Wenn ein besonders großer Sonnenfleck das kann, indem er uns

vielleicht über zwanzig Millionen Meilen fort einen besonders langen

elektromagnetisch geladenen, aber sonst für uns ganz unsichtbaren

Koronastreifen zuschickt, bei dessen Berührung hier unten alles dieser

Kraft speziell Untertane zittert, wie toll verkehrt klingelt und

endlich den Himmel mit zuckenden magnetischen Strahlen rötet: warum

soll _das_ nicht der Komet auch vielleicht vollbringen? Vielleicht!

Bewiesen ist es natürlich nicht.

Möglich ist ja, daß solcher Komet in seiner Sonnennähe wie eine Art

Konzentrierer und Kondensator der ausfließenden Sonnenkraft selber

wirkt. Nach Arrhenius würde er massenhaft in nächster Sonnennähe

elektrisch geladenen Koronastaub der Sonne direkt an sich ziehen und

nachher im Strahlungsdruck konzentriert wieder auspulvern gegen die

Planeten hin: hier wirkte er also tatsächlich wie eine Art Scheinwerfer

für Sonnenenergie.

Es ist auch bereits behauptet worden, daß die Kometenschweife sich

stärker entwickelten in Jahren der Sonnenflecken-Maxima, sei es, daß

sie dann mehr direkten Eruptionsstaub der Sonne zu ihrem Eigenmaterial

noch hinzuerhielten, sei es, daß die dann ohnehin stärker ausströmende

elektrische Wirkung sie bloß auf stärkere Strecken hin zum elektrischen

Leuchten brächte und so den Schweif größer erscheinen ließe.

Ein Grund aber, sich diese problematische elektromagnetische Wirkung

abnorm groß vorzustellen, liegt jedenfalls wieder nicht in dem ganzen

Sachverhalt.

Wenn es im höchsten Grade wahrscheinlich, ja so gut wie gewiß ist, daß

wir früher schon so und so oft durch Kometenschweife hindurchgegangen

sind (_jeder_ Komet, der für uns _vor_ der Sonne herging und einen

_langen_ Schweif hatte, kommt ja historisch dafür in Betracht),

so haben wir damals eben überhaupt nie etwas gemerkt (es sei denn

Nordlichter, die man früher aber nirgendwo einzuregistrieren wußte und

deshalb durchweg überhaupt nicht registrierte), einfach, weil unsere

Technik noch nicht mit elektromagnetischen Feinapparaten arbeitete.

Wie jung diese Arbeit ist, lehrt klärlich wohl die kleine Reminiszenz,

daß bei der vorigen Wiederkehr des Halley-Kometen, 1835, eben zwei

Jahre verflossen waren, seit zum erstenmal und zunächst rein als

Privatexperiment zwei Göttinger Gelehrte, Gauß und Weber, zwischen

der Sternwarte und dem physikalischen Kabinett ihres Göttingen eine

elektrische Telegraphenverbindung primitivsten Stils hergestellt hatten.

Wichtig ist aber auf _jeden_ Fall, daß auf diese Symptome, und seien

sie noch so geringfügig, _geachtet_ werde. Nicht als Angstobjekt,

sondern als willkommenes kosmisches Experiment sollen wir diese

Kometennacht verstehen und werten.

Von der schönen Treptower Volkssternwarte, die gewiß zu den edelsten

Errungenschaften kulturell ersprießlicher Wissenschaft gehört, die wir

in den 76 Jahren seit dem letzten Halley-Termin gewonnen haben, wird

dabei besonders aufgefordert, es möchten doch in der Nacht vom 18. zum

19. Mai und tunlichst schon etwas vorher auf der Erde alle Versuche mit

den Apparaten der elektrischen Wellentelegraphie unterbleiben, damit

sich eventuelle elektrische Wirkungen des Kometen als solche von den

fein gestimmten Empfangsapparaten ablesen ließen.

