(M83)
Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den zahlreichen Leuten
gegenüber, welche mir dringend anrieten, mich vor schmerzlichen
Enttäuschungen dadurch zu schützen, daß ich meine Mitmenschen von
vornherein jeder Bosheit und Niedertracht für fähig halten möge, stets mit
Ernst und Eifer die Meinung verfochten, daß alle Kreatur von Mutterleibe
an zur Ehrlichkeit und Biederkeit veranlagt sei, und daß nur widrige
Umstände, zumeist gänzlich unverschuldeter Art, wie üble Herkunft,
leibliche Not und ungestillte Sehnsüchte der Seele die bösen Triebe
gewaltsam einzuimpfen vermöchten. Seitdem ich aber in Chicago (Illinois)
Dollaricas infamsten Schurken kennen gelernt habe, muß ich gestehen, daß
meine Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschüttert
wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht einmal ein Mensch, sondern
sogar ein Vierfüßler war, jenem sanften, geduldigen, wolletragenden
Geschlecht entsprossen, das der Mensch sich zum Symbol demütiger Ergebung
und verehrungswürdiger Dummheit erkoren hat. Der infamste Schurke der
ganzen Vereinigten Staaten ist nämlich, gerade herausgesagt – _ein
Hammel_, und zwar der Leithammel in _Armour & Co.’s Packing Company_ in
den Chicagoer Schlachthöfen. Wenn ich der pessimistische Menschenverachter
wäre, der ich, wie gesagt, nicht bin, so würde ich diesen Hammel eine
_eingemenschte Bestie_ titulieren. Denn wer hätte es je für möglich
gehalten, daß ein Schafskopf so viel Niederträchtigkeit beherbergen
könne?! Nichts in dem vertrauenerweckenden Äußeren dieses Hammels deutet
auf die Schändlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnügtes
Schafsgesicht verklärt das satte Lächeln eines gutmütigen Pfäffleins auf
fetter Pfründe, und sein Gebaren und Gehaben ist ganz dasjenige eines
beleibten, aber noch rüstigen alten Herren, der unter Umständen wohl noch
zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm diese so geschickt
getragene Maske der Bonhomie zu der einträglichen Stellung bei Armour &
Co. verholfen.
Dieser ehrenwerte Beamte erfüllt nämlich die Aufgabe, während der
Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, Tausende und Abertausende
seiner unschuldigen, nichts ahnenden Familienangehörigen und
Standesgenossen der Menschheit ans Messer zu liefern. In langen
Eisenbahnzügen treffen sie aus allen Teilen der Union in den _Stockyards_
von Chicago zusammen. Die Wagentüren öffnen sich, und froh, der langen
grausamen Haft entrinnen zu können, drängen sich die Scharen munterer
Hammel von Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, Kentucky,
von Texas selbst und Arizona auf die bequemen schiefen Ebenen, und ihren
bedrängten Busen entringt sich das hoffnungsfreudige „Mäh“ der Erlösung
von langer Qual. Weite Hürden nehmen sie auf, die krauswolligen, weißen
und schwarzen Brüder und Schwestern, Vettern und Basen aus sämtlichen
Staaten und Territorien der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige
Heu, in langen Rinnen der kräftig gemischte Trank. Und doch, die rechte
Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn alle diese Schafsseelen sind noch
erfüllt von seliger Erinnerung an blauen Himmel, grüne Weide,
kristallklare Bäche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht
treu besorgter Hunde und frommer Schäfer; hier aber engen himmelhohe
rotbraune Mauern sie ein, statt lustiger weißer Lämmerwölkchen wälzen
schwere, schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Häupten daher, und statt des
feierlichen Schweigens der Natur umtost das dumpfe Maschinengebrüll
rastlos gieriger Menschenarbeit ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen
sie die Schwänzlein und die Köpfe hängen, lassen sie die Trankrinne und
die Futterraufe unberührt.
