Jetzt, 1870, ritt ihn das Buch wie ein Alp. Er wurde böse, als die

Kameraden es als Dichtung hinstellen wollten. Es half nicht, daß sie

es an Reichtum, Tiefe, Stil über Goethes „Faust‟ setzten. Johan konnte

damals auch nicht verstehen, daß der Säulenheilige Kierkegaard selbst

genossen hatte, als er Teil A schrieb; daß Verführer und Don Juan der

Dichter selbst sind, der seinen Trieb in der Phantasie befriedigte.

Nein, es sei Dichtung, glaubte man.

Alle Voraussetzungen für Kierkegaards Eintreten in Johans Leben waren

gegeben; dazu kam jetzt die oben angedeutete Bekanntschaft, die gar

keine Rolle gespielt hätte, wenn nicht der Boden bereitet gewesen

wäre, denn auf die andern Kameraden wirkte der Mann schließlich nur

lächerlich. Damit verhielt es sich indessen so. Bruder Thurs, der Sohn

Israels, kam eines Tages und erzählte, er habe die Bekanntschaft eines

Genies gemacht, das in die Verbindung einzutreten wünsche.

-- Ah, ein Genie!

Keiner der Bundesbrüder glaubte dieser Gnadengabe teilhaftig zu sein,

nicht einmal Johan; und sehr fraglich ist, ob irgendein Dichter

eigentlich geglaubt oder gefühlt hat, daß er es sei. Man kann, wenn man

Vergleiche anstellt, finden, daß man bessere Arbeiten gemacht hat als

andere; und ein guter Kopf wird natürlich fühlen, daß er etwas besser

versteht als andere; aber ein Genie, das ist etwas Besonderes. Dieser

Titel wird gewöhnlich erst nach dem Tode ausgeteilt und fällt jetzt aus

dem Sprachgebrauch fort, nachdem man die Geschichte der Entwicklung des

Genies gegeben hat.

Die Neuigkeit erregte Aufsehen, und der Unbekannte wurde unter dem

Namen Is in die Verbindung gewählt. Er sei nicht Poet, hieß es, aber er

sei gelehrt und ein starker Kritiker.

Eines Abends, als Zusammenkunft bei Thurs war, kam er. Bei der Tür

blieb ein kleiner dünner Mensch stehen, der keinen Überrock hatte,

sondern wie ein beurlaubter Arbeiter gekleidet war. Die Kleider sahen

aus, als seien sie geborgt, denn Ellbogen und Kniekehlen hingen an

den unrichtigen Stellen. (Das wurde sofort von Johan beobachtet,

der Kleider früher zu erben pflegte.) In der Hand hielt er einen

schmutzigen Hut von der Farbe einer Biersuppe, wie man ihn nur

bei Leierkastenspielern sieht. Sein Gesicht sah aus wie das eines

südländischen Rattenfallenhändlers. Das schwarze Haar hing auf die

Schultern herab, und das Gesicht war von schwarzem Bart zugewachsen,

der auf die Brust herabfiel.

-- Ist es möglich, fragte man sich, ist das ein Student?

Er glich allem andern und sah aus, als sei er vierzig Jahre alt; er war

aber nur dreißig.

Mit dem Hut in der Hand blieb er an der Tür stehen wie ein Bettler und

wagte sich kaum vor.

Nachdem Thurs ihn ins Zimmer gezogen und ihn vorgestellt hatte, wurde

die Sitzung eröffnet. Is begann zu sprechen und man lauschte.

Es war die Stimme eines Weibes, die sich zuweilen in unverschämter Art

zu einem Flüstern senkte, als verlange der Redner Totenstille oder

spreche zu seinem eigenen Vergnügen. Wovon er sprach, würde schwer

wiederzugeben sein, denn es handelte von allem, was er gelesen hatte;

und da er zehn Jahre länger als die Zwanzigjährigen gelesen hatte,

fanden die ihn in seiner Gelehrsamkeit bewundernswürdig.

Darauf las ein anderer ein Gedicht vor. Is sollte sich darüber äußern.

Er begann mit Kant, berührte Schopenhauer und Thackeray und schloß mit

einem Vortrag über George Sand. Keiner merkte, daß er nicht auf das

Gedicht einging.

