Schluß zogen, so etwas könne »rein natürlich« doch auch heute noch
geschehen. Die Kometen passierten nicht nur heute noch höchst
bedenklich dicht die Sonne, sondern sie durchschnitten, wenn sie
selber periodische Sonnenvasallen geworden waren, wie der Halleysche,
fortgesetzt Planetenbahnen. Warum also nicht auch aktuelle Gefahr
der fürchterlichsten Karambolagen mit den Planeten? Die Erde war nur
ein Planet ... warum nicht auch mit ihr? Kein besonderer Zorn Gottes
... aber eine ganz reale astronomische und eben deshalb auch dem
Nüchternsten äußerst fatal plausible Möglichkeit!
Und ganz still, aber treffsicher kroch von hier das Gespenst einer
neuen Angst in die breite Masse hinein. Nicht weil man den rechnenden
Astronomen diesmal ablehnte, sondern gerade weil man ihm glaubte, aus
diesem Glauben aber dann gewisse Schlüsse zog, die wieder einmal nichts
weniger als angenehm sein konnten.
Das Jahr 1835 bedeutete in dem Punkte eine wahre erste Krisis. Einmal,
1773, war die Sache schon in Frankreich etwas akut geworden. Es hieß,
die Fachastronomie habe bestimmt _ausgerechnet_, daß die Erde am 12.
Mai durch einen Kometenstoß untergehen werde. Sie halte es nur geheim
auf Wunsch der hochwohllöblichen Polizei. Ausgerechnet! Das Wort hatte
auf einmal einen scheußlichen Klang. Kometen ließen sich errechnen.
Kometen »bedeuteten« nicht mehr das Eintreten anderer Übel. Sie »waren«
selber etwas. Aber dieses Etwas war nun selbst am Ende gefährlich. Und
so stand schließlich gerade in der Rechnung diesmal der Weltuntergang!
Der angesetzte Termin war indessen ohne Krach verlaufen und das
hatte zunächst genügt; es scheint sogar nicht, daß kometarisch viel
überflüssiger Wein vorher ausgetrunken und viel überflüssig geküßt
worden ist; ein sehr realer Krach, nämlich die große französische
Revolution, lag schon zu sehr in der Luft, und wer reserveküßte, tat
es auf diesen »Weltuntergang«. Dagegen soll die Geistlichkeit großen
Zuspruch gehabt haben.
Gerade im Anfang der Dreißiger des neuen Jahrhunderts war aber nun die
Sensationsbombe bei uns in Deutschland erst recht eigentlich geplatzt.
Einige Jahre vorher hatte ein österreichischer Hauptmann, Wilhelm
von Biela, festgestellt, daß ein schon mehrfach früher beobachteter
Komet periodisch sei und zu bestimmten, diesmal sehr kurzen Terminen
wiederkehre. Als dieser nach ihm benannte Bielasche Komet für 1832
wieder fällig war, hieß es (ganz korrekt) aus astronomischen Kreisen,
er habe eine so eigentümliche Bahn, daß er am 29. Oktober des Jahres
mit seinem Kopf die Erdbahn streifen werde. Wohlverstanden: die
Erdbahn. Das große Publikum mit Einschluß der Zeitungsredaktionen
verstand aber nicht wohl, sondern las: die Erde. In Wahrheit war die
Erde selbst damals gerade 11 Millionen Meilen von der kritischen
Schnittstelle ihrer Bahn entfernt. Der bekannte Astronom Littrow mußte
mit einer wahren Proklamation eingreifen, um eine allgemeine Panik zu
verhüten.
Aber die Angst war nun einmal eingeimpft und wollte nicht mehr zu Ruhe
kommen. Und im Grunde hatten auch die Fachastronomen kein so ganz
reines Gewissen beim Beruhigen. Gewiß: es lag zurzeit keine bekannte
Kometenbahn so, daß ein Zusammenstoß unvermeidlich war. Aber eine
Garantie gab das noch lange nicht. Entscheiden konnte nur, wenn einer
nachwies, ein solcher Zusammenstoß sei für die Erde ungefährlich. Würde
man das aber einmal beweisen können?
