(M31)
Es war in Philadelphia. Mir gegenüber im zweiten Stockwerk eines netten,
epheuumrankten Familienhauses war ein junger Nigger mit Fensterputzen
beschäftigt. Bekanntlich gibt es in Amerika keine Flügelfenster, sondern
ausschließlich jene greulichen englischen Schiebefenster, welche ein
behagliches Hinausschauen, ein geschwindes Kopfherausstrecken nach einer
rasch vorüber brausenden Straßensensation fast unmöglich machen. Denn die
Fenster sind fast durchweg so niedrig über dem Fußboden angebracht, daß
die bewegliche untere Hälfte einem ausgewachsenen Menschen kaum bis zur
Brusthöhe reicht. Wenn man also hinausschauen will, so muß man, um nicht
etwa das Übergewicht zu verlieren und kopfüber hinauszupurzeln, schon auf
den Boden hinknien und seinen Hals, auf die Gefahr hin, bei etwaigem
schlechten Funktionieren der Sperrfedern geköpft zu werden, unter die
gläserne Guillotine stecken. Mein Nigger hatte es sich im Reitsitz auf dem
Fensterbrett gemütlich gemacht; das eine Bein hing auf die Straße hinaus,
obwohl es empfindlich kalt an diesem sonnigen Januartage war. Während er
sein Handwerkszeug, Schwamm, Trockentuch und Lederlappen, bedächtig auf
dem Fensterbrett zurecht legte, pfiff er sich eins, blickte die schmale
Seitenstraße hinunter und die breite Avenue hinauf (denn es war ein
Eckhaus). Da doch vorläufig nichts Besonderes zu sehen war, so stellte er
sein Pfeifen ein und schaute mit sorgenvoll gerunzelter Stirn aufwärts. Er
dachte offenbar angestrengt über das Problem nach, wie er wohl, ohne sein
kostbares Leben zu gefährden, d. h. auf dem Fensterbrett stehend, mit dem
Oberkörper rückwärts hinausgelehnt und nur mit einer Hand am Fensterrahmen
in der Mitte sich festklammernd, die obere Scheibe von außen reinigen
könnte. Da er zu diesem waghalsigen Turnerstückchen sich nicht aufgelegt
fühlte, so schüttelte er seinen dicken Wollkopf und versuchte, wie weit er
mit ausgestreckter Hand über sich emporreichen könnte. Die Fingerspitzen
langten nur gerade ein weniges über die mittlere Rahmenleiste hinaus; das
genügte ihm aber vorläufig. Er ergriff seinen Lappen und wischte am
äußeren unteren Rande der Mittelleiste ein wenig Staub hinweg. Darauf
erhob er sich und befummelte im Stehen die innere Seite des
hinaufgeschobenen Fensters. Er ließ sich sehr reichlich Zeit hierzu, ohne
deswegen jedoch die Sache gar zu ernst zu nehmen. Als die innere obere
Scheibe seiner Meinung nach genügend sauber war, nahm er wieder auf dem
Fensterbrett Platz und ließ sein linkes Bein, dessen zierliches
Plattfüßchen mit einem riesigen Footballstiefel bekleidet war, wieder ins
Freie baumeln. Nachdem er eine ganze Weile untätig vor sich hingeträumt
hatte, unternahm er den Versuch, die innere Fensterhälfte
herunterzuziehen, um nunmehr das Glas von außen zu bearbeiten. Es dauerte
sehr lange, bis es ihm gelang, das Fenster aus seiner Ruhelage zu bringen,
und als er es endlich glücklich los hatte und nun versuchte, die schwere
Glasscheibe auf seinem rechten Knie so zu stützen, daß ein genügend großer
Spalt offen blieb, um ihm das Hantieren im Sitzen zu gestatten, fand er
alsbald, daß er sich dadurch in eine höchst unbequeme Lage begeben und
besonders seinem zarten Kniechen zu viel zugemutet habe. Er schob also
stöhnend und schnaufend die Scheibe wieder hinauf, wischte sich mit dem
Ärmel über den Schädel und fletschte zornig sein anmutiges „G’frieß“ gegen
die Scheibe hinauf – gerade wie es die Kinder machen, wenn sie mit der
Kommode böse sind, an der sie sich gestoßen haben. Plötzlich verklärte
sich seine intelligente Schimpansenphysiognomie. In der Ferne ließ sich
Militärmusik vernehmen. Bum, bum, tschindara! Master Kinkywoolly wurde
ganz Ohr und ganz Seligkeit. Er beugte sich so weit hinaus wie möglich und
spähte die breite Hauptstraße hinunter. Etwas ganz besonders
Herzerhebendes mußte da los sein, denn mein Nigger klatschte begeistert in
die Hände und zeigte, seine zierliche Fresse weit aufreißend, die
lachenden Zähne im Leckermaul. Ich schob nun gleichfalls mein Fenster
hoch, kniete auf den Boden nieder und reckte den Hals hinaus, um mir den
seltenen Anblick eines militärischen Aufzuges nicht entgehen zu lassen.