Dann zog man ins Wirtshaus, um zu essen. Is sprach immer Philosophie,

Ästhetik, Weltgeschichte. Zuweilen mit einem traurigen Ausdruck in den

schwarzen unbegreiflichen Augen, die nie auf der Gesellschaft ruhten,

sondern ein unsichtbares Publikum weit in der Ferne, in unbekannten

Räumen zu suchen schienen. Die Verbindung lauschte andächtig,

hingerissen.

Von diesem Mann sollte Johan jetzt sein Urteil hören. Er sowohl wie

einer der poetischesten Bundesbrüder fingen an, stark an ihrem Beruf zu

zweifeln. Oft, wenn sie viel getrunken hatten, fragten sie einander, ob

man glaube. Darunter verstand man, ob der andere zum Dichter berufen

sei. Es war ganz der gleiche Zweifel, den Johan empfunden, als er sich

fragte, ob er ein Kind Gottes sei. Jetzt sollte Is Johans neues Drama

lesen und sein Urteil abgeben.

Eines Morgens ging Johan zu ihm hinauf, um sein Urteil zu hören. Is

sprach bis Mittag. Wovon? Von allem. Aber er hatte jetzt in Johans

Seele eingegriffen. Er hatte die Fäden durch Thurs' Berichte kennen

gelernt und riß jetzt an ihnen nach Belieben. Nicht aus Mitgefühl

wühlte er in Johans Eingeweiden, sondern aus einem Verlangen, das an

die Spinne erinnerte. Über das Stück äußerte er sich nicht direkt,

sondern entwarf den Plan zu einem neuen, nach seinem Sinn. Er

wirkte wie ein Magnetiseur. Johan war betört, verließ ihn aber in

Verzweiflung, als habe der Freund seine Seele genommen, sie zerpflückt

und die Stücke von sich geworfen, nachdem er seine Neugier befriedigt.

Aber Johan kam wieder und saß auf dem Sofa des weisen Mannes, lauschte

auf seine Worte, als seien sie ein Orakel; fühlte sich vollständig in

seiner Gewalt. Oft glaubte er, es sei ein Geist, der auf dem Teppich

wandere, wenn sein Körper in der Tabakswolke verschwand. Er wirkte

„dämonisch‟, das heißt, beim ersten Anblick unerklärlich. Er hatte kein

Blut in den Adern, keine Gefühle, keinen Willen, keine Begierden. Es

war ein sprechender Kopf. Sein Standpunkt war keiner und alle. Er war

ein Präparat von Büchern; der Mann war typisch für einen Buchgelehrten,

der nie gelebt hatte.

Oft, wenn die Bundesbrüder allein waren, sprachen sie über Is. Thurs

war seiner schon müde und fragte sich, ob er ein Verbrechen begangen

habe, denn er schien von einer beständigen Unruhe getrieben zu werden.

Dazu kam an den Tag, daß er Poet sei, seine Poesien aber nicht zeigen

wolle, weil er von der Dichtkunst zu hoch denke. Auch wunderte man

sich, daß man nie ein Buch in der Wohnung des gelehrten Mannes fand.

Und dann fragte man sich, warum er diese Jünglinge aufsuche, denen er

so überlegen war und deren Poesie er verachten mußte.

Die Jünglinge, die selbst am Ausgang der Romantik standen, kannten den

blutlosen Romantiker nicht wieder, der den festen Boden unter den Füßen

verloren hatte. Sie sahen in dem langen Haar und dem schäbigen Hut die

Kopie von Murgers Bohémien. Sie wußten nicht, daß diese „Zerrissenheit‟

eine Pariser Mode war; daß diese hohle Weisheit von deutscher Mystik

gesponnen wurde; diese Experimentalpsychologie aus Kierkegaard stammte;

daß dieses interessante Wesen, das ein nicht begangenes Verbrechen

durchblicken ließ, einen tiefen geheimen Kummer andeutete, Byron

entlehnt war. Das verstanden sie nicht. Darum konnte Is auch mit Johans

Seele spielen und ihn in seinem Garn halten. Ja, Johan war so von ihm

eingenommen und umstrickt, daß er sich in einer Rede Gamaliel nannte,

der zu Pauli (Is') Füßen gesessen, um Weisheit zu empfangen.