Nicht seine Bahn, sondern seine Beschaffenheit war in diesem Sinne das
eigentliche Wissens- wie Angstproblem, als der Halleysche Komet auch
1835 pünktlich erschien.
Bessel nahm ihn besonders aufs Korn, ein Mann, gleich stark als
Theoretiker wie als Beobachter. Zum erstenmal wurde jenes erwähnte
Phänomen sehr im Detail gesehen: wie der Komet in der Sonnennähe
seine Hülle erst gegen die Sonne wolkenhaft hebt, dann aber ebenso
energisch rückwärts als Schweif von der Sonne fortfließen läßt. Daß
die Entstehung dieses Schweifs den Angelpunkt aller Theorien über die
innere Natur der Kometenkörper bilden müsse, hatte man früh begriffen.
Schon Kepler hatte sich daran versucht. So setzte auch Bessel hier ein
und wagte Vermutungen. Aber noch blieb alles in der Schwebe, als der
Halleysche Komet schon wieder in seinem entfernteren Bahnabschnitt
verschwand. Zunächst schien er diesmal nur neue und zum Teil bange
Rätselfragen hinterlassen zu haben.
Es war sein letztes Verschwinden vor dem heutigen Termin. Noch einmal
waren 76 Jahre Frist gegeben, um sich durch Nachdenken und Vergleichen
mit andern inzwischen auftauchenden Kometen in der Beschaffenheitsfrage
schlüssig zu werden.
Die Rechnung selbst war allerdings nicht mehr rückgängig zu machen. Sie
lief und läuft, und sie läuft heute auf das wirkliche und wahrhaftige
Zusammentreffen von Erde und Kometenschweif. Diesmal ist es keine
Verwechslung und keine Zeitungsente. Es fragt sich also doppelt
brennend, was die letzten 76 Jahre noch hinzugetan haben, uns zu
wappnen; denn der Streich wird diesmal (falls die Bahn sich nicht noch
ändert) vollführt, das bleibt fest.
Und da ist es denn doch noch einmal sehr viel, was wir hinzubekommen
haben. Ja es ist das wirklich Entscheidende erst.
* * * * *
Zunächst haben wir einen geradezu durchschlagenden Indizienbeweis
in diesen letzten siebeneinhalb Jahrzehnten bekommen, einen
Indizienbeweis: daß die Begegnung mit Kometen unmöglich so gefährlich
sein kann, wie die nächste Phantasie sie sich ausgemalt hatte.
Folgendes der einfache Gedankengang, dessen Logik auch jeder Laie
nachprüfen kann.
Man kennt gegenwärtig etwa achthundert ungefähr beglaubigte
Kometenerscheinungen. Dabei haben wir erst seit dreihundert Jahren
Fernrohre und kaum viel länger ernsthafte astronomische Aufzeichnungen
zum Zweck. Wie rasch sich bei systematischem Suchen mit dem Rohr
die Zahl vermehren läßt, zeigen einzelne fleißige Beobachter, die
als professionierte »Kometenjäger« allein ein bis drei Dutzend
aufgefunden haben. Dabei kann es sich aber stets und auch bei emsigster
Jagd nur um die Kometen des Systems handeln, die uns überhaupt so
nahe kommen, daß man sie von der Erde sehen kann. Eine sehr mäßige
Wahrscheinlichkeitsschätzung würde für unser ganzes Planetenbereich
jederzeit etwa rund 6000 als vorhanden aus jener Sichtbarkeitsziffer
für unsere zufällige Erdlage ableiten.
Die Wahrscheinlichkeitsziffer der fremden Passanten, die in unser
System hineinsausen, um es bloß einmal zu schneiden und gleich wieder
zu verlassen, kommt schon bei noch nicht zehntausend Jahren auf eine
volle Million.