Aber es war ganz etwas anderes, was ich zu sehen bekam, etwas ganz
spezifisch Amerikanisches. Gassenbuben und Strolche vorweg, dann eine
uniformierte Kapelle und dann in Rotten zu vieren ein schlotteriger
Parademarsch, inszeniert von einem politischen Boß und ausgeführt von
einer Elitetruppe seiner Parteifreunde. Lauter freie Republikaner
gesetzten Alters, wohl genährt, sauber und glatt rasiert, alle mit den
gleichen gelben Gamaschen, denselben Schlipsen, denselben Hüten und
denselben Bambusstöcken mit vernickelten Griffen, die sie wie die Gewehre
aufrecht an die Schulter gedrückt trugen, wie ehemals unser Militär bei
dem Griff „faßt das Gewehr an“. Ein gerade zu Besuch anwesender
Eingeborener erklärte mir, daß die Parteikasse die Ausrüstung an
Gamaschen, Schlipsen, Hüten und Spazierstöcken stelle und diese
öffentlichen Umzüge ansehnlicher, sichtbarlich satter und zufriedener
Mitbürger von Zeit zu Zeit veranstalte, um dem Publikum zu beweisen, wie
gut es sich unter den Fittichen ihrer Partei leben lasse. Ein unerhört
fetter schwarzer Schutzmann, der an der Straßenkreuzung postiert war,
führte vor Vergnügen über diesen gelungenen Aufzug einen veritablen
Cakewalk nach dem munteren Rhythmus der Musik aus, und mein Fenster
putzendes Niggerlein jauchzte vor Vergnügen über solchen grotesken Anblick
und bewegte sich im Takte der Musik, als ob er ein tanzendes Zirkuspferd
zwischen den Schenkeln hätte. Offenbar gehörten der cancanierende
Schutzmann und der reitende Fensterputzer gleichfalls der Partei der
Demonstranten an und fühlten sich durch den erhebenden Parademarsch ihrer
Vertrauensmänner in ihren patriotischen Gefühlen angenehm gekitzelt. – Bis
der letzte Hauch der Blechmusik verklungen war, dachte selbstverständlich
der farbige Jüngling gegenüber nicht daran, sein Fenster wieder
vorzunehmen. Dann aber griff er tief aufseufzend wieder zum Wischtuch und
hielt es nachdenklich in der Hand, während seine schwarzen Sammetaugen
sich bekümmert an den dummen Fensterrahmen hefteten, der so gar keine
Miene machte, von selber zu ihm herunter zu kommen. Plötzlich kam wieder
Leben in die schier erstarrte Gestalt. Master Kinkywoolly drehte den Kopf
über die Schulter und äugte höchst gespannt die Avenue hinauf. –
Wahrhaftig, noch eine Parade! Mehrere Dutzend Geistliche der Stadt,
paarweise nebeneinander in schwarzen Talaren. Und statt der Bambusrohre
mit Nickelknöpfen schulterten sie ihre Regenschirme. Die schwarzen Herren
waren auf dem Wege zum Oberbürgermeister, um feierlich bei ihm vorstellig
zu werden, daß er die fromme Quäkerstadt beschützen möge vor dem
Satansgreuel der Salome von Richard Strauß, deren Aufführung in
Philadelphia eine fremde Operntruppe angekündigt hatte. Es wäre eigentlich
passend gewesen, daß der fette schwarze Schutzmann an der Straßenkreuzung
bei dieser Gelegenheit den Tanz der sieben Schleier aufgeführt hätte. Aber
er schien zu Richard Strauß und seiner Kunst noch nicht Stellung genommen
zu haben, denn er ließ die Parade ohne sichtliche Gemütsbewegung
vorüberziehen und sorgte nur dafür, den Wagenverkehr derweil zu bändigen.
