Während er diesen Grübeleien nachhing, fiel ein Buch in seine Hand,

das wie ein Blitz ins Dunkel des Zweifels einschlug und ein neues

Licht über die ganze Welt des Schönen warf. Das waren Georg Brandes'

„Kritiken und Porträts‟, die in diesem Sommer erschienen und im

„Abendblatt‟ besprochen wurden. Ein neues fertiges System lag hier

nicht vor, aber über das Ganze verbreitete sich eine neue Beleuchtung.

Alle der deutschen Philosophie entlehnten Worte: Inhalt und Form,

schön, erhaben, charakteristisch, fehlten; und ganz sicher hatte der

Autor nicht die ästhetischen Systeme angewandt, um einen Maßstab zu

erhalten. Aber welchen Zirkel er benutzte, erfuhr man noch nicht.

Brandes schrieb nicht wie die andern; sah nicht wie die andern; schien

einen feineren Gedankenmechanismus zu haben als die Alten. Er ging

von der vorliegenden Tatsache aus; untersuchte die; zerpflückte das

Kunstwerk; zeigte dessen Anatomie und Physiologie, ohne bestimmt zu

sagen, ob es schön oder nicht schön sei.

Das war die neue Methode der französischen Ästhetik, die mit Taine von

England eingeführt worden und jetzt auf die Kunst angewandt wurde.

Die ganze alte Ästhetik, die dabei stehen geblieben war, das sei gut,

das sei nicht gut, war damit abgetan. Das Kunstwerk lag da als eine

Äußerung der Tätigkeit des menschlichen Geistes, gestempelt von der

Zeit, von der es ausgegangen; geprägt von der Persönlichkeit. Es sollte

nur behandelt werden als ein Dokument, eine Handlung, welche die innere

Geschichte der Zeit betrifft. Das Schönheitsideal wechselt mit Land,

Volk, Klima; Rubens fettansetzende Frauen waren ebenso schön oder

unschön wie Raffaels zu Madonnen verkleidete Geliebte.

Damit wurde die Frage auf einen Punkt gebracht, wo sie weder von

subjektiven noch von objektiven Urteilen erreicht werden konnte. Die

Kritik hatte damit alle absoluten Urteile verworfen und erkannte nur

die Methode der Erklärung an. Wie konnte es auch anders sein, da jedes

Urteil, von einer bestimmten Persönlichkeit oder einer persönlichen

Partei gefällt, von einer eingelernten Anschauung bestimmt, von der

Epoche abhängig, nur ein relatives und persönliches Urteil werden

konnte.

Damit war aber auch die Kritik für unmöglich erklärt. Denn wer anders

als der Dichter oder der Künstler selbst konnte die Entstehung des

Kunstwerkes erklären? Wer außer ihnen kannte alle geheimen Fäden, alle

Beweggründe, alle Interessen, die bei der Arbeit mitgewirkt hatten?

Aber der Dichter oder Künstler war ja parteiisch. kannte selten sich

selbst, besonders wenn er in dem seligen Selbstbetrug des Unbewußten

lebte; und er war ja gezwungen, um sich nicht zu schaden, die

Geheimnisse seines Berufes geheimzuhalten.

In der schwierigen Frage, ob der Inhalt oder die Form vorzuziehen

sei, ging Brandes bestimmt zum Inhalt über. Damit ein Kunstwerk ein

Zeitdokument werden soll, muß es in innigem Verhältnis zur Zeit stehen

und wirklich etwas enthalten. Diese Auffassung fand ihren Ausdruck in

der seitdem berühmt gewordenen Formel: „Problem unter Debatte‟. Aber

das hatte ja schon der verketzerte Tendenzroman, dessen bekanntestes

Opfer in Schweden Frau Schwartz gewesen, ins Werk gesetzt. Die Gefahr,

die in dieser Lehre liegt, einsehend, zieht sich Brandes aus dem Spiel,

indem er sich solche Folgerungen verbittet, ohne jedoch anzugeben, aus

welchem Grunde.