Und so gibt es noch mehrere andere Punkte, auf die auch gerade von dort

her besonders aufmerksam gemacht worden ist als auf Dinge, die sorgsam

zu beachten wären.

Ob eine abnorme Aufhellung des Himmels einträte.

Ob sich besondere bunte Dämmerungserscheinungen hinterher geltend

machten, die auf das Eindringen allerfeinster Staubteilchen in unsere

oberen Luftschichten deuten könnten.

Ob Änderungen an dem sogenannten Zodiakallicht, einem für gewöhnlich

schon recht rätselhaften Lichtkegel, der sich gelegentlich am Abend-

oder Morgenhimmel zeigt, merkbar würden.

Ob »leuchtende Nachtwolken«, d. h. ungewöhnlich silberglänzendes

Cirrusgewölk, das in außerordentlichen Höhen schwebt und mit dem es

auch irgend eine ganz aparte Bewandtnis zu haben scheint, sich gerade

jetzt wieder sehen ließen.

Bei fast allen diesen Dingen kann auch jeder Laie registrieren helfen.

Auch wenn es nicht wahrscheinlich ist, daß der Kometenschweif selber

diesmal vermehrtes Sternschnuppenmaterial liefert, so sollten doch auch

Sternschnuppen und größere meteorische Feuerkugeln mit größter Sorgfalt

nach Zeit und Ort aufgezeichnet werden, und es sollte das Material,

auch wenn es wirklich noch so geringfügig erscheint, einer Sternwarte

zugesandt werden.

Arbeit, kleine Arbeit gilt es da mitzutun. Aber aus solcher Arbeit,

Stein um Stein und seien sie klein wie Meteorstäubchen, baut sich die

Forschung, -- nicht aus vergänglichen Sensationen.

Ob ein vielleicht zu erwartender elektromagnetischer Kleinsturm auch

auf unsere Witterung einen bescheidenen Einfluß haben könnte? Ob

eine bestimmte jähe barometrische Luftdrucksänderung wenigstens ein

_schwacher_ Hilfsanlaß zu dem einen oder andern etwas intensiveren

lokalen Vulkanausbruch oder Erdbeben werden könnte?

Anhalt haben wir gerade dafür _nicht_.

Ein Einfluß jener elfjährigen Sonnenfleckenperiode auf unsere irdischen

Witterungsverhältnisse ist _bisher_ nicht sicher nachgewiesen. Daß

wir im ganzen heute auf eine Epoche stärkeren Vulkanismus wie (im

Zusammenhang mit vielleicht wieder einsetzender Gebirgsbildung)

stärkerer Erdbeben losgehen, ist an sich wahrscheinlich (daher

Martinique, Messina und so weiter), es fragt sich aber durchaus, ob

da der Barometerstand des Augenblicks wirklich im größeren Sinne

mitspielen kann, und abermals fragt sich, ob elektromagnetische

Erdstörungen nun wieder diesen Barometerstand beeinflussen.

Schließlich: hier überall könnten wir nur lernen, und wir _wollen_

lernen. Gibt die Kometenkrisis einen besonders heftigen Wettersturz,

so wäre das eine lehrreiche Tatsache. Wahrscheinlich nach dem bisher

Vorliegenden ist sie nicht, aber dieses »Vorliegende« ist stets nur ein

»Vorbericht«. Unfehlbar ist sein Votum nie.

Ja: unfehlbar!

Hier wollen wir natürlich nicht ins Übertriebene fallen.

Alle Forschungsergebnisse bis heute sind nur ein Annäherungswert.

Es kann schlechterdings Unbekanntes geben, das die Erde, das

Sonnensystem, die ganze Fixsternwelt in diesem Moment, da diese Zeile

gelesen wird, in unfaßbaren Hitzegraden zu Gas verflüchtigt. Es kann.

Die Forschung gibt ihre Argumente, zu mehr ist sie nicht verpflichtet.