– Mein Fensterputzer stierte blöd der schwarzen Prozession nach, bis sie
um die Ecke verschwunden war; dann führte er mit seinem kalt gewordenen
Spielbein einige Freiübungen aus und war eben dabei, tatsächlich seinen
Schwamm ins Wasserbecken zu tauchen, um vielleicht doch den Versuch einer
flüchtigen Wäsche von außen zu wagen, als es vom nächsten Kirchturm zwölf
schlug. Der Schwamm flog ins Becken, das Bein über das Fensterbrett und
der schwarze Jüngling davon zum schwer verdienten Lunch. Ich vermute, daß
er am nächsten Ersten um eine Lohnerhöhung eingekommen ist.
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Das Beispiel dieses schwarzen Fensterputzers dürfte einigermaßen typisch
sein für den Eifer, mit dem häusliche Dienstleistungen in den Vereinigten
Staaten verrichtet werden. Gewiß arbeitet ein frisch von Europa
eingewandertes Hausmädchen fleißiger und gründlicher, dafür ist es aber
auch sehr viel anmaßender und sehr viel schwieriger zu behandeln als der
Niggerboy, der doch wenigstens freundlich grinst und danke sagt, wenn er
ein Trinkgeld kriegt. Ja, die Dienstbotennot ist wirklich die Frage aller
Fragen, nicht nur für die Hausfrau des amerikanischen Mittelstandes. Die
ganz reichen Leute freilich leisten sich einen englischen _Butler_
(Haushofmeister), einen französischen _Valet de chambre_, einen
italienischen Koch, einige griechische Lakaien von klassischer
Gesichtsbildung und unbezahlbarer Frechheit und etliche appetitliche
irische Mädchen. Für Geld, d. h. für sehr viel Geld ist natürlich auch
eine aristokratisch luxuriöse, gut gedrillte Dienerschaft in den
Vereinigten Staaten zu haben; aber die Leute von mittlerem und kleinem
Vermögen, also von einem Einkommen, wie es hier unsere armen Schlucker von
Regierungspräsidenten, Generalmajoren, Oberpostdirektoren und beliebten
Schriftsteller besitzen, können sich eine perfekte Köchin und noch ein
tüchtiges Stubenmädchen dabei schwerlich leisten. Denn eine Köchin, die
etwas Eßbares zu kochen imstande ist, dürfte unter 100 Mk. Monatslohn
nicht zu haben sein, und 10 Dollars muß man sogar für einen frisch
importierten, unerprobten Besen schon anlegen. Sind diese Damen bereits
ein paar Monate im Lande, so daß sie sowohl von der Sprache wie von dem
Wesen ihrer staatsbürgerlichen Rechte einigen Begriff haben, so machen sie
mit ihrer Herrschaft einen Vertrag mit zahlreichen Paragraphen, welche
genau ihre Pflichten und Rechte festlegen. Darin ist bestimmt, daß sie
außer dem Sonntag, an welchem sie nur morgens die Schlafzimmer aufzuräumen
haben, noch an einem Wochentag ausgehen, ferner das _Parlor_ (Wohnzimmer)
bei Besuchen ihrer Freunde und Verwandte mitbenutzen und
selbstverständlich ohne Kündigung abziehen dürfen, sobald es ihnen
beliebt. Irgendwelche schwere oder schmutzige Arbeit verrichten diese
Damen grundsätzlich nicht, dazu müssen extra Nigger, Chinesen, Polacken
oder dergleichen Kroppzeug gehalten werden. Verlangt die Hausfrau
irgendwelchen Dienst von ihnen, der nicht kontraktlich stipuliert oder
landesüblich einbegriffen ist, so entgegnet ihr das Fräulein
achselzuckend: „_That’s not my business, Ma’m_“ – und fertig. Ein Mädchen,
das für die Küche angestellt ist, wird beispielsweise um keinen Preis dem
Hausherrn einen Knopf annähen; und ein Hausmädchen wird sich auch im Falle
der höchsten Not schwerlich herbei lassen, ein Kind aufs Töpfchen zu
setzen. Einer geborenen Amerikanerin zumuten zu wollen, die Stiefel zu
putzen, wäre ungefähr gleichbedeutend mit schwerer körperlicher
Mißhandlung. Eine junge deutsche Dame, die einen amerikanischen Landsmann
geheiratet hatte, erzählte mir, daß sie, um den Schwierigkeiten der
Dienstbotenwirtschaft zu entgehen, sich eine alte, treu anhängliche
Dienerin mitgebracht habe, die schon 14 Jahre in der Familie gewesen war.