Jedenfalls war hier von einem Ästhetiker der erste Schritt getan, um

die Literatur aus der drückenden Sklaverei im Dienst der Kunst zu

befreien. Vorher waren bereits Schritte zur Befreiung getan worden,

indem die Zeitungsliteratur die meisten dichterischen Kräfte an sich

gezogen. Der Dichter brauchte nicht länger der für sein Zeitalter

gleichgültige Gaukler zu sein. Er konnte die Träume verlassen und in

die Wirklichkeit seiner Zeit hinabsteigen. Damit war die Bahn für die

Übergangsform eröffnet, die jetzt (1886) Realismus und Naturalismus

heißt und die wohl in Selbstbiographie enden wird. Das ist der einzige

Stoff, den ein Schriftsteller einigermaßen beherrschen kann, wenn er

sich nämlich ganz der Unfreiheit seines Willens bewußt ist; sich also

nicht scheut, aufrichtig zu sein. Das kann er nur sein, wenn er sich

ganz klar darüber ist, daß er keine Verantwortung besitzt.

* * * * *

Victor Hugos Romane hatten in Johan einen fruchtbaren Boden gefunden.

Der Aufruhr gegen die Gesellschaft; die Naturverehrung des auf

einer einsamen Insel hausenden Dichters; die Verhöhnung der immer

herrschenden Dummheit; das Wüten gegen die Staatsreligion und das

Schwärmen für Gott als den Schöpfer des Alls -- all das, was im Keim

bei dem Jüngling lag, begann zu keimen, wurde aber noch von dem

herbstlichen Laub der alten Bücher erstickt.

Das Leben im Elternhause war jetzt still. Die Stürme hatten sich

gelegt; die Geschwister waren herangewachsen. Der Vater, der noch immer

über seinen Geschäftsbüchern saß, um zu berechnen, wie er ohne Schulden

die Kinderschar versorgen könne, war älter geworden und sah jetzt ein,

daß Johan auch älter war. Sie sprachen jetzt oft über allgemeine

Fragen. Dem Deutsch-Französischen Kriege gegenüber verhielten sie sich

ziemlich neutral. Als romanisierte Germanen liebten sie den Deutschen

nicht. Sie fürchteten und haßten ihn als älteren Bruder eines Vaters,

der ein gewisses Altersrecht vor dem Schweden hatte; aber sie vergaßen

auch nicht, daß das siegende Preußen eine schwedische Provinz gewesen.

Der Schwede war mehr Franzose geworden, als er wußte, und jetzt fühlte

er sich verwandt mit der geliebten Nation. Abends, wenn sie im Garten

saßen und der Wagenlärm aufgehört hatte, drangen die Klänge der

Marseillaise vom Konzertgarten bis zu ihnen hinaus; und sie hörten die

Hurrarufe, die bald verstummen sollten.

Im August, als die Theater wieder geöffnet wurden, erhielt Johan den so

lange ersehnten Bescheid, sein Stück sei zum Spielen angenommen. Das

war der erste Rausch des Erfolges, den er erlebte. Mit einundzwanzig

Jahren ein Stück beim Königlichen Theater angebracht zu haben, das

war etwas; das wog die ganze Last seiner Mißerfolge auf, die ihn

niederdrückte. Von der ersten Bühne des Landes sollten seine Worte ins

Publikum hinausgehen; das Mißgeschick mit dem Schauspielerberuf würde

vergessen werden; der Vater würde einsehen, daß der Sohn in seiner so

berüchtigten Unbeständigkeit richtig gewählt habe; alles würde wieder

gut werden.

Im Herbst, bevor noch die Universität begann, wurde das Stück gespielt.

Es war kindlich, fromm, verehrte die Kunst, enthielt aber einen

dramatischen Effekt, der das magere Stück rettete: Thorwaldsen vor der

Jasonstatue, die er mit einem Hammer zerschmettern will. Unverschämt

war dagegen ein Ausfall gegen die Reimer. Was bezweckte der Dichter

damit? Wie konnte ein Anfänger, der so viele Notreime hatte, es wagen,

einen Stein auf die andern zu werfen? Das war eine Dummdreistigkeit,

die sich auch bestrafte.

Johan schlich sich in den dritten Rang hinauf, um auf einem Stehplatz

sich sein Werk anzusehen. Dort stand schon Rejd und der Vorhang war

bereits in die Höhe gegangen. Johan hatte das Gefühl, als stehe er

unter einer Elektrisiermaschine. Jeder Nerv zitterte, seine Beine

schlotterten, die Tränen flossen die ganze Zeit über vor lauter

Nervosität. Rejd mußte ihn bei der Hand fassen, um ihn zu beruhigen.

