(M62)
Deutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten zu Wohlstand gelangt
sind, und es sich leisten können, von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu
besuchen, versichern einen in weitaus den meisten Fällen, daß sie mit
staunender Genugtuung den großen Aufschwung des Vaterlandes in
wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher und
künstlerischer Beziehung wahrgenommen, daß sie mit stiller Rührung so
manche treu behütete Wahrzeichen der Vergangenheit, liebenswürdige alte
Sitten und Gebräuche, feuchtfröhliche Kneipwinkel und traute Gemütlichkeit
im Familienheim wieder gefunden und ihre Heimatliebe dadurch gestärkt
hätten. Wenn man sie aber dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der
Neuen Welt schmerzlich vermißten und ihr Leben nicht lieber mehr oder
minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen Behaglichkeit des
Rentners in der alten Heimat beschließen wollten, da bekommt man fast
immer zur Antwort: „Nein, Wurzel fassen könnte ich auch in dem üppigen
modernen Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten seid, so
habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren demokratischen Freiheit.
Ihr fühlt euch immer noch als Untertanen, und es scheint euch vollständig
in der Ordnung, euch euer ganzes Leben lang von euren großen und kleinen
Fürsten, von Adel und Geistlichkeit, von euren geschwollenen Beamten und
aufdringlich neugierigen Polizeiorganen grob oder sanft stupfen, gängeln
und behüten zu lassen. Euer Dasein ist nach wie vor umzäunt von Warnungs-
und Verordnungstafeln, der freie Entschluß und die freie Meinung trauen
sich immer noch nicht recht heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis
oder Befehl von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil Trotz zu
bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist ja eine ganz schöne Sache,
aber die behagliche Ruhe, die sie bieten, muß doch mit zu viel
Demütigungen des Selbstbewußtseins erkauft werden. Eure gesellschaftlichen
Einrichtungen erscheinen uns Republikanern nun vollends lächerlich und
unerträglich, denn ihr habt ja noch kaum angefangen, mit den unmöglichsten
Standesvorurteilen und dem engherzigsten alten Kastengeist aufzuräumen.
Das sind die Gründe, weshalb ein Mensch, der etliche Jahrzehnte lang die
Luft echter demokratischer Freiheit geatmet hat, im alten Vaterlande nicht
mehr heimisch werden kann.“ Und dann werden einem allerlei blamabel
komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil über unsere
Unfreiheit erhärten sollen: polizeiliche Meldeformulare, welche nicht nur
Namen, Stand und Herkunft, sondern auch Alter, Religion und Zweck des
Aufenthalts des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken
schnauzender Beamten vor einer Leutnantsuniform, die aufgeregte
Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Mütze, der mit Papieren in der Hand
auf dem Bahnsteig hin und her rennt und seine Lunge anstrengt wie ein
Brigadegeneral, um einen harmlosen Personenzug abzufertigen; die komische
Angst der Gastgeber vor Verstößen gegen die Rangordnung bei Einladungen in
ihr Haus, die Einbeziehung der Frauen in diese Rangordnung, die
umständlichen Höflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen gegeneinander –
und was dergleichen niedliche Reliquien aus jammervoller deutscher Vorzeit
mehr sind.
Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem Ausländer zu verübeln,
wenn er diese Dinge bei uns mit ironischer Heiterkeit oder gar mit
bitterem Zorn bemerkt. Die Frage ist für uns nur die: lebt man in der
demokratischen Gesellschaft der größten amerikanischen Republik wirklich
so sehr viel freier? Und ist es überhaupt möglich, ein friedliches
Nebeneinanderleben von Menschen, eine öffentliche Ordnung, Sicherung des
Lebens und Eigentums, eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne
Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen beschränken und ohne
Gewaltmittel, durch welche diesen Gesetzen Achtung verschafft wird? Die
republikanische Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr
energisch verneint. Ich wüßte nicht, wo in der Welt mehr und eifriger
Gesetze fabriziert würden, als gerade in der Union, wo nicht nur im
Senatspalast von Washington, sondern in den Kapitalen sämtlicher 44
Bundesstaaten, jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die
wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen Gemeinwesen
weitgehende Ergänzungen erfahren. Gewiß, unsere Verordnungswut, unsere
kleinliche Polizeischikane verderben uns manche schöne Stunde und reizen
die Galle öfter als das Zwerchfell – aber ist das drüben so sehr viel
besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitionsstaates passiert, reißt
mir der Schwarze im Speisewagen das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin
mache ich mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete; in
Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf der Straße
ausspucke, auf der New-Yorker Untergrundbahn mit schwerer Geldstrafe
belegt, wenn ich mich auf dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen
lasse; wenn ich ein schönes Mädchen bewundernd anblicke, riskiere ich,
durchgeprügelt zu werden, und wenn ich das Opernhaus anders als im Frack
und weißer Weste betrete, werde ich durch verächtliche Blicke in den Boden
gebohrt. In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich keinen
Unterschied der Stände, und diese allgemeine Gleichheit soll ihren
deutlichsten Ausdruck darin finden, daß auf der Eisenbahn nur eine einzige
Wagenklasse für alle vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit
nur bei langsamen Lokalzügen durchgeführt, die der „bessere Mensch“ ja
doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto hat. Sobald ich aber weite
Strecken fahren will, denke ich nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern,
Chinesen, Negern, gummikauenden Ladenmädchen und Viehtreibern in die Car
mit den gräßlich engen Sitzen aus schmutzigem Strohgeflecht zu setzen,
sondern ich bezahle meinen Zuschlag am Schalter der Pullman-Gesellschaft
und erwerbe mir damit das Anrecht, in einem großen luftigen, schön
ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren Polstersessel zu
benutzen und an den besonderen Luxuseinrichtungen, wie Wasch- und
Rauchkabinett, Speisewagen, Büfettwagen mit Schreibgelegenheit und
reichhaltige Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier kann ich
sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut gekleideter,
manierlicher und wohlhabender Menschen zu bewegen, gerade so gut oder
besser, als wenn ich in Deutschland zweiter Klasse führe. Fühle ich mich
aber so außerordentlich _prominent_, daß mir auch diese Gesellschaft noch
zu ordinär ist, gehöre ich also nach deutschen Begriffen zu den
_erstklassigen_ Menschen, so lege ich noch ein paar Dollar zu und kaufe
mir dafür ein _Compartement_, d. h. einen abgeschlossenen, bequemen Raum
innerhalb des großen Pullman-Wagens, in dem ich über üppige Salonmöbel
verfüge und nachts auch allein schlafen kann, während die Leute zweiter
Klasse, Männlein und Weiblein pêle-mêle, der Länge nach hinter einem
grünen Vorhang übereinander geschichtet und sorgfältig von der frischen
Luft abgeschlossen werden. Selbstverständlich kann man es, ebenso wie bei
uns, einem Protzenbauer in dreckigen Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn
es ihm Spaß macht, für sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drüben
etwa ein Cowboy in verwegenem Räuberaufzug sich für seine zerknitterten
Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz im Pullman-Wagen leistet, so wird
er sich in der manierlichen Gesellschaft, in der er weder rauchen noch
spucken darf, bald genug ungemütlich fühlen und ganz bescheiden in den
Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind. Ist das nun etwas
anderes wie unser Dreiklassensystem? Wir mit unserer dünkelhaften
Verachtung des Proletariers schufen sogar noch eine vierte Klasse für die
Leute mit der ganz schmalen Börse – die Eisenbahnkönige im Lande der
Freiheit und Gleichheit denken aber natürlich nicht daran, diesem
Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegenheiten einzuführen. Daß – in
den Südstaaten wenigstens – Neger in der Eisen- und selbst in der
Straßenbahn im besonderen Wagen fahren müssen, ist ja eine weltbekannte,
echt demokratische Einrichtung.
