Aber diese Beschuldigung schlug ihm ins Gesicht, denn sie mußte ja alle

treffen, die ein Ego haben. Er wollte das Geld zurückgeben; da aber

setzte sich Is aufs hohe Pferd, spielte den Gentleman und fuhr fort

zu romantisieren. Johan hatte den Eindruck, dieser Idealist da sei

ein Lump, der sich dämonisch mache, um die Reue über zehn Kronen zu

verbergen.

Eine Zeitlang bildete Is eine einzige Gesellschaft, bis die Kameraden

in der Universitätstadt anlangten. Er war immer undurchdringlich,

seltsam, aber fesselnd. Schließlich, eines Abends, zeigte er eine

neue Seite. Mitten in einem Gespräch, während Johan den Inhalt seines

neuen Einakters erzählte, begannen seine Augen zu glühen; er schien

Johan nur zu sehen, nicht zu hören. Dann wurde er elegisch, sprach

schlecht von den Frauen und trat schließlich an Johan heran, um ihn

zu küssen. Im Nu hatte Johan das Rätsel gelöst, durchschaute das

Geheimnis des Scharlatans. Da packte er ihn bei der Brust und warf ihn

in eine Ecke zwischen Ofen und Kommode; wie ein Sack lag der kleine

zusammengefaltete Körper da. Darum also hatte der alte Student die

Verbindung der Jünglinge aufgesucht! Darum also!

Jetzt kamen die Studenten an und alle hatten Geld. Johan wanderte mit

seiner Reisetasche und seinen Büchern von einem zum andern; er fühlte,

wie der Willkommene unwillkommen wurde, wenn er zu lange auf fremdem

Sofa lag. So borgte er sich Geld für ein Zimmer. Es war ein elendes

Loch mit einem Zeltbett, ohne Laken und Bezug. Kein Leuchter, nichts.

Aber er legte sich ins Bett, ohne die Unterkleider auszuziehen, und

arbeitete, während ein Licht in einer Flasche brannte. Dann und wann

verschafften die Freunde ihm etwas zu essen.

Dann aber kam die Kälte. Sobald es dunkel wurde, ging er fort und lieh

sich eine Feuerung Holz, das er in seiner Reisetasche nach Haus trug.

Dann lernte er von einem Physiker, wie man Kohlenfeuer macht, wenn

das Holz schwarz gebrannt ist. Auch führte ein Schornstein durch das

Zimmer, der jeden Donnerstag, wenn gewaschen wurde, warm war. An dem

stand er dann, die Hände auf dem Rücken, und lernte aus dem Buch, das

er auf der herangeschobenen Kommode aufgestellt hatte.

* * * * *

Johans Einakter „Der Friedlose‟ wurde gespielt und mit Kälte

aufgenommen. Der Stoff war religiös. Es drehte sich um Heidentum

und Christentum; das Christentum wurde verteidigt als eine neue

Zeitrichtung, nicht als Kirchenlehre. Christus selbst wurde beiseite

geschoben, und Gott, der Einzige, der Wahre, auf seine Kosten erhöht.

Auch ein Familienkonflikt war vorhanden. Nach der damaligen Sitte

wurden die Frauen zum Nachteil des Mannes herausgestrichen.

In einigen Sätzen deutete der Dichter auch an, wie er über des Dichters

Stellung im Leben dachte.

DER JARL. Bist du ein Mann, Orm?

ORM. Ich bin nur ein Dichter geworden.

DER JARL. Darum bist du auch nichts geworden.

Johan glaubte jetzt nämlich, das Leben des Dichters sei ein

Schattenleben; er habe kein Ich, sondern lebe nur in einem andern Ich.

Aber ist es so sicher, daß der Dichter kein Ich hat, weil er nicht nur

ein einziges hat? Vielleicht ist er reicher als andere, da er mehrere

besitzt. Und warum ist es besser, ein Ich zu haben, da das einzige Ich

jedenfalls nicht mehr unser Eigentum ist als mehrere Ichs; ein Ich

ist ja ein von Eltern, Erziehern, Verkehr, Büchern zusammengesetztes

Resümee? Vielleicht weil die Gesellschaft, als eine Maschinerie,

verlangt, daß diese Einheiten, die Ichs, wie Räder, Muttern,

Maschinenteile für einen beschränkten automatischen Zweck arbeiten

sollen. Aber dann ist ja der Dichter mehr denn der Maschinenteil, wenn

er selbst eine ganze Maschine ist?