Bei solcher Sachlage ist es nicht mehr nur eine Möglichkeit, sondern
es ist einfach eine Forderung, daß im Laufe auch nur kurzer Zeiträume
Planeten mit Kometen zusammentreffen _müssen_.
Bei den inneren Planeten muß das Durchpassieren durch die ungeheuren
Schwänze schlechterdings etwas Gewöhnliches sein, sobald wir den Dingen
auch nur etwas Geschichtsperspektive geben.
Und auch die Erde kann sich dieser schlichten Ziffernotwendigkeit
nicht entziehen. Wie sie heute eine Schwanzberührung erlebt, so muß
sie es historisch schon soundso oft erlebt haben. Schon für die
letzten hundert Jahre ist es bei der Bahnlage einzelner Kometen und
der Riesigkeit ihrer um die Sonne geschleiften Schwänze fast nicht
zu glauben, daß die Sache selbst da schon ohne Schwanzkarambolage
abgegangen sein solle. Was sind aber hundert und tausend, was sind
selbst zehntausend Jahre in der Erdgeschichte!
Man ist noch nicht einmal aus der zusammenhängenden orientalischen
Kultur damit. Dahinter aber kommen erst die eigentlichen
Geschichtsziffern, die imponieren. Ein mehrfaches jener zehn
führt erst etwa auf die prähistorischen Magdalenier im Vezère-Tal
in Südfrankreich, die schon eine hohe Kunstblüte hatten.
Jahrhunderttausende kommen mindestens auf die Eiszeit, die damals
schon zu Ende ging. Wenn der Mensch, wie gewisse bearbeitete Steine
(Eolithen) noch zu beweisen scheinen, mit Anfängen der Kultur bis in
die mittlere Tertiärzeit reicht, so gibt das mehr als eine Million
Jahre gesamtes Kulturalter. Das wahre Entstehungsalter des Menschen
wird dann bei zwei Millionen liegen. Die geringste Schätzung für das
Gesamtalter der geologischen Schichten unserer Erdrinde, aus denen
wir noch erhaltene Lebensspuren entnehmen können, ergibt aber hundert
Millionen Jahre. An ihrem Ausgangspunkt, in den algonkisch-kambrischen
Schichten, tauchen jedoch schon so hohe Lebensformen auf, daß wir noch
einen vielleicht ebenso langen Zeitraum davor annehmen müssen.
In diesen ganzen ungeheuren Geschichtsräumen fehlt uns nun aber _jede_
Andeutung einer _Katastrophe_ der früher geschilderten Art, wie sie aus
dem Zusammenstoß der Erde mit einem umfangreichen anderen Weltkörper
notwendig hervorgehen müßte.
Niemals ist die Erdoberfläche darin ganz von Wassern überflutet,
niemals mit kompaktem Basalt übergossen, niemals durch plötzliche
Gluthitze sterilisiert worden, und niemals ist die Atmosphäre
vergiftet worden, so daß das zarte Häutchen des Lebens eingehen mußte.
Kontinuierlich vielmehr ist dieses Leben in all jenen Jahrmillionen!
Unablässig hat es sich durch die Geschlechterfolgen weitergegeben, ohne
Riß im ganzen.
Ein ununterbrochener Stammbaum der Entwicklung verknüpft die Tier- und
Pflanzenformen. Gewisse ältere Formen sind gelegentlich ausgestorben,
aber niemals durch allgemein vernichtende Katastrophen, sondern langsam
durch besondere irdische Einzelursachen.
Einzelne unserer bekanntesten Tiergattungen, zum Beispiel der Igel,
leben heute schon mindestens zwei Millionen Jahre lang unverändert auf
der Erde fort, in ungezählten gleichzeitigen Exemplaren und unfaßbar
vielen einander folgenden Generationen, auf Riesengebieten dieser Erde.
Der Mensch selber ist offenbar eine solche zähe Gattung. Auf einigen
Klippen der neuseeländischen Küste haust aber gegenwärtig sogar noch
einer der alten Saurier der Triaszeit, die sogenannte Brückeneidechse;
sein Alter muß nach Dutzenden von Millionen eingeschätzt werden.
