DER TÖDLICHE MAI

ALS es nun um Ende der Woche kam, daß der Tod ihm (dem Maler und Offizier)

die Eingeweide zerriß und er brüllend lag zwei Stunden lang, geschah es,

daß die Pflegende erstaunte, denn das Geschrei bog sich langsam um in eine

Stille, und aus der plötzlich sanften Ruhe seines Mundes stiegen jauchzende

Rufe wie bunte Kugeln mählich in die Höhe und ketteten sich ineinander zu

Jodlern, wie sie im Sommer der Schweiz tagelang von Berg zu Berg

hinüberschweben.

Sie trat dicht an ihn heran und wusch ihm mit einem getränkten Lappen den

Schweiß, der um den Mund herum austrat, aber er sang durch ihre kreisenden

Handbewegungen weiter, verdrehte die Augen, streckte sich scharf in die

Länge, legte sich auf die Seite und schwieg.

Nach einer halben Stunde rief er die Pflegende.

Seine Augen lagen tief in den Deckeln der Lider begraben, ein rötliches

Weiß schimmerte heraus und der halbe Abschnitt der Pupille. Der Mund und

das Kinn glänzten in leiser Seligkeit, die Stirn war rein und hell trotz

der Bräune. Die Schläfen waren eingefallen, die Nase angespannt und an den

Nüstern unbewegt wie über eine Pauke gezogenes Pergament.

»Die Bäume . . .« sagte er. »Die Bäume . . .« und jubelte mit der Hand.

Die Pflegende schauderte. Sie sah, wie der Tod seinen Leib aufwirbelte und

blähte und empfand zugleich, wie der Raum sich furchtbar unter seiner

Heiterkeit anfüllte.

Er sang das Wort »Diebäume« im wechselnden Umschwung aller Melodien. Er

hielt mitten in den Buchstaben ein, ließ den Ton verrollen und schob

zwischen den bläulichen Lippen rasch und lachend den Rest nach. Er knickte

die Silben wie Weidengerten, warf die schwachen Vokale glitzernd hoch und

duckte die saftigen. Manchmal schien das Wort ein explosiver Ton, andermal

eine verwirrende Skala. Oft bog und verengte er die Laute, ließ sie wie

Brandblasen aufglühn und zerplatzen und schrie sie plötzlich in gleicher

Folge wütend hinaus. Er spielte mit dem Wort wie mit einer Beute,

katzenhaft, tückisch, selig, feig, lind und grenzenlos erbost.

Er klomm die letzte Krise der Krankheit hinauf, das Wort wie einen Säbel

zwischen den Lippen.

Manchmal warf sich ein Lächeln über sein Gesicht. Trunken spannte er die

Nasenflügel und sog. Die letzten Stunden der Nacht waren höllisch.

Das Fieber kurbelte an die äußerste Grenze. Der Bauch sackte ein und wand

sich in Zuckungen. Das Weiß des Auges war über Gelb zu dickem Grün

geworden.

Das rasende Leben: Zwei Novellen · 第 12 / 21 题