VOM THEATER IM YANKEELANDE.

Wer das englische Theater kennt, der kennt auch das amerikanische. Die

Yankees haben es mit all seinen Licht- und Schattenseiten herübergenommen,

nur daß die Qualität ihrer besten darstellerischen Leistungen doch wohl

noch um einiges hinter den besten englischen zurückbleibt, was bei dem

Fehlen einer guten alten Tradition nicht zu verwundern ist. Hüben wie

drüben ist für das Drama hohen Stiles kein großes Publikum vorhanden, und

darum suchen Bühnen, die diese vornehmste Dichtungsgattung pflegen, die

große Masse durch raffinierte szenische Wirkungen, durch Pomp und

Massenentfaltung anzulocken. Für das moderne Gesellschaftsdrama und das

feinere Lustspiel sind schauspielerische Begabungen besonders häufig

vorhanden, und da die Dichtung noch in keinem Lande englischer Zunge – mit

verschwindend wenigen Ausnahmen – vom Konventionellen zum Individuellen

aufgerückt ist, so sind diesseits wie jenseits des Ozeans die besten

Schauspieler, ebenso wie die unbedeutendsten, Spezialisten für das

Rollenfach, in welches äußere Erscheinung, Stimmklang und Temperament sie

verweisen. Sie alle spielen also im Grunde genommen nicht nur solange ein

Stück läuft, sondern ihr ganzes Leben lang ein und dieselbe Rolle. Es ist

wohl allgemein bekannt, daß man drüben Theater mit wechselndem Repertoir

bisher noch nicht kennt. Für jedes neue Stück wird eine Truppe

zusammengestellt, und wenn das in der Hauptstadt abgespielt ist, wandert

die Truppe damit in die Provinz, um sich aufzulösen, sobald seine Zugkraft

erschöpft ist. Wer also drüben die Schauspielerei zum Beruf erwählt, der

muß schon über recht beträchtliche Reserven an Körper- und Geisteskraft

verfügen, wenn er nicht der sicheren Verblödung und der unheilbaren

Fettsucht verfallen will. Der erste Versuch, in den Vereinigten Staaten

ein vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir nach künstlerischen

Grundsätzen ins Leben zu rufen, wurde im vergangenen Jahre in New York von

einer Anzahl reicher Theaterfreunde gemacht durch die Gründung des _New

Theatre_. Und dieser Versuch ist gescheitert, obwohl fast unbeschränkte

Mittel und eine auserlesene Schar feingebildeter, sehr tüchtiger

Schauspieler zur Verfügung stand, auch die Leitung in keineswegs

ungeschickten Händen lag. Ich habe in diesem Theater eine Aufführung von

Maeterlinks „Der blaue Vogel“ gesehen, die in bezug auf die

darstellerischen Leistungen sehr gut und in bezug auf künstlerische

Inszenesetzung sogar ganz hervorragend geschmackvoll war, und dennoch

gaben die Unternehmer den Versuch schon nach Beendigung der ersten

Spielzeit als vorläufig aussichtslos auf! Es wurden allerlei Gründe für

dieses seltsame Fiasko ins Feld geführt; mir scheint der erheblichste und

zugleich auch betrüblichste der zu sein, daß für das Schauspiel die Anzahl

der künstlerisch wohlerzogenen New Yorker noch zu klein ist, um ein

solches Unternehmen geschäftlich halten zu können. Man ist es einfach noch

nicht gewöhnt in jenen Gesellschaftskreisen, die für den Besuch eines den

Ansprüchen verfeinerten Geschmacks gewidmeten Theaters in Frage kommen,

täglich nach dem Theaterzettel zu sehen und sich womöglich gar wegen einer

Vorstellung, die vielleicht bald wieder vom Spielplan verschwindet, in

seinen häuslichen Gewohnheiten und gesellschaftlichen Pflichten stören zu

lassen. Wenn es die große Oper gilt, nimmt man freilich alle möglichen

Unbequemlichkeiten mit in den Kauf; aber das ist eben die große Oper, die

_muß_ wechselndes Repertoir haben, weil dieselben Sänger nicht alle Tage

große Partien singen können; und außerdem gehört die große Oper auch mehr

zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen, denen man seiner Stellung wegen

Opfer bringen muß, als zu den bloßen künstlerischen Unterhaltungen. Ein

vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir würde ohne Zweifel

ebensogut möglich sein wie das Millionen verschlingende _Metropolitan

Opera House_, sobald es bei dem hohen Adel und den Großwürdenträgern der

demokratischen Gesellschaft _de rigueur_ wäre, auch in diesem

Schauspielhaus eine Loge zu besitzen und sich dort mit seinen Freunden zu

treffen. Bis dahin aber und bis ein mächtig aufblühendes nationales Drama

des Yankeetums nach einer nationalen Bühne schreit, wird noch viel Wasser

den Hudson hinunterlaufen.

