DIE LANDSCHAFT.

(M78)

Schließlich sieht es doch nicht überall in den Vereinigten Staaten aus wie

in der Gegend zwischen Kattowitz und Beuthen, wenn auch freilich der

Charakter der reizlos platten Ackerbaugegend und des Schönheit mordenden

Industriegeländes in den Mittelstaaten von den großen Seen bis zum

Missouri vorherrschend ist. Man braucht durchaus nicht etwa Tage und

Nächte lang durch Kohlen- und Petroleumhöllen, endlose Steppe und Wüste

bis zum Felsengebirge im fernen Westen hinüberzufahren, um auf

landschaftliche Schönheiten zu stoßen. Schon die Manhattan-Insel, auf der

die Fünfmillionenstadt New York auf dem solidesten Untergrund der Welt

erbaut ist, liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen den

grünen Zungen Long-Island und Staaten-Island. Auf der Fahrt am Ostufer,

von New York nach Providence, glaubt man sich im südlichen Schweden zu

befinden; die liebliche Wald- und Hügelszenerie mit ihren dunklen Tälern

und klaren Bächen, welche zwischen Boston und Albany sich erstreckt,

könnte ganz gut einem deutschen Mittelgebirge entnommen sein; die Reize

ostpreußischer oder märkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf der

Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in den Alleghanies und

vollends im Adirondak-Gebiete mit seinem Lake George, sowie in dem

nordwestlichen Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake

Cayuga und wie sie alle heißen; in den Tälern des Delaware, des

Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist so viel landschaftliche

Schönheit herben und zarten, heroischen und idyllischen Stiles vorhanden,

wie ein frommer Anbeter der Natur sie nur irgend wünschen kann, Schönheit

genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und Handarbeiter Ruhe und Erholung

zu schaffen. Aber der europäische Naturfreund wird nirgends dieser

Schönheit froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit

Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn – _es fehlt überall

an der kulturellen Inszenesetzung_. „O lieber Herrgott, wie gut hast du’s

gemeint! Pfui Teufel, o Menschheit, wie übel hast du die Absichten der

Natur verstanden!“ Das ist das Stoßgebet, das sich überall in den

Vereinigten Staaten dem schwergekränkten ästhetischen Bewußtsein entringt.

Nirgends hat die Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhäuser, die

Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft angepaßten, von Gau zu Gau

wechselnden Charakter angenommen; überall dasselbe tödliche Einerlei

plattester Zweckmäßigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwedischen

Granit in mächtigen Brocken, die tiefeingeschnittenen Meeresbuchten und

hie und da sogar ein Stückchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der

ersten Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, buntbemalten

Holzhäuser, in lustigen Blumengärten sauber aufgestellt, darinnen derbe,

blonde Dirnen in roten Röcken und grünen Schürzen hantieren? Wo ist die

blühende Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den Kiefernwald- und

Seengegenden das so herrlich dazu passende niederdeutsche Bauernhaus mit

seinem riesigen, fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo ist in

den anmutigen Flußtälern auch nur eine einzige Ansiedlung an den Ufern zu

finden, die den Eindruck machte, als ob sie dort wirklich zu Hause wäre?

Wo sind in den Glanzstücken der Gebirgslandschaft die romantischen Wege

für Fußwanderer, die einsamen alten Wirtshäuser an der Landstraße, die

verräucherten alten Räubernester italienischer Bergdörfer, oder gar die

lustigen Sennhütten unserer Alpenländer zu finden? Nichts, nichts von

alledem. Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann, da ist überhaupt

schwer hinzugelangen. Aber überall, wo so viel zu sehen ist, daß der

Baedeker einen Stern dabei machen würde, spreizen sich die lieblosen

großen Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel in gebührender

Entfernung halten. Für die reichen Sommergäste ist selbstverständlich

gesorgt mit Polo-, Golf- und Tennisplätzen, mit Motorbooten und allen

neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit eleganten Restaurants

zu Weltstadtpreisen, mit Icecream und Candy, und bei all diesen

Futterplätzen konzertieren selbstverständlich kleine Musikkapellen, die

die beliebtesten Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum besten

geben und den auf die Grammophonplatte gebannten Caruso begleiten.

