Er schellte rasch: »Wasser . . .!«

»Verzeihen Sie!« rief er. »Ich habe Sie geblufft . . . es hat mich

überwältigt . . . ich wollte zuerst nicht erzählen . . . dann mußte ich

doch. Aber ich travestierte, tauschte alles um . . . Alle Personen sind

unwahr. Keine ist echt . . . keine Kontur. Glauben Sie es! . . .«

Ich sah ihn kalt an.

»Diese Geschichte ist ganz anders,« sagte er nun. »Ich habe geglaubt, sie

von mir abtun zu können, wenn ich sie erzählte, aber ich konnte sie nicht

erzählen. Da phantasierte ich sie. Aber das war noch schlimmer, zu sehen,

wie etwas hätte werden können . . .«

Er sah starr nach dem Fenster.

Dann brach er in ein häßliches Gelächter aus. Sein Mund zog sich nach dem

Kinn hinunter wie im Zwang von zwei Fäusten.

Dann drehte er stumm den Schnitt gegen die Wand, verbeugte sich und bat,

nachdem er die Lichter gelöscht hatte und indem sein Gesicht wieder langsam

in die alte Form zurückkehrte, ihn hinüber zu begleiten.

Allein ich blieb in der Türe stehen.

Alles stürzte mit verdoppelter Wut, mit erneuter Wucht über mich hin.

Ich fühlte: Abenteuerlichkeit fraß sich in die Wände. Schicksal brannte in

den Rahmen und wollte heraus. Sehnsüchte ohne Maß, gelebte, nur gestreifte,

schwellten den Raum, daß er fast barst, und Jahre rasten auf dem

Sekundenblatt der Pendüle herunter.

Ich sah in diesem Zimmer alles wie in einem glänzenden Kaleidoskop

verwirrt.

Und als ich über die Schwelle zurücktrat und das Gebeugte im Gang meines

Freundes sah, ward mir plötzlich das Straffe meiner Brust bewußt und das

Brutale meiner Haltung, und da wußte ich, daß ich mein Leben gut gelebt

hatte. Denn dies ist nicht die Frage, ob wir aufleuchtende Dinge erleben

und in heiß aufklaffenden Abenteuern stehen (wie wäre das klein und

subaltern), sondern es ist dieses, was dem Geschehenen erst Form gibt und

Würde: was wir mit den Erlebnissen tun . . . Und ich wußte bei diesem

Zusammenbruch, was mir immer klar war, das war recht:

Man soll keine Erinnerungen haben. Niemals. Nein! Und am wenigsten noch

armselig Fetische bilden und seine Erlebnisse in Dinge tun. Man soll keine

Beichtstühle in seine Wohnungen tun. Sie zwingen in die Knie. Dann oder

wann.

Man soll die Dinge von sich werfen. Weit. Und die Erlebnisse abstreifen wie

einen Seifenschaum mit nachlässiger Hand von der Brust am Morgen und am

Abend und jeden Tag, damit sie uns nicht demütigen einmal früher oder

später so und so.

Denn der Genuß des Abenteuers ist das ungewiß Beschwebende: Wissen, vieles

Bunte getan zu haben, aber eine Luft hinter sich zu fühlen ohne Halt und

ohne Farbe. _Tosendes_ . . . _rasendes Leben_ . . . --

_So ist es._

Aber auch ohne dies war das Zimmer eine Sünde gegen die Kraft: Sein Rausch

war ein Anreiz im einen, und ein Opiat im andern, und eine Hemmung im

Ganzen. Denn es lagen in ihm (wie ein Hohn) zusammen das Große und

Schwache, und das Ungeheure wie das Süße . . . die Erhebungen, zwischen

deren Polen sich die Skala unserer Erlebnisse bewegt und beglänzt, und die

in dieser Spaltung, das Eine oder das Andere, maßlos entfernt und fremd

voneinander und niemals zu packen in einem Griff, unser Leben ausmachen und

erfüllen und so sind (im täglichen Leben) wie diese beiden Beispiele:

Die Sensation eines Expreß, der eine kleine abendliche Station durchrast --

und das Erleben eines Ladens mit ausgebreiteten Seiden an einem

allzuschnellen Frühlingstag auf der Meisengasse zu Straßburg.

Das rasende Leben: Zwei Novellen · 第 11 / 21 题