DIE AMERIKANISCHE PRESSE.

In einer Ansprache, die Professor Henry Fairfield Osborn von der Columbia

Universität zum Beginn des Wintersemesters 1910 an seine Studenten

richtete, fand ich folgende höchst bezeichnende Worte über die

amerikanische Presse, die ich hier in Übersetzung geben will: „Einen guten

Maßstab für die Kultur Ihrer Umwelt bildet der Tiefstand, bis zu welchem

Ihre Morgen-Zeitung sich dem Dollar zuliebe prostituiert, ihre

Schattierungen von Gelbheit, ihre Frivolität, ihre Skrupellosigkeit. Mir

scheint es manchmal wirklich besser, überhaupt keine Zeitungen zu lesen,

selbst wenn sie gewissenhaft sind, und zwar wegen ihres Mangels an

Verständnis für die relative Wichtigkeit der Haupterscheinungen des

amerikanischen Lebens. Das Abendblatt, welches am ernsthaftesten über

unser Studentenleben und Treiben berichtet, widmet einem Fußballspiel

sechs Spalten und einer großen wissenschaftlichen Kontroverse zwischen

zwei Hochschulen sechs Zeilen! Das ist der Unterschied zwischen dem, was

sein _sollte_ und dem, was praktisch _ist_. Amerikanische Lorbeeren grünen

für die gigantischen Industriehäuptlinge: wenn das Leben eines solchen

bedroht oder gar ausgelöscht ist, so müssen ganze Morgen herrlichen Waldes

fallen, um das Material zu liefern für das Papier, das notwendig ist, um

seine Verdienste in das gehörige Licht zu setzen, wohingegen unser größter

Astronom und Mathematiker dahingehen kann und vielleicht die Schale eines

einzigen Baumes genügt für die paar kurzen, unauffälligen Sätzchen, die

über seine Krankheit und seinen Tod berichten. Vergleichen Sie einmal die

Ausführungen der britischen und der amerikanischen Presse über einen solch

leicht wiegenden Gegenstand, wie ein internationales Polo: die ersteren

allein sind lesenswert, weil sie von Fachleuten geschrieben sind und unser

Wissen von dem Wesen des Spieles bereichern können. Über einen noch viel

moderneren Gegenstand, die Aviatik, suchen wir in unserer Presse

vergeblich nach irgendeiner soliden Belehrung über die Konstruktion der

Apparate. Oder nehmen wir das Thema der praktischen Politik: der britische

Student findet jede bedeutungsvolle Rede, die in irgendeinem Teil des

Reiches gehalten wurde, in voller Ausführlichkeit in seinem Morgenblatt;

er bekommt also in seiner Eigenschaft als Wähler sein Material aus erster

Hand und nicht, wie wir, in der subjektiven Darstellung des Redakteurs.“

(M53)