(M63)
Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, daß auch in der großen Republik
dafür gesorgt ist, daß der freie Kulturmensch sich hie und da an
Gesetzestafeln Beulen stößt und wegen lächerlicher Bevormundung gerade so
schön die Kränke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir näher zusehen,
welchen Mächten es denn zu danken sei, daß wir drüben nicht vor lauter
Freiheit allzu übermütig werden, so stoßen wir in den meisten Fällen auf –
_die alte Tante_! Ich für meinen Teil muß gestehen, daß mir diese alte
Tante, welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Türen
einschlägt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden Körperschaften die
Fenster des Sitzungssaales einschmeißt und am liebsten alle freie
Fröhlichkeit durch ihr sauertöpfisches Geplärr ersticken möchte, bei
weitem unsympathischer ist, als unsere grimmigsten Polizeigewaltigen. Das
ist überhaupt die üble Kehrseite der ritterlichen Frauenverehrung bei den
Amerikanern, daß sie so leicht vor den verrücktesten Anschlägen boshafter
und beschränkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie im Namen der
Religion oder der Sittlichkeit unternommen werden. Denn es ist dieselbe
bösartige alte Tante, welche mich zwingt, mein gutes Diner in einem
erstklassigen Hotel wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu spülen, oder
mir ein harmloses Glas Bier durch eine Lüge zu erschleichen(3), dieselbe
auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die Theater vor der Nase
zusperrt, mir jede schöne künstlerische Nacktheit mit Feigenblättern
verschandelt und sogar meine Lektüre kontrolliert, indem sie die Tore des
Freistaates gegen die Einfuhr „freier“ Bücher verschließt und dem
einheimischen Schriftsteller nicht gestattet, seine Feder Dinge und
Gedankenkreise berühren zu lassen, die _sie_ für anstößig erklärt! Daß
diese biedere Tante mit ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die
Vergnügungssucht, noch gar Kunst und Wissenschaft gänzlich auszurotten
vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg besteht darin, daß sie eine
scheußliche und lächerliche Heuchelei züchtet und auf künstlerischem und
wissenschaftlichem Gebiete die freie Entwicklung immerhin beträchtlich
hemmt. Da es dem Bürger der Vereinigten Staaten an so vielen Plätzen
verboten ist, seinen Durst mit alkoholischem Naß zu löschen, so verlernt
er die guten Sitten im Umgang mit geistigen Getränken und berauscht sich
bei verschlossenen Türen an konzentrierten Giften. Da ihm Sonntags der
Genuß des Schauspiels wie der Oper versagt ist, die Gesetzgeber aber doch
nicht so unmenschlich sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben,
ganz und gar von dieser unter Umständen sogar bildenden Unterhaltung
auszuschließen, verfielen sie auf den Ausweg, theatralische Vorstellungen
unter dem Namen _Sacred Concert_ zu gestatten, wobei aber Kostüm und Tanz
fortfallen müssen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater in New York
am Sonntag nachmittag „Madame Bonivard“, der französische Schwank von der
alten Balletteuse, als _geistliches Konzert_ gegeben!
(M64)
Und wenn die Amerikaner behaupten, daß es einen Kastengeist oder überhaupt
gesellschaftliche Vorurteile bei ihnen nicht gebe, so muß ich mir
erlauben, auch dahinter ein großes Fragezeichen zu machen. Die Abkommen
der Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen Londoner
Handwerker, die 1620 mit der „Mayflower“ landeten, entwickeln einen
Adelstick, der unsere blaublütigsten ostelbischen Junker neidisch machen
könnte. Ganz natürlich: denn ein Amerikaner, der seine Großeltern noch
kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch, da es ja ihrer viele gibt,
die kaum wissen, wes Standes und Landes ihre Eltern waren. Folglich
rechnen sich Leute, deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen
Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehräuber gewesen sein und am Galgen
geendet haben sollten. Die Nachkommen namhafter Kolonisatoren und Pioniere
genießen ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die Sprossen
königlicher Häuser. Da aber dieser Adel nicht durch Titel äußerlich
erkennbar ist, so sorgt er durch strengste Absperrung seines
gesellschaftlichen Kreises dafür, daß er nicht mit der Krapüle verwechselt
werden kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten
Vierhundert hineinzukommen, als an den Höfen europäischer Kaiser und
Könige Zutritt erhalten. Und geradeso wie unsere Potentaten von den
Hofgeschichtsschreibern Fälschungen und Unterschlagungen begehen lassen,
um unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu machen, so
scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors usw. keine Kosten, um
unangenehme Veröffentlichungen über ihre Ahnen zu hintertreiben.
