Zöllner hat ähnliche Gedanken später zu einer großen Theorie ausgebaut.

Heute kann man sie in der veränderten Symbolsprache moderner

Elektrizitätsanschauungen ausdrücken, ohne daß doch das Grundbild,

scheint es, dabei ein wesentlich anderes würde. Gewisse leise

Schwierigkeiten sind stets in der Art geblieben, wie man sich die volle

Übermacht der elektrischen Abstoßung über die Gravitation denken sollte.

Inzwischen ist in neuester Zeit aber noch eine andere sinnreiche

Erklärung aufgetaucht, wie man sich bei Annahme ungemein winziger und

zerstreuter Teilchen eine solche Abstoßung auch in größter Sonnennähe

vorstellen könnte.

Die Schweifmaterie, sagte ich, erscheint so fein und so weitmaschig

verpulvert, daß sie durchströmendes Sternenlicht für uns nicht

ablenken kann. Aber es fragt sich, ob sie selber gerade in solchem

Zustande nicht durch das Licht, das Sonnenlicht in ihrer Sonnennähe,

dahingetrieben werden müßte.

Ein ganz alter Kometengedanke kommt hier noch einmal zu Ehren, den fast

drei Jahrhunderte Physik verschüttet hatten. Der Satz, den Seneca schon

schreibt: »Die Kometenschweife fliehen vor den Sonnenstrahlen«, hatte

dem großen Kepler zu denken gegeben. Konnten es nicht die Lichtstrahlen

der Sonne selber sein, die den Schweif vor sich herjagten?

Nach der Physik jener Zeit war das »Licht« etwas Körperliches in dem

Sinne, daß von der Lichtquelle aus dabei beständig wirkliche winzige

Körperchen in den Raum hinausgeschleudert wurden. Jede Kerzenflamme

bombardierte uns so mit ihren Lichtkörperchen. Die große Sonne aber

entsandte fortgesetzt einen wahren Hagel dieser Art um sich her. Wo

diese Körperchen auf einen Widerstand, auf andere, entgegenstehende

Körper stießen, da mußten sie prallend einen Stoß, einen Druck ausüben.

Nun, sie waren winzig. Bei irgendwie größeren Dingen im Raum konnte

dieses liliputanische Lichthändchen nicht viel wollen. Wenn ich meine

Hand einer Kerzenflamme näherte, so fühlte ich den Lichtgegendruck gar

nicht, geschweige denn, daß er meine Hand beiseite drücken könnte.

Aber wenn man sich entsprechend winzige Einzelkörperchen, etwa ganz,

ganz feinen Staub, dachte, auf die einzeln grade so ein Lichtteilchen

anprallen konnte, so war doch recht gut denkbar, daß diesmal das

Stäubchen vor dem Stäubchen wirklich etwas rückwärts wich.

Nun hielt Kepler zwar den Kometen schon für ein kosmisches Gebilde,

aber doch für eine recht lose Wolke. Und wenn nun von dieser Wolke ein

Teil im Schweif wirklich gerade vor den Sonnenlichtstrahlen zu fliehen

begann: warum sollte es sich da nicht um allerfeinste Teilchen dieser

Kometenwolke handeln, die wirklich und wahrhaftig von dem feinen Hagel

der Lichtkörperchen dieser Sonne in die Flucht geschlagen wurden?

Klein, sehr klein müßten die Kometenteilchen ja dann wohl sein; aber

sonst ging die Sache unverkennbar nett, vorausgesetzt, die Lichttheorie

mit ihren Körperchen war richtig.

Allerdings war die Gravitationslehre damals noch nicht wissenschaftlich

scharf entwickelt, man übersah die Macht selbst noch nicht genügend,

der diese Wirkung die Stange halten sollte. Das sollte erst Newton

nachholen. Newton selbst aber war wieder der Keplerschen Idee nicht

hold, obwohl er an der Lichttheorie in dieser Form noch festhielt.

Wenig später fiel aber dann auch diese ganze Lichttheorie dahin: man

faßte das Licht jetzt überhaupt nicht mehr als ein Aussprudeln eigener

Lichtkörperchen, sondern entschied sich für eine Wellenbewegung im

Äther. Und damit schien der alte Gedanke völlig antiquiert. Ein solches

Wellenschaukeln konnte wohl nichts von der Stelle rücken, auch das

kleinste Stäubchen nicht.