Diese Stichprobe aus dem Munde eines hochgebildeten Amerikaners möge mir

als Schild dienen gegen die empörten Anfeindungen amerikanischer

Patrioten, die sonst sicherlich meine geringe Meinung von ihrer Presse als

einen Ausfluß bornierten europäischen Neides hinstellen würden. Jeder

ehrliche und geschmackvolle Mensch wird mir in der Behauptung beistimmen

müssen, daß wir Europäer ein gutes Recht haben, über das kulturelle Niveau

der Bürger der Vereinigten Staaten bedauernd die Achseln zu zucken, so

lange sie sich eine solche Presse gefallen lassen. Professor Osborns

Meinung ist selbstverständlich auch die aller fein empfindenden und für

den guten Ruf ihrer Geisteshöhe besorgten Amerikaner; aber der Umstand,

daß der Geschmack dieser Elite bisher noch nicht imstande gewesen ist,

eine Wendung zum Besseren zu erzwingen, beweist leider, daß der schlechte

Geschmack bei der erdrückenden Mehrheit zu finden sei. So lange der Stand

der Zeitungsverleger noch nicht ausschließlich aus reinen Idealisten

besteht, denen kein Geldopfer groß genug ist zur Hebung des geistigen

Niveaus der Leserwelt, so lange wird selbstverständlich die Zeitung nach

dem Geschmack ihrer Käufer zugeschnitten bleiben. Es gibt ohne Zweifel in

den Vereinigten Staaten reichlich Journalisten, die sowohl Bildung als

stilistisches Geschick genug besäßen, um auch einem erheblich

anspruchsvolleren Publikum zu genügen. Es dünkt mich sogar nicht

unwahrscheinlich, daß in dem Lande der glänzenden Redner, der scharfen,

witzigen Beobachter und schlagfertigen Debatter mehr gute geborene

Journalisten vorhanden sein dürften, als in manchen Ländern der Alten

Welt; wie aber gegenwärtig die Dinge in der amerikanischen Presse liegen,

haben die skrupellosen fixen Reporter das Übergewicht, und die besten

Köpfe und Federn halten sich entweder der Tagespresse fern, oder

schrauben, dem Zwange der Verhältnisse gehorchend, ihr Geistesniveau

absichtlich herunter. Wie die amerikanische Presse nun einmal ist,

erscheint sie in den Augen ernsthafter gebildeter Menschen als für Kinder

und Unmündige zugeschnitten. Selbstverständlich ist drüben, wie

schließlich auch überall in der Alten Welt, ein erheblicher Unterschied

zwischen den solid fundierten, hochangesehenen alten Blättern und der

gelben Sensationspresse modernster Aufmachung zu bemerken; aber das

Betrübliche dabei ist eben, daß das Modernste auch das Schlechteste

bedeutet, und daß die gebieterische Stimme des Publikums auch die besseren

älteren Blätter zwingt, wenigstens in der äußeren Aufmachung sich immer

mehr in jenem schlechten Sinn zu modernisieren.

(M54)

Das sicherste Mittel, eine Tageszeitung herunterzubringen, besteht darin,

sie mit Illustrationen zu versehen. Selbst unsere außerordentlich

fortgeschrittene Technik ist noch nicht imstande, für den Rotationsdruck

auf Zeitungspapier in Massenauflagen künstlerisch wirkende Bilder

herzustellen, abgesehen davon, daß es auch nur in sehr seltenen

Ausnahmefällen möglich sein wird, von Tagesereignissen im Laufe weniger

Stunden flotte künstlerische Handzeichnungen zu erhalten. Es wird sich

also für den Bedarf der Tagespresse immer nur um Photographien handeln

können, die durch irgend ein billiges Verfahren wiedergegeben werden. Was

dabei für den guten Geschmack herauskommt, wenn man den Tagesereignissen

mit dem Kodak nachläuft, jedes Festessen mit Magnesiumblitzen auffängt und

die berühmten Zeitgenossen tückisch im Vorübergehen knipst, das erleben

wir ja seit einer Reihe von Jahren bereits an unseren Wochenschriften.

Immerhin geht es da noch mit einem gelinden Schauder ab, denn die verfügen

wenigstens über ein besseres Papier und mehr Zeit für sorgfältige

technische Wiedergabe; im Hurrdiburr des täglichen Rotationsbetriebes wird

aber aus einer festlich bewegten Volksmenge ein Chaos von Klecksen und aus

der geistvollen Physiognomie eines erstklassigen Gentleman die Karikatur

eines Raubmörders. Mit vollem Rechte sehen wir, wenigstens in Deutschland,

gottlob noch jede illustrierte Tageszeitung für ein Kutscherblatt an, und

der bessere Mensch schämt sich, damit einen geräucherten Hering

einzuwickeln.

(M55)