(M84)
Siehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser beängstigend fremden Welt
mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit ein fetter Hammel in den
besten Jahren: „Munter, meine lieben Kinder, munter!“ beginnt er in
humoristisch gefärbtem Bockston, und alsbald umdrängt ihn ein dichter
Kreis von Zuhörern. „Ihr habt nicht die geringste Ursache, Ohren und
Schwänze mutlos hängen zu lassen; oder ist es vielleicht nicht eine große
Ehre für euch ungebildete Prairieschafe, in die große Millionenstadt
Chicago zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr wäret die einzigen
Schafsköpfe hier am Orte, mähähähä!? Hier geht es hoch her, das könnt ihr
mir glauben auf mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht
lang werden, auf Eh – hähähähä – re! Ich habe es zwar nicht nötig, mich
für euch aufzuopfern, denn ich befinde mich Gott sei Dank in einer
auskömmlichen und gesellschaftlich angesehenen Position, aber ich will
mich dennoch eurer hilflosen Ländlichkeit annehmen, weil doch nun einmal
der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt ist. Auf, mir nach,
ich führe euch zu einem lustigen Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte
uns geniert.“ – Und leichtfüßig tänzelt der feiste Onkel voran einen glatt
gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, daß nur zwei knapp nebeneinander
gehen können, aber sicher eingeplankt, so daß keines an den Seiten
herauspurzeln kann. Schon dieser Anfang des Vergnügens ist
vielversprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer russischen
Rutschpartie geht’s auf diesen engen Bretterwegen hinauf, hinab und kreuz
und quer, und die Tausende von leichten Hammelbeinchen trippeln und
trappeln fein langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, daß es klingt,
wie wenn in schwülen Frühlingstagen St. Peter Erbsen siebt. Ein Auf- und
Abschwellen wie Hagelrauschen in launischen Böen, ein dumpfes Wirbeln wie
von gedämpften Trommeln, – als sollten durch solchen Trauermarsch den
unschuldig Verurteilten die militärischen letzten Ehren erwiesen werden.
Der muntere Leithammel immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, und
hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales Türchen in der
rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp mit einem lustigen Bocksprung setzt er
in die Seligkeit hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und mit
einem Ruck in ein gemütliches Seitenkabinett in Sicherheit gebracht,
während seine Stammgenossen unaufhaltsam, einer nach dem anderen, zu
Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere
Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem Hinterschenkel, an
einer Kette fliegen sie mit dem Kopf nach unten aufwärts, ein gewaltiges
Rad empfängt sie, hebt sie in weitem Bogen hoch und läßt sie auf der
andern Seite rasch abwärts schweben der Stelle zu, wo der Mörder mit
seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoß – und lautlos haben sie
ausgelitten. Derweile läßt sich’s der erprobte Beamte von Armour & Co. in
seinem Privatkabinett bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen wohl
sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange sich abermals zu den neu
Angekommenen in die Hürden hinunter zu begeben und seinen niederträchtigen
Trick aufs neue auszuführen. Wenn er ein Mensch wäre, so würde er sicher
auf seine alten Tage fromm werden, das Gebetbuch auswendig lernen, fleißig
in geistlichen Kreisen verkehren und sein Vermögen wohltätigen Stiftungen
vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht einmal das
Bedürfnis, sein Gewissen zu betäuben. Er bedarf nicht des Alkohols, um
seinen Mut zur Infamie täglich neu zu entflammen, sondern sein
eigentümlich hammelhafter Ehrbegriff läßt ihn vielmehr seinen Stolz drein
setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren Selbstverständlichkeit
seine verräterische, gemeine Mordarbeit zu verrichten, bis er in Pension
geht oder bis Herzverfettung oder versetzte Blähungen ihm unversehens den
Garaus machen. – Habe ich nicht recht, diesen Oberaga der weißen Eunuchen
von Chicago für den infamsten Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu
erklären?
