(M89)
Während meines Aufenthaltes in New York geschah es, daß ein aufgeweckter
Marschbauer, irgend so ein deftiger Klaas Petersen, oder wie er nun heißen
mochte, mit der ganz gescheiten Absicht herüber kam, sich für die etlichen
30 oder 40000 Mark, die er aus dem ererbten Bauerngut herausgewirtschaftet
hatte, im fernen Kansas, Oklahama oder sonst einem der neuen Staaten, wo
das Land noch spottbillig ist, eine große Farm zuzulegen. Der Mann war in
der Vollkraft seiner Jahre, verließ sich auf seine derbe Faust, seinen
klaren Dickkopf und seinen deutschen Fleiß und hatte guten Grund,
anzunehmen, daß er schon in ein paar Jahren Frau und Kinder würde
nachkommen und aus dem vollen an dem stolzen Herrenleben eines
Großgrundbesitzers im Lande der Freiheit teilnehmen lassen können. Der
Mann hatte in seiner biederen Offenheit auf dem Schiffe aller Welt
erzählt, wieviel er bei Heller und Pfennig wert sei, und der Kapitän, der
es gut mit ihm meinte, hatte ihm für seinen Einzug in die
Fünfmillionenstadt einen sicheren Begleiter in Gestalt eines seiner
Offiziere mitgegeben. Der nahm Klaas Petersen freundschaftlich unter den
Arm und führte ihn zunächst einmal die Kellertreppe zur _Subway_, der
Untergrundbahn hinunter, welche unter dem Bette des Hudson hindurch
Brooklyn mit New York verbindet und dann in zwei Ästen die ganze
Manhattaninsel bis in die ferne Vorstadt Bronx durchzieht. Als aber Klaas
Petersen über das Treppengewirr und durch das Menschengewimmel hindurch in
einen der Riesenwagen hineinbugsiert war und nun in drangvoll
fürchterlicher Enge, eingekeilt zwischen hinter riesigen Zeitungen
verschanzten Negern, Chinesen, Italienern, Russen und glattrasierten
Yankees stand, als der elektrische Zug donnernd in die schwarze
Felsenhöhle hineintauchte und dort mit unheimlicher Schnelligkeit um die
Kurven schlingerte, da fing Klaas Petersen aus Dithmarsen bitterlich zu
weinen an und schluchzte: „Ick will nah Huus! dor speel ick nich mit. –“
Und dabei blieb’s; er wollte keine Vernunft annehmen. Mit dem nächsten
Schiffe kehrte er tatsächlich wieder heim.
Noch übler erging es einem anderen Grünhorn, das sich auf seinen eigenen
Witz verließ und bei Brooklyn-Bridge einen Trambahnwagen bestieg, um über
die berühmte Brücke nach Brooklyn zu fahren, wo er einen Landsmann
aufsuchen wollte. Und er kam auch über die Brücke, aber er verstand nicht,
was der Schaffner ausrief, und traute sich nicht aufs Geratewohl
auszusteigen; und ehe er sich’s versah, war er wieder auf der Brücke, denn
die Trambahnlinie bildet eine geschlossene Schleife. Da er ein
Gemütsmensch war, gedachte er in Ergebung hinzunehmen, was der Herr in
seinem unerforschlichen Ratschluß über ihn beschlossen hätte. Er fuhr also
auf der großen Schleife hin und her, Tag und Nacht, drei Tage lang.
Schließlich mußte man ihn aus Mitleid erschießen, da er sonst verhungert
wäre.