Die Zuschauer äußerten hier und dort ihren Beifall, aber Johan wußte,

es waren meistens Freunde und Verwandte, und ließ sich nicht täuschen.

Jede Dummheit, die ihm in einem Verse entschlüpft war, schmerzte im Ohr

und schüttelte ihn. Er sah lauter Unvollkommenheiten in seiner Arbeit;

er schämte sich so, daß ihm die Ohren brannten; ehe der Vorhang fiel,

lief er hinaus, hinaus auf den dunklen Markt.

Er war ganz vernichtet. Der Anfall auf die Priester war dumm und

ungerecht; die Verherrlichung der Armut und des Hochmuts erschien ihm

falsch; seine Schilderung des Verhältnisses zum Vater war zynisch.

Wie konnte er sich auf diese Weise bloßstellen! Es war ihm, als habe

er seine Blöße gezeigt, und Scham war das stärkste Gefühl, das er

kannte. Die Schauspieler dagegen fand er gut; die Inszenierung war

stimmungsvoller, als er sie sich geträumt hatte. Alles war gut, nur das

Stück nicht. Er irrte unten am Wasser umher und wollte sich ertränken.

Daß er seine Gefühle gezeigt hatte, regte ihn am meisten auf! Wie

kam das? Und warum schämt man sich im allgemeinen deshalb? Warum

sind die Gefühle so heilig? Vielleicht weil Gefühle im allgemeinen

falsch sind, da sie nur eine physische Sensation ausdrücken, welche

die Persönlichkeit nicht ganz mitmacht. Wenn es wirklich so ist, dann

schämte er sich als Alltagsmensch darüber, beim Schreiben unwahr

gewesen zu sein und sich verkleidet gezeigt zu haben.

Beim Anblick der Leiden eines Menschen gerührt werden, gilt für schön

und verdienstvoll, aber es soll nur eine Reflexbewegung sein. Man

verlegt des andern Leiden in sich selbst, und man leidet über sein

eigenes Ich. Eines andern Tränen können einen zum Weinen verlocken,

ebenso leicht wie eines andern Gähnen zum Gähnen. Johan schämte sich,

daß er gelogen und sich selber ertappt hatte. Aber das Publikum

ertappte ihn nicht.

Niemand ist ein so unbestechlicher Kritiker wie der Bühnendichter, der

sein eigenes Stück sieht. Er läßt kein Wort durch sein Sieb durch. Er

schiebt die Schuld nicht auf die Schauspieler, denn die bewundert er

gewöhnlich, da sie seine Dummheiten mit solchem Geschmack sagen können.

Und Johan fand das Stück dumm. Es hatte ein halbes Jahr gelegen;

vielleicht war er ihm entwachsen.

Ein Nachstück wurde gespielt, das zwei Stunden dauerte. Während der

ganzen Zeit irrte er draußen in der Dunkelheit, in den Alleen umher und

schämte sich.

Er hatte mit Freunden und Verwandten verabredet, nach dem Stück im

Hotel du Nord ein Glas zu trinken; aber er blieb aus. Er sah, wie sie

nach ihm suchten, aber er wollte sie nicht treffen. Und sie gingen

wieder hinein, um das zweite Stück zu sehen.

Endlich war das Theater aus. Die Zuschauer strömten hinaus und

zerstreuten sich über die Alleen. Er lief von ihnen fort, um nicht ihre

Urteile hören zu müssen.

Zuletzt sah er eine einzige Gruppe unter dem Regendach des Dramatischen

Theaters stehen. Sie sahen nach allen Richtungen; sie riefen ihn.

Schließlich trat er vor, bleich wie eine Leiche und düster.

Sie gratulierten zum Erfolg. Man hatte Beifall geklatscht; es war recht

gut. Die Urteile der Nachbarn wurden wiedergegeben und man beruhigte

ihn. Dann schleppte man ihn beim Kragen ins Restaurant und zwang ihn,

zu essen und zu trinken. Dann wurde er zu Mädchen mitgenommen.

-- Das wird dir gut tun, du alter Dusterer, sagte ein Kaufmann.

Bald war er herabgerissen von seiner Himmelfahrt.

