Dann aber, rechts von dem strahlenden Auge des Abendsterns,

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text

ist _so ausgezeichnet_.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

Wilhelm Bölsche

Komet und Weltuntergang

[Illustration]

Erstes bis siebentes Tausend

Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1910

Vorwort

Es besteht das Bedürfnis, in diesem Frühjahr den Weltuntergang

infolge eines Zusammenstoßes der Erde mit dem Halleyschen Kometen zu

proklamieren. Mehrere Menschen empfinden daraufhin den Wunsch, durchaus

ethisch zu werden; andere meinen, daß nunmehr aller gute Wein, den

die Menschheit auf Reserve angesammelt hat, ausgetrunken und alle

schönen Mädchen abgeküßt werden müßten. Für diese an sich löblichen

Bestrebungen können streng wissenschaftliche Grundlagen aus Anlaß

vorliegender Kometentheorien zurzeit noch nicht in ausreichendem Maße

gegeben werden. Das zu untersuchen und zu klären ist der Zweck des

vorliegenden Büchleins, das übrigens auch _nach_ dem Weltuntergang noch

mit Nutzen gelesen werden kann.

_Wilhelm Bölsche_

_Friedrichshagen_

Ostern 1910

Der Himmel rötet sich von einer nordlichtartigen Glut. In sprachloser

Erstarrung stehen die Menschen. Es ist kein Nordlicht: es ist der

Weltbrand. Walhalla brennt, und nun muß alles mit.

Wir alle kennen die Gewalt dieses Schlußbildes in Wagners Dichtung.

Es ist der höchste Abschluß, den die Tragödie erreichen kann. Das

Schicksal siegt, und mit dem Vorhang fällt die Welt.

Die Götter haben Schuld begangen, sie haben die heiligen Verträge

gebrochen. Nun zieht der unerbittliche Urgrund der Dinge den logischen

Schluß. Die Schuld muß gesühnt werden, also muß Walhalla brennen. Da

unten aber steht das arme Häuflein Menschen und weiß: die da droben

fallen, so müssen auch wir kleinen Kerle nach in den Weltenbrand. Die

Walküre hat ihnen noch von der Seligkeit der Liebe gesungen. Aber

das galt schon einem späteren, einem vielleicht einmal bleibenden

Geschlecht. Was heute Mensch heißt, das muß mit in den schauerlichen

Hochofen, der da oben zu glühen beginnt. Götterdämmerung! Die

Menschendämmerung ist dann nur noch ein Anhängsel.

Immer, wenn ich das sah, haben mir diese Menschen leid getan, die

mit als Opfer fallen, weil das Schicksal den Schluß zieht aus der

Schuld derer da oben. Schon in der Ilias hat das so ergreifenden

Ausdruck gefunden. Die da oben wirtschaften ins Tolle; sie haben einen

ungeheuren Krieg inszeniert; die hier unten müssen bluten, und all ihr

Heldenmut erreicht zuletzt doch nur, daß Patroklus sinkt und Hektor und

schließlich auch Achilles.

Es ist aber ein eigentümliches Ding in der Welt: die Namen wechseln,

aber die Mächte und die Nöte bleiben immer wieder die gleichen.

Im alten Babylon sind einst aus den Sternen Götter geworden. Für uns

heute sind die antiken Götter wieder in Sterne eingegangen. Und doch

hat sich die Situation wenig geändert.

Auch für uns, naturwissenschaftlich geschulte Menschen, Bewohner des

fern im Sonnenraum mit dreißig Kilometer Geschwindigkeit in der

Sekunde dahinsausenden Planeten Erde, moderne Menschen von heute,

auch für uns bewegen sich auf der Weltenbühne immer wieder die drei

Mitspielenden.

In der Tiefe das unergründliche Geheimnis der Natur. Diese dunkle Macht

hinter Leben und Tod, der wir verdanken, daß überhaupt etwas ist; aus

der wir aufblühen, in der wir versinken, wir, Sterne wie Menschen;

die nicht lobt und nicht anklagt, die überhaupt nicht redet, die,

wie Angelus Silesius singt, »ein ew'ge Stille« ist; aber die aus dem

Unnahbaren dieser ewigen Stille vollzieht, und deren unerbittliche

Waffe die ewige Logik ist, das ewige Kausalgesetz. Was getan ist, das

zieht seine Folgen nach, unabänderlich.

Vor diesem absoluten Naturgrunde aber spielen sich zwei engere Szenen

ab.

Im Raume schweben Gestirne. Sonnen um die Planeten kreisen. Unfaßbar

lange Zeiten hindurch halten sie sich in geregelten Bahnen ohne

Zusammenstöße. Auf uralten Verträgen scheint ihr Dasein über Äonen

fort aufgebaut. Will man es weniger vermenschlicht ausdrücken, so mag

man es Balancen nennen. Vielleicht sind sie in ganz grauen Tagen erst

selber mühsam erworben worden, die Balanceverhältnisse etwa unseres

Planetensystems. Als Ergebnisse unendlicher Kämpfe. Bis alles sich in

natürlicher Auslese des Passendsten, des Harmonischsten endlich so

zurechtgesetzt hatte, daß es nun auf lange Zeiträume hin wirklich hielt

wie in einem ehernen Garantievertrag.

Erst jenseits dieser kosmischen Garantien tauchen dann die

Menschen auf. Entwickelt in der Ruhe eines solchen Planeten,

der jahrmilliardenlang ohne Stoß, ohne Katastrophe um seinen

Sonnenschwerpunkt, seinen Vertragsmittelpunkt, jahraus jahrein

friedlich kreiste. In gewissem Sinne selbständig, sind diese Menschen

doch unlösbar gekettet an diesen oberen Zusammenhang. Mit ihrem Stern

hängen sie in der großen Sternenbalance. Unablässig rollt die Erde

sich mit ihnen um sich selbst, um die Sonne, mit dieser Sonne auf

das Sternbild des Herkules los. Von überall her starren die Augen

der anderen Oberwelten sie leuchtend an, wenn ihr Blick zum Himmel

geht. Sie mögen für sich treiben, was sie wollen, diese Menschen da

unten, kleine Götter spielen, gut sein oder schlecht; immer ist all

ihr Spiel nur garantiert durch die Vertragstreue, die Harmonie, die

Balancesicherheit derer da oben.

Und nun die alte Angst: wenn die dort einmal ihre Verträge

brächen. Wenn Sterne gegeneinander liefen. Wenn unserer Erde

kosmische Katastrophen drohten. Wenn diese heilige Himmelsruhe sich

lockerte, sich löste. Das unerbittliche Schicksal der Logik, der

Naturgesetzlichkeit würde auch hier den Schluß ziehen, ohne mit

der Wimper seines schwarzen Rätselauges zu zucken. Seht ihr, wie

der Himmel sich rötet. Ein Weltensturz kommt, eine Sternen-, eine

Planetendämmerung. Ein kosmischer Störenfried bricht den uralten

Erdvertrag. Weltbrand, und was seid ihr Menschen plötzlich da unten,

mit müßt ihr in die Hölle, in den planetarischen Hochofen. Der Krieg

der Götter ist entbrannt, und ihr müßt mit, der Held bei euch wie der

Feigling, unerbittlich.

