Unter all den sonderbaren und gewaltigen Menschenwerken der Neuen Welt mag
wohl keines so sehr den Europäer staunen machen, wie der Expreßelevator
eines Wolkenkratzers, der erst am elften Stockwerk hält. Wohnungen für
kochende, Kinder aufziehende Menschen pflegen sich in diesen riesigen
Steinkasten nicht zu befinden, sondern ausschließlich Geschäftsräume für
die Welt des Handels und der Industrie, Kanzleien für Rechtsanwälte, für
Konsulate, für alle erdenkbaren Vermittler eines die ganze Welt
beherrschenden Austausches von Waren und Werten aller Art. Das Herz
Amerikas schlägt in den kleinen, einfachen Holzhäuschen der Vorstädte und
ländlichen Bezirke; aber das Hirn Amerikas arbeitet fieberhaft in diesen
gigantischen Türmen und liefert zwischen 8 Uhr früh bis 6 Uhr abends die
Hochdruckspannung für den Betrieb der Dollarmaschine. Hunderte von
Telephonleitungen vereinigen sich auf den Dächern, die unablässig von
diesen eifrigsten Drahtsprechern der Welt in Anspruch genommen werden; im
Erdgeschoß unterhält eine der Telegraphen- und Kabelkompanien ein Zweigamt
und befördert unzählige Telegramme über den ganzen Kontinent, wie nach
allen bewohnten Gegenden der Erde, und der gebändigte Blitz trägt
Botschaften voll Hoffnung und Verzweiflung, voll wilder Gier und wildem
Mut in alle Welt hinaus. Millionen strömen herein, Millionen strömen
hinaus. Hier pendelt den ganzen Tag die große Wage, auf der die Gedanken
erfindungsreicher Köpfe mit Gold aufgewogen werden; hier saust geräuschlos
der schwere Schicksalshammer nieder, der mit einem Schlage Existenzen
vernichtet; hier schwirren die Webstühle, an denen die schimmernden Netze
für den Gimpelfang fabriziert werden; mit dem Lokalaufzug klettert der
fleißige, unentwegte Streber langsam von Stockwerk zu Stockwerk hinauf,
und mit dem Expreßaufzug, der erst am elften Stockwerk hält, schwingt sich
das Genie über die Köpfe der armen Durchschnittsmenschheit in
atembenehmendem Tempo empor.
(M107)
In diesem Tempo offenbart sich die Energie der jungen Rasse, und dieser
Expreßelevator ist das bezeichnendste Symbol der Kultur dieser Neuen Welt.
Nie und nirgends zuvor hat die Menschheit so tolle Luftschlösser gebaut,
wie in diesen Wolkenkratzern des amerikanischen Nordens. Ein gigantisches
Eisengerippe schießt starr und nackt aus dem Boden hervor, und der Ausbau
wird hoch droben mit dem Dach angefangen. Von oben herunter beginnt man
alsdann die Wände von Zementguß zwischen den Rippen zu spannen, also
gewissermaßen flüssigen Stein vom Dach herunter zu gießen, bis er endlich
den Boden erreicht und nun mit Quadern im Grundstock verblendet wird,
schwer und gewaltig, wie für die Ewigkeit bestimmt. Wir Menschen der Alten
Welt aber haben zuerst in den Höhlen gewohnt, die die Natur uns zum
Unterschlupf darbot; dann haben wir gelernt, uns in die Erde zu wühlen.
Stein um Stein, Balken um Balken haben wir herbeigeschleppt und langsam
aneinander gefügt, und Jahrtausende, ja Hunderttausende selbst haben wir
gebraucht, um den stolzen, sicheren Bau unserer Kultur bis in jene Höhen
hinaufzuführen, wo die Stickluft schwitzender Mühsal nicht mehr lastet, wo
der frische Wind der Freiheit weht und der Blick sich weitet in die lichte
Ferne. Die kühnen Abenteurer dagegen, die die Neue Welt besiedelten,
brachten die eisernen Träger für den Aufbau ihrer Kultur gleich fertig
mit. Es waren schwindelfreie Menschen, die zuerst das große Wagnis
unternahmen; denn ängstliche, bedächtig am Alten klebende Ofenhocker und
Duckmäuser gingen ja überhaupt nicht über das große Wasser. Die Eroberer
brauchten das Pulver nicht zu erfinden; der Knall ihrer Büchsen, der
Donner ihrer Kanonen war ihr erster Gruß an die technisch hilflosen
Besitzer des neuen Landes. Und als die weiße Besiedlung in großem Stile
einsetzte, da war die Zivilisation des 17. Jahrhunderts das A, und die
Aufgabe, sich weiter hinauf zu buchstabieren im Alphabet, verursachte
keineswegs mehr einen Riesenverbrauch von Gehirnarbeit. Jedes Schiff
brachte einen neuen Gedanken von der Alten Welt herüber, und diese neuen
Gedanken brauchten sich nicht in hartem Kampfe erst langsam durchzusetzen
gegen den widerstrebenden Willen der Alten – denn es gab keine Alten in
diesem Lande, in dem Jugend und Kraft allein regierten. Da brachte einer
die Idee der Dampfmaschine herüber, und alsbald erkannte man, daß die
Riesengröße des Landes all ihre Schrecknisse verlieren und die zahlreichen
Quellen unerschöpflichen Reichtums überhaupt erst nutzbar gemacht werden
würden, wenn der rasche Dampfwagen spielend die Entfernungen überwand.