Euler war der einzige, der im 18. Jahrhundert warnte. _Irgend_einen

Druck, meinte er, müßten doch auch solche Lichtwellen ausüben. Es

sollte aber noch weit über hundert Jahre dauern, bis einer auch nur

darauf wieder zurückkam.

Maxwell tat es tief im 19. Jahrhundert, bei Gelegenheit seiner Revision

der ganzen Wellenlehre. Auch ihm schien die Annahme eines solchen

»Strahlungsdrucks« wieder unvermeidlich, doch hielt er ihn noch für

unmeßbar winzig, so daß auch jetzt die alten Fragen noch nicht wieder

eigentlich akut wurden.

Wider Erwarten ließ sich die Messung indessen nachher bewerkstelligen.

Für entgegenstehende Stäubchen oder Tröpfchen von gewisser Größe konnte

der Strahlungsdruck (der des Lichtes, wie der jeder andern Strahlung)

wirklich nicht belanglos sein.

Der bekannte schwedische Physiker Svante Arrhenius legte sich in diesem

Punkte dann endlich auf genaues Rechnen.

Er kam zu dem Resultat, daß ein solches Stoffteilchen in der Nähe

der Sonne bei dem Gewicht etwa von Wasser einen Durchmesser von rund

dem Sechshundertstel eines Millimeters haben müsse, um vom reinen

Strahlungsdruck so in seinem Fall nach der Schwere (also auf die Sonne

los) gehemmt zu werden, daß es frei und einsam schwebend still stand.

Das kleine Händchen der Strahlung hielt in dem Falle der Riesenfaust

der Gravitation, die sonst alles zur Sonne riß, mitten im offenen Raum

die Wage!

Ging man von da ab dann bei solchem Gegenstäubchen noch im Durchmesser

herunter, so begann der Strahlungsdruck allen Ernstes das Stäubchen der

Gravitation zum Trotz von der Sonne fortzutreiben.

Bei dem Sechstausendstel eines Millimeters war dieser Gegendruck unter

Umständen schon zehnmal so stark wie die Gravitation. Unaufhaltsam

wurde das winzige Stäubchen in die Planetenräume hineingetrieben.

Arrhenius hat sehr hübsch ausgemalt, wie das weitere Schicksal eines

solchen Schiffleins, das der Lichtdruck dahinbewegt, bei ungestörten

Verhältnissen verlaufen müßte.

Das Licht fließt und fließt und drängelt sein Schifflein unaufhaltsam

weiter. Wenn ein solches Stäubchen die Erdbahn passierte, so würde es

durch den Lichtdruck der Sonne noch immer so bewegt werden, daß es

schon nach 20 Tagen den Zwischenraum, der die Erdbahn von der Bahn

des Mars trennt, durchschwommen hätte. Nach 80 Tagen überschritte

es die Jupiterbahn, nach 14 Monaten die des Neptun. Wenn fremder

Strahlungsdruck es nicht in Windstillen und Gegenwind seiner Richtkraft

brächte, müßte es nach 9000 Jahren das nächste Fixsternsystem bei

jenem Doppelstern Alpha im Sternbilde des Zentauren erreichen.

Der Gedanke hat an sich seine Größe. Er lehrt, wie Materie in

stäubchenhaft winzigster Zerstreuung beständig von unserer Sonne zu

allen ihren Planeten, ja in ferne Fixsternsysteme getrieben werden

könnte.

Wenn ein Planet wie unsere Erde feinsten Staub irgendeiner Art

gelegentlich selber aus seiner Atmosphäre verlöre, so müßte auch er an

solchen Weltfahrten teilnehmen, einfach, weil das Sonnenlicht auf ihn

scheint.

Mancherlei Perspektiven könnten hier auftauchen, die trotz der

grenzenlosen Raumesöden, die Sonne und Planeten, Sonnen und andere

Sonnen trennen, ein beständiges geheimes Hin- und Herfluten kleinster

Stoffteilchen denkbar machen.

