DIE KOCHKUNST DER YANKEES.

Da ich mich in meinem vorigen Kapitel mit Köchinnen beschäftigt habe,

dürfte es angebracht sein, im Anschluß ein wenig in die amerikanische

Küche hineinzuleuchten. Nach dem unzweifelhaften Wahrwort, daß der Weg zum

Herzen des Mannes durch den Magen führe, dürfte es noch sehr lange dauern,

bevor Dame Dollarica sich in der kulinarisch gebildeten Männerwelt einer

auch nur annähernd ähnlichen Beliebtheit erfreut wie Madame Marianne oder

die Commare Italia oder die nahrhafte Tante Austria. In Dingen des guten

Geschmacks tut es eben der Reichtum allein nicht, sondern die große

Vergangenheit einer aristokratischen Kultur, und innerhalb dreier lumpiger

Jahrhunderte entwickelt sich keine neue Rasse von Fressern zu Speisern.

Wie lange ist es denn überhaupt her, daß sich die Besiedler der neuen Welt

des Segens sicherer behaglicher Häuslichkeit erfreuen? Viele der jetzt

üppig blühenden Großstädte sind ja erst ein paar Jahrzehnte und nur ganz

wenige über ein Jahrhundert alt. Der wüsten Raubbau treibende

angelsächsische Kolonist, der meist unbeweibt in selbstgezimmertem

Blockhause hauste, briet sich über dem offenen Feuer am Spieß seinen

Fetzen Fleisch und manschte sich aus den ihm zugewachsenen Zerealien

irgend etwas zurecht, was einer genießbaren Speise vielleicht entfernt

ähnlich sah. Als dann im 18. und 19. Jahrhundert die weibliche Zuwanderung

sich hob, fanden die mit der Kochkunst einigermaßen vertrauen Frauen –

unter den Britinnen sind sie nicht besonders häufig – eine Männerwelt vor,

die einfach mit allem zufrieden war, was ihr vorgesetzt wurde. Erst in

neuester Zeit, als die Vereinigten Staaten willige und splendid zahlende

Abnehmer für alle Luxusprodukte der alten Welt wurden, begannen auch

bewährte Meister der Kochkunst über den Ozean zu ziehen; aber die traten

selbstverständlich nur in den Dienst der vornehmsten Hotels, der teuersten

Restaurants und der Milliardäre ein und konnten folglich nicht für die

breite Masse des mäßig begüterten Bürgertums erziehlich wirken. Die

amerikanischen Esser sind die dankbarsten der Welt, weil ihnen im

Vergleich zu ihrer barbarischen Küche natürlich die Speisekarte der

Kulturvölker lauter überraschende Offenbarungen bietet.

(M37)

Die unkultivierte Kindlichkeit des Geschmacks offenbart sich denn auch in

Amerika nirgends deutlicher als auf dem Gebiete der Küche. Das

Haupterfordernis der Eßbarkeit ist für den Yankee die Süße. Alles, was süß

ist, schmeckt ihm ausgezeichnet. Bezeichnenderweise ist es mir trotz

größter Mühe nicht gelungen, irgendwo in den Vereinigten Staaten ein

Mundwasser aufzutreiben, das nicht schauderhaft verzuckert gewesen wäre.

So ist Süßigkeit das erste, was der Yankee, sobald er sich dem Schlaf

entwunden, in den Mund bekommt. Seinem ersten Frühstück geht der Genuß von

Früchten: Orangen, Grapefruit oder Melonen voran, die unter einem Berge

von Streuzucker mit dem Löffel hervorgegraben werden. (Nebenbei gesagt:

das Fruchtessen vor dem Frühstück ist die einzige nationale Speisesitte,

die ich Europäern zur Nachahmung empfehlen möchte. Die wundervoll saftige

Grapefruit mit ihrem Chiningehalt besonders ist höchst erfrischend und

bekömmlich.) In einem üppigeren Haushalt ist schon der Frühstückstisch

reicher gedeckt als bei uns manche Mittagstafel. Beefsteak,

Hammelkotelette, Fischgerichte, kalter Aufschnitt verschiedenster Art

werden von den Männern bevorzugt, während die Frauen und Kinder eine große

Auswahl der zum Teil wunderlichsten Eier- und Mehlspeisen zur Verfügung

haben. Weizen, Korn, Gerste, Mais, Hirse, Buchweizen, Hafer, Reis, kurz:

alle erdenklichen Getreidearten erscheinen in der Form von Grütze,

Graupen, Flocken, Fäden oder papierdünnen Schnipfeln, roh, gekocht oder

geröstet und werden größtenteils mit Rahm und sehr viel Zucker angerührt.

Dünne Eierkuchen werden mit übersüßen Fruchtsäften übergossen, und der

Toast sowie die meist gleichfalls süßen Semmeln mit Fruchtgelees und

Marmeladen bestrichen. Diese Vorliebe für den Genuß von Süßigkeiten von

Tagesanbruch ab ist aber durchaus nicht etwa auf die Frauen und Kinder

oder auf die wohlhabenden Klassen beschränkt, sondern sie ist ganz

offenbar eine nationale Raserei.

Es gibt in den Vereinigten Staaten keine Cafés im Wienerischen Sinne. Als

ich daher einmal auf dem Broadway ein Wirtshausschild mit der Aufschrift

„Coffeehouse“ erblickte, stürmte ich begeistert in das Lokal. Es war eine

große reinliche Halle, die Diele mit Sand bestreut, ohne Tische und

Stühle, nur den Wänden entlang zogen sich Holzbänke, die durch

Zwischenwände in einzelne Sitze eingeteilt waren, und auf diesen

trennenden Seitenwänden waren genügend breite, rund geschnittene Bretter

angebracht, um eine Tasse und einen Teller daraufstellen zu können. Am

Kopfende der Halle befand sich ein riesiges Buffet, auf dem die

herrlichsten Kuchen und Torten aufgebaut waren, sowie zwei blitzblanke

vernickelte Samovars für Tee und Kaffee. Das Publikum dieses eigenartigen

Kaffeehauses bestand aber ausschließlich aus Droschkenkutschern,

Chauffeuren, Messenger Boys, Policemen und Arbeitern. Keine Frau betrat

das Lokal. Kaffee gab es reichlich und anständig, und den ganz

vorzüglichen und für New-Yorker Verhältnisse sehr billigen Schaum- und

Fruchttorten, Apfelkuchen mit Schlagrahm und Minced Pie sprach dieses

robuste Mannsvolk mit dem Behagen schleckermäuliger Schuljungens zu.

(M38)

Die eigentliche Nationalspeise ist keineswegs das Roastbeef oder der

hochfestliche _Turkey_ (Puter), sondern der _Icecream_, das Gefrorene.

Icecream wird Winters und Sommers von mittags bis Mitternacht verzehrt von

Alt und Jung, von Hoch und Niedrig; Icecream besänftigt die ungebärdigen

Säuglinge; Icecream gilt als Vorspeise, als Dessert, als Kompott sogar; er

kehrt bei großen Diners mehrmals im Laufe der Speisenfolge als

Zwischenaktsmusik wieder, er ersetzt den verpönten Alkohol und bewirkt,

daß die Amerikaner sich der besten Zahnärzte der Welt erfreuen – denn das

schroffe Durchsetzen siedheißer Suppen und glühender Breie mit Eiswasser

und Icecream können selbst die besten Gebisse nicht vertragen. Der Schmelz

springt ab, und die vom ewigen Zuckerschleimstrom umspülten, schutzlosen

Zähne sind der Karies rettungslos preisgegeben. Infolgedessen hat

jedermann fortwährend den Zahnarzt nötig, und man braucht sich nicht zu

wundern, Kanalausräumer und schmierige Nigger mit so viel Gold im Munde zu

sehen wie die köstlichste Maimorgenstunde.