(M49)

Mit der Oper steht es trotz der Starwirtschaft ganz erheblich besser als

mit dem Schauspiel, weil die Oper ein internationales Unternehmen ist, dem

es vorläufig ganz gleichgültig sein kann, ob ihm einheimische Kräfte als

Komponisten und als Sänger zuwachsen oder nicht; denn sie kann ihren

Bedarf durch die Meisterwerke und Gesangssterne Europas vollkommen decken.

Im übrigen wird die beste Oper immer da vorhanden sein, wo das meiste Geld

zur Verfügung ist, vorausgesetzt daß die Leitung nicht gänzlich unfähig

ist. Mit dem nötigen Geld kann man sich nicht nur die besten Sänger und

Sängerinnen der Welt, sondern auch die genialsten Kapellmeister und

Regisseure der Welt kaufen. Wo anders als in dem Lande, wo die

_Greenbacks_ (Dollarscheine) so leicht das Fliegen lernen, wäre es

möglich, ein genügend zahlreiches Personal von Sängern und Sängerinnen,

darunter die berühmtesten Künstlernamen der Welt, zusammenzubringen, um

damit die deutschen Meisterwerke der Opernliteratur deutsch, die

französischen französisch und die italienischen italienisch darzustellen?!

Trotzdem das Riesenhaus immer voll und die Eintrittspreise für unsere

Begriffe sehr hoch sind, ist doch immer ein Defizit vorhanden, das jedoch

durch die Freigebigkeit der milliardenschweren Logenbesitzer immer gedeckt

wird. Es ist also selbstverständlich, daß keine Opernbühne Europas an

Großartigkeit des Betriebes mit der New Yorker Oper wetteifern kann. Es

versteht sich also auch ganz von selbst, daß man in diesem Theater

Vorstellungen erleben kann, die nicht nur an äußerem Glanz, sondern auch

an echter künstlerischer Qualität alles übertreffen, was selbst Wien,

Berlin, München, Dresden, Paris, Mailand, Petersburg und London zu bieten

vermögen. Andererseits treten aber freilich auch die großen Gefahren

dieses amerikanischen Systems, bei dem die starke Triebfeder eines

hingebenden künstlerischen Idealismus durch eitle Prahlsucht und

Geldprotzentum ersetzt werden, sofort grell zutage, sobald in der Wahl der

leitenden Kräfte ein Mißgriff erfolgt ist oder diese Kräfte die Lust

verlieren, für das viele Geld, das sie bekommen, wirklich ihr Bestes zu

tun. Aber schließlich wird überall mit Wasser gekocht, und eine

ununterbrochene Reihe wirklicher Weihefestspiele kann es eben nur unter

Bedingungen geben, wie sie Bayreuth sich geschaffen hat. Es ist jedenfalls

ungerecht und töricht von uns Europäern, die glänzenden Veranstaltungen

der Metropolitan-Oper geringschätzig als eitel Blendwerk abzutun. Die

Herren Milliardäre bekommen für ihr gutes Geld wirklich gute Opernkunst

geliefert.

