Schließlich einer, der aus allem das Beste auswählte und improvisierte.

Es war ein Kind Israels; seine Fähigkeit, auf eine Aufforderung hin zu

improvisieren, war unglaublich; und zwar konnte er es in jeder Tonart.

Zwei Minuten nach der Aufforderung stand er auf und sprach aus dem

Stegreif wie Anakreon, wie Bellman, wie Horaz, wie die Edda; was es

auch sein mochte, auch in fremden Sprachen.

Die erste Zusammenkunft war bei Thurs, dem Improvisator, der am

geräumigsten wohnte, zwei Zimmer und die besten Pfeifen hatte. Als

einer der Stifter verlas Johan zuerst von allen seine Antrittsrede,

die nach den Satzungen in Versen sein mußte. Sie begann mit Brages

Harfe, die verstummt sei, und fragte nach dem Barden. Das war das

Neunordische, das man jetzt wieder ausgraben zu müssen glaubte. Mit

den Worten „das kleinliche Streben der Zeit‟ wurde das ganze Programm

der Idealisten bezeichnet. Die große Arbeit der Zeitgenossen für die

Wirklichkeit, für Verbesserung der Lebensbedingungen sei kleinlich. Der

Geist war in der Materie gefangen; darum sollte die Materie der Feind

sein: das waren die Lehren der Romantik.

Dann geht der Dichter hinaus in die Natur, hört die Glocken der

Domkirche, den Wind und die Vögel singen, um dann die sehr berechtigte

Frage zu tun: Die Natur singt, warum sollte ich denn schweigen? Er

beschließt, nicht länger zu schweigen, sondern loszusingen: vom

Frühling des Lebens, dem fröhlichen und jungen; vom Herbst des

Lebens, von der Liebe zur Heimaterde. Da kommt der weise Mann mit dem

erfrorenen Herzen, nimmt sein Lied, zerpflückt es und nennt es Unsinn.

Da verstummt der Gesang vor der Überklugheit des Tages.

Jetzt (1886) bestimmt zu sagen, was Johan damals (1870) mit

Oberklugheit meinte, ist nicht leicht; aber das waren wohl ganz einfach

Vorahnungen künftiger Kritiken; und der weise Mann war wohl niemand

anders als der Kritiker.

Dann legt er los gegen die elenden Krämerseelen, die das goldene Kalb

anbeten, aber keine Lieder lieben. Ein Zusammenhang mit dem Trachten

der Zeit war hier nicht zu finden, denn in den sechziger Jahren

herrschte infolge schlechter Ernten großer Mangel an Geld. Schwindel

und Unwesen der Aktiengesellschaften begann erst mit den siebziger

Jahren. Es war das Programm des Dichters damals, auf das goldene Kalb

loszuhacken; darum schlüpfte dieses Stichwort in die Verse hinein.

Die Rede schließt wie üblich mit Tegnérs Epilog bei der

Doktorpromotion, wenn auch die Todesgedanken des Einundzwanzigjährigen

etwas unbegründet sind:

Ist einst in ferner Zeit das Jugendfeuer

im Aug erloschen -- schlägt der Puls nur schwach,

der Sänger nur ein Schatten noch, ein scheuer --

wenn wir dann hören einen Frühlingstag

die neue Jugend ihre Lieder singen,

hier oben in dem alten Odinshain,

sie sollen in Erinnerung uns bringen

den frischen frohen jungen „Lied‟-Verein.

Die beiden letzten Reihen enthielten kein Versprechen, hatten überhaupt

keinen Sinn. Ein Programm wurde nicht gegeben. Daß das Lied im Norden

verstummt sei, schwebte dem Jüngling vor; wie aber der neue Ton

lauten sollte, gab er nicht an. Daß er oder die Verbindung neue Lieder

beginnen werde, ließ er nicht durchblicken. Eine dunkle Ahnung ist in

dem Gedicht, daß sie Epigonen seien. Es spricht nämlich die Besorgnis

aus, die Nachwelt werde ihnen keinen Marmor errichten, sie würden

verschwinden im Grab des Vergessens. Das Ganze ist eine Mischung von

Bescheidenheit und Unverschämtheit, die für den Mann bezeichnend ist.