(M79)

Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu wollen. Das Bedürfnis

nach Einsamkeit und Ruhe, nach einfachen Lebensfreuden, nach intimer

Zwiesprache mit der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns

sehen wir ihn ausschließlich die großen Hotels, die geräuschvollen

internationalen Vergnügungsorte bevölkern, wo er von der Eigenart einer

Gegend und ihrer Menschen niemals eine Ahnung bekommen kann. In unseren

Gebirgen, an unseren Flüssen und Seen erscheint er mit seiner fashionablen

Ausrüstung von modernsten Sportanzügen und neuesten patentierten

Sportgerätschaften. Vom jüngsten Bübchen bis zum ältesten Greise widmet er

sich unter jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es freut

ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Bällchen in Gesellschaft hübscher

Misses mit Knütteln zu bearbeiten, als mit dem Rucksack auf dem Buckel

schwer zugänglicher Schönheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes Girl muß

seinen Kodak umhängen haben, um die Eingeborenen im Nationalkostüm oder

das mitgenommene süße Baby in allen Lebenslagen knipsen zu können.

Allerdings, die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern

begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend und gefährlich ist

und ihrer Raserei für das Rekordbrechen entgegenkommt. Die wein- und

sangesfrohe Wanderlust, die sich mit einem Käsebrot und einer Streu

vergnügt bescheidet, den gründlichen Wissensdrang, der am liebsten die

stillen Winkel durchstöbert, die fromme innige Naturschwärmerei, die den

großen Menschenansammlungen und laut gepriesenen Sensationen aus dem Wege

geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durchschnittsamerikaner gilt für

schön, was ihm durch Dimension oder Quantität imponiert und – was viel

gekostet hat. Niemals habe ich einen Amerikaner sich über die gräßlichen

Reklameschildereien ereifern hören, die gerade an den landschaftlich

bevorzugten Bahnstrecken sich breit machen und einem im Laufe einer Fahrt

von einigen Stunden, die recht genußreich für das Auge sein könnte,

etliche hundert Mal in der Gestalt eines überlebensgroßen rotbunten Ochsen

entgegenschreit, daß _Durham Bull_ der beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak

sei, oder sonst irgendeine mächtig interessante Feststellung. Hält man ihm

die Poesielosigkeit der großen Hotelbauten in seinen berühmten

Ausflugsorten vor, so entgegnet er: Wem die nicht gefielen, der könnte

sich ja ein Hausboot auf einem der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe

ausgerüstet in die Wildnis ziehen. O gewiß, das würde auch unserem

Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter den jungen

Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr beliebte „_camping out_“. Aber auch

dieses Vergnügen des Biwakierens ist mit Kosten verknüpft, die sich nur

wohlhabende Leute leisten können, denn es versteht sich von selbst, daß

man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde Hinterland nicht antritt,

ohne in bezug auf die Transportmittel, auf Kleidung, Schlafgelegenheit,

Kochgeschirr, Angel- und Jagdgerät usw. auf das vollkommenste mit den

allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete ausgerüstet zu sein. In den

Vereinigten Staaten freilich gibt es kaum Leute, die so wenig Geld hätten,

daß sie sich nicht einmal so etwas leisten könnten, oder wenigstens kennt

man in besseren Kreisen solche betrübliche Armseligkeit nicht.

Andererseits würde wieder das geistige Gepäck, das unsere kultiviertesten

Naturfreunde auf ihren Wanderungen mitzunehmen pflegen, drüben für ein

außerordentlicher Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis, geographische

und ethnographische, naturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche

gründliche Vorbereitung. Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was

dem historischen Sinn Nahrung geben könnte, so vermißt der Amerikaner die

edle Patina des Alters durchaus nicht, sondern findet selbstverständlich

alles Frischgestrichene, Neulackierte erfreulicher denn alles alte

Gerümpel.

(M80)

Es ist ein wahres Wunder zu nennen, daß die guten Kinder ihre Niagarafälle

verhältnismäßig so unverschandelt gelassen haben. Bei der kolossalen

Kraft, die dort umsonst zu haben ist, wäre es doch eine Kleinigkeit, zum

Beispiel über dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges Stern- und

