WIE DER YANKEE SEINE RECHNUNG MIT DEM HIMMEL MACHT.

Es war eine der klügsten Maßnahmen der Unionsbegründer, daß sie in ihrer

Verfassung die Trennung von Kirche und Staat aussprachen. Wie überall in

der Welt, so hatte auch in den ersten Jahrhunderten der Besiedelung

Nordamerikas die Verquickung des religiösen Elements mit der Politik die

übelsten Folgen gehabt. Die bischöfliche Kirche Englands, die papistische

wie die protestantische, hatte natürlich versucht, ihre Herrschaft auch

auf die amerikanischen Kolonisten auszudehnen und dadurch den unseligen

Religionshader in die neue Welt verpflanzt. Die Pilgerväter, das heißt

jene fanatischen Puritaner, die in der ersten Hälfte des siebzehnten

Jahrhunderts die sogenannten Neuenglandstaaten besiedelten, hatten sich

weit unduldsamer erwiesen als selbst die römische Pfaffenherrschaft in den

spanischen Südstaaten. Sie wären am liebsten mit Inquisition und

Scheiterhaufen gegen alles, was ihnen ketzerisch erschien, vorgegangen.

Aber wie diese Pilgerväter über dem Psalmsingen und Ketzerriechen doch

niemals vergaßen, ihre weltlichen Geschäfte als geriebene Kaufleute

intensiv zu fördern, so ließ sich auch der vielgerühmte _Common __sence_

ihrer angelsächsischen Rasse selbst durch religiöse Inbrunst nicht völlig

unterdrücken. Die stupiden Glaubensverfolgungen hatten tiefgehende

Spaltungen, verbitterte Feindschaften zwischen den in dem jungen

Kolonialreich doch so sehr auf gegenseitige Hilfsbereitschaft und festen

Zusammenhalt angewiesenen Bürgern erzeugt. Neugegründete Städte und

Staaten wurden entvölkert, abtrünnige Sektierer fanden großen Zulauf und

gründeten neue Gemeinwesen, die sich zu bedrohlichen Konkurrenten der

alten Puritanersiedelungen entwickelten. Als nun gar der kleine Freistaat

Maine, der als erster völlige Religionsfreiheit eingeführt hatte,

auffällig rasch emporblühte, begannen doch auch den starren Puritanern die

Augen aufzugehen.

(M68)

Und so kam es, daß nach der gewaltsamen Losreißung vom alten Vaterlande

die Trennung von Kirche und Staat von der Bundesregierung zum Grundsatz

erhoben wurde. Im Artikel 1 des Anhangs zur Konstitution von 1778 ist

dieser Grundsatz festgelegt, und seit dieser Zeit kann tatsächlich in den

Vereinigten Staaten jeder nach seiner Fasson selig werden. Die

Staatsgewalt schreitet nur ein in dem Falle, daß die Grundsätze einer

Religionsgemeinschaft den Gesetzen zuwiderlaufen, wie zum Beispiel die

Vielehe bei den Mormonen. Außerdem hat sie in weiser Voraussicht der

Ansammlung übermäßigen Kirchensvermögen Grenzen gesetzt. Die Folge dieser

Entfesselung der Religion war eine Spaltung des Protestantismus in

unzählige Sekten, die aber keineswegs eine Schwächung, sondern vielmehr

eine Stärkung des religiösen Lebens bedeuten. Philosophisches und

besonders kritisches Genie ist dem Yankeevolke durchaus abzusprechen,

dagegen besitzt es einen starken Hang zur Phantastik, ja auch

Begeisterungsfähigkeit und Inbrunst. Das Volk ist in seiner Allgemeinheit

heute noch kindlich denkunreif, und so erklärt es sich, daß die Bibel ihm

noch durchweg als Offenbarungsquelle dient. Natürlich aber liest jedes

grüblerisch veranlagte Individuum aus dieser Offenbarung etwas anderes

heraus. Und wer Beredsamkeit und Zähigkeit genug besitzt, vermag Anhänger

um sich zu scharen und eine unabhängige Gemeinde zu gründen. Die

Opferwilligkeit, die dazu gehört, eine solche Gemeinde, Sekte oder Kirche

(_Denomination_) aus eigenen Mitteln zu unterhalten, legt beredtes Zeugnis

ab für die Stärke des religiösen Bedürfnisses. Freigeister in unserem

Sinne gibt es bei den Yankees nur sehr wenige, und am Christentum selbst

hat noch niemand von ihnen ernsthafte Kritik geübt. Die Tradition hat die

Bibelgläubigkeit der Vorväter so lebendig erhalten, daß es heute noch,

ebenso wie in England, ein oberstes Gesetz gesellschaftlichen Anstandes

geblieben ist, seinen Eifer für das Christentum irgendwie zu betätigen.