Ein poetisches Faulenzerleben begann. Jeden Abend kam man zusammen,

entweder in der Kneipe oder bei einem Bundesbruder. Aber für einen

künftigen Schriftsteller war die Zeit nicht verloren. Johan konnte

aus der reichen Bibliothek der Kameraden schöpfen; durch den

Meinungsaustausch gewöhnte er sich daran, die Literatur von vielen

Gesichtspunkten zu sehen. Doch das Leben, die allgemeinen Interessen,

die Politik des Tages, die existierten noch nicht; man lebte in Träumen.

Zuweilen erwachte sein Unterklassenbewußtsein und er fragte sich, was

er unter den reichen Jünglingen zu schaffen habe. Doch er beruhigte

sein Gewissen durch Rausch und Gespräche; er redete sich Mut ein,

weiter zu gehen, etwas vom Leben zu verlangen. Denn er hatte, nach der

Ansicht der Kameraden, einen guten Einsatz.

Seine Kammer war schlecht; es regnete durchs Dach, ein Bett war nicht

vorhanden: nur eine Pritsche, die am Tage Sofa war. Wenn ihm die Zeit

lang wurde und die poetischen Gespräche ihn ekelten, suchte er seinen

alten Kameraden, den Naturforscher, auf. Da konnte er durchs Mikroskop

sehen, hörte von Darwin und der neuen Weltanschauung sprechen. Dort

fand er Rat, praktischen, wohlwollenden; und dieser Freund war es, der

ihn ermahnte, für das Königliche Theater einen Einakter in Versen zu

schreiben.

-- Nein, in einem Akt habe ich keinen Spielraum; dann lieber ein

Trauerspiel in fünf.

-- Aber das ist schwerer zur Annahme zu bringen.

Schließlich ließ er mit sich sprechen und beschloß, eine kleine Idee

auszuführen, die von Thorwaldsens erstem Besuch in Rom handelte. Sein

Freund lieh ihm Bücher über Italien, und er begann zu arbeiten.

In vierzehn Tagen war das Stück fertig.

-- Das wird gespielt werden, sagte der Freund. Das sind Rollen, siehst

du!

Da es bis zur nächsten Zusammenkunft der Verbindung noch weit war,

eilte Johan am Abend zu Thurs und Rejd hinauf und las ihnen das Stück

vor. Sie waren beide der Meinung des Naturforschers: das Stück werde

gespielt.

Und sie schmausten und tranken Champagner; hielten Reden und tranken

bis zum Morgen; bis sie auf Rejds Fußboden einschliefen, die

Punschgläser neben sich. Sie erwachten in einigen Stunden, leerten bei

Sonnenaufgang die halbvollen Gläser und gingen hinaus, um weiter zu

feiern.

Die Teilnahme der beiden war herzlich, uninteressiert, warm, ohne eine

Spur von Neid. Immer erinnerte sich Johan gern an diesen seinen ersten

Erfolg: es war eine seiner besten Jugenderinnerungen.

Der schwärmerische ergebene Rejd vermehrte die Dankbarkeitschuld, indem

er mit seiner zierlichen Handschrift das Stück ins Reine schrieb. Dann

wurde das Erzeugnis an die Direktion des Königlichen Theaters gesandt.

* * * * *

Der Frühling kam und den Mai verlebte man in einem einzigen Rausch.

Die Verbindung hatte eine Klause im „Kleinen Verderben‟ für ihre

Abendschmäuse ausersehen. Dort wurde gesprochen, Reden gehalten,

unmäßig getrunken.

Schließlich mußte man sich trennen, da die Ferien begannen; verabredete

aber, sich noch einmal in Stockholm zu treffen, um durch einen Ausflug

ins Grüne den Feiertag der Verbindung zu begehen.

An einem Junimorgen um sechs Uhr versammelten sich die vier Stammbrüder

der Verbindung im Hafen von Stockholm, wo ein Ruderboot gemietet war.