Nachschlagewerke wie „Wer ist wer?“ spielen drüben eine Rolle wie bei uns
der „Gotha“. Die guten alten Familien schütteln ihre Bekanntschaften durch
sieben Siebe, bevor sie sie ihres näheren Umganges würdigen, und die
Emporkömmlinge, mögen sie auch Millionen schwer sein, kennen kein höheres
Ziel ihres Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten Häuser
zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer jüngeren Prinzen oder
Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden und Titel gibt es drüben offiziell
nicht, dafür recken sich aber die guten Leute in den Theater- und
Konzertsälen die Hälse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren
Diplomaten zu bestaunen und schmücken ihre Knopflöcher mit Vereinszeichen
in Gestalt blitzender Sternchen und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden
von weitem wenigstens sehr ähnlich sehen. Und jeder Bürger, der durch sein
geschäftliches Glück oder durch eine gute Karriere unter die Prominenten
geraten ist, trägt eifrig dafür Sorge, so oft wie irgend möglich in den
Zeitungen erwähnt, abgebildet und interviewt zu werden, weil das seine
gesellschaftliche Stellung ungemein erhöht. Die guten Republikaner
scheinen ein vortreffliches Gedächtnis sowohl für die
Zeitungsberühmtheiten wie für die Familienverhältnisse aller ihrer großen
Tiere zu haben, denn in den besseren Kreisen wissen sie alle und besonders
die Damen ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann und mit
wem nicht. Sie haben ihre Liste der _möglichen_ Menschen so sicher im
Kopfe wie bei uns nur die Damen der exklusivsten Kreise, deren Evangelium
die Rangliste und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von
hüben und drüben ist also nicht gar so groß – nur daß die europäischen
Raubritter doch wenigstens ursprünglich Sprossen erlesensten Blutes waren
und nur durch die Not, die Rauheit der Zeiten zur Räuberei verführt
wurden. Drüben war aber doch meistens der Raubinstinkt das Primäre und
wurde durch den Besitz eher gesteigert als vermindert. Zum Erwerben von
ungeheuren Vermögen gehört neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit,
Phantasie und Wagemut noch immer eine große Portion Rücksichts- und
Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft von Abenteurern, Spielern und
Gewaltmenschen wurde das Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als
jedes andere. _Pluckyness_ ist heute noch ein höchstes Lob für einen
Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht ausnutzt, der gilt ihm für
einen Schwachkopf. Wer diese Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit
Hochgenuß studieren will, der lese die kürzlich erschienenen Memoiren des
alten Gauners Drew(4). Darin kommt eine köstliche Anekdote vor, wie er
einstens den alten ehrlichen Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute
Gelegenheit benutzt und für ein Spottgeld eine ganze Herde höchst
minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst bis nahe vor New
York und ließ die armen Tiere in den letzten zwei Tagen Salz lecken und
erbärmlich Durst leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen und
sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor Ankunft des
mißtrauischen alten Geschäftsfreundes ließ er seine Herde saufen, saufen,
saufen, bis sie mit ihren prallen Wasserbäuchen eine unerhört strotzende
Gesundheit vortäuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte ihm einen
glänzenden Preis. Dieses Schwindelmanöver hat eine sozusagen klassische
Berühmtheit erlangt, und man nennt seither den Trick, Aktien durch
Vortäuschung großer Rentabilität bei gesundem finanziellem Fundament in
die Höhe zu treiben „_Watering the stock_“ die Herde wässern – denn das
Wort _stock_ bedeutet sowohl Aktie wie Herde. – Natürlich fällt es mir gar
nicht ein, den Yankees aus ihren undemokratischen Gelüsten einen Vorwurf
machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Bestätigung meiner
Überzeugung, daß das Streben nach Züchtung einer Aristokratie ein
Naturgesetz sei. Der gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwärts- und Hochkommen
anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller stärkeren,
wertvolleren Menschen, sich von den minderwertigen Schwächlingen
abzusondern.