Dieser Eifer aber tut sich etwas auf seine Freiheit zugute und nimmt daher

oft die wunderlichsten Formen an. Die katholische Kirche dagegen hält fest

zusammen wie überall und gibt kein Titelchen von ihren Dogmen preis. Sie

gründet ihre Macht auf das irische Element und erhält ständigen Zuwachs

durch italienische, polnische und slawische Einwanderer. Klug, wie sie

ist, trägt sie dem in der demokratischen Luft sehr bald auch bei den

geistig minderwertigsten Einwanderern üppig ins Kraut schießenden Stolz

auf die persönliche Freiheit Rechnung und mischt sich nicht so

aufdringlich wie in Europa in Privatangelegenheiten; politisch dagegen

versucht sie mit allen möglichen Mitteln Einfluß zu gewinnen. Die

bedeutsamste politische Verbindung der katholischen Irländer, die bekannte

Tammany Hall im Staate New-York, übt offensichtlich eine große politische

Macht aus. Ob es ihr aber wirklich gelingt, ihre Hauptabsicht, katholische

Irländer in die wichtigsten Staatsstellungen zu bringen, in gefährlicher

Weise zu betätigen, darüber gehen die Meinungen bei den Amerikanern selbst

sehr weit auseinander. Es ist doch wohl nicht anzunehmen, daß der

nüchterne, praktische Yankee, wo es sein staatsbürgerliches Wohlbefinden

und seinen Geldbeutel angeht, sich von konfessionellen Quertreibereien

übers Ohr hauen lassen sollte.

(M69)

Obwohl der Grundgedanke des Christentums entschieden demokratisch ist, so

ist doch in der demokratischen Republik gerade die Kirche der Boden, wo

sich aristokratische Absonderungsbestrebungen am lebhaftesten betätigen.

Selbstverständlich wird in sämtlichen Kirchen und Betsälen Nordamerikas –

man zählt gegenwärtig, wenn ich recht berichtet bin, 86, nach anderer

Quelle sogar gegen 200 verschiedene Bekenntnisse – der christliche

Grundsatz gepredigt, daß vor Gott alle Menschen gleich seien; in

Wirklichkeit ist aber beispielsweise die bischöfliche Hochkirche nur für

die Reichen und Vornehmen vorhanden. In ihren prächtigen Kathedralen

kostet das Abonnement auf einen Sitzplatz sicherlich so viel wie das auf

einen ersten Rangplatz in der großen Oper. Ein beliebiger Mensch der

minder gut gekleideten Klasse, dem es einfallen wollte, im vorübergehen in

solch eine Kirche einzukehren, würde nicht nur schwerlich einen Sitzplatz

finden, sondern sich auch durch die entrüsteten Blicke der Stammgäste

energisch hinausgeekelt fühlen. Die Geistlichen dieser Kirche sind feine

Weltleute, verkehren in der vornehmsten Gesellschaft und verdanken ihre

Karriere häufig ihren glänzenden Eigenschaften als Tischredner,

Bridgespieler, Musikdilettanten und Tänzer. Die Kirche der geistigen

Aristokratie, der wohl der größte Teil der akademischen Welt angehört, ist

die _Unitarian Church_. Diese hat alle Dogmen beiseite geworfen und nur

den ethischen Gehalt der Bergpredigt als Richtung gebend beibehalten. Sie

treibt keinerlei Kult mit dem starren Bibelwort und sucht die Themen für

ihre Sonntagsbetrachtungen gerne bei den Dichtern und Philosophen,

vornehmlich bei ihrem berühmtesten Mitgliede Ralph Waldo Emerson. Den

größten religiösen Eifer entfalten natürlich die kleineren Denominationen,

deren Prediger oft die seltsamsten Mittel zum Seelenfang anwenden. Die

Berichte, die zuweilen nach Europa dringen von Geistlichen, die ihre

Gemeinde mit Schokolade und Icecreme bewirten, vergnügte musikalisch

deklamatorische Unterhaltungen oder schweißtreibende Leibesübungen

veranstalten, beziehen sich wohl nur auf solche Sekten, die auf den

Geschmack des kleinen Mannes spekulieren und daher auch in ihrer Reklame

dem Hange des amerikanischen Humors zu grotesker Übertreibung Rechnung

tragen müssen. Am spaßhaftesten muß es wohl in den Negerkirchen zugehen.

Wer jemals eine Probe der geistlichen Gesänge der Nigger gehört hat, deren

Eigentümlichkeit es ist, die biblischen Geschichten sowie die Vorstellung

von Himmel und Hölle mit ganz modernen Zutaten, aus dem Bereich der

Technik etwa, auszustatten, der wird sich auch eine Vorstellung von der

Weihe eines Negergottesdienstes machen können. Der Rhythmus afrikanischer

Kriegs- und Geisterbeschwörungstänze sitzt diesem kindhaft gebliebenen

Volke eben noch so fest in den Knochen, daß auch seine religiösen Gefühle

bis auf den heutigen Tag noch in diesem Takte schwingen.

(M70)

Um einen Begriff von dem Ton dieser religiösen Niggerpoesie zu geben, habe

ich versucht, einige solche Kirchenlieder zu übersetzen, wobei freilich zu

bedenken ist, daß die Eigentümlichkeiten des Negerdialektes schon darum

jeder Wiedergabe in Deutsch spotten, weil wir ja bei uns kein Negerdeutsch

kennen. Eines dieser Lieder aus der Zeit der Sklaverei lautet

folgendermaßen: „Jossua fit de battle ob de Jerico“.

Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho – so froh!

Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho –

und die Mauern purzeln um – glatt um!

Kommt Brüder, in die Wildnis, wo der Sturm heult, laßt uns eilen,

da soll da heilig Bibelwort uns unsern Kummer heilen.

Wir wählen uns zum Text – die Deutung, die liegt nah:

„Der Herr rief: Moses, Moses! – und der Mann sprach: Ich bin da!“

O Daniel!

Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho,

und die Mauern purzeln um, glatt um.