Die Bundeslade, ein großer Karton, in dem die Akten verwahrt wurden,

verstaute man neben Mundvorrat und Flaschenkörben. Nachdem Os und

Rejd die Ruder genommen, steuerte man auf den Kanal zu, der durch

den Tiergarten führt, um den Bestimmungsort, eine Landzunge auf der

Lidinginsel, zu erreichen.

Thurs blies Bellmansche Melodien auf einer Flöte und Frö (Johan)

begleitete ihn auf einer Gitarre, die er in Upsala spielen gelernt

hatte.

Sobald man gelandet, wurde auf einer Wiese am Strande das Frühstück

gedeckt. Mitten auf das Tischtuch wurde die Bundeslade gestellt, mit

Grün und Blumen bekleidet; auf die stellte man die Branntweinflasche

nebst Gläsern. Johan, der für sein in Griechenland spielendes

Trauerspiel griechische Altertümer studiert hat, ordnet die Mahlzeit

auf griechische Art: die Gäste essen liegend und bekränzt. Darauf macht

man zwischen einigen Steinen ein Feuer und kocht Kaffee. Um neun Uhr

morgens wird Kognak und Punsch getrunken.

Johan liest sein religiöses Drama „Der Freidenker‟ vor. Nach der

Vorlesung wird es kritisiert. Dann läßt man der Beredsamkeit freien

Lauf. Thurs ist der größte Sprecher; er macht Gefühlen und Gedanken

in gebundener Form Luft. Gedichte werden vorgelesen und mit Beifall

aufgenommen.

Man musiziert. Johan singt zur Gitarre, bald romantische Volkslieder

mit weinerlichem Vortrag, bald unanständige Weisen.

Als der Mittag kommt, sind die Geister noch heiß, aber etwas schläfrig.

Am Nachmittage, als die Sonne im Westen steht, hält man einen kurzen

Schlummer. Dann wird der Rausch wieder aufgefrischt und geht in einen

neuen Abschnitt über. Thurs, das Kind Israels, hat ein Gedicht über

die Größe des Nordens vorgetragen und die alten Götter Skandinaviens

angerufen. Ur, der Patriot, versagt ihm das Recht, sich andere

Götter anzueignen. Man fängt Feuer bei der Judenfrage, Streit droht

auszubrechen, es endet jedoch mit Umarmungen.

Jetzt beginnt das sentimentale Stadium. Man muß weinen, denn

der Alkohol hat diese Wirkung auf Magenhaut und die Nerven der

Tränendrüsen. Ur fühlt das Bedürfnis zuerst, und unbewußt sucht er

etwas Trauriges auf. Er bricht in Tränen aus. Man fragt warum. Er weiß

es zuerst nicht, schließlich aber findet er, daß man ihn als Bruder

Lustig behandelt habe. Er beteuert, daß er eine sehr ernste Natur sei;

daß er großen Kummer habe, den niemand kennt. Jetzt aber erleichtert

er sein Herz und spricht von einer Familiengeschichte. Nachdem er sich

erleichtert hat, wird er wieder froh.