(M50)

Das Beste, was ich in den Vereinigten Staaten von Komödienspiel erlebt

habe, fand ich in einem der fünf jiddischen Theater an der Bowery, dem New

Yorker Ghetto, wo die frisch eingewanderten russischen Juden noch zu

Tausenden beieinander hocken. „_The Miners_“ (die Bergleute) hieß das

Theater, unansehnlich von außen, eng, schmutzig und in allen Einrichtungen

veraltet von innen. Es wird nur zwei, höchstens dreimal die Woche gespielt

an diesen kleinen Dialektbühnen; aber obwohl es nicht Schabbes, war das

Haus gesteckt voll. Ganze Familien mit Kind und Kegel im Parterre, die

besseren Leute im ersten Rang, die großen Glaubensgenossen, die schon ihr

Ziel erreicht, in den Protzszeniumslogen, und auf der Galerie die Arbeiter

und kleinen Gewerbetreibenden, ärmlich und schäbig anzuschauen, mit

steifen kleinen Hüten oder schmutzigen russischen Mützen auf dem Kopf. Sie

sind gekommen, um den derzeit vortrefflichsten Schauspieler ihrer Zunge,

_David Keßler_, zu sehen, der zugleich der künstlerische und geschäftliche

Leiter des Unternehmens ist. Das Stück hieß: „Jankel, der Schmied“, von

_David Pinsky_, einem jüdischen Autor, der schon einmal bei Reinhardt

durchgefallen ist, eine naturalistische Kleinmalerei aus dem Leben der

jüdischen Kleinbürger in Rußland, ein bis zum Ekel unerquickliches Stück

Wahrheit von einer Erbarmungslosigkeit, wie sie auf der deutschen Bühne

seit Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ kaum mehr dagewesen ist. Und diese