Nu, oll’ Pharo von Ägypten – klüger war kein Mensch gebor’n –

und er kriegt die Judenkinder ’ran zur Arbeit in sei’m Korn.

Schließlich ließ der Herrgott sagen durch den Moses, seinen Knecht,

daß der Pharo diese Juden schleunigst laufen lassen möcht’.

O Daniel usw.

Sollt er aber dies verweigern! – o verdammt – dann ging’s ihm schlimm.

Auf Ägypten wollt er leeren kübelweise seinen Grimm.

So geschah’s. Und Pharos Heere waren keinen Dreier wert.

Also, merkt, mit seinen Kindern heute noch der Herr verfährt.

O Daniel usw.

Tolle Sachen dreht der Herrgott – und nicht nur in alter Zeit,

nicht für Israel nur – Mitchristen, nein, die Hilfe ist nicht weit!

Seine Liebe reicht für uns noch ... so, nun lauft nicht und verpetzt

mich meinem Massa, daß die Predigt euch zum Muckschen aufgehetzt.

O Daniel usw.

Besonders interessant ist es, daß, wie auch in den ältesten Zeiten des

Volksliedes der europäischen Kulturländer, das eigentlich sinnvolle

Gedicht von einem Solosänger vorgetragen wird, während der Chor sich durch

ganz aus dem Zusammenhang fallende Ausrufe und Kehrreime beteiligt. In

obigem Lied singt also der Chor: so froh – glatt um – o Daniel – und

wiederholt am Schlusse jedes Verses die außer Zusammenhang mit dem Inhalt

stehenden Einleitungszeilen: „Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho“.

Ein anderes Lied, das in einen festen Rhythmus zu pressen ich mich

vergeblich bemüht habe, lautet höchst charakteristisch:

Der Vorsänger:

O der Gänsekiel kratzt in dem Kontobuch des Herrn –

Mein Herr schreibt meine Zeit ein.

Wie im Schwanze des Opossums, sind auf deinem Schädel auch

alle Haare dir gezählt. Weißt du das nicht?

Oder meinst du, daß der Herr, der sie schuf, nicht einen Hecht

von ’nem Walfisch unterscheiden sollte können?

Chor:

Sündige also lieber nicht, wenn du nicht magst Strafe zahlen,

denn mein Herrgott schreibt es ein.

Vorsänger:

Und das Hauptbuch, das ich meine, das ist Gottes Weltgericht –

mein Herrgott schreibt meine Zeit ein.

Du erwarte nicht vom Nachbar, daß er deiner Seele durchhilft,

deine Sünden müssen braten wie die Hühnchen auf dem Hofe.

Chor:

Also sündige lieber nicht usw.

In einem anderen Liede wird den armen Sündern angeraten, sich ja

rechtzeitig einen guten Platz in dem Autobus nach dem Himmel zu belegen,

denn der Andrang sei gerade in diesen Tagen enorm.

Es wäre aber ein großer Irrtum, anzunehmen, daß die groteske Form dieser

religiösen Gesänge nur der Lust der Nigger an kindischer Spaßmacherei

zuzuschreiben sei; sie sind im Gegenteil durchaus ernst gemeint und werden

von den weniger kultivierten Schwarzen auch heutigestags noch nicht als

komisch empfunden. Die meisten und eigenartigsten dieser Lieder stammen ja

aus der Zeit der Sklaverei; es sind Naturlaute verängstigter Seelen in

armen gequälten Leibern. Und die religiöse Inbrunst, die aus ihnen

spricht, ist mindestens ebenso echt wie diejenige der Heilsarmeepoesie.

Übrigens stellen diese alten Plantagenlieder so ziemlich das einzige dar,

was die Vereinigten Staaten an wirklicher Volkspoesie hervorgebracht

haben, sowie auch die Negermusik die einzige originelle musikalische

Neubildung auf amerikanischem Boden bedeutet.

(M71)

Das weiße Gegenstück zu der halbwilden Gottestrunkenheit der Schwarzen ist

die Heilsarmee, die Kirche der Allerärmsten und Untersten. Zeichnen sich

ihre Kultformen schon in Europa nicht gerade durch guten Geschmack aus, so

erreicht diese Geschmacklosigkeit in Amerika schon geradezu kannibalische

Dimensionen. Die Nigger sind wenigstens durchweg musikalisch und verfügen

oft sogar über sehr gute Singstimmen und geschickte Instrumentalisten.