Immer freilich gilt die Transportmöglichkeit nur von _sehr_ kleinen

Stäubchen. Durch Verminderung des Gewichts (z. B. für allerzarteste

Rußflöckchen) könnte man sie noch beweglicher machen. Aber der minimale

Durchmesser müßte bleiben. An Körperchen vom Durchmesser eines solchen

Sechstausendstels eines Millimeters wären 470 Billionen nötig, um auch

nur ein Kubikzentimeter Wasser zu bilden. Immerhin wäre man noch nicht

auf der Grenze der Moleküle. So weit dürfte man aber auch gar nicht

gehen. Denn ein Molekül ist _so_ winzig, daß das Händchen des Lichtes

(bildlich gesprochen) es gar nicht mehr umfassen kann. Dort versagt

also der Strahlungsdruck von neuem: reine Moleküle fallen nach der

Gravitation genau so wie schwerere Staubteilchen.

Von hier ist nun bloß ein einfacher Schritt (und Arrhenius hat ihn

sofort selbst getan), um auf die alte Grundidee Keplers vor den

Kometenschweifen zurückzukommen.

Die meteorische Kernwolke des Kometen folgt der Gravitation, stürzt

also gegen die Sonne. Eine gewisse Auslese ihrer losen Stoffteilchen

aber, die gerade jener kritischen Größe entspricht, wird, je näher das

Ganze der Sonne kommt, immer energischer vom Strahlungsdruck dieser

Sonne erfaßt und als Schweif umgekehrt aus der Hauptmasse fortgetrieben

werden müssen.

Arrhenius denkt in der größeren Kernnähe und bei den kürzeren Schweifen

besonders an vereinzelt schwebende Kohlenwasserstofftröpfchen der

angesetzten Größe. Bei ihrer Kondensierung sollen elektrische

Prozesse, die als solche wieder die Sonne in der Kometenwolke erzeugt,

mitwirken, also die gleichen Vorgänge, in deren Gefolge dann auch die

abwirbelnde Schweifmaterie noch auf weite, weite Strecken hin wie

phosphoreszierend aufglimmt. Für die ganz langen, schier endlosen

Schweife dagegen nimmt er nur noch feinste Rußteilchen als eigentliches

Objekt des Strahlungsdruckes an, die durch Verkohlung solcher

Kohlenwasserstofftröpfchen entstanden sind und bei einem überaus

geringen Gewicht mit einer Abstoßungskraft dahinbewegt werden können,

die die Schwerewirkung der Sonne um das Vierzigfache übertrifft.

Vor Jahren schon und ohne jede Rücksicht auf die Idee des

Strahlungsdrucks hatte nämlich der Astronom Bredichin aus den

verschiedenen Schweiflängen der einzelnen Kometen verschiedene Grade

der dabei wirkenden Abstoßungskraft zu errechnen gesucht und war dabei

für die längsten, am geradlinigsten von der Sonne abgekehrten Schweife

auf weit höhere Ziffern als für die kurzen, dicken und sozusagen nur

widerwillig gekrümmten gekommen. Ganz folgerichtig riet auch er dabei

schon auf verschiedene Substanzen in diesen Abstoßungsklassen, und

wenn (wie es wiederholt beobachtet worden ist) ein und derselbe Komet

(z. B. der herrliche Donatische von 1858) mehrere ungleich lange und

ungleich gerade Schwänze in der Sonnennähe von sich abwirbeln ließ, so

schloß er, daß hier verschiedene disponible Kernmaterien sich je nach

ihrer verschiedenen Schwere bald mehr, bald weniger dem Abstoßungsdruck

entsprechend angeordnet hätten. Das fügte sich jetzt sehr hübsch in

Arrhenius' Erklärung ein.

Für unsern praktischen Fall mit dem Halleyschen Kometenschwanz im Mai

aber würde es gerade das Entscheidende werden; geht doch hier nicht ein

kurzer Kernschweif, sondern gerade recht das fernste Ende eines langen

Millionenmeilenschwanzes über uns fort; im Sinne von Arrhenius bekämen

wir also wohl nur noch solche allerfeinsten Rußpartikelchen wie vom

Schlotqualm eines endlos fern an uns vorbeifahrenden Dampfschiffs ab.