Aber der Abend ist lang, und man sehnt sich nach Haus. Die Gehirne

sind leer; man ist einander müde, hat Spiel und Rausch satt. Man wird

tiefsinnig und untersucht die Philosophie des Rausches. Woher haben

die Menschen diese Sucht, sich wahnsinnig zu machen? Und was liegt

dahinter? Ist es des südländischen Auswanderers Sehnsucht nach einem

verlorenen sonnigen Dasein? Ein Bedürfnis muß dem Rausch zugrunde

liegen, denn eine Unart könnte nicht, ohne einen Sinn zu besitzen, die

ganze Menschheit ergriffen haben. Ist es der Gesellschaftsmensch, der

im Rausch alle gesellschaftliche Lüge abwirft, denn Verkehr und Staat

verlangen unwillkürlich, daß man seine Gedanken nicht ausspricht? Warum

liegt sonst die Wahrheit im Wein? Warum verehrten die Griechen Bacchus

als einen, der Menschen und Sitten veredelt? Warum liebte Dionysos

Frieden und warum sollte er Reichtümer verbreiten? Hat der Wein, der

hauptsächlich vom männlichen Geschlecht genossen wird, Einfluß auf

die Entwicklung der Intelligenz und Tatkraft des Mannes gehabt, so

daß er dem Weib überlegen wurde? Und warum blieb Mohammeds Volk, das

nicht Wein trinkt, auf einer Kulturstufe stehen, die für niedriger

gehalten wird? Als das Salz der tägliche Nahrungsstoff bei Ackerbauer

und Hirt wurde, um die Salze zu ersetzen, welche die früheren Jäger

im Blut des Wildes erhielten, konnte da nicht der Wein ein Ersatz

gewesen sein für verlorene Nahrungsstoffe? Und für welche? Ein Gedanke

oder ein Bedürfnis muß einem so seltsamen Brauch zugrunde liegen.

Oder sollte das Bedürfnis, das Bewußtsein zu verlieren, dem Satz der

pessimistischen Schule recht geben, daß das Bewußte der Anfang des

Leidens ist? Man wird ja naiv, unbewußt wie ein Kind; man wird ja ein

Tier vom Wein! Ist es die verlorene Seligkeit, die man wiedergewinnen

will? Aber die Reue, die hinterher kommt? Reue und Magensäure haben

dieselben Symptome. Ist es etwa eine Verwechslung: wird als Reue

empfunden, was nur Magenkrampf ist? Oder bereut der wieder zum

Bewußtsein erwachte Trinker, daß er sich am Tage vorher entblößt, seine

Geheimnisse verraten hat? Da ist doch etwas zu bereuen! Er schämt sich,

daß er sich hat überrumpeln lassen; empfindet Furcht, weil er sich

entblößt, die Waffen fortgegeben hat. Reue und Furcht liegen ja nahe

beieinander.

* * * * *

Noch einmal ertränkten die Bundesbrüder das Bewußtsein. Dann setzte man

sich ins Boot, um nach Hause zu fahren. Jetzt aber gerieten Johan und

Thurs in einen Streit über Bellman, der bis zum Hafen von Stockholm

dauerte und mit scharfen Wahrheiten schloß.

* * * * *

Einen alten Groll hatte Johan auf Bellman. Als er einst in seiner

Schulzeit einen ganzen Sommer krank lag, hatte er aus Vaters

Bücherschrank zufällig „Fredmans Episteln‟ von Bellman geholt. Er fand

das Buch verrückt, aber er war zu jung, um ein begründetes Urteil zu

haben. Später kam es zuweilen vor, daß der Vater sich ans Klavier

setzte und Bellmansche Lieder summte. Unbegreiflich, dachte der Knabe,

daß Vater und Oheim das so köstlich finden können. Eine Weihnacht brach

ein sehr heftiger Streit zwischen seiner Mutter und seinem Oheim über

Bellman aus. Der Bruder seiner Mutter stellte ihn über alles, über

Bibel, über Predigten. Es sei Tiefe in Bellman. Tiefe! Wahrscheinlich

war Atterboms romantische Parteikritik durch die Zeitungen zur

Mittelklasse durchgesickert. Als Gymnasiast und Student hatte Johan die

Idyllen gesungen, natürlich ohne die Worte zu begreifen oder überhaupt

an sie zu denken. Er sang eben mit im Quartett oder Chor, denn es klang

lustig. Schließlich hatte er Ljunggrens 1867 verfaßte Vorlesungen in

die Hand bekommen, und ein Licht ging ihm auf, aber nicht das, was

Ljunggren angesteckt. Das ist Wahnsinn, dachte er. Bellman ist ein

Liedersänger, ja meinetwegen; aber ein großer Dichter, der größte

Dichter, den der Norden besitzt? Unmöglich!

Bellman hat seine nach französischem Muster zugeschnittenen Lieder vor

Hof und Freunden gesungen, aber nicht fürs Volk; das hätte Amaryllis,

Tritone, Fröja und die ganze Sippschaft des Rokoko nicht begriffen. Er

starb und wurde vergessen. Warum wurde er von Atterbom ausgegraben?