Außerdem paßt der rasche Rhythmus ihrer geistlichen Gesänge, die Vorliebe

für die alttestamentarische Legende und die phantastische Ausmalung von

Himmel und Hölle vortrefflich zu ihren schwarzen, wüsten Gesichtern mit

den sanften schwärmerischen Augen. Wenn aber weiße Menschen unter einem

nördlichen Himmelsstrich ihre religiösen Gefühle in der Form einer mehr

als barbarischen Musikübung mit grauenhaftem Gesang und mißtönender

Pauken- und Trompetenbegleitung auf offener Straße ausüben und sich in

ihren Predigten wie ihren Gesängen eines Jargons bedienen, der weder für

den hohen Schwung der alttestamentlichen Sprache noch für die schlichte

Tiefe der evangelischen Darstellung das geringste Verständnis besitzt, so

muß einen Kulturmenschen wirklich das Grausen anwandeln. Kein sozial

fühlender Mensch wird dem idealen Zweck der Heilsarmee seine Hochachtung

versagen; sie allein von allen religiösen Gemeinschaften hat es vermocht,

den natürlichen Ekel jedes gesitteten Menschen vor der schmutzigen

Verkommenheit, dem stinkenden Laster und dem jämmerlichsten Elend zu

überwinden; sie allein wagt sich mutig unter den Auswurf der Menschheit

und ringt sozusagen Brust an Brust um die Seelen der Verworfensten; sie

speist ihre Geretteten nicht nur mit trostreichen Worten ab, sondern sie

gibt ihnen Brot und Arbeit und verhilft so manchem schon gänzlich

Verzweifelten, von der Gesellschaft völlig aufgegebenen doch noch zu einem

menschenwürdigen Dasein. Der große Erfolg, den sie auf der ganzen

christlichen Erde aufzuweisen hat, beweist, daß sie sich auf die

Psychologie jener alleruntersten Schichten, auf die sie es abgesehen hat,

versteht, und daß die sinnfälligen Gewaltmittel, die sie bei ihrer

Propaganda anwendet, die richtigen sind.

Gerade diese Erkenntnis ist es aber, die dem kultivierten Menschenfreund

so grausam ins Herz schneidet. So weit haben wir es also mit unserer

gepriesenen Zivilisation, mit unserer Religion der Liebe, mit unserer

Aufklärung durch die Schule und unserer bewundernswürdigen sozialen

Hilfsarbeit gebracht, daß in unseren prunkenden Weltstädten überall noch

Tausende und aber Tausende von Mitmenschen vorhanden sind, denen nur mit

fratzenhaftem Teufelsspuk und mehr als kindlichen Seeligkeitsvorstellungen

beizukommen ist! In den Vereinigten Staaten leistet zudem die organisierte

Wohltätigkeit vielleicht mehr als in irgendeinem Lande der alten Welt. Die

_Legal Aid Society_ zum Beispiel gewährt den Ärmsten und Unwissendsten

unentgeltlichen Rechtsbeistand; die Bemühungen um die Besserung erblich

belasteter Verbrechernaturen, um den Schutz entlassener Strafgefangener

gegen das Zurückgleiten in ihr früheres Leben haben großartige Erfolge

aufzuweisen und zeugen von tiefer Menschenkenntnis und echter

Menschenliebe – und dennoch, dennoch findet die Heilsarmee mit ihrer

scheußlichen Bum-Bum-Reklame gerade dort noch so viel zu tun!

(M72)

Wenn man die Verbreitung und die laute Betätigung der Heilsarmee als

Maßstab für die Gesittung eines Volkes annimmt, so müßte in dieser

Beziehung das Volk der Vereinigten Staaten am tiefsten von allen Völkern

stehen. Ich meine aber, daß dieser Maßstab doch vielleicht zu einem

ungerechten Urteil verführt: nicht im Volkscharakter als solchem liegt

wohl die größere sittliche Verkommenheit, sondern diese ist nur eine

Folgeerscheinung des unerhört raschen Emporschießens einer rein

technischen Zivilisation und des dadurch geförderten unnatürlichen raschen

Wachstums der Städte. In der kleinen Landgemeinde findet einer am andern

Halt, und die unmittelbare Berührung mit der erhabenen Natur, mit der zu

Nachdenken und Andacht stimmenden Einsamkeit bietet auch dem Ärmsten edle

Freuden – Seelenfrieden wenigstens –, während in der Großstadt alle diese

idealen Güter nur für die Besitzenden vorhanden sind. Der Arme dagegen

verliert in der Hetzjagd des Daseinskampfes jene innere Ruhe und wird so

fast unausweichlich in einen krassen Materialismus hineingetrieben. Je

mehr sich Riesenvermögen in den Händen weniger zusammenfinden, je mehr

eine glänzende Luxuskultur sich in der Öffentlichkeit breit macht, desto

sicherer verfällt der Besitzlose und dabei geistig Unkultivierte der

Verrohung. Es ist das eine Tatsache, die ein vernichtendes Urteil über den

Kulturwert des technischen Fortschrittes in sich schließt. Die Arbeiter,

die in steter Berührung mit den erstaunlichsten Erfindungen des

Menschengeistes sind, die ihnen die Bändigung der Naturkräfte durch

unseren Verstand und die subtilsten Nachahmungen eines lebendigen

Organismus durch einen wunderbaren Mechanismus tagtäglich vor Augen

führen, gewinnen von diesem Umgang weder für ihre Verstandesbildung noch

für die Bereicherung ihres sittlichen Empfindens. Das einzige, was

allenfalls dabei herausspringen kann, wäre für gut veranlagte Köpfe der

Anreiz zu erfinderischer Eigenbetätigung. Ebensowenig wird der Herr der

Maschine, der Arbeitgeber, dem sie Reichtum und folglich auch Macht,

Behagen und Luxus schafft, von allen diesen schönen Dingen eine seelische

Bereicherung erfahren, wenn es ihm an innerer Kultur, das heißt also an

Idealismus, an einem zeitig geweckten ästhetischen und ethischen Gewissen

fehlt.

Der vertierte, arbeitsscheue Trunkenbold, der sich durch die

Radauversammlungen der Heilsarmee zur Bußbank locken läßt, legt also im

Grunde ebenso beredtes Zeugnis wider die Ohnmacht der technischen

Zivilisation ab, wie der angeblich gebildete, manierliche und

reputierliche Mensch der Oberschicht, der sich von dem religiös drapierten

Hokuspokus raffinierter Spekulanten und Agitatoren einfangen läßt.