(M39)

Ich habe bereits im vorigen Kapitel darauf hingewiesen, wie durch den

Mangel an Dienstpersonal die Küche und die Tafelgewohnheiten beeinflußt

werden. Ich bemerkte, daß durch den Mangel an scharfen Messern mit schwer

zu putzenden Stahlklingen ein Braten zu einer schwer zu bewältigenden

Speise geworden sei. Folglich kommen gekochtes Rindfleisch, Schmorbraten,

Sauerbraten, Kalbs- und Hammelsrücken oder Schlegel so gut wie gar nicht

auf den Tisch. Das nationale angelsächsische blutrünstige Roastbeef,

drüben jedoch nicht so, sondern _Prime rib of Beef_ genannt, muß man von

der Gabel mittels des stumpfen Bronzemessers abzustemmen versuchen, wenn

man nicht vorzieht, den ganzen Fladen in den Mund zu nehmen und mittels

der Gabel oder der Finger durch die Zähne zu ziehen. Übrigens sind diese

Ochsenrippenstücke neben den sehr üppigen und teuren Rinds- und

Hammelsteaks das einzige gebratene Fleisch, welches wirklich schmackhaft

zubereitet zu sein pflegt, während Kalbskoteletten und Schnitzel meistens

ungenießbar sind. Als niedliches Kuriosum möchte ich erwähnen, daß ich

einmal bei einem Sonntagsdiner Honig als Kompott zum Roastbeef angeboten

bekam! Geflügel wird sehr viel mehr als bei uns gegessen. Es wird zu

unwahrscheinlichen Dimensionen herangezüchtet. Ich habe Hennen gesehen,

die so hoch waren wie ein Storch und so fett wie ein Mops; aber das

Fleisch dieser abnorm großen Tiere ist dafür auch wenig zart, und die

Keulen besonders bekommen einen ganz anderen Charakter als das

Brustfleisch; es wird beim Braten braun und mürbe, während das weiße

Fleisch trocken und charakterlos bleibt. Meistens wird einem aber der

Genuß selbst eines wohlgeratenen jungen Hahns durch eine pappige, süßliche

Mehltunke verkümmert. Da das Tellerabwaschen die Geduld des feinnervigen

Küchenpersonals auf eine zu harte Probe stellen würde, so muß man sich,

wenigstens in Haushaltungen bescheideren Stils, die ganze Mittags- oder

Abendmahlzeit einschließlich des Kompotts auf ein und denselben Teller

packen. In dem Boardinghouse bester Art, in dem wir in New-York wochenlang

lebten, bestand die sonderbare Sitte, daß nach der Suppe warme Teller mit

einem Kleckschen Fisch, etwa von Daumendicke und -länge, verabfolgt

wurden, selbstverständlich in einer seimig-süßen Sauce versteckt.

(Übrigens sind die Fische des Atlantischen Ozeans auf der amerikanischen

Seite wenig schmackhaft; wirkliche Delikatessen findet man nur unter den

Fluß- und Süßseefischen.) Nachdem der Fischbissen verschluckt,

beziehungsweise mißtrauisch auf den hohen Rand geschoben war, wurde der

ganze Tisch voll kleiner Platten gestellt: verschiedene Fleischsorten

verwischten Charakters, unseren Klopsen, falschen Hasen, Bouletten,

Rouladen und dergleichen ähnlich, in irgendeiner mehlweißen oder

kapuzinerbraunen Schmiere halb versunken, das unvermeidliche Chicken, dazu

verschiedene Gemüse, unter denen grüne Erbsen, Lima-Bohnen und Blumenkohl

die genießbarsten, sowie Kartoffeln in mehrerlei Aufmachung, in der Schale

im ganzen gebacken – man bricht sie auf und schält sie mit dem Teelöffel

heraus; recht empfehlenswert – oder als Brei, oder kloßartig, oder

gebraten. Niemals fehlen auf dem Tische die beliebten _Sweet Potatoes_,

Gebilde von Gurkenausdehnung, vor denen ich Fremdlinge eindringlichst

warnen möchte, denn sie sehen wie gezuckerte Glyzerinseife aus und

schmecken leider auch so ähnlich.