Nach drei Wochen bereits habe sie ihr die Stiefelbürste vor die Füße
geworfen und erklärt, daß sie sofort heimreisen werde, wenn ihr solche
entwürdigende Zumutung noch länger gestellt würde. An einer
Frauenuniversität, an der ich eine Vorlesung gehalten hatte, wurde mir das
einzige für männliche Gäste reservierte Zimmer zum Übernachten angewiesen,
in welchem der Herr Bischof untergebracht zu werden pflegte, wenn er zur
Kirchenvisitation kam. Ich entdeckte im Badezimmer ein schön poliertes
Mahagonikästchen, und als ich es neugierig öffnete, fand ich darin ein
komplettes Wichszeug vor. Der Herr Bischof mußte sich also auch höchst
eigenhändig seine Stiefel putzen, da es im Gebiete der Damenuniversität
natürlich keinen öffentlichen Wichsier gab. Daß gerade gegen die
ehrenhafte Betätigung des Stiefelputzens ein solches Vorurteil besteht,
ist um so merkwürdiger, als der freie Amerikaner niederen Standes es sonst
durchaus nicht für unter seiner Würde hält, seine Karriere als Inhaber
eines Straßenwichsstandes zu beginnen und als nicht wenige der heutigen
Multimillionäre in diesem Geschäft den Grundstock ihres Vermögens legten!
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Deutsche Dienstmädchen gibt es schon lange kaum mehr; die meisten der
Damen, die so anfingen, fahren heute in ihrem eignen Auto spazieren. Denn
wenn sie auch nur eine Ahnung von der edlen Kochkunst hatten und
einigermaßen nett anzusehen waren, wurden sie mit Wonne von besser
situierten Landsleuten geheiratet. Auch die einstmals als Hausmädchen
besonders beliebten Irinnen trifft man heute höchstens noch in sehr
vornehmen Hotels in dieser Stellung an. Im Westen soll es noch schlimmer
sein als im Osten. In San Franzisco verdient ein Maurer 7 $, also gegen 30
Mk. pro Tag! Selbstverständlich denken seine Töchter nicht daran, in
Dienst zu gehen, auch nicht in die Fabrik. Sie spielen lieber Klavier und
gehen in echten Ponypelzen spazieren. Gegenwärtig sind Ungarinnen
besonders gefragt, und wer eine solche dralle, hochgestiefelte Pußtadirne
nicht erschwingen kann, der nimmt mit einer Kroatin, Slowakin, Ruthenin
oder dergleichen vorlieb. Wer aber dem ewigen Ärger und der ewigen Angst,
ob er morgen noch auf die Unterstützung seiner Perle zu rechnen oder
abermals den Gang aufs Mietsbureau anzutreten haben werde, seiner
Konstitution nicht zutraut, oder als echter Demokrat zu feinfühlig ist, um
Menschen seinesgleichen, freie Mitbürger in unwürdiger Abhängigkeit zu
erhalten, der verzichtet überhaupt auf häusliche Dienstboten. Und zu
diesen vernünftigen Leuten gehören fast alle Männer, die das Glück hatten,
eine Frau zu erwischen, die von Küche und Haushalt etwas versteht, und der
eine rege Betätigung im eignen Heim mehr Freude macht, als das fade
Gesellschaftsleben und die Hetze von Verein zu Verein, von Vergnügen zu
Vergnügen.