Von der öffentlichen Katzenmusik der mit der großen Trommel begleiteten

Bußpredigten, von dem rotgestrichenen Betteltopf am eisernen Dreifuß, vor

dem die wetterharten Wachposten der Heilsarmee ihre Schelle unablässig in

Bewegung setzen, bis zu den gewaltigen Marmorkathedralen mit vergoldeten

Kuppeln, welche die Christian Science in Boston, Providence und vielen

anderen Großstädten des Ostens errichtet hat, scheint es ein weiter Weg –

und ist doch nur ein Katzensprung! Wir Europäer sehen die durch Misses

Mary Baker G. Eddy hervorgerufene religiöse Bewegung als eine geistige

Epidemie an, welcher religiös veranlagte, aber denkunfähige Geister

deshalb so leicht verfallen, weil sie darin eine Wiederherstellung

urchristlicher Inbrunst mit magischer Wirkung erblicken. Wir zucken

gleichmütig die Achseln über diese sogenannte christliche Wissenschaft und

verweisen sie unter die abstrusen Erscheinungsformen moderner Hysterie.

(M73)

Der „American Encyclopedie Dictionary“ definiert die Grundlage dieser

Wissenschaft folgendermaßen: „Die Christian Science lehrt die Wirklichkeit

und Allgegenwart Gottes und die Unwirklichkeit und Nichtigkeit der

Materie, die geistige Beschaffenheit des Menschen und des Weltalls, die

Allmacht des Guten und die Unmacht des Übels. Christian Science will die

Wahrheit der ursprünglichen Lehre Christi wiederherstellen. In der

Wahrheit erblickt sie das einzige Heilmittel gegen den Irrtum; Krankheit

ist auch ein solcher Irrtum, eine Folge der Sünde. Bekämpfe also Sünde und

Irrtum, so bekämpfst du Krankheit und Tod.“ – Christlich kann man diese

Ideen allerdings nennen, neu sind sie nicht, und ihre philosophische

Begründung ist keineswegs auf Misses Eddys eigenem Geistesboden gewachsen.

Das Neue und für die große Masse der heilsuchenden Menschheit Bestehende

an dieser Lehre besteht darin, daß sie Christus zum Magier macht und die

magischen Kräfte seiner Gläubigen durch inbrünstige Gebetsübungen dermaßen

stärken zu können vorgibt, daß auch die Wunder zu wirken imstande sind,

vornehmlich Heilung von Krankheiten. Der praktische Nutzen der neuen

Religion ist also der, daß sie an die Stelle von Doktor und Apotheker die

Autosuggestion als billigsten und probatesten Heilfaktor setzt. Die Welt

ist erfüllt von Übeln und Schrecknissen aller Art, von Sorgen, Kummer, Not

und Tod; der Gläubige aber behauptet, alle diese Dinge existierten nur in

der Einbildung der noch nicht Erweckten. Sie aber vollziehen an sich durch

seelische Dressur einfach eine Art Selbstblendung; sie zwingen ihren

Willen, nicht mehr sehen zu wollen. Und wenn sie es glücklich zur

vollendeten Blindheit gebracht haben, dann existieren allerdings weder

Schmerzen noch Tod mehr. Man begreift, daß eine solche Lehre in Amerika,

wo es so wenig philosophisch geschulte Köpfe gibt, ihr Glück machen mußte.

Derselbe Optimismus des jugendlichen Volkes, der alles von ihm

Hervorgebrachte für vortrefflich hält, derselbe glückliche Leichtsinn, der

die schwierigsten Fragen dadurch löst, daß er einfach behauptet, sie

existierten nicht (wie wir es zum Beispiel bei der Frage der Prostitution

gesehen haben), dieselbe Leichtgläubigkeit, die Geheimmittelfabrikanten,

Somnambulen und Horoskopsteller so rasch reich macht, haben auch der

Misses Eddy Millionen in die Kasse und Hunderttausende von Gläubigen in

ihre Kirche gezaubert. Das eigentliche Genie dieser merkwürdigen Frau

liegt viel mehr in der praktischen als in der philosophischen Richtung.

Dem Amerikaner imponiert aber nichts so sehr, als der praktische Erfolg.

Wer in kurzer Frist seinen Mitmenschen so ungeheure Geldsummen aus der

Tasche zu locken und mit ihrer Hilfe eine festgefügte Organisation zu

schaffen versteht, der muß ein erwähltes Werkzeug Gottes sein.

(M74)

Es will uns Europäern schier unfaßlich dünken, daß im zwanzigsten

Jahrhundert unter dem angeblich nüchternsten aller Völker eine Frau zur

Gründerin einer neuen mächtigen Kirche und von ihren Gläubigen für heilig,

unfehlbar, ja selbst unsterblich erklärt werden konnte! Misses Baker Eddy

war bekanntlich schon zu ihren Lebzeiten zur sagenhaften Persönlichkeit

geworden. Man wollte wissen, daß sie schon seit Jahren tot sei, und daß in

ihrem Wagen eine Wachspuppe spazieren gefahren werde, um ihre Anhänger

nicht in ihrem Glauben an die physische Unsterblichkeit ihrer Päpstin irre

werden zu lassen. Und nun ist sie zu Ende des Jahres 1910 dennoch ganz

wirklich gestorben und begraben worden, und die Ärzte wußten ganz genau

den Charakter ihrer Krankheit und die unmittelbare Todesursache anzugeben.

