Mit Ausnahme einer kleinen Schar hochkultivierter Geister hat das neue
Volk in der Neuen Welt, wie es scheint, noch keine Zeit gehabt, seinen
Schönheitssinn zu entwickeln. Was durch seine Dimensionen, seine Masse
imponiert, was viel gekostet hat, das muß nach den Begriffen des
Durchschnittsamerikaners auch schön sein.
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Es ist mir als höchst bezeichnend aufgefallen, daß selbst hochgebildete
Leute enttäuschte Gesichter machen, wenn der Fremde, der zum erstenmal
durch New York geführt wird, sich weder durch die berühmten Wolkenkratzer,
noch durch die Verschwendung herrlichen echten Materials an öffentlichen
Prachtbauten, noch etwa durch die glänzende elektrische Lichtreklame für
ästhetisch besiegt erklärt. Allerdings vermögen diese himmelhohen Kasten
mit den unzähligen Fensterlöchern unter Umständen schön zu wirken. Wenn
man zum Beispiel vom Hafen her ihre gigantische Silhouette aus der
Dämmerung oder aus leichtem Nebel aufsteigen sieht, so können sie einen
traumhaft phantastischen Reiz entwickeln, der einen Maler toll und einen
Dichter selig zu machen vermag. Einige von diesen Ungeheuern, wie
vornehmlich das Gebäude der Manhattan-Lebensversicherungsgesellschaft,
sind auch an sich hervorragende Kunstwerke, und kein Mensch von Geschmack
wird die ideale Schönheit der neuen Staatsbibliothek in weißem Marmor oder
die Genialität des neuen Empfangsgebäudes der Pennsylvaniabahn bestreiten.
Auch die lustigen Spielereien der beweglichen Lichtreklamen sind nicht nur
als mechanische Kunststücke, sondern auch als witzige Erfindungen und
farbiger Augenschmaus höchst amüsant. Aber all diese Schönheit, Größe und
künstlerisch idealisierte Zweckmäßigkeit ist nicht einem vorbedachten Plan
organisch eingeordnet, sondern wie aus des Zufalls Hand zwischen lauter
Banalität und entschiedene Garstigkeit hingestreut. Die Umgebung ist es,
die in weitaus den meisten Fällen die Wirkung der Schönheit des einzelnen
zerstört. Selbst in New York, das doch von vornherein nach einem durch die
geographische Lage bedingten überaus vernünftigen und klaren Plane
angeordnet wurde, und immerhin der puritanischen Schönheitsfeindlichkeit
der Neuenglandstaaten weniger unterworfen war, scheint doch der
künstlerische Instinkt gefehlt zu haben. Paläste stehen neben öden
Magazinen, neben Wolkenkratzern halbverfallene niedrige Baracken;
entzückende, grünbewachsene gotische Kirchen findet man eingeklemmt
zwischen Metzger- und Grünkramläden, öffentliche Gebäude von edlen
Proportionen und mit prächtigen Fassaden neben wüsten Kasten für Bureau-
und Werkstattzwecke, an deren Straßenfronten scheußliche rotgestrichene
Feuertreppen im Zickzack hin und her laufen.
Selbst in der Fünften Avenue, der Straße der prunkvollsten Läden und der
Residenz der Milliardäre, finden sich noch genug solcher barbarischen
Scheußlichkeiten unter der nagelneuen Pracht verstreut. Und die
Nebenstraßen, wo die kleinen Einfamilienhäuser stehen, zeigen selbst in
den besseren Gegenden ein höchst langweiliges Einerlei. Auch die
nüchternsten modernen Städte Deutschlands, wie Mannheim und Karlsruhe,
fallen den amerikanischen gegenüber immerhin noch angenehm auf durch ihre
strenge Symmetrie und musterhafte Ordnung, während die enorm reiche
Kommune New York bis heute noch nicht einmal eine anständige Pflasterung
und Straßenreinigung durchzuführen vermochte. Der Fahrdamm der Fünften
Avenue besteht aus Löchern, zwischen denen hier und da aus Versehen ein
Stück Asphalt liegen geblieben ist. Oberflächliche Reparaturen werden in
der Weise ausgeführt, daß man mitten auf der Straße zur Freude der
Gassenbuben in diesen Löchern Feuer anzündet; dann schmilzt der Asphalt
ringsherum, und das Loch bekommt wenigstens abgerundete Ränder. Wem der
Arzt eine Vibrationsmassage gegen Trägheit der Unterleibsorgane verordnet
hat, der braucht nur auf dieser Fünften Avenue – oder besser noch auf den
gepflasterten Hauptstraßen des nordöstlichen Teiles von Philadelphia –
eine halbe Stunde spazieren zu fahren, dann kann er seinen Blinddarm bei
der Zirbeldrüse und seine Milz unter dem Mastdarm suchen.
