wandern, normalerweise niemals absolut leer ist, liegt aller bisherigen
Erfahrung nach nicht in der Linie ernsthafter Gefahr. Feine, unsere
Bahn kreuzende Stoffteilchen verpuffen schon an den obersten Schichten
des großen Deck- und Puffermantels, den unsere Atmosphäre bildet,
allnächtlich zu völlig harmlosen Sternschnuppen. Mikroskopischer
kosmischer Staub, der sich da und dort auch aus solcher Quelle bei
uns anhäuft (z. B. in der Tiefsee), geniert niemand. Einzelne größere
meteorische Metall- oder Steinbrocken, die gelegentlich doch noch in
einer gewissen derben Greifbarkeit zu uns herunterkommen, haben eine
eigentlich verderbliche Rolle auch noch nie gespielt. An sich sind sie
so selten und meist so unauffällig, daß lange genug wissenschaftlicher
Streit sein konnte, ob sie überhaupt vorkämen. Das ist nun zwar heute
erledigt, aber die Wahrscheinlichkeit, daß auch nur ein Einzelmensch
gerade von einem Meteorstein vernichtet werden solle, liegt weit
unter der, daß der Betreffende zweimal hintereinander das große Los
gewinnen solle. Selbst einzelne größere Blöcke, die man nachträglich
gefunden und mit mehr oder weniger Sicherheit als meteorisch bestimmt
hat, können nur so minimalen Schaden auf winzigem Fleck getan haben,
daß die geringste irdische Vulkaneruption als wahre Riesenkatastrophe
dagegen erscheint.
Alle diese normalen Verträge aber, darüber ist nun wirklich kein
Zweifel, bricht der Komet. Er rennt unter Umständen nicht nur senkrecht
in die Planetenkreise hinein, sondern er entwickelt auch aus sich
heraus körperliche Größenverhältnisse, die jene planetarischen
Zwischenräume belanglos machen. Es gibt Kometen, die in der Sonnennähe
Schwänze von zwanzig Millionen Meilen Länge entwickelt haben. Das ist
nahezu das Dreifache unserer kleinsten Erdentfernung vom Mars und fast
das Vierfache von der Venus. Wenn ein solcher Komet beinahe viermal
so weit wie die Venus von uns entfernt stände und seinen Schweif auf
uns eingestellt hätte, müßte dieser Schweif uns noch energisch über
den Kopf schlagen, angenommen, daß er die Beschaffenheit einer harten
Pritsche hätte. Er könnte dabei auf der Sonne sitzen und uns doch über
den ganzen Zwischenraum hindurch, quer durch Merkurbahn und Venusbahn,
einen Stüber versetzen. Wenn der Komet wirklich mit einer Pritsche
hauen kann oder wenn er uns in seinem Schweif mit etwas anpustet, das
uns versengen oder vergiften muß, so sind wir bei solcher Sachlage
einfach verloren. Das Damoklesschwert hängt bei der notorischen Menge
der Kometen immerfort über uns. Das Unheil, das uns jetzt in der Nacht
vom 18. zum 19. Mai drohen soll, ist nur die Krisis eines chronischen
Leidens, das auch außerhalb des angesagten Termins jeden Tag ausbrechen
kann. Der Halleysche Komet ist ja einer der wenigen in ihrem Lauf
sicher berechneten. Andere kommen beständig unverhofft; so eben der
Johannesburger. Wenn ihre Pritsche zufällig so liegt, daß sie zu uns
heranlangt, kann täglich, stündlich die große Katastrophe eintreten.
Die offene kosmische Garantielosigkeit ist hier proklamiert.
Wenn ... ja, wenn der Komet eine Pritsche oder sonst irgend etwas
Gefährliches hat. Das ist die entscheidende Frage. Was ist ein Komet?