Man hätte nun meinen sollen, daß mit diesem unzweifelhaften leiblichen

Tode der magische Nymbus zerstört worden sei, der die Person der Päpstin

außerhalb der Menschheit in die Reihe der Götter stellte. Aber das war

keineswegs der Fall; denn alsbald nach ihrem Begräbnis verkündete eine

ihrer vertrautesten Jüngerinnen, sie könne den Gläubigen mit Bestimmtheit

versichern, daß nur eine verbrauchte materielle Erscheinungsform der

Misses Baker Eddy begraben worden sei, sie selbst werde in erneuter

Leiblichkeit, vermutlich verjüngt, vielleicht schon in vierzehn Tagen

wieder auf Erden wandeln. Vorsichtigerweise setzte die Dame allerdings

hinzu, es könnte eventuell auch länger dauern, vielleicht Jahre, viele,

viele Jahre lang.

Die Christian-Science-Kirche ist nicht mit ihrer Gründerin gestorben; sie

hat sogar, bisher wenigstens, den starken Erschütterungen ihres Ansehens

standgehalten, denen sie durch den höchst unerquicklichen Zank der

Auserwähltesten unter ihren Getreuen um die Besetzung ihres verwaisten

päpstlichen Stuhles und die Aufteilung ihrer Millionenerbschaft ausgesetzt

war. Für uns Europäer kann die Geschichte dieser Gesundbeterkirche nur

eine entsetzliche Blamage der modernen Menschheit bedeuten. In den

Vereinigten Staaten jedoch ist es geradezu gefährlich, über diesen

Gegenstand, selbst in gut gesiebter Gesellschaft, eine ehrliche Meinung zu

äußern. In der gebildetsten Stadt Amerikas, in Boston, in einer

Gesellschaft, die nur aus Professoren, hohen Staatsbeamten und sonstigen

geistig hervorragenden Herren bestand, war ich auf dem besten Wege, mich

für ewige Zeiten unmöglich zu machen, indem ich das Thema von der

Christian Science anschlug. Durch Augenwinken und bedeutungsvolles

Räuspern brachten mich glücklicherweise einige wohlmeinende Mitmenschen

zum rechtzeitigen Schweigen. Und hinterher erfuhr ich, daß mein Nachbar

zur Linken und der bedeutende Herr vis-a-vis überzeugte Anhänger der

Misses Eddy seien.

Wie außerordentlich verhängnisvoll dieser sonderbare Fanatismus auch für

die privaten menschlichen Beziehungen sein kann, dafür wurde mir ein

Beispiel aus dem Bekanntenkreise eines Freundes erzählt. Ein gescheiter

und tüchtiger Geschäftsmann hatte eine recht wohlhabende Frau geheiratet

und führte eine durchaus glückliche Ehe mit ihr, bis er in die Netze der

Gesundbeter geriet. Von da an ließ er das Arbeiten bleiben und

beschäftigte sich nur noch mit Beten und Predigen in der eigenen Familie.

Es gelang ihm jedoch nicht, seine Frau zu sich herüberzuziehen. Die

Nichtexistenz der Materie mit ihren Sorgen und die Allmacht Gottes legte

er sich so aus, daß nunmehr auch der Herr für die Bezahlung der laufenden

Rechnungen zu sorgen habe. Da dies nun trotz eifrig betriebener

Gebetsübungen merkwürdigerweise nicht der Fall war, so mußte seine Gattin

immer mehr und mehr von ihrem Kapital flüssig machen, bis sie eines Tages

die Geduld verlor und dem frommen Eheherrn die Existenz der Materie

dadurch klar machte, daß sie ihm ein Scheidungsurteil vorlegte und mit

Sack und Pack sein Haus verließ.

(M75)

Wir würden den Yankees schwer unrecht tun mit der Annahme, daß nur in

ihrem Lande heutzutage noch ein günstiger Boden für ausgiebigen Gimpelfang

auf religiösem Gebiet zu finden wäre. Christian Science zum Beispiel hat

auch in Deutschland zahlreiche Anhänger, und zwar vornehmlich in jenen

erlauchten Kreisen, die auf die „Kreuzzeitung“ abonniert zu sein pflegen.

In meinen Händen befinden sich zwei traurige Beweisstücke für die engen

Beziehungen zwischen amerikanisch organisiertem Schwindel und deutscher

Strammgläubigkeit. Annoncierte da in den gelesensten Blättern der ganzen

Welt ein Mister G. A. Mann, Rochester, New York, U. S. A., Postdepotnummer

1106: „Woher stammt diese wunderbare Gewalt! Das ganze Land ist erstaunt

über die wunderbaren Taten, die Herr Mann vollbringt!

Den Unheilbaren wird wieder Vertrauen eingeflößt. Ärzte und Prediger

erzählen staunend von der Einfachheit, mit der dieser moderne Wundertäter

Blinde und Lahme mit Erfolg behandelt und zahlreiche Kranke den Klauen des

Todes entreißt. Seine Ratschläge sind unentgeltlich für alle. Dieser Herr

entbietet sich, seine Ratschläge unentgeltlich zu geben. Ärzte suchen

seine außerordentliche Kraft zu ergründen ...“

Und in diesem scheußlichen Reklamestil geht es zwei Spalten lang fort.

