Kameraden es als Dichtung hinstellen wollten. Es half nicht, daß sie
es an Reichtum, Tiefe, Stil über Goethes „Faust‟ setzten. Johan konnte
damals auch nicht verstehen, daß der Säulenheilige Kierkegaard selbst
genossen hatte, als er Teil A schrieb; daß Verführer und Don Juan der
Dichter selbst sind, der seinen Trieb in der Phantasie befriedigte.
Nein, es sei Dichtung, glaubte man.
Alle Voraussetzungen für Kierkegaards Eintreten in Johans Leben waren
gegeben; dazu kam jetzt die oben angedeutete Bekanntschaft, die gar
keine Rolle gespielt hätte, wenn nicht der Boden bereitet gewesen
wäre, denn auf die andern Kameraden wirkte der Mann schließlich nur
lächerlich. Damit verhielt es sich indessen so. Bruder Thurs, der Sohn
Israels, kam eines Tages und erzählte, er habe die Bekanntschaft eines
Genies gemacht, das in die Verbindung einzutreten wünsche.
-- Ah, ein Genie!
Keiner der Bundesbrüder glaubte dieser Gnadengabe teilhaftig zu sein,
nicht einmal Johan; und sehr fraglich ist, ob irgendein Dichter
eigentlich geglaubt oder gefühlt hat, daß er es sei. Man kann, wenn man
Vergleiche anstellt, finden, daß man bessere Arbeiten gemacht hat als
andere; und ein guter Kopf wird natürlich fühlen, daß er etwas besser
versteht als andere; aber ein Genie, das ist etwas Besonderes. Dieser
Titel wird gewöhnlich erst nach dem Tode ausgeteilt und fällt jetzt aus
dem Sprachgebrauch fort, nachdem man die Geschichte der Entwicklung des
Genies gegeben hat.
Die Neuigkeit erregte Aufsehen, und der Unbekannte wurde unter dem
Namen Is in die Verbindung gewählt. Er sei nicht Poet, hieß es, aber er
sei gelehrt und ein starker Kritiker.
Eines Abends, als Zusammenkunft bei Thurs war, kam er. Bei der Tür
blieb ein kleiner dünner Mensch stehen, der keinen Überrock hatte,
sondern wie ein beurlaubter Arbeiter gekleidet war. Die Kleider sahen
aus, als seien sie geborgt, denn Ellbogen und Kniekehlen hingen an
den unrichtigen Stellen. (Das wurde sofort von Johan beobachtet,
der Kleider früher zu erben pflegte.) In der Hand hielt er einen
schmutzigen Hut von der Farbe einer Biersuppe, wie man ihn nur
bei Leierkastenspielern sieht. Sein Gesicht sah aus wie das eines
südländischen Rattenfallenhändlers. Das schwarze Haar hing auf die
Schultern herab, und das Gesicht war von schwarzem Bart zugewachsen,
der auf die Brust herabfiel.
-- Ist es möglich, fragte man sich, ist das ein Student?
Er glich allem andern und sah aus, als sei er vierzig Jahre alt; er war
aber nur dreißig.
Mit dem Hut in der Hand blieb er an der Tür stehen wie ein Bettler und
wagte sich kaum vor.
Nachdem Thurs ihn ins Zimmer gezogen und ihn vorgestellt hatte, wurde
die Sitzung eröffnet. Is begann zu sprechen und man lauschte.
Es war die Stimme eines Weibes, die sich zuweilen in unverschämter Art
zu einem Flüstern senkte, als verlange der Redner Totenstille oder
spreche zu seinem eigenen Vergnügen. Wovon er sprach, würde schwer
wiederzugeben sein, denn es handelte von allem, was er gelesen hatte;
und da er zehn Jahre länger als die Zwanzigjährigen gelesen hatte,
fanden die ihn in seiner Gelehrsamkeit bewundernswürdig.
Darauf las ein anderer ein Gedicht vor. Is sollte sich darüber äußern.
Er begann mit Kant, berührte Schopenhauer und Thackeray und schloß mit
einem Vortrag über George Sand. Keiner merkte, daß er nicht auf das
Gedicht einging.