In der Neuen Welt aber gibt es, so viel mir bewußt, überhaupt keine

unillustrierten Tageszeitungen mehr; selbst die ernsthaftesten Blätter,

die noch auf ihren guten alten Ruf etwas halten, glauben es ihren Lesern

schuldig zu sein, wenigstens Porträts vom Tage und humoristische Beigaben

zu bringen. In den ausdrücklich für den Geschmack der großen Masse

bestimmten Blättern aber sieht man vor lauter Illustrationen bald keinen

Text mehr. Die eigentliche Sensationspresse, drüben die gelbe genannt,

läßt auf ihrer ersten Seite unter lauter schreienden Aufschriften und

Bildern sogar ihren eignen Titelkopf verschwinden! Am oberen Rand der

Zeitung lese ich in Riesenbuchstaben: „_287 Menschen verkohlt_“, oder

„_Rabenmutter läßt sieben Kinder verhungern_“, oder „_Das Arnoldmädchen

mit Liebhaber in Neapel gesehen_“ – wobei zu bemerken ist, daß „das

Arnoldmädchen“ die durchgebrannte Tochter einer hochachtbaren bekannten

Familie ist, die sich durch solch rohes Ausbrüllen ihres Herzeleides wie

öffentlich geohrfeigt vorkommen muß! Dann folgen große Porträts der

Rabenmutter mit den sieben Kindsleichen, wüst hingekleckste Darstellungen

der großen Brandkatastrophe, Aufnahmen des Arnoldmädchens als Baby, als

Schulmädel, als junge Dame, ihrer Eltern und ihres Entführers. Falls der

letztere nicht wirklich von einem Detektiv oder Reporter geknipst werden

konnte, tut es das Bild eines beliebigen anderen jungen Mannes natürlich

auch. Reporternachrichten, wahre und unwahre, Telegramme über das gerade

vorliegende Hauptereignis des Tages aus dem Bereich der Unglücks-,

Verbrechens- oder Skandalchronik füllen die erste und vielleicht auch noch

die zweite Seite aus; nötigenfalls schließen sich hier die Schauer- und

Trauerfälle aus den anderen Teilen der Union und den anderen Weltteilen

an. Jedenfalls bleibt als blamable Tatsache bestehen, daß alle die

Nachrichten, die bei uns unter der Rubrik „Unglücksfälle und Verbrechen“

in möglichst knappen Notizen abgetan und nur von den Armen im Geiste mit

lebhaftem Interesse gelesen werden, drüben an erster Stelle stehen und den

meisten Raum beanspruchen, selbst in Blättern, die für anständig gelten.

