Er brach blutigen Kot, schüttelte die Hand und sang das Wort

Das Herz war im Brechen. Der Puls lief lächerlich dünn. Seine Zähne stießen

kleinen Schaum auf den Lippenrand, der sich unmerklich rundete: es war das

Wort.

Er hing an ihm zäh wie ein Affe, verbissen an einem Trapez. Und es riß ihn

heraus.

Schlank wie ein Tänzer lief er auf ihm durch die Nacht, das Fieber und den

blutigen Auswurf.

Segelte dumpf genesend durch das Aufundabgehen der Gestirne, der tödlichen

schweren Sonne und den leichteren Aufflug des glänzenderen Mondes wie durch

ein Spiel mit wechselnden bunten Ballonen hin mit unsäglicher und

berauschend linder Bewegung.

Schwamm mit beruhigendem Opium in den Adern durch die breite Schwermut der

ersten Abende und sehr frühen Morgen und das harte massive Dunkel der

Wolkendämmerungen mit einem Weiß auf der Stirn, das alle erstaunte, und

einem unmerklichen Flüstern auf den Lippen, die stets bewegt waren gleich

der Brust einer weich Schlafenden.

Eines Morgens stieß die Sonne in einem langen und schönen Streifen durch

sein Fenster und fiel hart unter sein Kinn. Da lief eine schwache Erregung

über ihn, er verdrehte die Augen nach links, warf sie dann nach rechts

hinüber, starr, daß die Pupillen, nach oben gestemmt und aus den Höhlen

getreten, in das Innere des Kopfes hinein zu bohren drohten, ließ sie dann

sanft zurücksinken, schüttelte sich, machte den Mund auf, groß und weit und

schloß ihn wieder.

Schloß ihn hart und fest, lag nach diesem Signal noch zwei Tage und war

darauf völlig durch die Gefahr hindurch. Er war mimosenhaft zart und sehr

scheu in den Stunden des genesenden Körpers und des kommenden Bewußtseins.

Seine Soldaten kamen zu ihm und gratulierten ihm zu dem Sieg gegen den Tod.

Er winkte mit der Hand hinauszugehen, erkannte sie kaum. Die Pflegende

sagte ihm, sie seien traurig, wo sie unter ihm in tausend überschwemmenden

tödlichen Minuten gestanden hätten, nun, wie er krank, nicht von ihm

geliebt zu sein. »So . . .« sagte er. Assistenten, Ärzte kamen. Sie

versicherten ihm alle, daß er ihr Kopfschütteln ignoriert und stramm und

siegreich über ihren Unglauben in die Gesundung hineingesprungen sei,

zweibeinig und massiv. Er sah sie verwirrt an.

Apathische Wochen folgten. Der Vorsteher des Genesungsheims erzählte ihm.

Krieg . . . ja . . . gewiß . . . er freue sich. Er legte den Kopf herum.

»Bücher?«

»Danke . . . nein.«

»Palette . . . Wollen Sie wieder malen? . . . Bedenken der Überanstrengung

zwar. Allein . . . ich wäre stolz --«

Er schüttelte langsam den Kopf.

Das Gewicht des Körpers nahm geringfügig nur zu. Wenig Interesse füllte ihn

für den Umkreis der Dinge, noch weniger für sich selbst. Lag eine Schwebe

zwischen Lebenwollen und Lebenmüssen, der Funktion aller Physis fähig, ein

Fragezeichen der Bejahung, allen Möglichkeiten neuen Lebens ausgesetzt

. . . aber ohne Schwung.

Oft trat er abends auf den Balkon des Hauses, der verwachsen und kühl war.