Der Arzt kann einen Menschen untersuchen und für kerngesund erklären

und er kann im nächsten Moment am Herzschlag sterben. Die Erde kann im

Moment, da wir auf den Kometen warten, durch eine unzusammenhängende

Katastrophe, die von Alpha Zentauri über acht oder zehn Billionen

Meilen zu uns herübergreift, vernichtet werden. Jeder von uns kann

in Monte Carlo die Bank sprengen; damit zu rechnen ist aber nicht

empfehlenswert, obwohl diese Wahrscheinlichkeit sicherlich sehr

viel geringer ist, als daß eine Welt, die seit hundert und mehr

Jahrmillionen ohne kosmische Katastrophe sich glatt weiterentwickelt

hat, gerade uns Eintagsfliegen dieser lebenden Menschengeneration den

Gefallen tun sollte, unterzugehen.

* * * * *

Herr Professor Semmler zu Halle um 1770 betonte (es ist erzählt),

daß Kometen keinen direkten physischen Einfluß auf unsere Reiche,

Republiken und Regierungen hätten, daß es hingegen dem beschaulichen

Menschen frei stehe, sich bei ihnen das eine oder andere Erbauliche

auch ohne besonderen Zusammenhang ins Gedächtnis zu rufen. Der Mann hat

in einem Punkte recht.

Wenn wir heute beinah etwas betrübt hinzufügen müssen, daß es auch

mit der neueren Sensation des Versengens, Vergiftens, Versalzens

und Bombardierens seitens des Kometenschweifs aller menschlichen

Voraussetzung nach nichts ist, so muß uns doch unbenommen bleiben, in

der kommenden Kometenstunde das eine oder andere zu denken, das zwar

keinerlei Zusammenhang mit dem Kometen da oben hat, aber an sich hübsch

und nützlich zu denken ist in allen ernsten und guten Stunden.

Mögen wir ein Glas weihen in jenem Moment eben der rastlosen Arbeit,

wie sie auch in diesem Ringen des Forschergeistes um die Kometenfrage

so denkwürdig zum Ausdruck kommt.

Schließlich ist es doch diese Arbeit selbst, die auch in die dunkelsten

Träume eines physikalischen Weltuntergangs den letzten Trost bringen

würde.

Denken wir uns, daß ein solcher Untergang in unendlichen Fernen der

Zeit, in Billionen oder Trillionen von Jahren, einmal eintreten

könnte; nicht durch einen Kometen; aber vielleicht weil die Sonne in

ihrem Lauf endlich den ungeheuren Raum doch durchmessen hätte, der

sie heute von den nächsten Fixsternen trennt, und einen Zusammenstoß

dort erlebte. Wenn wir sehen, was menschliche Geistesarbeit heute

schon geleistet hat, so ließe sich, bei gleicher Weiterarbeit, wohl

die Frage aufwerfen, was für Intelligenzwesen in jener fernen Zeit

unsern Planeten oder unser ganzes System bewohnen würden, Wesen, die

aus uns geworden wären, wie wir einst aus Amöben des Urstrandes uns

heraufentwickelt haben, aber Wesen, deren Intelligenz und Technik so

hoch über unserer heutigen ständen, wie ein Mensch heute über der Amöbe

steht. Und es ließe sich fragen, ob diesen fernen Wesen ein solcher

Zusammenstoß noch gefährlich werden könnte; ob sie nicht wirklich

längst in realer Erfüllung jenes Wallaceschen Märchens vorher Mittel

und Wege gefunden hätten, sich, wie vor der Erkaltung dieser Sonne, so

auch vor ihrem berechneten Zusammenstoß irgend sonst wohin im All in

Sicherheit zu bringen.

Der Gedanke läßt sich aber noch steigern. Sollte solche Möglichkeit

nicht gegeben sein oder sollte lange vorher schon die Schicksalsparze

den Sonnenfaden oder Erdenfaden abschneiden: auch dann hat die Idee der

rastlosen Arbeit etwas Befreiendes.