In dem Einakter hatte Johan sich in fünf Personen verkörpert. Im Jarl,

der gegen die Zeit kämpft; im Dichter, der überschaut und durchschaut;

in der Mutter, die sich empört und rächt, deren Rachgier aber durch ihr

Mitgefühl aufgehoben wird; in dem Mädchen, das mit dem Vater ihres

Glaubens wegen bricht; in dem Geliebten, der eine unglückliche Liebe

trägt. Johan verstand die Motive aller handelnden Personen; er sprach

für die Sache aller.

Aber ein Theaterstück, das für Durchschnittsmenschen geschrieben wird,

die über alles fertige Ansichten haben, muß Partei ergreifen für

mindestens einige seiner Gestalten, um das immer leidenschaftliche und

parteiische Durchschnittspublikum zu gewinnen. Das hatte Johan nicht

tun können, weil er an ein absolutes Recht oder Unrecht nicht glaubte,

aus dem einfachen Grunde, weil diese Begriffe alle relativ sind. Man

kann recht für die Zukunft und unrecht für die Zeitgenossen haben; man

hat dieses Jahr unrecht, bekommt aber nächstes Jahr recht; der Vater

kann glauben, der Sohn habe recht, während die Mutter findet, er habe

unrecht; die Tochter hat recht, zu lieben, wen sie liebt, der Vater

aber glaubt, sie habe unrecht, einen Heiden zu lieben.

Das ist der Zweifel. Warum hassen und verachten die Menschen den

Zweifler? Weil der Zweifel Entwicklung ist, und die Gesellschaft die

Entwicklung haßt, da sie ihre Ruhe stört. Aber Zweifel ist gerade wahre

Menschlichkeit und wird mit Humanität im Urteil enden. Nur der Dumme

ist sicher; nur der Unwissende glaubt die Wahrheit gefunden zu haben.

Aber Ruhe ist Glück, darum suchen die Pietisten das Glück in der Ruhe

des Stumpfsinns. Der Zweifel zehrt an der Tatkraft, sagt man. Aber ist

es denn besser, zu handeln, ohne sich zu besinnen und die Folgen der

Handlung zu überlegen? Das Tier und der Wilde handeln blind, gehorchen

der Begierde und dem Trieb; darin gleichen sie den Männern der Handlung!

Als er von der Aufführung nach Upsala zurückkehrte, wurde er wiederum

von schmähenden Kritiken verfolgt. Teils waren sie wahr; zum Beispiel,

daß die Form den „Kronprätendenten‟ entlehnt sei; aber auch das war nur

zum Teil wahr, denn Johan hatte den eiskalten Ton und die herbe Sprache

direkt aus den isländischen Sagen genommen, während er den Lebensinhalt

aus seiner eigenen Vorratskammer geholt hatte. Der Hohn verfolgte ihn;

er wurde für einen Mann gehalten, der Dichter werden wolle; das war das

Schlimmste, dessen man verdächtigt werden konnte.

* * * * *

Während er Not leidet und arbeitet, kommt, eine Woche nach der

Niederlage, ein Brief vom Rendanten des Königlichen Theaters mit dem

Ersuchen, Johan solle sofort nach Stockholm kommen: der König wünsche

ihn zu sehen.

Krankhaft mißtrauisch, glaubt Johan der Gegenstand eines Ulks zu

sein; er geht sofort mit dem Brief zu seinem klugen Freund, dem

Naturforscher. Dieser telegraphiert noch am Abend an einen bekannten

Schauspieler des Königlichen Theaters und bittet ihn, den Rendanten zu

fragen, ob er wirklich an Johan geschrieben habe.

In der Nacht schlief Johan unruhig, zwischen Hoffnung und Furcht hin-

und hergeworfen. Am nächsten Morgen kam die Antwort: es sei richtig,

Johan solle sofort kommen. Er reiste.