Wenn du mir diese traurige Geschichte nicht glauben magst, lieber Leser,
so laß es bleiben. Deswegen bleibt es doch als unumstößliche Wahrheit
bestehen, daß du in Amerika unmöglich bist, sofern der Himmel dich zu
einem Junker Träuminsblau geschaffen oder deine Eltern dich mit der
Zipfelmütze bis über die Nase und einem schönen Brett vorm Kopf in die
Welt entlassen haben. Bist du aber kein Muttersöhnchen, das in der Bangbüx
bebbert, sondern ein gesunder Frechdachs mit offenen Sinnen und nicht zu
viel Vertrauensseligkeit, so kannst du dich dreist in das Abenteuer
stürzen. Bist du ein armer Teufel, der drüben sein Glück machen will, so
wappne dich mit Humor und Wurstigkeit, schäme dich keiner Arbeit und laß
die Ohren nicht hängen, wenn es dir in einem Fach mißlingt. „_Let us try
another chance_“ sagt der Amerikaner in diesem Falle, und das sag du auch
und pfeif drauf. Willst du aber zu deinem Vergnügen und zu deiner
Belehrung dich drüben umschauen, so tue Geld in deinen Beutel, viel Geld –
noch viel mehr Geld! Denn wisse, daß für den nicht seßhaften Menschen
drüben die meisten Dinge doppelt und viele viermal so viel kosten wie bei
uns. Für ein Seidel Würzburger Hofbräubier oder Pilsner, das nur 4/10
Liter hält, mußt du einen _Quarter_ hinlegen, das ist _M_ 1.–, und du
wirst bald dahin gelangen, diesem _Quarter_ nicht mehr wehmütig
nachzutrauern; denn das amerikanische Bier enthält zwar Wasser, Malz und
Hopfen und sieht schön braun oder goldgelb aus, hat auch wohl eine
verlockende schneeweiße Rahmhaube auf und der erste Schluck geht dir
lieblich ein, aber bald merkst du, daß es doch kein Bier ist. Und dann
wirst du auch bald finden, daß es sehr viel leichter ist, die schmalen,
schmutzigen, zerknitterten Papierlappen auf den Tisch zu werfen, als bei
uns daheim ein schönes blankes Zwanzigmarkstück anzureißen; du mußt
nämlich schon sehr weit westlich fahren, bevor du überhaupt Gold zu sehen
bekommst. Mache dir nur ja nicht etwa die Illusion, als ob du an
irgendeiner Stelle wieder hereinsparen könntest, was du an anderer Stelle
großzügig verschwendet hast. Abgesehen davon, daß der Knicker und
Pfennigfuchser in dem Lande der Milliardäre höchst verächtlich über die
Achsel angesehen wird, kommst du auch schon aus dem Grunde nicht zum
Sparen, weil die guten Dinge, die zum täglichen Bedürfnis des Gentleman
gehören, durch die ganze Union ziemlich denselben Preis haben. Du kannst
zum Beispiel nicht in einem Hotel zweiten Ranges wohnen und in einem
Restaurant ersten Ranges speisen, weil es einfach kein Hotel zweiten
Ranges gibt. In den großen Städten wenigstens sind alle Hotels, denen sich
ein besserer Zeitgenosse überhaupt anvertrauen kann, nach unseren
Begriffen erster Klasse, und was danach kommt, ist nach unseren Begriffen
gleich vierter Klasse. Du kannst auch nicht im Hotel erster Klasse wohnen
und dann anderswo billig essen gehen, d. h. du kannst es wohl, aber du
wirst bald davon zurückkommen. Denn das billige Essen ist auf die Dauer
unmöglich, und zwischen den Preisen der Speisekarte in einem guten Hotel
und einem anständigen Restaurant gibt es kaum einen Unterschied. Versuche
um Gottes willen auch nicht mit Trinkgeldern zu knausern, das würde dir
übel bekommen; nicht nur in der Welt der Kellner, sondern in der
breitesten Öffentlichkeit würde es deinem Renommee schaden. Ein werter
Freund und Kollege von mir hatte sich von Eingeborenen sagen lassen, daß
der übliche Satz für den Kellnertip, wie bei uns, bei kleineren Rechnungen
zehn Prozent betrage. Seine erste Konsumation im Hotel bestand in einem
belegten Brötchen mit einem Schnitt Bier, wofür er 70 Cent = _M_ 2,80
bezahlen mußte. Gewissenhaft wie er war, suchte er 7 Cent zusammen und
schob sie reinen Herzens dem _waiter_ zu. Der starrte erst mit
verdächtigem Grinsen auf das Sümmchen hin, dann lief er zum Oberkellner,
beriet sich längere Zeit mit ihm und kehrte endlich zurück, um die 7 Cent
zwar ohne Dank, aber mit den sichtbaren Zeichen einer unangemessenen
Fröhlichkeit einzustreichen. Am andern Morgen stand es in sämtlichen New
Yorker Blättern, daß der beliebte deutsche Dichter 7 Cent Trinkgeld
gegeben habe. Und wo immer unser lieber Landsmann erkannt wurde, lachten
ihm die Kellner frech ins Gesicht. Merke dir also, lieber Landsmann,
besonders wenn du aus München kommen solltest, wo die Kati schon für drei
Pfennige danke schön sagt, daß man unter zehn Cent überhaupt keiner
Hilfskraft in der Ernährungsbranche anbieten darf, und daß man das
Trinkgeld immer nach oben bis zur nächsten durch zehn teilbaren Ziffer
abrunden muß.
(M90)
Du darfst ruhig Piefke heißen und in Schmierölen machen und brauchst dich
doch keinen Moment zu besinnen, in den vornehmsten Hotels einzukehren.