Streifenbanner aus elektrischen Glühkörpern flattern zu lassen! (Sie

machen solche bewegten elektrischen Lichtreklamen famos). Und wie würden

sich die Canadier giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen Ufer

Onkel Sams Fahne flammen sehen müßten! Sie würden vermutlich nicht lange

zögern, auf ihrer Seite einen wenn möglich noch größeren, elektrisch

bewegten _Union Jack_ zu hissen. Und damit wäre sozusagen das Eis

gebrochen: in wenigen Wochen würde der strahlende Ochse Durham das Lob des

besten Rauch-, Kau- und Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus

brüllen; über, unter, zwischen und hinter den Fällen selbst würden in

genial ersonnenen Lichtspielen die köstlichen Whiskys, die beliebtesten

Biere, die anerkanntesten Leberpillen und sichersten Abführmittel sich dem

staunenden Naturfreund empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu

begreifen, daß nicht wenigstens die Fabrikanten von Babywäsche diese

glänzende Reklamegelegenheit ergriffen haben, da doch sämtliche

amerikanischen Brautpaare ihre Hochzeitsreise nach den Niagarafällen zu

unternehmen pflegen. Ich vermute, daß da irgend welche schlechten

Demokraten die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schändlich

unterbunden haben müssen; anders ist dieser geradezu barbarische und

schamlose Zustand gar nicht zu erklären, daß man hier die Natur so nackt

und bloß wirken lassen konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den

menschlichen Geschäfts- und Erfindungsgeist! Nur der dekadente Europäer

kann so etwas schön finden!

Und dennoch muß ich gestehen, daß ich dekadenter Europäer auch angesichts

der Niagarafälle die feinere Regie vermißte. Ich mußte an unsern lieben

Rheinfall bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche

Naturschauspiel vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung gemacht durch

eine idyllisch romantische Landschaft, durch das uralt heimliche

Schaffhausen mit seiner gewaltigen Zitadelle, seiner begrünten Stadtmauer,

seinen trauten, krummen Gassen und behaglichen alten Wirtshäusern! Wie

sind auf dem Wege nach Laufen die Kraftwerke und Aluminiumfabriken – denn

auch hier ist der Mensch nicht so dumm, die üppigen Schätze der Natur aus

reiner Sentimentalität ungehoben zu lassen –, wie sind sie so geschickt

unter dichtem Grün versteckt! Dagegen dehnt sich drüben von der furchtbar

garstigen Großstadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheußlichen Nest

Niagara-Falls-City die trostloseste Einöde am Gestade des Eriesees

entlang. Das Klima ist windig und regnerisch, der Boden wenig fruchtbar,

und infolgedessen sieht man überall verlassene Ansiedlungen,

Trümmerhaufen, Ödland. Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem

schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und mißfarbigen Rinnsalen. Lange,

trübe Straßenzüge mit garstigen Arbeiterhäusern durcheilt die elektrische

Bahn nach den Fällen, an wüsten Schnapskneipen und Tanzsalons mit

klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammophons muß man vorüber,

bevor man den nett gehaltenen Park erreicht, den man um die beiden

Hauptfälle angelegt hat. Dann gelangt man zunächst an den kleineren

dritten Fall, den die Industrie ganz und gar für sich in Beschlag genommen

hat. Dicht am Rande des senkrechten Felsabsturzes ragen die Mauern und

Schlote der Fabriken empor, und die gebändigten Wassermassen quellen aus

einer Menge von eisernen Röhren hervor, jedoch nicht mehr im kristallenen

Naturzustand, sondern gar lieblich koloriert. Es müssen wohl Farbwerke

sein, denen ihre Kraft dienstbar geworden ist, denn im Winter, als ich sie

sah, waren alle diese Abflüsse zu Eiszapfen gefroren, die einen

pittoresken Behang über dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schön

chromgelb, vitriolblau und krapprot gefärbt waren. Die großen Fälle selbst

gehören ja ohne Zweifel zu den gewaltigsten Naturschauspielen der Welt,

besonders im Winter, wenn die Bäume im weiten Umkreis in wunderbar

funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde phantastische

Schneewachten und Eisgebilde die ungeheuren donnernden und dampfenden

Wasserschleier einrahmen. Leider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustück

gänzlich an Hintergrund. Der Niagarafluß verbindet eben zwei an sich wenig

reizvolle große Wasserflächen, und wenn nicht zufällig der Eriesee etliche

60 Meter höher als der Ontariosee gelegen wäre, so würde es überhaupt

nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott, sagen wir mal: die

biedere Warthe in irgendeinem preußischen Kartoffelacker einen solchen

Bocksprung von 40 bis 50 Meter ausführen ließe, so würde das einigen

Hunderttausenden Deutschen genügenden Anlaß bieten, um entrüstet aus der

Landeskirche auszutreten; in Amerika aber darf sogar der Weltbaumeister

geschmacklos sein, ohne sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen.