-- Wie kannst du noch düster sein, nachdem das Königliche Theater ein

Stück von dir gespielt hat?

Das konnte er ihnen nicht sagen. Sein kühnster Wunsch war erfüllt; aber

es war wahrscheinlich nicht das, was er wollte. Der Gedanke, daß es in

jedem Fall eine Ehre war, tröstete ihn nicht.

Am nächsten Morgen ging er in einen Laden und kaufte die Morgenzeitung.

Er schlug sie auf und las: das Stück habe eine schöne Sprache und sei

(da es anonym gegeben) wohl von einem bekannten Kunstkritiker verfaßt,

der die Künstlerwelt Roms gut studiert habe. Das war artig und hob

seine Stimmung.

Um die Mittagszeit fuhr er nach Upsala. Der Vater hatte ihn dort

bei der Witwe eines Geistlichen in Pension gegeben, damit er unter

richtiger Aufsicht seine Studien vollende.

20.

+„Zerrissen‟.+

(1870)

Dadurch, daß Johan in eine Pension kam, hatte er sofort einen großen,

täglichen, reichen Verkehr. Vielleicht allzu reich. Da waren Studenten

jedes Alters, jedes Faches, aus allen Provinzen. Vom älteren Theologen,

der sich auf die letzte Prüfung vorbereitete, bis zu jungen Medizinern

und Juristen hinab. Auch Damen wohnten im Hause, aber Johan war jetzt,

zum achten Male, verliebt, und wieder in eine Unerreichbare, die

verlobt war. Der reiche Verkehr überlud das Gehirn mit Eindrücken aus

allen Kreisen; die Persönlichkeit wurde schlaff, da sie sich andern

anpassen mußte, zerrissen durch dieses Unterhandeln über Ansichten, das

der Verkehr zur Folge hat. Außerdem wurde viel getrunken, beinahe jeden

Abend.

An einem der ersten Tage kam die Kritik der Abendzeitungen über Johans

Stück zum Vorschein. Die eine war sehr scharf. Sie war gerecht, und

gerade darum traf sie Johan ganz furchtbar. Er fühlte sich entkleidet

und durchschaut. Der Dichter habe seine unbedeutende Person hinter

einem großen Namen (Thorwaldsens) versteckt, aber das Kostüm kleide

ihn nicht. Und so weiter. Er war ganz bankerott. In solcher Not sucht

man sich selber zu verteidigen; er stellte Vergleiche an mit andern

schlechten Stücken, die derselbe gestrenge Herr gelobt hatte. Da fand

er die Behandlung ungerecht. Ja, von diesem Gesichtspunkt war sie auch

ungerecht; das heißt, beim Vergleich, aber für sich allein war sie

gerecht. Das Stück wurde nicht besser, weil der Kritiker schlechter

wurde.

Johan wurde scheu und wild. Dazu kam, daß sich die Landsmannschaft in

einer Bierzeitung über ihn und sein Stück lustig gemacht hatte. Er

glaubte überall Hohn und Grinsen zu lesen und suchte auf seinen Wegen

Hinterstraßen auf.

Dann aber kam noch ein Schlag, der noch härter war. Ein Freund hatte

im eignen Verlag eins seiner ersten Stücke, den „Freidenker‟, drucken

lassen. Und während einer Abendstunde bei Rejd kommt ein Bekannter mit

der verhaßten Abendzeitung hinauf. Darin stand ein höhnischer Artikel

über das gedruckte Stück; es wurde verspottet und verrissen. Johan ward

gezwungen, den Artikel in Gegenwart der Kameraden zu lesen. Er mußte,

gegen seinen Willen, zugeben, daß der Kritiker nicht ganz unrecht habe;

aber es erregte ihn furchtbar.

Warum ist es so schwer, die Wahrheit von andern zu hören, während

man doch so streng gegen sich selbst sein kann? Wahrscheinlich weil

die gesellschaftliche Maskerade jeden davor bange macht, demaskiert

zu werden; wahrscheinlich auch, weil damit Verantwortung und

Unannehmlichkeiten verknüpft sind. Man fühlt sich überlistet, geprellt.

Der da in Ruhe dasitzt und entlarvt, würde sich ebenso durchgepeitscht

und bloßgestellt fühlen, wenn seine Geheimnisse verraten würden. Das

Zusammenleben ist ein falsches Spiel, aber wer will entdeckt werden!