Wenn du halbwegs wie ein besserer Zeitgenosse aussiehst und weder die
Sauce mit dem Messer aufschleckst, noch den Kompotteller ableckst, so
wirst du auch in der allerprominentesten Gesellschaft geduldet werden. Für
fünf Dollar bekommst du überall ein anständiges Zimmer mit Bad, und wenn
du dich mit deiner Frau Gemahlin gerade gut stehst, kannst du für
denselben Preis sie auch mit hinein nehmen, denn die Betten sind immer
reichlich zweischläfrig. Nur wenn du vielleicht so weit gehen wolltest,
auch deine Kleinen noch mit querzulegen, so würde man das vielleicht als
einen Mißbrauch der Gastfreundschaft betrachten und dir einige Dollars
extra tschardschen. Aber wer reist überhaupt mit Kindern nach Amerika?!
(M91)
Das Hotel spielt im amerikanischen Stadtleben eine ganz andere Rolle wie
bei uns. Es ist ein gesellschaftlicher und geschäftlicher Treffpunkt, und
die _Lobby_, d. h. die Vorhalle im Erdgeschoß mit ihren massenhaften
Schaukelstühlen, Klubsesseln, Zeitungs-, Zigarren- und sonstigen
Verkaufsständen, spielt dieselbe Rolle, wie der Barbierladen im antiken
Athen und Rom und wie das Caféhaus in Österreich. In der Lobby befinden
sich auch Sekretariat und Kasse des Hotels sowie Auskunftei und
Ausgabestelle für die Post. Die größeren Häuser haben sogar eine eigene
Telephonzentrale für die Vermittlung des riesigen Gesprächsverkehrs
innerhalb des Hauses wie mit der näheren und ferneren Außenwelt, und was
man dir nicht mündlich durch den Draht ausrichten kann, das wird dir auf
elektrochemischem Wege schriftlich gegeben. Selbst in den mittleren
Städten haben die guten Hotels selten unter zehn Stockwerken. Eine ganze
Anzahl von Lifts flitzen Tag und Nacht herauf und herunter vom Keller, wo
der Barbier, die Manikure, der Wichsier dich bearbeitet, bis hinauf zum
Dachgarten, wo du in schönen warmen Sommernächten bei Musik und feenhafter
Beleuchtung dein Nachtmahl einnehmen kannst. In der Lobby aber und in den
angrenzenden Restaurationsräumen laufen fortwährend kleine niedliche Pagen
mit Zerevismützchen auf den Kinderschädeln herum und quarren die Namen der
Leute aus, für die ein Besuch oder eine Depesche da ist, oder die am
Telephon verlangt werden usw. usw. Da sich in der Lobby jedermann
aufhalten kann, auch wenn er nicht im Hause wohnt, so kann man ruhig bei
bösem Wetter dort hineinflüchten, sich eine Zeitung und eine Zigarre
kaufen und in einem Schaukelstuhl Platz nehmen, bis es sich ausgeregnet
oder gar ein Blizzard sich ausgetobt hat. Man trifft sich dort morgens mit
seinen Geschäftsfreunden und abends mit seinem Liebchen. Bauernfänger,
Detektivs und Reporter wimmeln in Scharen dort herum. Die letzteren holen
sich drei Viertel ihres Stoffes in der Lobby. Sie liegen auf der Lauer bei
dem Clerk, der das Fremdenbuch führt, in das jeder neu ankommende Gast
sich einschreiben muß, und stürzen sich auf ihn, sofern er nur irgendwie
prominenzverdächtig oder weit hergereist ist oder sich durch einen
europäischen Titel auffällig gemacht hat. Sie haben Augen und Ohren
überall, stenographieren in ihr Taschenbuch, was sie an Gesprächen der
Politiker, der Spekulanten, der Weltreisenden und der Klatschbasen
erlauschen können, beschreiben die Toilette und das Gepäck reisender
Künstlerinnen und konstruieren sich ganze Romane aus dem bloßen
Mienenspiel aufgeregt flüsternder Leute.