Wie Arrhenius sich die Sache denkt, kann man sich direkt im Experiment

vormachen.

In einer nach unsern Kräften luftleer gepumpten Sanduhr (einem alten

Stundenglase) läßt man etwas Schmirgelpulver, vermischt mit in Rotglut

vorher verkohlten Sporen eines Bovistpilzes von oben nach unten

durchlaufen. Gegen den niederrieselnden feinen Staubstrahl richtet

man jetzt von der Seite her das durch eine Linse konzentrierte Licht

einer elektrischen Bogenlampe. Das schwerere Schmirgelpulver fällt

einfach der Gravitation nach abwärts, ohne sich um den Lichtdruck

zu kümmern. Die absinkenden Kohlestäubchen dagegen werden eben von

diesem Lichtdruck abgelenkt und in langem Schweif zur Seite getrieben.

Im engen Bilde erscheint, was der Komet als _ungeheures kosmisches

Experiment_ in seinem luftleeren Weltraum uns nach Arrhenius auch

nur vormacht! Dem Schmirgel gleich fällt die meteorische Staubmasse

des Kernes nach dem Gravitationsgesetz zur Sonne. Die feinen

Rußpartikelchen fliehen dagegen unter dem Lichtdruck dieser Sonne als

Millionen Meilen langer Schweif dahin.

Auf jeden Fall führen die verschiedensten Wege, wie man sich die

Abstoßung denken mag, alle unerläßlich auf eine Schweifmaterie von ganz

außerordentlicher Winzigkeit und Zerstreuung des Inhalts.

Keine leiseste Theorie existiert, die solche Abstoßung, sei sie nun

elektrischer Natur oder Strahlungsdruck, auch nur noch auf solchen

feinen Meteorstaub, wie er in unsern Sternschnuppen verpufft, anwendbar

dächte. Es muß sich um eine noch viel, viel minutiösere Stoffauslese

handeln.

Kein Gedanke, daß sich etwa ein einheitlicher dicker Giftqualm

einschmuggeln könnte, der unsere ungeheure, rasend schnell

vorbeibewegte und in ihren tieferen, dichteren Schichten, in denen wir

atmen, wie eine Art hygienischen Watteschutzes um die Erde gewundene

Atmosphäre völlig durchsetzen könnte.

Keine entfernteste Möglichkeit heißer Dampfstrahlen etwa aus

glühendem Wasserstoff oder Eisendämpfen, die der Komet nach Art

der Sonnenprotuberanzen zu uns herüberschleudern könnte. Der

ungeheure Sonnenball selbst hat wahrlich andere Explosivmittel und

Stoffmaterialien als solches Kometenwölkchen zur Verfügung, er wirft

unter Umständen wirklich glühende (wenn auch stofflich sehr dünne)

Wasserstoffgarben in die Höhe, die siebzigtausend Meilen ansteigen

können; keine dieser Sonnenprotuberanzen könnte aber auch nur die Bahn

des innersten Planeten, des Merkur, bedrohen, der immer noch rund

sieben Millionen Meilen über der höchsten Protuberanz dahinzieht.

Um aus einem Kometenschweif eine glühende Wasserstoffprotuberanz zu

machen, müßte man den zur Sonne so schwachen Kometenkern aber Garben

werfen lassen bis zu zwanzig Millionen Meilen. Das Unsinnige liegt

schon so zutage, abgesehen von all den andern Gegengründen.

Das elektrische Glühen der unendlich feinen Schweifmaterie wird man

sich auch nur als einen beständigen schwachen Ausgleich zwischen den

winzigen Einzelteilchen denken müssen im Sinne des Aufleuchtens der

außerordentlich verdünnten Materie in unsern Geißlerschen Röhren.

Es ist ja erstaunlich, in was für Stadien der Verdünnung sich kosmische

Körper offenbar befinden können, ohne doch die Fähigkeit des Leuchtens

und die Wirksamkeit für unsere Spektralapparate zu verlieren.