Den Sportereignissen werden tagtäglich, winters und sommers, viele, viele

Spalten und massenhafte Illustrationen gewidmet. Auf diese Weise gelangt

schließlich jeder amerikanische Junge, der sich auf dem grünen Felde in

irgendeinem Sport eifrig betätigt, einmal dazu, seine interessanten Züge

in der Zeitung festgehalten zu sehen, und daß das der jugendlichen

Eitelkeit schmeichelt, ist ja begreiflich – weniger begreiflich jedoch,

daß die Nation es nicht müde wird, jahraus, jahrein seine Bills, Bobs,

Dicks, Johns und Jacks zum Frühstück serviert zu kriegen. Alle prominenten

Persönlichkeiten, die gerade irgendwie von sich reden machen, werden

fleißig interviewt und selbstverständlich abgebildet. Mehr oder minder

harmlose Indiskretionen aus dem Leben der gerade im Brennpunkt des

Tagesinteresses stehenden Personen füllen zahlreiche Spalten, und Big Bill

(der Präsident Taft) muß sich’s gefallen lassen, ebenso burschikos

angeulkt zu werden, wie irgendein Brettlstern. Um auch das meist trockene

Gebiet der Politik nicht ganz ohne den Reiz der Illustration zu lassen,

verfällt man auf die seltsamsten Auskunftsmittel. So war um die

Weihnachtszeit 1910 unter den Nachrichten aus dem Weißen Hause _The

Spinster Aunt_ Big Bills, d. h. die Altjungferntante des Präsidenten, im

Bilde zu sehen, welche ihrem lieben Neffen eigenhändig Lebkuchen und

andere Gutseln gebacken hatte; das Paket und einzelne Gutseln waren

gleichfalls abgebildet! Die Politik nimmt in den Sensationsblättern nur in

Zeiten der Wahlkämpfe einen großen Raum ein, und die Sprache, die sie dann

führt, zeichnet sich durch hahnebüchene Derbheit aus; jedes Mittel ist ihr

recht, um den Parteigegner zu verunglimpfen. Sachlich gehaltene,

gedankenvolle Leitartikel findet man nur in den besten Zeitungen. Einen

breiten Raum beansprucht ferner die Rubrik, die bei uns „Hof und

Gesellschaft“ überschrieben zu sein pflegt. Während aber bei uns nur die

regierenden Häuser, der höchste Adel und ganz wenige große

Persönlichkeiten der offiziellen Welt in dem Glashause der Öffentlichkeit

sitzen, berichtet die amerikanische Presse tagtäglich von dem Leben und

Treiben nicht nur ihrer höchsten Beamtenschaft, ihrer Multimillionäre und

Modeberühmtheiten, sondern über alle ihre besser gestellten Mitbürger,

soweit sie ein Haus ausmachen. „Mister und Missis Habakuk J. Flips von

132. Straße W. 385 hatten gestern abend zu Ehren ihrer Tochter Margaret

Blossom, die ihr sechzehntes Lebensjahr erreichte, Gäste eingeladen. Unter

den prominenten Persönlichkeiten bemerkte man ... usw.“ So geht es

spaltenlang fort während der ganzen Saison. Wenn Damen aus der

Gesellschaft für die Wohltätigkeit irgendeine Unterhaltung veranstalten,

so bringt die Presse die Portraits sämtlicher Patronessen und ausführliche

Berichte; ebenso wenn ein bekannter Bürger der Stadt eine große Reise

unternimmt, wenn seine Tochter als Schönheit in der Gesellschaft Aufsehen

erregt, oder sein Sohn beim Fußballspiel einige Rippen eingetreten kriegt,

oder sein zu drei Viertel verkalkter Großvater achtzig Jahre alt wird –

kurz und gut, der Markt der lieben Eitelkeit wird reich beschickt und

trägt zu der fürchterlichen Papiervergeudung, als welche sich das ganze

Preßunwesen darstellt, am meisten bei. Über Theater und Musik kann man

unmittelbar neben den brillant geschriebenen Artikeln feiner Kenner in

weit größerer Ausdehnung das alberne Gewäsch der Reporter finden, ebenso

wie sich auch zwischen allen anderen Spalten unmittelbar neben dem

sachverständigen Urteil des gereiften Fachmannes die zum Urteilen gänzlich

unqualifizierte Volksstimme, das Gänsegeschnatter des Salons und der

blödeste Tratsch der Hintertreppe breit macht. Hat man in dem Wirrsal von

Nichtigkeiten doch einmal einen wirklich fesselnden, bedeutsamen Artikel

erwischt, so wird man wieder des Genusses nicht froh durch die

abscheuliche Gepflogenheit, den Text durch Geschäftsreklamen zu

unterbrechen. Schreibt da ein feiner Kopf über irgendeine brennende, sagen

wir sozialpolitische Frage. Ich folge gespannt den geistvollen

Ausführungen, bis plötzlich in der Mitte der Spalte meine Augen vor einem

Hindernis stutzen, denn da schiebt sich, dick und schwarz umrändert, die

Reklame eines Apothekers für sein neues Abführmittel hinein; oder ich

erbaue mich eben mit innerlichem Schmunzeln an den philosophischen

Aphorismen zur Lebenskunst, die ein witziger Kopf in fein geschliffener

Form zum besten gibt (eine Rubrik hierfür befindet sich in allen besseren

Zeitungen und scheint sehr beliebt zu sein). Plötzlich wird eine reizende

Bosheit über die Liebe durch das sich breit hereindrängende Inserat einer

Bestattungsgesellschaft unterbrochen mit der fett gedruckten Überschritt:

„Wähle dir nie dein Leichenbestattungsgeschäft aus persönlicher

Freundschaft, denn wenn du das tust,“ geht es nun in kleinem Druck weiter,

„so schädigst du erstens den Toten, weil du ihm nicht die erste Qualität

Leichenbestattung zukommen läßt, und lädst zweitens den Hinterbliebenen

eine Schuldenlast auf, für die sie keine Valuta empfangen haben, weil ein

kleines Unternehmen, das jährlich nur wenige Begräbnisse zu liefern hat,

selbstverständlich nicht so reich ausgestattet sein kann, wie ein großes

von unserem Rang, und dennoch viel höhere Preise berechnen muß, weil es ja

auch davon leben will. Unser Institut dagegen liefert ihnen zu billigerem

Preise als irgendein anderes alles, was nur ein liebendes Herz zur

Erweisung der letzten Ehre für seine teuren Verblichenen sich wünschen

kann. Jedermann kann sich bei uns nach seinen eignen Ideen begraben

lassen, wir haben Leute von allen Rassen, Glaubensbekenntnissen und

Bruderschaften zu unserer Verfügung.“ Doppelstrich, – und dann geht es

weiter im Text. So muß ich unglücklicher Zeitungsleser mir meine

Reflexionen über die Liebe durch den unangemeldeten Besuch der

Leichenwäscherin stören lassen; kann keinen Leitartikel bewältigen, ohne

peinlichst an meine angeschoppte Leber, meine verdickte Galle oder

mangelhafte Darmtätigkeit erinnert zu werden, und selbst wenn ich den

harmlosen Roman in der Beilage schmökern will, halten mir die eifrigen

Verkäufer aller möglichen Waren fortwährend ihre Muster mit lautem

Geschrei unter die Nase.