heimatlosen Weltwanderer, diese schwitzenden und keuchenden Arbeitstiere

mit dem starken Drange nach Ruhe, Behaglichkeit, Schönheit, Licht und

Glanz im Herzen, die in den Zwischenakten ein so wildes, mauschelndes

Geschnatter vollführen, daß einem die Ohren gellen, sie lauschen

andachtsvoll gebannt, sobald der Vorhang hochgeht, als ob diese ihre

nationale Kunst, die ihnen kaum etwas anderes bietet, als den tiefen

Einblick in unsäglich traurige Familienverhältnisse und widrige

Menschenseelen, sie nehmen all dies Häßliche mit gelassenem Ernst hin und

begrüßen die derben Späße oder auch die wenigen idyllisch gemütvollen

Lichtblicke in dieser trostlosen Öde mit dankbarem Gelächter und

begeistertem Beifall. Was aber wirklich an dieser seltsamen dramatischen

Kunst auch für den rassenfremden Zuschauer des begeisterten Beifalls

würdig ist, das ist neben der scharfen, treffsicheren Zeichenkunst des

Dichters die wirklich vollendete Leistung sämtlicher Darsteller; denn

nicht nur das Haupt der Gesellschaft, dieser David Keßler, ist ein

wirklich großer Charakterdarsteller, der ganz und gar in dem vom Dichter

geschaffenen Menschen aufzugehen versteht, sondern alle seine Schauspieler

und Schauspielerinnen erscheinen mit ihren Aufgaben derartig verwachsen,

als ob sie einfach sich selber ohne jede Rücksicht auf die Optik der Bühne

und die Sinne der Zuschauer darzustellen hätten. Im Zwischenakt machte ich

die Bekanntschaft David Keßlers und war nicht wenig erstaunt aus seinem

Munde zu hören, daß außer ihm gar keine Berufsschauspieler in seiner

Truppe vorhanden seien, sondern daß er sich die Leute von überallher

zusammengelesen und zum Theaterspielen gedrillt habe. Dieser vorzügliche

komische Episodenspieler handelt tagsüber mit alten Hosen, diese schlichte

sentimentale Liebhaberin, die so ergreifende Gemütstöne findet, ist

vielleicht Dienstmädchen in einer besseren jüdischen Familie, und diese

ausgezeichnete komische Alte mit dem ewig verrutschten schwarzen Scheitel

auf ihrem ehrwürdigen grauen Haar zieht uns beiseite und erzählt uns mit

stolz aufleuchtenden Augen, daß sie mit ihrer Hände Arbeit ihren einzigen

Sohn so weit gebracht habe, daß er nun schon als Advokat in dem fremden

Lande eine geachtete Stellung einnehme und einer glänzenden Zukunft

entgegengehe. Am Schluß des Stückes bricht ein tobender Beifall los, der

sich sonderbarerweise außer in Klatschen und wildem Trampeln auch in

gellenden Pfiffen äußert, und sobald David Keßler auf der Bühne erscheint,

rufen ihm Hunderte von Stimmen zu: „_Speech, speech!_“ Der derbe

vierschrötige Gesell steht unschlüssig mit niedergeschlagenen Augen da,

und dann stammelt er im Jargon ein paar Worte des Dankes. Wie er sich aber

zum Abgehen wendet, wird von der Galerie her der Ruf nach Musik laut. Da

macht er kehrt, stampft bis an die Rampe vor und hebt fast drohend den Arm

in der Richtung, von wo der Ruf kam. „Wer Musik haben will,“ ruft er in

kaum unterdrückter Entrüstung, „der mag ins Tingeltangel gehen, hier ist

nicht der Ort für trivialen Ohrenschmaus, hier wird unsere dramatische

Kunst mit heißem Bemühen für unsere Leute gepflegt. Hier stehe ich seit

einer Reihe von Jahren und tue mein Äußerstes, um euch, meinen armen

Landsleuten und Glaubensgenossen, eine nationale Kunst zu geben, wie ihr

sie braucht, und wie ihr sie versteht. Schritt für Schritt habe ich

versucht, euch zum Kunstbedürfnis und Kunstverständnis zu erziehen, mit

dem Einfachsten und Verständlichsten habe ich angefangen, um euch

vorzubereiten auf das Tiefere, das Ernstere, auf das Hohe und Heilige, und

jetzt schreit ihr nach Musik! Dankt ihr mir so?!“

(M51)

Es dürfte selbst für den abendländischen Juden schwer sein, das

russisch-jiddische Idiom zu verstehen, aber man hört sich allmählich

hinein. Ich wenigstens vermochte vom dritten Akt ab schon ganz leidlich zu

folgen, und so glaube ich, daß ich auch den Gedankengang dieser aus echter

Leidenschaft heraus improvisierten Rede ziemlich richtig verstanden habe.

Ganz still und beschämt saßen die Zuschauer da, und die jüngeren Leute

besonders hingen mit Ergriffenheit an den Lippen des Schauspielers, den

das Feuer seines Zornes immer beredter machte. Er sprach von der Sehnsucht

seines Volkes nach Kunst, nach tätiger Beteiligung an den höheren

Kulturaufgaben der Menschheit, er wies voller Stolz auf die großen Erfolge

hin, die jüdische Dramatiker, jüdische Darsteller vornehmlich auf der

deutschen Bühne gefunden hätten. Er nannte mit Begeisterung den Namen _Max

Reinhardts_, der einen der ihrigen, Schalom Asch, aus dem Dunkel

hervorgezogen und zahlreichen anderen jüdischen Künstlern Gelegenheit

gegeben habe, ihre große Begabung von dem anspruchsvollsten und

kritischsten Publikum Europas anerkannt zu sehen. Er leitete aus diesen

ersten großen Erfolgen die Pflicht des gesamten Judentums ab, sich mit

seinen besten Kräften immer eifriger an der Aufwärtsentwicklung der

modernen Kunst zu beteiligen. Und dann verbeugte er sich stolz-bescheiden

und verließ unter donnernden Cheers die Bühne.

Nachdem ich gesehen habe, was beliebige Dilettanten, auf gut Glück

herausgegriffen aus den unteren Schichten dieser in die westlichste aller

Kulturen verschlagenen Orientalen, für ein starkes Talent zur

Menschendarstellung, d. h. also zur künstlerischen Selbstentäußerung

besitzen, habe ich begriffen, woher es kommt, daß in allen Kulturländern

gerade das Theater von Angehörigen dieser Rasse überschwemmt wird.

Geldgier und Ruhmsucht sind in diesem Falle sicher nicht die Triebkräfte;