Es ist merkwürdig, daß derselbe Amerikaner, den das wüste Durcheinander in
der Außenseite seiner Städte so wenig zu genieren scheint, doch fast
durchweg einen so guten Geschmack in seiner Kleidung und
Wohnungseinrichtung zeigt. Allerdings ist für die Herrenkleidung England,
für die Frauenkleidung Paris richtunggebend, allein die dortigen Muster
werden doch für den amerikanischen Geschmack einigermaßen abgeändert, und
was dabei herauskommt, ist meist zweckmäßig und apart. In der
Wohnungseinrichtung zeigt sich der Yankee außerordentlich konservativ, und
der Kolonialstil ist immer noch maßgebend. Das moderne deutsche
Kunstgewerbe hat kaum noch irgendwo Einfluß ausgeübt; dafür sieht man auch
nirgends in Amerika, selbst im bescheidenen Mittelstande, so stillos
zusammengewürfelte Einrichtungen wie in der Wohnung des zurückgebliebenen
deutschen Spießbürgers. Man hält zäh fest an der guten englischen
Tradition und verdankt ihr sowohl die praktische Anordnung der Wohnräume
als auch die unaufdringliche Schlichtheit der Formen, Harmonie der Farben,
die zusammen den Eindruck der Behaglichkeit hervorrufen.
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Spezifisch amerikanisch ist die Vorliebe für Schaukelstühle. Ich habe
Zimmer angetroffen, in denen überhaupt kein einziger Stuhl fest auf seinen
vier Beinen stand, und wo eine besondere equilibristische Begabung dazu
gehörte, um beispielsweise seine Stiefel zu schnüren oder seinen Koffer zu
packen; denn wenn man seinen Fuß auf solch ein ungemein niedriges Möbel
setzt, so kippt es nach vorn und rutscht gleichzeitig nach hinten, so daß
man also auf einem Bein dem flüchtigen Stuhl nachhüpfen muß, bis er an der
Wand einen Stützpunkt gefunden hat. Oder man placiert seinen
aufgeschlagenen Koffer auf die Lehnen zweier gegeneinander geschobener
Rockingchairs und beginnt vergnügt das Packgeschäft. Sobald der sich
füllende Koffer eine gewisse Gewichtsgrenze überschreitet, neigen sich die
stützenden Stühle nach innen, der Koffer klappt zu und rutscht zwischen
den Lehnen durch; es ist sehr amüsant, unter solchen Umständen seinen
Koffer zu packen. Hin und wieder habe ich auch die Bekanntschaft mit
einladend aussehenden Sitzmöbeln gemacht, die nicht nur vor- und
rückwärts, sondern auch seitwärts schaukelten. Auf diesen heimtückischen
Mokierstühlen kann man sich ebenso famos für das Kamelreiten trainieren,
wie auf den einfachen Rockers für die Seefahrt. Vermutlich haben die immer
praktischen Amerikaner auch diesen Nebenzweck im Auge.
So nett und gemütlich nun auch eine solche amerikanische
Durchschnittswohnung anmutet, so wird sie doch uns deutschen
Erzindividualisten recht bald langweilig, weil sie eben überall dieselbe
ist. Ich spazierte einmal mit einem jungen deutschen Gelehrten die _Common
__Wealth Avenue_ in Boston hinunter – nebenbei bemerkt eine der schönsten
Straßen, die mir überhaupt in Amerika aufgefallen sind. Es befinden sich
hier nur vornehme Familienhäuser, die als besondere Eigentümlichkeit große
Spiegelscheiben im Erdgeschoß aufweisen. Man kann also von der Straße aus
in das Treppenhaus und das Parlor hineinsehen. Ich freute mich des schönen
schmiedeeisernen Gitterwerks, das diese wohlhabenden _Homes_ von der
Straße abschloß, der prächtigen Türen und anderer reizvoller Einzelheiten.