All diese Genußmittel, noch um diverse eingekochte Früchte vermehrt,

arrangiert man sich nun nach Geschmack und Talent auf seinem Fischteller,

und man kann von Glück sagen, wenn einem die Gräten nicht in die grünen

Erbsen, das Kompott nicht in die ausgehöhlte Kartoffelpelle und die

Hühnerknochen nicht in den falschen Hasen geraten. Echte Hasen gibt es

überhaupt nicht. Der Ersatz dafür, und überhaupt das einzige einheimische

Wild, ist das hasenfarbige _Rabbit_ (Kaninchen), das die Natur da drüben

aus Kautschuk verfertigt zu haben scheint – möglicherweise wird es aber

auch aus Abfällen der Schuhfabrikation künstlich hergestellt. Alles übrige

Wild haben die begeisterten Freischützen in den kultivierteren Staaten

schon längst abgeschossen – bis auf die Ratten und die Klapperschlangen.

Hat man die eßbaren Bestandteile der wüsten Speisenaufhäufung auf seinem

Universalteller herausgefuttert, so bilden die Überbleibsel ein ästhetisch

reizvolles Stilleben. Sind sie endlich entfernt, so erscheint als eiserner

Bestand jedes amerikanischen Menüs sowohl im Hotel ersten Ranges, wie auf

dem einfachsten bürgerlichen Mittagstisch der Salat, der niemals in einer

Schüssel herumgereicht, sondern immer fertig auf winzigen flachen

Tellerchen einem vorgesetzt wird. Mich wundert, daß noch kein

Yankeedichter diesen Salat besungen hat, denn in ihm feiert die Phantasie

des amerikanischen Kochkünstlers orgiastische Triumphe.

(M40)

Ich glaube, es gibt in den drei Naturreichen nichts, was nicht in solch

einem amerikanischen Salat zu finden wäre. Den Grundstock bilden ein bis

drei große grüne Blätter, die nicht unbedingt der Salatstaude zu

entstammen brauchen. Darauf werden einige Tropfen Essig und Öl geschüttet

und auf dieser Unterlage ein mehr oder minder kühner Aufbau von allem

möglichen und unmöglichen Süßem, Sauerem, Salzigem, Bitterem, Hartem,

Weichem, Flüssigem, Genießbarem und Ungenießbarem vollzogen. In einem

feinen Hause, in dem sich die Hausfrau selbst auf ihre Kochkunst viel

zugute tat, wurde beispielsweise eine solche Salatdichtung mit

außerordentlichem Beifall beehrt, deren Komposition ich dem Augenschein

und der Zunge nach ungefähr folgendermaßen analysieren möchte: zwei

Blätter Salat mit je fünf Tropfen Essig und Öl, darauf eine Scheibe

frische Tomate, eine viertel Scheibe Ananas, etwas weißes Hühnerfleisch,

einige Scheiben Radieschen, einige gepickelte Erbsen und Karotten, ein

Klecks Butter, mit Streuzucker durchgerührt, ein Teelöffel

Schokoladencream und eine Rumkirsche als Turmknopf oben drauf.

Totaleindruck auf Zunge und Gaumen zauberhaft; schmeckt – wie mein Freund,

der Rechtsanwalt in Landau, sagen würde – wie Öl und Werg! Diese

kulinarische Offenbarung erfolgte aber, wie gesagt, in einem Hause, dessen

Herrin ihren Xenophon in der Ursprache zu lesen vermochte. In minder

gebildeten Familien ist man natürlich weniger wählerisch und verwendet zur

Salatbereitung die nächstliegenden Gegenstände, also in erster Reihe die

mehr oder minder traurigen Überreste früherer Mahlzeiten, soweit sie

eßbaren Naturprodukten einigermaßen noch ähnlich sehen. Fehlt es aber zum

Beispiel an gepickelten Spargelspitzen, so kann man dazu auch einen klein

geschnittenen Spazierstock verwenden, da die Spazierstöcke drüben außer

Mode gekommen sind, und statt der Fleischbeigaben die Reste in Gedanken

stehen gebliebener Gummigaloschen, die die Trüffel täuschend ersetzen,

zumal, wenn sie vorher in sauren Rahm eingelegt und dann mit braunem

Zucker kandiert werden. Salat von Fischgräten, Kalmus und Bananen, mit

roten Pfefferschoten und Knallerbsen garniert, soll auch sehr gut sein;

ich habe ihn aber nicht gegessen, sondern nur nach einer besonders

anregenden Mahlzeit – erträumt!