Ebenso alt ist der australische Molchfisch Ceratodus. Das wurmähnliche
Schaltier Lingula aber lebte in gleicher Gattung schon in jener
algonkisch-kambrischen Urepoche, die hundert Millionen Jahre hinter uns
zurückliegt.
In der ungestörten Ruhe dieser geologischen Epochen von schier
endloser Ausdehnung haben jene Steinkohlenwälder und später jene
Braunkohlenwälder in unendlicher Generationenfolge gegrünt, deren
Reste wir heute als Brennmaterial verwerten: sie alle sind nicht
durch Kometen verbrannt worden, sondern am Fleck selbst vertorft und
versteint in reinen Friedensprozessen. Korallentiere und Kalkalgen
haben in absoluter Friedensarbeit Riffe aufgehäuft, die wir jetzt als
die Dolomitalpen bestaunen.
Hundert und mehr Millionen Jahre! Eine so ungeheure, erdrückende
Wahrscheinlichkeit von Kometen-Karambolagen in solcher Zeit! Und dann
doch keine leiseste Spur einer störenden, katastrophenhaften Wirkung im
feinsten, zartesten Erdleben in all diesen Zeiträumen!!
Dieser Indizienbeweis ist erst unser heutiger Besitz. In jenem letzten
Halley-Jahre 1835 glaubten noch fast alle Geologen tatsächlich an eine
ganze Reihe periodisch wiederholter, entsetzlicher Katastrophen in der
Erdgeschichte.
Immer einmal wieder alle paar tausend Jahre sollte die gesamte
Erdoberfläche einen entsetzlichen Chok durchgemacht haben. Alle
Lebewesen waren dabei vertilgt worden. Auf dem durch und durch
gereinigten, sterilisierten Plan hatte dann eine unbegreifliche
Neuschöpfung stattgefunden. Nie hatte eine Tier- oder Pflanzenform sich
lebend über eine solche Katastrophe fort in die nächste geologische
Epoche gerettet. Das letzte große Reinmachen dieser Art hatte die
Mammute vernichtet. Menschen konnte es mit denen zugleich also
noch nicht gegeben haben, denn der Mensch lebte ja noch. Er war
ein erst einige Jahrtausende altes fix und fertiges Neuprodukt des
nachdiluvialen Schöpfungstages.
Wie nahe lag es bei solchen Annahmen (die, wie gesagt, um 1835 noch von
fast allen Fachautoritäten auf allen Lehrstühlen der Geologie vertreten
wurden) an wirkliche Kometenstöße zu denken. Was konnte billiger die
lebentötenden Sintfluten, Feuerschrecken, Giftgase hergeben, die der
Geolog so verschwenderisch brauchte!
Heute klingt uns das alles aber nur noch wie ein amüsantes Märchen.
Die neuerwachende Geologie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat
mit all dem Spuk mehr als gründlich aufgeräumt. Die Entwicklungslehre
Darwins hat sich mit ihr verbündet, die Gespenster jener Katastrophen
auszuräuchern bis zum letzten Schatten. Von hier ist kein Material mehr
zu holen, nie mehr.
Geschweige, daß Kometen dem Leben auf den Kopf gefallen sind und etwa
die Mammute totgeschlagen haben (die der Mensch selber in Masse gejagt,
gegessen, abgezeichnet hat, die Bilder besitzen wir noch von seiner
Hand), läßt sich nicht einmal geologisch in all den Zeiten auch nur ein
verstärktes Fallen jener kleinen gelegentlichen Meteorsteine irgendwo
nachweisen. Einmal hat es in junger geologischer Epoche an mehreren
Orten kleine meteorische Glassplitter geregnet, die wir als sogenannte
Moldavite dort finden. Vielleicht ist ein größerer Glasmeteorit damals
an unserer Erdatmosphäre zerplatzt. Aber er ist eben zerplatzt ohne
irgendeinen Stoßschaden zu tun; mit ein paar Glasscherben schlägt man
das irdische Leben nicht entzwei, das so viel Vulkanausbrüchen unserer
Erde selber ruhig getrotzt hat in den Jahrmillionen seiner Existenz.