Das schließliche Ergebnis war, daß Johan eines Abends sein neues Drama

verbrannte. Es war die Arbeit eines Vierteljahrs, die in Flammen

aufging. Als er die Asche sammelte, weinte er. Is hatte, ohne es zu

sagen, ihm gezeigt, daß er kein Dichter sei. Alles war ein Irrtum,

auch das! Dazu kam die Verzweiflung darüber, daß er den Vater betrogen

habe und nun keine Arbeit nach Haus bringen könne, die sein Versäumnis

gerechtfertigt hätte.

In einem Anfall von Reue und um irgendein Ergebnis aufweisen zu können,

meldet er sich zu der schriftlichen Prüfung im Latein, jedoch ohne

die erforderlichen Aufgaben und Aufsätze geschrieben zu haben. Der

Professor erblickt seinen Namen und kennt ihn nicht. Der Pedell kommt

an einem Sonntagabend, als Johan eben von einem Mittagessen angeheitert

zurückgekehrt ist. Johan geht kühn zum Professor und fragt, was er

wolle.

-- Sie gedenken die schriftliche Prüfung in Latein zu machen?

-- Ja.

-- Aber ich sehe Ihren Namen nicht auf meiner Liste.

-- Ich habe schon die erste schriftliche Prüfung in Latein bestanden.

-- Das gehört nicht hierher. Man muß sich nach Gesetzen und

Bestimmungen richten.

-- Ich kenne keine Bestimmung über die drei Aufsätze.

-- Ich glaube, Sie sind unverschämt!

-- Das mag so aussehen!

-- Hinaus, Herr, oder...

Die Tür wird geöffnet, und Johan ist hinausgeworfen. Er schwört, er

werde doch kommen und schreiben; aber am nächsten Morgen verschläft er.

Also auch dieser Strohhalm ist verbrannt.

Eines Morgens kurz darauf kommt ein Kamerad und weckt ihn.

-- Weißt du, daß W. tot ist? (W. war ein Tischgenosse im selben

Pensionat.)

-- Nein!

-- Er hat sich den Hals durchschnitten.

Johan stürzt in die Höhe, kleidet sich an und eilt mit dem Kameraden

nach W.s Wohnung. Sie stürzen die Treppen hinauf und kommen auf einen

dunkeln Boden.

-- Ist es hier?

-- Nein, hier!

Johan tappt nach einer Tür; die Tür gibt nach und fällt auf ihn. In

diesem Augenblick sieht er eine Blutlache auf dem Fußboden. Er macht

Kehrt, läßt die Tür los, ist die Treppen hinunter, ehe die Tür zu Boden

schlägt.[5]

Diese Szene erschütterte ihn unerhört. Er fing an zu grübeln. W.

hatte einige Tage vorher Johan im Park der Bibliothek getroffen, in

dem Johan die Einsamkeit suchte, um an seinem Stück zu arbeiten. W.

kam und grüßte; fragte, ob er ihm Gesellschaft leisten dürfe, oder ob

er vielleicht störe. Johan antwortete aufrichtig, er störe. W. ging

traurig davon. War es der ertrinkende Einsame, der eine Seele suchte

und zurückgestoßen wurde? Johan fühlte sich beinahe schuldig an diesem

Morde. Aber er war nicht zum Tröster berufen.

Jetzt spukte der Tote vor Johan; er wagte nicht mehr, sein Zimmer zu

besuchen, sondern schlief bei Kameraden. Eine Nacht lag er bei Rejd.

Der mußte das Licht brennen lassen und wurde in der Nacht mehrere Male

von Johan, der nicht schlafen konnte, geweckt.

Eines Tages wurde Johan von Rejd mit seiner Blausäureflasche

überrascht. Der billigte scheinbar den Plan zum Selbstmord, bat aber,

vorher einen Abschiedsbecher mit ihm zu trinken. Sie gingen ins

Wirtshaus, bestellten acht Grogs, die auf einem Tablett hineingetragen

wurden. Jeder trank vier in vier Zügen; der Erfolg war der erwünschte:

Johan ward eine „Leiche‟.

Er wurde nach Haus getragen; da aber die Haustür geschlossen war, trug

man ihn über ein Grundstück und warf ihn über seinen Zaun. Dort blieb

er in einem Schneehaufen liegen, bis er wieder auflebte und in sein

Zimmer kroch.