Wohl wäre _unsere_ Arbeit zunächst zu Ende. Aber nicht die Arbeit der

Entwicklung. Aus dem eingestampften, vielleicht wieder zum Nebelfleck

verflüchtigten System würde neue rastlos wühlende Naturarbeit sich von

neuem stufenweise emporringen, wieder bis zu Leben, bis zu Intelligenz.

Und vielleicht würde dieses neue System auf sichereren Verträgen

inmitten einer abermals gereinigteren Auslese des Harmonischeren,

Passenderen, Angepaßteren beruhen und so eine längere Entwicklungsdauer

haben als unseres.

Auch der wildeste Götterdämmerungstraum der Sage schloß immer wieder

mit diesem ganz fernen, ganz blassen, aber doch wieder lichteren Bilde.

Aus der Asche des Weltenbrandes stieg endlich, endlich doch wieder eine

grüne Wiese, wo neue Götter, neue Menschen, gereinigt von der alten

Schuld, die goldenen Kugeln wieder fanden und weiterspielten. Auch dem

Blick des Naturforschers müßten sich die goldenen Kugeln im All immer

wieder fügen aus jedem Zusammenbruch.

Denn das Naturgesetz und die Logik der Werdearbeit stürben in keinem

dieser Brände mit.

Und auch ihm bleibt der große Gedanke Darwins, auf alles Kosmische

erhöht, daß jeder Einsturz nur eine Stufe der Unvollkommenheit

beseitigt, herausreinigt aus der unablässig wachsenden

Allgemeinbalance, Allgemeinanpassung, Allgemeinharmonie.

Sie werden aber nichts mehr von uns wissen, diese Kommenden, diese

Besseren, diese Geklärteren: so raunt der trübe Gedanke. Die jungen

Götter der Sage, die wieder mit neuen goldenen Kugeln spielen,

erzählen sich die Geschichte der alten Schuld, die im Weltenbrande

gesühnt wurde, als ein wunderbares Märchen. Von uns wird nie wieder

einer erzählen; von den eingestampften Opfern eines kosmischen

Fortschrittsexperiments.

Vielleicht gibt es aber doch All-Träume, die selbst dem standhalten,

wenn auch wir zu träumen wagen.

Im All geht in Wahrheit nichts verloren. Auch keine Form. Nichts, was

einmal war. Unser Bild wandert noch nach Äonen mit Lichtpost zu fernen

Sternen. Aber es lebt auch verborgen in allem folgenden fort. Wer die

Formel weiß, kann es ewig aus seinen Wirkungen wieder zusammensetzen.

Nur darum ist ja schon bei uns eigentlich Geschichte möglich. Darum

beleben sich die alten Ichthyosaurier wieder vor unserm Blick.

Geschichte ist der Triumph der geheimen Allgegenwart aller Dinge.

Auch Sehnsucht nach Geschichte, nach Aufdecken, Wiederfinden der

Vergangenheit liegt aber von gewisser Stufe ab in aller Arbeit der

Natur. Intelligenz muß immer wieder hierher lenken. Nun denken wir uns

Intelligenz unendlich über unserer, die aus wenigen Formeln das ganze

Farbenbild der Vergangenheit wieder ablesen, wieder erwecken könnte.

Unendliche Zukunftsarbeit würde in diesem Sinne auch eine unendliche

Rückwärtsarbeit werden. Ein unendliches Wiederfinden aller abgerissenen

Fäden über noch so viel Weltenbrände hinaus. Was haben aber auch wir

eigentlich schon mehr als das in unserm individuellen Leben, jeder von

uns, innerhalb unserer eigenen Kultur: als ein rastloses Arbeiten im

Augenblick, in dem gerade bei uns die große Naturflamme lodert; und

ein Hörensagen von andern vor uns, die keiner mehr direkt sieht, eine

Geschichtstradition von früheren, toten Generationen, denen die Fackel

aus der müden Hand gesunken ist; das muß uns genügen und genügt uns

doch zu frohem Tagesschaffen. Ob die Nacht zwischen dir und diesem oder

jenem alten Forscher und Denker nun nicht bloß durch Menschengräber

und Kinderlachen, sondern wirklich durch Weltenstürze und neue goldene

Weltkugeln geht: was würde es ändern?