(M34)
An einem sonnigen Sonntagvormittag traf ich beim Spaziergang durch eine
der reizenden ländlichen Universitäten des Nordens eine meiner neuen
Bekanntschaften von einem Diner am vorhergehenden Abend. Es war ein
hochgewachsener, schlanker junger Herr in den Dreißigern, der in einen
höchst eleganten Sealskinpelz gehüllt, einen glänzend gebügelten
Zylinderhut auf dem Kopf und eine edle Havanna mit goldfunkelnder
Leibbinde zwischen den kostbar plombierten Zähnen – einen eleganten
Kinderwagen mit Inhalt vor sich herschob! Lebhaftes Interesse für seinen
glücklicherweise schlummernden Sprößling heuchelnd, begrüßte ich den Herrn
Professor. Er mochte mir wohl anmerken, daß mir begriffsstutzigen Europäer
seine väterliche Betätigung in diesem Aufzuge etwas sonderbar vorkomme und
erklärte mir aus freien Stücken den Zusammenhang. „_Look here_“, sagte er,
„wir sind jung verheiratet, wir haben nur ein kleines Haus und ein kleines
Einkommen; wir können uns keine Dienstboten halten – außerdem ziehen wir
es vor, in unserer zärtlichen jungen Ehe unbeaufsichtigt zu bleiben und
wollen uns nicht den halben Tag den Kopf darüber zerbrechen, wie wir aus
unserer Mary oder Jane die größtmögliche Arbeitsleistung herausziehen
könnten, ohne ihrer Empfindlichkeit als Mitbürgerin zu nahe zu treten. Wir
haben nur eine alte Negerin zur Hilfe, die vormittags zwei Stunden die
gröblichere Arbeit verrichtet, und einen Mann, der alle Wochen einmal die
Asche aus dem Zentralfeuerloch im Keller ausräumt und die Müllkasten vor
die Tür stellt; alles andere besorgen wir selbst. Sehen Sie, heute früh
z. B. habe ich zunächst, wie alle Tage, das Feuer in der Zentralheizung
geschürt und Kohlen nachgefüllt, dann habe ich Kaffee gekocht, da meine
Frau nicht ganz wohl ist, und das Frühstück für uns beide hergerichtet.
Dann habe ich, weil es in der Nacht lustig geschneit hat, vor unserer
Haustür und auf dem Trottoir Schnee geschippt und darauf mich wieder in
einen Gentleman verwandelt. Da es darüber für die Kirche zu spät geworden
war, habe ich vorgezogen, meine Sonntagsandacht in Gesellschaft meines
vorläufig einzigen Sohnes durch ein edles Rauchopfer im Sonnenschein zu
verrichten. Zum Luncheon behelfen wir uns mit kalter Küche, und wenn
meiner Frau bis abends nicht besser wird, so nehme ich mein Dinner im
Klub, nachdem ich ihr eine Suppe gekocht und eine Konservenbüchse gewärmt
habe. Vor dem Schlafengehen schütte ich dann noch einmal im Keller Kohlen
auf die Heizung, und damit habe ich alles getan, was die
Haushaltungsmaschine braucht, um regelrecht zu funktionieren.“
„Sehr schön,“ sagte ich in ehrlicher Anerkennung. „Aber das nimmt Ihnen
doch sehr viel Zeit weg. Und wenn Sie nun früh morgens eine Vorlesung
haben, was machen Sie dann?“
„_Well_, dann stehe ich eben eine Stunde früher auf,“ lachte er vergnügt,
„und gehe abends eine Stunde früher ins Bett. Das ist sehr gesund. Ich
habe immer acht Stunden guten Schlaf, und wenn die Frau wohlauf ist,
kostet mich mein Anteil an der Hausarbeit kaum mehr als eine Stunde am
Tag. Wir haben es noch nie bereut, die Wirtschaft mit den Dienstboten
überhaupt erst gar nicht probiert zu haben. Und dabei brauchen wir noch
nicht einmal auf Geselligkeit im Hause zu verzichten. Wie haben schon
einmal 50 Leute eingeladen gehabt.“