Die letzte Nacht, die er in Upsala war, einige Tage später, schlief er

auf einem Sofa bei Thurs, während die Kameraden über ihn wachten und

die Zimmer hell erleuchtet waren. Sie wachten gutmütig bis zum Morgen;

dann begleiteten sie ihn zum Bahnhof und setzten ihn in den Zug.

Als der Zug aus dem Weichbild von Upsala herausfuhr, atmete Johan

wieder. Es war ihm, als habe er etwas Garstiges, Unheimliches

verlassen, etwa eine nordische Winternacht mit dreißig Grad Kälte. Er

schwor, sich niemals wieder in dieser Stadt niederzulassen, in der die

Seelen, von Leben und Gesellschaft verbannt, infolge Überproduktion der

Gedanken faulten, von nicht abfließendem Grundwasser zerfressen wurden,

wie Leere mahlende Mühlsteine Feuer fingen.

21.

+Der Schützling eines Königs.+

(1871)

Als Johan wieder zu den Eltern nach Hause kam, fühlte er sich geborgen,

als sei er nach einer stürmischen und nächtlichen Bootsfahrt an Land

gestiegen. Und wieder schlief er eine ruhige Nacht in seinem alten

Zeltbett auf der Kammer der Brüder.

Hier sah er jetzt stille geduldige Menschen, die zu bestimmten Zeiten

kamen und gingen, arbeiteten und schliefen; genau ebenso wie früher,

ohne von Träumen oder ehrgeizigen Plänen beunruhigt zu werden.

Die Schwestern waren zu großen Mädchen herangewachsen und führten

den Haushalt. Alle arbeiteten, nur er nicht. Wenn er damit sein

ausschweifendes, regelloses Leben verglich, das keine Ruhe, keinen

Frieden kannte, hielt er sie für glücklicher und besser. Es war ihnen

ernst mit ihrer Lebensführung; sie verrichteten ihre Arbeit, erfüllten

ihre Pflichten, ohne zu lärmen oder zu prahlen.

Er suchte jetzt alte Bekanntschaften unter Kaufleuten, Kontoristen,

Schiffskapitänen auf und fand sie alle neu und erfrischend. Sie führten

seine Gedanken in die Wirklichkeit zurück; er fühlte wieder festen

Boden unter den Füßen. Damit begann er falsche Idealität zu verachten;

wie er zugleich einsah, daß es unwürdig vom Studenten sei, den

Philister zu verachten.

Dem Vater beichtete er jetzt, einfach und offen, jedoch ohne Reue, sein

elendes Leben in Upsala und bat ihn, zu Hause bleiben zu dürfen, um von

dort aus das Examen zu machen; sonst sei er verloren. Das wurde ihm

erlaubt, und nun bereitete er seinen Feldzugsplan für den Frühling vor.

Zuerst wollte er bei einem guten Lehrer in Stockholm die lateinische

Arbeit schreiben; im Frühling wollte er dann nach Upsala fahren, um

sich durchzuschlagen. Ferner wollte er seine Abhandlung in Ästhetik

schreiben und sich für die Prüfung in diesem Fach vorbereiten. Mit

diesen Vorsätzen begann er ein ruhiges Arbeitsleben, als Neujahr kam.

Noch aber hatte er die Niederlage mit dem „Freidenker‟ nicht verwunden.

Auch reizten ihn die Fragen der Freunde, ob sie nicht bald etwas Neues

von ihm sehen würden. So entschloß er sich, in vierzehn Tagen sein

verbranntes Stück noch einmal zu schreiben, und zwar als Einakter.

Das geschah. Und dann studierte er.

Als der April kam, schrieb er eine Probearbeit für seinen Lehrer, und

der schwor darauf, daß er durchkommen werde. Dann fuhr er nach Upsala.

Dem Vater gefiel diese Kraftprobe nicht übel, als er hörte, Johan sei

ganz sicher, aber er fragte, ob es nicht praktischer sei, sich dem

Professor zu fügen.

-- Nein, jetzt sei es eine Prinzipienfrage und eine Ehrensache.