Jeder, der es irgend _afforden_ kann, kehrt in den großen Hotels ein,
selbst Menschen, die man bei uns zu den kleinen Leuten rechnen würde, und
reiche Leute, die auf dem Lande oder in den Kleinstädten wohnen, aber oft
in der Hauptstadt zu tun haben, lassen sich sogar jahrein, jahraus ein
Zimmer für sich reservieren. Folglich sind die Hotels immer voll und
amüsant für jeden, der kein Menschenfeind ist. An Bequemlichkeiten und
Luxus wird dir für deine europäischen Begriffe Fabelhaftes geboten. Bad
und Telephon in jedem Zimmer sind selbstverständlich; ein Transparent
leuchtet auf und zeigt dir an, daß Briefe für dich in der Office sind, und
was das Allererstaunlichste ist – jeden Abend wird dein Bett frisch
bezogen, als ob du ein Milliardär oder ein Erzschweinepelz wärst! Nur
deine Kleider mußt du dir selber reinigen, wenn du nicht _M_ 2 extra dem
Hausschneider dafür bezahlen willst, und die Stiefel mußt du dir im Keller
oder auf der Straße putzen lassen. Was aber das Schönste ist: du kannst
ruhig abreisen ohne durch ein Spalier von Trinkgeld heischenden
Bediensteten Spießruten laufen zu müssen. Dem Hausdiener, der deine Koffer
dir aufs Zimmer schleppt, gibst du eine Kleinigkeit auf frischer Tat, und
wenn du ein Menschenfreund bist, erfreust du gelegentlich den Liftboy mit
einem Tip. Selbstverständlich kannst du auch im Office dein Bahnbillett
und dein Gepäck besorgen lassen, und wenn du als Neuling Schwierigkeiten
mit dem Zurechtfinden oder mit den Behörden hast, so wird dir ein sehr
feiner Gentleman zur Verfügung gestellt, der dich sicher geleitet und für
dich redet, wo du etwa mit deinem Englisch nicht auskommst. Der Gentleman
behandelt dich und du ihn wie seinesgleichen, und du brauchst ihm nichts
in die Hand zu drücken – er steht nachher auf deiner Rechnung. Alles, was
du im Hause verzehrst, bezahlst du bar, und es steht dir vollkommen frei,
deine Mahlzeiten einzunehmen, wo du willst.
(M92)
Wenn du ein Deutscher bist, so wirst du wahrscheinlich bei der Ankunft in
New York deine Schritte zunächst ins _Astorhotel_ lenken, und du wirst gut
daran tun, sintemal du bei dieser Gelegenheit gleich erfahren kannst, wie
herrlich weit aus kleinsten Anfängen heraus es ein intelligenter,
tatkräftiger Deutscher drüben bringen kann. In dem Hotel der _Gebrüder
Muschenheim_, aus dem hessischen Dörfchen gleichen Namens, findest du
nicht nur all den hier geschilderten Luxus und Komfort, sondern auch für
dein ästhetisches Bedürfnis in dem großen Festsaal eine der schönsten
Orgeln der Welt, die täglich von Künstlern ersten Ranges gespielt wird,
und im Grillroom etwas für deinen historischen Sinn, nämlich ein
geschmackvoll zusammengestelltes Museum, das dir über Leben und Treiben
der Indianer in Vergangenheit und Gegenwart einen höchst lebendigen
Anschauungsunterricht erteilt. – Kommst du aber weiter ins Land hinein, in
die mittleren und kleineren Städte, so erkundige dich ja, bevor du dich in
das Fremdenbuch einträgst, ob das Haus in europäischem oder amerikanischem
Stil geführt wird; andernfalls kann es dir so ergehen wie mir in einer
kleinen Stadt Wisconsins. Ich wurde mit meiner Frau in einem der besten
Zimmer eines neuen Anbaues zu dem angeblich ersten Hotel der Stadt
untergebracht. Außer dem großen Bett stand kein Möbel in diesem Zimmer
fest auf seinen vier Beinen, das vierte war nur angelehnt, wenn überhaupt
vorhanden. Auf der frisch gekalkten Wand prangten als einziger Schmuck
zwei interessant umrissene Flecke, der eine vom Wasser, der andere vom
Rauch herrührend; ein Bad gehörte selbstverständlich auch zu diesem
Staatszimmer, es war aber mehr ein Badloch zu nennen, und die Wanne darin
war, (ich habe sie ausgemessen), 47 cm lang. Wenn man seine Knie bis ans
Kinn hinaufzuziehen imstande war, konnte man allenfalls sitzend darin
Platz finden. Da wir während unseres Aufenthaltes zu allen Mahlzeiten
eingeladen waren, so verzehrten wir nichts außer dem Frühstück am anderen
Morgen, d. h. wir hätten dieses Frühstück verzehren können, wenn man es
uns noch verabreicht hätte, was aber nicht der Fall war, da wir erst nach
neun Uhr im Restaurant erschienen. Wir mußten also in die Stadt gehen und
in einer Konditorei frühstücken. Die Rechnung betrug 7 Dollar, also nahezu
_M_ 30.– für ein Bett, einen Tisch mit drei Beinen, zwei Flecken und ein
Quetschbad! Ich konnte nicht umhin, meinem Erstaunen Worte zu leihen. Da
entgegnete mir der Clerk im Office seelenruhig: „Ja, _warum haben_ Sie
denn nichts verzehrt hier? Das ist Ihr Pech. Sie hätten für die 7 Dollar
essen können, soviel Sie wollten, von morgens bis abends. Wir haben
nämlich amerikanischen Plan hier.“ Und die ganze Menschheit in der Lobby
quietschte vor Vergnügen über die lange Nase, mit der ich abziehen mußte.