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Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit keinem Amerikaner

verübeln durfte, weil er eben zunächst für das Allernotwendigste zu

sorgen, Neuland urbar zu machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was

sein war, vor wilden Tieren und roten Skalpjägern zu verteidigen hatte,

die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten für den hochkultivierten Osten,

und die Zahl derer, die sich nach Schönheit zu sehnen beginnen, wächst von

Jahr zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht eurer neuesten

Schatzkammer Alaska ein paar lumpige Milliarden und stellt

Landschaftsregisseure mit unbeschränktem Kredit an? Herrgott Saxendi, was

ließe sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich weiß mir keinen

schöneren Strom in der Welt. In seinem langen, gewundenen Lauf von New

York bis Albany schlägt er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis

Bonn und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und Melk und sogar

mit der Elbe zwischen Königstein und Schandau aufnehmen vermöge seiner

herrlich geformten Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm die

Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks geben. Wenn trotzdem der

Hudson nicht entfernt so stark wirkt wie jene deutschen Ströme, so liegt

das eben einfach daran, daß ihm die Rebenhänge mit den berühmten

Weinmarken, die lieben alten Städtchen und ganz besonders die malerischen

Burgruinen fehlen. Der Regisseur des Hudsons hätte also die Aufgabe, das

ganze städtische und dörfliche charakterlose Gerümpel, das die Ufer des

Flusses verschimpfiert, niederzureißen und durch Neubauten im Stil des

Hudsontales und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das wäre mit viel Geld zu

machen, wenn sich nicht von vornherein die Frage aufdrängte: Ja, welches

ist denn der Stil der Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das weiß eben

kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen anderen Stil als die

Susquehannaleute oder die Michiganleute. Es war mehr oder weniger Zufall,

ob die ersten Kolonisten sich da oder dort niederließen, und jeder von

ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen es erforderte

und seine Mittel es erlaubten. Gewiß haben sich an unserem Rhein die

Menschen ursprünglich auch nicht aus Bewunderung für die schöne Gegend

niedergelassen, noch haben sie ihre Burgen auf die Höhen gebaut, um

späteren Geschlechtern eine Sehenswürdigkeit durch deren Ruinen zu

liefern. Nie und nirgends ist eine Landschaft späteren Dichtern und Malern

zuliebe stilisiert worden, sondern das Notwendige und Zweckmäßige ist

immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten gerade so wie in

der Neuen Welt. Erst der Edelrost der Jahrhunderte und Jahrtausende hat

die Schönheit dazu getan. Aber diese Schönheit ist keineswegs ganz wild

gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus. Ein

einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln, daß der Wille

einzelner Überragender sich den Herdenmenschen aufzwang, daß die

künstlerisch fruchtbaren Talente von den Herrschenden und Besitzenden

erkannt und mit großen Aufgaben betraut wurden. So konnten sie die Muster

schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann aus Gewohnheit immer wieder

nachmachten. Die Zünfte mußten ihren Zwang auf die Handwerker ausüben, die

Stadtväter mußten Bau- und Kleiderordnungen erlassen, und durch die

Engigkeit der Verhältnisse mußte ein konservatives Philisterium gezüchtet

werden, damit kein individualistischer Zickzack die Gradlinigkeit der

Entwicklung störte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage noch in

einer großen demokratischen Republik nachahmen könnte. Gewiß, ein genialer

Architekt, nennen wir ihn Meyer, könnte mit den zur Verfügung gestellten

Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen Stil bebauen,

und das könnte vielleicht etwas sehr Schönes geben, aber dann müßten auch

drakonische Gesetze erlassen werden, die die Anwohner des Hudsons zwängen,

ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen Stile zu errichten

und sich überhaupt in allen Lebenslagen streng meyerisch zu benehmen.

Würden sich die freien Bürger des Staates New York das gefallen lassen?