Dann zog man ins Wirtshaus, um zu essen. Is sprach immer Philosophie,
Ästhetik, Weltgeschichte. Zuweilen mit einem traurigen Ausdruck in den
schwarzen unbegreiflichen Augen, die nie auf der Gesellschaft ruhten,
sondern ein unsichtbares Publikum weit in der Ferne, in unbekannten
Räumen zu suchen schienen. Die Verbindung lauschte andächtig,
hingerissen.
Von diesem Mann sollte Johan jetzt sein Urteil hören. Er sowohl wie
einer der poetischesten Bundesbrüder fingen an, stark an ihrem Beruf zu
zweifeln. Oft, wenn sie viel getrunken hatten, fragten sie einander, ob
man glaube. Darunter verstand man, ob der andere zum Dichter berufen
sei. Es war ganz der gleiche Zweifel, den Johan empfunden, als er sich
fragte, ob er ein Kind Gottes sei. Jetzt sollte Is Johans neues Drama
lesen und sein Urteil abgeben.
Eines Morgens ging Johan zu ihm hinauf, um sein Urteil zu hören. Is
sprach bis Mittag. Wovon? Von allem. Aber er hatte jetzt in Johans
Seele eingegriffen. Er hatte die Fäden durch Thurs' Berichte kennen
gelernt und riß jetzt an ihnen nach Belieben. Nicht aus Mitgefühl
wühlte er in Johans Eingeweiden, sondern aus einem Verlangen, das an
die Spinne erinnerte. Über das Stück äußerte er sich nicht direkt,
sondern entwarf den Plan zu einem neuen, nach seinem Sinn. Er
wirkte wie ein Magnetiseur. Johan war betört, verließ ihn aber in
Verzweiflung, als habe der Freund seine Seele genommen, sie zerpflückt
und die Stücke von sich geworfen, nachdem er seine Neugier befriedigt.
Aber Johan kam wieder und saß auf dem Sofa des weisen Mannes, lauschte
auf seine Worte, als seien sie ein Orakel; fühlte sich vollständig in
seiner Gewalt. Oft glaubte er, es sei ein Geist, der auf dem Teppich
wandere, wenn sein Körper in der Tabakswolke verschwand. Er wirkte
„dämonisch‟, das heißt, beim ersten Anblick unerklärlich. Er hatte kein
Blut in den Adern, keine Gefühle, keinen Willen, keine Begierden. Es
war ein sprechender Kopf. Sein Standpunkt war keiner und alle. Er war
ein Präparat von Büchern; der Mann war typisch für einen Buchgelehrten,
der nie gelebt hatte.
Oft, wenn die Bundesbrüder allein waren, sprachen sie über Is. Thurs
war seiner schon müde und fragte sich, ob er ein Verbrechen begangen
habe, denn er schien von einer beständigen Unruhe getrieben zu werden.
Dazu kam an den Tag, daß er Poet sei, seine Poesien aber nicht zeigen
wolle, weil er von der Dichtkunst zu hoch denke. Auch wunderte man
sich, daß man nie ein Buch in der Wohnung des gelehrten Mannes fand.
Und dann fragte man sich, warum er diese Jünglinge aufsuche, denen er
so überlegen war und deren Poesie er verachten mußte.
Die Jünglinge, die selbst am Ausgang der Romantik standen, kannten den
blutlosen Romantiker nicht wieder, der den festen Boden unter den Füßen
verloren hatte. Sie sahen in dem langen Haar und dem schäbigen Hut die
Kopie von Murgers Bohémien. Sie wußten nicht, daß diese „Zerrissenheit‟
eine Pariser Mode war; daß diese hohle Weisheit von deutscher Mystik
gesponnen wurde; diese Experimentalpsychologie aus Kierkegaard stammte;
daß dieses interessante Wesen, das ein nicht begangenes Verbrechen
durchblicken ließ, einen tiefen geheimen Kummer andeutete, Byron
entlehnt war. Das verstanden sie nicht. Darum konnte Is auch mit Johans
Seele spielen und ihn in seinem Garn halten. Ja, Johan war so von ihm
eingenommen und umstrickt, daß er sich in einer Rede Gamaliel nannte,
der zu Pauli (Is') Füßen gesessen, um Weisheit zu empfangen.