Den Fruchttorten, die man an Stelle der Mehlspeisen zum Nachtisch reicht,

wird regelmäßig ein derbes Stück Käse beigefügt; zu welchem Zwecke, weiß

ich nicht. Als ich zum erstenmal diese Zusammenstellung erblickte, steckte

ich den Käse instinktiv in die Westentasche; ich hielt ihn für ein Stück

Radiergummi, den ich in meinem Geschäft immer brauchen kann. Befindet sich

Obst auf dem Tische, so nehme man sich davon beizeiten und reichlich,

fülle auch womöglich seinen Pompadour damit an, denn alles Obst ist in

Amerika von ganz vorzüglicher Qualität – und man weiß ja nie, wie’s kommen

mag! Was meine Person betrifft, so muß ich gestehen, daß ich mich während

der ganzen Boardinghouse-Periode kümmerlich von Austern und Hummern

genährt habe, denn die sind von unvergleichlicher Güte, Größe und

Nahrhaftigkeit und nebenbei auch das einzige amerikanische Produkt, das

man – neben Stiefeln – als billig bezeichnen kann. Europäer von noch nicht

genügend fortgeschrittener Perversität möchte ich jedoch vor den _Clams_

warnen, einer kleinen, lachsfarbenen Muschelart, deren penetranter

Nachgeschmack einen besseren Neurastheniker zum Selbstmord verführen

könnte.

Die raffinierten Schlemmer unter den Yankees sind übrigens sehr selten,

und ihre Begierde wandelt andere Pfade wie die des europäischen Genießers.

Im vornehmsten Hotel in Buffalo „Zum Irokesen“ sollte ich zum erstenmal

die Bestimmung eines geheimnisvollen Utensils kennen lernen, das mir schon

in vielen Hotels und Restaurants aufgefallen war: ein massives, etwa einen

halben Meter hohes, zylindrisches Silbergerät mit einer oben

herausragenden, durch einen derben Querbalken betätigten Schraube. Ein

einsamer Speiser ließ sich an einem Nebentisch nieder, dessen Bestellung

sogleich eine Menge Kellner in aufgeregte Bewegung versetzte. Offenbar war

dieser wuchtige Geselle mit dem römischen Imperatorenkopf ein Genießer

höherer Grade. Nach längerer Zeit brachte man eine große verdeckte

silberne Schüssel, die auf ein Spiritusrechaud gestellt wurde. Zwei

Kellner trugen dann jenen rätselhaften schweren Silbergegenstand herbei

und schraubten dessen obere Hälfte ab. Darauf hob der Oberkellner mit

feierlicher Miene den Deckel der Silberschüssel auf und spießte von den

beiden darunter befindlichen, leicht angebratenen Vögeln (Enten waren es

meiner Meinung nach) einen auf und pfropfte ihn mit Mühe in jenen Zylinder

hinein, worauf das Oberteil wieder aufgesetzt und nunmehr die Schraube mit

Anstrengung beider Hände betätigt wurde. Aus einer Ausflußöffnung am Boden

des Gefäßes rann dickes, schwärzliches Blut in eine vorgehaltene Schale.

Dieses Blut wurde mit allerlei Gewürzen angerührt und schließlich als

Sauce über den anderen halb rohen Vogel gegossen. Dieses kannibalische

Gericht verzehrte der Einsame mit dem Gleichmut eines Lukull. Ich erinnere

mich nicht, ob er Tee dazu getrunken hat. Zu verwundern wäre es weiter

nicht gewesen, da der Yankee auch die opulentesten Mahlzeiten mit

Eiswasser, Tee oder Kaffee hinunter zu spülen pflegt.