Jetzt also, lieber Leser, weißt du, was _american plan_ ist.
(M93)
Wenn du nur einigermaßen prominent bist oder durch sonst welche
auffälligen Eigenschaften die Aufmerksamkeit der Reporter auf dich gelenkt
hast, so kannst du die Freude erleben, am Tage nach deinem Einzug ins
Hotel in den Morgenblättern eine schmeichelhafte Beschreibung deines
Exterieurs, eine Würdigung der Vorzüglichkeit deines eventuellen
Schmieröls und außerdem deine Ansicht über Amerika zu lesen. Unter anderen
Folgen solcher frisch gebackenen Popularität wird sich auch ein Gentleman
in tadellosem Anzug mit liebenswürdigen Manieren befinden, der dir seinen
Besuch macht und sich erbietet, dir gänzlich kostenlos deine ganze
Reiseroute auszuarbeiten und die nötigen Fahrkarten nebst den Beikarten
für Pullmanwagen und Bett zu besorgen. Du bist natürlich baß erstaunt über
diese fabelhafte Zuvorkommenheit, beschaust dich im Spiegel und begreifst,
wie Gretchen im Faust, nicht, was man an dir findet. Da läßt sich ein
zweiter, ebenso eleganter und liebenswürdiger Gentleman melden, erkundigt
sich ebenfalls, wohin deine Reise gehen soll und macht dich lächelnd
darauf aufmerksam, daß der Herr, der vorher da war, dir eine sehr
unvorteilhafte Route vorgeschlagen habe; mit seiner Gesellschaft würdest
du schneller, komfortabler und sicherer reisen. Da hast du des Rätsels
Lösung. Da zwischen den bedeutenden Plätzen der Union fast überall mehrere
Eisenbahnlinien bestehen, so suchen sich die verschiedenen Gesellschaften
ihre Kunden persönlich einzufangen, obwohl man nicht nur in allen großen
Hotels, sondern auch in den verschiedensten Stadtgegenden in den eleganten
Offices der verschiedenen Gesellschaften seine Billette vorausbestellen
kann. Diese starke Konkurrenz hat für den Reisenden das Angenehme, daß
sich jede Linie die größte Mühe gibt, ihm so viele Bequemlichkeiten und
Vorteile zu bieten, wie irgend möglich. Wenn du also zum Beispiel
geborener Berliner bist und als solcher Wert darauf legst, deiner
koddrigen Schnauze Bewegung zu machen, so kannst du während deiner Reise
alles bemäkeln, und wenn du dich irgendwie zurückgesetzt fühlst, den
erschrockenen Oberkontrolleur anfahren: „Wissen Sie, alter Freund, mit
Ihrer verdammten Linie fahre ich nie wieder, verstehen Sie mich!“ Gegen
Langeweile oder Magendrücken ist eine solche Erleichterung der Galle recht
nützlich. Übrigens ist es immer sehr angenehm, einen reisegewöhnten
Amerikaner zum Beistand zu haben, denn die Kursbücher sind für den
Uneingeweihten sehr schwer verständlich; außerdem gibt es auch keine. Die
einzelnen Gesellschaften legen ihre Fahrpläne in möglichst farbenfreudiger
Ausstattung in den Hotels auf, und wenn man eine Reise vor hat, die einen
über ein Dutzend verschiedener Linien führt, so stopft man sich also zwölf
solcher schönen bunten Büchelchen in die Tasche; man wird aber, wie
gesagt, schwer klug daraus, obwohl sonst alles, was das Verkehrswesen
betrifft, von den Amerikanern überaus praktisch angepackt wird. Wie
prächtig glatt und rasch geht z. B. die Gepäckaufgabe vonstatten! Durch
einen Handgriff deines Koffers wird ein Lederriemchen oder ein Spagat
gezogen, an dem eine Papp- oder Blechmarke befestigt ist, welche eine
Nummer und den Namen des Bestimmungsortes trägt, das Duplikat dieser Marke
wird dir ausgehändigt. Fertig! Und kostet nichts, außer wenn du über einen
Zentner mit dir schleppst. An der letzten Station vor deinem Ziel geht ein
Mann durch den Zug und ruft: „Gepäck für Chicago!“, oder was es nun sein
mag. Du gibst ihm deine Marke und nennst ihm dein Absteigequartier.