Er ging in die Sprechstunde des Professors und wartete, bis er an die

Reihe kam. Als der Alte ihn erblickte, wurde er rot und fragte:

-- Sind Sie wieder hier?

-- Ja!

-- Was wollen Sie?

-- Mich zur lateinischen Arbeit anmelden.

-- Ohne eine Probearbeit geschrieben zu haben?

-- Ich habe die in Stockholm geschrieben, und ich wollte nur fragen, ob

die Satzungen mir erlauben, die schriftliche Prüfung zu machen.

-- Die Satzungen? Fragen Sie den Dekan danach; ich weiß nur, was +ich+

verlange.

Johan ging und suchte sofort den Dekan auf. Das war ein junger,

lebhafter, sympathischer Mensch. Johan trug seine Sache vor und

schilderte den Verlauf.

-- Die Satzungen sagen nichts darüber, aber der alte P. läßt Sie ohne

Satzungen durchfallen.

-- Das werden wir doch sehen! Erlauben Sie, Herr Dekan, daß ich die

schriftliche Prüfung machen darf?

-- Das kann Ihnen nicht verweigert werden. Sie wollen also Ihren Willen

durchsetzen?

-- Ja, das will ich!

-- Sind Sie denn so sicher?

-- Ja!

-- Dann Glück auf! sagte er und klopfte Johan auf die Schulter.

Er ging zur schriftlichen Prüfung, schrieb seine Arbeit. Nach einer

Woche erhielt er ein Telegramm: Bestanden. Man schrieb diesen Ausgang

dem Edelmut des Professors zu und mißbilligte Johans unbefugtes

Vorgehen; Johan aber schob den Erfolg auf seinen Fleiß und seine

Kenntnisse, wenn er auch nicht leugnen konnte, daß der Professor ein

ehrlicher Mann gewesen, da er ihn nicht durchfallen ließ, obwohl er die

Macht dazu besaß.

Im Mai sollte die Prüfung in Ästhetik sein. Gegen allen Brauch sandte

Johan seine Abhandlung durch die Post nach Upsala und bat brieflich,

die Prüfungsstunde festzusetzen.

Die Abhandlung hieß „Hakon, der Jarl‟, behandelte Öhlenschlägers Drama

und drehte sich um Idealismus und Realismus. Ihr Zweck war: erstens dem

Professor eine Vorstellung zu geben, wie belesen der Verfasser in der

Ästhetik im allgemeinen sei und welche Kenntnisse er besonders in der

dänischen Literatur habe; zweitens dem Verfasser selbst Klarheit über

seinen Standpunkt zu verschaffen.

Nach Kierkegaard hatte Johan sich selbst und seinen überwundenen

Standpunkt in der Person des Bruders A. angegriffen. Bruder A. beginnt

mit seinen Zweifeln, ob es ein allgemein gültiges Urteil gebe, kann

aber diesen Knoten nicht lösen. Schlägt mit seinen Studien auf dem

Nationalmuseum um sich und kommt dann sofort auf „Hakon, den Jarl‟.

Bruder B. nimmt den Bruder A. vor, karikiert sich selbst, dabei auch

einige Züge von Is entlehnend; trägt seine Ansichten über die dänische

Literatur vor; um eine selbständige Ansicht zu zeigen, muß er dabei

Professor Dietrichson angreifen. Dann pflügt er mit Georg Brandes'

Kalbe in Shakespeares Stoppelfeld und stürzt sich schließlich auf

Kierkegaard.

-- Was will denn Kierkegaard? fragte er. Ich glaube, er weiß es

selbst nicht! Aber was er nicht will, ist: Unglaube, Irreligiosität,

Leichtsinn... Leider wußte Johan nicht, daß Kierkegaard das Paradoxon

wollte.

Zu der bestimmten Zeit trat Johan vor den Lehrer, der sonst für liberal

und human galt. Er merkte sofort, eine Sympathie war nicht vorhanden.

Mit einer fast verächtlichen Miene gibt ihm der Professor die Schrift

zurück. Er erklärt, sie passe am besten „für die Leserinnen der Neuen

Illustrierten Zeitung‟; auch sei die dänische Literatur nicht von

solchem Interesse, daß sie ein Spezialstudium werden könne.