1825 lief die erste Eisenbahn in England, 1829 gelangte die erste
Lokomotive nach den Vereinigten Staaten und wurde alsbald zwischen Boston
und Worcester in Betrieb gesetzt. Im Jahre 1840 waren schon 2818 englische
Meilen Eisenbahn ausgebaut, und im Jahre 1869 wurde die Pacificlinie
vollendet, die den Atlantischen mit dem Stillen Ozean verbindet! Man
wartete drüben nicht, wie bei uns, ab, bis reich bevölkerte Gegenden und
große Städte die Mittel zu neuen Bahnbauten aufbrachten, sondern man legte
resolut die Schienenstränge durch jungfräuliches Land, durch Wüsten und
Einöden und veranlaßte dadurch, daß jene Gegenden besiedelt wurden, Städte
und Industrien über Nacht aus dem Boden wuchsen. Kleinliche
Bedenklichkeiten kannte man nicht. In jenen Gegenden hielt man sich mit
dem Anlegen fester, kostspieliger Bahndämme nicht lange auf, sondern
rammte die Schwellen so gut oder so schlecht es gehen wollte in den Boden
ein und ließ die schweren Lokomotiven darauf los rasen; auf ein paar
Menschenleben mehr oder weniger kam es dabei nicht an. Was ist an denen
gelegen, wenn nur die Überlebenden den winkenden Dollar glücklich
erhaschen!
(M108)
Und wie mit den Eisenbahnen, so ging es mit allen anderen technischen
Errungenschaften des europäischen Geistes. Begierig wurden sie drüben
aufgegriffen und, sobald ihre praktische Verwendbarkeit feststand, im Nu
über das ganze Land verbreitet und in ihrer Leistungsfähigkeit durch
Verbesserungen bis an die Grenze der Möglichkeit gesteigert. Und genau so
wie mit den Resultaten der technischen, verfuhr man auch mit denen der
geistigen Kultur: man importierte alle wichtigen Axiome der Wissenschaft
gleichzeitig mit den neusten, kühnsten Hypothesen und flößte sie den
lernbegierigen jungen Köpfen ein. Von den sieben freien Künsten ließ man
sich reichhaltige Mustersendungen kommen und erwarb zum Schmucke des
eignen Lebens was irgend dem unreifen Geschmacke eines noch nicht zu
beschaulicher Ruhe gelangten Volkes zusagte. Man hatte auch nicht nötig,
aus dunkler Angst und Erlösungssehnsucht langsam eine nationale Religion
empor wachsen zu lassen, sondern man ließ sich die Religionen schockweise
aus den alten Ländern kommen und von einheimischen Köchen für die
amerikanischen Seelen lecker zubereiten. So besaß man auf einmal Religion
und Kunst, Wissenschaft und Technik zugleich, und alles dieses in einem
auf der Höhe des Tages befindlichen nagelneuen Zustande. Es galt für
dieses absolute Gegenwartsvolk niemals, alte Kleider aufzutragen, mit
alten Vorräten zu räumen, alte Mauern niederzulegen, alte Münzen
einzuschmelzen. Und weil jeder Anfang für die Leute dieser Neuen Welt ein
Weiterbauen auf etwas bedeutete, das die Alte Welt bereits als ein
Vollendetes geliefert hatte, so mußte sich in den Köpfen dieser
Neuweltleute die Überzeugung festsetzen, daß es für ihre Entwicklung keine
Schranken gäbe. Der Himmel hängt diesen Leuten voll unbegrenzter
Möglichkeiten. Weil sie es niemals nötig hatten, auf dunkeln Wendeltreppen
mit schmerzenden Knien in die Höhe zu klimmen, wie wir, so deucht es ihnen
die natürlichste Sache von der Welt, ihre zwanzig, dreißig Stockwerke per
Expreß mit höchstens zwei bis drei Stationen hinauf zu flitzen. Und da