Da unterbrach mein Begleiter meine Lobeshymne mit den Worten: „Was wollen
Sie wetten? Unter den zwölf nächsten Häusern von hier aus finden wir
mindestens sechs, in denen wir durch die Fenster genau dieselbe innere
Einrichtung konstatieren können.“ Und richtig, so war es auch. Aber nicht
nur in sechs, sondern in neun von diesen Häusern stand überall in
derselben Ecke am Parlorfenster dieselbe Säule mit demselben Blumenkübel
darauf und derselben Palme darin, genau an derselben Stelle derselben Wand
befand sich in allen diesen neun Zimmern das Ehrfurcht gebietende Sofa mit
den Porträts der Eltern oder Großeltern darüber usw. usw. Immerhin kann
man sich diese ermüdende Uniformität gefallen lassen, da sie doch
wenigstens einen guten Durchschnitt von solider Behaglichkeit verbürgt.
Groteske Geschmacklosigkeiten begegnen einem eigentlich nur in den
Palästen ungebührlich rasch reich gewordener Emporkömmlinge – gerade wie
bei uns.
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Merkwürdig ist auch, wie dasselbe Volk, das sich in den meisten seiner
Vergnügungen und künstlerischen Betätigungen doch noch recht unkultiviert
zeigt, in anderer Beziehung wieder Leistungen von feinem Geschmack und
hoher Vollendung hervorbringt, zum Beispiel in der Malerei, in der
Photographie, im Buchgewerbe. Während die amerikanischen Museen zum
weitaus größten Teile noch das sehr zweifelhafte Kunstverständnis ihrer
freigebigen Stifter verraten und ein stilloses Durcheinander von Kitsch
und Kunst bieten, begegnet man in den Ausstellungen moderner Künstler
einer sehr respektablen Durchschnittsleistung. Von einer bedeutenden
Entwicklung der Plastik kann selbstverständlich in einem Lande, das die
Scheu vor der Nacktheit in der Kunst längst noch nicht überwunden hat,
keine Rede sein. Ich habe mir sagen lassen, daß auf der Weltausstellung in
Chicago zum erstenmal in den Vereinigten Staaten nackte Frauenkörper als
Karyatiden zu sehen gewesen seien! Ein biederer Farmer war von diesem
völlig neuen Anblick dermaßen gefangen, daß er überhaupt für nichts
anderes in der ganzen Weltausstellung Interesse zeigte, sondern, die Augen
starr in die Höhe gerichtet, von Saal zu Saal schritt und dabei
kopfschüttelnd vor sich hinseufzte: „_Oh good Lord, what tits, what
tits!_“
Selbst heute noch hat jede wenig bekleidete allegorische Figur, die sich
in der Öffentlichkeit zu zeigen wagt, einen heftigen Kampf mit der
Geistlichkeit und den Tanten zu bestehen. Kann es da wundernehmen, wenn
außer etlichen anständigen Porträtstatuen, naturalistischen Kriegergruppen
und Reitermonumenten von bedeutender Plastik in den Vereinigten Staaten
nichts zu finden ist? Das Ulkigste von Kitschplastik, was mir persönlich
in den Weg gekommen ist, war das Kriegerdenkmal in Easton (Pennsylvania):
auf einer sehr hohen schlanken Säule ein moderner Militärtrompeter; und im
Schalltrichter seines Instrumentes erglühte nachts eine elektrische Birne!
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Allerdings haben die amerikanischen Künstler ihre Techniken vom Auslande
gelernt und stark eigenartige Glanzleistungen auch nur in den bildenden
Künsten sowie in der Literatur hervorgebracht. Ihre Musik ist ihnen bis
jetzt fix und fertig vom Auslande geliefert worden. Und selbst die einzige
musikalische Spezialität, die sich zurzeit als echt amerikanisch
ansprechen läßt, nämlich das Volkslied der Neger und der _Ragtime_
(eigenartig verschobener synkopierter Rhythmus für Tänze und derbe
Couplets), ist doch auf schottischen und irischen Ursprung zurückzuführen.