Von den Planeten wissen wir, daß sie Lokomotiven sind. Ein
Zusammenprall bedeutete eine entsetzliche Katastrophe. Aber wenn
von der Lokomotive eine lange Dampfwolke in die grüne Wiese hinein
verloren wird und dieser Dampfschwaden einen Spaziergänger für einen
Moment einhüllt, so ist das keine Katastrophe. Wenn auf dieser Wiese
im Herbstabend Erlkönig seine Nebelschleier spinnt und die Lokomotive
durch diese Schleier saust, so ist das keine Katastrophe. Ist der
Komet eine kraftzitternde ungeheure Lokomotive ... oder ist er eine
harmlose Rauchsäule, ein Nebelstreif aus den Wiesen des Alls? Sein oder
Nichtsein für uns, das ist hier die Frage.
* * * * *
Still glänzt das silberne Wölkchen da oben, das jetzt nachweisbar seit
rund zwei Jahrtausenden alle sechsundsiebzig Jahre immer einmal wieder
in unser Menschenwesen hineingeschaut hat. Immer wieder hat es uns
dabei in neuen Stadien dieser Frage gefunden. Wenn der Halleysche Komet
ein Geschöpf wäre wie wir, das Erinnerungen sammeln und wiedererzählen
könnte, so würde er uns ein merkwürdiges Buch schreiben können von Wahn
und Hoffnung der Menschen, wie sie in diesen Abständen auch gravitiert
haben um das dunkle Zentrum jener Frage. Zweimal tausend Jahre hat er
uns Zeit gelassen, endlich Stellung zu ihm zu nehmen.
Das Jahr 11 vor Christi Geburt ist das älteste Datum, bis zu dem man
ihn ziemlich sicher verfolgen kann. Wenn man die je 76 Jahre nur als
runden Wert nimmt, bedeutet das für heute also gerade das Jubiläum
seiner fünfundzwanzigsten Wiederkehr.
In Bezug auf Störungen wie Zerstörungen (wir haben von diesem Begriff
bei Kometen gleich noch zu reden) muß er in dieser langen Zeit eine
relativ recht glückliche Lage gehabt haben, es steht also nichts im
Wege, sich zu denken, er komme in Wahrheit sogar schon viel länger.
So mag er schon in die Zeiten der alten Babylonier hineingeleuchtet
haben, in jenen ersten Frühling astronomischer Forschung, aus dem uns
gerade über Kometen schon eine Meinung und zwar eine gleich zu Anfang
überraschend treffende überliefert ist. Wie Fische, hieß es, tauchten
sie ab und zu in die Tiefen ihres Meeres, der fernen Himmelsräume, so
daß man sie nicht mehr sehen könne; zu ihrer Zeit kehrten sie aber
wieder aufsteigend in unsere Nähe zurück. Der Begriff des wandernden
Weltkörpers, der gleich den Planeten in einer Bahn lief, war damit zum
erstenmal gefaßt. Und diese Ansicht sollte in der ganzen Antike bis zu
ihrem Schluß nie mehr ganz verloren gehen.
Als der Komet in die Glanztage von Hellas hineinleuchtete, war sie die
Lehrmeinung der Pythagoreer, die sogar direkt annahmen, im Kometen
stecke eine Art Planet. Als er aber wiederkam kurz nach dem Tode des
Aristoteles, hatte sich eine zweite Deutung entgegengestellt, die nun
auch ein zähes Leben haben sollte, obwohl sie den verhängnisvollsten
Irrtum enthielt.
Aristoteles lehrte, ein solcher Komet sei alles andere eher als ein
frei kreisender Weltkörper. Eine flüchtige Erscheinung unseres engeren
Luftkreises sei er nur; ein vom Erdboden aufgedunstetes leuchtendes
Wölkchen also, das sich bildete und zerfloß; wir heute würden sagen:
etwa wie ein Nordlicht, das man damals auch für brennenden Nebel hielt.
In dieser Zeit war zwar noch nicht abzusehen, was Aristoteles für
eine Macht werden sollte weit über die ganze Antike hinaus. Aber zwei
Meinungen gingen fortan durch diese Antike selbst, die sich gegenseitig
grell ausschlossen.