(M65)
Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker Führers der
Sozialdemokratie zu vernehmen, daß es in den Vereinigten Staaten so
außerordentlich schwer sei, die Partei hoch zu bringen, weil die Leute
keine Disziplin halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns
bekämpft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs grimmigste – und
dennoch verdankt sie einzig und allein diesem Militarismus ihren
gewaltigen Erfolg in der Gegenwart. Der militärische Drill sitzt seit etwa
fünf Generationen unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplinhalten
erzogen; dem freien Bürger der Vereinigten Staaten aber ist nichts auf der
Welt so verhaßt als wie Disziplin. Obwohl drüben die Herdeninstinkte noch
viel stärker wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu
weitgehender Differenzierung der Persönlichkeit führt, so ist doch jeder
Einzelne als Republikaner viel eifersüchtiger auf seine persönliche
Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel über die Dienstbotenfrage habe ich
diesen Punkt berührt. Fast noch deutlicher tritt diese republikanische
Eitelkeit, wie ich es nennen möchte, in der Frage der Rekrutierung des
stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom amerikanischen Patriotismus
naiv glorifiziert und liebenswürdig verhätschelt. Es braucht nur ein
Bataillon mit klingendem Spiel durch die Straßen zu ziehen, und alles ist
tief gerührt vor nationaler Begeisterung – aber dienen will niemand, und
die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchführbar. Die Regierung sieht
sich gezwungen, an dem alten Werbesystem festzuhalten. Riesige Plakate
müssen mit schreienden Farben die Söhne des Vaterlandes zum Heeresdienst
verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel, im Schatten von Palmen
und Sykomoren, ein lustiges Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende
Offiziere, den Arm in väterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner
Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Gespräch einherwandeln;
und auf den Schmuckplätzen großer Städte etablieren sich Feldwebel und
harren unter ähnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen Leute, die
es gelüstet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese Werber müssen
reden können wie die Versicherungsagenten und Weinreisenden. Sie stecken
voll lustiger Schwänke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu trinken
– denn Freund Alkohol muß meistens ein übriges tun, um den schwankenden
Heldenjüngling soweit zu bringen, daß er Handgeld annimmt. Übrigens
versprechen die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische
dürfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben. Auf Manneszucht
wird freilich streng gehalten, und im Dienst werden die Kräfte gehörig
angespannt, aber dafür wird auch der gemeine Mann wie ein anständiger
Mensch behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, musterhafte
hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen für Unterhaltung und Erholung
dafür gesorgt, daß er nicht von Kräften komme und bei guter Laune bleibe.
Die Liebenswürdigkeit eines prächtigen, fein gebildeten Kavallerieobersten
in Columbus (Ohio) ließ mich einen Einblick in das Kasernenleben tun.
Jeder Mann hat ein blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne
Waschgelegenheit, sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und wenn er
krank ist in dem mit allen modernen Errungenschaften ausgestatteten
Hospital die denkbar sorgfältigste Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um
6 Uhr in einer eigens dafür bestimmten großen Halle mit den Kameraden ein
und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu kommandierten
Kameraden bedient und bekommt bei jedem Gang Geschirr und Besteck
gewechselt. Ich nahm an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine
vorzügliche Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemüse und hinterher
anständigen Kaffee mit delikatem Weißbrot. Selbstverständlich haben sie
auch ihr eignes Feld zum Football- und Baseball-Spiel. Mit ihrem
Griffeklopfen und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreußischen
Begriffen nicht weit her, dafür wird aber die Entschlußfähigkeit des
einzelnen Mannes, die Gewandtheit und Ausdauer im Felddienst mit bestem
Erfolge anerzogen. Daß die Löhnung eine ungleich viel bessere ist als bei
uns, ist wohl selbstverständlich. Der amerikanische Soldat könnte also den
unsrigen höchstens in dem einen Punkte beneiden, daß er keine so bunte und
blitzende Uniform zur Schau tragen darf. Dafür ist die seinige aber auch
viel bequemer als die unsrige und außerdem ein sichererer Schutz als der
festeste Küraß, denn ihre staubgraue Farbe macht den Mann schon in einer
Entfernung von etwa 300 Meter völlig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst
erzählte mir, daß sie eines schönen Tages ihren Gatten vom Reitplatz habe
abholen wollen und nicht wenig erschrocken gewesen sei, als sie, auf etwa
350 Meter herangekommen, das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen
bestiegen hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah. Von Angst
beflügelt, sei sie vorwärts gestürzt und – nach ein paar Minuten sei der
schmerzlich Vermißte erst schattengleich, dann immer deutlicher und
kompakter wieder auf dem Rücken seines Pferdes erschienen. Es würde also
aus der Höhe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel von einer
amerikanischen Armee unter Umständen überhaupt nichts zu sehen sein. Doch
dies nur nebenbei.