Jeder hat von den echten Nebelflecken gehört, ungeheuren Gebilden,

in denen leuchtende Gasmassen sich über unfaßbar riesige Gebiete

des Raumes ausdehnen. Diese Nebelflecken geben trotz ihrer enormen

Entfernung so viel Licht, daß wir sie photographieren können; einzelne,

wie der Orionnebel, erscheinen schon in kleinen Fernrohren als

imposantes Objekt. Im Spektroskop erkennt man sehr gut auch noch die

hellen Linien der Gassubstanzen, die da glühen, und man darf daraus

mit Sicherheit auf Wasserstoff, Stickstoff und Helium schließen.

Die ältere Annahme hielt nun auch solchen Nebelfleck für ein echtes

höllenhaftes Glutmeer, in dem unsere Erde augenblicklich verpuffen

würde wie eine Sternschnuppe. Neuere Astronomen denken dagegen genau

umgekehrt an Gase, die leuchten, weil sie so außerordentlich _verdünnt_

sind und bei sehr _niedrigen_ Temperaturen im kalten Raume schweben.

Auch hier mag man irgendein elektrisches Glühen vermuten, für das Gase

gerade in diesem Zustande besonders geeignet erscheinen. Über die

wirklich kolossale Verdünnung kann aber bei den Raumverhältnissen in

diesem Falle kein Zweifel sein.

Arrhenius berechnet in einem Nebelfleck, dessen Gas den vielfachen Raum

der Neptunbahn einnähme, die Dichte des Gases nur auf ein Billionstel

der Dichte unserer Luft. Und doch erscheint der Nebel, in fernen

Fixsternräumen schwebend, noch als Lichtgebilde für uns und gibt

Stofflinien im Spektralapparat ganz wie ein Komet, der relativ dicht

neben uns um unsere Sonne geht!

Dem Laien pflegt durch die allgemein verbreitete Kant-Laplacesche

Bildungstheorie die Vorstellung ganz besonders geläufig zu sein, daß

unser eigenes Sonnensystem mit all seinen Planeten und Monden einst

auch eine einheitliche gashafte Nebelmasse dieser Art gebildet habe,

wobei die jetzt zur Sonne und ihren Planeten und Monden geballte

Materie sich bis über die Neptunsbahn einheitlich lose ausgedehnt

hätte. Scheiner hat gerade das aber gelegentlich auch einmal exakt

durchgerechnet, und er hat als Resultat bekommen, daß unsere Atemluft

an der Erdoberfläche 240000 Millionen mal so dicht sei, als diese

anfängliche Nebelmaterie höchstens gewesen sein könne. Das sogenannte

Vakuum unter unsern Luftpumpen, das wir gern stolz als »leeren Raum«

bezeichnen, stellt im guten Falle erst ein Hunderttausendstel unserer

Luftdichte dar. Man bekommt hier einen Begriff, was wirklich leerer

Raum hieße.

Bei jenem 240000 Millionstel unserer Luft stehen wir tatsächlich noch

bei realen Körpern, die selbständig leuchten und ein Lichtspektrum

geben, das ihre Elemente verrät! Erst weit jenseits dieser Werte würde

aber die Welt des Lichtäthers selbst beginnen, auf deren Wellendruck

Arrhenius seine Kometenteilchen in den Schweifen dahinsegeln läßt.

Man muß diese Vergleichsbilder kennen, wenn auf der einen Seite ein

Forscher sagt, ein Kometenschweif erscheine ihm wie ein »leuchtendes

Nichts« ... und auf der anderen Weltuntergangsängste umlaufen, die

unter dem gleichen Gebilde sich ein Ding etwa wie eine weißglühende

Stange vorstellen, die mit zerschmetternder Vehemenz gegen unsere Erde

schlagen wird ...

* * * * *

Resümieren wir also noch einmal unser Los in der kritischen Nacht vom

18. zum 19. Mai.

Nach der vorläufig besten und neuesten Berechnung liegt die eigentlich

bedeutsame Nachtstunde für uns in Deutschland _genau zwischen morgens

3 Uhr 22 Minuten und 4 Uhr 22 Minuten_. Sie gehört also nach unserer

bürgerlichen Datierung bereits dem 19. Mai an, während der Astronom

sie nach seiner Berechnungsart noch zum 18. Mai zählt. Über eventuelle

Verschiebungen des engeren Termins werden im letzten Momente ja noch

alle Zeitungen wie bei einer wichtigen Theaterpremiere berichten.