Hinter allem aber (darauf weihe auch dein Glas, sei es nun wirklicher

Goldwein oder bloß Geistestrank) muß zuletzt doch das große

Naturgeheimnis bleiben, mit seinem dunkeln Auge, das immer gleichmäßig

auf uns weilt, das nie zuckt, was sich auch vollziehe. Es muß jeden

einzelnen von uns über kurz oder lang aufnehmen. Stellen wir ihm auch

die Menschheit anheim. _Wenn_ einer es je einmal zur Antwort bringt,

kann das auch nur in der Linie unendlicher rastloser Arbeit geschehen.

Dann löst diese Arbeit es aber rückwärts für uns alle mit. In diesem

dunkeln Auge des Geheimnisses finden wir uns alle wieder ...

Das sind Gedanken, die jetzt mit dem Kometen wirklich nicht mehr zu tun

haben, als daß auch sie etwas durch Neptunsweiten schweifen.

Bleiben wir näher. Sagen wir uns, daß dieses silberne Wölkchen da oben

nun abermals seine 76 Jahre von uns fern weilen wird, uns so lange aus

dem Gesichtskreise verlieren wird.

Nehmen wir ihn als alten Menschenfreund und alten Menschenkenner,

diesen einsamen Weltenwanderer da droben, der schon so viel mit

uns durchgemacht hat, so viel Menschenglauben und Menschentand hat

zerschellen und immer doch (wir hoffen es) etwas saure Menschenarbeit

hat triumphieren sehen. Was wird er finden, wenn er nach seinen 76

Jahren wiederkehrt?

Ein Glas dem Problematischen, das doch noch in all unserer Wissenschaft

steckt. Ein Klang der einen großen Wahrheit, daß noch niemand ganz

recht hat; daß noch keine unserer Weltanschauungen ganz recht haben

_kann_; und daß zum _Glück_ noch keine ganz recht hat. Was wird er

finden?

Wird unsere Naturforschung in 76 Jahren ganz zur äußerlichen Technik

geworden sein, die sich von allen _tiefsten_ Denkwerten abgelöst hat?

Oder wird sie den Anschluß gefunden haben, der für ihren höheren

Menschheitswert der entscheidende sein muß: an eine echte idealistische

Weltansicht? Oder ist das noch zu früh?

Werden wir einen neuen Humanismus erhalten, in dem auch die

Naturforschung, die einst vergessen worden war, ihre Stätte findet,

nicht als verrohende Macht, sondern veredelt, geläutert vom

humanistischen Gedanken?

Und wird dieser erweiterte, verklärte Humanismus nicht beschränkt

bleiben auf die Gelehrtenzelle, sondern eine wärmende Sonne werden für

das ganze Volk?

Wird in 76 Jahren die Sternwarte, zu der wir jetzt wandern, um dieses

kleine unheimliche Silberfederchen, das da im eisigen Raum treibt,

anzustarren, eine ethische Erziehungsstätte sein?

Es ist die letzte Strandwelle des alten Glaubens, daß der Komet etwas

prophezeien könne, was in solchen Fragen lebt. Er prophezeit aber

nichts. Nur die Kraft und die Tat und die Arbeit prophezeien. Als die

Menschheit _seine_ Wiederkehr prophezeite, da war sie bei der Arbeit,

da taten die Dinge einen Ruck, da wurden sie größer.

Weltuntergang! Wir wollten trinken und küssen, alle Reserven auftrinken

und aufküssen. Es braucht keine Reserven mehr, morgen ist Weltfeiertag.

Und nun soll das alles wieder nichts sein.

Ja wäre es nicht eigentlich doch eine Wohltat gewesen, diese Stimmung

in der scheußlichen Langeweile unserer Zeit?