(M66)
Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut ausgebildete
Söldnertruppe einem großen, intelligent geleiteten Volksheer gegenüber
standzuhalten vermöge, wird über kurz oder lang doch einmal zur
Entscheidung kommen, denn es ist allgemein bekannt, daß die Japs ein
äußerst begehrliches Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die
amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrationsfahrt um das Kap
Horn nach Japan unternahm, erkannte der amerikanische Admiral unter den
ihm zur Begrüßung entgegengeschickten hohen Würdenträgern des japanischen
Marineministeriums zu seinem nicht geringen Schreck das harmlos
freundliche Gesicht eines Mannes, der längere Zeit bei ihm als Gärtner
angestellt gewesen war! Sie sind die verteufeltsten Spione der Welt, sie
wissen tatsächlich alles und verstehen es vortrefflich, ihre Pläne von
langer Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren. Eingeweihte
behaupten, daß die pacifischen Republiken Südamerikas schon alle durch die
Versprechungen der Japaner für deren Zwecke eingefangen und bereit seien,
beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen Küste zu bemächtigen,
dem großen Bruder in den Rücken und in die Flanke zu fallen. Gelingt es
aber den Gelben wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann würde es
eine überaus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus zu jagen. Denn es
gibt über die Rocky Mountains nur fünf einigermaßen gangbare Pässe, die
militärisch leicht zuzuschließen sind. Nur angesichts eines solchen
nationalen Unglücks würde die glühende Vaterlandsliebe der Amerikaner sich
zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht hinreißen lassen. Ich glaube,
sie wäre ein Segen für das Volk; denn der Mangel an Disziplin, an
persönlicher Opferwilligkeit macht sich überall als Hemmnis für den
Fortschritt wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin aber, die im
Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Rußland, durch Angst und Schrecken
mühsam aufrecht erhalten werden muß, schafft überhaupt erst die
Vorbedingungen für das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und
Einrichtungen.