Andere Zeiten, andere Worte. Aber das gleiche Spiel, die gleiche Angst,

das gleiche Mitleid bleibt mit den armen Menschen. Die Himmlischen

inszenieren Troja und wir müssen brennen.

Eines ist aber doch nicht mehr gleich heute. Seit den Tagen Homers

oder der Edda sind wir Menschen hier auf unserm irdischen Posten der

großen Mysterienbühne unvergleichlich viel kühner, viel stolzer, viel

selbstbewußter geworden.

In der Zwischenzeit liegt unsere eigentliche große Mündigerklärung

zur technischen Erdherrschaft. Eine ganze Masse Dinge, die hier unten

damals noch kleine Götter spielten, haben wir selber in die Hand

genommen als gereifte, diesen Gewalten endgültig gewachsene Titanen.

Poseidon wird in unserer Kultur ein derber Arbeiter, der Blitz muß

unsere Apparate treiben. Wenn die Pest wütet, so zittern wir nicht mehr

vor den Pfeilen Apollons, sondern wir wenden mit Erfolg Bakteriologie

und Antiseptik an. Es ist auf dem Punkt, daß wir wirklich hier auf

dieser Erdoberfläche mit dem, was hier noch an »Oberen« spukte,

endgültig fertig werden. Prometheus siegt hier, wer kann daran nach den

letzten Jahrhunderten der Technik noch zweifeln. Es ist eine heillose

Arbeit gewesen und fordert noch eine heillose. Aber die entscheidende

Wende ist überschritten. Es hat doch etwas wie ein Symbol (wenn es

auch, das gehört zu den Resignationen des Lebens, im Moment der

Lächerlichkeit ausgeliefert ist), daß der Fuß des Menschen sich jetzt

auf den Pol setzt. Wenn das lenkbare Luftschiff darüber weg steuert,

so wird auch die letzte Lächerlichkeit des »Objektteufels« vor der

heiligen Stunde kapitulieren, wie immer.

Kleine Schlappen, die wir auf diesen Gebieten noch erleiden, zählen

nicht. Gewiß: wir machen noch Dummheiten; wir bauen eine Stadt auf die

Zuglinie sich verschiebender Landmassen und sie stürzt im Erdbeben

ein; wir regulieren einen Strom nicht ausreichend und Paris steht

unter Wasser. Das sind aber keine Weltuntergänge, sondern wir wissen

eigentlich schon selber recht genau, worin wir es dabei versehen

haben und wie es künftig besser zu machen wäre. Es ist alles eher

als eine Utopie, daß wir zuletzt alle Ströme, die an Kulturstädten

vorbeifließen, wirklich ausreichend regulieren werden, daß wir die

besonders durch Erdbeben bedrohten Erdstellen abschätzen lernen und

eventuell Häuser konstruieren werden, die auch einen derben Stoß

aushalten.

Und noch um ein Schwereres ringen wir: das Raubtier Mensch zu zähmen

in uns selber, Mensch mit Mensch uns zu vertragen (wir sind doch nun

einmal die Brüder von der gleichen Schicht des großen Mysteriendramas),

den heillos simpeln Gedanken uns endlich einzuprägen, den uns schon die

ganze niedere Lebensentwicklung zuschreit, daß man sich besser liebt

als frißt. Auch das geht noch durch seine Momente der Müdigkeit (die

ethische Resignation kommt sooft wie die technische), aber durch bricht

es doch zuletzt.

Was wir in all dieser heißen, inbrünstigen Arbeit brauchen, das ist

bloß noch Zeit, noch Fortsetzung der Dinge bei uns, noch Folgen von

Generationen, die weiter schaffen, wo wir die Axt sinken lassen. Der

Einzelne: ja da muß auch manches resignieren; mindestens müssen wir

ihn dem Geheimnis zuletzt überlassen. Aber das ist doch das immer

wieder Befreiende, Erhebende, daß auch dieser Einzelne in seinen

paar Lebensjahren immerzu in seinen besten Momenten in größeren

Zusammenhängen der Menschheit wirken und gestalten darf, auf Dinge

hin, die ihn überleben sollen, die fortleben sollen bei wieder jungen,

wieder frischen, wieder neu blühenden Menschen. Ein Rächer soll aus

unsern Knochen auferstehen, lautete das alte Wort; uns ist Rache nicht

mehr so wichtig; wir erwarten einen Fortsetzer, einen Vollender, einen

Benutzer unserer Arbeit.

Und doch sind wir Titanen der Erde machtlos gegen die da oben!

Wir haben ja angefangen, auch sie zu studieren, wie der kluge

Odysseus anfängt, seine Götter etwas mit Schläue zu sondieren,

zu diplomatisieren. Wir haben begonnen, die Sternverträge selber

zu prüfen, die Balancen ängstlich durchzurechnen. Wir haben die

Erde gewogen, ihre Schwungkraft gemessen, Sonnen- und Siriusweiten

festgestellt, das himmlische Billardspiel der ganzen Planetenbahnen

durchgeprobt auf seine Garantien. Aber eine unermeßliche Kluft trennt

uns von jeder Möglichkeit, deshalb nun da oben selber mitzuspielen,

selber einzugreifen.

Wenn sich da oben etwas verschiebt, das alle planetarischen

Sicherheitsverträge zu bedrohen beginnt, so können wir's gerade zur

Not kommen sehen: ändern aber können wir's nicht. Wenn die Erde in ihr

Verderben rennt: _wir_ haben keine Macht, sie zu hemmen.

Es gibt eine höchst amüsante, wenn auch wissenschaftlich nicht gerade

sehr tiefe Geschichte von Jules Verne, in der drei Menschen in einer

Bombe aus Aluminium zum Mond sausen; aus Langeweile gehen sie während

der Fahrt die Rechnungen vom Observatorium zu Cambridge noch einmal

durch, die ihnen die Ankunft auf dem Mond garantieren sollen, und dabei

stellen sie einen Fehler fest, der alles umschmeißt und ihnen Rücksturz

und Verderben bedeutet; angenehme Entdeckung, während sie schon

fliegen! Aber ganz genau so fliegen wir alle längst durch den Raum, und

wenn irgendeine schauerliche Rechnung uns heute beweisen sollte, daß

ein fremder Weltkörper sich geradlinig auf uns los bewegt mit einer

Bahnlage, die absolut notwendig zu einer entsetzlichen Katastrophe

führen muß, so sitzen wir zugleich genau so hilflos eingeschlossen in

unserem Gehäuse wie die Helden Jules Vernes und müssen wahllos in unser

Verderben fliegen.

Unsere wissenschaftliche Phantasie kann sich dabei heute schon recht

reinlich vorstellen, was geschehen müßte, wenn ein einigermaßen großer

und schwerer Weltkörper auch nur ganz nahe an uns herankommen würde.