(M85)
Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schöne Leserin, werden Sie mir
entgegnen wollen, daß die Unschuld der Kreatur von Armour & Co. nur
schändlich mißbraucht werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse,
daß seine von ihm verführten Artgenossen dem Tode verfallen seien. – Ich
kann das leider nicht glauben; denn ich bin fest überzeugt, daß auch dem
geistig mindestbegabten Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer
Schlachthöfe umwittert, eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muß,
sobald es nur den Eisenbahnwagen verläßt. Und da ein Leithammel doch
jedenfalls die Blüte der Intelligenz der Hammelschaft darstellt, so ist es
doch schwer glaublich, daß gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben
sollte, daß alle die von ihm angeführten Herden auf Nimmerwiedersehen in
dem Abgrund verschwinden, dem jener heiße Blutgeruch entströmt, und daß es
immer wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von Hammeln sind, an
deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen Loche zu galoppiert. Fraglich
könnte es nur erscheinen, ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen
Gewissenlosigkeit einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken bedient,
nicht noch eine größere Kanaille sei, als der Hammel selbst. Es ist ein
beliebter Trick des menschlichen Genius, die garstig anrüchigen
Handlungen, die im Interesse seiner höheren Zwecke verrichtet werden
müssen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafür scheinbar harmloser
Umwege zu bedienen. So hat die edle weiße Haut der roten Haut ihre
Spezialkrankheiten anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher
Nachhilfe des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet. Ja, man
hat es sogar schon verstanden, eine Religion, die heiligste Ausstrahlung
eines großen Herzens voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden
Geistes, in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes Mittel zur
Unterjochung und Vernichtung kraftvoller Völker zu verwenden. Solchen
imposanten Großtaten menschlicher Niedertracht gegenüber will es moralisch
nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die Bestechlichkeit
einer infamen Hammelseele benutzen, um ohne Tierquälerei und unliebsames
Aufsehen ihren menschenfreundlichen Zweck zu erreichen. Und
Menschenfreunde muß man doch diese genialen Unternehmer nennen, welche
ganz Nordamerika tagtäglich mit leckeren Braten und die ganze bewohnte
Erde mit ihren sauber in Blech verpackten, gepökelten und geräucherten
Fleischwaren versehen. Wer an einem glänzenden Beispiel lernen will, wie
der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen Mord und schnöden
Verrat hindurch mit Einsatz aller seiner Erfindungskraft und körperlichen
Geschicklichkeit schließlich dazu gelangen kann, die Vollendung des
Zweckmäßigen sogar bis zum künstlerisch Erbaulichen zu steigern, der sehe
sich das Verfahren in den Chicagoer Stockyards an.
Durch Upton Sinclaires berühmten Roman „_The Jungle_“ (der Sumpf) sind ja
die Augen der ganzen Welt auf Armour & Co.’s Packing Company gerichtet
worden. Ganz Europa ist es nach diesem Roman übel geworden. Es hat
monatelang kein _corned beef_ mehr gekauft, in der Meinung, daß in den
hübschen, sauberen Blechbüchsen mehr Rattenschwänze, abgehackte
Menschenfinger und andere leckere Zutaten vorhanden wären, als solides
Ochsen- und Schweinefleisch. Wer aber selber in jüngster Zeit, wie ich,
die Schlachthäuser und Packräume Armours aufmerksam durchwandert hat, der
wird doch sagen müssen, daß entweder Mister Sinclaire ein arger
Schwarzseher und Schwarzmaler sein, oder daß die Gesellschaft sich sein
Buch inzwischen zu Herzen genommen und durchgreifende Verbesserungen
gemacht haben müsse. Denn so wie das Unternehmen sich heute präsentiert,
bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in bezug auf
sinnreichste Ausnutzung der Maschine und der menschlichen Arbeitskraft,
auf Reinlichkeit, strengste Disziplin und restlose Ausnutzung des
verarbeiteten Materials.