(M67)
Die Freiheit, welche die Bürger der Vereinigten Staaten tatsächlich vor
uns voraus haben, und um die wir sie heute noch beneiden müssen, besteht
also keineswegs in der verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen
Verhöhnung der Gesetze und in der geringen Empfindung für die Wichtigkeit
einer ängstlich gewissenhaften Aufrechterhaltung der Standes- und
Berufsehre, als vielmehr darin, daß drüben tatsächlich jede Energie, jedes
Talent freie Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas weiß,
wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer etwas Neues zu sagen hat,
der kann sicher sein, ein Feld für Betätigung seiner Kräfte zu finden,
Ohren, die auf ihn hören und Hände, die ihm vorwärts helfen. Gute
Zeugnisse, gute Familienbeziehungen, einflußreiche Gönner und ererbtes
Betriebskapital sind selbstverständlich auch drüben eine wertvolle
Vorbedingung; aber der wirklich Tüchtige kann auch ohne all das sicher
sein, vorwärts zu kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit
dünkelhafter Ängstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten Bezirk
errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so mancher temperamentvoll
Einlaßheischende sich an diesem Zaun seinen guten Kopf einrennt und
gewandte Kletterer sich wenigstens die Hosen daran zerreißen; das Beste an
der demokratischen Freiheit ist es, daß sie einen solchen Bretterzaun
zwischen Regierung und „Untertan“, zwischen Behörde und Publikum nicht
duldet. Bei uns stecken die Regierenden immer noch in der Anschauung fest,
daß nicht sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk ihretwegen
da sei; dagegen entspringt aus dem Bewußtsein des freien Bürgers, daß
nicht er regiert werde, sondern vielmehr sich für sein Geld eine Regierung
nach seinem Geschmack leisten könne, jenes Herrenbewußtsein, das die wahre
Menschenwürde erst zur rechten Blüte bringt. Dieses Herrenbewußtsein ist
aber auch der grimmigste Feind aller Duckmäuserei, Neidhammelei,
Nörgelsucht und aller sonstigen Laster geborener Philisterseelen. Jene
beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen des Spießertums,
nämlich einerseits der untertänigst vor jeder Art Obrigkeit ersterbende
und wunschlos zufriedene und andererseits der noch viel häufigere, auf
alles schimpfende und doch nie zur Selbsthülfe greifende Spießer dürften
in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den ödesten Kleinstädten zu
finden sein. In der Luft der Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren
Noblesse: Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum guten
Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen Herrentugenden überall in
der Öffentlichkeit, nicht nur in den großartigen Organisationen der
Wohltätigkeit, der Erziehung, der Fürsorge für die physisch und moralisch
Kranken, in den königlichen Stiftungen der Milliardäre, sondern in vielen
kleinen Zügen, die beweisen, daß auch der ärmste dieser freien Bürger an
jenen Tugenden teil hat. So wird beispielsweise in dem Lande, das für die
genialen Diebe großen Stils so viel lächelndes Verständnis übrig hat, das
auf der Straße liegende Eigentum des Nächsten auffallend respektiert. Wenn
der Zeitungsjunge austreten oder seinen Lunch einnehmen will, so legt er
seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen eine Zeitung kaufen
will, nimmt sich eine von dem Haufen und legt seine zwei Cent oben drauf.
Man hört nie davon, daß sich jemand an dem angesammelten Kleingeld
vergriff; wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt für Drucksachen und
dergleichen zu eng, so legt man einfach seine Postsachen oben drauf, und
keinem kommt der Gedanke, daß sie da fortgenommen werden könnten; ja noch
mehr: man sieht in den Straßen massenhaft herrenlose Automobile
herumstehen, denn bei der Kostspieligkeit der Dienstboten können sich nur
sehr reiche Leute einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der
Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor der Kälte geschützt
– und man hört selten oder nie davon, daß ein Auto oder auch nur eine
solche Decke von der Straße weg gestohlen worden wäre. Bei hellichtem Tage
bandenweise in einen Laden oder in einen _Saloon_ einfallen und Inhaber
wie Kunden ausplündern, das ist guter Sport, das ist fesch, würde der
Wiener sagen; aber von der Straße etwas fortnehmen, das ist gemeiner
Vertrauensmißbrauch, das tut nicht einmal der Lumpenproletarier. Der
Kleine, der sich von dem Großen geschädigt und schlecht behandelt fühlt,
setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter ist leicht mit dem Streik bei
der Hand, wenn er die großen Geldsäcke allzu zugeknöpft findet. Aber es
fällt ihm nicht ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden um
seinen Überfluß. Weiß er doch von so vielen dieser schwer reichen Herren,
daß sie ganz klein angefangen haben; folglich nimmt er an, daß die Kerle
eben einen guten Kopf, Fleiß, Energie und Glück gehabt haben – ihm selber
oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls gelingen, es so weit zu bringen.
Warum nicht? Die Bahn ist ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der
Weizen des Sozialismus drüben nicht blühen will.
Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen könnte, einige Schiffsladungen
voll Philister, Spießer, Paragraphenreiter, Schulfüchse,
Bureaukratsbürsten und Einfaltspinsel hinüber zu schaffen, um bei Bruder
Jonathan einen mehrjährigen Kursus zwecks Charakterverbesserung
durchzumachen?