Durch die Anziehung müßte eine unglaublich hohe Springflut bei uns

entstehen, deren doppelter Wasserberg mit der Erddrehung rasch um

unsern ganzen Planeten wanderte, alles in einer katastrophalen Sintflut

ersäufend. Gleichzeitig würden alle unsere Vulkane in tobenden

Eruptionen ausbrechen, da die vom Druck jäh entlasteten Lavaherde und

Dämpfe der Tiefe alle zugleich hochquellen müßten. Das Einströmen der

Flutwasser in diese Feueressen aber müßte Explosionen erzeugen, bei

denen weite Landgebiete wie Trümmer eines platzenden Dampfkessels

in die Luft flögen; die berühmte Explosion des Krakatau von 1883 an

der Sundastraße, bei der auch der Ozean in den ausbrechenden Krater

geflossen zu sein scheint und eine Dampfsäule von fünfzig Kilometer

Höhe entstand, in deren Gefolge längere Zeit Änderungen der gesamten

Erdatmosphäre (abnorme Dämmerungsfarben durch Beimischung feiner

Vulkanasche) eintraten, wäre ein harmloses Kinderspiel dagegen.

Bei noch weiter fortschreitender Entlastung würden aber allmählich

auch die tieferen Massen des Erdinnern unruhig werden. Man nimmt

heute ziemlich allgemein an, daß der eigentliche Sitz des Magmas, das

in unseren Vulkanen aufquillt, noch nicht in sehr großer Tiefe der

Erdrinde sei. Was noch tiefer liegt, das wird durch den wachsenden

ungeheuerlichen Druck der auflastenden Massen normalerweise so

gebändigt, daß es gar nicht mehr bis zu uns aufbegehren kann. Nach

gangbarer Hypothese liegen der Temperatur nach eigentlich gasförmige

Stoffe gegen den Erdkern zu infolge des Drucks in einem Stadium,

das sehr nahe der äußeren Erscheinungsform des Flüssigen oder gar

Festen kommt. Eine plötzliche Erregung dieser sonst heilsam gedeckten

Innensubstanzen würde erst das wirklich Grauenhafteste auslösen.

Man kennt ja die Geschichte jener kleinen Fische, die in der Tiefsee

unter einem beständigen Wasserdruck bis zu tausend Atmosphären

leben; in ihrer Tiefe sind sie hübsch körperlich auf diesen Druck

eingestellt; wenn man sie aber plötzlich im Netz an die Oberfläche

bringt, platzen sie jämmerlich auseinander. Jener Inhalt des Erdkerns

würde entlastet sich ebenfalls als titanischer Explosivstoff bewähren

müssen. Mit unhemmbarer Gewalt würde er losbrechen, die Erde würde

statt einfacher Vulkanausbrüche Protuberanzen entwickeln nach Art

jener fürchterlichen roten Eruptionen von glühendem Wasserstoff und

Calcium, die viele Tausende von Kilometern hoch über die Oberfläche der

Sonne emporzuspritzen pflegen. Eine wirkliche Berührung der Erde mit

jenem zweiten Weltkörper würde, abgesehen von der dabei entstehenden

mechanischen Umsatzwärme, durch direktes Zertrümmern der schützenden

Deckschale der Erde endlich eine Gesamtexplosion dieser Kernsubstanz

mit ihrer so lange verhaltenen Energie hervorrufen, die für unsere

irdischen Verhältnisse geradezu als Götterdämmerung bezeichnet werden

könnte.

Schon ein geringer Teil dieser Ereignisse würde aber genügt haben, das

dünne schillernde Schleimhäutchen von der Erdrinde fortzusterilisieren,

das wir (mit Einschluß des Menschendaseins) Leben nennen. Dieses

Häutchen, in mancherlei Gestalt von Schleimtröpfchen protoplasmatischer

Art über eine geringe Schicht der Erdoberfläche lose verteilt, ist

seinem innersten Wesen nach zwar seit alters ein wahrer Ahasver und

Proteus zugleich an Zähigkeit, wenn man ihm Zeit läßt, sich gegen

äußere Bedingungen langsam einzustellen und raffinierteste Anpassungen

fertigzubekommen. Es ist aber ebenso schwach, wehrlos, hinschmelzend

wie eine Qualle in der grellen Sonne, hinsprühend wie eine Hand voll

Spreu in der Flamme gegenüber jeder katastrophalen Bedrohung.

Ein paar Stichflammen, wie jene schauerliche von Martinique, die in

einem Moment über dreißigtausend Menschen vernichtete, durch die

Kontinente rasend, würden das Land sofort veröden, eine auch nur

momentane Erhöhung der Meerestemperatur auf Siedehitze die Ozeane.

Als letzte Überlebende dürften noch Sporen von Milzbrandbakterien,

die hundert Grad trockener Hitze aushalten, und gewisse Algenpflanzen

der heißen Quellen des Yellowstoneparks in Nordamerika eine Weile

ausdauern, binnen kurzem aber natürlich auch ohne Erfolg. Der Mensch

mit heutiger Technik wäre jedenfalls längst vorausgegangen im Tode.

Unwillkürlich verweilt der Gedanke auf dem Antlitz dieser Menschheit

bei sich nähernder Gewißheit eines solchen Endes.

Es wäre eine letzte, furchtbar ernste Probe auf unsere geistige Kraft,

auf den letzten Stärkeschatz, der sich angesammelt im Verlauf dieses

wunderbaren, unwahrscheinlichen Märchens, das wir als Entwickelung der

Menschheit und Menschenintelligenz auf dieser Erde haben.

Noch einmal würden sie wohl beide in letzter Kraft erscheinen, die

beiden Gestalten, die um diesen Menschen immer wieder gerungen haben

in all den Jahrtausenden seiner Geschichte: das alte Raubtier,

das mit allen Mitteln die Erdherrschaft an sich riß, das von dem

alten Kannibalenhügel von Krapina, wo sie noch Neandertalmenschen

geschlachtet haben, bis auf unsere Zeiten immer auf einer roten

Spur von Blut durch diese Geschichte gewandelt ist; und das ewige

Sonnenkind, das aus der anderen Tiefe der Natur, aus der schon der

Paradiesvogel den Sinn nahm, spielend seine Hochzeitslaube mit

bunten Federn und Beeren zu schmücken, die Kunst zog, das auf Denken

und hingebende Forschung, auf Weltanschauung, auf Liebe und Ethik

loswanderte, als die großen Neuländer, die mehr waren als alle noch so

hoch gesteigerte Raubtierkraft.

Die Energie brutaler Rücksichtslosigkeit würde sich noch einmal

ausleben wollen, fast glücklich, daß sie endlich noch einmal alle

Fesseln brechen kann, mit denen sie wenigstens die Kritik des

verfeinerten Menschentums heute überall eingeengt hat; wie eine kleine

Explosion notdürftig gebändigter, unter den Kulturdruck gestellter

Innengewalten und Urgewalten des Menschen selber würde das schon bei

dem Gedanken an den Untergang entlastet vorbrechen, ehe noch jene

zerstörende Entlastung des Planetenkerns der Erde begönne.