In dieser Stunde also geht der Komet genau zwischen der Sonne und

unserer Erde durch. In Australien, in der Südsee und in Ostasien

wird man direkt beobachten können, wie der Kometenkopf scheinbar in

die Sonnenscheibe eintritt, um sie erst nach einer ganzen Stunde des

Vorbeipassierens wieder zu verlassen.

Während dieser Stunde aber wird die Erde selbst durch den

Kometenschweif gehen, und wenn dieser Schweif angetan wäre, wirklich

unsere Atmosphäre mit irgend etwas Schrecklichem zu versetzen, so

würde sich dieses Schreckliche dann alsbald unaufhaltsam durch unsern

gesamten Luftkreis verbreiten müssen.

Was ist nun in Wahrheit zu erwarten?

Da uns nicht ein Kometenkopf berührt, sondern nur der Ausläufer

eines Kometenschweifs, ist es nicht wahrscheinlich, daß wir

direkt noch meteorischen Staub von der Stärke in unseren obersten

Atmosphäreschichten erhalten, daß ein Sternschnuppenregen auftritt;

schade, denn dieses Schauspiel wäre ebenso ungefährlich wie schön, und

es lohnte, daß man eine Nacht darum aufbliebe.

Ausgeschlossen sind nach aller bestehenden Theorie sowohl

katastrophenhafte Stoßerscheinungen, wie Gefahren durch explosible oder

giftige Stoffe.

Denkbar wäre dagegen zu dem kritischen Termin eine bestimmte Sorte

irdischer Feinwirkung, die wir diesmal zum erstenmal genau feststellen

könnten, weil wir zum erstenmal die nötigen Apparate dafür zur

Verfügung haben. Auch ihr geht jeder katastrophenhafte, uns und

unsere Technik gefährdende Charakter ab, dagegen handelt es sich um

die Möglichkeit von sowohl wissenschaftlich wie technisch wertvollen

Feststellungen.

Es wäre nämlich immerhin möglich, daß der Kometenschweif gewisse feine

_elektromagnetische Störungen_ auf unserer Erde hervorriefe.

Bekanntlich gibt es auf unserm Planeten höchst eigentümliche zeitweise

Störungen und Stürme innerhalb der geheimnisvollen Kraftbetätigungen,

die wir elektromagnetische nennen und deren Wirksamkeit wir erst in

neuerer Zeit genauer zu erforschen und zu verwerten begonnen haben.

Unsere Magnetnadeln geraten dabei in mehr oder minder lebhafte

Unruhe. In stärkeren Fällen durchsausen gewaltige elektrische

Erdströme die Oberflächenschicht des Planeten und bringen alle unsere

Telegraphenleitungen für eine kurze Weile in heillose Unordnung, ja

außer jeglicher brauchbaren Funktion. Zugleich wird bis in Gegenden,

wo man an dergleichen nicht gewöhnt ist, eine völlig ungefährliche,

aber sehr auffällige Lichterscheinung unserer Atmosphäre merkbar,

die sich sonst auf eine gewisse Nähe der magnetischen Pole unserer

Erde beschränkt: nämlich das sogenannte Polarlicht oder (für unsere

Nordhalbkugel) Nordlicht.

Obwohl diese oft plötzlichen und für unsere modernen Verkehrsapparate

mindestens momentan lästigen elektromagnetischen »Unwetter« zunächst

durchaus irdische Phänomene sind (auch mit Einschluß des Nordlichts),

so hat man doch allmählich gelernt, daß bei ihnen irgendein weiterer

kosmischer Zusammenhang zweifellos auch noch besteht.

Sie fallen nämlich durchweg zeitlich genau zusammen mit bestimmten

Erscheinungen auf der Sonne.