Das schließliche Ergebnis war, daß Johan eines Abends sein neues Drama
verbrannte. Es war die Arbeit eines Vierteljahrs, die in Flammen
aufging. Als er die Asche sammelte, weinte er. Is hatte, ohne es zu
sagen, ihm gezeigt, daß er kein Dichter sei. Alles war ein Irrtum,
auch das! Dazu kam die Verzweiflung darüber, daß er den Vater betrogen
habe und nun keine Arbeit nach Haus bringen könne, die sein Versäumnis
gerechtfertigt hätte.
In einem Anfall von Reue und um irgendein Ergebnis aufweisen zu können,
meldet er sich zu der schriftlichen Prüfung im Latein, jedoch ohne
die erforderlichen Aufgaben und Aufsätze geschrieben zu haben. Der
Professor erblickt seinen Namen und kennt ihn nicht. Der Pedell kommt
an einem Sonntagabend, als Johan eben von einem Mittagessen angeheitert
zurückgekehrt ist. Johan geht kühn zum Professor und fragt, was er
wolle.
-- Sie gedenken die schriftliche Prüfung in Latein zu machen?
-- Ja.
-- Aber ich sehe Ihren Namen nicht auf meiner Liste.
-- Ich habe schon die erste schriftliche Prüfung in Latein bestanden.
-- Das gehört nicht hierher. Man muß sich nach Gesetzen und
Bestimmungen richten.
-- Ich kenne keine Bestimmung über die drei Aufsätze.
-- Ich glaube, Sie sind unverschämt!
-- Das mag so aussehen!
-- Hinaus, Herr, oder...
Die Tür wird geöffnet, und Johan ist hinausgeworfen. Er schwört, er
werde doch kommen und schreiben; aber am nächsten Morgen verschläft er.
Also auch dieser Strohhalm ist verbrannt.
Eines Morgens kurz darauf kommt ein Kamerad und weckt ihn.
-- Weißt du, daß W. tot ist? (W. war ein Tischgenosse im selben
Pensionat.)
-- Nein!
-- Er hat sich den Hals durchschnitten.
Johan stürzt in die Höhe, kleidet sich an und eilt mit dem Kameraden
nach W.s Wohnung. Sie stürzen die Treppen hinauf und kommen auf einen
dunkeln Boden.
-- Ist es hier?
-- Nein, hier!
Johan tappt nach einer Tür; die Tür gibt nach und fällt auf ihn. In
diesem Augenblick sieht er eine Blutlache auf dem Fußboden. Er macht
Kehrt, läßt die Tür los, ist die Treppen hinunter, ehe die Tür zu Boden
schlägt.[5]
Diese Szene erschütterte ihn unerhört. Er fing an zu grübeln. W.
hatte einige Tage vorher Johan im Park der Bibliothek getroffen, in
dem Johan die Einsamkeit suchte, um an seinem Stück zu arbeiten. W.
kam und grüßte; fragte, ob er ihm Gesellschaft leisten dürfe, oder ob
er vielleicht störe. Johan antwortete aufrichtig, er störe. W. ging
traurig davon. War es der ertrinkende Einsame, der eine Seele suchte
und zurückgestoßen wurde? Johan fühlte sich beinahe schuldig an diesem
Morde. Aber er war nicht zum Tröster berufen.
Jetzt spukte der Tote vor Johan; er wagte nicht mehr, sein Zimmer zu
besuchen, sondern schlief bei Kameraden. Eine Nacht lag er bei Rejd.
Der mußte das Licht brennen lassen und wurde in der Nacht mehrere Male
von Johan, der nicht schlafen konnte, geweckt.
Eines Tages wurde Johan von Rejd mit seiner Blausäureflasche
überrascht. Der billigte scheinbar den Plan zum Selbstmord, bat aber,
vorher einen Abschiedsbecher mit ihm zu trinken. Sie gingen ins
Wirtshaus, bestellten acht Grogs, die auf einem Tablett hineingetragen
wurden. Jeder trank vier in vier Zügen; der Erfolg war der erwünschte:
Johan ward eine „Leiche‟.
Er wurde nach Haus getragen; da aber die Haustür geschlossen war, trug
man ihn über ein Grundstück und warf ihn über seinen Zaun. Dort blieb
er in einem Schneehaufen liegen, bis er wieder auflebte und in sein
Zimmer kroch.