„Nicht möglich! Wie haben Sie denn das angestellt?“
„O, sehr einfach. Wir besitzen Service für 12 Personen, also waren wir 12
Personen zum Lunch. Natürlich haben wir kein Eßzimmer, in dem 12 Personen
bei Tische sitzen könnten, es mußte sich also jeder setzen, wo er gerade
Platz fand. Dann kriegte jeder einen Teller, eine Serviette und ein
Besteck, und darauf wurden die Schüsseln, eine nach der anderen,
herumgereicht – alles auf denselben Teller. Bei einigem guten Willen geht
es schon, und meine Frau kann wirklich kochen. Natürlich hatten wir dabei
Hilfe, aber nicht etwa bezahlte Mädchen, sondern zwei meiner Studentinnen;
die machen das viel intelligenter und netter. Nach dem Essen kamen dann
die übrigen 38 Personen – die wurden aber nur mit geistigen Genüssen
traktiert. Ich las ihnen etwas vor, und eine meiner akademischen
Aushilfskellnerinnen spielte, von meiner Frau begleitet, einige
Flötensolos. Außerdem konnten wir sogar noch mit der berühmtesten
Schönheit von Pawtucket, Connecticut, die sich gerade auf der Durchreise
befand, aufwarten!“ – –
Und so wie dieser junge Professor halten es die meisten vernünftigen
Amerikaner von ähnlicher gesellschaftlicher Position und Vermögenslage.
Wir waren einmal bei der Dekanin einer Frauenuniversität zu einem intimen
Diner geladen. Während des Essens stieß mich meine Frau unter dem Tisch
mit dem Fuße und richtete meine Aufmerksamkeit durch ihre Blicke auf die
bedienende Maid, die in ihrem weißen Kleid, mit dem weißen getollten
Häubchen auf dem üppigen Blondhaar allerdings eine Sehenswürdigkeit
darstellte. Wir drückten der Gastgeberin erst auf Deutsch, und als dies
durch warnendes Räuspern abgelehnt wurde, auf Französisch, dann auf
Italienisch unsere Bewunderung für dieses nicht nur ungewöhnlich hübsche,
sondern auch ungewöhnlich intelligent aussehende Hausmädchen aus. Da aber
fing die ganze Gesellschaft zu kichern an, und die schöne Blondine bekam
einen roten Kopf und hastete in größter Verlegenheit hinaus. Und nun wurde
uns anvertraut, daß dieses reizende Servierfräulein eine junge akademische
Kollegin von Fräulein Professor sei, nämlich – die Privatdozentin für
Sanskrit!
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Das Merkwürdige an diesem kleinen Erlebnis soll nun nicht so sehr der
Umstand sein, daß es in der neuen Welt bereits Privatdozentinnen für
Sanskrit gibt, welche obendrein auch noch sehr hübsch sind, als vielmehr,
daß in diesem angeblich so freien und vorurteilslosen Lande zwar die
gebildeten Menschen keinerlei notwendige Arbeit scheuen und sich in der
liebenswürdigsten Weise gegenseitig in ihren häuslichen Schwierigkeiten
aushelfen, während gerade die untersten, auf körperliche Arbeit
angewiesenen Stände die Lohnarbeit im Hause geradezu als eine Schande
anzusehen scheinen. Obwohl es in dem Lande, wo die Dienstboten so hoch
entlohnt werden wie nirgends in der Welt und mit zarter Rücksicht wie die
rohen Eier behandelt werden müssen, damit sie nicht gleich wieder
fortlaufen, keifende Hausdrachen und grob anschnauzende Hausherrn wie bei
uns wohl überhaupt nicht geben dürfte, ziehen doch die Mädchen die
unangenehmste Arbeit in der Fabrik, den anstrengenden Laden- und
Bureaudienst dem bequemen Schlaraffenleben als Haushaltsangestellte vor.