Die Ebene betäubte ihn anfangs mit ihrer Grenzenlosigkeit, langsam empfand

er sie aber -- um ein an das Endliche stoßendes Bild zu haben -- als eine

riesige Kreisbewegung, die um ihn herum, zuerst stark, dann sich im Silber

der Ferne verzehrend, gegen den Horizont schwinge. An einer Seite hingen

ein paar Wellenschläge ferner Gebirge, runde Hügel, gleich nach unten

gekehrten Wolken, zittrig in der Luft. Diese Gegend aus Fläche, Gras und

Steppe, von brüchiger Luft überstanden, gab ihm das Gefühl, Mittelpunkt

einer gläsernen Glocke zu sein. Sonne schlief reglos auf Bach und Moos und

kleinem Gestrüpp. Die Tage hatten katzenhaften Ablauf, stumpf und

aufreizend in dem währenden Gespanntsein dieser Leblosigkeit.

Da warf ihn eine Wagenfahrt, zu der der Arzt ihn zwang, in die unmittelbare

Nähe einer wenig entfernten Königsstadt in eine Schloßanlage. Der große

Dogcart mit den polierten roten Rädern schaukelte einen Nachmittag lang

über geschwungene Wege und über Brücken. Er erlebte dichtes Dunkel des

Parks, unendliche Stille um pagodenhafte Pavillons, den raschen

Vorbeischwung weißer Nebenschlösser. Dann befanden sie sich mitten im

Gewühl weiter Auffahrten, auf die ganz am Ende der Alleen die Kaskaden

fesselloser Terrassen herabstürzten. Hier empfand er Weite und Herrlichkeit

der Welt an sich vorbeiziehn. Der Wagen schwamm an dem langen

Wasserspielwerk, das von der Fassade bis in den blauen Horizont

hinunterlief, entlang zwischen Hunderten spazierender Menschen, zwischen

farbigen Jacken, weichgelben Handschuhen und der Orgie aufgeblasen roter

Sonnenschirme.

Er kehrte nachdenklich nach Hause zurück.

Am Morgen erwartete er den Aufgang der Sonne von seinem Balkon. Er sah den

Aufstieg über die schmalen Hügel und die langsame Belichtung der Ebene, die

sich sinnlos und schwer mit dem Rot anfüllte. Da ging eine unfaßbare

Sehnsucht nach Glühendem, Rasendem in ihm auf, er bog sich vor Gier nach

der Stadt. Der Arzt war dafür, er brach auf, durchstreifte Straßen, die

voll Anmut, Gärten, die voll Jugend waren. Am Abend landete er in einem

Lokal, das mit jubelnden Tapeten überzogen war. Es war gefüllt mit schönen

weißen Tischen und Stühlen. Viele bunte Laternen glühten darüber. Der Wind

bewegte sie leicht. Alle Gesichter waren von schwankendem Rot überströmt.

Feine Frauen saßen in den Sesseln, zurückgelehnt, lässig und mit Herren

plaudernd. Es gab Musik. Manchmal lief der Wind heftig durch die

ausgehängten Fenster und es gab ein Gewoge von Licht, das alle überstürmte.

Dann hoben sich die Geigen aus der Musik in die Höhe und übergitterten mit

namenlosen Spitzen den Raum.

Da ergriff ihn das Gewühl des Daseins mit einer tobenden Berauschtheit. Er

fühlte sich von heißester Erregung in starre Kälte geschleudert und dann

von neuem beißender Hitze entgegengeworfen. In seiner Brust wütete ein

Orchester, Orgeln brannten auf, und in langen, grausamen Voluten hoben sich

die Bläser zu einem furchtbaren Stoß.

Es war zuviel: Man sah einen Offizier die Arme dehnen, die Brust

herauspressen, einen seltsamen Jodler über das Lokal hinfeuern und die

Hände auf den Tisch zurückhauen.

Er zerschlug die Lampe und einiges Geschirr.

Der Kellner tat sehr ruhig. Fernersitzende dachten an Zufall und

Mißgeschick. Er gab dem Kellner märchenhaftes Trinkgeld, nahm die Mütze und

ging breitspurig, säbelschleifend hinaus.