Die erste historisch bezeugte Wiederkehr des Kometen nach Christi
Geburt, um das Jahr 65, fiel in das Todesjahr des geistvollen
Römers Seneca. In einem liebenswürdigen kleinen Plauderbuche über
naturwissenschaftliche Fragen, das man vielleicht als die früheste
erhaltene populärwissenschaftliche Feuilletonsammlung bezeichnen kann,
bekannte sich Seneca durchaus noch zu der pythagoreischen Idee. Die
Kometen sind ihm Gestirne wie Sonne und Mond, in festen Bahnen laufend;
eine Zeit werde kommen, da man diese Bahnen sicher berechnen werde;
eine erste gute Prophezeiung, die von einem feinen Kopf vor Kometen
gewagt wurde.
Aber eben in diesen Tagen lebte auch der dicke Admiral Plinius, der
eine Art Konversationslexikon des damaligen Wissens zusammenstoppelte,
in seiner Art ein grandioses Werk, das uns unendlich viel gerettet hat.
Herr Plinius, der »große Meyer« also jener Zeit, urteilt selten, meist
kompiliert er verschiedene Ansichten. Auch von den Kometen weiß er,
daß die einen sie für echte Gestirne halten, die andern für brennenden
Qualm, der aus Feuchtigkeit und Feuerstoff entsteht und sich bald
wieder auflöst.
Aber dazu bringt er nun einen aparten Qualm, aus dem plötzlich deutlich
wird, was für eine dritte Meinung sich allmählich im Volk und speziell
bei den Kulturrömern durchgekämpft hatte und zur Stunde unabhängig von
aller Wissenschaft sozusagen auch offizielle Hof- und Staatsräson des
römischen Cäsarenhauses war. Die Kometen hatten nicht nur allerhand
seltsame Gestalten; Plinius unterscheidet Bartsterne, Schießsterne,
Schwertsterne, Scheibensterne, Tonnensterne, Hornsterne und
Lampensterne. Sie erschienen auch nicht nur ab und zu ganz plötzlich.
Sondern sie _bedeuteten_ etwas. Sie selber taten uns nichts, aber sie
verkündeten, daß etwas geschehen werde. Sie hatten sozusagen einen
moralischen Sinn außerhalb aller unmittelbaren Naturerklärung.
Diese Vorstellung führte aus allem naturwissenschaftlichen Denken
heraus, sie war der einfache Bankerott jeglicher Wissenschaft
überhaupt. Aber in der breiten Volksmasse jener Zeit war sie
offenbar damals bereits längst die beliebteste, und es war bloß
charakteristisch, daß sie jetzt auch nach oben zu sich anschickte, das
Denken zu erobern und die dort gefundene Logik wieder zu entthronen.
Charakteristisch ist aber zugleich, wie der menschliche Pessimismus
sich mit ihr der Sache bemächtigte. An sich ist eine moralische
Vorbedeutung doch indifferent, sie könnte auch Gutes bedeuten. Plinius
selbst erzählt von Augustus, dem schlauen Herrschaftskünstler, der
sich alles mit Geschick zurechtzulegen wußte, wie er einen herrlichen
Kometen seiner Zeit, der »in allen Ländern gesehen wurde«, als
Glückszeichen seines Regimentsantritts nahm und ihm sogar einen
besonderen Tempelkultus weihte. Aber dieser Optimismus hielt nicht
stand.
Von allen andern Kometen weiß der große Kompilator nur Schauderhaftes
an Vorbedeutung zu berichten, Bürgerkrieg und Blut und Gift. Mit
einem Kometen kommt der böse Nero zur Regierung, und mitten in seinen
Greueln taucht schon wieder einer auf, der »lange sichtbar und von sehr
schlimmem Einfluß war«. Über den letzteren kann kaum ein Zweifel sein:
es ist eben unser Halleyscher von Senecas Todesjahr. Also er selber
jetzt Unglücksprophet!
Alles an den Kometen dient nun dieser amtlichen Magie, selbst das
Sternbild, vor dem sie erscheinen; geschieht es im Gestirn der
Schlange, so bedeutet das nach Plinius Vergiftung; trifft es auf
gewisse Leibesstellen der imaginären Sternbilderhelden, so kommen
skandalöse Sittenzustände. Zu diesen Dingen hatte das finsterste
Mittelalter und Nachmittelalter wenig hinzuzufügen: das ganze Rezept
ist schon bei Plinius fertig.