Die letzte Nacht, die er in Upsala war, einige Tage später, schlief er
auf einem Sofa bei Thurs, während die Kameraden über ihn wachten und
die Zimmer hell erleuchtet waren. Sie wachten gutmütig bis zum Morgen;
dann begleiteten sie ihn zum Bahnhof und setzten ihn in den Zug.
Als der Zug aus dem Weichbild von Upsala herausfuhr, atmete Johan
wieder. Es war ihm, als habe er etwas Garstiges, Unheimliches
verlassen, etwa eine nordische Winternacht mit dreißig Grad Kälte. Er
schwor, sich niemals wieder in dieser Stadt niederzulassen, in der die
Seelen, von Leben und Gesellschaft verbannt, infolge Überproduktion der
Gedanken faulten, von nicht abfließendem Grundwasser zerfressen wurden,
wie Leere mahlende Mühlsteine Feuer fingen.
21.
+Der Schützling eines Königs.+
(1871)
Als Johan wieder zu den Eltern nach Hause kam, fühlte er sich geborgen,
als sei er nach einer stürmischen und nächtlichen Bootsfahrt an Land
gestiegen. Und wieder schlief er eine ruhige Nacht in seinem alten
Zeltbett auf der Kammer der Brüder.
Hier sah er jetzt stille geduldige Menschen, die zu bestimmten Zeiten
kamen und gingen, arbeiteten und schliefen; genau ebenso wie früher,
ohne von Träumen oder ehrgeizigen Plänen beunruhigt zu werden.
Die Schwestern waren zu großen Mädchen herangewachsen und führten
den Haushalt. Alle arbeiteten, nur er nicht. Wenn er damit sein
ausschweifendes, regelloses Leben verglich, das keine Ruhe, keinen
Frieden kannte, hielt er sie für glücklicher und besser. Es war ihnen
ernst mit ihrer Lebensführung; sie verrichteten ihre Arbeit, erfüllten
ihre Pflichten, ohne zu lärmen oder zu prahlen.
Er suchte jetzt alte Bekanntschaften unter Kaufleuten, Kontoristen,
Schiffskapitänen auf und fand sie alle neu und erfrischend. Sie führten
seine Gedanken in die Wirklichkeit zurück; er fühlte wieder festen
Boden unter den Füßen. Damit begann er falsche Idealität zu verachten;
wie er zugleich einsah, daß es unwürdig vom Studenten sei, den
Philister zu verachten.
Dem Vater beichtete er jetzt, einfach und offen, jedoch ohne Reue, sein
elendes Leben in Upsala und bat ihn, zu Hause bleiben zu dürfen, um von
dort aus das Examen zu machen; sonst sei er verloren. Das wurde ihm
erlaubt, und nun bereitete er seinen Feldzugsplan für den Frühling vor.
Zuerst wollte er bei einem guten Lehrer in Stockholm die lateinische
Arbeit schreiben; im Frühling wollte er dann nach Upsala fahren, um
sich durchzuschlagen. Ferner wollte er seine Abhandlung in Ästhetik
schreiben und sich für die Prüfung in diesem Fach vorbereiten. Mit
diesen Vorsätzen begann er ein ruhiges Arbeitsleben, als Neujahr kam.
Noch aber hatte er die Niederlage mit dem „Freidenker‟ nicht verwunden.
Auch reizten ihn die Fragen der Freunde, ob sie nicht bald etwas Neues
von ihm sehen würden. So entschloß er sich, in vierzehn Tagen sein
verbranntes Stück noch einmal zu schreiben, und zwar als Einakter.
Das geschah. Und dann studierte er.
Als der April kam, schrieb er eine Probearbeit für seinen Lehrer, und
der schwor darauf, daß er durchkommen werde. Dann fuhr er nach Upsala.
Dem Vater gefiel diese Kraftprobe nicht übel, als er hörte, Johan sei
ganz sicher, aber er fragte, ob es nicht praktischer sei, sich dem
Professor zu fügen.
-- Nein, jetzt sei es eine Prinzipienfrage und eine Ehrensache.