Fertig! Gibst du zerbrechliche Gegenstände oder schlecht verpackte Kolli
auf, so mußt du einen Revers unterschreiben, daß du die Bahnverwaltung
nicht für etwaigen Schaden verantwortlich machen willst. Willst du das
nicht, so nimmt man dein Gepäck nicht mit, oder du mußt es besonders
versichern. Das ist alles sehr vernünftig und nicht zeitraubend.
(M94)
Von den Bequemlichkeiten des Pullmanwagens hast du sicher schon so viel
gehört, daß ich dir darüber schwerlich etwas Neues erzählen kann.
Verwunderlich ist es nur, daß in diesem Lande der höchst entwickelten
technischen Kultur doch noch schlechte Gewohnheiten sich erhalten können,
die so fest sitzen wie ein chinesischer Zopf. So sind beispielsweise auch
die schönsten Pullmanwagen fast immer entsetzlich überheizt und während
des ganzen Winters sind die Doppelfenster hermetisch verschlossen. Die
einzige frische Luft, die hereinkommt, ist der Zug, der auf der Station
durch das Öffnen der Außentüren entsteht. Bevor du an deinem
Bestimmungsort ankommst, nimmt dich der aufwartende Neger in Behandlung,
klopft deinen Überzieher aus und bürstet dich von oben bis unten
sorgfältig ab. Das ist nun sehr hübsch von ihm, und du gibst ihm gern
seine 20 Cent dafür, aber – die Zurückbleibenden müssen deinen Staub
schlucken! Man kann sich die Atmosphäre am Ende einer langen Reise
vorstellen! In der Nacht ist die Staub- und Hitzplage natürlich noch viel
ärger, weil da die Türen seltener aufgemacht werden. Ich begreife
überhaupt nicht, wie europäische Reisende die Schlafeinrichtung der
Pullmanwagen bewundern können. Man liegt nämlich nicht, wie bei uns, quer,
sondern längs in zwei Reihen übereinander, und zwar ohne Unterschied des
Standes, Alters oder Geschlechts. Für die Ruhe soll es freilich
vorteilhafter sein, die Stöße des Wagens in der Längslage abzufangen, und
die Betten sind auch breiter als bei uns; aber man wird ganz und gar
hinter dicke, natürlich mehr oder minder staubige Vorhänge versteckt,
deren Schlitz man, wenn man glücklich in sein Bett geturnt ist, von oben
bis unten zuknöpfen muß. Ich fühlte mich einmal dem Ersticken nahe und
konnte vor Atemnot kaum noch nach dem Neger schreien. Als ich den um
Himmels willen bat, doch wenigstens die Ventilationsklappe zu öffnen,
erklärte er achselzuckend, es sei eine Dame mit einem verschnupften Kind
im Wagen, die habe sich die Ventilation strengstens verbeten. Gegen S. M.
„das Kind“ gibt es keinen Appell in Amerika. Wenn das Kind verschnupft ist
mögen die Großen ersticken und verrecken. Sehr zu empfehlen ist es, wenn
du dir einen Schlafanzug anschaffst, weil sonst mehr Geschicklichkeit dazu
gehört, das Bedürfnis nach Ausgezogenheit mit der Genierlichkeit in
Einklang zu bringen, als der Anfänger zu besitzen pflegt. Allerdings
befinden sich an beiden Enden der riesengroßen Wagen sehr geräumige
Toiletten, in denen vier bis sechs Menschen gleichzeitig sich aus- oder
ankleiden können; aber wenn man nicht praktisch im _american style_
ausgerüstet ist, so weiß man doch nicht, wohin mit seinen Sachen, und wie
man im Nachtzustande über eine Dame weg in seine luftleere Angstkammer
kriechen soll, ohne den Anstand zu verletzen. Die Damen haben das
leichter, die ziehen sich bis auf die Combinations im Toilettenraum aus
und werfen einen Schlafrock drüber. Früher pflegten sie die Strümpfe
anzubehalten und ihr Geld darin zu verwahren. Die schlauen Niggers wußten
das und verstanden mit leichter Hand unter die Bettdecken zu fahren und
tiefschlafenden Damen die Strümpfe zu erleichtern. Neuerdings rentiert
sich aber dies Geschäft nicht mehr, ebensowenig wie das Ausrauben der
Passagiere mit vorgehaltenem Schießeisen, weil kein Mensch mehr Geld bei
sich trägt als er gerade für die Reise nötig hat. Heutzutage hat jeder
Mensch sein Scheckbuch bei sich und damit kann der Räuber nichts anfangen.