Viermal hat der Halleysche Komet darum doch noch in den großen
Abendglanz der echten freien Antike hineinleuchten dürfen. Als er 373
n. Chr. wieder in seine Sonnennähe kam, lehrte zu Alexandria noch
der Mathematiker Theon (ein Zeitgenosse des bekannten Pappus), und
er lehrte, wohl im letzten verglühenden Rot des Pythagoreertums, daß
die Kometen reisende Lichtwolken seien. Dieses liebenswürdigen Mannes
geniale Tochter Hypatia bestieg selber einen Lehrstuhl der Astronomie
und Mathematik. Sie aber wurde, zum vollgültigen Beweise, daß die große
Weihezeit des antiken Gedankens nun wirklich zu Ende sei, folgerichtig
von fanatischen Mönchen auf offener Straße zu Tode mißhandelt;
der Halleysche Komet befand sich zu dieser Zeit in der Gegend der
Neptunbahn.
Mehr als ein dutzendmal mochte er aber jetzt wiederkehren, ohne daß die
endgültig festgefahrene Sache sich rückte und regte.
Für die Wissenschaftler des Abendlandes wurde Aristoteles zur
naturgeschichtlichen Bibel, im besten Falle blieben die Kometen also
für mehr als tausend Jahre Kulturdenken jetzt durchaus nur brennende
atmosphärische Dünste; kein Araber ist zum Beispiel darüber mehr
hinausgegangen. An Stelle der Kausalerklärung für diese Qualmphänomene,
wie sie Aristoteles selber noch gefordert hätte, trat aber in ganzer
Breite, im Volk, bei Hof und amtlich und schließlich auch auf weitaus
den meisten Professorenstühlen die einfache rohe Moraldeutung: der
Brandqualm war von Gott als Fackel entzündet, damit wir aufmerksam
wurden, es kam etwas, und zwar natürlich etwas Unangenehmes. Auf der
katholischen wie später der reformierten Kanzel sah man im Kometen
ein Bußzeichen. Fatales hatten die Zeiten ja genug, Pest, Hungersnot,
Wasserfluten, Hunnen und Türken, böses Regiment und streitenden
Glauben. In der Menge gingen Verschen um, daß ein Komet am Himmel acht
Hauptstücke bedeute: »Wind, Teurung, Pest, Krieg, Wassersnot, Erdbeben,
Ändrung, eines Herren Tod.« Die armen Menschenkinder hatten sozusagen
zum Schaden den Spott. Nach ließ das Schicksal ihnen nichts, und aus
eigener Kraft konnten sie's so rasch auch nicht andern; so stand die
Kometenprophezeiung am Himmel wie ein Tort, bloß damit man sich auch
schon vorher ängstige. Mit mehr Haß sind die »Lichtwolken« Theons wohl
nie angeschaut worden als damals, wie denn sogar eine launige Sage
einen resoluten Papst, Calixtus III., gegen unsern Halleyschen Kometen
bei seiner Wiederkehr von 1456 den Kirchenbann schleudern läßt wegen
ungehöriger Beunruhigung der Christenheit.
Der Komet wanderte nach diesem luftigen Intermezzo abermals auf
seine Neptunsecke zu, als zu Thorn Kopernikus geboren wurde.
Kopernikus lebte noch, als er 1531 wiederkam. Die größte Tat
der Astronomie war aber bereits geschehen, die neue Ansicht vom
Bau unseres Sonnensystems handschriftlich niedergelegt und im
engsten Freundeskreise bekanntgegeben. Sie bedeutete auch für die
alte babylonisch-pythagoreische Lehre, nach der die Kometen in
planetenhaften Bahnen liefen, den großen Fortschritt, daß jetzt Planet
wie Komet ausschließlich um die Sonne statt um die Erde gingen; eine
Ahnung dieses Sachverhalts hatte freilich in ihrer besten Zeit auch die
Antike selber schon einmal gehabt.