Draußen begann er sofort zu weinen. Toll tanzten die wunderbaren Frauen,

die er wie zum erstenmal wieder sah (wieviele er gemalt hatte, wußte er

nicht mehr, denn Dasein dünkte ihm noch neues Leben nach halbem Tod) vor

seinen Augen, die Seiden, die Funken der Lichter. Unbegreiflich schluchzend

empfand er die Wärme der Nacht, flüsternd . . . »le . . . ben . . .« --

Dann ballte er die Fäuste, und als er von der kleinen Station nach dem

Landhaus fuhr, stand sein Kopf scharf und sehr entschlossen auf seinem

Körper.

Es kamen rasche Tage. Er rieb sich den Buckel an der blitzenden Scheibe der

Stadt. Freude umgab ihn lind. Trieb und Wonne füllten golden seine Adern.

Säfte rannen über seine Haut. Leben umspielte ihn reich. Es war die Rede,

daß er zur Front zurückkehre. Er nickte.

Er nickte. Es war gut.

Der Mond kam abends aus der Ebene durchsichtig und schön wie aus dem

weichen Munde eines Glasbläsers gebildet, und gleichsam von seinem Atem

gehoben, so schlank und zart überflog er die stumme und dunkle Festlichkeit

des Himmels.

Bald gab es tagelangen Sturm. Böen überschütteten die Steppe. Wolken

schlugen übereinander mit Geheul. Schwere Regen knallten an den Fenstern.

Geduckt sprang brüllender Wind in jede Spalte und zersprang dort in Fetzen

von niederreißendem Radau. Nachts, wenn die Regenschwaden vom Sturm schräg

herabgehauen auf die Ebene knatterten, schien es, Tausende von Eskadronen

überritten die Steppe und die Bäuche aller Pferde schlügen langgestreckt

zwischen den rasenden Sprüngen in einem Takt gegen die Erde.

Da zog er rocklos durch das Haus, probte die Muskeln, steckte Lichter an

und sang mit jubelnd gesteigerter Stimme.

Er sagte (als der Wind eine Pause einschob) »Sehen Sie die Kassiopeia?« zur

Pflegenden, zog sie in die Fensternische, hob die Flügel, deutete nach oben

und lachte, als der Staunenden ein Nebelstreifen glitzernden Regen ins Haar

schmiß.

Später einmal kam, heiß und verstaubt, ein schmaler Zug die Ebene herunter.

Er tauchte grau und wie ein Punkt auf und wurde ein dünnes Gerinnsel durch

das vergilbte Gras. Sie defilierten am Haus auf die Entfernung von zwanzig

Metern.

Zuerst ging ein großer Mann, braun mit Narben von Hieben durch das Gesicht.

Sein Kleid war Polichinell. Enganliegend mit Dreiecken gemustert

zitronengelb und weiches Blau. Der Hals war unbedeckt und gefurcht. Seine

Beine traten wie ein Pferd einen nach vorne ausbiegenden Trab, der stets

Silhouetten vor dem vergrauten Horizont spannte und von trauriger Müdigkeit

war. Hinter ihm kam ein Elefant, ein Dromedar und ein Wagen voll von

farbigen Kindern.

Er trug zwei Stangen über der Schulter, um deren Spitzen ein Netz geknotet

war, in dessen Maschen ein kläffender Hund saß und ein perlweißer Fasan.

Es war so süß langweilig in diesen Tagen, daß die Insassen des Hauses alle

staunend und lachend hinausliefen, die Taschen umwandten, Geld über die

Menschen warfen und in Eile Stühle aufschlugen. O Rausch eines unerwarteten

Zirkus.

Es gab eine glänzende Vorstellung.

Der lange Führer wirbelte in die heiße Luft, mit Fahnen in der Hand,

Sprünge und Verrenkungen, strahlend und bunt.