Warum zögerte er nicht, die königliche Gnade anzunehmen, während

ihm doch der Empörer im Leibe saß? Weil er, ganz einfach, keiner

demokratischen Partei angehörte; weder Mutter noch Vater je versprochen

hatte, nicht die königliche Gunst anzunehmen; weil er an die

Aristokratie glaubte, daran, daß die Besten zum Herrschen berechtigt

sind. Und er glaubte nicht, daß die Besten dort unten zu finden sind;

das hatte er ja auch in seiner kleinen Tragödie „Das sinkende Hellas‟

gezeigt, in der er die Demagogen verhöhnte. Tyrannen haßte er, aber

dieser König war kein Tyrann. Zum Zaudern war also kein Anlaß, weder

außer ihm noch in ihm.

Er fuhr also nach Stockholm und wurde vorgelassen. Der König war

jetzt sehr krank, sah so abgezehrt und verfallen aus, daß er einen

schmerzlichen Eindruck machte. Er war mild, wie er da mit seiner langen

Tabakspfeife stand und den jungen bartlosen Dichter anlächelte,

der stolpernden Schrittes zwischen den Reihen der Adjutanten und

Kammerherren eintrat. Der König dankte Johan für das Vergnügen, das das

Stück ihm bereitet habe. Er habe sich selbst in seiner Jugend mit einem

Wikingergedicht beim Wettstreit der Schwedischen Akademie beteiligt und

liebe das Altnordische. Er wolle dem jungen Studenten zu seinem Doktor

verhelfen. Es schloß damit, daß er Johan an die Hofverwaltung wies, der

er zu einer ersten Auszahlung Auftrag gegeben habe. Später solle es

mehr werden. Dabei sprach er die Vermutung aus, Johan habe noch einige

Jahre bis zum Doktorexamen.

Damit war seine nächste Zukunft gesichert. Johan fühlte sich von dieser

Güte eines Königs, der an so viel und so viele zu denken hatte, dankbar

gerührt.

Er kehrte nach Upsala zurück und sah zwei Monate lang, wie der

Sonnenschein ihn in einen Stern verwandelt hatte. Der Hofmarschall, der

ihm das Geld anwies, hatte ihn gefragt, ob er +später+ ins Ministerium

oder die Bibliothek eintreten wolle. So weit waren seine Gedanken nicht

gestiegen und stiegen auch jetzt noch nicht.

Der hauptsächlichste Zweck des menschlichen Strebens scheint zu

sein und muß wohl sein: das Leben bis zum Tode auf die am wenigsten

unangenehme Art zu fristen. Dieser Zweck schließt die Fürsorge für

das Wohl der andern nicht aus; im Gegenteil, denn zum angenehmen

Leben gehört das Bewußtsein, fremdes Recht nicht unnötig verletzt zu

haben. Darum können rechtmäßig erworbene Reichtümer einem allein ein

angenehmes Leben gewähren; darum kann keine Laufbahn, die über Leichen

geht oder andere zur Seite schiebt, ein angenehmes Leben bereiten;

darum ist der Utilitarismus, die Weltanschauung, die das Glück für die

meisten will, nicht unmoralisch.

Trotz aller Askese konnte Johan nicht umhin, sich glücklich zu fühlen.

Sein Glück bestand in der halben Gewißheit, daß er sein Leben leben

könne, ohne die größeren Schmerzen zu erdulden, die Unsicherheit der

Existenzmittel verursachen. Sein Dasein war von der Not bedroht

gewesen; jetzt war er geschützt. Das Leben war ihm wiedergeschenkt,

und es ist lieblich, leben zu dürfen, wenn man noch im Wachstum steht.

Seine von Hunger und Oberanstrengung zusammengefallene Brust hob sich,

sein Rücken wurde gerade, das Leben kam ihm nicht mehr so traurig

vor. Er war mit seinem Los zufrieden, weil das Leben heller zu werden

schien; er wäre undankbar gewesen, wenn er sich zu den Mißvergnügten

gestellt hätte.