droben, im Genuße der schönen Aussicht und der frischen Luft, fühlen sie
sich so pudelwohl, daß sie es gar nicht merken, wie sie in der Luft
hängen. Es muß schon ein gewaltiges Erdbeben kommen, um ihnen begreiflich
zu machen, daß in ihrer Höhe der Ausschlagswinkel der Pendelschwingung
etwas ungemütlich zu werden beginnt und daß man unten zum mindesten
sicherer wohnt. Aus eben dem Grunde aber vermögen kultivierte Menschen der
Alten Welt in jenen stolzen Luftschlössern niemals heimisch zu werden. Sie
finden es fußkalt darin, weil die unteren Stockwerke unbewohnt sind und
alle Winde frei durch das leere Eisengerippe streichen. Wir wurzeln eben
mit unserer ganzen Seele in der Vergangenheit. In den schweren Kämpfen
einer langen, langsamen Entwicklung sind unsere Kräfte gewachsen; an den
Steinen, die uns in den Weg geworfen wurden, haben wir die Waffen unseres
Geistes geschärft; unseren Göttern haben wir Wohnungen gebaut aus den
aufgetürmten Leichnamen unserer Märtyrer; den holden Rausch unseres
Frühlings haben wir uns verdient in eiskalten Winterstürmen, aus Schutt
und Brand die Ideale unserer Schönheit gerettet – aller Stolz auf unsere
Gegenwart, all unsere Sehnsucht in die Zukunft sind arm und klein, an der
heiligen Liebe zu unserer Vergangenheit gemessen. _Ein Mensch der Alten
Welt, der keine Romantik im Leibe hat, ist eine Mißgeburt._ Und wenn die
Kinder der absoluten Gegenwart zu uns herüberkommen, so wandeln sie wie in
einem Museum einher: alles, was für uns lauter lebendige Quellen ewiger
Werte bedeutet, sind für sie ausgestopfte Kuriositäten, patinierte
Schildereien, bleiche Spirituskonserven – sie gehen staunend oder lächelnd
vorbei und fragen hie und da: „Wieviel kostet das?“
O ja, wir sind auch Gegenwartsmenschen, sogar wir ehemals so verträumten
Deutschen! Wir ruhen keineswegs auf unseren Lorbeeren aus, wir stellen
immer noch unsere Welteroberer so gut wie zur Zeit der Völkerwanderung.
Diese neuen deutschen Menschen sind aber die sonderbarsten Realisten, die
die Welt je gesehen hat. Wohl sind sie modern im besten Sinne und
innerlich doch noch ganz und gar angefüllt von den ererbten Eigenschaften
ihrer ritterlichen oder spießbürgerlichen Vorfahren. Ihr Blut sträubt sich
dagegen, reine kalte Geschäftsmenschen zu werden; sie ringen mit ihrer
rührenden Gemütlichkeit, ihrer korrekten Bravheit und wohl auch mit einer
streberhaften Enge der Empfindung, und ihrem mannhaften Ringen blüht der
Erfolg, weil sie sich der Arbeit und der Disziplin verschrieben haben.
Dies neue Geschlecht der deutschen Realisten bildet heute noch einen Staat
im Staate, eine Freimaurerorganisation mit ungeschriebenen Gesetzen. Aber
es ist sicherlich berufen, den Staat von Grund aus umzuwandeln, das
Ferment der neuen deutschen Gesellschaft zu bilden – jener große, der
offiziellen Welt meist fernstehende Komplex von Ingenieuren, Technikern,
Kaufleuten, exakten Forschern, voraussetzungslosen Denkern und
rücksichtslosen Künstlern, der heute schon die eigentliche Triebkraft zu
allen tüchtigen deutschen Taten hergibt. Übermenschen sind sie darum noch
lange nicht, diese neuen Deutschen, aber doch bereits wieder ein
prächtiges Herrenvolk, unter dem die Ahnherrn des Übermenschen schon jetzt
im Fleische wandeln dürften.