Alle Soldaten suchten auf dem Dromedar zu reiten; Die farbigen Kinder

warteten gespannt, bis ein zufälliger Blick auf ihnen zu ruhen begann,

sprangen in die Höhe, überschlugen sich grotesk, setzten sich fest auf die

Hintern und streckten bettelnd die Hand vor.

Der Elefant rückte verlegen auf seinen Beinen, verengte den Raum unter sich

und ließ sich endlich mit seiner Rückseite auf einem Fünfzigliterfaß nieder

und zog die Vorderbeine hoch wie ein Pudel.

Der Führer gab ihm eine Mandoline in den Rüssel und band ihm ein rosa Band

an die Spitze des Ohrs. Sein Gesicht blieb unbewegt und verächtlich wie bei

seinen Sprüngen.

Indem fuhr auf der anderen Seite des Hauses ein Wagen an. Der Maler sprang

heraus mit zwei geschossenen Lapins und die Augen voll Träumerei von

Frauen, mit denen ihn die Einsamkeit der Heide überfallen hatte. Er trat in

das Haus und schaute durch das Fenster.

Da schwoll sein Gesicht hochrot, er blies die Backen auf vor Zorn, und

einen dumpfen Laut ausschreiend, sprang er heraus. In seiner Hand lag ein

Säbel. Er machte einige Sätze und schlug dann die flache Klinge mit einem

sirrenden Ton dem Elefanten ausgestreckten Arms klatschend auf das Blatt.

Das Tier sprang auf. Es stand. Es spreizte langsam die Beine, schob die

Ohren zurück und hob den langen Rüssel ganz wagrecht.

Da ließ er, während alle anderen starr gebannt steif zuschauten, den Stahl

fallen und strich andächtig und bewundernd den Rüssel mit der Hand entlang

und hob ihn hoch, daß das weißliche Rosa des Mauls, das gleich einer

fremden von Überreife angefaulten Frucht zwischen der harten Seltsamkeit

der elfenbeinenen Hauer lag, aufklaffte. Dahinein legte er die Hand. Der

Pulcinell brachte unter Bücklingen Zucker und legte sie in den untersten

Rüssel. Der Elefant bog sie mit schlangenhafter Windung in das Maul.

Dann warf er wie einen Springbrunnen den Rüssel hoch und schoß überraschend

und plötzlich einen so ungeheuren dunklen und wilden Schrei gegen die

Menschen, daß sie einen Augenblick alle schwiegen.

»So . . . gefällst du«, sagte der Maler und steckte den Säbel ein.

Das Gesicht des Führers blieb über den Verbeugungen unbewegt und

verächtlich wie bei seinen Sprüngen.

Es lag den Abend ein gewaltiger Druck auf der Landschaft.

Sie waren, als die Sonne sank, heiß und verstaubt, ein schmaler Zug, die

Ebene hinuntergezogen. Sie flossen ein dünnes Gerinnsel durch das vergilbte

Gras und verschwanden grau und wie ein Punkt.

Am späten Mittag saß die Pflegende bei dem Maler, der auf einem

Schaukelstuhl lang lag und rauchte. Sie schwiegen lange Zeit.

»Können Sie sich den Urwald vorstellen«, fragte er. Sie lächelte: »Nein --«

». . . den Rand des Urwalds, Schwester. Ein Elefant reißt Lianen

auseinander, erscheint. Die Sonne schwingt auf, rot. Er schreit ihr

entgegen . . . Und hier: o Müdigkeit . . . o Müdigkeit . . .«

Sie sah nachdenklich auf ihn. Dann stach sie eine Nadel durch ein

Fliederblatt und sagte langsam: »Es ist Ihre Sehnsucht, Wald, ich weiß es.

Ich weiß, daß Sie sich stets daran klammerten, als Ihre Krise war! Sie

wissen nichts?«

Er wußte es nicht.

Er schüttelte den Kopf, lächelte und verneinte.

Das rasende Leben: Zwei Novellen · 第 13 / 21 题