Es läßt sich aber nicht leugnen, daß für gute Musik heute schon ein recht
großes und verständnisvolles Publikum vorhanden ist. Wenn man bedenkt, daß
an der Geschmackserziehung des amerikanischen Hörers erst seit wenigen
Jahrzehnten von europäischen Künstlern planvoll gearbeitet wird, so ist es
doch wohl ein erstaunliches Ergebnis zu nennen, daß man heute schon den
„Parsival“ vor einer andachtsvoll ergriffenen Zuhörerschaft geben kann,
und daß Konzertprogramme, die ausschließlich aus Beethoven, Brahms, Hugo
Wolf und ähnlichen anspruchsvollen Namen bestehen, große Scharen anziehen
und begeistern. Allerdings finden bei einer großen Masse selbst der
höheren Schichten auch stillose Programme, in denen ärgste Banalitäten mit
echten Meisterwerken abwechseln, jubelnden Beifall – aber können wir das
in Deutschland nicht auch erleben? Der Unterschied ist wohl nur der, daß
bei uns kein Künstler von Bedeutung sich so leicht dazu herablassen würde,
dem schlechten Geschmack des Publikums solche Konzessionen zu machen. Wir
Deutschen dürfen uns rühmen, auf musikalischem Gebiet uns die
Meistbegünstigung für unseren Import von Kunstwerken, Künstlern und
Lehrern erstritten zu haben. Wie haben diese prachtvollen deutschen
Musikanten aber auch arbeiten müssen, in welchen harten steinigen Boden
haben sie oft ihre Pflugschar drücken müssen, um überhaupt erst den Boden
für ihre Saat zu bereiten.
Ich habe in der Person des Sängers Max Friedrich einen solchen Veteranen
von einem deutschen Musikpionier kennen gelernt. Als er vor 20–30 Jahren
hinauszog, um den Leuten des kunstversimpelten Ostens, wie den
lebenshungrigen Abenteurern des wilden Westens Schubert und Schumann, Löwe
und Franz vorzusingen, da gähnte und höhnte man ihn aus. Aber er ließ
nicht locker, er ließ sich als echt deutscher Starrkopf kein Titelchen von
seiner heiligen Überzeugung wegdisputieren. Ihm und einigen Wenigen
seinesgleichen ist es zu verdanken, wenn heute ein ernster Künstler mit
einem vornehmen Programm sich überall in der ganzen Union hören lassen
kann, ohne fürchten zu müssen, von entrüsteten Cowboys mit dem Schießeisen
vom Podium gejagt zu werden.
Talent und Liebe zur Kunst wuchsen bisher nur recht spärlich aus
amerikanischem Boden hervor. Weder die Zuchthäusler und Abenteurer in der
Zeit der Flegeljahre der neuen Welt, noch die frommen Pilgerväter haben
irgendwelche Keime zur künstlerischen Entwicklung mit herübergebracht. Und
bis die großen Kriege durchgekämpft, die Naturschätze erschlossen, das
ungeheure Land bebaut und durch Eisenbahnen in Zusammenhang gebracht
worden war, hatte jeder Mensch mit dem Kampf ums Dasein viel zu viel zu
tun, um Muße zu künstlerischer Betätigung zu finden. Gegenwärtig ist diese
Muße freilich schon für viele vorhanden, aber die Kunst hat dort noch
keinen rechten Boden, weil in der Masse des Volkes noch kein wirkliches
Bedürfnis nach ihr lebt. Eine Ahnung von der Wichtigkeit der Kunst als
Kulturfaktor ist bisher nur einer kleinen Auslese von Höchstgebildeten
aufgegangen, die große Masse jedoch sieht in ihr nur einen schmückenden
Luxus, einen angenehmen Zeitvertreib. In der alten Welt entfaltete sich
alle Kunst auf dem Boden uralten, oft umgeackerten und gedüngten
Kulturlandes. Sie wurzelt in der frühesten Vergangenheit der Völker, in
deren untersten Schichten, und ihr Wachstum stärkte sich an den Hemmungen,
die sie zu überwinden hatte. Außerdem kann Kunst unmöglich von einem Volke
hervorgebracht werden, das nicht zum mindesten eine aristokratische
Vergangenheit gehabt hat. Jeder wahre Künstler ist ein geborener
Aristokrat, der zwischen sich und den Viel zu Vielen, den Banausen und
Philistern, eine hochmütige Scheidewand errichtet.