Gehorchen zu sollen ist eben für den Amerikaner die furchtbarste Zumutung,
die man ihm stellen kann. Er dient nur so lange, wie er es absolut nötig
hat. Sobald er sich ein paar Dollar zurückgelegt hat, sucht er sich
selbständig zu machen. Bei dem elenden Dasein eines kleinen Handelsmannes,
der auf der Straße Ansichtspostkarten, Popcorn oder Kaugummi verkauft,
fühlt er sich zehnmal stolzer und zufriedener, als in der bequemsten
häuslichen Stellung, in der er sich einem fremden Willen unterzuordnen
hat. Es kommt noch dazu, daß dem Bürger der Neuen Welt nicht nur jedes
Gefühl für die Schönheit und Würde des sich Einfügens in ein
patriarchalisches Abhängigkeitsverhältnis von Herr und Knecht, von Meister
und Geselle, sondern auch jeglicher Zunftstolz abgeht, jegliche Liebe zu
dem Handwerk etwa, in das einer hinein geboren oder für das einer bei uns
erzogen wird. Im Grunde genommen sind die Menschen drüben alle Spieler und
Glücksritter. Sie ergreifen ohne langes Besinnen, was sich ihnen gerade
bietet, und treiben es nur so lange – _until a better job turns up_ –, bis
sich eine bessere Sache bietet. Jeder junge Mensch drüben fühlt sich
einfach zu allem berufen. Wenn er heute aus Hunger zugreifen und sich in
den weißen Anzug eines New Yorker Straßenkehrers stecken lassen müßte, so
zweifelte er darum doch keinen Augenblick daran, daß er berufen sein
könnte, übers Jahr bereits Teilhaber einer Minenausbeutungsgesellschaft in
Oklahama zu sein und auf der Höhe seines Lebens in den Senatspalast von
Washington einzuziehen. Es ist eigentlich niemand etwas Gewisses in diesem
Lande; selbst bei meinem Kollegen, dem erfolgreichen Dramatiker, bin ich
nicht sicher, ob er nicht übers Jahr Flugmaschinen fabriziert oder
Truthähne en gros züchtet. Daher kommt es, daß auf dem Gebiete der
persönlichen Dienstleistungen und des handwerklichen Betriebs keine
fachmännische Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit existiert. In Madison
(Wisconsin) ließ ich mir einen zerbrochenen Zeiger an meiner Uhr durch
einen neuen ersetzen. Als ich nach Hause kam, stellte sich heraus, daß der
neue Zeiger sich absolut nicht bewegte. Der angebliche Uhrmacher, der ihn
eingesetzt hatte, war vermutlich vorgestern noch Verkäufer in einer
geräucherten Fischwarenhandlung gewesen. In New York wollte ich mir eine
Kleinigkeit an einem silbernen Stockgriff löten lassen. Man schickte mich
von Pontius zu Pilatus über fünf Instanzen hinweg; endlich, in einer
Silberwarenfabrik, erbot sich der Besitzer nach vielen Bedenklichkeiten
und Hin- und Herreden über Wetter und Politik, einen seiner Arbeiter zu
ersuchen, die Kleinigkeit zu besorgen. Ich bekam auch wirklich schon nach
ein paar Minuten meinen Stock zurück. Der äußerst geschickte
Silberarbeiter hatte das losgelöste Monogramm allerdings mit dem Lötrohr
befestigt, dabei aber den oberen Rand des Stockes zu Kohle verbrannt. Und
als ich mit dem reparierten Gegenstand daheim anlangte, mußte ich die
Entdeckung machen, daß das Monogramm endgültig verloren war, nachdem es 14
Tage lang doch wenigstens noch an einem Faden gehangen hatte. Man gibt
sich eben in diesem großen Lande nicht gerne mit Kleinigkeiten ab. Was mit
der Maschine nicht gemacht werden kann, das wird schlecht oder gar nicht
gemacht, weil der Amerikaner seine Menschenwürde so überaus hoch