Weil die kämpfende Partei, die romantische Schule, eine Verkörperung

des Regellosen, das sie den Akademikern gegenüber rühmen wollte,

brauchte, da sie sich doch nicht selber rühmen konnte. Dann kam die

Schule zur Macht. Wenn man weiß, wie feige die Menschen gegen den Druck

einer Ansicht sind; wenn man weiß, wie die Mittelklasse nachäfft und

die Autorität verehrt, so wundert man sich nicht mehr, daß Bellman

so erhoben wurde. Ljunggren und Eichhorn kamen dann als Forscher und

mußten noch mehr Schönheit und Geist als Atterbom finden. Dann übernahm

die Geistlichkeit den Kultus, und damit war der Gott fertig. Ja,

Byström hatte bereits den kleinen Lotteriesekretär und Hofpoeten zu

Dionysos gemacht und ihm die Züge des antiken Bacchuskopfes gegeben.

Johans Opposition richtete sich vor allem gegen den Gott. Dann fand er,

als Idealist, Bellmans Humor widrig und unwahr. Kein Trunkenbold, und

wenn er noch so groß ist, liegt im Rinnstein und denkt an den Beischlaf

seiner Mutter, durch den er zur Welt gekommen ist. Keine Lustpartie

macht an einem Sonntagvormittag einen Ausflug, um beim Glockengeläut,

im Sonnenschein, den Beischlaf auszuüben. Das ist keine Lebensfreude,

denn die gehört der Jugend, und es handelt sich hier um impotente

Greise. Darum ist Bellman der Dichter für Grogonkels und der Stammvater

des garstigen alten Junggesellen Konjander.

Die Idyllen sind nachlässig, aus dem Ärmel geschüttelt, haben Notreime;

hängen so wenig zusammen wie die Gedanken in einem berauschten

Gehirn. Man weiß nicht, ist es Nacht oder Tag; der Donner rollt bei

Sonnenschein; die Wellen schlagen, wenn das Boot in Windstille liegt.

Das ist Text für Musik, und als solchen kann man sogar das Adreßbuch

benutzen. Einerlei, was es ist, wenn es nur klingt.

Wie gewöhnlich, nahm Thurs es persönlich. Es war ein Angriff auf seinen

guten Geschmack und auf seine Sitten. Johan behauptete nämlich, er

heuchle diese Bewunderung nur, er habe sie sich angelesen, sie sei

nicht echt. Thurs erklärte Johan für übermütig, weil er den größten

Dichter meistern wolle.

-- Beweise, daß er der größte ist!

-- Tegnér, Atterbom haben es gesagt....

-- Das ist kein Beweis!

-- Natürlich, Widerspruchsgeist!

-- Der Zweifel ist der Gewißheit Anfang, und Sinnlosigkeiten müssen bei

einem gesunden Gehirn Widerspruch erregen.

Und so weiter!

Während es kein allgemeines oder allgemein gültiges Urteil gibt,

da ja jedes Urteil persönlich ist, so gibt es dagegen Urteile der

Mehrheit und der Partei. Johan wurde mit diesen geduckt und schwieg

seitdem über Bellman mehrere Jahre lang. Als später der alte Fryxell

nachwies, daß Bellman kein Apostel der Nüchternheit gewesen, zu dem

ihn Eichhorn und Ljunggren gemacht hatten; auch kein Gott, sondern

ein mäßiger Liedersänger, da sah Johan einen Funken von Hoffnung, daß

sein persönliches Urteil auch einst das Urteil der Mehrheit werden

könne. Da sah er die Frage aber schon von einem andern Gesichtspunkt:

Schweden würde weder unglücklicher noch schlechter sein, wenn Bellman

niemals gelebt hätte. Da hätte er den Patrioten und Demokraten sagen

mögen: Bellman war ein Stockholmer Dichter, ein royalistischer Hofpoet,

der mit den kleinen Leuten recht grausam scherzte. Da hätte er den

Goodtemplern, die Bellman singen, sagen mögen: Ihr singt Trinklieder,

die beim Trinken geschrieben sind und das Trinken besingen.