Für mein Gefühl ist dieser Indizienbeweis gegen die Gefährlichkeit der
Kometen _allein genügend_, um das ganze Spiel im wesentlichsten für
_gewonnen_ zu erklären.
Wenn von diesen reisenden Lichtwolken wirklich harte Pritschen uns
über den Kopf schlagen könnten, wenn glühende oder vergiftende Dämpfe
uns bei ihrer Berührung einhüllen müßten, so wären wir dem längst alle
erlegen. Wir wären ihm erlegen schon in Urweltstagen, als der Mensch
noch im Tier steckte. Es gäbe keine organische Entwicklung auf Erden,
keinen Menschen, keine Kultur.
Das Schwert des Damokles, das an einem Haar hing, ist eine sehr nette
Geschichte. Aber wenn wir hören, daß es hundert Millionen Jahre lang
über etwas geschwebt haben soll, ohne Schaden zu tun: so werden wir
uns zuletzt doch wohl sagen, daß kein Haar so lange hält, daß aber,
wenn wirklich kein Schaden geschehen ist, das Schwert wohl nur ein
Strohwisch war.
Auf jeden Fall steht die himmlische Schachpartie längst nicht mehr
gleich für Optimismus und Pessimismus. Der Optimismus ist mit der
Logik dieses Indizienbeweises ein geradezu ungeheueres Stück voraus.
Von diesem Boden aus lassen sich jetzt aber auch eine ganze Reihe
wirklicher Beweisstücke, die nicht bloß auf Indizien gehen, aus dem
_Tatsachen_-Arsenal der besagten letzten 76 Jahre heranholen.
* * * * *
Zunächst hat in der Zwischenzeit jene Geschichte vom Bielaschen
Kometen, dem Angstkometen von 1832, noch ein bedeutsames Nachspiel
bekommen.
Dieser Komet lief in einer ganz kurzen Bahn (noch nicht sieben Jahre
lang hin und zurück), und diese Bahn kreuzte dabei nicht nur die Bahn
eines anderen Kometen, sondern jedesmal ausgespart auch gerade unsere
Erdbahn. Damals, 1832, hatte es damit, wie gesagt, nichts Schlimmes
auf sich gehabt, denn der Komet ging durch den kritischen Punkt einen
ganzen Monat früher als wir. Aber mit Behagen konnte doch kein Astronom
die weitere Entwicklung dieser kuriosen Sachlage ansehen. Ein solches
Ungeheuer alle paar Jahre so dicht vor oder hinter uns und das bei den
bekannten Schwankungen solcher Bahnen: was für Eventualitäten!
Das Ungeheuer wurde ganz besonders genau aufs Korn genommen, es
war aber auch, als wenn es sich dafür erkenntlich erweisen wollte.
Als es 1845 wiederkehrte, bekam es sozusagen vor den Augen der
Astronomen Junge. Wie jene einzelligen Urtiere, deren Fortpflanzung
einfach darin besteht, daß sie sich in zwei Stücke teilen, von denen
jedes selbständig weiterlebt, so sonderte sich auch das rätselhafte
Kometenwesen in zwei Teile auseinander. Aus dem Kern wurden in ganz
ruhiger Lösung zwei Kerne, die sich zunehmend voneinander entfernten.
Jeder Teilkern entsandte sein Schwänzchen. Statt des einen Ungeheuers
hatte man jetzt in paralleler Bewegung zwei. Da das etwas kleinere Kind
eine Weile an Helligkeit zunahm, durfte man der Vermutung Raum geben,
jedes der Stücke werde sich wieder zur ganzen Vatersgröße auswachsen,
womit dann die Gefahr also gründlich verdoppelt war. Doch zeigte die
Wiederkehr 1852 davon nichts; nur der Abstand der Zwillinge war immer
größer geworden; über dreihunderttausend geographische Meilen lagen
nun schon zwischen ihnen. Das Publikum kümmerte sich jetzt wenig um
diese interne Sache, und doch wäre, wenn je, vor dieser unberechenbaren
Entwickelung der Dinge ein leiser Schauder am Platze gewesen.