Gerade die Kometentheorie war aber inzwischen so verbaut worden, daß
die Halleysche Lichtwolke noch gut zweimal wandern konnte, ehe man nur
so weit war, den antiken Obergedanken für sie aus all dem Wust wieder
zurückzufinden. Verlangte man doch lange nach Kopernikus noch vielfach
bei der Zulassung eines Professors das ausdrückliche Zeugnis, daß er
nicht nur überhaupt mit Aristoteles, sondern auch speziell mit seiner
Kometenerklärung als brennendem Luftqualm einverstanden sei.
Rücken mußten die Dinge indessen endlich doch. Die Hochflut
astronomischer Ketzerei, die der sanfte Domherr zu Frauenburg angeregt,
ließ sich dauernd nicht mehr eindämmen. Als der Komet 1607 wiederkam,
bereitete sich gerade der Hauptschlag bei Galilei vor: das Fernrohr war
erfunden worden, und wenig später kamen jene heiligen Entdeckernächte,
da zum erstenmal ein brennendes Menschenauge die Monde des Jupiter, die
Bergschatten auf dem Monde, die Sichelgestalt der Venus, den Saturnring
und die Sternmyriaden in der Milchstraße sah. In diesen Nächten tagte
es für den Geist unaufhaltsam.
Der Halleysche Komet war noch nicht zwanzig Jahre wieder auf der
Neptunfahrt, da sprach Kepler aus (was schon Tycho de Brahe vermutet
hatte): die Kometen könnten nicht Gebilde unseres Luftkreises
sein, denn sie ständen laut simpler Messung von zwei verschiedenen
Beobachterposten aus mindestens höher am Himmel als der Mond. Damit
war die Natur als »Gestirne« wenigstens wiederhergestellt, der Komet
aus Moralqualm und aristotelischem Luftqualm neu für die Astronomie
gerettet. Kepler selbst glaubte dabei noch an lauter fast geradlinige
Bahnen neben der Sonne hin, so daß also niemals der gleiche Komet
wieder zu uns zurückkehren könnte. Die Kugel begann aber zu rollen.
Das ungeheuer beschleunigte Tempo erneut freien wissenschaftlichen
Forschens, das sich bis heute hält, hatte eingesetzt, und vor ihm
bedeuteten 76 Jahre, die man früher hatte verzehnfachen müssen, um
über das einförmige Denken einer Epoche zu kommen, auf einmal einzeln
sehr viel.
Nur noch viermal ist der Halleysche Wanderer seitdem wiedergekommen,
jede Rückkehr gab aber jetzt einen geradezu kolossalen Einschlag.
Als er 1682 seine goldene Sonnenmeta nahm und dabei neu auch in
Menschenaugen glänzte, schrieben zwar eifrige Theologen noch
Traktätchen über die Zauberkraft des Gestirns, aus Rom berichtete man
von einem wunderbaren, mit dem Bilde eines Kometen versehenen Ei, das
eine Henne in solcher Kometenstunde gelegt haben sollte, und in Glarus
exemplifizierte jemand eben an Halleys Komet noch einmal mustergültig
hübsch in einer besonderen Schrift die vorsätzliche Zuchtruten-Natur
aller Kometen, womit Gott den Menschen zu verstehen geben wolle, »daß
sie sich des Rutenschlagens öfters sollten erinnern«.
Aber in der ernsten Gelehrtenzelle gingen Dörfel und Bernoulli
zur gleichen Stunde schon unbeirrt an die Bahnberechnung dieser
Eierzauberer und Gottesruten.
Dörfel erfaßte das Gesetz der großen Bahnbiegung, die auch ein
ursprünglich geradlinig wandernder Komet in der Sonnennähe erleiden
müsse, er faßte also endgültig etwa das, was uns heute der
Johannesburger Komet, den die Sonne zwar zu sich heranbiegt, aber nicht
dauernd fangen kann, vormacht.