Aus einer andern wieder entlasteten Schicht würde über Tausende und

Tausende von uns die Gedankenwelt sich noch einmal als zäher Lavastrom

ausbreiten, wie sie in ihrem typischsten noch lebenden Beispiel Sven

Hedin kürzlich so anschaulich aus den Klosterstädten Tibets geschildert

hat: jene absolute Einstellung des ganzen wirklichen Lebens auf die

Welt eines geglaubten anderen, nachkommenden. Der Glaube, der Menschen

veranlaßt, viele Jahre ihres Lebens in einer bis auf einen schmalen

Spalt zugemauerten Zelle freiwillig zu verbringen und tagaus tagein, ob

nun die Sonne draußen scheint oder Wolken die Dinge verfinstern, den

ganzen Inhalt dieses Lebens auf das ewig gleiche mechanische Drehen

einer Gebetmühle zu verwenden, im felsenfesten Vertrauen, daß so eine

bestimmte Suggestion auf dieses Jenseits ausgeübt werde!

Umgekehrt würde für diesen fieberhaften letzten Moment aber zweifellos

auch noch einmal das wie eine wirkliche Lösung, ein wirklicher Trost

hervorblühen, was dem armen, ringenden, blutenden Einzelmenschen

so unzählige Male immer wieder schon in diesem Leben geholfen hat:

der göttliche Leichtsinn des Menschen mit all seiner Grazie und

Liebenswürdigkeit; der heilige Leichtsinn, der sich, wenn unten die

Pest als Schnitter durch die Garben geht und uns alle mähen wird, in

eine lustige Halle setzt und Boccacciosche Märchen erzählt, dem Tode

einen goldenen Becher zutrinkt aus dem Wein, den sonst erst die Enkel

haben sollten, und von der heißen Lippe des schönen Mädchens geküßt

wird, von dem ihn sonst alle heiligen und profanen Wasser dieser Erde

auf ewig hätten trennen müssen.

Schließlich glaube ich aber doch auch noch an ein letztes kleines

Häufchen von Menschen (Fazit des reinsten Entwicklungsgoldes der

Menschheit heute schon, wenn es auch nur eine kleine Schar ist), die im

Anblick des rot aufstrahlenden Himmels der Götterdämmerung das Beste

aus all diesen wechselnden Zügen der Kraft nach bewähren würden ohne

die Schlacken; die aus der eisernen Stärke des wilden Kämpfers, aus dem

tiefsten Sehnen und Resignieren des echten religiösen Kerngehalts, wie

aus dem sprühenden Trotz, der dem Tode zutrinkt, endlich den Heldenmut

der freien Seele in diesem letzten Scheidefeuer sich schmieden würden,

von dem des Dichters Wort gilt:

»Wenn etwas ist, gewalt'ger als das Schicksal,

So ist's der Mut, der's unerschüttert trägt.«

... Auch ein solcher Mensch würde aber doch die ganze Trauer empfinden,

die uns beim Tode eines Jünglings ergreift. Die Mummelgreise des

blasierten Denkens lügen ja: die Menschheit ist noch nicht alt. Sie ist

noch jung bis zur grünsten Dummheit. Sie wollte erst anfangen, wollte

erst beginnen, etwas zu leisten. Erst eben fing eine endlose dunkle

Naturarbeit an, in ihr einen Sinn zu bekommen. Nun ein glühender Hauch,

und das alles soll wieder umsonst gewesen sein.

Vielleicht registrieren sie das Aufflammen der Erde auf einem andern

Stern. Einmal wieder eine kleine kosmische Veränderung. Wer weiß, nach

wieviel Zeit erst. Das Licht nimmt ja vierzigtausend Meilen in der

Sekunde und braucht doch Jahrtausende bis zu den entfernteren Sternen

unseres Milchstraßensystems. Dort schieben sich die Geschehnisse durch

die verspätete Lichtpost immer weiter und weiter zurück. Wenn die Welt

wirklich, wie der Kalender will, erst um 3761 v. Chr. erschaffen worden

wäre, so müßte dieses merkwürdige Ereignis für unsere Gegend schon auf

Sternen von mittlerer Entfernung jetzt noch unmittelbar beobachtet

werden.

Nehmen wir an, es sei nicht zu einer vollkommenen Explosion des

Erdinnern gekommen, sondern es hätten bloß die Springfluten

und Basaltergüsse beim nahen Vorbeipassieren eines himmlischen

Störenfriedes die Menschheit vernichtet, so wäre es denkbar, daß nach

Äonen andere, mit weit erhöhter Technik wandernde Intelligenzwesen

diesen toten Ball besuchten. Vielleicht, daß sie bei künstlichem

Licht durch Schachte in die rätselhafte ungeheure Erstarrungsdecke

des ehemals glühend ausgeströmten Basalts eindrängen, wie wir heute

uns mit Fackeln hinableuchten lassen in die gespenstischen Räume des

Theaters von Herkulaneum, über das einst die heißen Schlammströme des

neu explodierenden Vesuv geflossen sind. Wie in jenem verschütteten

Theater würde da und dort eine Stufe, ein Säulenrest, eine geköpfte

Statue, eine Inschrift von der toten Menschheit zeugen und staunende

Neugier, gemischt mit einem Gefühl des Grauens, wecken. Ein

verklungenes Märchen, in der Nacht, der Tiefe versunken. Wie Atlantis,

wie Vineta der Sage. Nicht einmal seine Glocken klingen mehr. Lava

hält energischer im Bann als Wasser. Das ausgeträumte Märchen der

Menschheit ...

* * * * *

Lassen wir die Grauen und nehmen ein ganz aktuelles, überaus anmutiges

Naturbild.

Die meisten von uns haben es in den letzten Tagen des Januar dieses

Jahres genossen.

Nicht als Götterdämmerung, sondern in ihren gewohnten roten Abendfeuern

ging die Sonne zur Rüste. In dem zauberhaften Farbenbogen, der aus

duftigstem, durchsichtigstem Orangegelb, Mattgrün und ganz oben

Violettblau sich noch eine Weile leise abklingend im Westen hielt, trat

plötzlich hineinblitzend und dann rasch im eigenen Weißfeuer wachsend,

bis sie als neuer Mittelpunkt das Ganze beherrschte, die Venus vor.

Dieser schöne schneeweiße Planet, der uns so nahe ist und von dem wir

doch so rein gar nichts wissen, weil ein ewiger dichter Wolkenschleier

zäh das Geheimnis seiner Oberflächengestalt hütet.

Dann aber, rechts von dem strahlenden Auge des Abendsterns, jetzt

ein zweites, ganz feines Himmelsgebilde. Wie ein phosphoreszierendes

Federchen eben hingehaucht vor den blassen Kristall des abdunkelnden

Himmels. Ein schwaches Sternchen, das aussah, als sei es an der

freien Wölbung da oben ein Stückchen weit auf die Sonne zugekrochen

und habe dabei eine feine Silberspur auf dem Untergrunde hinterlassen.