1859 konnte man den Kometen wegen zu ungünstiger Lage von der Erde aus
nicht fassen. Dagegen war er 1866 mit Glanz fällig. Man wußte genau, wo
seine Stücke zu stehen hatten. Verlorene Liebesmühe. Sie kamen nicht
wieder!
In den sieben Jahren war ihnen irgend etwas so Gründliches weiter
passiert, daß man aus unserer Entfernung überhaupt nichts mehr sah.
Waren weitere Teilungen erfolgt, ohne daß die Teilkinder wuchsen? Dann
mußten die Einzelstücke natürlich bald wirklich so klein werden, daß
wir sie aus unserer Ferne überhaupt nicht mehr erblicken konnten. Ein
ganzer Haufen solcher kleinen Wölkchen trieb sich dann in der Nähe der
unangenehmen alten Bahnstelle herum.
Gelöst war das Fatale so für uns jedenfalls noch lange nicht. Wir
liefen jetzt aufs ungewisse einer Kreuzungsstelle, wo, allerdings
zunächst unsichtbar, eventuell ein ganzer Kometenschwarm sich,
Gott wußte wie verzettelt und die Karambolagengefahr durch breite
Schlachtlinie vermehrend, herumtrieb. Und nur eins war allerdings
merkwürdig.
Ein Haufen Wölkchen, sagte ich. Ja, wie eine Art Wolke, wenn
auch eine kosmische und nicht eine atmosphärische, hatte sich
dieses Bielaungeheuer wirklich benommen bei dem Ganzen. Nicht im
Schweif, sondern gerade im Kernteil, im Kopf. Nicht das mindeste
hatte darauf hingewiesen, daß eine Stoßkatastrophe, irgendein
Zusammenprall, es auseinander gespalten hätte. Ganz genau so hatte
die Geschichte ausgesehen, als sei, entweder durch die äußeren
planetarischen Zugkräfte von fern her oder durch geheimnisvolle
innere Abstoßungskräfte, ganz, ganz gemächlich eine eigentlich und
ursprünglich schon wolkenhaft lose Masse bloß auseinandergetrieben
worden. Wie voneinander schwimmend waren die Kinderstücke
dahingeflossen.
Es ging wirklich nicht gut an, man mochte die Sache drehen und wenden
so viel man wollte: daß ein in sich solider, etwa bloß mit einer
eigenen Dunstatmosphäre umhüllter, aber in Herz und Kern planetenhaft
steinharter kosmischer Klotz gerade dieses Spiel vollführt haben
sollte, nicht aufzustoßen, zu platzen, zu explodieren, sondern
wirklich im Bilde wie eine weiche lebendige Amöbe bei uns, die mit
ihrem Zell-Leibe in Selbstteilung tritt, ganz sanft, langsam, aber
unaufhaltsam auseinander zu fließen, also daß zuletzt zwei Kerne, jeder
nach außen nebelig verschwimmend und hinten geschwänzt, vorhanden waren.
Der Kometenkopf mußte ernstlich eine Art Wolkennatur besitzen. Fragte
sich nur, was der Begriff »Wolke« bei einem Gebilde, fern einsam
zwischen die Planetenbahnen hinausgestreut, selber besagen sollte.
Aus was für Stoff sollte diese leuchtende Wolke, die zerfließen, sich
auflösen konnte, wie eine irdische, und sicherlich doch keine Luftwolke
in unserm Erdensinne war, bestehen?
Der Bielasche Komet, den man nach 1866 bereits aufgegeben hatte, war so
freundlich, uns auf diese Frage noch zu antworten.
Nach der alten Rechnung hätte er 1872 wiederkehren sollen, es geschah
aber für unsere Augen konsequent so wenig mehr wie 1866. Dagegen
schnitten wir mit der Erde am 27. November auch dieses Jahres seine
alte Bahn, und zwar an einer Stelle, die er nach dem Brauch vor
seiner Zerstückelung schon einige Zeit vorher passiert haben müßte.