In einsamen Stunden, wenn die Vergangenheit unbestechlich vor einem

auftaucht, bereut man nicht seine Fehler, sondern seine Dummheiten und

notgedrungenen Grausamkeiten. Die Fehler mußten vorhanden sein, die

Notwendigkeit rief sie hervor, sie brachten Nutzen; aber die Dummheiten

schadeten nur, die hätte man nicht machen sollen.

Damit zollt der Mensch der Intelligenz eine größere Ehre als der Moral,

weil die erste eine Wirklichkeit ist, die letzte ein Gedicht. Darum ist

auch das moralische Streben unserer Zeit eine Bewegung der Oberklasse,

mit der man die vorwärtsstürmenden Massen aufhalten will.

Johan empfand dieselben Schmerzen, die nach seiner Meinung ein

Verbrecher fühlt. Er wurde angetrieben, so schnell wie möglich

den Eindruck seiner Dummheit zu verwischen. Aber er fühlte auch,

etwas Unrecht war ihm geschehen, da man ihn ganz und gar als Talent

verurteilt hatte, während sein Erzeugnis ein Jahr alt, er selbst also

ein Jahr reifer war. Aber das war nicht die Schuld des Kritikers. Es

bestand ein Mißverhältnis zwischen dem Urteil und dem Corpus delicti.

Johan warf sich jetzt auf ein Trauerspiel, das unter dem Titel

„Der Opferdiener‟ in künstlerischer Form das Christentum behandeln

und dasselbe Problem und dieselben Konflikte lösen sollte. Unter

künstlerischer Form verstand man damals, daß die Handlung in einer

vergangenen Zeit spielte, damit die bloße stoffliche Wirkung vermieden

würde. Von Öhlenschläger und den isländischen Sagen, die er jetzt in

der Ursprache gelesen hatte, beeinflußt, schrieb er.

Sein Gewissen aber machte ihm sehr zu schaffen, denn sein Vater hatte

ihm das Versprechen abgenommen, daß er nicht schreiben würde, bis

er sein Examen gemacht. Es war also ein Betrug, Vaters Unterhalt zu

genießen und dessen Bedingungen nicht zu erfüllen. Aber er betäubte die

Bedenken, indem er sich sagte: Vater wird schon zufrieden sein, wenn

sich ein großes und schnelles Ergebnis zeigt. Und damit hatte er nicht

so unrecht.

Aber andere, neue Elemente kommen jetzt in sein Leben und wirken

entscheidend auf seine Gemütsverfassung wie auf seine Arbeit. Es waren

zwei Bekanntschaften: ein Schriftsteller und eine Persönlichkeit.

Leider waren beide Ausnahmeerscheinungen, störten deshalb seine

Entwicklung nur.

* * * * *

Der Schriftsteller war Sören Aaby +Kierkegaard+. Dessen „Entweder --

oder‟ hatte Johan von einem Bundesbruder erhalten und las es mit Furcht

und Beben. Die Kameraden hatten es auch gelesen und genial gefunden,

hatten den Stil bewundert, sich aber nicht weiter davon beeinflußt

gefühlt; ein Beweis, daß Bücher schwerlich wirken, wenn sie nicht

Leser finden, die mit dem Autor verwandt sind. Auf Johan machte es

den beabsichtigten Eindruck. Er las „Des Ästhetikers A. ersten Teil‟.

War zuweilen hingerissen, fühlte aber stets ein Unbehagen, wie vorm

Bett eines Kranken. Als er den ersten Teil hinter sich hatte, war er

wirklich leer und verzweifelt, am meisten aber erschüttert.

Das „Tagebuch des Verführers‟ hielt er für die Phantasien eines

Impotenten oder geborenen Onanisten, der nie ein Mädchen verlockt

hatte. So ging es im Leben nicht zu. Und übrigens war Johan kein

Genußmensch, war im Gegenteil zu Askese und Selbstquälerei gekommen;

auch war eine solche egoistische Genußsucht wie die A.s unsinnig,

weil das Leiden, das er, ohne es zu wollen, durch die Befriedigung

seiner Lüste zufügte, ihm selbst Leiden bringen, also seinem Zweck

entgegenwirken mußte.