Im Fernrohr erschien ein goldener Kern in einer weißlich verwaschenen

Nebelhülle, nicht unähnlich einem ausgeschütteten rohen Ei; von dem

floß jene Silberspur dann als langer Schweif aus, mit der starren

Geradlinigkeit nicht eines Körpers, sondern viel eher eines breiten

weißlichen Lichtstrahls. Nahm man den Kern als ein gelbes Schiffchen,

das in einer Nebelwolke fuhr, so ergab sich mit großer Anschaulichkeit

auch das Bild eines Scheinwerfers, mit dessen langem schleppenden

Lichtbande die Gegend jenseits der Sonne von Bord aus abgesucht wurde.

Dieses höchst eigenartige Gebilde, das ein paar klare Abende lang

die allgemeinste Aufmerksamkeit auf sich zog, um dann still wieder

zu verschwinden, wie es gekommen, war der sogenannte Komet von

Johannesburg. Bahnschaffner im fernen Kapland, wo Johannesburg mit

Kapstadt durch eine Schienenlinie verknüpft ist, hatten von einem

andern kommenden Kometen gehört und zuerst die Kunde verbreitet, daß

jetzt wirklich ein Komet am Westhimmel glänze; es war aber nicht der

erwartete, sondern ein ganz neuer.

Aus den ungeheuren Raumesfernen zwischen der Sonne und den nächsten

Fixsternen kam dieser Komet herangewandert, wie ein Zugvogel in

den Schleiern der Nacht kommt. Wie solchen Vogel wohl die jäh

auftauchende Flamme eines Leuchtturms auf einer einsamen Klippe über

den nachtverhangenen Wassern ablenkt, daß er sich wie gebannt vom

Licht ihr nähern muß, so wirkte bei einer gewissen Nähe mit bestimmtem

Zuge auch unsere Sonne auf den kosmischen Wanderer. Er stürzte nicht

mehr geradlinig fort wie ein Stein, der in den unendlichen Brunnen der

Raumesewigkeit geworfen war. Er bog aus, beschrieb eine Kurve um den

Sonnenleuchtturm.

Im Ganzen war es nur eine kurze Episode. Eine Verbeugung ohne

Verweilen. Sehr bald sollte ihn wieder die alte ungestüme Kraft des

freifallenden Körpers in der offenen Raumesöde packen und davonstürzen

lassen in den Brunnengrund des Alls. Aber in der kurzen Spanne, da

der kosmische Zugvogel in einem raschen Bogen an der strahlenden

Leuchtturmkuppel näher hinglitt, als wolle er sie wirklich einmal

ganz umkreisen: in diesem flüchtigen Moment geschah es, daß von einer

kleineren einsamen Klippe in der Nähe der großen der vorbeischwebende

Vogel _gesehen_ wurde.

Diese Klippe empfing ihr Licht ganz von dem Leuchtturm. Auf ihr aber

standen Hütten; Menschen wohnten dort. Und diese Menschen beobachteten

vorübergehend den seltsamen Wanderer. Die Gelehrten erkannten in ihm

etwas wieder, was man schon öfter beobachtet hatte, eine besondere

Spezies kosmischer »Vögel«. Komet nannte man solche Gebilde seit

alters; das Wort heißt Haarstern; also ein Stern, der hinter sich her

ein langes silbernes Gelocke wallen läßt: den Schweif.

Es ist aber ein recht sonderbares Ding gerade um dieses Sternenhaar.

Wenn der Komet einsam da draußen, sonnenfern durch den unermeßlichen

Brunnen des Raumes einfach fällt und fällt, besitzt er keinen Schweif.

Er gleicht dann wirklich einem kleinen Sternchen gewöhnlicher Art, nur

blasser, verwaschener. Etwas von einem Wölkchen hat er wohl immer,

nur daß es jetzt noch ein rundes punkthaftes Wölkchen in kompaktester

Zusammenziehung ist. Aber indem die engere Kurve an der Sonne vorbei

beginnt, ändert sich da etwas.

Das Kernköpfchen hat sich im Bann dieser Sonne, wie gesagt, bequemt,

eine kleine Reverenz zu machen. Aber dabei ist es jetzt vielfach

wirklich, als werde etwas in seiner Frisur unruhig. Wie Haar, das

sich sträubt, wogt seine Nebelhülle von dem eigentlichen Sternkopf

empor. Erst ist es, als fasse die Magie der nahen Sonne sie stärker.

Auf wallt sie gegen die Sonne hin. Aber alsbald auch scheint die

Sonnenhand wieder abzuwinken. In der gesträubten Masse über dem

Kometenhaupt entsteht ein Scheitel: rechts, links fließen für unsern

Anblick die Nebelhaare des wunderlichen kosmischen Gesellen rückwärts

gegen sein Hinterhaupt, entgegengesetzt zur Sonne, ab. Dort aber

entfalten sie jetzt, als löse sich nochmals ein engeres Gewebe, erst

ihre ganze Länge. Wie mit einem unsichtbaren Kamm strähnt die Sonne

sie weit, immer weiter von dem Kometenkopf fort, bis sie als endloser

Nebelschweif hinauswallen in den Raum, der die Sonnenklippe von den

andern Klippen des Systems trennt. Immer aber weht dieser Schweif fort

von der Sonne, so lange der Komet im ganzen seine Sonnenreverenz macht.

So entsteht jenes famose Bild eines kolossalen Scheinwerfers,

der nach zähestem Gesetz nie auf die Sonne selber, sondern immer

entgegengesetzt gerichtet werden muß. Und das eigentlich ist es, was

für uns auf der fernen Erdenklippe die größeren Kometen zu einem so

wunderbaren Schauspiel macht: dieser erst sich entwickelnde Schweif

in der Sonnennähe, dieses plötzlich erst losgebundene und wie in

einem magischen Sturm von der Sonne weggewehte Lockenhaar gerade in

der Zeit, da doch im ganzen die anziehende Kraft dieser Sonne diesen

Gesamtkometen so gepackt hat, daß er in kühnster Schwenkung ganz nahe

an ihr vorbei muß; so nahe, daß dem Rechner bangt, ob es dem Kopf

nicht gehen werde wie so manchem Zugvogel auf unserem Helgoland, der

direkt auf Tod und Verderben bei zu kurzer Kurve wider die Kuppel des

Leuchtturms selber prallt.

Der Komet von Johannesburg trat erst in unsere Schau, als er bereits

in voller Pracht seines weithin wallenden Schweifes florierte. Wir

hatten von unserm Klippenstande aus sein Herankommen zur Sonne und die

Schweifentwickelung also selbst nicht beobachten können. Erst als die

ganze Locke längst majestätisch dahinwogte, glänzte er plötzlich vor

uns auf. Schon aber ging auch sein ganzes Sonnengastspiel damit zu

Ende. Keinerlei wirkliche engere Gemeinschaft fesselte diesen Wanderer

dauernd an unsern Leuchtturm. Frei sollte er jetzt wieder hinausfallen

in den Brunnen der Unendlichkeit. Mit der Sonnennähe muß aber zugleich

auch sein »Haarsträuben« wieder abnehmen, die erregten Nebellocken

werden wie ermattet wieder sinken, der geheimnisvolle Zug, der die

langen Strähnen von der Sonne fortjagte, muß im gleichen Verhältnis

schwächer werden, wie der ganze Kometenkopf die Sonnenanziehung

verläßt und selber wieder auf eigene Faust in die dunkle Weite strebt.

