Ich wußte nichts anderes zu sagen. Auch fand ich es heiß und drückend.
Er sah mich sehr fremd und erstaunt an. »Ja« . . . sagte ich.
Da antwortete er ganz kurz: »Gut.« Und dann:
»Auch dies war in Marseille. Viele Städte haben mich geschlagen. Doch mein
bestes hellstes Blut ließ ich in dieser. Wenn ich im Traum Schiff fahre und
strande: es ist die Mole von Marseille. Wenn man im Traum (herrlicher
Rimbaud!) mich amputiert: es ist das gelbe Spital dort im östlichen
Viertel. Und auch dies, man krönt mich mit allen Insignien meines
Ehrgeizes: es ist das Stadthaus von Marseille, aus dem ich in das
Hohngelächter des Erwachens fahre.
So hasse ich diese Stadt . . . Die Pest . . .
Ich fuhr viel damals nach Aix. Es ist nicht weit. An der Universität hatte
ich einen Bekannten, der über Bakteriologie las. Abends spielten wir zur
Besänftigung Ecarté zu viert, ein jüdisch-russischer Flieger und ein
japanischer Schüler meines Freundes, der noch kleiner war, als Japaner
gewöhnlich scheinen. Er hatte eine sympathische Weichheit der Bewegungen
und hinter den Augen: Energie. Er besuchte mich oft in Marseille und
verstand es, was Ecarté allein ermöglicht, beim Kartenspiel entzückend zu
plaudern. Einmal traf ich ihn mit einer Dame. Doch grüßte er mich nicht.
Auf Karneval waren wir alle zusammen in eines der großen mehrstöckigen
Cafés gezogen, mußten uns aber bald zerstreuen. Nach einer Weile bekam ich
Streit mit einem kleinen Kolonialoffizier, dem ich seine Jungfrau abnehmen
wollte, die ich als Modell des roten Malers Hessemer von Lausanne erkannte
-- es ist ja nur ein Sprung --, die Kleine hatte ein Kostüm als Nymphe,
loses Haar mit einem Reif, kurzes Kleid und nackte Beine. Ich faßte sie um
die Taille, doch sie wollte, halbbetrunken, zu ihrem Leutnant. Sie wollte
sich losreißen. Da legte der Flieger Blumenthal seine Pranke um ihr Gelenk.
Jetzt gab es kein Loskommen mehr. Sie riß, warf sich mir schäumend um die
Brust und biß mich durch den Frack tief in die Schulter,
Blumenthal sah es, ließ sie los, sie riß sich frei. Lief davon, ich folgte.
Der Leutnant nahm den Flieger auf sich. Ich glaube, er wollte ihn in die
Tasche stecken. Doch ich verlor die Nymphe.
Auf der Treppe zum dritten Stock sah ich aber eine junge Frau, die ein
gelbes Kleid trug, das schönste an diesem Abend. Ich griff nach ihr. Sie
lachte und stieß mir, rückwärts steigend, stets über mir, immer mit dem
Knie an die Brust. Ich lachte. Plötzlich entlief sie mir.
Ich folgte ihr über ein paar Treppen, und da ich sie küssen wollte, führte
ich sie in eine Nische gerade unter einen Streif Sternhimmel, der zwischen
zwei Firsten lag. Sie legte mit Grazie und Wissen zwei halbvolle, leicht
nach Wein duftende Lippen, die sehr warm waren, auf meinen Mund und
flüsterte jedesmal -- denn ich tat es öfters -- dazwischen: maman . . .
Dann lief sie wieder. Ich hinter ihr.
Sie rannte in einen Schminkraum. Ich wartete und sah auf dem Milchglas der
Tür ihre Silhouette. Sie legte Rot auf. Ich lugte hinter einer Säule. Als
sie herauskam, trat ich vor, und sie lief wie sehr erschreckt im Spiel
davon. Wir rannten durch einen Saal, durch Lauben und Séparés, und kamen
auf einen Korridor, ich wollte sie greifen -- da sah ich an einem hohen
Fenster gleich einem überraschend aufgestellten Marionettenspiel die Szene:
Der kleine Japaner gestikulierend . . . ihm gegenüber ein Mann mit stark
südlichem, fast spanischem Aussehen, in tückischer Haltung. Daneben an die
Draperie des Fensterbogens gelehnt, bleich, halb leblos, sehr gerade, eine
Dame.
Ich sah, wie der Japaner den Arm leise hob, wie das Gesicht seines Partners
zu bluten anfing, und wie der Japaner dessen Arm über den Rücken hochriß
. . .«
Da geschah etwas Seltsames.
Der Freund stockte, er keuchte. Sein Atem pfiff über die Stimmbänder mit
einem Ton, als geige jemand über gebrochenes Glas. Ich fuhr auf. Er hob
befehlend die Hand, ein wenig gebückt. Ich setzte mich wieder.