einschätzt, daß er die Handarbeit und gar das persönliche Dienstverhältnis
verachtet. Darum strengt er auch seinen hellen Verstand auf das äußerste
an, um immer mehr notwendige Verrichtungen durch die Maschine besorgen zu
lassen und die unumgänglichen Handarbeiten tunlichst zu vereinfachen. Weil
die Dienstboten so rar, so teuer und so überaus bequem sind, lieben sie
z. B. das Messerputzen durchaus nicht, folglich hat man fast
ausschließlich Messer von Bronze in Gebrauch genommen, mit denen man zwar
nicht schneiden kann, die dafür aber auch durch einfaches Durchziehen
durch heißes Wasser und Abtrocknen zu säubern sind. Da es nun aber Messer
mit einer scharfen Schneide nicht gibt, so kann es selbstverständlich auch
keinen Braten geben. Das Roastbeef und das Geflügel macht man durch
Zerreißen zwischen Gabel und Messer einigermaßen mundgerecht. Im
allgemeinen aber richtet man die Speisen lieber gleich in einer
breiförmigen Gestalt her, sodaß sie nur einfach in den aufgesperrten
Rachen hineingeschaufelt zu werden brauchen; man spart damit auch viel
kostbare Zeit.
Vorläufig findet ja noch ein starker Zustrom von slawischen,
südeuropäischen und westasiatischen Völkerschaften statt. So lange diesen
noch nicht der Knopf aufgegangen ist, d. h. so lange sie sich ihrer
Bedeutung als selbstherrliche Bürger der glorreichsten Republik der Welt
nicht bewußt sind, geben sie sich ja noch teils aus Hunger, teils aus
angeborener Knechtseligkeit zu Kellnern, Hausmädchen und dergl. her. Aber,
wie gesagt, immer nur bis der bessere „Job“ auftaucht, dann gesellen sie
sich alsbald der stolzen Klasse der selbständigen Unternehmer zu. Wenn nun
aber einmal das Land voll ist, so daß es seine Tore vor den Einwanderern
zusperren muß – wer soll dann all die häusliche und sonstige, niemals
völlig aus der Welt zu schaffende Handarbeit verrichten? Ich legte diese
kniffliche Frage auch meinem hochverehrten Gastfreunde in Ithaka, Andrew
D. White, dem früheren Botschafter in Berlin, vor. Er wiegte bedenklich
seinen schönen weißen Gelehrtenkopf, und dann gab er mir verschmitzt
lächelnd zur Antwort: „Ja, sehen Sie, wir Amerikaner sind eben Optimisten.
Wir sagen: es ist noch immer gegangen, und dies wird auch gehen, so oder
so. Warum sollen wir uns die Köpfe unserer Enkel zerbrechen?“
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Hm! allerdings – man hat schon Bronzemesser eingeführt und auf Braten
verzichtet; man kann sich ja das Bett, das man jetzt schon allgemein
abends selber aufdecken muß, auch morgens selber machen; man kann auch
seine Frau hinten zuknöpfen, ohne an seiner Mannesehre Schaden zu leiden,
aber man kann schließlich doch nicht auf Wohnen, Schlafen, Essen,
Kinderkriegen und Sterben im eignen Heim gänzlich und unter allen
Umständen verzichten. Und alle diese Notwendigkeiten setzen doch
wenigstens unter gewissen Verhältnissen die Hilfe von Leuten voraus, die
nicht gerade akademische Bildung oder ein Scheckkonto auf der Bank zu
besitzen brauchen. Wo sollen die herkommen, wenn alle Amerikaner erst
einmal selbständige Unternehmer geworden sind?
Ich muß gestehen, mein beschränktes Europäergehirn ist, so oft es über
diese Frage nachgedacht hat, schließlich immer wieder zu demselben Schluß
gekommen: _Die selbstlosen Idealisten der Vereinigten Staaten haben die
Sklaverei mindestens 100 Jahre zu früh aufgehoben!_