Lange dauerte das aber nicht. Als er die alten Kameraden um sich her

in ihrer früheren Lage, die sich durch +sein+ Glück nicht verändert

hatte, weiter arbeiten sah, fand er, daß eine Disharmonie eingetreten

war. Sie waren gewohnt, ihm wie einem Notleidenden zu helfen; jetzt

war das nicht mehr nötig. Sie hatten ihn gern, weil sie ihn beschützen

durften; waren gewohnt, ihn unter sich zu sehen. Als er nun in die

Höhe kam, neben sie, über sie, fanden sie ihn natürlich verändert. Die

veränderten Verhältnisse hatten ihn verändern müssen. Der Notleidende

ist nicht so kühn in seinen Ansichten und nicht so gerade im Rücken wie

der Geborgene. Er war verändert für sie, aber war er darum schlechter?

Selbstgefühl ist ja sonst eine geschätzte Ware. Genug, er verletzte nur

mit seinem Glück; noch mehr dadurch, daß er nun seinerseits die andern

glücklich machen wollte.

Das Geschenk brachte ihm Verpflichtungen, und Johan beeilte sich,

Kolleg und Seminar zu belegen. Er machte am Ende des Semesters das

Tentamen in Philologie, Astronomie, Staatswissenschaft; erhielt aber

in allen Fächern eine geringere Zensur, als er gedacht hatte. Er hatte

einerseits zu viel studiert, andererseits zu wenig.

Im Tentamen wurde er gewöhnlich von Aphasie ergriffen. Die Physiologie

schreibt diese Krankheitsform Schäden zu, die der linken Stirnwindung

zugefügt sind. Wirklich hatte Johan zwei Narben über dem linken

Auge: die eine von einem Beilhieb, die andere von einem Stein, an

dem er sich schwer geschlagen hatte, als er den Hügel der Sternwarte

hinunterstürmte. Dieser Aphasie wollte er auch eine unüberwindliche

Schwierigkeit, Reden zu halten und fremde Sprachen zu sprechen,

zuschreiben. Er saß da, ohne antworten zu können, obwohl er mehr wußte,

als gefragt wurde. Dann kam der Trotz und die Selbstquälerei, der

Mißmut und die Neigung, die Flinte ins Korn zu werfen. Die Lehrbücher

kritisierte er; fühlte sich unehrlich, wenn er das lernte, was er

verachtete. Die Rolle, die man ihm gegeben, begann, ihm unbequem zu

werden; er sehnte sich fort, wohin es auch sei, wenn er nur fort komme.

Nicht daß er das Geschenk als eine Wohltätigkeit empfunden hätte. Es

war ein Stipendium, eine Belohnung für ein Verdienst, wie Künstler es

zu allen Zeiten für ihre Ausbildung erhalten hatten; und der königliche

Geber war nicht der Monarch, sondern der persönliche Freund und

Bewunderer. Darum übte dieses Geschenk auch keinen Einfluß auf seine

aufrührerischen Gedanken aus; höchstens, daß er für einen Augenblick

verleitet wurde, die Welt gut zu finden, weil es ihm selber gut ging.

Seine Opposition hatte sich jetzt auch schon vertieft; er schob nicht

mehr die Schuld für die Verkehrtheit der Gesellschaft auf die Monarchie

allein; er glaubte nicht, wie die Heiden, die Jahresernte würde besser

werden, wenn man den König auf dem Altar der Götter schlachte.

Seine Mutter würde vor Freude über seine Auszeichnung geweint haben,

hätte sie gelebt, so aristokratisch war sie.

Demokraten sind wir alle, bis zum Kronprinzen hinauf, indem wir das,

was oben liegt, zu uns herunter wünschen; sind wir aber in die Höhe

gekommen, wollen wir nicht wieder heruntergerissen werden. Die Frage

ist nur die, ob das, was oben liegt, in geistigem Sinne höher ist und

ob es wirklich dort liegen muß. Daran begann Johan jetzt zu zweifeln.

22.