Bernoulli träumte (im Kern auch mit einem richtigen Ansatz) von der
engeren Vasallenschaft der Kometen zu unbekannten Planeten jenseits der
Saturnbahn; wenn aber irgendwo eine solche Vasallenschaft »gefangener«
Kometen schon existierte, so mußte sich auch für sie eine dauernd
zurückführende Bahn berechnen lassen: ihre periodische Wiederkehr zur
Sonne mußte sich vorher verkündigen lassen.
Aus allem Wust und Nebel blödsinniger Prophezeiungen, die der
Komet selber tun sollte, hob sich endlich wieder die alte Form
wissenschaftlicher Prophezeiung vom Menschenstandpunkt aus gegenüber
dem Kometen, wie sie Seneca schon verkündet hatte, indem er
prophezeite, man werde noch einmal in dieser Form prophezeien können.
Es war das Problem des Halleyschen Kometen jetzt selber, das erste
Gestalt annahm, obwohl noch niemand direkt an ihn dabei dachte.
1759 war nach seinem kosmischen Vertrage das nächste Jahr seiner
Wiederkehr. Als diesmal der Termin kam, schauten vollkommen neue Augen
auf ihn. Das Größte war inzwischen wirklich getan. Menschengeist hatte
diesen Vertrag begriffen. Und auf Grund dieses Vertrages war die
Wiederkehr des Kometen zu diesem Jahr auf Grund wissenschaftlicher
Rechnungen tatsächlich prophezeit worden.
Halley hatte die Tat getan. Noch einmal stand ein überragender Genius,
einer der ganz Großen, zwischen der letzten und dieser Kometennähe:
Newton. Seine Methode himmlischer Rechnung war für Halley schon
maßgebend, als er 1705 eine der scheinbar einfachsten und doch damals
noch kühnsten Vergleichungsarbeiten der ganzen Astronomie unternahm. Er
verglich die von ihm errechneten Bahnen von drei Kometen der letzten
beiden Jahrhunderte, von 1531, 1607 und 1682. Und aus den gleichmäßigen
Ziffern zog er den Schluß, daß es sich um ein und denselben Kometen
handeln müsse, der in rund gerechnet 76 Jahren je einmal in
geschlossener Bahn die Sonne umkreise, also alle 76 Jahre auch einmal
so in unsere Erdnähe kommen müsse, daß wir ihn sehen könnten.
Damit war der Vertrag dieses Kometen in Halleys Hand. Er konnte nach
drei sicheren Vergangenheitsziffern wagen, auch eine Zukunftsziffer
aus ihm herauszulesen. Auf der Wende von 1758 zu 1759 mußte der Komet
wiederum sichtbar werden.
Menschengeist dringt über Äonen der Zeit, über unermeßliche Weiten
des Raumes. Aber die enge Schale, aus der diese wunderbare Flamme
lodert, verzehrt sich rasch selbst. Hier gilt es resignieren. Als
Halley seine grandiose Prophezeiung wagte, stand er bereits dicht vor
dem fünfzigsten eigenen Lebensjahr. Mehr als fünfzig Jahre sollten
noch einmal darüber hingehen, ehe sein Komet wiederkam. Er hat ihn
selber nicht mehr erlebt. Aber als er wirklich kam, unter höchster
Spannung aller Wissenden genau zu dem Termin erschien: da erinnerte
man sich, daß es »sein Komet« für alle Zeiten bleiben müßte. Statt
einer Jahresziffer erhielt zum erstenmal ein Komet einen Menschennamen:
Halleys Komet nannte man ihn.
Einer jener glücklichen Autodidakten, wie sie in der Geschichte der
Wissenschaft immer wiederkehren, ein Bauersmann bei Dresden, der hinter
seinem Pfluge ging, dabei aber Botanik und Trigonometrie, Physik und
Philosophie auf eigene Faust bis zu gründlichster Tiefe studierte,
Johann Georg Palitzsch, hatte um Weihnachten 1758 den großen Fund
gemacht und als erster im Fernrohr den _erwarteten_ Kometen gesehen.