An einem schönen klaren Wintertage brachte unser Chicagoer Gastfreund mich
und meine Frau zu Armours und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der
Firma, uns herumzuführen. Es war zufällig derselbe Herr, der auch unseren
Prinzen Heinrich geführt hatte. In der stolzen Haltung des freien Bürgers
der größten Republik der Welt, d. h. die Hände in den Hosentaschen, eine
ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel herauslakelnd, machte uns dieser
Herr zunächst einmal das Kompliment, daß unser kaiserlicher Prinz ein
feiner Kerl – _a fine fellow_ – sei. Man habe ihn vorher instruiert
gehabt, den hohen Herrn mit „_Your Royal Highness_“ anzureden; aber daran
habe er sich nicht gewöhnen können, und es habe offenbar dem Prinzen ganz
gut gefallen, einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von
anständiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden darauf sofort in den
Mittelpunkt der Hölle geleitet. Sehr vernünftiges amerikanisches Prinzip:
denn wer dieses Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder
wenigstens in Ohnmacht zu fallen, aushält, dem kann überhaupt auf dieser
Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren.
(M86)
Eine schwere schmale Tür wird aufgestoßen; eine heiße Welle von süßlichem
Blutdunst schlägt über unseren Köpfen zusammen, und das furchtbare,
wahnsinnig verzweifelte Todesgekreisch der Schweine betäubt uns die Ohren,
zerreißt uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen schmalen Holzgalerie,
die dick mit Sägespänen bestreut ist, und schauen zwei Stockwerke tief
hinunter. Dicht an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich
langsam eine riesige, metallene Scheibe, über die eine schwere, eiserne
Kette läuft. Aus einem dunkeln Raum unter der Galerie, den wir nicht
übersehen können, werden die Schweine von riesenstarken Fäusten eines nach
dem anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken um einen ihrer
Hinterschenkel befestigt. Im nächsten Augenblick wird das Tier
emporgehoben und mit dem Kopf nach unten, aus Leibeskräften strampelnd und
schreiend, über die große Scheibe weggeführt. Auf der anderen Seite dieser
Scheibe steht der Metzger. In dem Augenblick, wo die unendliche, sich
langsam fortbewegende Kette das Tier an seinen Standort bringt, führt er
den Todesstoß in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schießt heraus. Der
Mann ist über und über mit Blut bespritzt; er hat hohe Stiefel an und
steht bis an die Knöchel in einem Bluttümpel. Ein zweiter Mann in seiner
Nähe hat die Aufgabe, mit einem großen Besen das Blut in ein Loch im
Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen Bassin wird es zur weiteren
Verwertung aufgefangen. Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den
Schlächter, so daß er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit
dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist der höchstbezahlte
Arbeiter des Unternehmens, ein Meister in seinem gräßlichen Fache; aber
unfehlbar ist seine Hand natürlich doch nicht, und manche der gestochenen
Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. Lange währt ihre
Qual jedoch auf keinen Fall, denn die Kette führt sie in die untere Etage
hinunter, und da werden sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll
kochenden Wassers. Darin sieht man von oben die weißen Schweineleichen in
dichtem Gedränge durcheinanderquirlen, und wenn sie an der Kette wieder
nach oben schweben, so sind sie bereits so sauber abgebrüht, wie man sie
in unseren Metzgerläden in der Auslage hängen sieht. Kein Unterschied mehr
zwischen schwarzen, gelben, grauen und gescheckten Schweinen. Blaßrosig,
starr und schwach dampfend kommen sie in Abständen von etwa 2 Meter wieder
in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen die Schreckenskammer und
schreiten auf unserer erhöhten Schaugalerie in einen großen, lichten Saal
hinein. Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite die
Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Äxten, Knochensägen und Lötlampen auf
ihren Posten, und während die Kette in langsamer Vorwärtsbewegung das
Schwein an ihm vorbeiführt, verrichtet jeder mit sicherer Hand immer
dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste führt einen Bauchschnitt der
ganzen Länge des Körpers nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die
Gedärme heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den Knochen,
der vierte sägt den Halswirbel durch, ein anderer sengt mit der Lötlampe
die etwa noch übriggebliebenen Borsten weg – und so fort. Am Ende des
Saales beschreibt die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter
Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am Ende dieses ganzen Weges ist
das Schwein sauber zerlegt, die Speckseiten herausgelöst, die Schinken,
die Hacksen zur besonderen Verwendung beiseite gepackt.