Er ging in die Sprechstunde des Professors und wartete, bis er an die
Reihe kam. Als der Alte ihn erblickte, wurde er rot und fragte:
-- Sind Sie wieder hier?
-- Ja!
-- Was wollen Sie?
-- Mich zur lateinischen Arbeit anmelden.
-- Ohne eine Probearbeit geschrieben zu haben?
-- Ich habe die in Stockholm geschrieben, und ich wollte nur fragen, ob
die Satzungen mir erlauben, die schriftliche Prüfung zu machen.
-- Die Satzungen? Fragen Sie den Dekan danach; ich weiß nur, was +ich+
verlange.
Johan ging und suchte sofort den Dekan auf. Das war ein junger,
lebhafter, sympathischer Mensch. Johan trug seine Sache vor und
schilderte den Verlauf.
-- Die Satzungen sagen nichts darüber, aber der alte P. läßt Sie ohne
Satzungen durchfallen.
-- Das werden wir doch sehen! Erlauben Sie, Herr Dekan, daß ich die
schriftliche Prüfung machen darf?
-- Das kann Ihnen nicht verweigert werden. Sie wollen also Ihren Willen
durchsetzen?
-- Ja, das will ich!
-- Sind Sie denn so sicher?
-- Ja!
-- Dann Glück auf! sagte er und klopfte Johan auf die Schulter.
Er ging zur schriftlichen Prüfung, schrieb seine Arbeit. Nach einer
Woche erhielt er ein Telegramm: Bestanden. Man schrieb diesen Ausgang
dem Edelmut des Professors zu und mißbilligte Johans unbefugtes
Vorgehen; Johan aber schob den Erfolg auf seinen Fleiß und seine
Kenntnisse, wenn er auch nicht leugnen konnte, daß der Professor ein
ehrlicher Mann gewesen, da er ihn nicht durchfallen ließ, obwohl er die
Macht dazu besaß.
Im Mai sollte die Prüfung in Ästhetik sein. Gegen allen Brauch sandte
Johan seine Abhandlung durch die Post nach Upsala und bat brieflich,
die Prüfungsstunde festzusetzen.
Die Abhandlung hieß „Hakon, der Jarl‟, behandelte Öhlenschlägers Drama
und drehte sich um Idealismus und Realismus. Ihr Zweck war: erstens dem
Professor eine Vorstellung zu geben, wie belesen der Verfasser in der
Ästhetik im allgemeinen sei und welche Kenntnisse er besonders in der
dänischen Literatur habe; zweitens dem Verfasser selbst Klarheit über
seinen Standpunkt zu verschaffen.
Nach Kierkegaard hatte Johan sich selbst und seinen überwundenen
Standpunkt in der Person des Bruders A. angegriffen. Bruder A. beginnt
mit seinen Zweifeln, ob es ein allgemein gültiges Urteil gebe, kann
aber diesen Knoten nicht lösen. Schlägt mit seinen Studien auf dem
Nationalmuseum um sich und kommt dann sofort auf „Hakon, den Jarl‟.
Bruder B. nimmt den Bruder A. vor, karikiert sich selbst, dabei auch
einige Züge von Is entlehnend; trägt seine Ansichten über die dänische
Literatur vor; um eine selbständige Ansicht zu zeigen, muß er dabei
Professor Dietrichson angreifen. Dann pflügt er mit Georg Brandes'
Kalbe in Shakespeares Stoppelfeld und stürzt sich schließlich auf
Kierkegaard.
-- Was will denn Kierkegaard? fragte er. Ich glaube, er weiß es
selbst nicht! Aber was er nicht will, ist: Unglaube, Irreligiosität,
Leichtsinn... Leider wußte Johan nicht, daß Kierkegaard das Paradoxon
wollte.
Zu der bestimmten Zeit trat Johan vor den Lehrer, der sonst für liberal
und human galt. Er merkte sofort, eine Sympathie war nicht vorhanden.
Mit einer fast verächtlichen Miene gibt ihm der Professor die Schrift
zurück. Er erklärt, sie passe am besten „für die Leserinnen der Neuen
Illustrierten Zeitung‟; auch sei die dänische Literatur nicht von
solchem Interesse, daß sie ein Spezialstudium werden könne.