(M41)

Der Fremde, dessen Mittel nicht ausreichen, in erstklassigen Hotels und

Restaurants zu speisen, und der sich mit der Yankeeküche gewöhnlichen

Schlages nicht zu befreunden vermag, fährt am besten, wenn er sich in

eines der zahlreichen, meist billigen und einfach gehaltene Speisehäuser

begibt, die seine heimische Küche pflegen. Man kann in dem teuren New

York, und wohl auch in den meisten der ganz großen Städte, französisch,

deutsch, italienisch, griechisch, polnisch, ungarisch, chinesisch und

koscher essen. Namentlich an guten, sehr billigen italienischen Lokalen,

in denen es noch einen trinkbaren Wein gratis gibt, ist in New York

wenigstens kein Mangel. Dagegen habe ich wienerische Speiserestaurants

ebenso schmerzlich wie Wiener Cafés vermißt. Ich meine, hier wäre noch

eine Kulturmission für die Einwanderer der österreichischen Kronländer zu

erfüllen. Wenn ich drüben irgendwo ein Stück Rindfleisch mit Beilage, wie

bei Meisl & Schaden, vorgesetzt bekommen hätte, ich hätte es knieend

verzehrt und hernach stehend die österreichische Nationalhymne gesungen.

Und die Einführung des Berliner Systems Kempinski, nämlich eine große

Auswahl von Gerichten in tadelloser Qualität zu einem sehr billigen

Einheitspreis zu geben, könnte eine Revolution des Ernährungswesens drüben

hervorbringen. Bis dahin muß der deutsche andachtsvolle Genießer mit

heißer Liebe seine wohlhabenden Landsleute umbuhlen, denn es sind drüben

fast allein die Deutschen, die den Schwerpunkt ihres gesellschaftlichen

Ehrgeizes auf eine gute Tafel im heimatlichen Stil verlegen.

(M42)

Beim richtigen Yankee scheinen es übrigens nicht die Geschmackswarzen zu

sein, welche ihm den Genuß beim Essen vermitteln, sondern vielmehr die

Kinnbacken und die Speicheldrüsen. Das Kauen und das Schlucken an sich

macht diese einfachen Naturkinder glücklich. Wer zum erstenmal nach den

Vereinigten Staaten kommt, kann sich nicht genug darüber wundern, hier

einem Volke von Wiederkäuern zu begegnen. In der Straßenbahn, in den

Geschäften, in den Vergnügungslokalen wie auf der Straße sind die

Kauwerkzeuge dieser seltsamen Nation in unausgesetzter Bewegung, und ein

Widerschein von Zufriedenheit überstrahlt von dieser Kinnbackenbetätigung

aus die Gesichter. Junge hübsche Ladnerinnen kauen, wenn sie mittags zum

Lunch gehen und wenn sie vom Lunch ins Geschäft zurückkehren. Die Soldaten

kauen beim Exerzieren; sie würden sicher auch kauend ihre Schlachten

schlagen. Der gesetzte junge Mann mit ernsten Absichten kaut, wenn er

seine Liebeserklärung macht, und seine Erwählte erwidert errötend: „Mum

mum mum – tschap tschap, sprechen Sie mit Mama.“ Und der gewaltige, 125

Kilo schwere Schutzmann rennt kauend dem Dieb nach und packt ihn beim

Kragen mit dem Ausruf: „Dscham dscham – ich verhafte Sie – mum mum – im

Namen des Gesetzes!“ Ein Stückchen gezuckerter Gummi (_Chewing Gum_)

zwischen die Backzähne geschoben, beglückt alle diese Leute wie den

Seemann sein Priemchen und wiegt sie in die freundliche Täuschung ein, in

der besten aller Welten zu leben. Wäre Cartesius als Yankee zur Welt

gekommen, er hätte sicher sein berühmtes „cogito ergo sum“ abgewandelt in:

„Ich kaue, folglich bin ich.“

Der Dichter in Dollarica · 第 17 / 44 题