+Auflösung.+

(1872)

Bei Beginn des Frühlings zog Johan mit einem ältern Kameraden zusammen,

um die Studien fortzusetzen. Als er die alten Bücher, die er schon so

lange studiert hatte, wieder vornehmen sollte, waren sie ihm sofort

zuwider. Das Gehirn war voller Eindrücke, hatte dichterisches Material

angehäuft und wollte nicht mehr aufnehmen; Phantasie und Gedanke

arbeiteten bereits und konnten dem Gedächtnis nicht mehr allein die

Herrschaft überlassen. Zweifel und Apathie stellten sich ein; manchmal

blieb er den ganzen Tag auf dem Sofa liegen. Oft kam ihm ein Verlangen,

alles hinzuwerfen, um in Leben und Tätigkeit hinauszukommen. Aber das

königliche Stipendium hielt ihn in Fesseln; legte ihm Pflichten auf;

hatte er doch, indem er es annahm, die Hand darauf gegeben, er werde

den Doktor machen, der jetzt halb fertig war.

So begann er Philosophie. Als er aber die Geschichte der Philosophie

gelesen hatte, fand er alle Systeme in gleichem Maße gültig oder

ungültig, und sein Gedanke leistete Widerstand gegen alle fremden

Gedanken.

In der Verbindung herrschte Spaltung und Schlaffheit. Man hatte alle

seine Jugendgedichte vorgelesen und produzierte nichts Neues; die

Sitzungen wurden nur mit Punsch abgehalten. Is hatte sich auch hier

bloßgestellt; bei einer Szene mit einem andern Bundesbruder war er

auch hier hinausgeworfen worden, hatte sein Messer gezogen und Schläge

gekriegt. Er hatte sich unter einer lächerlichen Maske gerettet und war

jetzt nur noch ein Gegenstand des Spottes, nachdem man entdeckt, daß

seine Weisheit in Referaten aus den Zeitschriften der Studentenschaft

bestand, welche die andern nicht zu benutzen wußten.

Bei Beginn des Semesters wurde außerdem vom Professor der Ästhetik ein

ästhetischer Verein gegründet, durch den die „Runa‟ überflüssig wurde.

Bei einer Sitzung dieses Vereins kam Johans Empörung gegen die

Autoritäten zum Ausbruch. Er hatte nämlich am Abend getrunken und

war halbberauscht. Während des Gesprächs mit dem Professor kam man

auf brennende Fragen. Johan wurde aus seinen Verschanzungen so weit

herausgelockt, daß er erklärte, Dante habe wenig Bedeutung für die

Menschheit und werde überschätzt. Johan hatte eine ganze Reihe guter

Gründe, konnte sie aber nicht anbringen, als der Professor ihm

zusetzte, während der ganze Verein sich um die Streiter scharte und sie

in die Ofenecke drängte.