Das Symbol der unberechenbaren Weltordnung, die mit dem Wunder des
Kometen das Wunder irdischer Schrecken ansagte, besiegt durch die
Ziffern wissenschaftlicher Rechnung! Diese Wiederkehr von 1758/59,
die in das Zeitalter Friedrichs des Großen und Voltaires fiel, zehn
Jahre nach Goethes Geburt, ist ein Weltanschauungswert für unsere
ganze Kultur geworden weit über alle engere Kometentheorie hinaus. Mit
unerwartet andersartigen Zinsen zahlte sich jetzt der kühne Streich
aus, der aus solchem himmlischen Lichtwölkchen einen _moralischen_ Wert
gemacht hatte.
Inzwischen ging der Komet selber, der jetzt an einer Stelle seines
Systems, dem er angehörte, einen Namen besaß, wieder ungestört auf
seine Neptunswanderung. Er überschlug die ganze Epoche Goethes und
fand sich erst, übrigens durchaus programmäßig, im August 1835 bei uns
wieder ein.
Im ganzen war die Luft jetzt gereinigt; wir wollen milde sagen, noch
nicht auf der ganzen Linie der Weltanschauung, aber doch zweifellos
in der Kometentheorie. Die Kometen gehörten selbst im weiteren Kreise
nicht mehr der überweltlichen Pädagogik, sondern dem Gravitationsgesetz
an.
Im Jahre 1770 hatte Herr Semmler, Mathematikprofessor zu Halle, schon
als Friedensweg vorgeschlagen, es könne nichts schaden, beim Anblick
der Kometen jedesmal an die sittliche Besserung zu denken, aber einen
wirklichen Einfluß »in die sichtbare Körperwelt, in die Reiche,
Republiken und Regierungen der Menschen, könne man den Kometen nicht
zuschreiben, weil sie so weit von der Erde entfernt bleiben, daß sie
nicht das Geringste in derselben wirken können«. Die Welt war aber
infolge von Spinoza, Voltaire, Goethe und andern inzwischen so verderbt
geworden, daß sie sogar über Herrn Semmler eine stille Heiterkeit nicht
ganz unterdrücken konnte.
Indessen, seltsam genug, der Halleysche Komet fand eine neue Stimmung
vor, die doch in einem Punkte wiederum gegen die offene und helle
Entdeckerfreude von 1759 bedenklich abstach.
Gerade die damals so wundervoll bestätigte Idee, daß also wirklich
Kometen wie echte planetarische Vasallen regelmäßig um die Sonne laufen
könnten, hatte sich in der Zwischenzeit so fest eingebürgert, daß
sie auch die phantasiefrohen, zu weitesten Spekulationen aufgelegten
Elemente der Denkerwelt notwendig umfassen und anregen mußte. Nachdem
in der jäh eingetretenen Sintflut neuer und freier Ideen die alte
biblische Schöpfungslegende arg verschwemmt worden war, hatten sich
alle möglichen kühnen Weltbau-Spekulationen vorgewagt. Buffon, Kant,
Laplace hatten das Sternsystem nach natürlichen Prinzipien entstehen
lassen. Dabei konnten zumeist doch auch die Kometen jetzt nicht aus
dem Spiel gelassen werden. Buffon besonders baute eine grandiose
Spekulation auf, wie ansausende Kometen in Urtagen die Sonne geradezu
angerempelt, wie sie glühende Brocken von ihr abgerissen und in weiter
Schwungbahn hinausgeschleudert hätten; aus solchen Sonnenbrocken
seien die Planeten geworden. Der Komet erschien in solchem Falle
wenigstens in seinem Kern als ein wahres Ungetüm, das über alle
Planeten selber ging, ein rasender Stoßwidder, vor dem selbst die Sonne
Fetzen lassen mußte. Die kosmogonischen Ideen von Kant und Laplace
haben später diesen kühnen Weltentraum des genialen Mannes in den
Hintergrund gedrängt; längere Zeit aber galt er als wahre »natürliche
Schöpfungsgeschichte«, und wer sich heute die Mühe macht, ihn zu
lesen, staunt noch immer über die Schärfe der Gedanken (mit damaligem
Wissensmaterial natürlich) und die Herrlichkeit der Schilderung.