Persönlich blieb er dabei, daß Bellman angenehm zu singen ist wegen

der leichten französischen Melodien; und von der vorurteilsfreien

französischen Moral war er durchaus nicht verletzt, im Gegenteil. Jetzt

aber mit einundzwanzig Jahren wurde er verletzt, denn er war Idealist

und verlangte Reinheit in der Poesie, ganz wie die überlebenden

Idealisten und Verehrer Bellmans von heute (1886).

Diese haben sich und ihre Moral unter das Wort Humor gerettet. Was aber

meinen sie mit Humor? Ist es Scherz oder Ernst? Was ist denn Scherz?

Des Feigen Scheu, seine Meinung zu sagen? Im Humor findet sich die

Doppelnatur des Menschen wieder: des Naturwesens Gleichgültigkeit gegen

hergebrachte Moral und des Christen Seufzen über das Unmoralische,

das doch so lockend, so verführerisch ist. Der Humor spricht mit zwei

Zungen: des Satyrn und des Mönches. Der Humorist läßt die Mänade los,

glaubt sie aber aus alten schlechten Gründen mit Ruten peitschen zu

müssen. Es ist eine Übergangsform, die im Sterben liegt und in den

unteren Stadien ihr letztes Leben lebt. Die großen modernen Geister

haben die Rute fortgefegt und heucheln nicht länger, sondern sprechen

gerade heraus. Die alte Säufersentimentalität kann nicht mehr für gutes

Herz gelten, da man entdeckt hat, daß es nur schlechte Nerven sind.

Nachdem man sich müde gestritten hatte, stieg die Verbindung an

Land. Es war jetzt helle Sommernacht. Mit Eßkörben und Gitarre, die

Bundeslade an der Spitze, zogen sie, als wahre Idealisten, zu Mädchen.

Bei Sonnenaufgang saß die Verbindung am offenen Fenster in der

Apfelbergstraße. Man tischte aus den Eßkörben auf, Gitarre und Flöte

erklangen wieder, die Lieder des Horaz an Lydien und Chloen wurden

rezitiert, und in weichen Betten wurden der Aphrodite Pandemos die

Feuer der Liebe entzündet.

19.

+In den Büchern und auf der Bühne.+

(1870)

Die Geschichte der Entwicklung einer Seele kann man zum Teil schreiben,

indem man eine einfache Bibliographie gibt; ein Mensch, der in kleinen

Kreisen lebt und niemals die Besten persönlich trifft, sucht ihre

Bekanntschaft durch die Bücher zu machen. Daß dieselben Bücher doch

nicht denselben Eindruck und dieselbe Wirkung auf alle üben, zeigt ihre

relative Unfähigkeit, jemanden zu bekehren. Die Kritik zum Beispiel,

die mit unserer Ansicht übereinstimmt, nennen wir gut; die unserer

Ansicht widerspricht, ist eine schlechte Kritik. Wir scheinen also mit

vorgefaßten Ansichten zum mindesten erzogen zu sein, und das Buch, das

diese stärkt, klärt, entwickelt, macht auf uns Eindruck. Die Gefahr

einer einseitigen Bildung durch Bücher ist die, daß die meisten Bücher,

besonders gegen das Ende einer Kulturperiode und vor allem an der

Universität, veraltet sind. Der Jüngling, der von Eltern und Lehrern

alte Ideale erhalten hat, wird also, ehe er fertig ist, notwendig

veraltet sein; beim Eintritt ins Mannesalter muß er gewöhnlich sein

ganzes Lager von alten Idealen fortwerfen und sich gleichsam aufs neue

gebären. Die Zeit ist an ihm vorbeigegangen, während er in den alten

Büchern las, und er ist ein Fremder mitten in seiner Zeit.

Johan hatte seine Jugend hingebracht, um über die Vergangenheit klar zu

werden. Er kannte Marathon und Cannae, den spanischen Erbfolgekrieg und

den Dreißigjährigen Krieg, Mittelalter und Altertum; als aber jetzt im

Sommer der große Krieg zwischen Frankreich und Deutschland ausbrach,

wußte er nicht, um was es sich handelte. Er las darüber wie über ein

Theaterstück: interessierte sich für den Ausgang, um zu erfahren, wie

es gehen werde.