Wir arbeiten so heillos viel, wir haben das Recht, das Arbeiten auch

einmal für einen Greuel zu erklären, zwischendurch.

Nun will uns die grämliche Wissenschaft auch das wieder nicht erlauben.

Im elenden Trott sollen wir wieder weiterschuften, immer mit kleinen

Sparrationen, wie Südpolfahrer; Vorsicht, morgen ist noch ein Tag und

die Woche hat noch fünf, hebt Reserven auf, Reserven für die Enkel und

Urenkel.

Gewiß, auch das läßt sich sagen. Aber zuletzt ist es auch nur der

uralte Kometen-Pessimismus, der selbst damit nicht zufrieden ist, daß

die Welt _nicht_ untergeht ...

Und schließlich glauben wir doch alle nicht daran, wir Menschen von

1910, mit unserer Kraft und unserer Sehnsucht.

Nein. Laßt uns die heilige Kometenstunde (um denn endlich das darin zu

finden, was von je wirklich das Grundgegenteil aller Kometengedanken

gewesen ist) mit einem stillen Glas und vielleicht einem stillen Kuß

auf schöne Lippen dem ewigen Wunder des Gedankens, der Liebe und der

Schönheit weihen, dem unbesiegbaren Sonnenzauber dieser alten Welt, den

keine kalten Sterne jemals haben bedrohen können.

Und dann ...?

»Worauf«, spricht ein alter Chronikschreiber, der das letzte Wort haben

mag, (nachdem sie nämlich wieder einmal vergebens auf den Weltuntergang

gewartet hatten) »Worauf alle wieder an ihre Arbeit gingen, als wenn

garnichts geschehen wäre.«

Von _Wilhelm Bölsche_ erschien im gleichen Verlage

W. Bölsche, Das Liebesleben in der Natur. Eine Entwickelungsgeschichte

der Liebe. Stark vermehrte und umgearbeitete Ausgabe. 2 Bde. 30.-35.

Tausend. br. à M. 6.--, geb. à M. 7.50

_Neue Weltanschauung_: Das bekannteste Werk Bölsches erscheint

jetzt in einer neuen zweibändigen Ausgabe und zu einem wesentlich

_ermäßigten_ Preise, so daß es auch Kreisen zugänglich wird, denen

die dreibändige Ausgabe zu teuer war. Daß der Verfasser bei der

Neuausgabe alle Fortschritte der Wissenschaft berücksichtigt hat,

braucht kaum bemerkt zu werden. Im Mittelpunkt der ganzen Darstellung

steht der Grundgedanke, daß der Mensch mit seinem ganzen Wesen im

Tierreich wurzelt, daß er ein Teil desselben ist, sich aus ihm im Laufe

ungezählter Millionen Jahre historisch entwickelt hat. Der eigentliche

Gegenstand des Buches ist eine allgemeinverständliche Darstellung der

Zeugungs- und Entwickelungsverhältnisse im Tierreich mit Einschluß

des Menschen. Bölsche beschränkt sich dabei nicht darauf, aus der

umfangreichen Fachliteratur die einschlägigen Tatsachen herauszusuchen

und zusammenzustellen, sondern er betrachtet diese Tatsachen lediglich

als ein Gerüst, das seine oft weit ausgreifenden naturphilosophischen,

künstlerischen und ästhetischen Ausführungen stützen soll. Da, wo

mitunter -- nach Ansicht gewisser Leute -- sogar heikle Dinge berührt

werden mußten, läßt der Verfasser auch den Humor zur Geltung kommen.

Es ist gewiß keine leichte Aufgabe, für ein Laienpublikum eine solche

Entwicklungsgeschichte der Fortpflanzung zu schreiben, und gar ohne

Abbildungen.

W. Bölsche, Die Mittagsgöttin. Roman. 2 Bände. 4. Aufl. br. M. 7.--,

geb. M. 9.--

_Velhagen & Klasings Monatshefte_: Ein Werk, reich wie das Leben

selbst, vom frischesten Wirklichkeitshauch durchweht und doch

zugleich von hoher Idealität erfüllt, eine Weltanschauungsdichtung im

großen Stil. Humor und Tragik, Pathos und Pikanterie, Realistik und

Romantik, Zartes und Derbes in buntem Gemenge, in sprießender Fülle.