Als wieder beruhigtes, gleichsam wieder ganz eingerolltes, ringsum

geglättetes Sternköpfchen würden wir das seltsame Gebilde endlich

verschwinden sehen, wenn wir ihm so lange mit unserm freien Blick

folgen könnten.

Das Erlebnis dieses Johannesburger Kometen ist, wie gesagt, nur eines

unter vielen. Wenn noch einmal das Gleichnis des Zugvogels gelten

soll, so muß aus den Tiefen des Raumes zu unserer Sonne herauf ein

unablässiger Wanderstrom solcher Vögel erfolgen. In dichtem Zuge

kommen sie, schweben an, umkreisen die Leuchtklippe unseres Systems

halb und entschweben wieder, einer nicht endenden Kette himmlischer

Wildgänse gleich, in deren beständigem Zuge durch die Äonen der Zeit

das momentane Abbiegen, die kleine Halbkurve vor dem Hemmnis der

Sonnenklippe durchweg nur ein winzigstes Intermezzo ist.

Durchweg; doch nicht immer. Es gibt Fälle, wo der Wanderer dauernd

gefesselt wird.

Denken wir uns im Bilde der Wildgans einen Vogel, der bei zu tiefem

Fluge nicht einer einzelnen Klippe begegnet, der er in einer Kurve

ausweichen kann. Er soll in ein Gewirre himmelhoher Schären geraten;

wo er hin will, sperren ihm neue Klippenzacken den geraden Weg; ratlos

beginnt er um die Hauptklippe zu kreisen. Das ist nach Lebensanalogie

gedacht. Streng bloß auf Schwereverhältnisse umgesehen, bedeutet

es für den Kometen, daß er bei seiner Kurve zu eng in die gesamten

Anziehungslinien eines Systems, wie es unser Sonnensystem darstellt,

sich hineinverheddert hat. Dieses System ist ja ein unendlich

verwickelter Zugapparat. Von allen Seiten zerrt und drängelt es da.

Eine gewisse zu kühne Kurvenwendung zur Sonne: und der Komet rollt

nicht mehr über sie hinaus, sondern muß auch auf der andern Seite in

eine Kurvenbiegung hinein. Die Halbkurven schließen sich aneinander zum

gestreckten Kreis: der Komet ist gefangen von der Sonne.

Nun muß er dauernd gleich den schon vorhandenen Planeten um die große

Leuchtklippe kreisen. Die alten Planeten selber helfen ihn dabei

gründlich abfangen. Speziell unser System ist darin bedenklich für

solche Eindringlinge, daß es eine leise Neigung zu dem hat, was bei

andern am Fixsternhimmel sichtbaren vielfach offen proklamiert ist,

nämlich zur Bildung eines Doppelstern-Systems. Der Planet Jupiter vor

allem ist so groß, daß er neben der Sonne wirklich schon fast eine Art

Nebensonne spielt, mit der zusammen im Kräftespiel die Zugverhältnisse

eines Doppelsterns beginnen. Der Jupiter wird, sobald ihm ein Komet

zu nahe kommt, auch schon zum gefährlichsten Beuger und Ablenker. Im

Engeren wie als Gesamtaddition wirken aber auch alle andern Planeten

schon mit. Kurz: in so und so viel Fällen wird es dem Kometen

unmöglich, wieder loszukommen. Aus der flüchtigen Reverenz wird eine

Vasallenschaft. Mag er noch so regellos, ohne allen Anschluß an die

alten Verträge der Glieder gerade dieses Systems hineingeplatzt sein;

mag er rückwärts laufen in der Richtung, wo alle Planeten vorwärts

gehen; mag er mit seiner Bahn sozusagen auf dem Kopf der andern stehen;

mag er in der Not einen Kreis zur Sonne als Bahn bekommen haben, der

das schier unmöglichste an Kreisstreckung duldet; mag er bei jedem

Sonnenumlauf alle Planetenbahnen schneiden mit einer Kühnheit, die alle

Urverträge hier geradezu zum Spott macht: mitlaufen muß er zunächst auf

gut Glück um die Sonne, wie die Planeten es allgemein vertragsmäßig

tun. In geschlossener Bahn, die nach gewisser Zeit allemal wieder in

sich selbst zurückführt.

Ein solcher Komet, den die Sonne zu irgendeiner Zeit einmal aus dem

großen Brunnenabgrund des freien Raumes eingefangen hat, ist nicht der

Johannesburger; wohl aber ist es der andere, der seit kurzem in aller

Welt Munde ist, der berühmteste, denkwürdigste Haarstern unserer ganzen

menschlichen Kultur überhaupt: _der Halleysche Komet_; benannt nach dem

großen englischen Mathematiker und Astronomen Edmund Halley, geboren zu

Haggerston bei London 1656, nach einem Leben voll intensivster Arbeit

und glänzendstem Erfolge als Beobachter, als Rechner, als Weltreisender

im Dienste astronomischer und magnetischer Spezialuntersuchungen,

zuletzt als Direktor der weltberühmten Sternwarte zu Greenwich

gestorben 1742.

Als jene schlichten Entdecker im Januar den Johannesburger Kometen

auffanden, meinten sie, er sei selber der Halleysche. Bis dorthin also

war bereits die große Sensation gedrungen, die gegenwärtig bei uns die

breitesten Wellen schlägt. Etwas ganz Ungeheuerliches, so hören wir,

soll sich nämlich in diesem Jahre (1910) mit dem Halleyschen Kometen

zutragen.

Der Separatvertrag, zu dem dieser Halleysche Komet seit seiner Aufnahme

in unser System vom Gesetz der Schwere gezwungen wurde, lautete auf

eine Umkreisung der Sonne in (rund gerechnet) je 76 Jahren. Umkreisung

ist dabei aber nicht so zu verstehen, daß der Komet in einem echten

mathematischen Kreise laufen müßte. Er verfolgt nur eine Bahn, die nach

Art des Kreises wieder in sich selbst zuletzt zurückläuft. Im übrigen

hat sie die Gestalt eines langgestreckten Eies. Ihre eine Ecke ragt bis

über die Bahn des äußersten uns bekannten Planeten, des Neptun, vor,

ihre andere biegt dagegen noch weit innerhalb unserer Erdbahn ganz nahe

um die Sonne herum. Alle 76 Jahre muß der Komet also einmal bis über

die Neptunbahn hinaus und einmal zwischen dem Abstande der Erdbahn und

der Sonne durchschweifen. Da er immer langsamer bummelt, je mehr er

sich in dieser Zeit von der Sonne entfernt, bleibt er aber den größten

Teil der 76 Jahre in den entlegeneren Regionen, so fern von uns, daß

wir ihn von der Erde aus gar nicht wahrnehmen können. Wie ein Rennpferd

in einer ungeheuer ausgedehnten Arena entzieht er sich selbst dem mit

Ferngläsern bewaffneten Blick der Insassen unserer Erdenloge, die so

relativ nahe dem einen Ende des Zirkus, der Sonne, liegt. Und erst

ganz dicht vor dem Termin, da für die Sonnenecke die 76 Jahre wieder

einmal abgelaufen sind, sehen wir ihn jedesmal plötzlich auftauchen.