Johan war verletzt und erklärte, die dänische Literatur habe größeres
Interesse für Schweden als zum Beispiel Malesherbes und Boileau, über
die andere geschrieben hatten.
Die Prüfung beginnt und nimmt den Charakter eines heftigen Streites an.
Sie wird am Nachmittage fortgesetzt und endet mit einer Zensur, die
unter der erwünschten ist und der Erklärung, Universitätstudien könnten
nur an der Universität gemacht werden.
Johan wendet ein, ästhetische Studien seien am besten in Stockholm zu
machen, wo man Nationalmuseum, Bibliothek, Theater, Hochschule der
Musik, Künstler habe.
Nein, das sei Unsinn; hier in Upsala müsse es sein.
Johan ließ etwas über Kolleg und Seminar fallen, und man trennte sich
nicht als Freunde.
* * * * *
Das Verhältnis zum Vater war die ganze Zeit über gut gewesen, und der
Alte hatte sich bis zu einem gewissen Grad für Erziehung empfänglich
gezeigt. Aber sein unverständiger Stolz in einer so untergeordneten
Eigenschaft, wie es die Vaterschaft ist, brach zuweilen aus und
verletzte. Johan, der beständig zu Hause wohnte, brachte einige
Abendstunden mit dem Vater zu und sprach mit ihm über alle Fragen des
Lebens. Schließlich auch über Religion. Eines Tages sprach er eine
halbe Stunde über Parker; zuletzt bat ihn der Alte um das Buch. Er
behielt es einige Tage, sagte aber nichts, und Johan fand das Buch auf
seiner Kammer wieder. Der Vater war zu stolz, um einzuräumen, daß der
Freidenker ihn angesprochen habe; aber durch einen Bruder erfuhr Johan,
der Vater sei besonders über die berühmte Predigt „Vom Alter‟ entzückt
gewesen.
In der Frage der Opposition gegen den Professor verhielt sich der
Vater schwankend. Er fand auch, Recht solle Recht bleiben, aber die
Geringschätzung, mit der Johan von dem alten Professor sprach, gefiel
ihm nicht. Johan sah indessen, daß er das Spiel gewonnen hatte und daß
der Alte sich für seine Erfolge lebhaft interessierte.
Aber eines Tages im Frühling war Johan aufs Land gefahren, nachdem er
dem Hausfräulein davon einfache Mitteilung gemacht hatte. Als er am
andern Tage heimkehrte, wurde er mit Schelte empfangen.
-- Du verreisest, ohne es mir zu sagen?
-- Ich habe es dem Hausfräulein gesagt.
-- Ich verlange, daß du mich um Erlaubnis bittest, solange du mein Brot
issest.
-- Um Erlaubnis bittest? Was ist das für ein Geschwätz?
Johan stand auf und ging; lieh sich hundert Kronen von einem Kaufmann,
der ihm wohlwollte und fuhr mit drei Bundesbrüdern nach einer Insel im
Stockholmer Inselmeer, wo sie sich bei einem Fischer für dreißig Kronen
den Monat in Pension gaben.
Niemand suchte ihn zurückzuhalten. Wahrscheinlich brach die Krisis aus,
weil Johan innerhalb der Leitung des Hauses fühlbaren Einfluß auf Vater
und Geschwister auszuüben begann. Es war nämlich eine Herrin da, die
ihre Macht nicht aus den Händen lassen wollte.
Den Sommer verbrachte Johan damit, daß er tüchtig fürs Examen
arbeitete, denn jetzt hatte er keine Hilfe mehr von Hause zu erwarten.
Es war ein gesundes und strenges Leben mit unschuldigen Vergnügungen.
Er war bekleidet mit Schlafrock, Unterhosen, Wasserstiefeln. Die
Kameraden hatten noch weniger an. Man badete, segelte, focht; spielte
in freien Stunden wie Kinder. Johan gab sich ganz der zunehmenden
Verwilderung hin. Starke Getränke kamen fast nie auf den Tisch; Johan
fürchtete sie, denn sie machten ihn wahnsinnig.