Charakterzeichnungen von einer Schärfe und Deutlichkeit in jeder Linie

und psychologisch so vertieft, daß sie den Vergleich mit keinen anderen

Gebilden der neueren Literatur zu scheuen haben. Und als Untergrund

ein Mosaik von Großstadt- und Landschaftsschilderungen, in denen sich

ebenso glänzend die Akribie des Naturforschers wie die Stimmungsgewalt

des Lyrikers offenbart. Die Farbenpracht dieser Schilderungen hat

etwas Berauschendes; nur hier und da wirkt die Überfülle des Details

ermüdend und verwirrend. Berlin und der Spreewald bilden den Schauplatz

des Romans; was diese packenden Gegensätze an Reiz und Inhalt bieten,

das hat der Dichter so gut wie ausgeschöpft. Inhaltlich führt der

Roman mitten in die Geisteskämpfe der Gegenwart. Seinen Stoff entnimmt

er dem spiritistischen Treiben unserer Tage, aber Bölsche erfaßt den

Gegenstand tief genug, um in dem Werke die gesamten Gegensätze des

heutigen Weltanschauungskampfes widerzuspiegeln. Und dieser Kampf

vollzieht sich nicht in einem Für und Wider von abstrakten Deduktionen,

sondern in der Seele einer bedeutenden Persönlichkeit, die ein

leidenschaftliches Streben nach Wahrheit erfüllt.

Essaybände von Wilhelm Bölsche

W. Bölsche, Naturgeheimnis. 8. Tausend. br. M. 5.--, geb. M. 6.50

_Weserzeitung_: Goethe und Haeckel -- wie oft hat Bölsche diese beiden

großen Pioniere schon in seiner eigenartigen geistreichen Weise

behandelt und auch im »Naturgeheimnis« bringt er sie wieder zusammen

und läßt uns den Gleichklang vernehmen, der durch das Leben und

Streben der beiden Forscher gegangen. Diesen volltönenden harmonischen

Gleichklang, der aus einer großen Wahrheit hervorschauerte und

ständig das Streben der beiden in wundervollen Rhythmen durchklang

-- aus der »Grundwahrheit Goethes von der Einheit der Natur«. »Und

in dieser Einheit liegt alles, auch das Schöne«. Zu neuen Welten

sucht Bölsche neue Wege. In jenem selten gefundenen Gleichbesitz von

naturwissenschaftlicher und dichterischer Befähigung erschließen

sich ihm unendliche Weiten zu jenen fernen Weihnachtsinseln einer

glücklicheren Zukunft, wie in den »Visionen auf dem Palatin«, oder in

dem grandiosen »Gespräch mit der Peterskuppel«. Wie die Geheimnisse

ihn dort umstellen, dort »wo so unsagbar viel Menschensehnsucht

sich verblutet« und er sich dann durch alle die Weltirrungen und

Wirrungen hindurchfindet an der Hand der großen Weltlogik und der

Naturgesetzlichkeit. So weiht er schließlich die schönste Kuppel der

Erde »einer lichteren Zeit, freieren Menschen mit reinerem Sinn«, einer

ferneren Zeit, da die Forschung eine religiöse Tat und jeder echte

Forscher ein Priester sein wird.

W. Bölsche, Vom Bazillus zum Affenmenschen. 10. Tausend. br. M. 5.--,

geb. M. 6.--

_Aus dem Inhalt_: Bazillus-Gedanken -- Wenn der Komet kommt -- Das

Geheimnis des Südpols -- Die Urgeschichte des Magens -- Ein lebendes

Tier aus der Urwelt -- Der Affenmensch von Java -- Das Märchen des Mars.

Komet und Weltuntergang · 第 6 / 7 段