, dann werden sie es den Lehren mit
zu verdanken haben, die ihnen das Land der absoluten Gegenwart als
untrüglicher Spiegel der Zukunft gegeben hat.