Zahlreiche Heilerfolge werden mit Namensnennung angegeben, und zum

Schlusse stellt sich Herr G. A. Mann als Dr. med. und Professor der von

ihm erfundenen Radiopathie vor. „Die Radiopathie hilft nicht nur bei

gewissen Arten von Krankheiten, sondern sie nützt gegen alle Krankheiten,

wenn die verschiedenen, magnetisch zubereiteten Tabletten, nach unserer

Formel präpariert, rechtzeitig vom Patienten benutzt werden. Wenn Sie

krank sind, es ist einerlei, an welcher Krankheit Sie leiden, schreiben

Sie Herrn Mann, beschreiben Sie ihm die Symptome, geben Sie an, wie lange

Sie krank sind, und er wird sich ein Vergnügen daraus machen, Ihnen die

Krankheit zu nennen, an der Sie leiden und Ihnen ein Verfahren zu

beschreiben, das Ihnen nützen wird. Dieses kostet Sie absolut nichts, und

Herr Mann wird Ihnen dazu ein Exemplar des wunderbaren Buches: ‚Wie man

sich selbst und anderen helfen kann‘ mitschicken usw.“

Herr G. A. Mann kennt seine Pappenheimer. Für das Postfach 1106 in

Rochester liefen aus allen Teilen der Welt die Briefe zu Hunderten und

Tausenden ein, und die Heilsuchenden, natürlich lauter arme, verzweifelte,

schmerzensreiche, meist von den Ärzten aufgegebene Menschen, erhielten ein

gedrucktes Schreiben, welches ihnen irgendeine Krankheit nannte und sie

aufforderte, 10 Dollar, also 41,80 Mk. (!) portofrei einzusenden, wofür

ihnen die wunderwirkenden radiopathischen Tabletten, natürlich eine völlig

wertlose Droge, zugehen würden. Die hochwichtige Broschüre voll angeblich

wissenschaftlichen Kauderwelschs wurde ihnen allerdings gratis beigepackt.

Und siehe da, Tausende und aber Tausende ließen sich den letzten

Hoffnungsstrahl 10 Dollar kosten und machten Herrn G. A. Mann zu einem

schwerreichen Mann. Selbstverständlich ist er in Wirklichkeit weder Dr.

med. noch Professor, sondern einfach ein geriebener amerikanischer

Schwindler mit den eigenartigen Ehrbegriffen dieser interessanten

Menschensorte. Um seinen guten Freunden auch einen Spaß zu machen, ließ er

zuweilen besonders pikante Zuschriften aus seinem Kundenkreis

photochemisch vervielfältigen. Und durch denselben wackeren Deutschen, der

diesem niederträchtigen Schwindler in Amerika das Handwerk legte, wurden

mir zwei solcher Faksimiles anvertraut, in denen eine preußische

Prinzessin und ein hoher Offizier der Potsdamer Garnison dem Herrn

Professor der Radiopathie in Rochester Geständnisse ablegen, wie man sie

selbst seinem Hausarzt und seinem Beichtiger wohl nur im Zustande höchster

Verzweiflung ablegen dürfte.

(M76)

Herr A. G. Mann aber machte sich, wie gesagt, einen Spaß daraus, diese

traurigen Intimitäten seinen guten Freunden zu verraten! Angeblich soll

dieser gemeingefährliche Schwindler übrigens sein Unwesen heute noch von

Paris aus fröhlich weiter betreiben. Charakteristisch ist es nun, daß die

erwähnten, sozial so hoch stehenden Briefschreiber alle beide Herrn Mann

gestehen, sie hätten es unter anderem auch schon mit der Christian Science

versucht! Lernen wir Bescheidenheit aus diesem Beispiel. Auch wir Europäer

sind noch längst nicht über den Berg des Aberglaubens hinweg; der

religiöse wie der medizinische Schwindel kommen auf beiden Seiten des

Ozeans noch auf ihre Kosten, und wenn sie vereint marschieren, finden sie

ihre Opfer in allen Zonen bei den Angehörigen aller Bekenntnisse, aller

Gesellschafts- und Bildungsstufen. Wie weit sind wir nun im Grunde

abgerückt von dem Glauben der Wilden an die Zauberkraft der

Beschwörungstänze ihrer Medizinmänner? Dunkle Erdteile gibt es nicht mehr,

aber in den finsteren Höhlen der Menschenseele kann der unerschrockene

Entdecker noch genug Fossilien aus dunkelster Vorzeit finden.

Bei der völligen Gewissensfreiheit, welche die Verfassung der Vereinigten

Staaten gewährleistet, und der großen Anzahl der Bekenntnisse, die der

heilsuchenden Seele zur Verfügung stehen, braucht die Wahl der

Religionsgemeinschaft, der ein erwachsener Mensch sich anschließen will,

von keinen anderen als rein idealen Erwägungen geleitet zu werden;