Tiefer drang die „Predigt des Ethikers vom Leben als Pflicht, als

Aufgabe‟. Daraus ersah Johan, daß er ein Ästhetiker gewesen, der

das Dichten als Genuß aufgefaßt hatte. Als Beruf sollte es genommen

werden. Warum? Da versagte der Beweis; und Johan, der nicht wußte,

daß Kierkegaard Christ war, sondern das Gegenteil glaubte, denn er

kannte seine „Erbaulichen Reden‟ nicht, nahm, ohne es zu merken,

die christliche Sittenlehre mit ihrer Opferschuldigkeit und ihrem

Pflichtgefühl in sich auf. Damit war der Begriff Sünde wieder da.

Genießen war Sünde, seine Pflicht tun war Pflicht. Warum? Der

Gesellschaft wegen, der man zu Dank verpflichtet war? Nein, weil es

Pflicht war! Das war Kants kategorischer Imperativ ganz einfach.

Als er dann am Ende von „Entweder -- oder‟ kam und fand, daß auch der

Ethiker, der Sittliche, verzweifelt war; daß die ganze Pflichtlehre

nur einen Philister geschaffen, da riß er mitten durch. Nein, dann

lieber Ästhetiker! Aber man kann nicht Ästhetiker sein, wenn man fünf

Sechstel seines Lebens Christ gewesen ist, und man kann nicht Ethiker

sein ohne Christus. So wurde er wie ein Ball zwischen beiden hin- und

hergeworfen, und das Ende war sehr richtig die Verzweiflung.

Hätte er nun die „Erbaulichen Reden‟ gelesen, würde er vielleicht dem

Christentum einen Schritt näher gekommen sein; vielleicht, denn das

zu entscheiden, ist jetzt (1886) schwer; aber Christus zurücknehmen,

das hieß einen ausgerissenen Zahn wieder einsetzen, den man mit

dem Zahnweh freudig aufs Feuer geworfen hatte. Es wäre auch möglich

gewesen, daß er das ganze Buch als eine Jesuitenschrift in die Ecke

geschleudert hätte, also gerettet worden wäre, wenn er gewußt hätte,

daß „Entweder -- oder‟ einen nur zum Kreuz hinpeitschen sollte. So aber

entstand nur eine schreiende Disharmonie. Die „Wahl‟ und der „Sprung‟

sollten ausgeführt werden! Aber wie und wohin? Zwischen ästhetisch und

ethisch. Es ging hin und her. In den Weltenraum hinaus zum Paradoxon

oder Christus konnte er den Sprung nicht tun; das wäre die Vernichtung

oder der Wahnsinn gewesen. Aber Kierkegaard predigte den Wahnwitz. War

es die Verzweiflung des Überbewußten, daß er immer bewußt ist? War es

die Sehnsucht des Durchschauenden nach der Bewußtlosigkeit des Rausches?

Johan hatte wohl den Kampf zwischen seinem Willen und fremdem Willen

kennen gelernt. Er hatte dem Vater Kummer gemacht, als er dessen Pläne

kreuzte; aber das war gegenseitig; das ganze Leben bestand aus einem

Gewebe von einander kreuzenden Willen. Des einen Tod, des andern Brot;

nichts Gutes dem einen, ohne etwas Böses dem Übergangenen. Genuß und

Leiden, in ewigem Wechsel und Kampf. Seine Sinnlichkeit oder Genußsucht

hatten andere nicht gekränkt, andern nicht Kummer verursacht. Er

besuchte allgemeine Mädchen, die nichts Höheres wünschten, als sich

verkaufen zu können; er hatte niemals eine Unschuld verführt; war

niemals gegangen, ohne zu bezahlen. Er war moralisch aus Gewohnheit

oder Instinkt, aus Furcht vor den Folgen, aus Geschmack; aus Erziehung;

aber gerade daß er sich nicht unmoralisch fühlte, war ein Mangel, eine

Sünde. Nach der Lektüre „Entweder -- oder‟ fühlte er sich sündig.

Der kategorische Imperativ schlich sich an ihn heran unter einem

lateinischen Namen und ohne ein Kreuz auf dem Rücken, und er ließ sich

anführen. Er sah nicht, daß es zweitausend Jahre Christentum waren, die

sich verkleidet hatten.