denn es gibt genug jüdische Schauspieler, die nicht im hellen Sonnenlichte

des Glückes sitzen, und die ebenso wie ihre arischen Kollegen aus reiner

Begeisterung für die Kunst frieren und darben. Denn gleichwie diese Rasse

eine Neigung zur Spitzfindigkeit des Denkens, zum knifflichen Problem

stellen, eine besondere Geschicklichkeit im Rätselraten und in raschen

Kombinationen des Witzes ihr eigen nennt, die sie für die Juristerei

besonders geeignet erscheinen läßt und ihren Handelsunternehmungen und

Geldspekulationen so oft einen kühn-fantastischen Anstrich verleiht, so

mag, im Verein mit solcher geistigen Disposition, auch der

jahrhundertelange Druck, der auf dem Gemüt dieses Volkes lastete, die

naive Lust am Mummenschanz zu der starken Sehnsucht hinauf gesteigert

haben, wenigstens gelegentlich durch das Mittel des künstlerischen

Selbstbetruges über das gedrückte Ich der Wirklichkeit hinauszukommen und

im Rampenlichte Könige, Helden und glückliche Liebhaber vorzustellen. Es

ist überhaupt charakteristisch, daß gerade diejenigen Völker, deren

Einwanderer sich in der Neuen Welt noch am fremdesten, am wenigsten von

der Sympathie der dort herrschenden Rassen gestützt fühlen, am eifrigsten

und mit dem größten Erfolg ihr nationales Theater pflegen. Neben den Juden

sind dies die Chinesen, die gleichfalls in New York und San Franzisco

stehende Bühnen unterhalten. Die Italiener und die Franzosen sehen ja an

der großen Oper ihre nationale Kunst glänzend vertreten, aber auch sie

werden vermutlich ebenso wie die Griechen und die zahlreichen Angehörigen

der verschiedenen slawischen Volksstämme eifrig Liebhabertheater spielen.

Ich habe leider davon nichts zu Gesicht bekommen.

(M52)