(M109)
Drüben glauben sie, wie es scheinen möchte, den Übermenschen bereits zu
besitzen, und zwar in der Person des Spielers großen Stiles, des Millionen
aus der Luft greifenden und auf eine Karte setzenden kalten
Geschäftsmannes. Hören wir ein Stückchen Yankeephilosophie aus dem Munde
eines ihrer besten Schriftsteller, _Jack London_(5): „Zu Zehntausenden und
zu Hunderttausenden sitzen Menschen die Nächte durch und planen, wie sie
zwischen die Arbeiter und deren Erzeugnisse sich hineinquetschen können;
das sind die Geschäftsleute. Die Kleinen von ihnen, Krämer und
dergleichen, greifen sich aus dem Erzeugnis des Arbeiters irgend etwas
heraus, woran sie verdienen können; aber die großen Geschäftsleute
benutzen diese kleinen Geschäftsleute, um die Werterzeuger für ihre Zwecke
herzurichten. Den ganz großen Leuten aber liegt nichts daran, den
einzelnen Arbeiter auszubluten, ihm seinen Profit wegzuschnappen, sondern
sie suchen sich zwischen die Hunderte und Tausende von Arbeitern und ihre
Erzeugnisse hineinzuschieben. Diese Art von Glückspiel nennt man ‚die hohe
Finanz‘. Ursprünglich bestand das Geschäft nur darin, den Arbeiter
auszuplündern; dann aber taten sich die großen Räuber zusammen und jagten
einander die aufgehäufte Beute ab. Unter den Übermenschen der Geschäfts-
und Finanzwelt gibt es, mit einigen seltenen mythischen Ausnahmen, kein
_noblesse oblige_. Diese modernen Übermenschen sind eine Gesellschaft von
Banditen, welche die erfolgreiche Frechheit besitzen, ihren Opfern Gebote
von Recht und Unrecht zu predigen, an die sie sich selber nicht kehren.
Bei ihnen heißt es, eines Mannes Wort soll gelten, so lange als er
gezwungen ist, es zu halten. Du sollst nicht stehlen, ist ein Gebot, das
nur den ehrlichen Arbeiter angeht; sie selber stehlen selbstverständlich
und werden von ihresgleichen der Größe ihrer Beute entsprechend geschätzt.
Obwohl jeder Räuber stets auf der Lauer liegt, um jeden anderen Räuber zu
berauben, so ist doch die ganze Bande wohl organisiert. Sie hat
tatsächlich die Kontrolle über den politischen Mechanismus der
Gesellschaft. Sie bringt Gesetze durch, die ihr das Privileg zum Rauben
geben, und sie verschafft diesen Gesetzen Achtung durch die Polizeiorgane,
die Gerichte und die Armee. Des Übermenschen Hauptgefahr liegt in seinem
Mitübermenschen, nicht etwa in der dummen großen Masse des Volkes – die
kann man durch den lächerlichsten Bluff zum Narren halten – die zählt
nicht mit. Die hohe Finanz ist nur ein Pokerspiel auf höherer Basis, aber
man kann sehr wohl die Betrügereien und Vortäuschungen dabei durchschauen,
ohne sich sittlich darüber zu entrüsten. Es ist eben die Ordnung der
Natur, daß die gigantische Nichtigkeit alles menschlichen Strebens von den
Banditen organisiert und ausgenutzt wird. Auch zivilisierte Menschen
berauben einander, weil sie eben so geschaffen sind. Sie rauben, wie die
Katze kratzt, der Frost beißt und der Hunger kneift. Der große Finanzier
lernt sein Geschäft bald sportmäßig betreiben. Arbeiter und kleine Leute
beschwindeln, das ist zu leicht, zu dumm, das ist ebensowenig ein Sport,
wie etwa die Jagd auf die fetten, in der Nudelkiste aufgezogenen Fasanen,
wie sie in England noch betrieben werden soll. Der große Sport besteht
darin, den erfolgreichen Räubern einen Hinterhalt zu legen und ihnen die
Beute wieder abzunehmen. Das gibt Aufregung, das spannt, und zuweilen
setzt es dabei Klopffechtereien, an denen der Teufel seinen besonderen
Spaß hat.“
(M110)
Die Übermenschen von Wallstreet tragen mit ihren genialen Taten allerdings
dazu bei, die Physiognomie der Neuen Welt charakteristisch auszuprägen,
besonders wenn man ihr Treiben so auffaßt, wie jener witzige Engländer,
der einem Yankee auf die Behauptung: so smarte Geschäftsleute wie in den
Vereinigten Staaten hätten sie drüben in England doch nicht, kaltblütig
erwiderte: „O ja, die haben wir auch – aber bei uns sitzen diese Herren
alle im Zuchthaus.“ Der Amerikaner hat eben den guten Humor, die Taten
seiner großen Spitzbuben, wie Jack London, mit sportlichem Interesse zu
verfolgen. Er versteht aber einen sehr feinen Unterschied zu machen
zwischen den großen Tieren, über die er sich amüsiert, und denen, auf die
er stolz ist. Es gibt einige sehr vornehme Klubs drüben, in deren
Mitgliederverzeichnissen man die Quintessenz des amerikanischen Genius
suchen darf, xfach durchgesiebte Auslesen von Herren- und Höhenmenschen.