In rasendem Tempo stürmt er dann daher, um in vollem Galopp die

Sonnensäule zu nehmen.

Seit man die Ziffer seines Umlaufs im Ganzen kennt, ist es diese

kurze Spanne je im 76. Sonnenjahre, wo man die Ferngläser nach der

Gegend, von wo er kommen kann, zu richten beginnt. Und man wußte nun

längst schon, daß mit der Wende von 1909 zu 1910 dieser Termin wieder

einmal eingetreten sei. Das wilde Roß mußte auftauchen. Und es ist

aufgetaucht, programmäßig wie je.

Zuerst nur im stärksten Fernrohr; dann bereits im schwächeren;

endlich an der Grenze des bloßen Auges; binnen kurzem wird es jeder

mit freiem Blick genießen können, obwohl innerhalb gewisser Grenzen

der Pracht; denn gerade der Halleysche Komet ist zwar, wie gesagt,

der denkwürdigste aller Kometen, aber er hat deshalb nie zu denen

allerersten Ranges an Schönheit der himmlischen Entfaltung gehört.

Aber eine andere Kunde sichert ihm dafür gerade diesmal das allergrößte

Interesse in der ganzen Kulturbreite des Menschenvolkes, das die

Erdenloge füllt.

Bleiben wir einmal einen Moment bei dem Bilde des Zirkus. Hier sitzen

wir in der Loge. Nahe vor uns steigt in strahlender Pracht die eine

goldene Meta auf, die ragende Säule des diesseitigen Eckziels, um das

der Renner oder das Gespann, was es nun sei, herumsausen müssen. Lange

harren wir. Da endlich dampft eine dicke Staubwolke auf, es kommt,

es kommt. Aber auf der goldenen Metasäule wird gleichzeitig etwas

Besonderes inszeniert. Ein großer Ventilator ist dort in Kraft gesetzt,

dessen schwirrende Drehräder den Staub des Wettrenners beständig von

der blanken Meta selber wegblasen, daß er jenseits in weitem Zipfel

in die Arena hinausschatten muß. Jetzt der höchste Moment: der Renner

umsaust die Metaecke. Im Moment aber, da er unter brausendem Jubel

genau zwischen der Goldsäule und unserer Loge durchpassiert, geht

über uns die äußerste Ecke des senkrecht von der Meta fortgetriebenen

Staubzipfels als flüchtiger Schleier weg.

Der Renner, der sich in rasendem Laufe heranstürzt, ist der Halleysche

Komet. Die goldene Meta, die er nehmen muß, ist (nach Ablauf wiederum

von 76 Jahren) die Sonne. Die Loge voll gespannter Beobachter nahe

dieser Meta ist die Erde. Dicht gedrängt stehen sie in höchster

Erwartung, viele mit Gläsern vor den Augen. Der Komet ist aufgetaucht,

in eine geheimnisvolle Nebelwolke gehüllt. Je mehr er sich der

strahlenden Sonne nähert, desto deutlicher ist es aber, als blase

von dieser Sonne irgendwie etwas in den Dunst hinein und jage ihn in

langem staubartigem Schweif beständig senkrecht von der Sonne selber

fort weit in die Planetenarena hinaus. Und nun ein höchster Moment

auch hier: der Komet passiert für eine kurze Spanne genau zwischen der

umbogenen Sonnensäule und unserer Erdenloge hindurch. Jenes Etwas, das

den Schweif des Kometen senkrecht von der Sonne abpustet, richtet seine

Kraft für einen flüchtigen Moment genau auf uns. Und der Schweif ist so

lang, daß er durch die ganze Arenabreite von dem dampfenden Renner aus

bis zu uns tatsächlich herüberschleift: seine äußerste Spitze erreicht

uns, streift uns, fegt über uns fort ...

Im Zirkus gibt es etwas Staubschlucken, Knirschen auf den Zähnen,

Streichen mit dem Taschentuch. Die allgemeine Begeisterung über das

große Schauspiel reißt rasch darüber fort. Wie aber wird das Bild

hier weiter passen? Wie wird es werden, wenn der Schweif des Kometen

wirklich über unsere Erde fegt?

Als Datum, an dem der Halleysche Komet eine Stunde lang zwischen Sonne

und Erde durchpassiert, ist (falls nicht noch unberechnete Störungen

der Bahn eintreten) die Nacht vom 18. zum 19. Mai dieses Jahres

angesetzt.

Kurz vorher, um den 1. Mai, fegt der Kometenschweif aus viel größerer

Nähe über die Venus. Falls den planetarischen Logen durch den

kometarischen Staubwirbel ernsthaft ein Schaden geschehen sollte,

würden wir also schon zu diesem früheren Termin den Effekt an der

Venus studieren können. Wenn die Loge dort in äußerlich sehr grober

Weise unter einem Sandsturm einstürzen oder durch sprühende Funken

in Brand gesetzt werden sollte, so werden wir das auf jeden Fall

mit ansehen, ehe es uns selber noch entsprechend geht. Feinere

Wirkungen, die speziell nur das zarte planetarische Häutchen des

Lebens betreffen würden (ob es ein solches auch auf der Venus gibt,

wissen wir unmittelbar überhaupt noch nicht), ließen sich allerdings

auch so nicht ablesen. Zum Beispiel, wenn der Staub so dick wäre,

daß die Logeninsassen rein an ihm erstickten, ohne daß die Loge im

Ganzen zusammenstürzte. Oder gar, wenn es sich um eine Art kosmischen

Auto-Wettrennens handelte, bei dem die Schweifwolke, die über die

Loge fortginge, aus derartig konzentrierten Giftgasen im Sinne

hochgesteigerten Benzingestanks bestände, daß sie alle Zuschauer

vergiftete.

Durch den realen Schweif eines fremden Weltkörpers, eines Kometen, soll

die Erde gehen! Stoff eines weithin sichtbaren, offenbar riesengroßen

kosmischen Gebildes soll von außen unsere Erde berühren. Es liegt

doch eine seltsame Stimmung über diesem Moment. Wer hat das Gefühl

nicht einmal gehabt: man geht in der vollkommenen Dunkelheit und

zuckt plötzlich zusammen, aus dem Unsichtbaren scheint einen etwas

zu berühren, eine Hand. Eine solche dunkle Hand aus dem All rührt an

uns mit dem Kometenschweif. Wenn in der Nacht der Himmel sich rötete!