Johan wollte zuerst sagen, die Komposition der „Göttlichen Komödie‟ sei

nicht originell, sondern eine sehr gewöhnliche Form, die kurz vorher

in der Vision des Albericus angewandt worden. Er wollte behaupten,

Dante habe in dieser Dichtung nicht die ganze Bildung und alle Gedanken

seiner Zeit geben können, da er so ungebildet gewesen, daß er nicht

Griechisch konnte. Dante sei kein Philosoph, da er den Gedanken in die

Bande der Offenbarung geschlagen; deshalb sei er auch kein Vorläufer

der Renaissance oder der Reformation. Er sei kein Patriot, denn

er huldige einem deutschen Kaisertum von Gottes Gnaden; höchstens

florentinischer Lokalpatriot. Auch Demokrat sei er nicht, denn er

träume immer von einem vereinigten Papst- und Kaisertum. Er habe

nicht das Papsttum angegriffen, sondern einige Päpste, die unsittlich

gelebt, wie er selbst in seiner Jugend. Er sei ein Mönch, ein wahrhaft

beschränktes Kind seiner Zeit, eile ihr nicht einen Schritt voraus, da

er ungetaufte Kinder in die Hölle sende. Er sei ein enger Royalist,

der Brutus neben Satan in den Brennpunkt der Hölle setze. Ihm fehle

jede Selbstkritik, da er unter die schlimmsten Verbrechen Undankbarkeit

gegen Freunde und Verrat gegen das Vaterland aufnehme, während er

selbst seinen Freund und Lehrer Brunetto Latini in die Hölle befördert

und den deutschen Kaiser Heinrich VII. gegen seine Vaterstadt Florenz

unterstützt habe. Er habe einen schlechten Geschmack, da er zu den

sechs größten Dichtern der Welt Homer, Horaz, Lucian, Ovid, Virgil und

-- sich selbst rechne. Wie könnten moderne Menschen, die so streng

gegen allen Skandal sind, Dante preisen, der durch seine Dichtung

so viele lebende Personen und Familien entehrt und seine geliebte

Vaterstadt Florenz beschimpft habe, als er unter den Dieben fünf

Florentiner von edler Geburt findet.

Wie gewöhnlich, wurde der Streit geführt, indem die Standpunkte,

sowohl des Angreifers wie des Angegriffenen, wechselten. Johan wollte

dem Professor zeigen, daß von dessen Standpunkt aus die „Komödie‟

ein Pamphlet sei; dann aber sattelte der Professor um und ging zum

Standpunkt des Feindes über und meinte, +er+ werde sie doch nicht

als Pamphlet mißbilligen. Johan antwortete, diese Bezeichnung gebe

er ihr, aber nicht die einer außerordentlichen Dichtung von ewigem

Wert, wie der Professor sie in seinem Kolleg genannt habe. Dann schlug

der Professor wieder um und wollte die Dichtung von ihrer Zeit aus

beurteilt sehen.

-- Eben, antwortete Johan, aber Sie haben sie von unserer Zeit

und allen künftigen Zeiten aus beurteilt; also haben Sie unrecht

gehabt. Aber auch von der eigenen Zeit aus gesehen, wird sie nicht

epochemachend, da sie nicht ihrer Zeit vorauseilt, sondern mitten in

ihr steht und sogar hinter ihr zurückbleibt. Sie ist ein Sprachdenkmal

für Italien, nichts mehr, und dürfte an einer schwedischen Universität

nicht gelesen werden, weil die Sprache veraltet ist und -- das letzte

Wort! -- weil sie zu wenig Bedeutung hat, um in die Entwicklungsreihe

der Bildung zu gehören.

Ergebnis: Johan wurde für unverschämt und halbverrückt gehalten.

Nach dieser Explosion war er erschöpft und unfähig zur Arbeit. Das

ganze Leben in dieser Kleinstadt, in der er sich nicht heimisch fühlte,

war ihm zuwider. Die Kameraden ermahnten ihn, sich Ruhe zu gönnen, denn

er habe zu viel gearbeitet; das hatte er allerdings.

Wieder entstanden Pläne, drängten sich vor, zeitigten aber keine

Folgen. Seine Seele befand sich in Auflösung, schwebte wie ein

Rauch, war äußerst empfindlich. Die graue, schmutzige Stadt quälte

ihn, die Landschaft peinigte ihn. Er lag auf einem Sofa und sah sich

die Illustrationen einer deutschen Zeitschrift an. Der Anblick von

Landschaften aus andern Ländern wirkte wie Musik auf ihn; er empfand

ein Bedürfnis, grüne Bäume und blaue Seen zu sehen. Er wollte aufs

Land hinaus; aber es war erst Februar und die Luft war grau wie

Sackleinwand, Straßen und Wege kotig.

Wenn er ganz niedergeschlagen war, ging er zu seinem Freunde, dem

Naturforscher. Es erfrischte ihn, dessen Herbarien und Mikroskope,

Aquarien und physiologische Präparate zu sehen.

Am meisten erfrischte ihn der stille friedliche Atheist selbst, der

die Welt ihren Gang gehen ließ, denn er wußte, daß er mit seinen

geringen Kräften mehr für die Zukunft arbeite als der Dichter mit

seinen konvulsivischen Anstrengungen. Doch war der Kamerad nicht ganz

frei von Künstlertum, denn er malte in Öl. Das interessierte Johan

außerordentlich. Eine grünende Landschaft mitten in den Nebeln dieses

furchtbaren Winters hinmalen und sie an die Wand hängen zu können: das

wäre etwas!