(Wenn du also nach den Vereinigten Staaten kommst, so sei dein erster Gang
zu einem gut empfohlenen Bankhaus, wo du dein Geld deponierst und dir ein
Scheckkonto eröffnen läßt.) Nebenbei kannst du im Pullmanwagen lernen, was
amerikanische Reinlichkeit ist. Ich werde nie die umständliche
Morgentoilette eines herkulischen Gentleman nach einer Nachtfahrt
vergessen. Der Mann war sicherlich weder ein Gesandtschaftsattaché, noch
sonst ein Kulturgigerl, sondern, seinen reich tätowierten Armen und Händen
nach zu schließen, eher ein Metzger oder Viehhändler. Der Kerl wusch sich
vom Kopf bis zu den Füßen, rasierte und frisierte sich, putzte Zähne,
Ohren, Nägel, daß es wirklich eine Freude war, ihm zuzuschauen. Er nahm
sich eine ganze Stunde Zeit dazu und behandelte seinen ungeschlachten Leib
mit der Liebe und Sorgfalt eines Künstlers, der die letzte Feile an sein
Werk legt. Ich vermute, bei uns gibt es Durchlauchten, die von der
Akkuratesse dieses Viehtreibers profitieren könnten. – Übrigens geht so
eine amerikanische Nachtfahrt auch dadurch arg auf die Nerven für jeden,
der kein geborenes Murmeltier ist, daß die Glocken und Pfeifen der
Lokomotiven fortgesetzt einen greulich aufgeregten Lärm vollführen, bei
dem einem angst und bange werden kann. Sie müssen nämlich alle Augenblicke
Warnungssignale geben, weil es fast nirgends Schranken gibt; Fahrstraßen
sowohl wie andere Eisenbahnlinien kreuzen sich auf freier Strecke ohne
Unter- oder Überführung. Da wird der nervöse Europäer schwer den Gedanken
los, daß ihm plötzlich ein anderer Expreßzug rechtwinklig durch seinen
werten Unterleib fahren könnte. Nein, alles was recht ist, aber
Nachtfahrten sind nur in Rußland, Schweden und Norwegen wirklich
komfortabel.
(M95)
Am bequemsten, sichersten und billigsten reist du in den Vereinigten
Staaten, wenn du den Vorzug hast, weiblichen Geschlechts zu sein. Niemand
dürfte es da drüben wagen, einer Dame zu nahe zu treten. Jedermann ist auf
einen Wink ihr zu jedem Dienst erbötig, und wenn sie einen Kavalier bei
sich hat, so ist es seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, alles für
sie zu zahlen. Ich habe ein einziges Mal in Amerika einen wilden
Wortwechsel erlebt, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte; das war in
einem überfüllten Straßenbahnwagen in New York. Eine gut angezogene, nette
Negerin des besseren Mittelstandes versuchte durch die dicht gedrängt
stehenden Menschen den Ausgang zu gewinnen. Da rief eine Männerstimme:
„_Let the ladys get out first!_“ – und eine andere Stimme höhnte dagegen:
„_Let the Niggers get out first._“ Und nun platzten über die Doktorfrage,
ob eine Negerin auch zu den Damen zu rechnen sei, die Leidenschaften wild
aufeinander! – Merke dir auch, mein Freund, daß du Damen deiner
Bekanntschaft auf der Straße nicht zuerst grüßen darfst, das würde für
eine Anmaßung angesehen werden; du mußt abwarten, ob sie die Gnade haben
wollen, dich noch zu kennen. Du darfst auch ein Weib nicht bewundernd
anstarren, und sei es noch so schön. Hast du aber die Bekanntschaft einer
Dame in Gesellschaft oder im Familienkreise gemacht, und würdigt sie dich
ihres freundlichen Interesses, so brauchst du dich auch nicht so
zimperlich mit ihr anzustellen, wie bei uns. Handküsse sind nicht üblich,
wohl aber ein ungeniertes festes Anpacken. Wird dir z. B. die Aufgabe
zuteil, eine Dame durch gefährliches Straßengewühl zu geleiten, so packst
du sie fest am Oberarm und schiebst sie wie einen Karren vor dir her; das
ist sicher und für beide Teile angenehm. Hast du dir gar Freundinnen in
den besseren Kreisen erworben, so kannst du sie ungeniert zum Theater oder
zum Soupieren oder zu einem Ausflug und dergleichen einladen, ohne eine
Mutter oder eine Tante als Begleitung befürchten zu müssen. Wenn du von
deinen Freundinnen wohlgelitten bist, kannst du dir alle möglichen
Vertraulichkeiten herausnehmen, ohne daß sie selbst oder die Familie
deswegen auf deinen Antrag lauert. Nur mit dem Küssen sei vorsichtig; denn
das Gesetz mancher Staaten betrachtet den Kuß als Heiratsversprechen, als
tätliche Beleidigung oder Körperverletzung und brummt dir pro Stück eine
beträchtliche Geldstrafe auf. Natürlich gibt es aber auch nette
Amerikanerinnen, die gern und gratis küssen.