Die demokratische Anschauung von der Gleichheit der Menschen ist dem
Instinkt des Künstlers ein Greuel. Und selbst jene naivste Betätigung
schaffender Phantasie, die wir heute Volkslied nennen, bezieht ihre
Gesetze, ihre Stoffe, ihre seelische Wesensart von Mustern, die in uralten
Zeiten königliche Sänger aufstellten. In der Neuen Welt aber, in der eine
historische Entwicklung in unserem Sinne kaum vorhanden ist, sondern wo
immer gegenwärtige Resultate eines langsamen Werdegangs aus der Alten Welt
fertig übernommen wurden, ist das Entstehen einer originalen Kunst
vernünftigerweise auch noch gar nicht zu erwarten. Die Yankees, als
Abkömmlinge der britischen Einwanderer, haben selbstverständlich eine
angeborene Vorliebe für die englische Kunst und werden die von dort
empfangenen Anregungen ausbauen; ebenso wie die Nachkommen der deutschen
Einwanderer sich instinktmäßig an die deutschen Vorbilder klammern werden.
Die Besonderheit der amerikanischen Landschaft wird natürlich ihren
Einfluß auf die Malerei, die eigenartigen Lebensbedingungen der Neuen Welt
auf die Architektur einen bestimmenden Einfluß ausüben. Darum ist es
selbstverständlich, daß in diesen beiden Künsten zunächst eigenartige
Leistungen zu erwarten und ja auch gegenwärtig schon vorhanden sind.
Dagegen kann man von einem Volke, das gar keine eigene Sprache besitzt,
auch keine originale Poesie verlangen, und die Musik ist, zum mindesten
mit ihrem Rhythmus, so fest an die Sprache gebunden, daß allein schon aus
diesem Umstande der bisherige Mangel einer amerikanischen Musik sich ohne
weiteres begreifen läßt. Das schließt natürlich nicht aus, daß geborene
Amerikaner ganz hervorragende Leistungen auf Kunstgebieten vollbringen
können, deren ausländische Muster sie mit besonderer Liebe studiert haben
und deren inneres Wesen ihnen besonders nahe liegt. Erst wenn die
Völkerwanderung nach der Neuen Welt einmal aufgehört und eine wirkliche
chemische Durchdringung der verschiedenen Rassenelemente stattgefunden
haben wird, kann sich so etwas wie eine allamerikanische Seele entwickeln,
aus der dann folgerichtig auch eine originale amerikanische Kunst
hervorgehen müßte.
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Wie die Dinge heute noch liegen, wäre aber beispielsweise ein jugendlicher
Yankee, der sich freiwillig dazu hergeben möchte, das Hungerleiderdasein
eines deutschen oder französischen Poeten zu führen, eine undenkbare
komische Figur. Der poetisch begabte Jüngling fängt drüben mit der
Journalistik an, oder er betreibt das Dichten neben seinem soliden
Broterwerb. Hat er mit einem Genre keinen Erfolg, so probiert er es eben
mit einem anderen. Schwerlich wird es ihm einfallen, sich trotzig wider
den Geschmack der Zeit und der großen Masse aufzulehnen. Auch wenn er
Neues, Eigenartiges zu sagen hat, wird er sein Publikum nicht
rücksichtslos damit erschrecken, sondern es allmählich vorzubereiten
suchen. Die Beschäftigung mit Literatur, Kunst und anderen rein idealen
Dingen ist eben drüben ein vornehmer Zeitvertreib für Ausnahmemenschen,
besonders also für solche, die keine Sorge um das tägliche Brot mehr
drückt. Man setzt auch voraus, daß der Mann, der einen Beruf aus dem
Dichten, Musizieren, Malen usw. macht, vor allen Dingen ein Gentleman sei,
also ein gut angezogenes Mitglied der auserwählten Gesellschaft mit
normalen Manieren und auch einigermaßen normalen Gesinnungen. Es ist
bezeichnend, daß der Name _Bohemiens_, der für Künstler- und
Literatenklubs besonders beliebt ist, mit Vorliebe von Vereinigungen recht
wohlhabender Männer gewählt wird, die es sich leisten können, ihre
festlichen Sitzungen in den vornehmsten Hotels abzuhalten und dazu nichts
als französischen Sekt zu trinken. Der richtige Bohemien kann schon
deshalb drüben unmöglich gedeihen, weil es keine Kaffeehäuser gibt. Es
kommt vorläufig auch noch selten vor, daß künstlerische, besonders
literarische Talente aus den untersten Volksschichten hervorgehen, weil in
denen noch alles Sinnen und Trachten auf materiellen Erwerb gerichtet ist.