Götterdämmerung ...

Wenn man die Garantien sich vergegenwärtigt, die sonst unsere

Menschenloge im All schützen, so liegt die stärkste in den gewaltigen

Entfernungen, die im allgemeinen die großen Weltkörper voneinander

trennen. In rascher Bewegung, mit explosibeln Substanzen innerlich

geladen wie Bomben, bildete jeder für den andern eine beständig

brennende Gefahr, wenn eben nicht diese starken Abstände wären.

Scheiner, der ausgezeichnete Astrophysiker, hat das gelegentlich in

ein anschauliches Bild gebracht. Denken wir uns die Sonne in den

Größenverhältnissen der Domkuppel zu Berlin. Dann liefe der nächste

Planet durch das Berliner Reichstagsgebäude. Die Venus schnitte durch

Tiergarten und Humboldthain. Die Erde berührte den Bahnhof Tiergarten.

Die Bahn des Mars läge bei Tempelhof, die des Jupiter über Spandau und

jenseits Erkner. Saturn kreuzte Liebenwalde und Nauen, Uranus schon

Wittenberg und Frankfurt a. O. Für den Neptun reichte Preußen nicht

mehr überall. Er kreiste dicht vor Leipzig und schnitte Stettin und

Magdeburg.

Nehmen wir in diesen Abständen Eisenbahn- oder Hochbahnlinien, so

wird keiner an Zusammenstöße denken; es gibt keine Weichen, keine

bedrohlichen Gleisdreiecke. Nun aber gar in dem gleichen Bilde die

Entfernung der Sonne und dieses ganzen Systems bis zum nächsten

Fixstern. Wenn der Blick das Firmament sucht mit seinem Sterngewimmel

und man hört, daß der einheitliche bleiche Schein der Milchstraße

bloß für unser Auge entstehe durch die Zusammendrängung unendlicher

Sternmassen auf diesem Fleck, so kann die Frage kommen, ob in diesem

rinnenden Silbersande nicht beständig Sternenstäubchen gegeneinander

prallen müssen. Aber was für Räume liegen in Wahrheit zwischen diesen

Punkten, die für uns wie wehender Silberstaub durch die Himmelsweite

regnen! Wenn die Domkuppel die Sonne ist und der Neptun durch Magdeburg

passiert, so ist der schöne Doppelstern Alpha im Sternbild des

Centauren, unser nächster Fixstern, nahezu um das Doppelte der wahren

Entfernung des Mondes von der Erde von dieser Domkuppel entfernt, also

fast zweimal 51000 Meilen. Es hat etwas Schauriges, sich die lieben

Lichtpünktchen da oben, die so dicht gereiht glänzen und vereint die

hübschesten Sternbilder formen, gesondert zu denken durch solche kalten

Abgründe des Raumes, in denen den Wanderer das entsetzlichste Gefühl

der absoluten Öde ergreifen müßte. Und doch liegt eben in dieser Öde

die große Garantie für uns. Sie ist der heilige Grenzrain, der die

Karambolagen verhütet, sie schützt den Frieden der Gestirne.

Keine der Bahnen unserer großen Planeten kreuzt eine andere. Nur

bei den kleinsten Körpern des Systems, wie den durchweg winzigen

Planetoiden, kommen Schnittpunkte der Bahnen vor; der eine oder andere

solcher Zwerge durchbricht die Jupiterbahn, einer, der Eros, schneidet

weit in die Marsbahn hinein. Aber gerade dieses unruhige Kleinvolk

liegt doch wie im Ganzen gebändigt und in eine ungefährliche Ecke

zusammengestrudelt an einer bestimmten Stelle des Systems aufgehäuft,

anstatt frei zu schwärmen; speziell unsere Erde wandelt ihm schon

sehr fern im wieder gereinigten Feld. Eine überaus günstige Stellung

für die Balance des ganzen Riesenapparats nehmen umgekehrt die beiden

Kolosse darin ein, Saturn und vor allem der Jupiter, der, wie gesagt,

dem Ganzen fast den Charakter eines Doppelstern-Systems gibt. Man kann

das ohne direkte Teleologie so ausdrücken, daß man sagt: die Balance

des Ganzen war eben nur möglich bei solcher Einstellung, und nur als

diese Lage sich endlich fand, erhielt das System endlich Dauer; das

entspricht dem Darwinschen Gedanken von der Erhaltung des Passendsten

aus vielen durchgeprobten Möglichkeiten; so lange sind die Dinge in

Urzeiten vielleicht immer wieder zusammengebrochen, bis sich die einzig

mögliche Dauerform endlich in dieser Anordnung herausgelesen hatte.

Gegen die geschichtliche Deutung in diesem Sinne ist gar nichts zu

sagen, aber das Resultat, das uns heute die glücklichste Stabilität der

ganzen Flugmaschine unseres Systems garantiert, bleibt das gleiche für

uns.

Alfred Russel Wallace, der alte Mitstreiter Darwins, hat gelegentlich

ein dickes Buch darüber geschrieben, wie ausgesucht sicher für

eine lange ungestörte Fortexistenz intelligenter Wesen doch gerade

unsere Erde inmitten all dieser kosmischen Garantien sei. Mit den

sinnreichsten astronomischen Einfällen und Aussichten hat er das

durchgeführt. Herr Wallace ist, obwohl er selber seinerzeit der

Mitbegründer jener Theorie der natürlichen Zuchtwahl war, heute

der wunderlichen Ansicht, in uns Menschen steckten nicht nur

höchstentwickelte Intelligenztiere unseres Planeten selbst, entwickelt

hier in der jahrmillionenlangen ungestörten Ruhe dieses Planeten. Ihm

sind die menschlichen Gehirne vielmehr Wohnstätten fernher gewanderter

kosmischer Geister; aber diese Geister sollen sich eben die Erde

ausgesucht haben als gesichertste Wohnstätte im All. Eine spaßhafte

Idee an sich, die aber doch in der Phantasie eines kenntnisreichen und

geistvollen Forscherkopfes dafür zeugt, _wie_ sehr sich die glückliche

Raumlage der _Erde_ aufdrängt, von wo immer man an sie herangehe.

Auch wer in die Zukunft spekulieren will, sich denkt, daß dort einmal

die Planetenbahnen sich änderten, daß die Sonne erkalten könnte, daß

nach Tausenden vielleicht von Billionen von Jahren die Eigenbewegung

der Sonne und der nächsten Fixsterne doch einmal zu einer uns

mitreißenden Fixstern-Karambolage führen könnte (Dinge, die notabene

alle heute nicht etwa bewiesen werden können, sondern im breitesten

Spielraum des reinen Spekulationsvergnügens liegen), wird aus dieser

bestehenden Lage doch mindestens noch eine Zukunftsgarantie für Frieden

ohne Katastrophe auf viele Jahrmillionen hinaus zugeben müssen.

Komet und Weltuntergang · 第 1 / 7 段