Den Hut kannst du fast überall aufbehalten, nicht nur in der Synagoge,
sondern auch in der Lobby des Hotels; aber im Elevator mußt du ihn stramm
herunterziehen, sobald eine weibliche Person über vierzehn Jahre
hereintritt. Im übrigen wirst du durch dein teutonisches Hutabreißen und
beflissenes Vorstellen nur lächerlich. Mache es dir zum Grundsatz, von
deinen Mitmenschen, solange sie dir nicht durch einen Dritten offiziell
vorgestellt sind, keinerlei Notiz durch höfliche Formalitäten zu nehmen.
Wenn du einem Bekannten oder Freunde gar auf der Straße begegnest, so hast
du es auch nicht nötig, deinen Deckel herunterzureißen und deinen Skalp
der Unbill der Witterung auszusetzen, du winkst mit der Hand und rufst
lächelnd: „_Hallo, Bobby, how do you do!_“, worauf er gleichfalls winkt
und ruft: „_Hallo, Fritze, how do you do!_“ Das ist praktisch und macht
einen guten Eindruck; denn vermutlich habt ihr alle beide keine Zeit, und
ist euch auch beiden gänzlich gleichgültig, zu erfahren, wie es euch geht.
Auch vor Hochgestellten brauchst du keineswegs in Wurmgestalt zu kriechen;
dafür verlangt man aber auch von dir, daß du die sozial untergeordnete
Menschheit nicht hochmütig von oben herunter behandelst. Der Schatz der
amerikanischen Umgangssprache ist reich an massiven Deutlichkeiten, und
wenn du dir herausnimmst, einen Bediensteten anzuschnauzen, so kann es dir
leicht passieren, daß du mit einer reichlichen Blumenlese aus diesem
Wortschatz beschenkt wirst. Die Quintessenz der amerikanischen Höflichkeit
besteht darin, daß man sich gegenseitig nicht im Wege ist, daß man seinem
Nebenmenschen nicht seine kostbare Zeit stiehlt, dagegen in Verlegenheiten
sich hilfreich beisteht. Ich habe gesehen, wie blinde und andere hilflose
Personen sogar auf der Untergrundbahn allein fuhren. Sie können eben
sicher sein, immer jemanden zu finden, der ihnen beim Ein- und Aussteigen
behilflich ist und sie vor Gefahr bewahrt. Man bekommt auch fast immer
klare und knappe Auskunft, wenn man sich an den ersten besten Unbekannten
wendet, und wenn man ein sympathisches, vertrauenerweckendes Äußere hat,
läßt sogar ein eiliger stark beschäftigter Großstädter seine Arbeit liegen
und begleitet einen bis an die nächste Ecke. In den kleinen Dingen der
täglichen Notdurft des Verkehrs darf man auch ruhig auf die Ehrlichkeit
seiner Mitmenschen vertrauen; handelt es sich dagegen um größere Summen,
so reiße deine Augen weit auf und halte deine Ohren steif wie ein
Schießhund.
(M96)
Willst du in Amerika ein Geschäft eröffnen, so miete dir irgendwo im
neunten oder neunundzwanzigsten Stockwerk ein Zimmerchen mit Telephon und
Schaukelstuhl und engagiere dir eine Typewriterin. Sie sind fast alle
ungemein gewandt und vielfach auch sehr hübsch. Alsdann ziehe deinen Rock
aus – denn das tut jeder Amerikaner, sobald er sein Office betritt, sei es
Winter oder Sommer –, zünde dir eine Importierte an, verbreite deine Beine
anmutig über Tisch und Stühle und beginne zu telephonieren. Telephonieren
und Briefe diktieren füllt die amerikanischen Geschäftsstunden von 10–5
Uhr vollkommen aus. Da die Amerikaner meistens gute Geschäfte machen, muß
das Verfahren wohl das richtige sein. Vielleicht liegt es auch an der
Hemdärmeligkeit. Oberster Grundsatz deines Verhaltens aber sei und bleibe
in allen Lebenslagen, solange du drüben weilst: Nicht mit dem Hut, wohl
aber mit dem Scheckbuch in der Hand, kommt man durch das ganze Land.