Auf die Enthaltsamkeit und die Arbeit aber folgte das Verlangen, andere
zu bekehren und eine große Selbstgefälligkeit. Die letzte ist immer
die Folge, ob nun der Opferwillige fühlt, daß er in dieser Hinsicht
besser ist als die andern, oder ob das Opfer gebracht worden, um sich
besser zu fühlen. Er predigte einem Bruder, der trank, Nüchternheit;
moralisierte die andern, die nicht arbeiteten, sondern nach dem Badeort
fuhren, um zu tanzen oder stark zu essen. Er hatte Kierkegaard im
Leibe, wollte ethisch sein und wetterte gegen die Ästhetik.
Er studierte nun Philologie und nahm Dante, Shakespeare und Goethe
durch. Den letzten haßte er, weil der Ästhet war. Hinter allem lag wie
ein dunkler Hintergrund der Bruch mit dem Vater. Nach der Bekanntschaft
des letzten Winters sah er ihn indessen in einer verklärten Gestalt;
hatte ihm für die Vergangenheit recht gegeben und alle kleinen
Mißhelligkeiten der Kindheit vergessen. Am meisten vermißte er jedoch
die Geschwister, besonders die Schwestern, die ihm persönliche
Bekanntschaften geworden waren.
Die Arbeit mit Wortwurzeln und Wörterbuch war ihm eine Qual; jetzt aber
peinigte und schulte er seine Phantasie gern durch strenge Arbeit. Das
war die Pflicht, der Beruf.
Gegen Ende des Sommers war er wild und scheu. Die Kleider, die jetzt
vorgesucht wurden, waren unbequem; der Kragen, den er monatelang nicht
benutzt hatte, peinigte ihn wie ein Halseisen; die Stiefeletten waren
zu eng. Ihm kam alles wie ein Zwang vor, gleich Konvention und Unnatur.
Einmal hatte man ihn zu einer Gesellschaft nach dem Badeort Dalarö
verführt, aber er war sofort wieder umgekehrt. Er war schüchtern und
konnte Eitelkeit und Gelächter nicht vertragen. Nicht etwa, weil er
Unterklasse war, denn er hatte aufgehört das zu sein und sich als
solche zu fühlen. Die Askese hatte seinen Willen und seine Tatkraft
gestärkt.
* * * * *
Als die Universität in Upsala wieder begann, nahm er seine Reisetasche
und fuhr hin, ohne mehr als eine Krone zu besitzen; ohne zu wissen, ob
er ein Zimmer oder etwas zu essen bekommen werde.
Er konnte bei Rejd wohnen; dort legte er sich aufs Arbeiten.
Am ersten Abend suchte er ausgehungert Is auf. Der hatte den ganzen
Sommer allein in Upsala gesessen und sah noch trauriger aus als
gewöhnlich. Seine Erscheinung war jetzt die eines Schattens. Die
Einsamkeit hatte seine Seele noch kränker gemacht. Er ging mit Johan
aus und lud ihn zum Abendessen ein.
Is sprach wie gewöhnlich und zerriß sein Opfer; doch das wehrte
sich, schlug zurück, indem es den Ästhetiker angriff. Is betrachtete
den Ausgehungerten, wie er aß, und berauschte sich selbst an der
Branntweinflasche. Er wurde mütterlich, zärtlich und erbot sich, Johan
Geld zu leihen. Der dankte gerührt und nahm zehn Kronen an, denn jetzt
borgte er ohne Furcht, weil er eine Zukunft zu haben glaubte.
Schließlich wurde Is berauscht und phantasierte. Dann schlug er
plötzlich um, nannte Johan einen Egoisten und warf ihm vor, daß er die
zehn Kronen genommen habe.
Der Selbstsucht verdächtigt werden, war das schlimmste, was
Johan kannte, denn Christus hatte ihm eingeredet, das Ich müsse
gekreuzigt werden. Sein Selbst war gewachsen, da er von Druck
befreit worden und mit der Öffentlichkeit in Berührung gekommen war.
Menschen, die hervorgetreten sind, bekommen ein größeres Ich durch
die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird; oder ziehen sich die
Aufmerksamkeit gerade deswegen zu, weil sie ein größeres Ich haben als
die andern. Er fühlte, daß er auf einem rechten Weg für seine Zukunft
arbeite; er drang vorwärts mit Arbeit und Willenskraft und vieler
Freunde Hilfe; aber nicht durch Marktschreierei oder auf Schleichwegen.