Schwerlich. Sie würden jedoch nichts dawider haben, wenn spekulative

Unternehmer darauf verfallen sollten, auf den schön geschwungenen

Uferbergen des Hudson künstliche Burgruinen zu errichten, zu denen

Zahnradbahnen oder Elevators hinaufführten. Es wäre weiterhin nur

vernünftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich niederließen, die

auf den Plattformen der Türme Flugschiffstationen und auf den

Turnierplätzen Hangars für Äroplane einrichteten. Gewiß würden es die

Hudsonleute auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders garstige

Fabrik hübschere Formen annähme und an Stelle manchen häßlichen Gerümpels

reiche Mitbürger ihre Sommervillen in allen möglichen bizarren

europäischen und asiatischen Stilen anlegen würden. Vermutlich wird man

schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten Stolzenfelsen und

Drachenburgen, japanische Teehäuser, russische Datschen und Darmstädter

Eigenheime bewundern können, aber ein origineller Hudsonstil wird sich von

selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich entwickeln. Wir sehen es ja

bei uns, wie schwer es die Vereine für Denkmal- und Heimatschutz haben,

unsere schönsten alten Städtebilder vor Verschandelung zu behüten, und wie

auch die strengste Baupolizei höchstens unter Mitwirkung wirklich

feinfühliger Künstler einigermaßen dem Eindringen der Stillosigkeit zu

wehren vermag; denn die instinktive Stilsicherheit unserer Vorväter ist

uns Modernen durch den Mangel an Seßhaftigkeit der großen Masse, die durch

unsere Verkehrsverhältnisse erzeugt wurde, schon sehr abhanden gekommen.

Drüben in der neuen Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit

natürlich niemals bestanden; der Künstler, den man zum

Landschaftsregisseur ernennen wollte, hätte es also mit Kindern und

Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden importieren und schmackhaft

machen, aber keinen Stil aufzwingen könnte. Die Yankees mit ihrem

wundervollen Optimismus sind natürlich überzeugt davon, daß die Schönheit

und der Stil in ihrem Lande ganz von selber sich entwickeln müßten als

eine Frucht der fortschreitenden Geschmackskultur ihrer reichen und

müßigen Leute. Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern glaube

vielmehr, daß sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte der große Unterschied

zwischen der alten Welt als einem Antiquitätenmuseum und der neuen als

einem Novitätenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende allmählicher

Kulturentwicklung sind selbst im heutigen Fortschrittstempo nicht

einzuholen.

(M82)

So müßte ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure für die Vereinigten

Staaten zu ernennen, hoffnungslos fallen lassen? Vielleicht doch nicht

ganz. Im weiten Süden, im äußersten Norden und im fernen Westen ist noch

Platz genug für Hunderte, ja Tausende von neuen Ansiedlungen. Wenn die

gesetzgebenden Körperschaften der betreffenden Bundesstaaten es zur

Bedingung für neue Gründungen machten, daß die Pläne nicht ohne

Hinzuziehung bewährter Künstler entworfen und ausgeführt werden dürften,

so wäre von diesen neuen Städten und Dörfern des 20. Jahrhunderts doch

wohl ein bißchen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue San Franzisko

nicht; ich weiß nicht, ob man bei dieser kostbaren Gelegenheit schon daran

gedacht hat, die künstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die

Amerikaner behaupten ja, daß ihr neues Frisko, ihre neue Handelsmetropole

Seattle und andere nordwestliche Gründungen von hervorragender Schönheit

seien. Nun, dann würde zum erstenmal in der Weltgeschichte das Licht von

Westen kommen. Im ganzen Osten der Union sieht es bisher noch aus wie in

einer Kinderstube, in der unartige Buben alles durcheinander geworfen und

vor dem Schlafengehen nicht fortgeräumt haben. Von dem großen Völkerumzug

sind noch überall die ausgeräumten Kisten, die Stroh- und Papierhüllen,

die ausgerissenen Nägel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn

erst der Osten sich vor dem Westen zu schämen beginnt, dann findet er

vielleicht auch Zeit, endlich einmal gründlich aufzuräumen. Und in der

aufgeräumten Landschaft, dem gesäuberten Stadtbilde werden wenigstens die

gröbsten Scheußlichkeiten so unliebsam auffallen, daß man sich um so mehr

beeilt, sie gänzlich wegzutilgen und durch Schöneres zu ersetzen. Dann

wird es eine starke Nachfrage geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir

sie denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch unsere

Missionäre den Geschmack an edler Musik beigebracht haben, werden dann

auch vielleicht berufen sein, als kostbarsten Importartikel Künstler

hinüber zu senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische

Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher und

Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich es noch, vor einer neuen

amerikanischen Stadt eine schöne Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem

Namen an Stelle des bei uns üblichen Hinweises auf Regierungsbezirk, Kreis

und Landwehr-Bataillon zu lesen wäre: „Gestiftet von Carnegie, in Szene

gesetzt von Johann Nepomuk Huber aus München-Pasing.“

Der Dichter in Dollarica · 第 24 / 44 题