Die Sonne zeigt an ihrer Oberfläche gelegentlich gewisse Anzeichen,

die auf eine lebhaftere eruptive Tätigkeit schließen lassen. Als

sichtbarlichstes Gebilde gehören (in irgendeinem Zusammenhang, der an

sich noch nicht völlig geklärt ist) hierher die Sonnenflecken. Diese

Sonnenflecken treten in bestimmten Perioden stärker und dann wieder

schwächer auf; bald ist die Sonnenscheibe von ihnen fast bedrohlich

besetzt, bald wieder scheinen sie so gut wie ganz zu verschwinden.

Mit großer Sicherheit hat man nun eine elfjährige Periode dieser Art

feststellen können, in der einmal eine Steigerung bis zu einem Maximum

eintritt, dann aber wieder ein ebenso konsequentes Sinken folgt.

Ganz genau die gleiche elfjährige Periode beobachtet man aber auch

in einem bestimmten Schwanken unserer Magnetnadeln. Hier _muß_ ein

Zusammenhang bestehen.

Bei bestimmter Häufung und Größe einzelner Sonnenflecken wird dann auch

eine unmittelbare Wirkung deutlich. Mit dem Auftreten des Fleckenfeldes

auf der Sonne, ja noch enger genau mit dem Moment, da es sich innerhalb

der Sonnenrotation gerade unserer Erde senkrecht gegenüberstellt,

pflegt bei uns ein erhöhtes elektromagnetisches Gewitter (mit wilden

Magnetnadel-Ausschlägen, abnormen elektrischen Erdströmen und starken

Nordlichtern) einzutreten.

Die Sonne ist von uns rund 20 Millionen Meilen entfernt. Trotzdem ist

es, als greife von ihr in solchem Moment etwas Unsichtbares wie ein

Scheinwerferstrahl bis zu uns herüber und störe unsere Apparate.

Man hat wirklich an solche Wurfstrahlen gedacht. Bei den

Sonnenfinsternissen sieht man einen sonst unsichtbaren Kranz ungeheurer

Stoffstrahlen, die leuchtend weithin von der Sonne auszufließen

scheinen, die sogenannte Korona. Es könnte sein, daß bei großen

Eruptionen dort solche Strahlen stärker aufschießen und bei bestimmter

Einstellung bis zu uns kommen. Unendlich feine Materie jedenfalls,

haben sie nichts zu tun mit jenen erwähnten wirklichen glühenden

Wasserstoff-Protuberanzen der Sonne, die nie entfernt so weit

reichen könnten. Ihre einzige Wirkung, die sie bei uns tun können,

ist offenbar nur eben jene ganz feine elektromagnetische, die sich

in Magnetnadelschwankungen, Nordlichtern und (nur in unsern feinen

Apparaten merkbaren) Erdströmen andeutet. Arrhenius denkt auch hier

an feinste Stoffteilchen jener kritischen Größe, die, durch engere

Sonneneruptionen zunächst hochgeschleudert und verstreut, dann zum Teil

vom Strahlungsdruck bis in die Planetenräume hinausgetrieben und so

auch bis zu uns gebracht würden. Die elektrische Ladung dieser Teilchen

würde dann die Erdphänomene erklären.

Wie man sich das nun im einzelnen ausmalen mag: jedenfalls gibt diese

Kette offensichtlicher elektromagnetischer Zusammenhänge zwischen Sonne

und Erde und ihre Wirkung bei uns einen _vagen_ Anhalt, was auch ein

Kometenschweif als irgendwie elektrisch tätiger »Scheinwerfer« bei uns

erzeugen _könnte_.

Nehmen wir an, auch er enthält elektrisch erregte Teilchen, so wäre

es immerhin denkbar, daß auch sie bei ihrer Mischung mit unserer

Erdatmosphäre, wenn denn sonst bei ihrer Winzigkeit absolut nichts, so

doch einen gewissen »elektromagnetischen Sturm« erregten, also unsere

Magnetnadeln ausschlagen ließen, unsern elektrischen Betrieb momentan

durch unkontrollierbare Erdströme störten und (als sinnfälligsten

Effekt) vielleicht bis in unsere dichtesten Kulturbreiten hinein

brillante bunte Nordlichter aufflammen ließen.

Komet und Weltuntergang · 第 5 / 7 段