Während er im Sommer bei den Eltern wohnte, lag er draußen im Park

im Grase und las Öhlenschläger. Zur Doktorprüfung mußte er innerhalb

des Hauptfaches Ästhetik ein besonderes Gebiet wählen; er hatte sich,

von Dietrichsons Vorlesungen angelockt, für die dänische Literatur

entschieden. In Öhlenschläger hatte er die Höhe nordischer Poesie

gefunden; das war für ihn die Poesie der Poesie; das Unmittelbare, das

er bewunderte, vielleicht vor allem, weil es ihm fehlte. Etwas trug

dazu wohl auch die dänische Sprache bei, die ihm wie ein idealisiertes

Schwedisch vorkam und wie die Muttersprache von den Lippen eines aus

der Ferne angebeteten Weibes klang. Als er „Helge‟ gelesen, schätzte

er „Frithjofs Sage‟ gering, fand sie klotzig, nüchtern, pfaffenhaft,

unpoetisch.

Öhlenschläger war ein Buch, das durch den Gegensatz als Ergänzung

wirkte; vielleicht fand auch dessen Romantik ein Echo bei dem Jüngling,

der jetzt zur poetischen Tätigkeit erwacht war und glaubte, daß Poesie

und Romantik zusammenfallen. Auch trugen dazu bei: erstens seine

Neigung für das Nordische, das Öhlenschläger ja entdeckt hat; zweitens

seine jetzige unglückliche Liebe zu einem blonden blassen Mädchen, das

mit einem Leutnant verlobt war. Öhlenschläger machte darum auch nur

einen vorübergehenden Eindruck, der kaum ein Jahr dauerte; es war eine

leichte Frühlingsbrise, die vorbeistrich.

Schlimmer war es mit den ästhetischen Systemen, wie sie Ljunggren

dargestellt hatte. Zwei eng gedruckte Bände Berichte über die

Ansichten, die alle Philosophen über das Schöne gehabt haben; aber eine

annehmbare Definition ergab sich nicht.

Als Johan auf dem Nationalmuseum die Antike studierte, hatte er sich

gefragt, wie der häßliche „Schleifer‟ unter die schönen Künste gekommen

sei; wie die Kneipenszenen der holländischen Genremaler als Material

schön sein könnten, obwohl sie nicht verschönert waren und diese Szenen

in der Wirklichkeit schmutzig genannt wurden. Darauf antworteten die

Philosophen nicht. Sie machten Ausflüchte und stellten die eine Rubrik

nach der andern auf, ohne das Häßliche unter einem andern Vorwand

einverleiben zu können, als daß sie es als Kontrastwirkung und als

komisch hinstellten. Der Argwohn war jetzt aber erwacht, daß das Schöne

nicht immer schön sei.

Ferner plagten ihn Zweifel, ob objektive Geschmacksurteile möglich

seien. Er hatte in der eben begründeten „Schwedischen Zeitschrift‟

gelesen, wie man über Kunstwerke stritt; hatte gesehen, wie beide

Gegner gleich gut ihre entgegengesetzten Ansichten verteidigten.

Der eine suchte das Schöne in der Form, der zweite im Inhalt, der

dritte in der Harmonie zwischen beiden. Ein gut gemaltes Stilleben

kann also höher stehen als Niobe; denn diese Gruppe ist nicht schön

in den Linien; besonders der Faltenwurf der Hauptfigur ist höchst

geschmacklos, wenn auch das Urteil der Mehrheit das Werk für erhaben

hält. Das Erhabene braucht also nicht schön in der Form zu sein.

Die Frucht der Studien war, daß alle Urteile des Geschmacks sich als

subjektiv erwiesen, da sie von Subjekten gefällt werden; daß die

sogenannten objektiven Urteile nur subjektive sind, welche die Mehrheit

für sich gewonnen oder sich eingebürgert haben.

Der Sohn einer Magd · 第 25 / 29 段