-- Ist malen schwer? fragte er.

-- Nein, behüte, es ist leichter als zeichnen. Versuch es nur!

Johan hatte schon ohne Bangen ein Lied für Gitarrebegleitung

komponiert: er hielt also das Malen für nicht so unmöglich. Er lieh

sich Staffelei, Farben, Pinsel. Dann ging er nach Hause und schloß

sich ein. Aus einer illustrierten Zeitung nahm er eine Zeichnung, die

eine Schloßruine vorstellte; die kopierte er. Als er die blaue Farbe

wie ein klarer Himmel wirken sah, wurde er sentimental. Als er dann

grüne Büsche und eine Wiese hervorzauberte, wurde er unaussprechlich

glücklich, als habe er Haschisch gegessen.

Der erste Versuch war gelungen. Dann aber wollte er ein Gemälde

kopieren. Das ging nicht. Alles wurde grün und braun; er konnte seine

Farben nicht auf den Ton des Originals stimmen. Da verzweifelte er.

Eines Tages, als er sich eingeschlossen hatte, hörte er, wie ein Besuch

mit dem Kameraden im äußern Zimmer sprach. Sie flüsterten, als sprächen

sie von einem Kranken.

-- Jetzt malt er auch noch! sagte der Kamerad in einem sehr

niedergeschlagenen Ton.

Was sollte das bedeuten? Hielten sie ihn für gestört? Ja, jetzt

verstand er es. So war es. Er dachte über sich selbst nach und kam zu

der Schlußfolgerung wie alle Grübler, er sei gestört. Was war da zu

machen? Wenn man ihn einsperrte, würde er verrückt werden; davon war er

überzeugt. Besser ist, dem zuvorkommen, dachte er. Er erinnerte sich,

daß man in seiner Gegenwart einst von einer Privatirrenanstalt auf dem

Lande gesprochen hatte, und er schrieb an den Vorsteher.

Nach einiger Zeit erhielt er eine freundliche Antwort, in der er

ermahnt wurde, ruhig zu sein. Der Briefschreiber habe sich bei

Kameraden nach Johan erkundigt und kenne jetzt seinen Seelenzustand.

Das sei eine Krisis, die alle empfindlichen Naturen durchmachten usw.

Also diese Gefahr war überstanden. Aber er wollte ins Leben hinaus,

wohin es auch sei.

Eines Tages sieht er, daß eine herumreisende Theatergesellschaft nach

der Stadt gekommen ist. Er schreibt einen Brief an den Direktor und

ersucht um ein Debüt. Erhält keine Antwort und macht keinen Besuch.

So wurde er hin- und hergeworfen, bis schließlich das Schicksal kam und

ihn befreite. Drei Monate waren vergangen und die Hofverwaltung ließ

nichts von sich hören. Die Kameraden rieten ihm, an den Hofmarschall

zu schreiben und höflich zu fragen, wie es sich mit dem Geld verhalte.

Das tat er und bekam diese Antwort: „Es ist nie von einer regelmäßigen

Unterstützung die Rede gewesen, sondern Seine Majestät haben die

Gratifikation nur für einmal erteilt. Jedoch mit Rücksicht auf Ihre

bedrängte Lage geruhen Majestät, noch einmal 200 Kronen zu bewilligen,

die gleichzeitig abgehen.‟

Zuerst freute sich Johan, denn jetzt war er frei; dann aber beunruhigte

ihn diese Wendung der Sache, da in den Zeitungen gestanden hatte, er

sei Stipendiat; auch war das Stipendium ja tatsächlich vom König

für „die Jahre‟ versprochen worden, die er noch zum Doktorexamen

brauchte. Auch hatte ja der Hofmarschall mit der Zukunft gewinkt, die

man doch nicht mit 200 Kronen machen konnte. Man dachte hin und her

über die Ursache. Die einen hielten es für wahrscheinlich, der König

habe die Sache vergessen; andere, seine wirtschaftliche Lage erlaube

es ihm nicht; man wußte nämlich, daß sein guter Wille nicht immer im

Verhältnis zu seinem Können stand.

Der Sohn einer Magd · 第 28 / 29 段