Aber seltsam muß es uns Deutsche berühren, daß dies ungeheure Neuland, als

welches Deutschland es in musikalischer Beziehung überhaupt erst urbar

gemacht und vollständig mit der Saat bestellt hat, die in Gestalt der

großen Oper und eines blühenden Konzertlebens glänzend aufgegangen ist,

doch kein deutsches Schauspielhaus von einiger Bedeutung mehr am Leben zu

erhalten vermag. Wenn man bedenkt, daß der herrschenden Yankeerasse mit

ihren 20 400 000 Köpfen 18 400 000 Amerikaner deutscher Abstammung

gegenüberstehen, daß New York dem Prozentsatz der Einwohner deutscher

Abstammung nach die zweitgrößte deutsche Stadt der Welt ist, so muß man

sich baß verwundern, daß die wenigen stehenden deutschen Bühnen in den

Vereinigten Staaten nicht nur künstlerisch immer mehr zurückgehen, sondern

auch meistens mit schweren Existenzsorgen zu kämpfen haben. Bei längerem

Hinschauen und ruhiger Überlegung wird diese traurige Tatsache allerdings

verständlich. Die Nachkommen der Einwanderer beherrschen fast ausnahmslos

das Englische schon besser als ihre Muttersprache, in der zweiten

Generation haben es die meisten wohl schon ganz vergessen. Ferner ist zu

bedenken, daß die weitaus überwiegende Zahl der Einwanderer den wenig

gebildeten Ständen entstammt, bei denen naturgemäß von einem starken

Pflichtbewußtsein als deutsche Kulturträger nicht die Rede sein kann. Wenn

nun schon die Väter der fremden Sprache und damit der fremden

künstlerischen Kultur kaum irgendwelchen Widerstand entgegensetzen, so

wird dies bei ihren Kindern und Kindeskindern erst recht nicht der Fall

sein. Es bleibt also von den 18 Millionen als befähigte Genießer und

berufene Förderer des deutschen Dramas nur ein verhältnismäßig kleiner

Bruchteil übrig, dessen Mitglieder zudem über den ganzen weiten Kontinent

verstreut sind. Nun wird freilich in sehr vielen der zahllosen deutschen

Vereine nicht nur das deutsche Lied, sondern auch die deutsche Poesie mit

schönem Eifer gepflegt; es gibt auch reiche Deutsche genug, die nicht nur

zugunsten eines Liebhabertheaters, an dem ihre Töchter und Söhne

mitspielen, sondern auch zugunsten einer öffentlichen Bühne tief in ihre

Taschen zu greifen bereit sind; aber nun taucht die andere große

Schwierigkeit auf: Für welche Gattung deutscher Dramatik soll dies Geld

gespendet, dieser rührende Eifer aufgewendet werden? Außer den paar

akademischen Lehrern deutscher Literatur und einigen auf der Höhe der

Bildung stehenden berufsmäßigen Kritikern haben doch nur verschwindend

wenige Deutsch-Amerikaner ein so starkes Interesse an der Entwicklung

speziell des Theaters, daß sie dem wunderlich sprunghaften Werdegang

unseres Dramas in den letzten vier Jahrzehnten zu folgen imstande gewesen

wären. Die internationale Mode hat lediglich das Musikdrama Wagners und

seiner Nachfolger gestützt. Die Schulen Ibsens und der Naturalisten, der

Neuromantiker, der Symbolisten, Satanisten, und wie sie sonst noch heißen

mögen, deren Modeglanz oft schon verblaßt war, bevor ernsthafte Leute sich

noch über ihren inneren Wert klar geworden waren, sie konnten zwar das

deutsche Theaterleben stark anregen, besaßen aber nicht die Kraft, zumeist

auch nicht einmal die Zeit, fruchtbar in die Ferne zu wirken. Die stärkste

Auswanderung gebildeter Deutscher erfolgte aber in den Sturmjahren um 48

herum und in den ersten Jahren nach 1870. Die Begriffe vom deutschen

Drama, die also unsere wichtigsten Kulturträger mit herüberbrachten,

stammen noch aus der Zeit, als auf unserem Theater ein blasses Epigonentum

herrschte. Von den aufregenden Kämpfen, die in den letzten vier

Jahrzehnten unsere dramatischen Dichter nicht zur Ruhe kommen ließen und

unseren Geschmack revolutionierten, hat das Deutschtum überm Ozean kaum

einen Hauch verspürt. Was ist begreiflicher, als daß der Leiter eines

deutschen Theaters in Amerika in der Aufstellung seines Repertoirs

möglichst sicher gehen will? Da er mit gutem Grunde befürchten muß, sein

Stammpublikum durch allzuviel Ibsen und Hauptmann zu langweilen, durch

Ernst Hardt und Herbert Eulenberg vor den Kopf zu stoßen und durch Frank

Wedekind zu entrüsten, weil die angelsächsische Geistesenge und Prüderie

bei langem Aufenthalt im Lande schließlich doch auch auf die kecksten

Deutschen abfärbt, so wird er sich darauf beschränken, neben den

Klassikern das harmlose Familienlustspiel und das gesinnungstüchtige

Thesenstück zu geben. Diese dramatische Kost wird nun allerdings auch den

ganz anspruchslos und lammfromm gewordenen Deutsch-Amerikaner nicht zum

entrüsteten Widerspruch reizen; sie wird ihm aber auch nichts zu geben

vermögen, was sein Gemüt in gesunde Wallung bringen und seinem Kopf zu

denken geben könnte. Die sozialen Verhältnisse, auf denen das deutsche

Familienstück beruht, die Konflikte, die durch Standesvorurteile oder

durch spießbürgerliche Beschränktheit entstehen, auch manche