Kierkegaard würde nicht so tief gegraben haben, wenn nicht eine Menge

Umstände gerade damals mitgewirkt hätten. Kierkegaard predigte in

den Briefen des Ästhetikers das Leiden als Genuß. Johan litt unter

dem öffentlichen Hohn; er litt unter den Schmerzen, die seine schwere

Arbeit hervorrief; er litt unter nicht erwiderter Liebe; er litt unter

unbefriedigtem Geschlechtstrieb, weil es in Upsala schwer war, Mädchen

zu bekommen; er litt unter dem Trinken, denn er war fast jeden zweiten

Abend berauscht; er litt in seiner künstlerischen Tätigkeit unter

Seelenkämpfen und Zweifeln; er litt unter Upsala und der häßlichen

Landschaft; er litt unter der ungemütlichen Wohnung; er litt unter

den Prüfungsbüchern; er litt unter dem bösen Gewissen, daß er nicht

studierte, sondern schrieb.

Aber all dem lag auch etwas anderes zugrunde. Er war in strenger

Arbeit und Pflichterfüllung erzogen. Jetzt lebte er gut, sorglos,

genoß eigentlich. Das Studieren war ein Genuß; das Dichten, trotzdem

es schmerzte, war ein unerhörter Genuß; das Kameradenleben war lauter

Fest und Lustbarkeit. Sein Unterklassenbewußtsein erwachte und sagte

ihm, es sei nicht recht, zu genießen, während andere arbeiteten; und

seine Arbeit war ein Genuß, denn sie brachte ihm große Ehre ein und

vielleicht auch Gold. Daher sein beständiges böses Gewissen, das

ihn ohne Ursache verfolgte. Fühlte er jetzt bereits Zeichen dieses

erwachenden Bewußtseins von unerhörter Schuld gegen die Unterklasse,

die Sklaven, die arbeiteten, während er genoß? Erwachte jetzt bei ihm

dunkel dieses Rechtsgefühl, das heute (1886) viele von der Oberklasse

so ergriffen hat, daß sie nicht ganz ehrlich erworbene Kapitalien

zurückgeben; Arbeit und Zeit der Befreiung der Unterklasse opfern; aus

Trieb, aus Gefühl, gegen ihr eigenes Interesse arbeiten, um recht zu

tun? Vielleicht!

Kierkegaard war aber nicht der Mann, die Disharmonie zu lösen. Erst

den Philosophen der Entwicklungslehre blieb es vorbehalten, zwischen

Sinnlichkeit und Vernunft, zwischen Genuß und Pflicht Frieden zu

stiften. Die sollten das hinterlistige _Entweder -- oder_ streichen und

das _Sowohl -- als auch_ verkünden, dem Fleisch das Seine und dem Geist

das Seine geben.

Kierkegaards wirkliche Bedeutung wurde Johan erst viele Jahre später

klar, als er in ihm ganz einfach den Pietisten, den Ultrachristen

sah, der zweitausend Jahre morgenländische Ideale in einer modernen

Gesellschaft verwirklichen wollte. Aber Kierkegaard hatte recht in

einem Fall. +Sollte+ es Christentum sein, dann auch ordentlich; das

„Entweder -- oder‟ galt jedoch hier nur für die Priester der Kirche,

die sich Christen nennen.

Weiter sah Kierkegaard nicht; und von ihm, der sein Buch 1843 schrieb

und zum Geistlichen erzogen war, konnte man nicht verlangen, daß er

schrieb: entweder ein solches Christentum oder keins. In diesem Fall

hätte man wahrscheinlich keins gewählt. Jetzt setzte er sich dafür

ein: ob du nun ästhetisch oder ethisch bist, du mußt dich doch dem

Wahnwitz Christus in die Arme werfen. Das Falsche war, ethisch und

ästhetisch einander gegenüber zu stellen, denn sie passen recht gut

zusammen. Aber Johan brachte sie niemals zusammen, bis er nach endlosem

Kampfe im Alter von 37 Jahren ein Kompromiß versuchte, als er fand, daß

Arbeit und Pflicht auch ein Genuß sind; und das Vergnügen selbst, gut

angewandt, eine Pflicht.

Der Sohn einer Magd · 第 26 / 29 段