Johan war verletzt und erklärte, die dänische Literatur habe größeres

Interesse für Schweden als zum Beispiel Malesherbes und Boileau, über

die andere geschrieben hatten.

Die Prüfung beginnt und nimmt den Charakter eines heftigen Streites an.

Sie wird am Nachmittage fortgesetzt und endet mit einer Zensur, die

unter der erwünschten ist und der Erklärung, Universitätstudien könnten

nur an der Universität gemacht werden.

Johan wendet ein, ästhetische Studien seien am besten in Stockholm zu

machen, wo man Nationalmuseum, Bibliothek, Theater, Hochschule der

Musik, Künstler habe.

Nein, das sei Unsinn; hier in Upsala müsse es sein.

Johan ließ etwas über Kolleg und Seminar fallen, und man trennte sich

nicht als Freunde.

* * * * *

Das Verhältnis zum Vater war die ganze Zeit über gut gewesen, und der

Alte hatte sich bis zu einem gewissen Grad für Erziehung empfänglich

gezeigt. Aber sein unverständiger Stolz in einer so untergeordneten

Eigenschaft, wie es die Vaterschaft ist, brach zuweilen aus und

verletzte. Johan, der beständig zu Hause wohnte, brachte einige

Abendstunden mit dem Vater zu und sprach mit ihm über alle Fragen des

Lebens. Schließlich auch über Religion. Eines Tages sprach er eine

halbe Stunde über Parker; zuletzt bat ihn der Alte um das Buch. Er

behielt es einige Tage, sagte aber nichts, und Johan fand das Buch auf

seiner Kammer wieder. Der Vater war zu stolz, um einzuräumen, daß der

Freidenker ihn angesprochen habe; aber durch einen Bruder erfuhr Johan,

der Vater sei besonders über die berühmte Predigt „Vom Alter‟ entzückt

gewesen.

In der Frage der Opposition gegen den Professor verhielt sich der

Vater schwankend. Er fand auch, Recht solle Recht bleiben, aber die

Geringschätzung, mit der Johan von dem alten Professor sprach, gefiel

ihm nicht. Johan sah indessen, daß er das Spiel gewonnen hatte und daß

der Alte sich für seine Erfolge lebhaft interessierte.

Aber eines Tages im Frühling war Johan aufs Land gefahren, nachdem er

dem Hausfräulein davon einfache Mitteilung gemacht hatte. Als er am

andern Tage heimkehrte, wurde er mit Schelte empfangen.

-- Du verreisest, ohne es mir zu sagen?

-- Ich habe es dem Hausfräulein gesagt.

-- Ich verlange, daß du mich um Erlaubnis bittest, solange du mein Brot

issest.

-- Um Erlaubnis bittest? Was ist das für ein Geschwätz?

Johan stand auf und ging; lieh sich hundert Kronen von einem Kaufmann,

der ihm wohlwollte und fuhr mit drei Bundesbrüdern nach einer Insel im

Stockholmer Inselmeer, wo sie sich bei einem Fischer für dreißig Kronen

den Monat in Pension gaben.

Niemand suchte ihn zurückzuhalten. Wahrscheinlich brach die Krisis aus,

weil Johan innerhalb der Leitung des Hauses fühlbaren Einfluß auf Vater

und Geschwister auszuüben begann. Es war nämlich eine Herrin da, die

ihre Macht nicht aus den Händen lassen wollte.

Den Sommer verbrachte Johan damit, daß er tüchtig fürs Examen

arbeitete, denn jetzt hatte er keine Hilfe mehr von Hause zu erwarten.

Es war ein gesundes und strenges Leben mit unschuldigen Vergnügungen.

Er war bekleidet mit Schlafrock, Unterhosen, Wasserstiefeln. Die

Kameraden hatten noch weniger an. Man badete, segelte, focht; spielte

in freien Stunden wie Kinder. Johan gab sich ganz der zunehmenden

Verwilderung hin. Starke Getränke kamen fast nie auf den Tisch; Johan

fürchtete sie, denn sie machten ihn wahnsinnig.