Wenn man sich dachte, daß in dieser Bahn am alten Fleck jetzt nicht
mehr ein einzelner Komet lief, sondern möglicherweise ein ganzer
Trupp kometarischen Kleinzeugs mit eigenen Köpfen herumbummelte, und
wenn man sich vergegenwärtigte, daß schon die Zwillinge von 1852
sich Hunderttausende von Meilen voneinander entfernt hatten, so war
immerhin eins von neuem bedenklich. Es konnte sich irgendeiner der
kleinen Bummler auf der Hauptbahn so verspätet und über Monate zurück
verzettelt haben, daß wir (blind wie wir jetzt auch im Sinne unserer
Astronomen vor dem Ganzen standen) doch an dem Tage ihm begegneten.
Und nun in der Tat ging in dieser kritischen Novembernacht ein
ungeheures Ereignis los.
Der Himmel erstrahlte aus einer ganz bestimmten Richtung (vom
Sternbild der Andromeda her) im Feuerwerk eines märchenhaft schönen
Sternschnuppenregens. In Göttingen beispielsweise gab es in noch nicht
drei Stunden 7651 Sternschnuppen, also rund eine pro Sekunde.
Sternschnuppen gehören zu den himmlischen Gebilden, vor denen die große
Menge von je am wenigsten Angst gehabt hat, und das aller Erfahrung
nach mit Recht. Ältere Ansicht sah auch in ihnen nur atmosphärische
Fünkchen, die man mit den Irrlichtern verglich, aber nicht mit so
bösen Sagen zu umgeben pflegte. Heute ist man sich sicher, daß zu
jeder Sternschnuppe ein kleines, sehr rasch bewegtes kosmisches
Staubteilchen gehört, das bei der Reibung an dem dicken Erdenpolster
unserer Atmosphäre aufglimmt und verpufft. In der Regel ist damit auch
schon alles zu Ende. Ist die Masse etwas größer, so daß sie nicht bloß
auf diesem Wege verflüchtigt werden kann, so kommen, durchweg nach
sichtbarlich heftiger Explosion, auch wohl einzelne Bruchstücke in
Gestalt sogenannter Meteorsteine herunter. Wie selten dieser letztere
Fall gerade auf menschliche Beobachter stößt und relativ überhaupt
sein muß, erhellt am besten aus der Seltenheit und Kostbarkeit solcher
Himmelsgeschenke in unsern Museen. In der Regel wird man bei der
echten Sternschnuppe durchaus nur von einem ganz flüchtigen Aufglühen
meteorischen Staubes reden können.
Von Zeit zu Zeit gibt es nun auch sonst einmal eine Nacht, in der
Sternschnuppen zahlreicher fallen als gewöhnlich. Gewisse Augustnächte
sind zum Beispiel dafür berühmt. Die Leuchtfunken pflegen auch dann
von ein und der gleichen Stelle am Himmel auszustrahlen, die irgendein
Sternbild für uns markiert. Natürlich kommen sie aber nicht von diesen
Sternen selbst, sondern es handelt sich nur um ein kleines kosmisches
Staubwölkchen, das unsere Erdbahn gerade so schneidet, daß die
Schnittstelle sich auf jene Gegend projiziert.
Ab und zu geht das aber nochmals ins Große. Dann kommt mit dem einen
oder andern Jahr ein Lichtregen, bei dem die Schnuppen fallen wie
Hagel. Das heißt: auch dann nur fürs Auge. Echter Hagel wäre schon
mißlicher. Denn gerade aus solchem Schnuppengewimmel heraus ist noch
nie etwa ein wirklicher Meteoritenregen herunter gekommen: gerade diese
dichteren kosmischen Staubwirbel scheinen ganz besonders energisch
schon in den oberen Atmosphäreschichten zu verpuffen ohne derberen
Rückstand.