(M56)

Ich kann die aufreizende Wirkung dieser ewigen geschmacklosen

Unterbrechungen nur mit den Gefühlen vergleichen, die das Telephon im

Busen des modernen Menschen auslöst, wenn es ihm rücksichtslos in seinen

Schlaf, in seine Andacht, in sein Nachdenken und seine Liebesfeier

hineinklingelt. Man merkt auch aus dieser Aufmachung der Zeitung, daß der

Durchschnittsamerikaner keinen Anspruch auf Schonung seiner Nerven erhebt.

Er scheint seine Zeitung zu lieben, so wie sie ist, denn er widmet ihr

alle seine freien Augenblicke, selbst während der Geschäftsstunden, und es

ist für den denkenden Europäer höchst verwunderlich zu beobachten, wie

Leute der verschiedensten geistigen Rangklassen, ohne Unterschied des

Alters und Geschlechts, den nämlichen intellektuellen Schlangenfraß

geduldig und sogar wohlig hinunterwürgen. Man traut seinen Augen nicht,

wenn man einen ehrwürdigen Greis, dessen hohe, ausgearbeitete Stirn

beträchtlichen Verstand bezeugt, mit verhaltenem Gekicher die sogenannte

humoristische Ecke seiner Zeitung studieren sieht. In dieser Abteilung

erscheint nämlich, ich weiß nicht seit wieviel Jahrzehnten bereits,

tagtäglich eine Bilderserie von absichtlich unbeholfenen Karikaturen im

Stile unseres „kleinen Moritz“. Die scheußlichen Fratzen, welche sich die

amerikanischen Exzentrikkomiker des Varietés anzuschminken pflegen, fanden

vielleicht ihre ersten Vorbilder in den tonangebenden

Karikaturenzeichnungen der Tagesblätter, und diesen Fratzen hängen Zettel

aus dem Munde, auf denen ihre erschütternd witzigen Aussprüche verzeichnet

stehen. Gewiß können auch solche grotesken Kindereien zur Abwechslung

einmal einen anspruchsvolleren Menschen belustigen – die goldig harmlosen

Dollarikaner aber lassen sich in fast all ihren Blättern tagtäglich diesen

Infantilismus gefallen; Sonntags kriegen sie sogar ganze Seiten davon in

Buntdruck!

Ein wenig begreiflicher wird einem ja allerdings diese kindliche

Anspruchslosigkeit des Geschmacks, wenn man das unbegrenzte Vertrauen, das

der amerikanische Leser in die Allwissenheit seiner Zeitung setzt,

beobachtet. Wer kein Konversationslexikon im Hause hat, telephoniert an

eine beliebige Redaktion und setzt voraus, daß er da eine prompte Auskunft

auf alle erdenklichen Fragen erhält. Die Naivität der guten Leute geht

soweit, daß sie dem Mister Editor sogar ihre Herzensgeheimnisse

anvertrauen und ihn um guten Rat bitten. Manche Zeitungen haben eine eigne

Abteilung für solche vertraulichen Auskünfte, die manchmal in ganz

ernsthaftem Ton gegeben, oft aber auch von dem spaßhaften Redakteur zur

ironischen Verulkung der Einfalt benutzt werden. Ich schlage eine

angesehene Chicagoer Zeitung auf und finde unter der Rubrik „Die Frau und

ihre Interessen“ folgende Anfrage aus dem Leserkreise: „Liebes Fräulein

Libbey!“ – das ist die Redaktrice dieser Abteilung – „Schreiber dieses ist

ein junger Mann, welcher in einer Landstadt lebt und keine Erfahrungen mit

dem schönen Geschlecht hat. Letzte Woche begegnete mir eine junge Dame,

und ich verliebte mich ganz verzweifelt in sie, sie machte mir aber nicht

die geringsten Avancen. Mein Vater ist Besitzer einer Lohnkutscherei in

der Stadt, und ich fahre den Omnibus vom Bahnhof. Wenn diese junge Dame

von mir vom Bahnhof nach ihrer Wohnung gefahren zu werden wünschen sollte,

würden Sie mir raten, sie gratis mitzunehmen? C. A.“

Der Dichter in Dollarica · 第 20 / 44 题