Auf die Enthaltsamkeit und die Arbeit aber folgte das Verlangen, andere

zu bekehren und eine große Selbstgefälligkeit. Die letzte ist immer

die Folge, ob nun der Opferwillige fühlt, daß er in dieser Hinsicht

besser ist als die andern, oder ob das Opfer gebracht worden, um sich

besser zu fühlen. Er predigte einem Bruder, der trank, Nüchternheit;

moralisierte die andern, die nicht arbeiteten, sondern nach dem Badeort

fuhren, um zu tanzen oder stark zu essen. Er hatte Kierkegaard im

Leibe, wollte ethisch sein und wetterte gegen die Ästhetik.

Er studierte nun Philologie und nahm Dante, Shakespeare und Goethe

durch. Den letzten haßte er, weil der Ästhet war. Hinter allem lag wie

ein dunkler Hintergrund der Bruch mit dem Vater. Nach der Bekanntschaft

des letzten Winters sah er ihn indessen in einer verklärten Gestalt;

hatte ihm für die Vergangenheit recht gegeben und alle kleinen

Mißhelligkeiten der Kindheit vergessen. Am meisten vermißte er jedoch

die Geschwister, besonders die Schwestern, die ihm persönliche

Bekanntschaften geworden waren.

Die Arbeit mit Wortwurzeln und Wörterbuch war ihm eine Qual; jetzt aber

peinigte und schulte er seine Phantasie gern durch strenge Arbeit. Das

war die Pflicht, der Beruf.

Gegen Ende des Sommers war er wild und scheu. Die Kleider, die jetzt

vorgesucht wurden, waren unbequem; der Kragen, den er monatelang nicht

benutzt hatte, peinigte ihn wie ein Halseisen; die Stiefeletten waren

zu eng. Ihm kam alles wie ein Zwang vor, gleich Konvention und Unnatur.

Einmal hatte man ihn zu einer Gesellschaft nach dem Badeort Dalarö

verführt, aber er war sofort wieder umgekehrt. Er war schüchtern und

konnte Eitelkeit und Gelächter nicht vertragen. Nicht etwa, weil er

Unterklasse war, denn er hatte aufgehört das zu sein und sich als

solche zu fühlen. Die Askese hatte seinen Willen und seine Tatkraft

gestärkt.

* * * * *

Als die Universität in Upsala wieder begann, nahm er seine Reisetasche

und fuhr hin, ohne mehr als eine Krone zu besitzen; ohne zu wissen, ob

er ein Zimmer oder etwas zu essen bekommen werde.

Er konnte bei Rejd wohnen; dort legte er sich aufs Arbeiten.

Am ersten Abend suchte er ausgehungert Is auf. Der hatte den ganzen

Sommer allein in Upsala gesessen und sah noch trauriger aus als

gewöhnlich. Seine Erscheinung war jetzt die eines Schattens. Die

Einsamkeit hatte seine Seele noch kränker gemacht. Er ging mit Johan

aus und lud ihn zum Abendessen ein.

Is sprach wie gewöhnlich und zerriß sein Opfer; doch das wehrte

sich, schlug zurück, indem es den Ästhetiker angriff. Is betrachtete

den Ausgehungerten, wie er aß, und berauschte sich selbst an der

Branntweinflasche. Er wurde mütterlich, zärtlich und erbot sich, Johan

Geld zu leihen. Der dankte gerührt und nahm zehn Kronen an, denn jetzt

borgte er ohne Furcht, weil er eine Zukunft zu haben glaubte.

Schließlich wurde Is berauscht und phantasierte. Dann schlug er

plötzlich um, nannte Johan einen Egoisten und warf ihm vor, daß er die

zehn Kronen genommen habe.

Der Selbstsucht verdächtigt werden, war das schlimmste, was

Johan kannte, denn Christus hatte ihm eingeredet, das Ich müsse

gekreuzigt werden. Sein Selbst war gewachsen, da er von Druck

befreit worden und mit der Öffentlichkeit in Berührung gekommen war.

Menschen, die hervorgetreten sind, bekommen ein größeres Ich durch

die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird; oder ziehen sich die

Aufmerksamkeit gerade deswegen zu, weil sie ein größeres Ich haben als

die andern. Er fühlte, daß er auf einem rechten Weg für seine Zukunft

arbeite; er drang vorwärts mit Arbeit und Willenskraft und vieler

Freunde Hilfe; aber nicht durch Marktschreierei oder auf Schleichwegen.

Der Sohn einer Magd · 第 27 / 29 段