(M87)
Ganz ähnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in welchem die Rinder
bearbeitet werden. Aus einer Falltür werden sie von unten heraufgehoben
und durch einen Schlag mit einem Hammer auf den Kopf betäubt. Nach dem
Grausen der Schweineschlächterei wirkt diese Art des Massenmords geradezu
zart gedämpft, man möchte fast sagen, liebenswürdig diskret, denn das Rind
schreit nicht, es ist betäubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum
Bewußtsein kommt, daß es in den Tod zu gehen bestimmt ist. Gewaltige
Maschinenkraft hebt das schwere, bewußtlose Tier an den Hinterfüßen in die
Höhe, und an der dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den großen
Arbeitssaal. Am Kopfe hängt jedem Tier ein Eimer, in dem das Blut beim
Schlachten aufgefangen wird, und so geschickt verrichten die
Schlächtergesellen ihre Arbeit, daß man in diesem Saale, mit den Augen
wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem mächtigen Rindskadaver
die Arbeit nicht so geschwind von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so
hängen die Rinder in großen Abständen an der Kette, und jeder Arbeiter
geht dem ihm zugewiesenen Stück so lange nach, bis sein Anteil an dem Werk
des Abhäutens, Zersägens und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der
Arbeitsteilung ist strikte durchgeführt. Ein Arbeiter hat nie etwas
anderes zu tun, als das Rückgrat von oben bis unten durchzusägen, ein
anderer nur das Abhäuten zu besorgen – und wehe dem, wenn er das wertvolle
Fell durch einen ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung
ist seine Strafe.
(M88)
Von den Schlachträumen gelangen wir tiefaufatmend in die frische Luft.
Über hölzerne Brücken und Viadukte, auf denen Schmalspurbahnen laufen, die
die verarbeiteten Fleischteile von einem Raum zum andern befördern, gehen
wir in die Packhäuser hinüber, wo das gekochte, geräucherte und
eingepökelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt wird. Maschinen
von fabelhafter Präzision verfertigen vor unseren Augen die Tausende und
Abertausende von Blechgefäßen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei
in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verlöten des Deckels und das
Bekleben der Dosen mit den schönen, buntgedruckten Papieretiketten. Das
Schlußstück in der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden Schau ist
der Saal, in welchem nette junge Mädchen in weißen, steif gestärkten
Häubchen und blendenden Kleiderschürzen an langen Tischen sitzen, mit
feinen weißen Händen die dünnen Fleischscheiben, die die lautlos
arbeitende Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren
Rhythmus hinstreut, in die Blechbüchsen verpacken. Die tadellose
Sauberkeit dieser Mädchenhände wird dadurch sinnfällig gemacht, daß nicht
nur reichliche Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge fallen,
sondern daß in einer Ecke des Saales auf einer erhöhten Tribüne eine
artige Maniküre fortwährend an der Arbeit ist, um die Fingernägel zu
säubern und streng vorschriftsmäßig im Verschnitt zu halten. Diese
Maniküre und jener infamste Schurke Dollaricas, nämlich der Leit – hammel,
stehen also als symbolische Gestalten am Eingang und am Ausgang einer der
gewaltigsten industriellen Unternehmungen der Erde: brutalste
Rücksichtslosigkeit und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand
zur Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der Zweck, nämlich die
Versorgung der Menschheit mit tadellos zubereiteter Fleischspeise, heiligt
die Mittel, und die Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir
die gutgepökelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener Büchse auf
den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und Menschenfleiß ihr Letztes
hergegeben und durch geniale Ausnützung des Materials und Hinaufsteigerung
aller Energien zu äußersten Leistungen das blutige Chaos in vollendete und
darum ästhetisch wirkende Harmonie verwandelt.