In New York gibt es allerdings einen hervorragenden Dichter, der Sattler
und Tapezierer ist – Hugo Bertsch heißt er – aber der schreibt Deutsch und
ist aus Reichelsheim i. O. gebürtig.
Bemerkenswert ist, daß einer der wenigen jungen Dramatiker, die damit
begonnen haben, sich von der herrschenden Prüderie und Konvention
freizumachen und die amerikanische Bühne für moderne Probleme zu erobern,
nämlich der anderwärts von mir schon erwähnte Walter von unten
heraufgekommen ist, gehörig gehungert und im Zentralpark gepennt hat,
bevor er bekannt wurde. Auch der ausgezeichnete Romanschreiber Jack
London, der sich durch starke Eigenart spezifisch amerikanischer Färbung
auszeichnet, hat als Goldgräber angefangen, obwohl er eine gute
wissenschaftliche Bildung genossen hatte. Bret Hart begann seine Laufbahn
gleichfalls als Goldgräber und betätigte sich nacheinander als Lehrer,
Postbote und Schriftsetzer, bevor er Professor der Literatur wurde. Auch
Mark Twain begann als Setzer und wurde dann bekanntlich Lotse auf dem
Mississippi. Edgar Allan Poe war zwar reicher Eltern Kind, wurde aber
wegen schlechter Aufführung von der Universität und der Militärakademie
relegiert und desertierte aus der Armee, bevor er sich zu dem berühmten
Dichter entwickelte. Walt Whitman, ursprünglich gleichfalls Buchdrucker,
gewann seinen Lebensunterhalt als Subalternbeamter im Ministerium. Einzig
Longfellow von den bekannteren Dichtern stammte aus höheren Kreisen und
erwarb regelrechte akademische Grade, aber auch er betätigte sich zunächst
als Rechtsanwalt.
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Es scheint also, daß auch im neuen Lande das alte Gesetz, daß die
künstlerischen Kräfte am Widerstand erstarken, Geltung besitze. In dem
Paradiese der absoluten Gegenwart, dessen glückliche Bewohner so gern
alles, was ist, gut finden, wie der liebe Gott sein Schöpfungswerk, haben
natürlich nur die Narren Lust, wider den Strom zu schwimmen. Die
vernünftigen Kunstbeflissenen trachten aber, nur marktgängige Ware zu
liefern, und marktgängig ist, was dem Unterhaltungs- und
Sensationsbedürfnis entspricht. Es wird ungeheuer viel gelesen in Amerika,
folglich ist mit der Anfertigung von Literatur ein gutes Geschäft zu
machen für diejenigen, die sich auf den Geschmack des Publikums verstehen.
Dieser Geschmack heißt aber immer noch: Hintertreppengeschehnisse im
Gartenlaubenstil vorgetragen. Verbrecher und Detektivs sind nicht nur bei
den ganz kleinen Leuten die beliebtesten Helden. Es müssen daher auch
ernste Schriftsteller, z. B. solche, die ihr soziales Gewissen auf das
Gebiet des Anklageromans verlockt, auf sensationelle Erfindung und auf
strenge Wahrung einer stubenreinen Reputierlichkeit bedacht sein.
Sicherlich würde die Entwicklung des künstlerischen Geschmacks bei dem
amerikanischen Volk, das doch wahrhaftig weder ängstlich noch
begriffsstutzig ist, viel raschere Fortschritte machen, wenn nicht die
Tagespresse die mehr als kindliche Oberflächlichkeit des Urteils in
unverantwortlicher Weise nährte. Aber das ist ein Kapital für sich.