begreiflicherweise spielen aber dennoch Nützlichkeitsgründe, allerlei

komische oder betrübliche Menschlichkeiten, just bei dieser Wahl eine

bedeutende Rolle. Alle Leute, die nicht selbständig denken gelernt haben,

und deren Zahl ist in Amerika besonders groß, sowie alle Leute, die nicht

von einer besonderen religiösen Inbrunst erfaßt sind, werden entweder

einfach dem Bekenntnisse ihrer Eltern folgen oder aber sich einer Gemeinde

anschließen, durch die sie wertvolle geschäftliche und gesellschaftliche

Verbindungen zu erwarten haben. Da es in dem demokratischen Staat

offiziell keine Rangeinteilung, keine Klassen- und Kastenunterschiede

gibt, der Mensch aber doch von Natur so geartet ist, daß sich immer gleich

zu gleich gesellt, und sich alsbald bestrebt, Schranken zwischen sich und

der Außenwelt zu errichten, so kommen die Religionsgesellschaften der

natürlichen Neigung entgegen. Sie stellen einfach geschlossene Vereine

dar, die ihre Mitglieder aus ganz bestimmten Gesellschafts- und

Bildungsschichten rekrutieren; also ein Seitenstück zu den Klubs, die aber

nur den Wohlhabenden zugänglich sind und die Familie ausschließen. Der

selbständige junge Mensch wird sich also unter den etlichen hundert

verschiedenen Denominationen, die ihm zur Verfügung stehen, diejenigen

aussuchen, in der er ausschließlich seinesgleichen in bezug auf Bildung,

gesellschaftliche Stellung, Lebenshaltung und allgemeine Interessen

findet.

Es ist klar, daß der religiösen Heuchelei, dem Drucker- und Muckertum

durch diese Wahlfreiheit kein Vorschub geleistet wird. Wenn auch die

Respektablität es erfordert, daß man einer christlichen Gemeinschaft

angehöre, so erleidet sie doch keineswegs einen Schaden, wenn etwa eines

frommen Quäkers Sohn zu den Methodisten übertritt oder die Tochter des

Presbyterianers sich den Baptisten anschließt. Religiöse Überzeugung wird

unter allen Umständen geachtet, auch wenn sie äußerlich wunderliche Formen

annimmt. Und so fährt schließlich das echte religiöse Bedürfnis bei dieser

Zersplitterung doch noch am besten. Und die Geistlichen gar dürften in

keinem Lande der Welt so viel Freude an ihren Gemeinden erleben, wie in

den Vereinigten Staaten, weil ja bei der völligen Freiheit der

Meinungsäußerung jeder Geistliche in seiner Person gewissermaßen eine

eigene Kirche darstellt, deren unfehlbarer Papst er ist. Verweigert ihm

seine Gemeinde die Gefolgschaft, so ist er deswegen noch lange nicht

deklassiert und infamiert. Ist er ein begabter Seelenfänger, so mietet er

sich eben einfach anderswo ein Lokal und versucht neue Menschen

hineinzupredigen. Hat er deren ein Häuflein beisammen, so ist seine

Ich-Kirche wieder lebendig. Der unfähige Geistliche, dessen Persönlichkeit

der suggestiven Kraft ermangelt, wird dagegen mit Recht unter das

Proletariat derjenigen unbrauchbaren Menschen hinabgleiten, die da

brotlose Künste treiben.

(M77)

Ich will diese Betrachtung mit einem herzerquickenden Lichtbilde

schließen. Auf dem Campus der Cornell-University in Ithaka im Staate New

York erhebt sich ein schlichter Kirchenbau, der von Andrew D. White, dem

feinsinnigen Gelehrten und allverehrten früheren amerikanischen

Botschafter in Berlin, gestiftet wurde. Das Innere zeigt eine wundervolle

Holzarchitektur in Anlehnung an norwegische Muster, eine weichgedämpfte

Farbenharmonie faßt die weitgeschwungene bunte Decke mit dem dunkelbraunen

Holzton des Gestühls mild zusammen, und die farbigen Fenster dämpfen das

Licht, ohne jedoch die frohe Heimlichkeit des Raumes in mystischer

Dämmerung zu ersticken. Kein Altar, keine blutigen Kruzifixe oder

Marterdarstellungen, überhaupt keine biblischen Schildereien finden sich

in diesem, ich möchte sagen, lieblich erhabenen Gotteshause, nur eine

einfache Rednerkanzel und eine wundervolle Orgel. In einer Seitenkapelle,

die dem Charlottenburger Mausoleum einigermaßen ähnlich ist, ruhen in

herrlichen Marmorsarkophagen die Gebeine des trefflichen Holzhändlers

Cornell, der seinen Namen durch die Gründung dieser, zu den

allervornehmsten zählenden Universitäten unsterblich machte. Hier ruht

auch die erste Gemahlin Dr. Whites, und hier wird er selber seine

Ruhestätte finden. Seine Kirche aber ist keinem Bekenntnisse gewidmet,

sondern nur dem christlichen Gedanken, und ihre Kanzel steht jedem

berufenen Redner offen, dessen Denken und religiöses Fühlen sich irgendwie

unter dem Einfluß christlicher Ideen zu befinden glaubt. Es predigen also

hier allsonntäglich abwechselnd eingeladene Vertreter aller erdenklichen

Bekenntnisse, sowie auch außerhalb alles Kirchentums stehende bedeutende

Denker und Redner.

Ist es nicht bezeichnend, daß die bisher einzige Absage, die Dr. Andrew D.

White auf seine Einladungsschreiben erhielt, von katholischer Seite kam?

Allerdings hätten sich wohl einzelne hervorragende katholische Prediger

gefunden, die gern in diesem freien Gotteshause zu einer freien, Wahrheit

suchenden Gemeinde geredet hätten – Rom aber sprach: „Quod non!“

Der Dichter in Dollarica · 第 23 / 44 题