Lieblingsfiguren dieser Gattung, der Schwerenöter in Uniform, der

Backfisch, der schüchterne Kandidat usw. usw., sind ihm gänzlich fremd

geworden. Wie sollten ihn Menschen und Verhältnisse auf der Bühne

interessieren, die er in seiner Umwelt niemals gesehen hat? Neuerdings

sind einzelne deutsche Theaterleiter auf den Ausweg verfallen, auch die

deutsche Operette in ihren Spielplan aufzunehmen. Eine unglücklichere Idee

konnten sie wohl nicht gut auftreiben; denn was gibt es auf theatralischem

Gebiete Abschreckenderes und Jämmerlicheres als eine Operette, mit

unzulänglichen Mitteln dargestellt? Zudem ist in den Vereinigten Staaten

an Operettenbühnen wahrlich kein Mangel, und was Wien an Schlagern

produziert, wird unfehlbar auf diesen Bühnen mit allem Pomp inszeniert und

von den zugkräftigsten Spezialisten dieser Gattung dargestellt. Die

Besonderheit der amerikanischen Operettendarstellung besteht darin, daß in

ihr keiner der Darsteller auch nur eine Minute lang seine Gliedmaßen ruhig

halten kann; jede Note schier wird mit einer Geste begleitet, und sobald

ein flotter Rhythmus einsetzt, beginnen Chor und Solisten mit allen

verfügbaren Extremitäten zu zucken, zu schlenkern, zu stoßen und zu

schleudern – kurz, es ist ein wirbelndes Durcheinander taktmäßig in

Schwung gebrachter Beine und Arme, von verzweifelten Anstrengungen

ausgepumpter Lungen und heiser geschriener Stimmritzen begleitet. Wie arg

nun auch dieser Stil einem gebildeten Geschmack auf die Nerven gehen mag,

er ist einmal der herrschende geworden, und kein seßhafter amerikanischer

Bürger wird sich eine Operette anders vorstellen können, denn als eine

solche prunkvoll inszenierte, herrlich gewandete Universalzappelei mit

Musikbegleitung. Was soll ihm unter solchen Umständen eine deutsche

Operette bieten, die für den Mangel an kostspieliger Inszenierung und

geschmackvoller Kostümierung keineswegs durch glänzende Leistungen des

Orchesters und der Sänger zu entschädigen vermag? Sie kann nur dazu

beitragen, seine Achtung vor dem deutschen Theaterwesen noch mehr

herabzusetzen, als es Klassikervorstellungen mit dürftiger Ausstattung und

mittelmäßigen Schauspielern schon zu Wege gebracht haben. Das Interesse

für deutsches Theater und die Hochachtung vor der Leistungsfähigkeit der

deutschen dramatischen Kunst kann meines Erachtens da drüben nur dadurch

wieder erweckt werden, daß _von Deutschland aus_ große Mittel aufgewendet

werden, um Gastspiele ganz hervorragender Truppen mit allerersten

Schauspielern, bedeutenden Regisseuren und glänzender Ausstattung in den

deutschen Hauptstädten der Union zu ermöglichen. Mit zweiter Garnitur und

mit abgeblaßten Sternen in Dollarica zu arbeiten, hat gar keinen Sinn.

Wenn _Max Reinhardt_ seinen Plan verwirklicht, seinen „Ödipus“, „Faust“

und andere geniale Inszenierungen nach Amerika zu bringen, so wird er ganz

sicher nicht nur gute Geschäfte machen und persönlich einen großartigen

Erfolg erzielen, sondern er wird auch die Ehre der deutschen

theatralischen Kunst wiederherstellen und für die Zukunft eine neue

Möglichkeit schaffen, ein gutes deutsches Theater ständig drüben zu

erhalten. Die Amerikaner wollen zunächst einmal verblüfft sein; es muß

ihnen etwas noch nicht Dagewesenes gebracht werden. Eine Bombenreklame muß

auch das ganze gebildete Publikum _englischer Zunge_ in dies Unternehmen

locken, und dies gesamte Publikum englischer Zunge muß vor Neid bersten

und zu dem Geständnis gezwungen werden, daß es dergleichen in seinem

Theater noch nicht erlebt habe. Und der Stolz auf diesen Neid der Yankees

wird das Solidaritätsgefühl der Deutsch-Amerikaner aufstacheln. Die

Schecks für einen deutschen Theaterfonds werden sich zu einem Berge

aufhäufen, und so gut, wie die jetzigen italienischen Leiter der großen

Oper sich unsere ersten Sänger, Sängerinnen und Kapellmeister

herüberkommen lassen, werden in Zukunft Unternehmer großen Stils die

Mittel besitzen, sich unsere hervorragendsten Regisseure und Schauspieler

zu kaufen. Und wenngleich die große Sensation, die das deutsche Theater in

Mode bringt, von Sophokles und Goethe ausging, so wird sie in der Folge

doch sogar die Denkfaulheit und die Prüderie des amerikanischen

Durchschnittsmenschen besiegen und auch kühnere Neutöner unter den

lebenden Dramatikern zu Worte kommen lassen. Wenn dann gegen den Geist des

deutschen Dramas in den Zeitungen ein ebenso lauter Kampf entbrennt und

ebenso heftig von den Kanzeln gedonnert wird, wie es gegen Richard Strauß’

letzte Opernwerke geschah, so wird manch ein geplagter deutscher

Theaterdirektor seinen Kahn schmunzelnd wieder flott werden sehen, und es

wird sogar – was schließlich doch wohl das Beste dabei ist – wieder ein

tüchtiges Stück Arbeit in der Richtung der kulturellen Germanisierung

Amerikas geleistet werden können.

Der Dichter in Dollarica · 第 19 / 44 题