So existiert z. B. in New York der alte, hoch angesehene Century-Klub, in
welchen nur Männer aufgenommen werden können, die irgendeine
bedeutungsvolle Leistung auf irgend welchem Gebiete aufzuweisen haben. Am
26. Februar des Jahres 1902 aber ergriff ein Komitee, dem ein Dutzend der
weltbekannten Industriefürsten angehörte, die Gelegenheit eines festlichen
Frühstücks im Straßenanzug, um unserem Prinzen Heinrich von Preußen _das
Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel darzubieten_. Ungefähr 150
Einladungen ließen sie ergehen an jene _Captains of Industrie_, wie Thomas
Carlyle sie genannt hat: „Jene Ahnherrn einer neuen, wirklichen, nicht
bloß eingebildeten Aristokratie!“ Bei diesem denkwürdigen Frühstück wurde
nicht die Schwere des Geldsacks in Betracht gezogen; ausgeschlossen waren
die bloßen smarten Geschäftsleute, die tollkühnen Spieler des großen
Spiels; ausgeschlossen waren auch Leute, die nur vermittels ihres hohen
Ranges eine Augenblicksbedeutung haben; es waren vielmehr nur wirkliche
Feldherrn in dem gewaltigen Heere der modernen Welteroberung durch
Wissenschaft, Technik, Handel und Industrie zur Huldigung entboten. Dem
Prinzen wurde vorher ein kleines gedrucktes Heft überreicht, in dem die
Eingeladenen dem Alphabete nach aufgeführt und die Bedeutung jedes
Einzelnen in einer ganz knapp gefaßten Notiz erläutert war. Die „New
Yorker Staatszeitung“ sagte von diesem Frühstück: „Der erlauchte Bruder
des deutschen Kaisers und mächtigen Beschirmers friedlicher Bestrebungen
hat heute echte und wahre Amerikaner kennen gelernt, Leute von dem Schlag
der Augsburger Fugger, Fürsten des Handels, Baumeister unserer Größe. Es
waren nicht lauter Millionäre, die da saßen, aber sie gehörten
ausschließlich zu der Klasse jener Arbeiter, die die unerschöpfliche
Produktionskraft der Neuen Welt in Millionen umzumünzen verstehen und die
unseren Nationalwohlstand begründen halfen.“
(M111)
Ich besinne mich vergeblich auf eine Gelegenheit, bei der ein Fürst der
Alten Welt in ähnlicher Weise gefeiert worden wäre. Wenn unsere gekrönten
Häupter reisen, so bekommen sie überall dieselben Exzellenzen, Geheimräte,
Spitzen der Behörden, Kriegervereine usw. zu sehen; zweifellos lauter
wackere und verdienstvolle Staatsbürger; aber die wahrhaft führenden
Köpfe, die genialen Organisatoren, die Träger der modernen Ideen – jene
Exzellenzen im eigentlichen Wortsinne – jene Hervorleuchtenden – sie
finden sich nur in vereinzelten Exemplaren unter den Aufwartenden. Und der
Eifer der intimen Hüter des Thrones, der Höflinge und Büreaukraten sorgt
dafür, daß von wirklich geistigen Potenzen diejenigen das Antlitz des
Herrschers niemals zu sehen bekommen, deren Gedankenschwung sich keck über
die Grenzen des beschränkten Untertanenverstandes erhebt. Auch drüben in
dem Märchenlande der absoluten Gegenwart fehlten in der Liste der
Eingeladenen die großen Philosophen, Künstler und Dichter, die Verkünder
einer neuen Sittlichkeit und einer neuen Religion, die kühnen Umwerter und
gefährlichen Fackelträger – sie mußten fehlen, weil sie drüben noch nicht
vorhanden sind, diese Kulturblüten schwer von dem Honig einer glorreichen
Vergangenheit.
Wann wird für Deutschland die Stunde schlagen, in der ein Kaiser vor
seinem Volke den Tanz der sieben Schleier tanzt, wobei seine Majestät eine
Hülle alter Vorurteile nach der andern abwirft, um schließlich zum Lohne
das Hirn Deutschlands auf einer Schüssel zu fordern? Vielleicht wird diese
Schüssel nicht, wie drüben in dem Lande der unerschöpflichen Naturschätze,
von purem Golde sein können – aber das Hirn wird sich sehen lassen dürfen!